Jeder stirbt für sich allein

November 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fallada-Verfilmung mit Emma Thompson

Nach dem Tod ihres Sohnes an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 18. November kommt die langerwartete Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Pérez in die heimischen Kinos, und es ist schon so, dass diese nunmehr fünfte Kinoarbeit über Hans Falladas erstmals 1947 erschienenen NS-Widerstandsroman eine kleine Enttäuschung ist. Zwar ist sie sogar weniger pathostriefend als befürchtet, doch umso mehr trifft einen, dass es dem Schweizer Regisseur und Drehbuchautor offenbar nicht möglich war über die letzte Hürde zu springen.

In Sets, die aussehen wie die Postkarten, die die Protagonisten schreiben, gedreht wurde einmal mehr in Görlitz, erzählt er in konservativen Bildern in einer für ein großes Publikum weichgespülten Fassung seine Story. Wenig ist noch übrig von der Drastik, der Schonungslosigkeit des Buches, ja, Pérez missversteht Falladas spröden Schreibstil, er geht allzu schematisch vor, er entwirft seine Charaktere grob wie Holzschnitte; er hat nicht verstanden, dass es bei Fallada gerade die vorgetäuschte Emotionslosigkeit der Figuren ist, die einen tief berührt und in die Handlung involviert. Und: Emma Thompson, diese großartige, hochintelligente Schauspielerin, ist keine Anna Quangel. Das deutsche „Muttchen“, das sich mit Näharbeiten ein bisschen was dazu verdient, die unpolitische, einfache Hausfrau, die sich nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront gegen Hitler radikalisiert, die nimmt man ihr nicht ab. Der Trost ist, dass dank ihres Starstatus der Film international Aufmerksamkeit auf sich ziehen und der Welt ein weiteres neues Bild des innerdeutschen Widerstands präsentieren wird. Ein schmerzlinderndes Moment, an das man sich schon bei Tom Cruises „Operation Walküre“ zum Stauffenberg-Attentat gehalten hat, sagte doch sogar die Thompson im Interview: „Ich bin groß geworden mit der Vorstellung, dass alle Deutschen Nazis gewesen sein mussten …“

Die Geschichte ist wahr. Fallada hat sie aus Gestapo-Akten. Otto und Elise Hampel verfassten zwischen September 1940 und September 1942 an die 300 Postkarten und 200 Handzettel, in denen sie zum zivilen Ungehorsam gegen das Dritte Reich, zur Sabotage wichtiger Kriegsarbeiten und zur Auflehnung gegen das Mörderregime aufriefen. „Freie Presse“ nannten sie sich und legten ihre Schriften in Treppenhäusern rund um ihr Wohnviertel in Berlin-Wedding aus. Der Tischlermeister und sein „Muttchen“ wurden von der Gestapo ausgeforscht und 1943 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ durch das Fallbeil hingerichtet. Am Nachkriegsbau Amsterdamer Straße 10, das ursprüngliche Wohnhaus der Hampels wurde durch eine Fliegerbombe zerstört, erinnert heute eine Gedenktafel an das Ehepaar.

Kommissar Escherich auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Kommissar Escherich ist fieberhaft auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Folter in der Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Hausgemeinschaft beschreibt Pérez getreu der literarischen Vorlage, sie ist ein Gesellschaftskaleidoskop, dreht sich um Mitläufer und Überzeugungstäter und eine jüdische Mieterin, der nach der Plünderung ihrer Wohnung und ihrem Selbstmord sogar noch das Armkettchen vom Handgelenk gerissen wird. Im Keller haust der Kleinkriminelle Enno, in der Beletage ein pensionierter Richter, dem es im entscheidenden Moment doch an Courage mangelt. Lars Rudolph und Joachim Bißmeier verstehen es diesen Nebenfiguren dramatisches, sogar tragisches Profil zu geben, ebenso wie Daniel Strässer, der einen von der Nazi-Ideologie durchdrungenen Ermittler spielt und Katrin Pollitt als mitfühlende Briefträgerin. Es sind ihre Aufblitzer, die den Film doch sehenswert machen. Und während Emma Thompson die Anna Quangel mit durchgehend gleichbleibend sorgenzerfurchtem Gesicht gestaltet, man muss allerdings gerechterweise sagen, dass Anna im Roman eine wesentlich aktivere Rolle als im Film zukommt, zeigt Brendan Gleeson die Möglichkeiten auf, die diese Figuren bieten.

In winzigen Nuancen lässt er erahnen, wie es im Inneren seines Handwerkers wirklich aussieht. Wortkarg ist er, ein stiller Ehrenmann, und beim Auslegen der Postkarten ausgestattet mit der Ruhe eines, der nichts mehr zu verlieren hat. Sein Überlebenselexier ist das Anschreiben gegen die „Hitlerei“ und dabei verleiht Gleeson dem Quangel unaufgeregt eine große Würde. Als sein Kontrahent ist Daniel Brühl zu sehen, als Kommissar Escherich ein Mann, der sich als Kriminalist versteht, nicht aber das dumbe Treiben der SS-Schreihälse. Wie er versucht, seinen professionellen Ehrgeiz, den Fall zu lösen, und sein moralisches Empfinden in Einklang zu bringen, ist tatsächlich der einzige interessante innere Konflikt in einem Film, der ansonsten wie am Schnürchen schnurrt.

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Wie Brühl sich vom Standartenführer als „Intellektueller“ beschimpfen lassen muss, ein Begriff, der auch im hiesigen Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten als Schmähwort benutzt wurde, wie er einem Verdächtigen den Gnadentod vor der Gestapofolter gibt, wie er schließlich für sich selbst die Konsequenzen zieht, in diesen Szenen ist der Schauspieler ganz bei Fallada.

Den man, nachdem man den Film gesehen hat, unbedingt zur Hand nehmen sollte, um auch dem Medium Film geschuldete gestrichene Handlungsstränge nachzulesen. Erst dann nämlich erschließt sich der ganze Kreis des Grauens, den das Dritte Reich um die Menschen zog. Ihm fallen auch völlig unbeteiligte, wie Hans‘ Ex-Verlobte, längst anderweitig verheiratet und Mutter, zum Opfer. Oder eine Tierhändlerin, die Enno aus sexuellen Gründen Unterschlupf gewährt. Oder eine kommunistische Zelle in der Holzfabrik, die nur ausgehoben wird, weil man Quangel bereits auf der Spur ist … All das würde den Rahmen des Films sprengen, all das ist aber wichtig, um zu verstehen, wie die Todesmaschinerie der Nazis funktionierte. An einer Stelle sagt Otto über die Postkarten: „Sie sind wie Sandkörner, die wir in diese Maschine füttern. Ein Korn hält die Maschine nicht an. Aber wenn man immer mehr hineintut, dann wird es mit der Zeit Auswirkungen auf die Maschine haben.“

www.jederstirbtfuersichallein.x-verleih.de

Wien, 17. 11. 2016

Akademietheater: Endspiel

September 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Poesie einer clownesken Verzweiflung

Nicholas Ofczarek und Michael Maerten in einer perfekt clownesken Performance als Hamm und Clov. Bild: Bernd Uhlig

Als wär’s die Erschaffung des Hamm: Nicholas Ofczarek und „Clov“ Michael Maertens erstarren in einer Michelangelo’schen Geste. Bild: Bernd Uhlig

Dieter Dorns fulminante Festspielinszenierung von Becketts „Endspiel“ ist ans Akademietheater übersiedelt, und hat auf ihrem Weg von Salzburg nach Wien erwartungsgemäß nichts von ihrer Brillanz eingebüßt.

Dorn lässt seine vier überragenden Schauspieler Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, Barbara Petritsch und Joachim Bißmeier die Beckett’schen Worte wie eine Partitur lesen, Takt für Takt wird die vieldeutige Komposition wiedergegeben.

Da sitzt jede Silbe – noch wichtiger aber: jede Pause im Text. Dass eine solcherart überraschungsbefreite, freilich auch den Vorgaben des Bühnenverlags geschuldete, schnickschnacklose Arbeit nicht in die Fadesse des Ewig-gleich-Gesehenen driftet, zeigt, dass Werktreue was für Meisters ist. Dorn hat den immerwährenden Existenzkrampf mit höchster Seelenruhe auf die Bühne gehoben, und tatsächlich weist sein Beckett-Hochamt einiges an negativen Gottesbeweisen auf, er entzieht sich aber dem allzu akademischen Diskurs, indem er das Fleisch fröhlich vor sich hin faulen lässt. Wäre seine „Endspiel“-Inszenierung ein Gefühl, sie würde jucken, wäre sie ein Geruch, sie würde brunzeln. Fast glaubt man sie zu riechen, die miefige Luft und die versifften Kleider und die abgestandene Ausweglosigkeit.

Das Desaster-Duo Hamm und Clov geben Ofczarek und Maertens, ersterer im plüschroten Rollstuhlthron, blind, wie ein Abbild von Francis Bacons Papst Innozenz X., zweiterer mit gebeugtem Rücken und steifen Beinen, ein Schelm, der da an Freddie Frinton denkt. In einer Sperrholzspielzeugschachtel werden sie an die Rampe gefahren, diese versehrten, verheerten Gestalten. Maertens enthüllt seine Mitspieler wie Puppen, unterm Tuch und aus den Mülltonnen schlüpfen sie hervor, wie Untote, denen einmal noch das Leben aufgezogen wird. Das Spiel kann beginnen. Dorn hat mit seinen Darstellern ein formvollendendes gestisches Regelwerk für dieses Werk ohne Regeln ausgefeilt. Vor allem Maertens vollbringt diesbezüglich Höchstleistungen, turnt und tappt und slapstickt sich vorwärts und donnert auch mal apokalyptisch, während der zur Regungslosigkeit verpflichtete Ofczarek sich auf die subtile, singsangende Ausdrucksstärke seiner stimmlichen Modulierfähigkeit verlassen kann.

Mutterliebe, in die Tonne getreten: Barbara Petritsch als Nell mit Maertens und Ofczarek. Bild: Bernd Uhlig

Die Liebkosung der Schmerzensmutter: Barbara Petritsch als Nell mit Maertens und Ofczarek. Bild: Bernd Uhlig

Gott hat sich schon länger nicht gemeldet: Joachim Bißmeier als Nagg. Bild: Bernd Uhlig

Gott hat sich schon länger nicht gemeldet: Joachim Bißmeier versucht als Nagg ein Gebet. Bild: Bernd Uhlig

Und so beobachtet man sie denn, diese grausigen Clowns bei ihren alltäglichen Demütigungsritualen, wie sie ihr Abhängigkeitsverhältnis in gegenseitiger Angstmache auskosten, es kultivieren. Böse Zeitgenossenzungen behaupteten ja, die Dialoge seien eins-zu-eins zwischen Beckett und seiner späteren Ehefrau Suzanne Dechevaux-Dumesnil so gesprochen worden, 50 Jahre waren die beiden ein Paar, und diese Idee verleiht dem Werk immer wieder einen ganz eigenen Humor. Ofczarek und Maertens jedenfalls sind exzellent in ihrer Exaktheit, zwei Virtuosen der clownesken Verzweiflung, sie protzen mit der Poesie des Gesagten, und ja, es klingt nach: Nichts ist so komisch wie das Unglück.

Der Nachhall ist heutig, der Herr über die letzten Ressourcen schindet die Arbeitskraft, sein störrischer Dienstleister ist zeitgleich gefinkelter Tyrann, der Kopf und die Gliedmaßen in Hassliebe miteinander verbunden und ohne Chance lebend voneinander loszukommen. „Fern wärest du tot“, sagt Hamm. „Und umgekehrt“, sagt Clov. Und wie in Überhöhung dieser Übung schnellt Bißmeier wie ein Springteufel aus seiner Tonne, sein Nagg ein zorniger Widerborst bis zum bitteren Ende, Barbara Petritsch als seine Nell eine zarte, fast anmutige Dulderin. Ihnen gehören mit die schönsten Momente, ein vergeblicher, ans Herz rührender Kussversuch, eine angedeutete Liebkosung Clovs für die Schmerzensmutter, ein Zwieback zum Zähneausbeißen.

Dem Ende zu eine rasante Schussfahrt: Ofczarek mit Maertens. Bild: Bernd Uhlig

In rasanter Rollstuhlfahrt geht’s dem Ende zu: Ofczarek mit Maertens. Bild: Bernd Uhlig

Petritsch und Bißmeier stellen all die großen Fragen zum Sinn und über den Nonsense des Daseins, und, ein Glück, Dorn beantwortet sie nicht. „Es ist wie der gute Witz, der einem zu oft erzählt wird, wir finden ihn immer gut, aber wir lachen nicht mehr darüber“, sagt Nell. Dieter Dorns „Endspiel“ ist eine exemplarische Arbeit, die mit unerträglicher Leichtigkeit durch des Menschen Fähigkeiten im Leidzufügen wie im Leidertragen führt.

Die Raum, Rhythmus, Rede in höchster Kunstfertigkeit verzahnt. Sie hat zweifellos das Zeug zum Klassiker. Zum Schluss wird die Spielzeugschachtel wieder zurückgefahren, die Schauspieler erstarren in einer letzten Pose. Aus – und natürlich frenetischer Applaus.

www.burgtheater.at

Wien, 7. 9. 2016

Theatermuseum: Stefan Zweig – Abschied von Europa

März 26, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

„Wir brauchen einen ganz anderen Mut!“

Bild: © Stefan Zweig Centre Salzburg

Bild: © Stefan Zweig Centre Salzburg

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) verbrachte die letzten acht Jahre seines Lebens im Exil. Im Februar 1934 emigrierte er nach England, im Juni 1940 verließ er mit seiner Ehefrau Lotte Europa. Sie hielten sich in den USA und in Brasilien auf, wo sie sich schließlich Ende Februar 1942 gemeinsam das Leben nahmen.

Ab 3. April zeigt die Ausstellung des Theatermuseums Leben und Werk Stefan Zweigs aus dem Blickwinkel des Exils. Von herausragender Bedeutung sind dabei zwei Texte, die erst in den letzten Jahren des Exils entstanden sind: In seinen Erinnerungen Die Welt von Gestern beschwört Zweig das alte Europa; in der Schachnovelle gestaltet er hingegen jenes Grauen, das den Untergang Europas besiegelt hat. Diese beiden Texte stehen im Zentrum der Ausstellung. Erstmals ist es gelungen, Zweigs Manuskripte und Typoskripte aus Archiven in den USA und Israel in Österreich zu zeigen. Mit Stefan Zweigs Abschied von Europa musste auch seine berühmte Autographensammlung aufgelöst werden. Was vielen bisher unbekannt ist: Ein wesentlicher Teil der Handschriften kam als Geschenk in die Theatersammlung nach Wien. Erstmals sind einige dieser wertvollen Stücke zu sehen. Last but not least: Natürlich wird in einem Theatermuseum auch der zu Lebzeiten sehr erfolgreiche Dramatiker Stefan Zweig gewürdigt!

Die Ausstellung des Theatermuseums wurde von Klemens Renoldner konzipiert und von Peter Karlhuber gestaltet. Sie wird begleitet von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm, unter anderem Lesungen von Joachim Bißmeier, Klaus-Maria Brandauer, Regina Fritsch und Michael Heltau, sowie einem Lesebuch, das im Christian Brandstätter Verlag erschienen ist.

www.theatermuseum.at

Wien, 26. 3. 2014

Sommerspiele Perchtoldsdorf: „Der Revisor“

Juli 4, 2013 in Bühne

Witzfiguren einmal ernst genommen

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz Bild: Barbara Palffy

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz
Bild: Barbara Palffy

Mit Gogols „Der Revisor“ verabschiedet sich Barbara Bissmeier als Intendantin der Sommerspiele Perchtoldsdorf. Christine Wipplinger führte Regie in dem nach einer Puschkin-Anekdote (der Dichter wurde in einer Provinzstadt tatsächlich einmal für einen geheimen Moskauer Beamten gehalten) 1835 verfassten Stück. Und sie tat es mit Verve und Augenzwinkern und mit historischen Kostümen. Weil man Korruption und Bestechung dieser Tage ja kaum mehr kennt, oder? Die Verhältnisse, sie sind nicht so, wenn die Motten ein Irrlicht umschwirren … Und so gelang es Wipplinger einerseits das Groteske an Gogols Satire herauszukitzeln, andererseits seine Honoratioren, allesamt Witzfiguren, sehr ernst zu nehmen. Lachen mit Köpfchen (statt Schenkelklopfhumor) ist an diesem Abend angesagt. Dazu beglückte die Regisseurin mit perfektem Komödien-Timing. Und: Die prächtige Perchtoldsdorfer Burg war wieder als wichtiger Teil der Kulisse (Bühnenbild: Erich Uiberlacker) im Spiel. Die neue Übersetzung von Andrej Iwanowski lässt zwischen den Zeilen auch Zotiges zu.

Raphael von Bargen gibt den „Revisor“ Chlestakow, Sven Dolinski seinen Diener Ossip. Einer ein größeres Schlitzohr als der andere leben sie zwischen Streit und Subversion. Wobei Ersterer vom hochtrabenden Hochstapler in Sekundenschnelle zu weinerlich-wehleidig changieren kann, wenn er sich enttarnt glaubt, während sich die Loyalität des Zweiteren in Grenzen hält, so lange finanzielle Zuwendungen in seine Tasche fließen. Beide liefern ein Kabinettstück ab, vor allem Dolinski, der seinem Ossip völlig neue Farben gibt.

Das zweite Traumpaar des Abends sind I Stangl und Horst Heiss als Gutsbesitzer Bobtschinski und Dobtschinski, ein Duo wie weiland Laurel und Hardy. Dann natürlich die gewichtigen Männer: Fritz Hammel ist ein bösartig katzbuckelnder, cholerischer Stadthauptmann, der nicht seine mit wenig Intelligenz gesegnete Truppe an die Kandare nehmen muss, sondern auch Frau (Petra Strasser) und Tochter (Katharina Haudum), die sich alsbald um die Zuneigung des Feschak Chlestakow in den Haaren liegen bzw. an diesen ziehen. Oliver Huether ist ein selbstgerechter, sich seiner zwischen Aktenbergen verborgenen Sache sehr sicherer Richter; Georg Kusztrich ein ängstlicher Armenanstaltsverwalter, setzt er doch auf die Devise: Wozu Medizin? Wen die Natur nicht heilt, den holt Gott eben zu sich … Ein Panoptikum menschlicher Grauslichkeiten, das Wipplinger da auf die Bühne stellt. Und zwar so, dass die „Anfütterung“ des vermeintlichen Revisors durchaus für Erheiterung sorgt. Am Schluss ist der, sattgefressen und die Taschen voller Geld, schon wieder unterwegs – aber das Unheil für die Stadt, in der jeder Dreck am Stecken hat, noch nicht zu Ende …

Wieder einmal sieht man in Perchtoldsdorf also Unterhaltung mit Haltung. Mit Niveau. Bissmeiers Nachfolger, Michael Sturminger, will diesen erfolgreichen Weg 2014 mit „Das Kätchen von Heilbronn“ fortsetzen.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/barbara-bissmeier-und-michael-sturminger-im-gesprach/

Von Michaela Mottinger

Wien, 4. 7. 2013

Barbara Bissmeier und Michael Sturminger im Gespräch

Juni 27, 2013 in Bühne

Sommerspiele Perchtoldsdorf: „Der Revisor“

Barbara Bissmeier Bild: Barbara Palffy

Barbara Bissmeier
Bild: Barbara Palffy

Barbara Bissmeier verabschiedet sich mit Gogol Satire (Premiere ist am 3. Juli) von Perchtoldsdorf. Ihr Nachfolger als Intendant wird Michael Sturminger. Ein Gespräch:

MM: Sie verlassen Perchtoldsdorf als Intendantin. Warum jetzt der Abschied? Überwiegt das lachende oder das weinende Auge?

Barbara Bissmeier: Ach, im Moment bei diesen Wetterkapriolen das lachende. Es wird schön sein, nicht jeder Juli zum Himmel zu schauen ob er weint, ob man die Leute in den unterirdischen Saal scheuchen muss. Dem Juli ein bissl entspannter entgegen zu sehen, darauf freue ich mich schon. Ich hab’s wahnsinnig gern gemacht, aber es halt eine Nervengeschichte. Was ich immer mochte war, dass wir mit den Kollegen eine Superfamilie sind. Ich bin nicht die Chefin, ich bin eine von ihnen, ich gehöre zur Truppe und bin halt die „Oberhex’“ – durch mein Alter und durch meine Tätigkeiten verstehe ich halt relativ viel von Theater. Und dadurch und durch meinen Mann (den Burgtheaterschauspieler Joachim Bissmeier) kenne ich viele Kollegen auch privater. Das ist einfach sehr, sehr gut.

MM: Warum nun zum Abschluss „Der Revisor“?

Bissmeier: Das ist eine lustige Geschichte. Es hatte mich unsere jetzige Regisseurin Christine Wipplinger eingeladen, mir in Kobersdorf den „Eingebildeten Kranken“ anzuschauen. Ich hatte von ihr schon Arbeiten gesehen, denn ich bin  ja unentwegt unterwegs, und habe diese weibliche Hand schon zu schätzen gewusst. Ich fand die Inszenierung fulminant mit Fritz Hammel und Petra Strasser, die heuer bei uns spielen. Wir sind nachher ins Reden gekommen, was gemeinsam zu machen, was anzudenken, und ihre erste Idee war „Der Revisor“. Der steht bei mir schon ganz lang auf der Wunschliste. Christine hat ein Jahr in Moskau gelebt, hatte dort auch einen Freund, der uns jetzt das Stück neu übersetzt hat. Sie hat einen speziellen Umgang mit dem Stoff, erklärt uns bei jeder Silbe, wie man sie richtig ausspricht. Die Frau hat einfach a guate Pratzn.

MM: Raphael von Bargen spielt die Titelrolle. Wessen Idee war das?

Bissmeier: Meine. Natürlich. Ich kenne ihn ja. Er hat mit meinem Mann im „Woyzeck“ gespielt, beide waren für den Nestroypreis nominiert. Über den Raphael bin ich sehr froh, weil er eine Mordsspiellust hat, unentwegt anbietet, zeigt und macht, und die anderen gehen drauf ein. Es sind die Proben schon so lustig, weil sie so eine Spielfreude haben und so gern miteinander spielen. Egal, ob bei der Riesenhitzewelle, die wir hatten, oder bei Regen.

MM: Sie haben immer Sommertheater mit Anspruch gemacht, mit Haltung. Das ist Ihnen offensichtlich ein Anliegen.

Bissmeier: Absolut. Mein lieber Mann zerwuzzelt sich immer, wenn ich mich aufrege, wenn jemand das Wort Sommertheater erwähnt. Er sagt: Ich spielt’s doch im Sommer, also ist es Sommertheater. Aber für mich ist der Begriff so mit Schenkelklopfkomödien besetzt und genau das wollte ich nicht. Perchtoldsdorf ist auch ein anderer Ort. Wir sind vor den Toren Wiens, unser Publikum gehen ins Burgtheater, in die Josefstadt … die schätzen diesen Anspruch. Weltliteratur mit guten Schauspielern. Und wenn es von der Gemeinde so angenommen wird, wenn wir die erste Riege an Schauspielern da haben, dann habe ich etwas richtig gemacht. Wir haben einen sehr guten Ruf in der Theaterlandschaft. Das ist mir sehr wichtig.

MM: Das stimmt. War’s dadurch immer einfacher, diese Schauspielstars nach Perchtoldsdorf zu bringen?

Bissmeier: Oh ja, das kann ich schon sagen. Wenn man anruft und sagt: ‚Hallo, Bissmeier …’ und die Antwort ist: ‚Jö!’, da hat man schon einen anderen Zugang. Begonnen habe ich ja mit Dr. Löhnert, der nicht aus dem Metier ist, sondern Rechtsanwalt mit großer Liebe zu den Künsten. Als er mich gefragt hat, ob ich’s mit ihm mache, hab’ ich nicht lange nachgedacht. Ich habe ihm drei Regisseure vorgestellt, er hat sich den Sturminger, der jetzt mein Nachfolger wird, ausgesucht. So haben wir begonnen mit „Geschichten aus dem Wienerwald“. Als erstes habe unseren Uraltfreund Branko Samarovski gefragt, ob er den Zauberkönig spielen will. Wenn du einen seriösen Namen hast, ist es leichter ein tolles Ensemble zusammen zu kriegen. So folgten Karl Markovics als Oskar, Gerti Drassl als Marianne, Erni Mangold als Großmutter, Brigitte Krenn als Mutter … Andreas Lust war der Alfred … eine sehr schöne Inszenierung. Im zweiten Jahr haben wir „Was ihr wollt“ gemacht,  wieder mit dem Karl, der Gerti, Georg Friedrich, der dann auch beim „Tartuffe“ dabei war, und Gregor Bloéb als Sir Toby Rülp im Kilt  – und da gab’s eine Fechtszene, bei der Gregor der Kilt heruntergerissen wird. Und unterm Kilt trägt man … no … Das war sehr lustig.

 MM: Was würden Sie in all diesen Jahren als  größten Erfolg sehen?

Bissmeier: Die baulichen Maßnahmen, die Wetterunabhängigkeit durch den Saal unter dem Burghof. Früher saß ich wie die Parze am Rand, um rechtzeitig eingreifen zu können, wenn’s zum Tröpfeln anfängt. Künstlerisch: Die „Geschichten aus dem Wienerwald“, weil wir das wirklich aus dem Nichts auf die Beine gestellt haben. Dann meine erste alleinige Produktion, der „Hamlet“ mit Florian Teichtmeister und Christian Brandauer, der am Klavier seine Kompositionen gespielt hat. Da wurde während der Proben gerade umgebaut, und der arme Florian hat sein „Sein oder Nichtsein“ neben der Betonmischmaschine gesprochen. Da gab’s eine Vorstellung da gingen neben Silvia Meisterle, die die Ophelia war, die Blitze nieder. Ich sag nachher zu ihr: ‚Ich hab’ mich so um dich gefürchtet, hattest du keine Angst?“ Und sie antwortet: ‚Warum? Was wäre ein schönerer Theatertod?’ Das als Drittes: Der „Macbeth“ aus dem Vorjahr mit Dietmar König, Alexandra Henkel und ihren Buben.

 MM: Was hätten Sie gerne noch umgesetzt?

Bissmeier: „Richard III.“ hätte ich gerne gemacht. Aber das kommt vielleicht ja noch, ich hätte drei Aspiranten, die’s gerne spielen würden. 2014 steht einmal „Das Käthchen von Heilbronn“ auf dem Programm vom Michael Sturminger.

 MM: Und: Was ich Ihnen nicht glaube ist, dass Sie Ihre Theaterleidenschaft jetzt nur mehr als Zuschauerin ausleben werden.

Bissmeier: (Sie lacht.) Ich werde heuer 70. Ich habe vier Enkelkinder, die wissen noch nicht, wie oft ich sie künftig ins Theater schleppen werde. Außerdem spielt mein Mann nächste Saison wieder an der Burg  im „König Lear“ mit Klaus Maria Brandauer. Aber Sie haben Recht: Ich komme ja von der Kinderoper, vom Musiktheater, Ioan Holender hat mich damals geholt und dann eingespart, es wird mich vielleicht wieder in diese Richtung ziehen. Herr Holender hat mir einen Brief geschrieben, wie sehr er unsere Aufführungen schätzt. Er kommt heuer auch.

MM: Ist Perchtoldsdorf ein einfaches Pflaster, um Theater zu machen?

Bissmeier: Sie lieben das Sommertheater sehr, sie unterstützen es sehr. Sie sind ein wenig vorsichtig, was die Finanzen betrifft. Jetzt wurde es zunehmend ein bissl schwieriger, weil sie, da sie ja der Veranstalter sind, ins Künstlerische eingreifen wollten. Da muss ich mich manchmal wehren, damit das Merkantile nicht überwiegt. Aber wie gesagt: Sie stehen sehr dahinter, auch mit Sachbeiträgen, haben ein Infocenter errichtet, sie unterstützen, wo’s geht. Leidenschaft zum Theater haben sie.

MM: Ihr Nachfolger ist Michael Sturminger.

Bissmeier: Wir kennen einander sehr lange. Ich habe ihn durch meinen Mann kennen gelernt. Als ich dann gefragt wurde, Kinderoper zu machen, habe ich Holender vorgeschlagen, ihn als Regisseur zu nehmen. So haben wir das „Traumfresserchen“ gemacht. Aus den Zeichnungen von Michaels Kindern haben wir damals das Bühnenbild gemacht. Er hat eine Wahnsinnsgeduld und eine Hartnäckigkeit und eine Freundlichkeit und eine sanfte Art, aber ihn kann nichts so leicht aus den Pantinen kippen. Eines Tages nun ruft mich der Sturminger an und fragt: ‚Stimmt das, du hörst auf?’ Und ich: ‚Wenn’s dich wirklich interessiert, wäre das wunderbar. Du kennst die Gegebenheiten, den Ort, die Leute – perfekt!’ Das war’s.

MM: Herr Sturminger, was hat Sie daran gereizt, die Perchtoldsdorfer Intendanz anzunehmen?

Michael Sturminger: Die Perchtoldsdorfer Sommerspiele haben mir drei wunderbare Sommer mit  sehr erfreulichen Produktionen beschert. Wenn ich an die ‚Geschichten  aus dem Wienerwald‘ oder ‚Was ihr wollt‘ mit wunderbaren Schauspielern wie Branko sSamorovsky, Gerti Drassl, Karl Markovich, Gregor Bloéb und  Georg Friedrich denke, oder an ,Tartuffe‘ mit Markus Hering und Dorothee  Hartinger, dann freue ich mich schon auf die nächsten Jahre.

MM: Frau Bissmeier hat die Latte hoch gelegt. Man sah hier immer anspruchsvolles Theater, nie seichte Sommerkomödien. In welche  Richtung wollen Sie – schon Pläne/Ideen?

Sturminger: Barbara hat mich als Referentin des Intendanten Löhnert nach Perchtoldsdorf gebracht, sie ist also direkt schuld daran, dass ich jetzt – hoffentlich ganz in ihrem Sinne – ihr Nachfolger sein werde.

MM: Sie haben sogar das Herz von John Malkovich schmelzen lassen. Wie wird sich Ihre neue Aufgabe auf Ihre anderen Arbeiten auswirken? Holen Sie die Weltstars nun nach Niederösterreich?

Sturminger: Ich hoffe absolut interessante und talentierte Schauspieler nach Perchtoldsdorf bringen zu können, die Schauspieler waren auch in den vergangenen Jahren oft die wichtigsten Argumente um nach Perchtoldsdorf zu kommen. Bei ‚Was ihr wollt‘ hatten wir eine fantastische russische Filmschauspielerin namens Chulpan Khamatova als Viola. In diesem Sinne wollen wir so weitermachen. Ich denke aber,  dass die deutsche Sprache in Perchtoldsdorf wohl die Grenze für unsere internationalen Ausflüge definieren wird.

Der Revisor: Es spielen u. a. Raphael von Bargen, Sven Dolinski, Fritz Hammel, Petra Strasser, Oliver Huether, Georg Kusztrich und I Stangl. Regie: Christine Wipplinger.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 27. 6. 2013