Akademietheater: Der Kandidat

November 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schreien komischer Highspeed-Slapstick

Mit Hilfe der Presse zum Politiker: Florian Teichtmeister als Medienunternehmer Grübel und Gregor Bloéb als Herr Russek. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Ende ist die Wahl gewonnen. Anders als bei Gustave Flaubert und Carl Sternheim, dort im Furor (Gott zu Füßen) verreckend, hält „Der Kandidat“ hier aber seine Abschlussrede. Professionell gecoacht und vom Redakteur Bach mit Argumenten ausgestattet, verkündet er seine Zehn Gebote. Die da im Wesentlichen lauten: Abgrenzen, aufrüsten – und vor allem angstfrei sein. Ach ja, ein Aussetzen kommt auch dazu, und zwar der parlamentarischen Demokratie.

Wegen Belanglosigkeit zunächst für 100 Tage, danach Evaluierung. Gregor Bloéb ist in diesem Moment, als sein Leopold Russek dies politische Pamphlet vorträgt, schauspielerisch ganz in seinem Element, ein geschmeidiger Gewinner, ein mephistophelischer Verführer der Massen, so „echt“, dass es erschreckt und erschüttert. Jede Ähnlichkeit mit Personen, Parteien und deren Programmen ist natürlich … gar nicht so frei erfunden. Durch den Kopf geistert es einem, dass man derartiges Wortgewürfle bereits gehört, die Floskelsätze schon gelesen hat. Bemerkenswert. Flaubert schrieb seine Politposse 1873, Sternheim sie 1913/14 auf die wilhelminischen Gegebenheiten um; für die aktuelle Fassung zeichnet Dramaturg Florian Hirsch verantwortlich, eine ausgezeichnete Arbeit, die den Zeit-Ungeist vorführt, aber auch zeigt, die Verhältnisse, sie sind schon immer so.

Es ist kein Wunder, dass sich Regisseur Georg Schmiedleitner zur Inszenierung dieses Stoffs verlocken ließ. Er macht aus der bitterbösen Satire, die sowohl den Moloch Politik als auch die Entpolitisierung der Gesellschaft aufs Korn nimmt, Highspeed-Slapstick; er schont seine Schauspieler bei dieser sehr körperlichen Aufführung nicht, es wird gestolpert, gestrampelt, gestürzt, und wenn Sebastian Wendelin als Bach steif wie ein Brett fällt, fürchtet man durchaus ein wenig um dessen Gesundheit.

Die „Wahrheit“ macht eine Homestory bei Russeks: Sebastian Wendelin als Redakteur Bach, Florian Teichtmeister, Petra Morzé als Frau Russek, Christina Cervenka als Luise, Dietmar König als Fotograf Seidenschnur und Musiker Sam Vahdat. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Komödiantisches Kernstück – das TV-Duell der Spitzenkandidaten: Dietmar König, Valentin Postlmayr als Moderator und Gregor Bloéb. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Dass diese Übungen aufs Feinste gelingen, ist Verdienst der fabelhaften Spielfläche von Volker Hintermeier, diese ein von innen beleuchteter Kreis, ein Roulettetrichter, ein Glücksrad, eine ins Wanken geratene Weltscheibe, die sich unablässig dreht, dazu in Schräglage hebt und senkt, darüber, wahlweise auch dahinter, ein Spiegel, dank dessen Perspektiven gewisse Verrenkungen und Verschlingungen der Darsteller überhaupt erst wahrzunehmen sind – als würde man mittels eines allmächtigen Auges auf die sich abmühenden Figuren blicken.

So chic wie das Bühnenbild sind auch die Kostüme von Su Bühler, ein stilisiertes 19. Jahrhundert mit einigen Hinguckern, etwa Frau Russeks Schaumstoffnoppen-Tournüre, auch sie streng in stummfilmhaftem Schwarzweiß gehalten.

„Der Kandidat“ handelt vom sich selbst in den Ruhestand versetzt habenden und nun sich langweilenden Millionär Leopold Russek. Als er beschließt, ob Ende seines Ennuis in die Politik zu gehen, stehen sofort die Vertreter diverser Interessensgemeinschaften Schlange, um den Ahnungslosen auf ihre Seite zu ziehen: Funktionäre, Lobbyisten, Journalisten, Spin-Doctors und andere Opportunisten geben sich die Russek’sche Klinke in die Hand.

Doch der ganze politisch-mediale Komplex erweist sich alsbald als ein Kartenhaus aus Lügen und Manipulation. Gegenspieler stellen sich auf – bis Russek, um zu siegen, schließlich bereit ist, sich mit seinem Geld Verbündete zu züchten, und sogar die sexuelle Verfügbarkeit von Ehefrau und Tochter für seine Zwecke nutzt.

Hirschs Bearbeitung setzt auf Sprachwitz und Versprecher, Sätze fallen, wie der von der Sozialdemokratie, die den eigenen Kandidaten einmal mehr selbst massakriert habe, Begriffe wie Gutmenschenterrorismus oder Gendermanie. Ständig wird rechts mit links verwechselt, immer wieder sagt jemand „völkisch“ statt „volksnah“, Russek wird empfohlen „termingerecht zu emotionalisieren“, und der umbuhlte Neo-Politiker erweist sich in seiner Qual der Parteiwahl als erstaunlich elastisch. „Warum denn so einseitig?“, fragt er einmal. „Jede Partei hat doch ihr Gutes.“ Freilich ist derlei für Lacher gut, die Darsteller schießen diese Pointen im Schnellsprechtempo ab.

Mit großen Gesten konterkarieren sie gleich darauf das Gesagte, Outrieren ist ausdrücklich erwünscht, und mal wirkt einer wie Chaplins Tramp, mal liegt einer wie Kafkas Käfer auf dem Rücken. Sabine Haupt, als Anwältin Evelyn hier zum strippenziehenden, Parolen einflüsternden Politcoach avanciert, umtanzt den Kandidaten mit scharf gekickten Tangoschritten. Bernd Birkhahn darf als alter Graf, als Standessymbol ein Krickerl im Arm, vor Freude im Hüpfen in der Luft die Hacken zusammenschlagen.

Großartig sind das Bühnenbild von Volker Hintermeier und die Kostüme von Su Bühler: Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting brilliert Gregor Bloéb als selbstzufrieden-naiver Simpel Russek, der, durch die persönlichen Interessen der anderen angeheizt, zum korrupten Schlitzohr mutiert. Petra Morzé gibt – ebenso wie Christina Cervenka als ihre Tochter Luise – mit viel Spielfreude seine dauerlüsterne Ehefrau, die ob dieses Erregungszustands wunderbar auf den in die richtige Schreibrichtung umzupolenden Bach anzusetzen ist.

Den gibt grandios Sebastian Wendelin, den Oberkörper starr nach hinten gebogen, aber unten herum immer biegsam und verfügbar. Als „Blut-und-Boden-Headliner“ beim U-Bahn-Blatt hat er beruflich genug zu leiden, da darf privater Spaß sein. Die Postille gehört Florian Teichtmeister als ränkeschmiedendem Medienunternehmer Grübel, heißt „Die Wahrheit“, was natürlich für Zeitungsmacherwitze à la „Die Wahrheit gehört ja quasi Ihnen“ gut ist. Komödiantisches Kernstück des Abends ist ein TV-Duell der Spitzenkandidaten, Russek gegen den Society-Fotografen Seidenschnur, Dietmar König als rechtschaffener, grauer „Sozi“, in den Reflexen schneller als in der Reflexion, der unter den Zuschauern Wahlzuckerl und auf der Bühne Statistiktaferl verteilt. Valentin Postlmayr, er auch ein tadellos degenerierter junger Graf, versucht vergebens die Diskutanten im Zaum zu halten.

Zum Premieren-Schluss gab es erwartungsgemäß viel Jubel und Applaus für Schauspieler und Leading Team. Sternheims humorvoll-hinterlistiges Vorführen von Volksverdrehern, sein Hinweis auf „alternative Fakten“ und die Gefahren beim Verwässern komplexer Fragestellungen durch populistisches Geschwätz, diese Botschaft ist – inmitten des ganzen Klamauks – beim Publikum perfekt angekommen. „Der Kandidat“ am Akademietheater ist zum Schreien komisch, zum Laut-Aufschreien komisch.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2018

Landestheater NÖ: Der Revisor

Mai 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine Spinne im eigenen Lügennetz

Die Schauspieler als Kletterkünstler: Tim Breyvogel und Jevgenij Sitochin. Bild: Alexi Pelekanos

Beginnt die Beschreibung bei der Kulisse, so ein alter Rezensentenwitz, hat das in weiterer Folge meist nichts Gutes zu bedeuten. Nicht so am Landestheater Niederösterreich, wo Regisseur Sandy Lopičić und Bühnenbildner Michael Köpke mit der äußeren Form der Arbeit deren Innenwelt bloßlegen. Gogols „Der Revisor“ wird gegeben, und was fiele einem da zur Optik nicht alles ein.

Da ist im Wortsinn ein ganzes russisches Städtchen auf die schiefe Bahn geraten, haften sich dessen Bewohner gerade noch wie insektische Klebekünstler an der glatten Oberfläche an, während über ihnen der Chlestakow wie eine Spinne in seinem Lügennetz sitzt. Da wird geschlittert und geklettert, was das Zeug hält, und wer was Geheimes zu künden hat, agiert aus Luken aus dem Untergrund – wie Springteufel schnell wird daraus auf- und wieder abgetaucht. Hochmusikalisch ist Lopičićs Inszenierung außerdem, er selbst für die Arrangements zuständig lässt sich von Florian Fennes, Rina Kaçinari, Didi Kern und Imre Lichtenberger Bozoki unterstützen. Die, mit einer Art Commedia dell’arte-Masken, auch den einen oder anderen Dorfcharakter mimen, um ihren Mitbürgern die Flöten- (heißt in diesem Fall: Tuba, Trompete oder Klarinette) -töne beizubringen.

Lopičić versteht Gogols hinterlistige Komödie über betrogene Betrüger richtig als Groteske, er macht daraus eine Kasperliade, in der clownesk karikierte Gauner versuchen, einander mit ihren hysterischen Bestechungsversuchen zu übertrumpfen und zu retten, was noch zu retten ist. Was derlei reich an Slapstick und Klamauk ist, ist um reichlich Text ärmer. Lopičić lässt etliches davon weg, führt wenig Szenen bis zum Ende aus, die tiefere Bedeutung, das Maßgebliche dieser Parabel auf Korruption und Geisteskleinheit erschließt sich dennoch – dies immerhin eine Kunst, die nicht jeder schräge Bühnenspuk schafft.    

Auf die schiefe Bahn geraten: Jevgenij Sitochin, Tim Breyvogel, Michael Scherff, Josephine Bloéb und die Musiker. Bild: Alexi Pelekanos

Wer was Geheimes zu künden hat, agiert lieber aus dem Untergrund: Hanna Binder und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Vor der vielen harten Arbeit der durch die Szenerie turnenden Schauspieler, dem Tempo, dem Timing, vor Lopičićs gekonntem Feinschliff, gilt es den Hut zu ziehen. Tim Breyvogel gibt virtuos den insolventen Hochstapler, der sich für einen gestrengen Moskauer Beamten halten lässt, gekommen, um den moralischen Pegelstand im Städtchen zu vermessen, und der darob Panikreaktionen auslöst. Mit aufbrausender Süffisanz lehrt er vom Stadthauptmann abwärts alle Angst und Schrecken, wobei er selbst es ist, der fürchten muss, aufzufliegen. Breyvogel gelingt es im allgemeinen Tohuwabohu tadellos, die Ambivalenz seiner Figur zwischen hochfliegend und niedergeschmettert darzulegen.

An seiner Seite Jevgenij Sitochin als Ossip, Prototyp des schlauen Dieners, der zur Abreise mahnt, bevor alles zu spät ist. Michael Scherff brilliert als schmieriger Stadthauptmann, der so gern Tyrann sein möchte, aber von seinen Untergebenen unterspielt und wenig ernst genommen wird. Dazu agieren einwandfrei Katharina Haindl als seine seitensprungwillige Frau Anna und Josephine Bloéb als heiratswütige Tochter Marja, die den Revisor beide fest im Visier haben.

Und auch Tobias Artner und Hanna Binder können als Dobtschinski, Bobtschinksi (und flugs auch in alle anderen Einwohner verwandelt) ihr komödiantisches wie ihr akrobatisches Talent voll ausspielen.

www.landestheater.net

  1. 5. 2018

Landestheater NÖ: Der Zerrissene

März 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerald Votava spielt mit dem Publikum Nestroy

Schrieb auch die zusätzlichen Coupletstrophen: Gerald Votava mit Musiker Helmut Stippich. Bild: Alexi Pelkanos

Dass er auf der Bühne ebenso zu Hause ist, wie auf der Leinwand beweist Gerald Votava immer wieder gern. Nun spielt er am Landestheater Niederösterreich Nestroys „Der Zerrissene“. Die Posse vom fadisierten Millionär, der sich zwecks Nervenkitzel in eine Ehegeschichte und einen Raufhandel verstrickt, so dass er sich auf seinem Gut als vermeintlich „Kriminalischer“ verstecken muss – und dort die wahre Liebe findet.

Votava versteht sich auf ein augenzwinkerndes Spiel mit dem Publikum. Er gibt einen überspannten Herrn von Lips, der sich selbst zum Narren hält, changiert zwischen Süffisanz und Selbstzweifel, und weist darauf hin, dass hier einer in seinem Ennui nur Theater spielt, indem er die Sätze aus dem Nestroy’schen Schatzkästlein als das spricht, was sie längst geworden sind: Zitate. Nie lässt er dabei die Zuschauer aus seinem Blickfeld verschwinden, deren Einverständnis er für seine Taten einholt und die er sich beim Verwirrspiel zu Komplizen machen möchte.

Auch an den zusätzlichen Strophen zu den Couplets „Sich so zu verstell’n“ und „So gibt es halt allerhand Leut‘ auf der Welt“ hat Votava mitgetüftelt. Wie auch Regisseurin Sabine Derflinger, die die Aufführung tempo- und pointenreich inszeniert hat. Da wird eine Auseinandersetzung zwischen dem Herrn von Lips und Gluthammer zum Boxkampf in Zeitlupe und auch die berühmte „Gespensterszene“, in der die beiden sich als bereits Dahingeschiedene gegenüberzustehen glauben, zum Slapstick. Die Musik von Helmut Stippich hat Derflinger neben den Couplets zur Untermalung der Handlung wie in Stummfilmen eingesetzt.

Die vermeintlichen Freunde: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelkanos

Krautkopf versteckt Gluthammer: Haymon Maria Buttinger und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelkanos

Neben Votava spielen Tim Breyvogel, Tobias Artner und Stanislaus Dick die unangenehme Dreierbande Stifler, Sporner und Wixer. Cathrine Dumont ist eine geldgierige Madame Schleyer, Josephine Bloéb eine burschikose Kathi. Michael Scherff als rabiater Gluthammer und Haymon Maria Buttinger als Bauernphilosoph Krautkopf dominieren mit ihren Auftritten das Bühnengeschehen.

Die Produktion ist bis 17. 5. am Landestheater Niederösterreich zu sehen und gastiert am 4. und 5. 4. an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 3. 2018

Landestheater NÖ: Die Flucht ohne Ende

Januar 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Suche nach der europäischen Identität

Gespielt wird tatsächlich auf engstem Raum: Michael Scherff, Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Dass er auch ein Meister der kleinen Form ist, heißt: im intimen Spielraum mit bewusst sparsamen Mitteln, beweist Regisseur Felix Hafner am Landestheater Niederösterreich. In der Theaterwerkstatt zeigt er seine fabelhafte Fassung von Joseph Roths Roman „Die Flucht ohne Ende“. 1927 ist dieses Werk entstanden, in dem Roth seinen Protagonisten Franz Tunda auf eine Reise durch halb Europa schickt.

Die abenteuerliche Odyssee des k.u.k.-österreichischen Oberleutnants beginnt mit seiner Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft und führt ihn über Irkutsk und Moskau, über Baku und ein Städtchen am Rhein bis schließlich nach Wien und Paris. Auf seinem Weg wird er sich nicht nur bei einem polnisch-stämmigen Bauern verdingen und Kinobetreiber werden, sondern sich auch der russischen Revolution angeschlossen und mit sogenannten Verstandesmenschen abgerechnet haben.

Frauen kreuzen seinen Weg, Natascha, Alja, Madame G. Irene indes, die Verlobte, wartet daheim nicht auf ihn. Und immer und überall wird Tunda ein Entwurzelter bleiben, ein Fremder, Orientierungsloser, der sich selber die Aussicht aufs Morgen verstellt. Und immer wird ihn seine Suche nach der eigenen Identität auch auf die Europas, auf die Suche nach der „europäischen Kultur“ treiben. Sehr prägnant und sehr zeitgemäß stellt Hafner an seinem Roth gerade diesen Punkt aus.

Madame G. umgarnt Tunda: Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Und immer wieder Koffer packen: Tobias Artner und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Ein Quartett, Tobias Artner als Tunda, Josephine Bloéb, Stanislaus Dick und Michael Scherff in je einem halben Dutzend weiterer Rollen, fungiert als Erzähler wie Schauspieler. Sie schildern Tundas Schicksal, bis sie es darstellen; die drei treten mit Artner in den Dialog, steigen in die Handlung ein und wieder aus. Der Kniff ist nicht neu, doch Hafner macht damit möglich, dass Roths wunderbare Sprache erhalten bleibt. Als Regisseur hält er die Balance zwischen dessen nüchtern-analytischem Blick auf die Figuren und deren dramatischem Potenzial. Wenige Versatzstücke, eine Kopfbedeckung, eine Jacke, ein falscher Bart, machen klar, wer gerade wen verkörpert.

Das Bühnenbild von Camilla Hägebarth ist eine Landschaft aus Requisitenkoffern und Kisten, auch ein Munitionskoffer ist als Gepäckstück darunter. Wie ein Zauberkünstler seine Trickboxen schieben die Schauspieler sie über die Spielfläche, formen mit ihnen Dörfer und Städte, ein Lichtspielhaus oder eine Moskauer Wohnung. Gespielt wird im Wortsinn aus jeder Luke, und sollen Gewehrschüsse knallen, so tun’s dafür die Kistendeckel. An Fantasie lässt diese Aufführung tatsächlich kaum etwas aus.

Da darf Madame G. in rotes Licht getaucht ein französisches Liedchen trällern, während sie Tunda umgarnt, da gibt es eine famos gemeine Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit, samt bitterböser Alkoholseligkeit und Hommage an das Duo Heller/Qualtinger. Tobias Artner ist als verhalten verzweifelter Tunda gleichsam ein Mann ohne Eigenschaften, ein junger Intellektueller ohne ihn sinnvoll ausfüllendes Dasein. Michael Scherff überzeugt als Charakterdarsteller, ob er nun Proletarier, deutsche Gutbürgerliche oder einen französischen Professor gibt.

Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Michael Scherff und Josephine Bloéb. Bild: Alexi Pelekanos

Dass auch feiner Humor Hafners Sache ist, zeigt die Szene mit Tundas Bruder Georg und dessen Frau Klara. Zu ihnen gelangt Tunda schließlich – und Josephine Bloéb und Stanislaus Dick gestalten in partner- schaftlichem Weinrot zwei Prototypen kleinbürgerlicher, kulturbeflissener Existenz. Dass Tunda da mit seinen „bolschewikischen“ Ideen anecken muss, ist klar. Das geht bis ihm die Hutschnur reißt. Ein großartiger Eklat, so großartig wie der ganze Abend.

www.landestheater.net

  1. 1. 2018

Anna Fucking Molnar

November 21, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Nina Proll, so goschert wie verletzlich

Nur ein Traum: Anna und ihre Männer – Nina Proll, Murathan Muslu, Gregor Bloéb und Robert Palfrader. Bild: © Gavriel/Kolm

„Wie kann man Sie sexuell erniedrigen“? Die Frage wird einer Schauspielerin von einer Journalistin tatsächlich gestellt. Die Angesprochene flüchtet sich in versnobte Ärgerlichkeit, sie verweigert sich, um nicht „von ganz Österreich sexuell belästigt“ zu werden. Das ergibt den genau umgekehrten Aufmacher – sich gegen die Medien zu wehren, ist eben schwer …

Das Beschriebene ist eine Szene aus dem Film „Anna Fucking Molnar“, der am 24. November in den heimischen Kinos anläuft. Hauptdarstellerin Nina Proll hat das Drehbuch geschrieben, und so sehr ihre Wortspenden zur (eigentlich schon nicht mehr laufenden) #metoo-Debatte erstaunten, so erfreulich ist ihr Debüt als Autorin. Erfreulich auch, dass zwei weitere Frauen als Macherinnen hinter der rauhbeinig-romantischen Komödie stehen: Co-Autorin Ursula Wolschlager und Regisseurin Sabine Derflinger, die mit Proll auch bei den „Vorstadtweibern“ zusammenarbeitet. Nun sind die beiden bei ihrem ersten Kinoprojekt angekommen.

Fescher Feuerwehrmann: Murathan Muslu. Bild: © Ioan Gavriel

Dessen Inhalt: Theater-Diva Anna Molnar (Nina Proll) steht kurz vor der Premiere von Schnitzlers „Reigen“, als sie in der Garderobe ihren Ehemann, Theaterdirektor an der Josefstadt und Bühnenpartner, bei einem Quickie mit einer Nebenrolle ertappt. Ein Mix aus Hochprozentigem und Beruhigungstabletten beschert Anna auf der Bühne ein K.O. Statt im Feuilleton steht ihr Name nun in den Skandalblättern, die Karriere ist im A***rgen.

Anna muss wieder ganz von unten anfangen – beim Fernsehen. Glücklicherweise schimmert mit dem feschen Feuerwehrmann Christian, der Anna ins Spital brachte, zumindest schon ein neuer Lover am Horizont. Doch dessen Performance lässt aufgrund ihres Stargehabes sehr zu wünschen übrig …

Von goschert und selbstbewusst bis verletzlich und kleinlaut, so gestaltet Proll die Rolle, die sie sich selbst auf den Leib geschrieben hat. Neben ihrer Frauenpower brillieren Gregor Bloéb als bald Ex-Ehemann, Uwe Ochsenknecht als Vater und Murathan Muslu als Christian. Robert Palfrader gibt einen herrlich durchgeknallten Psychiater. Wunderbar die Parodie des verschwitzten TV-Schinken „Mätresse wider Willen“, den Anna drehen muss. Ein Schelm, wem dazu die „Wanderhure“ einfällt.

annafuckingmolnar.at

21.11.2017