Streaming: Sylvie’s Love / Ma Rainey’s Black Bottom

Dezember 31, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mitten ins Herz von Hollywoods Golden Age

Tessa Thompson und Nnamdi Asomugha als Sylvie und Robert. Bild: © Amazon Studios

Dass Saxophonspieler gefährlich sind, wusste schon Marilyn in „Manche mögen’s heiß“. Nun kann man sich in „Sylvie’s Love“ ein weiteres Mal von der Macht der Blue Notes überzeugen, der Film der Amazon Studios ein romantisches Melodram wie weiland die großen aus den 1950er-, 1960er-Jahren. Regisseur und Drehbuchautor Eugene Ashe führt einen mitten hinein ins Herz von

Hollywoods Golden Age, wo man zur Liebesgeschichte von Schallplattenverkäuferin Sylvie und Musiker Robert zart dahinschmelzen darf. Der Soundtrack von Fabrice Lecomte, das Schmusen auf der Rückbank eines Chevy, die Managerin selbstverständlich ein blondes Gift – und ein Engagement in Paris, das das Paar trennt … ach … was will man mehr? Es ist New York im Sommer 1957, und der geniale, doch schüchterne Saxophonist Robert, und deshalb stets im Schatten des Posers und Bandleaders Dickie Brewster, nimmt einen Teilzeitjob im Plattenladen von Sylvies Dad an, damit endlich Geld in die Kassa kommt.

Einen „West Side Story“-Besenstieltanz und eine zugeschlagene Kellertür später, sind die beiden bis über beide Ohren verliebt. Doch da sind, wie gesagt, Paris – und ein Verlobter im Kriegsdienst, und so wollen Sylvie und Robert einander nicht im Wege stehen. Schnitt. Fünf Jahre später. Man begegnet sich vor einer Concert Hall wieder, Nancy Wilson singt, Sylvie ist mittlerweile Mrs Lacy Parker und Mutter einer Tochter von eh schon wissen wem. Es folgt eine leidenschaftliche Nacht im Hotelzimmer und, damit’s zum Heulen ist, die neuerliche Trennung. Zum zweiten Mal scheint Sylvies und Roberts Liebe unmöglich.

In wunderbarer Nostalgiekulisse fängt Declan Quinn die Bilder dieser feingewobenen Love Story ein. Licht und Ton, alles ist so, als müssten gleich Terry McKay und Nickie Ferrante ums nächste Eck biegen, tatsächlich fehlt eine Szene nicht, in der Sylvie an ebendieser steht, Robert mit einer aufdringlichen Backgroundsängerin sieht, die Situation natürlich falsch interpretiert und wegläuft. Tessa Thompson und der frühere NFL-Football-Star Nnamdi Asomugha, der den Film auch mitproduzierte, sind beim Flirten-Nicht-Flirten ein supersympathisches Paar. Wie der Jazz zwischen den beiden swingt, macht den berührenden Charme von „Sylvie’s Love“ aus.

Thompson und Asomugha. Bild: © Amazon Studios

Aja Naomi King als Mona. Bild: © Amazon Studios

Tone Bell und Jemima Kirke. Bild: © Amazon Studios

Fünf Jahre später. Bild: © Amazon Studios

Tone Bell spielt den selbstsicher gechillten Dickie Brewster, Jemima Kirke die glamouröse „Countess“, deren Verhandlungsgeschick aus dem Local-Heros-Quartett eine internationale Sensation macht. Klar, dass Dickie mit der Countess ins Bett steigt, auf einer Silvesterparty, während Eva Longoria als feurige Ehefrau Carmen einen wilden Mambo aufs Parkett legt. Trotz so viel Musik hat Eugene Ashe nicht auf die zeitgeschichtliche Bassline vergessen. 1957 ist das Jahr von Little Rock, 1963 der Marsch auf Washington, 1965 folgte Selma, und mittendrin entwickelt sich Sylvies flatterhafte Cousine Mona, dargestellt von Aja Naomi King, zur Botschafterin des SNCC- Wählerregistrationsprogramm.

Zu den bezeichnendsten gehört eine Episode, in der Sylvies Mann Lacy, so schuldlos, so verzweifelt – Alano Miller, einen wichtigen, weißen Kunden zum Dinner einlädt, in dessen Verlauf den „netten Leuten“ nicht nur das N-Wort gleich einem Kompliment leicht über die Lippen geht, sondern sich auch herausstellt, der Kunde will Lacy ins Boot holen, weil er laut Kennedys neuem Bürgerrechtsgesetz im Verdacht diskriminierender Geschäftspraktiken steht. So viel zur heilen Doris-Day-Welt. Und weil neben der Hautfarbe das Geschlecht eine wesentliche Rolle spielt, muss auch das biedere Patriarchat sein hässliches Gesicht zeigen – als die durchaus karrierebewusste Sylvie einen langersehnten Produzentenjob bei einer Fernsehkochshow bekommt.

Eine Full-Time-Stelle, die sich schwer mit Lacys Vorstellungen von Haushaltspflichten vereinbaren lässt. Umso schöner, dass das Ende ein emanzipatorisches ist. Was mit dem Siegeszug von Motown und dem Sichern des Familieneinkommens zu tun hat … Freilich kann man „Sylvie’s Love“ vorwerfen, dass hier ausschließlich auf „Bill Cosby Show“-Weise privilegierte Afroamerikaner gezeigt werden. Doch gerade rund ums Fest der Liebe darf man sich dem Genuss einer Märchengeschichte hingeben.

Asomugha, Regé-Jean Page und Ron Funches. Bild: © Amazon Studios

Einer swingenden, klingenden Musik-Geschichte rund ums Suchen und Finden von Glück, deren Moral immerhin ist: Man soll sich kein Opfer abringen, dass der andere gar nicht haben will. Oder wie Audrey Hepburn sagte: „Ich brauche sehr viel Liebe – ich will geliebt werden und Liebe schenken. Liebe ängstigt mich nicht, aber ihr Verlust schon.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SbjakuJZgww          www.amazon.de

FILMTIPP: Ma Rainey’s Black Bottom

Viola Davis und Chadwick Boseman haben den Blues

Chicago in den späten 1920er-Jahren. Schwarze sind Shoe Shine Boys und Zimmermädchen, die Segregation hat die USA fest im Griff. Und dann ist da ein Star: Ma Rainey begeistert als „Mutter des Blues“ das afroamerikanische wie das weiße Publikum. Zusammen mit ihrer Band will sie in einem Tonstudio eine neue Best-of-Platte aufnehmen, doch schon vor Beginn der Session kommt es zu Spannungen. Nicht nur zwischen Ma, ihrem weißen Manager Irvin und dem Studioboss Sturdyvant.

Sondern auch mit Trompeter Levee, einem hochtalentierten, temperamentvollen jungen Mann, der sich mit seinen eigenen Jazzkompositionen einen Namen machen und, da er den sich allmählich ändernden Musikgeschmack wahrnimmt, Ma’s Songs seinen Rhythmus aufzwingen will. Die Kollegen an Bass, Posaune und Piano sind auf Ma angewiesen, also gewissenhafte Begleiter. Nicht so Ma’s gelangweilte Geliebte Dussie Mae, die sich alsbald mit Levee im Probenkeller vergnügt. Und so kommen im Laufe eines Nachmittags Wahrheiten ans Licht, die das Leben aller Beteiligten erschüttern werden …

Im Rampenlicht: Viola Davis als Ma Rainey. Bild: © David Lee ​/ Netflix

Chadwick Boseman als Trompeter Levee. Bild: © David Lee ​/ Netflix

„Ma Rainey’s Black Bottom“ basiert auf dem gleichnamigen, von der echten, 1886 in Georgia gebornenen Bluessängerin inspirierten Bühnenstück von Pulitzer-Preisträger August Wilson. Theater- und Filmregisseur George C. Wolfe hat das Kammerspiel für Netflix Originals inszeniert, kein Geringerer als Denzel Washington war der Produzent. Zwischen Rampenlicht und der Rumpelkammer, die sich Aufnahmeraum nennt, brilliert Oscar-Preisträgerin Viola Davis als selbstbewusste Musiklegende.

Wie sich ihre Ma furchtlos und furios gegen die Vorurteile einer rassistischen Gesellschaft stellt, grandios bei einem von ihr verursachten Autounfall, da kann die Davis famos aufspielen. Die Rolle des provokant-lässigen Levee ist die letzte des im August verstorbenen „Black Panther“ Chadwick Boseman, und mit Wehmut sieht man diese beeindruckende Leistung, Levee, ein Südstaaten-Junge, der hinter seiner hochfahrenden Art einen tief vergrabenen Schmerz aus der Vergangenheit verbirgt. Was genau, wird die Zuschauerin, der Zuschauer noch erfahren.

Ma’s und Levees emotionale Eruptionen aushalten müssen Colman Domingo, Glynn Turman und Michael Potts als Band, Jeremy Shamos als Irvin und Jonny Coyne als Sturdyvant. Dusan Brown spielt Ma’s stotternden Neffen Sylvester, den sie unbedingt als Ansager engagiert sehen will, Taylor Paige eine laszive Dussie Mae. Eine Empfehlung. Oder wie Colman Domingo sagt: A-one, a-two, a-you know what to do …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ord7gP151vk          www.youtube.com/watch?v=wAY2oAm2rv4           www.netflix.com

  1. 12. 2020

Das Volkstheater zeigt ab 9. Jänner „Black Box“ online

Dezember 17, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein interaktiver Audiowalk durch das frisch sanierte Haus

Bild: © EMILBLAU / Martin Geyer

Wegen der aktuell geltenden Maßnahmen zieht das Volkstheater Wien die Premiere von „Black Box“ auf den 9. Jänner vor. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein leeres Theater. Ein leeres, von Grund auf saniertes Theater. Ein leeres, von Grund auf saniertes, technologisiertes Theater. Ein leeres, von Grund auf saniertes, technologisiertes Theater, voller Kunstschaffender. Und eine Pandemie. #COVID19 hat möglich gemacht, was sich

sonst kein Schauspielhaus erlauben könnte: ein ganzes Haus spielt für eine Person. Alle fünf Minuten startet eine Besucherin, ein Besucher mit dem Rundgang durch das Haus. Mit Kopfhörern und Handschuhen ausgestattet spaziert das Publikum durch die leeren Flure, auf und hinter die Bühne, durch die Maske, in die Schneiderei … Stefan Kaegi und das renommierte Kollektiv Rimini Protokoll nimmt für „Black Box“ Expertinnen und Experten für politische Gemeinschaft, Simulation und Erinnerung auf.

Sowie Menschen, deren Leben mit diesen Räumen und der Idee von Theater verbunden sind: Maskenbildnerinnen, Maskenbildner Souffleure und Souffleusen, Ensemblemitglieder und Philosophinnen wie Philosophen. Mithilfe der binauralen Aufnahmetechnik konnten Stimmen und ortsspezifische Klänge zum Schaudern real aufgenommen werden. Dadurch entsteht eine Fährte durch den Körper des Theaters, die en passant zu einem Gang ins Unterbewusste der Gesellschaft wird.

Alle weiteren Premierentermine werden veröffentlicht, sobald es mehr Planungssicherheit gibt veröffentlicht.

www.volkstheater.at

  1. 12. 2020

Benjamin Black = John Banville: Tod im Sommer

August 10, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Blick auf den irischen Antisemitismus

9783462315493_10Der große irische Autor John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black einen weiteren Quirke-Roman vorgelegt. Es ist das vierte Buch, in dem der Dubliner Pathologe ermittelt, und auch, wenn nie wieder die Genialität der Handlung des ersten Falls „Nicht frei von Sünde“ erreicht werden kann, erzählt es eine fesselnde Geschichte. Diesmal wird der verhasste Zeitungsverleger Richard Jewell zu Tode gebracht, ein Großteil seines Kopfes mit jener Schrotflinte weggepustet, die er noch in seinen klammen Fingern hält. Doch weder Quirke noch Inspektor Hackett glauben an Selbstmord. Bei der Obduktion der Leiche stellt sich heraus, was davor nicht allgemein bekannt war: Der sagenhaft reiche „Diamond Dick“ war jüdisch …

Es ist das erste Mal, dass Banville-Black in seinen 1950-Jahre-Krimis auf den irischen Antisemitismus zu sprechen kommt. Auch Quirkes Assistent Sinclair, weil Tennispartner der Schwester des Ermordeten, als dritter in den Fall eingebunden, „outet“ sich und wird deshalb einiges erleiden müssen, inklusive des Verlusts eines Fingers. Wiewohl ihm vorab sogar noch Schlimmeres angedroht worden war:

„Hör zu, Judenbürschchen“, sagte die Stimme, „wenn du deine dicke fette Nase in Angelegenheiten steckst, die dich nichts angehen, dann werde ich sie dir abschneiden. Danach passen dein Schwanz und deine Judenfresse wieder gut zusammen“. Der Autor schlägt statt seines üblichen verweht nostalgischen, mittelschwer melancholischen Tonfalls diesmal härtere Töne an. Denn die Welt, in die er die Leser im aktuellen Band eintauchen lässt, ist manchen seiner Protagonisten noch gar nicht so sehr versunken.

Das Schicksal der Juden in Irland hat direkt mit dem Dritten Reich zu tun. Die irische Regierung wollte die Neutralität des Landes nicht riskieren und nahm deshalb keine jüdischen Flüchtlinge auf. Tatsächlich spielten neben der Sympathie mit Hitler-Deutschland, dem Gegner von Irlands Erzfeind England, auch antisemitische Beweggründe eine Rolle. Das Justizministerium wollte sich kein „Judenproblem“ ins Land holen und bediente sich dabei der NS-Rassengesetze. Kritische Stimmen verhallten ungehört. Selbst Irlands Präsident Eamon de Valera, weit davon entfernt, Antisemit zu sein, hielt sich zurück. Erst als nach dem Krieg etwa 100 Waisen aus dem KZ Bergen-Belsen abgewiesen werden sollten, hob de Valera, der als Widerstandskämpfer selbst lange Zeit in politischer Haft war, die Entscheidung seines Justizministers auf. Die Staatsgründung Israels veranlasste später viele Juden dazu, Irland den Rücken zu kehren.

All dies kommt bei Benjamin Black nur als Subtext vor. Wie stets führt er den Leser auf viele Irrwege und legt dabei doch die ganze Zeit die richtige Fährte aus. Das Naheliegende kann mitunter tatsächlich die Lösung sein, weiß er, auch wenn er sich natürlich am Ende eine letzte Drehung ins Ungewisse erlaubt. Sein Fall führt Quirke zur Abwechslung nämlich nicht in allerhöchste Kreise, die bleiben schön im Dunkeln, was bedeutet, dass etliche Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Wie’s halt so ist. Und dennoch arbeitet sich der Schriftsteller, der selbst unter der Zucht und Ordnung katholisch-irischer Erziehungsanstalten zu leiden hatte, einmal mehr an seinen Lebensthemen ab: der Verlogenheit einer bigotten, grausamen Upper Class, die über ein Land herrscht, als wäre die Leibeigenschaft dort nie abgeschafft worden. Die Kirche, die Politik, die Wirtschaftsmächtigen, sie alle arbeiten daran, eine repressive Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Und, auch dies ein ständig wiederkehrendes Motiv in seinen Büchern, der Autor ist ein wortgewaltiger Mitstreiter im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als 2009 in Irland ein riesiger Skandal aufgedeckt wurde, in katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang tausende Minderjährige gequält, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt; schweigender Komplize war der Staat, der das System finanzierte, denn die Einrichtungen erhielten eine Kopfprämie für jedes Kind, schrieb John Banville wütende Essays in allen wichtigen Zeitungen. In „Tod im Sommer“ führen alle Spuren zum „Freundeskreis St. Christopher“, den „Wohltätern“ eines Waisenhauses, von den verantwortlichen Priestern in eine Kinderverwahranstalt für Pädophile umfunktioniert. Und Richard Jewell wusste das … und auch er ist nicht frei von Sünde …

Erst langsam, fast schon enervierend langsam baut sich dies als Spannung auf. Banville-Black empfiehlt sich erst als Experte im Umreißen des Dubliner Lokalkolorits, als Meister der Milieuschilderung. Er baut um die Handlung eine Kulisse aus alten Säufern und ausgemergelten halbwüchsigen Prostituierten. Seine Beschreibung des Personals ist prägnant, er genießt es offensichtlich, seine Figuren vorzustellen, deren „Augen glänzen, wie schwarze Nieten in einer Maske“ oder deren „Adamsapfel hüpft, wie an einem Gummiband“. Sie alle stolpern, straucheln, haben immer wieder Mühe, ins Gleichgewicht zu kommen. Und allen voran der mit seinem Alkoholismus ringende Quirke.

In Jewells Haus trifft er auf dessen Witwe Françoise, unter all den beschädigten Figuren des Romans die schönste und zerstörteste, wie eine uralte französische Porzellanpuppe, die ein schreckliches Geheimnis rund um ihren aus der Gestapo-Haft „erlösten“ Bruder, einem führenden Kopf der Résistance, birgt. „Es ärgerte ihn, dass er sich bei dieser Frau wie ein demütiger, untertäniger Bittsteller vorkam“, schreibt Banville-Black über Quirke, und selbstverständlich verliebt der sich in sie.

Was auch insofern problematisch ist, als die Schauspielerin Isabel Galloway, seit Band drei Quirkes Geliebte, immer noch mit von der Partie ist. Und auch der selbsternannte Aufdeckungsjournalist Jimmy Minor hat sich aus „Eine Frau verschwindet“ herübergerettet. Der Schmierfink ist ein zu schillernder Charakter, als dass er einfach zwischen den Buchdeckeln verschwinden hätte dürfen. Quirkes Halbbruder Malachy Griffin und die gemeinsame Stiefmutter und nunmehrige Ehefrau Malachys, Rose, sind ebenfalls wieder dabei. Und Phoebe. Quirke hatte seine Tochter nach ihrer Geburt, bei der seine Frau verstarb, Malachy überlassen. Zwanzig Jahre hielt Phoebe diesen für ihren leiblichen Vater, seit sie die Wahrheit erfahren hat, ist ihre ohnedies unglückliche Welt ein Stück eingebrochener.

Der Schatten der Vergangenheit schwebt über den Figuren. Quirkes Schicksal verquickt sich einmal mehr mit der Geschichte, auch er war früher Zögling in St. Christopher. Drei Kinder, ein irrer Sohn, eine psychisch labile Tochter und eine, deren Ruhe und Selbstbeherrschtheit beinah widernatürlich scheinen, werden ihn bei der Aufklärung aller Rätsel anleiten. Für den Leser bleibt eines, ein privates. Quirke versucht Phoebe mit Sinclair zu verkuppeln, das geht anfangs schrecklich schief, aber am Spitalsbett dann … man wird auf Band fünf warten müssen, um zu erfahren, wie das weitergehen kann …

Über den Autor:

Benjamin Black ist das Pseudonym des irischen Schriftstellers John Banville, das er ausschließlich für die Publikation seiner Kriminalromane verwendet. Banville wurde 1945 in Wexford, Irland, geboren, wo er erst die Christian Brothers Schule und später das St. Peters´s College besuchte. Nach dem College ging er für ein Jahr nach Amerika und arbeitete nach seiner Rückkehr als Angestellter für die Fluggesellschaft Aer Lingus, was es ihm erlaubte ausgiebig zu reisen, bis er 1969 eine Stelle bei der Irish Press antrat. Er war mehr als 30 Jahre lang als Journalist tätig, von 1988 bis 1999 arbeitete er als Literaturkritiker für die Irish Times und leitete das Literaturressort der Zeitung. Neben seiner Arbeit als Journalist verfasste er zahlreiche Drehbücher und Theaterstücke. John Banville lebt und arbeitet heute als freier Autor und Literaturkritiker in Dublin, er schreibt unter anderem Kritiken für die New York Review of Books.

Banville erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Man Booker Prize für seinen Roman „Die See“. In der Begründung der Jury hieß es, das Werk sei eine „meisterhafte Studie von Leid, Erinnerung und wieder bewusst gewordener Liebe“. 2011 bekam Banville den Franz-Kafka-Literaturpreis, 2013 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und erhielt den Irish Book Lifetime Achievement Award. Für 2014 wurde ihm der Prinz-von-Asturien-Preis zugesprochen. John Banvilles Kriminalgeschichten spielen in der Regel im Irland der 1950er-Jahre, um den Pathologen und Alkoholiker Quirke. Laut Banville stellt das Dublin jener Zeit das perfekte Setting für Kriminalgeschichten: schäbig, neblig – und über allem der dunkle Kohlestaub …

Kiepenheuer & Witsch, Benjamin Black alias John Banville: „Tod im Sommer“, Kriminalroman, 272 Seiten. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien.

www.kiwi-verlag.de

www.benjaminblackbooks.com/quirke.htm

Wien, 10. 8. 2016

Ein Hologramm für den König

April 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Tom Hanks findet den Brunnen in der Wüste

Tom Hanks als Alan Clay Bild: © X Verleih

Der Clash of Cultures hat anfangs etwas Faszinierendes: Tom Hanks freut sich als Alan Clay über den neuen Job in Saudi-Arabien. Bild: © X Verleih

Es ist schon eine Freude. Tom Tykwer hat in Dave Eggers Roman „Ein Hologramm für den König“ den Humor entdeckt. Einen feinen, leisen, der dem Freund und Autor selber gar nicht recht aufgefallen zu sein scheint. So gelingt es dem Filmemacher, und ab 29. April ist das in den heimischen Kinos zu sehen, aus der literarischen Skepsis über die Welt an sich und die Menschen im besonderen eine warmherzige Tragikomödie zu machen, eine gutgelaunte Satire über die Groteske des Lebens.

Tykwer erweitert Eggers „Andere Länder, andere Sitten, anderes Zeitgefühl“-Thema. Bei näherer Betrachtung, sagt er, sind die anderen nämlich gar nicht so anders. Man muss nur hinschauen, hinhören, verstehen wollen, auf die Leute zugehen – und schon … gibt es ein vollkommen unrealistisches Happy End, eine schöne Utopie über etwas, das in der Realität mit schlimmsten Strafen zu büßen wäre. Aber egal. Alle werden nicht, nein: sie sind längst schon Brüder. Mit seligem Lächeln gleitet man aus dem von Frank Griebe unaufgeregt, fast stoisch fotografierten Film, zurück in die eigene Wirklichkeit, aufgerufen und angespornt, es selber ein bisschen mehr zu versuchen, ein bisschen besser zu machen. Was sonst darf man sich von Kino wünschen? Dass diese Übung gelingt, ist im hohen Maße einmal mehr das Verdienst des wunderbaren Tom Hanks in der Hauptrolle.

Tom Hanks spielt Alan Clay, das ist nach „Cloud Atlas“ seine zweite Zusammenarbeit mit Tykwer. In Rückblenden, bestimmte Ereignisse rufen Erinnerungen wach, wird erzählt, was er alles verloren hat. Den Job in der Vorstandsetage, das Haus, die Ehefrau, die Studiengebühren der Tochter sind derzeit nicht zu bezahlen. In einer Albtraum-Achterbahnfahrt singt Hanks davon. Inspiriert vom Talking-Heads-Songs, … and you may ask yourself, how did I get here? Clay, der mittelmäßige Mittfünfziger, ausgestattet mit einem altmodischen Ehrenkodex übers Geschäftemachen, Verlierer der Bankenkrise, vom Arbeitsplatz Ausgestoßener ob der chinesischen Weltwirtschaftsübernahme, hat in einer neuen Firma eine neue Aufgabe zugeteilt bekommen. Die Bewährungsprobe. Die Überlebenschance eines Handlungsreisenden. Er soll in Saudi-Arabien eine IT-Anlage verkaufen, innovativste Hologramm-Kommunikationstechnologie für das Prestigeprojekt von König Abdullah, der mitten im Nirgendwo der arabischen Wüste eine strahlende Metropole errichten lässt. Das heißt, noch ist alles Baustelle, eine von Uli Hanisch tatsächlich in der Westsahara aus dem Boden gestampfte, und Clays Mitarbeiter darben und dursten in einem nichtklimatisierten Zelt. Aber die Präsentation wird vorbereitet, money is money, und die Amerikaner haben nicht vor in Saudi-Arabien auf Sand zu bauen. Nur der König kommt nicht und nicht.

Es ist ein gelungener Kunstgriff von Tykwer Eggers Metapher für die Komplettvernetzung der Welt als analogen Film angelegt zu haben. Tom Hanks, erklärt er im Interview, sei halt auch ein analoger Antiheld. Und so sieht man diesem wandelnden Anachronismus beim Scheitern zu, wie sich die Kummerfalten immer tiefer ins Gesicht graben, wie sein Lächeln ständig bemühter wird. Hanks wohldosiert das US-Hoppla-jetzt-komm‘-ich-Gehabe, sein Clay ist längst kein Macher mehr, sein angezählter Körper unter der Dusche symbolisiert deutlich, Amerika ist nicht mehr der Kraftmeier im Gefüge der Mächtigen. Die Saudis lachen sich sowieso einen weg, wenn er empört durch die Ödnis stampft, wenn er sich müht, im Stillstand Vollgas zu geben und dabei nicht an den Fleck kommt, wo er endlich sein vom Geld-Gott gegebenes Recht durchsetzen könnte. Die Saudis haben die gleiche Religion in anderer Aufmachung, und man kann immer den am wenigsten leiden, der einem tatsächlich am ähnlichsten ist.

Tykwer bringt vieles als Fußnote an. Die Nichtbeachtung der Menschenrechte, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, der Frauen, die Haftstrafen ohne Anklage und Gerichtsverfahren für politisch Oppositionelle, all das webt er in den Stoff ein, ohne dafür mahnend einen Zeigefinger heben zu müssen. In einer für das saudische System bezeichnenden, sehr stillen Szene verirrt sich Hanks‘ Clay in einem Hochhausskelett, landet in einem Streit junger philippinischer Gastarbeiter und alter Araber, ärmliche, erbärmliche Randexistenzen im Land der reichen Scheichs, um schließlich in einer luxuriös ausgestatteten Musterwohnung empfangen zu werden. Ein kühles Bier? Kein Problem. Das strikte Alkoholverbot? Kein Problem.

Alexander Black als Yousef mit Tom Hanks Bild: © X Verleih

„Yousef“ alias Alexander Black erklärt Clay einiges über Land und Leute. Bild: © X Verleih

Sarita Choudhury als Zahra mit Tom Hanks Bild: © X Verleih

Zahra, die Ärztin, lädt ihren Patienten in ihr Haus ein: Sarita Choudhury und Tom Hanks. Bild: © X Verleih

Tom Hanks als Alan Clay Bild: © X Verleih

Und Alan Clay findet den Brunnen in der Wüste. Bild: © X Verleih

„Es macht die Wüste schön“, sagt Antoine de Saint-Exupérys kleiner Prinz, „dass sie irgendwo einen Brunnen birgt.“ Und natürlich findet Alan Clay den seinen. Dave Eggers hat für sein Buch vor Ort recherchiert und die Menschen porträtiert, wie er sie getroffen hat. Clay lernt so Yousef kennen, seinen Fahrer. Und, weil ihm eine „Beule“ vom Rücken entfernt werden muss, die Ärztin Zahra. Beide brillant gespielt, vom gebürtigen Ägypter und Comedian Alexander Black und der bengalisch-indischen Schauspielerin Sarita Choudhury, beide angedacht als Sinnbild des Aufbruchs in einer Gesellschaft, in der Tradition über allem steht.

Zwischen diesen Polen lässt Black seine Figur pendeln. Diesen Studenten mit dem All-American-Musikgeschmack, von Elvis über „Chicago“ bis ELO, diesen Schelm, der sich nichts böses denkt, einen Ungläubigen Richtung Mekka und in die eigene Familie zu schmuggeln, der ändern und bewegen und politisch die Initiative ergreifen will. Würdet ihr uns unterstützen, wenn wir für Demokratie eintreten?, stellt er dem einen Amerikaner stellvertretend die Gretchenfrage. Das geht nicht runter wie Öl. Doch als er ihn, nun ein Freund, allein mit einer fremden Frau sieht, der Zornausbruch – es ist nicht leicht, ererbte Regeln neu zu denken. Kinodebütant Black ist eine Entdeckung für die Leinwand.

Die fremde Frau, die Ärztin, hat sich bereits auf den Weg in die Emanzipation gemacht. Sie lässt sich scheiden, sie hofft ihren Sohn zu einem besseren Mann zu machen, als es ihr Ehemann ist. Man kann Sitten auch unterworfen sein, lernt Clay, und Zahra zeigt ihm, wie man sie subtil unterlaufen kann.

Unter Wasser kommt es zum Kuss. Sarita Choudhury, bekannt aus der TV-Serie „Homeland“, spielt das mit großer Würde und Eleganz, gestaltet prägnant das Bild einer modernen Muslima, die ihre Chancen zu nutzen und Grenzen auszuloten und auszudehnen weiß. Hinter dem Schleier steckt viel mehr, als westliche Vorurteile sich vorzustellen zulassen. Dieses Verwirrspiel, es wird sich für Alan Clay am Ende lösen, er wird erkennen, dass die tausendundeine Nacht keine verklärt gefährliche Geschichte bleiben muss, wenn man sich auf sie einlässt. In einer Schlüsselszene geht er mit Yousef und dessen Cousins auf die Jagd, ein die Schafe reißender Wolf muss erlegt werden. Doch die Familie beginnt das Abendgebet, Clay sieht das Raubtier, legt an und – drückt nicht ab. Der Amerikaner hat verstanden, dass ihm dieser Schuß nicht zusteht. Als wisse zumindest er, dass man mit Waffen der Welt nicht Gesetz und Ordnung bringen kann. Hier noch ein Songtipp für Yousefs und Alans nächsten Roadtrip: Triumph – „Fight the Good Fight“.

einhologrammfuerdenkoenig.x-verleih.de

Wien, 25. 4. 2016

Benjamin Black = John Banville: Eine Frau verschwindet

März 25, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Bis zum Ende ist der Ausgang unklar

9783462044676_10Das ist schon große Kunst. Fünfzig Seiten vor Schluss hat man zwar eine Ahnung, was passiert ist, aber längst noch keine Gewissheit. Man weiß, warum, aber nicht wie. Und mit dem wer, na, das ist so eine Sache … Der große irische Autor John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black einen weiteren Quirke-Roman vorgelegt. Es ist das dritte Buch, in dem der Dubliner Pathologe ermittelt, und auch, wenn nie wieder die Genialität der Handlung des ersten Falls „Nicht frei von Sünde“ erreicht werden kann, erzählt es eine fesselnde Geschichte.

Diesmal verschwindet eine junge Ärztin spurlos. Und Phoebe, Quirkes Tochter, ist überzeugt davon, dass diese, ihre Freundin, zu Tode gekommen ist. Quirke, der sich gerade erst aus einem Sanatorium für Suchtkranke eigenhändig entlassen hat, aber noch vor der Hälfte des Buches seinen ersten Whiskey, eine Flasche, kein Glas, geleert haben wird, „nur mit einem ausgewachsenen Kater fühlte er sich ganz er selbst“, macht sich auf die Suche. Diese April Latimer ist nämlich nicht nur das, was man in den 1950er-Jahren ein liederliches Mädchen nannte, sondern auch die Nichte des Gesundheitsministers, also Quirkes Vorgesetztem – und tatsächlich findet sich in ihrer Wohnung ihr Blut.

Hier hat zweifellos eine Abtreibung stattgefunden …

In verweht nostalgischem Tonfall lässt einen Banville-Black in eine aus österreichischer Sicht versunkene Welt eintauchen. Der Schriftsteller, der selbst unter der Zucht und Ordnung katholisch-irischer Erziehungsanstalten zu leiden hatte, arbeitet sich einmal mehr an seinen Lebensthemen ab: der Verlogenheit einer bigotten, grausamen Upper Class, die über ein Land herrscht, als wäre die Leibeigenschaft dort nie abgeschafft worden. Die Kirche, die Politik, die Wirtschaftsmächtigen, sie alle arbeiten daran, eine repressive – und frauenfeindliche – Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Banville-Black ist auch leidenschaftlicher Feminist. Er gibt seinen Protagonistinnen stets eine bedeutende Stimme. In einem Genre, in dem Weiblichkeit oft als Sekretärinnen- oder suspektes Beiwerk abgehandelt wird, sind seine Hauptdarstellerinnen gleichsam unterwegs in die Emanzipation.

Und, auch dies ein ständig wiederkehrendes Motiv in seinen Büchern, er ist ein wortgewaltiger Mitstreiter im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als 2009 in Irland ein riesiger Skandal aufgedeckt wurde, in katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang tausende Minderjährige gequält, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt; schweigender Komplize war der Staat, der das System finanzierte, denn die Einrichtungen erhielten eine Kopfprämie für jedes Kind, schrieb John Banville wütende Essays in allen wichtigen Zeitungen.

Banville-Black ist Experte im Umreißen des Dubliner Lokalkolorits, ein Meister der Milieuschilderung, und wie er die Erotik eines auf das Bett geworfenen Damenmantels entwirft, weist ihn das als literarischen Chronisten einer Zeit aus, in der sich nicht jeder jederzeit die Kleider vom Leib riss, sondern Sex subtiler beschrieben wurde. Seine Beschreibung des Personals ist prägnant, er genießt es offensichtlich, seine Figuren vorzustellen, erst langsam, fast schon enervierend langsam baut sich die Spannung auf. Da ist also einerseits die mächtige Familie Latimer, mit dem Minister-Onkel, der Vater ein verstorbener Held des irischen Freiheitskampfes, die Mutter eine Spinne im Netz aller ortsansässigen Wohltätigkeitsorganisationen, der Bruder ein bedeutender Gynäkologe.

Doch April bevorzugte einen anderen illustren Kreis. Einen aus Schauspielern, Journalisten – und einem Medizinstudenten aus Nigeria. Ein schöner Kerl, „sie genossen es, ihn dabeizuhaben, denn er verlieh ihnen etwas Kultiviertes, Kosmopolitisches“, außerdem wird ihm eine Affäre mit April nachgesagt, doch halb Dublin fürchtet oder verachtet den „schwarzen Mann“ – was Banville-Black diesbezüglich über Rassismus und Xenophobie zu sagen hat, liegt nicht Jahrzehnte zurück. In beiden Runden gibt man Quirke und seinem bärbeißigen Partner Inspektor Hackett deutlich zu verstehen, sie mögen gefälligst die Finger von der Angelegenheit lassen. Und dann fällt das Wort „besessen“. Im Sinne von krankhafter, fehlgeleiteter Liebe, nicht von Hokuspokus …

Der Schatten der Vergangenheit schwebt über den Figuren. Quirkes Schicksal verquickt sich mit dem des mutmaßlichen Opfers. Entlang der Geschichte der fremden Familie wird die seiner eigenen erzählt, der einen Kalamitäten, der anderen Verhängnis. Denn Quirke, man weiß es seither, ist natürlich „Nicht frei von Sünde“. Er hat seine Tochter Phoebe nach ihrer Geburt, bei der seine Frau verstarb, seinem Halbbruder Malachy Griffin überlassen. Zwanzig Jahre hielt Phoebe den für ihren leiblichen Vater, seit sie die Wahrheit erfahren hat, ist ihre ohnedies unglückliche Welt ein Stück eingebrochener. Nun übersiedelt auch noch die gemeinsame Stiefschwiegermutter Rose von Boston nach Dublin, eine steinreiche Grande Dame mit der festen Absicht einen der beiden Männer zu heiraten, doch Quirke liegt derweil in den Armen der Schauspielerin Isabel. Man kann Freundinnen der Tochter ja zu eigenen machen. Dass dies alles das schwierige Verhältnis zweier schwieriger Charaktere nicht erwärmt, ist klar.

Demnächst schon erscheint Band vier der Quirke-Krimis, „Tod im Sommer“, bei Kiepenheuer & Witsch, da begeht ein Zeitungsverleger Selbstmord, was der Totengott in Weiß freilich bezweifelt, und Banville-Black schließt diesen hier mit ein paar gemeinen Cliffhangern rund um Rose und Isabell. Erstere lässt außerdem die wieder einmal hoffnungslos liebende Phoebe von einem Bostoner Verehrer grüßen, dessen Verlobte?, „ach, die ist schon lange von der Bildfläche verschwunden. Mr Spalding ist frei und ungebunden“. Und auch Jimmy Minor wird weiter herumschnüffelt. Der kleine Schmierfink eines Dubliner Käseblatts, der in der April-Story eine Sensation wittert, ist als Figur einfach zu gut, um ihn fallen zu lassen.

Banville-Black hat seinen Zyniker Quirke mit einem beißenden Humor ausgestattet, den der Autor durchaus zu teilen scheint. In diesem Fall dadurch, dass er ihn einen sündteuren Luxuswagen kaufen lässt. Den meist angetrunkenen, dafür führerscheinlosen Quirke. Was der arme Malachy in diesem Auto mitmacht, ist vom Feinsten. „Um Himmels willen!“, rief Malachy, als Quirke das Steuer unsanft umriss. Quirke sah in den Rückspiegel. Der Junge stand immer noch mitten auf der Straße und brüllte ihnen etwas hinterher. „Ja“, sagte er nachdenklich, „wäre wohl nicht so gut, wenn man einen von ihnen umfährt. Die sind wahrscheinlich alle abgezählt, hier in dieser Stadt.“ Dieser Alvis TC108 wird übrigens am Ende eine tragende Rolle spielen. Eine in den Abgrund tragende. Obwohl gar nicht so klar ist, ob tatsächlich im eigentlichen Sinn ein Mord passiert ist, wird der Täter überführt. Wer das ist, steht ziemlich ausführlich in diesen Zeilen.

Über den Autor:

Benjamin Black ist das Pseudonym des irischen Schriftstellers John Banville, das er ausschließlich für die Publikation seiner Kriminalromane verwendet. Banville wurde 1945 in Wexford, Irland, geboren, wo er erst die Christian Brothers Schule und später das St. Peters´s College besuchte. Nach dem College ging er für ein Jahr nach Amerika und arbeitete nach seiner Rückkehr als Angestellter für die Fluggesellschaft Aer Lingus, was es ihm erlaubte ausgiebig zu reisen, bis er 1969 eine Stelle bei der Irish Press antrat. Er war mehr als 30 Jahre lang als Journalist tätig, von 1988 bis 1999 arbeitete er als Literaturkritiker für die Irish Times und leitete das Literaturressort der Zeitung. Neben seiner Arbeit als Journalist verfasste er zahlreiche Drehbücher und Theaterstücke. John Banville lebt und arbeitet heute als freier Autor und Literaturkritiker in Dublin, er schreibt unter anderem Kritiken für die New York Review of Books.

Banville erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Man Booker Prize für seinen Roman „Die See“. In der Begründung der Jury hieß es, das Werk sei eine „meisterhafte Studie von Leid, Erinnerung und wieder bewusst gewordener Liebe“. 2011 bekam Banville den Franz-Kafka-Literaturpreis, 2013 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und erhielt den Irish Book Lifetime Achievement Award. Für 2014 wurde ihm der Prinz-von-Asturien-Preis zugesprochen. John Banvilles Kriminalgeschichten spielen in der Regel im Irland der 1950er-Jahre, um den Pathologen und Alkoholiker Quirke. Laut Banville stellt das Dublin jener Zeit das perfekte Setting für Kriminalgeschichten: schäbig, neblig – und über allem der dunkle Kohlestaub. Banvilles letzter Krimi-Noir „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ weicht allerdings von dieser Regel ab: Die Handlung ereignet sich in Kalifornien und der ermittelnde Privatdetektiv ist die berühmte Figur des Schriftstellers Raymond Chandler – Philip Marlowe.

Kiepenheuer & Witsch, Benjamin Black alias John Banville: „Eine Frau verschwindet“, Kriminalroman, 352 Seiten. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien.

www.kiwi-verlag.de

www.benjaminblackbooks.com/quirke.htm

Wien, 25. 3. 2016