Martin Suters „Die dunkle Seite des Mondes“ im Kino

Januar 11, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Moritz Bleibtreu besticht mit radikaler Performance

Moritz Bleibtreu Bild: © Felix Cramer

Moritz Bleibtreu
Bild: © Felix Cramer

Die Bücher des Schweizer Erfolgsautors Martin Suter werden von Film und Fernsehen gern und mit wechselndem Erfolg als Vorlage verwendet. Zwei seiner Werke aus der „neurologischen Trilogie“ hatten es ja schon auf die Leinwand geschafft, während Francis Girods Verfilmung von „Ein perfekter Freund“ allerdings nur in Frankreich zum Hit wurde, erlangte „Small World“ von Bruno Chiche dank Superstar Gérard Depardieu als Demenzpatienten internationale Anerkennung. Nun also kommt am 15. Jänner „Die dunkle Seite des Mondes“ ins Kino, der Titel eine Anspielung auf das Pink-Floyd-Album, von dem Suter sagt: „Es ist bis heute eines meiner liebsten. Und die Musik war zu ihrer Zeit eine treue Tripbegleiterin in der Szene.“

Der deutsche Regisseur Stephan Rick übernahm den Arbeitsauftrag vom ursprünglich vorgesehenen Oliver Hirschbiegel und adaptierte die Geschichte eines Anwalts, dessen Leben sich nach einem durch halluzinogene Pilze ausgelösten Rausch radikal ändert, für die Leinwand. Der Film präsentiert sich als rasanter Psychotrip, der den Zuschauer von der ersten Minuten an in seinen Bann zieht. Die Spannung ist von Anfang an hoch, doch Rick versteht es, die Spirale immer noch weiter anzuziehen. Dass das gelingt, ist nicht zuletzt das Verdienst von Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu, der eine beeindruckende Performance abliefert.

Bleibtreu spielt den Wirtschaftsanwalt Urs Blank. Dieser ist der unangefochtene Star auf seinem Gebiet. Er ist erfolgreich, hat Geld und die für ihn perfekte Frau (Doris Schretzmayer). Der Selbstmord eines Geschäftskollegen wirft Blank jedoch aus der Bahn. Er fängt an, sein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Vielleicht auch deshalb fühlt er sich so zu Lucille (Nora von Waldstätten) hingezogen, die ihm mit ihrem alternativen Lebensstil eine ganz neue Welt eröffnet – und ihn mit magic mushrooms verführt. Mit Folgen für Blank, denn nach diesem Abenteuer verändert sich seine Persönlichkeit. Seine dunkle Seite kommt zum Vorschein. Zunächst fast unbemerkt, dann mit unbarmherziger Macht brechen lang unterdrückte Aggressionen aus ihm heraus. Und machen den zivilisierten Anwalt zum instinktgetriebenen Individuum, verwandeln den Dr. Jekyll in Mr. Hyde. Zutiefst verunsichert von seiner Wandlung flüchtet sich Blank aus seinem alten Leben in den Wald, um dort nach einem Gegenmittel für den missglückten Selbstversuch zu suchen. Doch für seinen Geschäftspartner Ott (Jürgen Prochnow) ist der unberechenbare Blank eine tickende Zeitbombe geworden. So wird er zum Gejagten – und sein Kampf um seine Rückkehr zum Wettlauf um sein Leben …

Bleibtreu begibt sich auf eine darstellerische Tour de Force. Sein Urs Blank ist so sensibel wie brutal, funktioniert als Mörder ebenso wie als Liebhaber. Die Ambivalenz, die der Schauspieler der Suter’schen Figur gelassen hat, macht den großen Reiz des Films aus – und zeigt einmal mehr, wie vielfältig er in seinem Spiel sein kann. Ließ der Autor seinen Roman schon zwischen Psychothriller und Psychogramm eines Mannes in der Midlife-Crisis, zwischen Horror- und -märchen changieren, so tut dies Bleibtreu mit seiner Rolle erst recht. Da hat einer Schubladen souverän und mit so großer Kraft zugeschlagen, dass sie von keinem Katalogisierer mehr zu öffnen sein werden!

Jürgen Prochnow hatte in seiner beeindruckenden Karriere zweifellos schon bedeutendere Rollen, als die des Ott, doch ist es wie immer erfreulich, den Boot-Star wieder einmal im Kino zu sehen. Als eiskalter, unberechenbarer Machtmensch überzeugt Prochnow selbst in seinen seltenen Momenten. Er ist nicht nur erbitterter Gegner Blanks, sondern wird als Kämpfer auch handgreiflich, was zu einem blutigen Showdown im Wald führt, den die gewieften Kameramänner Stefan Ciupek und Felix Cramer mit poetisch-expressiven Bildern ausmalen. Zu einem wiederkehrenden Motiv werden etwa Begegnungen mit einem schwarzen Wolf, das sind geheimnisumwitterte Sequenzen, doch gefertigt, ohne dass der Film dadurch künstlich oder verkopft wirken würde.

Ein Dämpfer für Suter-Auskenner mag es sein, dass Rick, der auch das Drehbuch schrieb, Blanks Halluzinationserfahrungen und seine Naturerlebnisse stark zusammenstrich, obwohl sie beinah die Hälfte der literarischen Vorlage ausmachen. Dennoch ist Ricks Verfilmung von „Die dunkle Seite des Mondes“ eine in sich stimmige, erstklassige Analyse über den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn, auf dem sich der Mensch befindet. Sehenswert!

www.dsdm-film.de

Wien, 11. 1. 2016

Stereo: Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu …

Mai 22, 2014 in Film

VON RUDOLF MOTTINGER

 … in einem Psychothriller

Bild: 2014 Wild Bunch Germany

Bild: 2014 Wild Bunch Germany

Nach seinem Rückzug ins ländliche Idyll will Erik (Jürgen Vogel) einfach nur runter kommen und sich um seine Motorradwerkstatt kümmern. Seine freie Zeit verbringt er mit seiner neuen Freundin Julia (Petra Schmidt-Schaller) und deren kleiner Tochter. Alles könnte so friedlich sein. Doch diese scheinbar heile Welt findet ein jähes Ende als der schräge Unbekannte Henry (Moritz Bleibtreu) in Eriks Leben eindringt – wie ein Parasit lässt er sich nicht mehr abschütteln, provoziert und treibt Erik mit seiner zynischen Art an den Rand des Wahnsinns. Als dann auch noch weitere zwielichtige Gestalten auftauchen, die vorgeben Erik zu kennen, und ihm entweder an den Kragen gehen oder ihn zu dunklen Machenschaften zwingen wollen, droht sein Leben komplett aus den Fugen zu geraten. In die Ecke gedrängt, scheinbar ohne Ausweg, bleibt Erik schließlich nichts anderes übrig, als sich doch auf den geheimnisvollen Henry einzulassen …

Regisseur und Autor Maximilian Erlenwein hat sich nach eigenen Angaben vom alten Hollywoodklassiker „Mein Freund Harvey“ inspirieren lassen, in dem James Stewart mit einem imaginierten menschengroßen Hasen spricht. In Erlenweins kunstvoll durchkomponierten Kopfthriller kann man aber auch David Finchers „Fight Club“  finden, in dem Edward Norton gegen das eigene Ich in Gestalt von Brad Pitt kämpft.  Ein Ego im Clinch mit sich selbst. Das macht Mephisto-Bleibtreu  im Hoodie natürlich gekonnt, den eigentlichen schauspielerischen Kraftakt hat aber Vogel zu stemmen. Ohne zu viel verraten zu wollen, aber: sein flackernder Augenaufschlag ist schon angsteinflößend. „Stereo“ ist ein Film, auf den man sich einlassen muss. Nichts ist so, wie es scheint, alles ein Verwirrspiel von Gut und Böse, Realität und Fantasie. Ein  Mix aus brutaler Action, Mystery und Liebesdrama. Mitunter verliert man den Faden, immer wieder kennt man sich nicht aus – aber auch das ist gut so.

http://stereo-derfilm.de/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=PIcco_6kcmw

22. 5. 2014

Theater Nestroyhof Hamakom

Mai 10, 2013 in Tipps

„Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank“

Es war die letzte Theaterrolle der großen Monica Bleibtreu. In Hamburg, am St. Pauli Theater spielte sie Klaus Pohls Monolog „Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank“. Wunderbar die Szene gegen Schluss des Stücks, in der die Bleibtreu zu ihrem Fenster, also „Ulrich Bunzels“ Guckloch hinaussingt. Blindwütig und in echter Theaterrage. Eine Hosenrolle, und die Maskenbildner haben ganze Arbeit geleistet, sie sieht fürchterlich aus. Ein verhutzeltes Männlein mit vorspringendem Bauch, drei Tage bärtig, mit Seitenscheitel und Lesebrille aus der Drogerie. Ein verkrachter,versoffener Schauspieler, abgehalftert, uninspiriert. Einsam, arm und alt geworden, vertraut er sich seinem letzten verbliebenen Freund an: Gerd, sein Kühlschrank. Doch auch Gerds Existenz ist bedroht. Der ebenfalls in die Jahre gekommene Stromfresser ist nicht mehr der Dichteste und muss verkauft werden. Und zu allem Überdruss soll sein Leben nun verfilmt werden und die Hauptrolle spielt nicht er selber, sondern Klaus Maria Brandauer! Darüber verzweifelt Bunzel, kann sich aber nicht durchringen, Selbstmord zu begehen, um Brandauer nicht auch noch eine dramatische Sterbeszene gratis zu liefern …

Karin Yoko Jochum  Bild: Nicolai Niessen

Karin Yoko Jochum
Bild: Nicolai Niessen

Mutig, wer in Monica Bleibtreus Fußstapfen tritt. Am Wiener Theater Nestroyhof Hamakom wagen es Dora Schneider als Regisseurin und Karin Yoko Jochum als Schauspielerin. Premiere ist am 14. Mai. Als österreichische Erstaufführung. Als performative Installation.

Klaus Pohls vielschichtiges Stück ist eine Parodie auf die Blasiertheit eines größenwahnsinnigen Selbstdarstellers und eine Liebeserklärung an das Theater zugleich. Der eigens als „Hosenrolle“ konzipierte Monolog für eine Schauspielerin entfaltet mit Sprachspielen und galligem Humor die Charakterstudie eines Gescheiterten, der sich mit letzten Kräften gegen den Absturz in die Bedeutungslosigkeit wehrt. Bunzels Furor ist nicht reine Eitelkeit, sondern der unerschütterliche  Kampf um Würde und Selbstwert.

www.hamakom.at

www.karinyokojochum.com

www.doraschneider.com

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 5. 2013