Das Theater der Jugend kämpft mit Geldsorgen

September 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Birkmeir braucht noch mal 500.000 Euro

Human Being Parzival Bild: Rita Newman

Human Being Parzival
Bild: Rita Newman

Die Zahlen zuerst: In der vorigen Saison haben 276.500 Besucher die Vorstellungen des Theaters der Jugend gesehen, was einer Auslastung von 96 Prozent entspricht.  Die wirtschaftlichen Eigenleistung liegt bei 47 Prozent. 44.000 Abonnenten machen das Haus zum größten Kinder- und Jugendtheater Europas. Doch trotz dieser Erfolge, mit den seit 2008 nicht mehr erhöhten Subventionen käme man heuer gerade noch einigermaßen über die Runden. „Dann weiß ich nicht mehr weiter“, sagte Direktor Thomas Birkmeir bei der Programmpräsentation für die Saison 2015/16. Das Theater der Jugend brauche 500.000 Euro pro Jahr mehr, um künftig einen vergleichbaren Spielbetrieb aufrechterhalten zu können. Schon jetzt habe man gravierende Schnitte setzen müssen, den üblichen Tag der Offenen Tür zu Saisonbeginn könne man sich nicht mehr leisten: „Das Existenzbedrohende umklammert uns bereits mit kalter Hand“, so Birkmeir. „Produktionen im Großen Haus dürfen nur noch sechs Schauspieler benötigen, im kleinen vier. Das ist echt an der Kante zum Desaströsen. Es wird ein hartes Jahr für uns.“ Bei den politisch Verantwortlichen könne er keinerlei Perspektive im Umgang mit der Situation ausmachen. Wiewohl bei Kindern sparen sicherlich ein Sparen am falschen Platz ist …

Zum Künstlerischen: Es werden acht Neuproduktionen gezeigt, darunter sind die beiden märchenhaften Uraufführungen „Die automatische Prinzessin – Fantastische Fabeln aus 1001 Nacht“ (12. 2. 2016) von Henry Manson und „Der Pirat im Kleiderschrank“ (24. 5. 2016) von Thomas Birkmeir. „Eine inhaltliche und thematische Klammer bildet die Fragestellung nach Wert und Gültigkeit des Generationenvertrags in unserer heutigen Gesellschaft“, erklärt der sein Spielzeitmotto.

Die Saison beginnt am 9. Oktober im Renaissancetheater mit einer Bühnenadaption des Nicht-nur-Kinderbuchklassikers „Momo“ von Michael Ende, es inszeniert Michael Schachinger. Die grauen Herren sind für Birkmeir ein Synonym für unheimliche Erscheinungen unserer Zeit: „Es ist wichtig, dass wir unsere Kinder vor ausländerfeindlichen Parolen schützen und ihnen die Werkzeuge geben, diesen zu begegnen.“ Im zweiten Haus, dem Theater im Zentrum, ist ab 15. Oktober die Produktion „Human Being Parzival“, eine moderne Version des mittelalterlichen Vers-Epos von Wolfram von Eschenbach, zu sehen. Bei Bernhard Studlar sucht statt eines Ritters ein Teenager Wege zu sich selbst. Jakob Elsenwenger spielt den Parzival, Uwe Achilles unter anderem den Anfortas. Außerdem steht in der deutschsprachigen Erstaufführung „Kalle Blomquist lebt gefährlich“ (11. 12.) von Astrid Lindgren auf dem Programm.

„Beautiful Thing“ (8. 4. 2016) von Jonathan Harvey in der Regie von Werner Sobotka wird erstmals in Österreich aufgeführt und geht der Liebe von zwei jungen Männern auf den Grund. Eine Komödie, wie vielleicht nur die Engländer sie schreiben können. Ein Stück, das den Drahtseilakt zwischen Ernsthaftigkeit des Stoffes und pointiertem Humor mit Leichtigkeit bewältigt. Situationskomik wechselt sich ab mit atemberaubenden und stillen Momenten. Die Stücke von Jonathan Harvey, einem ehemaligen Lehrer, sind vielfach preisgekrönt. Er verfasst ebenso erfolgreich Drehbücher für das Fernsehen. Zudem schrieb er das Buch zum Pet-Shop-Boys-Musical „Closer to heaven“.“Netboy“ (26. 4. 2016) thematisiert Cybermobbing. Auf ebenso spannende wie einfühlsame Art verfolgt die Autorin Petra Wüllenweber das Thema von seinen harmlosen Anfängen in der vermeintlichen Anonymität bis zu seinen sehr realen Folgen in der Wirklichkeit. „Tschick“ (12. 1. 2016) ist ein Road-Trip durch Deutschland, Birkmeir selbst setzt Wolfgang Herrndorfs Coming-of-Age-Story in Szene. Die Geschichte wurde mit Superlativen bedacht, Herrndorf in eine Reihe mit Mark Twain und J. D. Salinger gestellt. Noch vor dem tragischen Tod des Autors wurde der Roman mit vielen Auszeichnungen – unter anderem dem Deutschen Jugendliteraturpreis – gewürdigt und in 24 Sprachen übersetzt.

Auch für die aktuelle Saison stehen unterschiedlich zusammengestellte Abonnements für verschiedene Altersgruppen zur Verfügung. Diese Abos umfassen nicht nur Stücke im Renaissancetheater und Theater im Zentrum, sondern auch auf weiteren Wiener Bühnen.

www.tdj.at

Wien, 11. 9. 2015

Theater der Jugend: Der Hund der Baskervilles

Januar 8, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gruseln mit dem Geisterkläffer

„Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist.“ Arthur Conan Doyle. Der Hund der Baskervilles.

Bild: Rita Newman

Bild: Rita Newman

Am 14. Jänner wird im Theater der Jugend (Spielstätte: Theater im Zentrum) die Bühnenadaption von Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Roman „Der Hund der Baskervilles“ uraufgeführt: Eine Leiche wird im Dartmoor gefunden. Keine Spur von Gewaltanwendung, aber das Gesicht entsetzlich verzerrt – vor Todesangst, so sagt man … Das Opfer: Sir Charles Baskerville. Schon bald vermutet man in der Gegend, dass es der „Fluch des Hundes“ war, der auf den Baskervilles lastet. Eine schrecklich geisterhafte Bestie habe im Jahre 1648 den ruchlosen Hugo Baskerville getötet und suche seither seine Nachkommen in ihr Verderben zu hetzen. Kein Fall, den Sherlock Holmes als würdig erachtet. Er schickt lieber seinen Gehilfen Dr. Watson nach Devonshire zu den Baskervilles. Und Dr. Watson will beweisen, dass auch er durchaus über die Qualitäten eines Superdetektivs verfügt. Kaum im Moor, versinkt er jedoch fast auf Nimmerwiedersehen, und erfährt zudem, dass im benachbarten Zuchthaus ein verrückter Serienkiller ausgebrochen ist. Er macht Entdeckungen, deren Rätsel er nicht zu entwirren weiß. Bald raucht ihm der Schädel. Den eigenen Schatten überspringen – und Sherlock Holmes um Hilfe bitten?

Der dritte Sherlock Holmes-Roman gilt als der beste von Sir Arthur Conan Doyle. Doyle, zu seiner Zeit einer der höchstbezahlten Schriftsteller der Welt, ließ seinen berühmten Detektiv und dessen etwas tölpelhaften Gehilfen im „Beeton Christmas Annual“ erstmals das Licht der Welt erblicken. Er wurde seiner literarischen Figur jedoch bald überdrüssig und ließ den Detektiv in einer Erzählung einen Wasserfall hinabstürzen. Ein Proteststurm seiner Leserschaft zeigte keine Folgen. Jahre später, von einer Legende um einen schauerlichen Geisterhund im Dartmoor zu einem Roman inspiriert, griff er während des Schreibens auf seine Figur Sherlock Holmes zurück, obwohl er die Reihe für beendet erklärt hatte. Die Legende erzählte ihm der Journalist und Schriftsteller Bertram Fletcher Robinson, eine Gruselgeschichte über Richard Capel von Brooke Manor. Capel war ein reicher Landbesitzer in Devon, der berüchtigt dafür war, die Töchter seiner Pächter zu entführen und zu vergewaltigen. Der Überlieferung nach wurde Capel 1677 im Buckfastleigh-Moor von einem Rudel dämonischer Hunde zu Tode gehetzt. Doyle reiste nach Dartmoor, um ein wenig der realen Atmosphäre mit in das Buch aufnehmen zu können. Sein Kutscher hieß Harry Baskerville … Veröffentlicht wurde der Krimi 1901/02 als Fortsetungsroman im Strand Magazin.

Am Theater der Jugend setzt Michael Schachermaier den schaurig schönen Stoff in Szene. Es spielen Uwe Achilles, Frank Engelhardt, Clemens Matzka und Christian Pfütze. Die Fassung ist von TdJ-Chef Thomas Birkmeir. Empfohlen ab 13 Jahren.

www.tdj.at

Wien, 8. 1. 2014

Theater in der Josefstadt: „Hochzeit auf Italienisch“

Oktober 4, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tempo, Tollheit und viel Temperament

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana) Bild: © Sepp Gallauer

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana), Siegfried Walther (Alfredo)
Bild: © Sepp Gallauer

Ach, jetzt noch Pesce all’Acquapazza oder eine Portion Involtini di carne di bufala mit Sformato di Zucchine, dazu ein ehrlicher Taurasi – und das Glück wäre perfekt. Für die Dolci haben Sandra Cervik und Herbert Föttinger ja ausreichend gesorgt. Er diesmal nicht in seiner Funktion als Josefstadt-Direktor, sondern in der Rolle des neapolitanischen Süßwarenfabrikanten Domenico Soriano. Sie, weil sie als „Filumena Marturano“ (so der eigentliche Titel der Theatertragikomödie von Eduardo De Filippo aus dem Jahr 1946) edelzartbitter zu Tränen rührt. „Hochzeit auf Italienisch“ – 1964 von Vittorio De Sica mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni verfilmt – hält das Künstlerehepaar nun auf der Bühne. Ein vorprogrammierter Publikumserfolg. Der Garant für ein volles Haus. Völlig zu Recht. Denn die Inszenierung vom hauptberuflichen Theater-der-Jugend-Chef Thomas Birkmeir ist entzückend. Unter anderem oder vor allem, weil er als Regisseur das Tragi- genauso ernst nimmt wie das -komische.

Der Inhalt: Vor 25 Jahren hat Domenico die Dirne Filumena kennengelernt und, der Stammkundenschaft überdrüssig, sie in sein Haus genommen. Die in mehrfacher Hinsicht wilde Ehe bringt’s mit sich, dass Filumena Domenicos demente Mutter pflegen, den Haushalt und bald auch die Geschäfte führen muss. Der feine Herr nämlich treibt sich lieber in der Weltgeschichte herum, um’s zu treiben. Doch nun plötzlich soll die Ex-Prostituierte weg. Domenico will seine blutjunge Sekretärin Diana heiraten. Filumena wird „sterbenskrank“, erzwingt auf dem Totenbett die Eheschließung – und feiert mit Ring am Finger und der Plünderung des Eiskastens fröhliche Auferstehung. Domenico schäumt. Will die sofortige Annullierung des Bundes. Doch Filumena hat noch ein Ass im Ärmel. Das heißt: Eigentlich drei. Söhne. Und einer davon ist Domenicos …

Herbert Föttinger passt die Figur des „Mimi“ Soriano wie eine zweite Haut. Jedes Klischee über italienische Männer sitzt. Changierend zwischen Muttersöhnchen (wunderbar, wie er sich mit einem Aufschrei auf ihren Sarg wirft oder später die „heilige“ Verstorbene auf Knien um Beistand gegen Filumena anfleht) und knallhartem Macho, elegant tänzelnd, weniger elegant keifend, mittelschwer hypochondrisch, ebenso hysterisch, ein Herrenschuhfetischist, ein Maulheld, aber ein anrührender. Nicht umsonst wird er von Filumena so heiß geliebt. Diese, das „alte, angestaubte Möbelstück“, spielt Sandra Cervik nach ihrer fulminanten „Sterbeszene“ mit beinah immer stoischer Ruhe – manchmal greift sie auch zum Küchenmesser. Ihre Filumena ist ernsthafter, ehrlicher, ehrbarer als der Rest der Gesellschaft. Eine, die aus der Gosse wollte, und im Leerlauf der Versprechungen endete. Zynisch kommentiert sie die von De Filippo festgeschriebene Sozialkritik, wenn sie das reiche, verzogene, ergraute Bürschen entspannt, die Hühnerhaxn in der Hand, filetiert. Sie hat den Spieß umgedreht – in einer Zeit, in der es noch keine DNA-Tests gab, aber das Blatt wird sich noch einmal wenden … Als sie sich ihren Söhnen erstmals als das präsentiert, was sie ist, ihnen dabei nicht ins Gesicht sehen kann, hat Cervik die stärkste Szene des Abends. Doch für den ganzen gilt, wie schön es ist zuzusehen, wie die Chemie zwischen ihr und Herbert Föttinger stimmt. Außerdem gefallen Filumenas „Mitverschwörer“ Marianne Nentwich als Haushälterin Rosalia, Siegfried Walther als vermeintlicher Mimi-Intimus Alfredo und Gideon Singer als desorientierter Priester. Hilde Dalik, wie immer eine Augenweide, lässt als „naive“ Schöne Diana schön durchblicken, welch bösartige Xanthippe sich hinter der bezaubernden Oberfläche verbirgt.

All diese Tollheiten hat Birkmeir mit Tempo und Temperament in Szene gesetzt. Inklusive Rückblenden über die ersten Augenblicke zwischen Domenico und Filumena. Für die flotte Umsetzung sorgt Christoph Schubiger mit seinem ruckzuck variablem Bühnenbild. Dazu gibt’s Musik von Peppino di Capri bis Rita Pavone. Che m’importa del Mondo (www.youtube.com/watch?v=NyLZiVR7p38)!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/sandra-cervik-und-herbert-foettinger-im-gespraech

BUCHTIPP: Mehr über das Neapel dieser Tage schildert Curzio Malaparte in seinem Roman „Die Haut“ (Erstausgabe 1949; neu erschienen im Zsolnay-Verlag): Als Verbindungsoffizier der Alliierten, die 1943 Neapel von den deutschen Besatzern befreiten, begleitet Malaparte die amerikanischen Truppen auf ihren Wegen durch die Stadt. Er wird zum Zeugen einer beispiellosen Verrohung unter der neapolitanischen Bevölkerung, die nur eines kennt: die eigene Haut zu retten. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Entstehen schockiert dieser Roman noch immer. Vom Vatikan auf den Index gesetzt, machte „Die Haut“ ihren Verfasser weltberühmt.

Wien, 4. 10. 2013

Sandra Cervik und Herbert Föttinger im Gespräch

Oktober 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hochzeit auf Italienisch“ im Theater in der Josefstadt

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano) Bild: © Sepp Gallauer

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano)
Bild: © Sepp Gallauer

Den Film von Vittorio De Sica kennt wohl jeder. 1964. „Hochzeit auf Italienisch“. Sophia Loren und Marcello Mastroianni im lustvollen Infight. Denn: Nach fünfundzwanzig Jahren wilder Ehe mit der ehemaligen Prostituierten Filumena will der wohlhabende Domenico plötzlich nichts mehr von ihr wissen: der Grund heißt Diana und ist blutjung. Die verschmähte Geliebte täuscht daraufhin vor, „todkrank“ zu sein, um den Treulosen zu einer raschen Eheschließung zu nötigen. Doch der Betrug fliegt auf, ein Anwalt erklärt die Ehe für null und nichtig. Nun muss Filumena zu härteren Mitteln greifen: Sie konfrontiert Domenico mit ihren drei Söhnen, die sie bis dato verheimlicht hatte. Einer davon, behauptet sie, sei sogar sein eigener. Nur welcher?

Am Theater in der Josefstadt hat am 3. Oktober „das Original“ Premiere: Eduardo De Filippos Theaterstück „Filumena Marturano“, bei dessen Uraufführung 1946 in Neapel er selbst Regie führte. Theater-der-Jugend-Intendant Thomas Birkmeir inszeniert das Josefstadt-Traumpaar Sandra Cervik und Hausherr Herbert Föttinger. Ein Gespräch.

MM: Ich orte am Haus eine gewisse Italianità. Sie haben gerne Peter Turrinis Goldini-Bearbeitungen auf den Spielplan gesetzt, nun folgt die Wiederentdeckung von Eduardo De Filippo …

Herbert Föttinger: „Diener zweier Herren“ und „Campiello“ hatten mehr mit Turrini zu tun, als mit Goldoni. Das ist sehr italienisch, wildes italienisches Straßentheater, das stimmt. Bei „Filumena Marturano“ ist es was anderes. Eduardo De Filippo ist keine Straßentheater-Italianità. Er selbst hat sein Stück 1946 uraufgeführt. Es ist ein sozialkritisches Stück, hat mit einem existenziellen Geschlechterkampf zu tun …

Sandra Cervik: … der allerdings auch mit Temperament ausgetragen wird …

Föttinger: aber nicht mit diesen Spaghetti-Klischees. „Hochzeit auf Italienisch – Filumena Marturano“ ist ein allgemeingültiges Stück. In Italien hat es ja einen Siegeszug angetreten, der noch nicht vorbei ist. Nur bei uns wird De Filippo kaum mehr gespielt. Ich mag dieses Stück, seit ich es kenne. Sandra Cervik und ich haben vor 13 Jahren Max Frischs „Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie“ in Thomas Birkmeirs Regie miteinander gespielt. Und er sagte damals schon: „Ihr solltet ,Hochzeit auf Italienisch’ zusammen machen.“ Das geisterte mir immer im Kopf herum – und nun war die Zeit reif: Ich bin, wie im Stück vorgesehen, 52 Jahre alt, Sandra 48 …

Cervik: Noch nicht!

Föttinger: Thomas Birkmeir hatte Zeit, die Inszenierung zu übernehmen. Es ist also alles ideal. Es hat sich, glaube ich, gelohnt, seit 2000 darauf zu warten.

 MM: Man kennt die Verfilmung von Vittorio De Sica aus dem Jahr 1964 mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. De Sica wurde damals von der italienischen Presse sehr gescholten, er hätte sich damit endgültig in seichtes Gewässer begeben. Zwischen der Loren und Mastroianni fliegen Fetzen und Spaghetti. Wie kann man gegen diese Bilder in den Köpfen des Publikums anspielen?

Föttinger: Zum Teil gar nicht. Und ich spiele auch ein wenig mit meiner Mastroianni-Attitude, die mir ja schon Emmy Werner bescheinigt hat. Ich habe mir, wie Sie sehen, sogar ein Bärtchen wachsen lassen. Aber wir spielen nicht den Film, sondern das Stück. Da gibt es eine komödiantische Fassade, hinter der die Tragödie hindurchscheint.

MM: Das wird vor allem für Sie, Frau Cervik, eine Gratwanderung werden.

Cervik: Absolut richtig. Der Humor liegt nicht auf der Seite der Filumena; in den Momenten, in denen sie glaubt, auf der Siegerstraße zu sein, bereitet ihr das zwar Vergnügen, aber sonst hat diese Figur durchaus archaische, medeenhafte Züge. Sie sammelt ihre drei Kinder ein, die sie bei fremden Familien untergebracht hatte, um Domenico zu sagen, einer wäre sein Sohn – aber welcher? Das ist alles nicht komisch. Der Monolog, in dem sie ihren Söhnen erklärt, warum sie ist, was sie ist, ist nicht einfach. Ich mag das aber sehr gerne, es muss nicht alles nur moll oder Dur sein. Keine Komödie ohne Tragödie, keine Tragödie ohne Komödie. Die Komik liegt aber eindeutig bei der Männerfigur.

Föttinger: Und in der Auseinandersetzung der beiden. Mit all der Verrücktheit und Hingabe, die dieser Mann, Domenico, braucht, um etwas für und aus seinem Leben zu lernen.

 MM: Wie legen Sie den Domenico an? Als Macho, als Schlitzohr, als Muttersöhnchen?

Föttinger: Er ist ein oberflächlicher, verantwortungsloser Nichtstuer. Ein verzogenes, wohlhabendes Söhnchen, der in dieser Beziehung zu Filumena Verantwortungsgefühl lernen muss. Das macht er dann aber schon auf eine besondere Art und Weise, die in Italien 1946 wahrscheinlich noch wichtiger war, als heute: Indem er alle drei Söhne als seine annimmt. Das ist ein großer, schöner Schritt.

Cervik: Apropos, Sozialkritik: Das ist ja von De Filippo nicht zufällig so geschrieben, dass er der Reiche ist und sie die Prostituierte. Die Figur Filumena bringt von Anfang an viel mehr Tiefe mit. Domenico, weil er nie ein Problem hatte, um nichts kämpfen musste, ihm alles in den Schoß gefallen ist, ist ganz anders drauf, als sie. Deshalb liebt sie ihn auch: Weil er etwas in ihr zum Klingen bringen. Filumena heißt auch Power of Love. Sie hat sich in diesen Mann verguckt, sie kann nicht lassen von ihm. Er ist ja kein böser Mensch, er soll nur weg von seiner Oberflächlichkeit, verstehen, was sie meint und will.

 MM: Das Stück ist ein Spiel um Täuschungen, Enttäuschungen. Da kann man auf große Gesten setzen, fuchteln, streiten … Wie unterscheidet sich da das Paar Filumena/Domenico vom Paar Föttinger/Cervik?

Cervik: Wir fuchteln privat weniger (sie lacht).

Föttinger: Also, ich fuchtle gern!

Cervik: Im Ernst jetzt: Wir streiten, obwohl wir beide temperamentvolle Menschen sind, wenig und wenn eher sachlich. Wir sind nicht die Plärrer und Schreier. Die schlimmste Strafe für ihn ist ohnedies mein Schweigen.

Föttinger: Grauenhaft! Die grausamste Art von Liebesentzug. Weiterstreiten, diskutieren ja, aber bitte nicht schweigen. Natürlich geben wir unseren Beruf nicht daheim vor der Haustüre ab, aber wer tut das schon? Wenn du etwas mit Leidenschaft machst, wirst du es auch nach Hause tragen – und ich finde das nicht einen Moment schlecht, sondern gut so!

Cervik: Auch ich kann das Theater nicht einfach „abstellen“. Aber es gibt das Andere, unseren Sohn. Da ist ganz was anderes Thema, die Schule zum Beispiel. Grundsätzlich kann ich meine aktuelle Bühnenrolle daheim nicht in ein Winkerl stellen, egal ob ich mit Herbert Föttinger oder einem anderen Bühnenpartner spiele.

Föttinger: Ich denke mir manchmal, das Ärgste in einer Beziehung muss sein, wenn sich der andere so gar nicht für das interessiert, was man tut. Das stelle ich mir sehr unfein vor.

MM: Sie sind die Dreifaltigkeit des Hauses: Intendant, Schauspieler, Regisseur.

Föttinger: Und noch geht sich das ganz gut aus. Der Umbau der Kammerspiele ist in der Zielgeraden, das macht mich sehr stolz. Es war nicht so anstrengend, wie der Umbau der Josefstadt. Was das Bauliche betrifft, bin ich sozusagen fertig. Und ohne, dass die künstlerische Arbeit je zu kurz kam.

MM: Wie kann man so einem Mann hinterher hecheln?

Cervik: Unter uns: Das muss ich nicht. Weil ab und zu „fällt“ er ja doch um und dann stehe ich da, um den erschöpften Gatten liebend in die Arme zu nehmen. Es gibt eben Dinge, die wir gemeinsam machen können, Dinge, die nur meins sind, Dinge, für die er allein verantwortlich ist … und da waren die neuen Kammerspiele eben ein intensiv-beglückendes Meisterstück.

 MM: Nun wurde vorher schon erwähnt, Thomas Birkmeir hat Sie zu diesem Projekt ein wenig „angestiftet“. Was sind seine Qualitäten als Regisseur?

Föttinger: Er kann mit dem Stoff was anfangen, also war für mich nur logisch, dass er ihn auch umsetzt. Ich freue mich sehr, dass er nach 13 Jahren wieder an der Josefstadt arbeitet. Er ist für Sandra und mich ein Gegenüber. Das ist unglaublich wichtig.

Cervik: Und Thomas ist ein sehr genauer Zuschauer. Er sieht Kleinigkeiten, kann sie auch formulieren. Er ist genau im Detail. Er lässt dich als Schauspieler machen, nimmt das auf und bringt es in eine gute Form.

MM: Wie sollen die Zuschauer nach dem Abend empfinden? Beschwingt oder betropetzt?

Cervik: Gute Frage.

Föttinger: Mit einem guten Gefühl. Wenn zwei Menschen sich nach 25 Jahren so zusammenraufen, sage ich, es ist toll, wenn man jenseits der 50 noch was lernen kann. Und wenn das einsetzen würde, dass eine Frau einen Mann dazu bewegen kann, sich umzukrempeln, neu zu denken, dann gibt uns das doch Hoffnung.

Cervik: Eine leise melancholisch-positive Hoffnung.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KIhc5IpgVhM&feature=player_embedded#t=1

Wien, 2. 10. 2013

Theater in der Josefstadt: Spielzeit 2013/14

Mai 28, 2013 in Bühne

Herbert Föttinger und seine Pläne

Sandra Cervik, Herbert Föttinger Hochzeit auf Italienisch, Premiere am 3.10.2013  Bild: © Theater in der Josefstadt

Sandra Cervik, Herbert Föttinger
Hochzeit auf Italienisch, Premiere am 3.10.2013
Bild: © Theater in der Josefstadt

Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger präsentierte am 28. Mai in den Sträußelsälen seine Pläne für die Spielzeit 2013/14. Eines der großen Ereignisse der Spielzeit 2013/14 wird die Wieder-Eröffnung der Kammerspiele der Josefstadt sein – nach erfolgtem Umbau, im Oktober 2013. Vom Broadway in New York direkt in die Kammerspiele nach Wien: Gestartet wird im neuen Haus mit der Europäischen Erstaufführung von „Catch Me If You Can“, einer wahren, dafür umso abenteuerlicheren Geschichte um einen jugendlichen Betrüger, den das FBI jagt. Herbert Föttinger: „In meiner achten Spielzeit spielen wir in beiden Theaterhäusern ausnahmslos Werke, die nach 1952 entstanden sind. Nennen wir es einen Spielplan der Ermunterung der Autoren und Autorinnen.“ 12 Premieren bringen zwei Uraufführungen, zwei Österreichische Erstaufführungen und eine Europäische Erstaufführung und dem Publikum Neues.

Die Uraufführungen
Im Dezember erweckt der verdiente Regisseur Günter Krämer JOSEPH UND SEINE BRÜDER (5. Dezember 2013) von Thomas Mann zu Bühnenleben. Thomas Mann-Kennern zur Beruhigung: Herbert Schäfers Dramatisierung stützt sich hauptsächlich auf das Kapitel „Die Berührte“, die Geschichte von Potiphar, dessen Frau und Joseph aus dem vierteiligen Jahrhundertroman von Thomas Mann. Mit Florian Teichtmeister, Sandra Cervik, Erni Mangold.

Ein Höhepunkt ist sicherlich die Dramatisierung des Romans DIE SCHÜSSE VON SARAJEWO (3. April 2014) von Milo Dor durch seinen Sohn Milan Dor, die anlässlich des 100. Jahrestages des Attentats von Sarajewo in Auftrag gegeben wurde. Im Mittelpunkt steht der k.u.k. Justizbeamte Leo Pfeffer, der als Untersuchungsrichter mit den Ermittlungen an der Ermordung Franz Ferdinands und dessen Gemahlin beauftragt wird. Man erwartet von Pfeffer, schnellstens die Beweise für eine Beteiligung Serbiens am Attentat zu erbringen und so die Rechtfertigung für ein militärisches Vorgehen gegen den verhassten Balkanstaat zu liefern.
Herbert Föttinger inszeniert. Mit Erwin Steinhauer, Sandra Cervik, Heribert Sasse, Matthias Franz Stein.

Die Erstaufführungen
CATCH ME IF YOU CAN von Terrence McNally (24. Oktober 2013)
„Catch Me If You Can“ erzählt die unglaubliche Geschichte von Frank Abagnale Jr., der als 16jähriger durch Scheckbetrug zu Reichtum kommt, sich erfolgreich über Jahre als Pilot und Arzt ausgibt, vom FBI gejagt wird, und nach seinem Gefängnisaufenthalt bis heute einer der wichtigsten Berater des FBI ist. Rasmus Borkowski spielt den jungen Frank Abagnale, Werner Sobotka inszeniert die Europäische Erstaufführung des Broadway Musicals.

DER LETZTE VORHANG von Maria Goos (24. Oktober 2013)
In der österreichischen Erstaufführung dieses Zweipersonen-Schlagabtauschs im Theatermilieu sind zwei Theater- und TV-Stars zu sehen, die bisher noch nie an der Josefstadt aufgetreten sind: Leslie Malton und Peter Kremer

ZIEMLICH BESTE FREUNDE von Olivier Nakache und Eric Toledano (20. März 2014)
Der arbeitslose und frisch aus dem Gefängnis entlassene Driss, ein Farbiger aus dem Banlieu, bewirbt sich pro forma als Pfleger beim querschnittsgelähmten Millionär Philippe, um den Stempel für die Arbeitslosenunterstützung zu bekommen. Gegen jede Vernunft engagiert ihn der reiche Aristokrat. Statt mit dem Behindertenauto düsen die beiden bald mit dem Maserati durch Paris, rauchen Joints. Nach einer wahren Geschichte. Michael Dangl und Nikolaus Okonkwo spielen, Michael Gampe (The King`s Speech) inszeniert die Österreichische Erstaufführung in den Kammerspielen.

Weitere Premieren in der Josefstadt
VOR DEM RUHESTAND von Thomas Bernhard (5. September 2013)
Elmar Goerdens Inszenierung von „John Gabriel Borkman“ war in der letzten Spielzeit für den Nestroy nominiert worden. In diesem Jahr bereitet er Thomas Bernhards Komödie von der deutschen Seele vor. Zum ersten Mal an der Josefstadt ist der vor allem aus dem Fernsehen bekannte  Schauspieler Michael Mendl zu sehen. Er spielt den ehemaligen SS-Offizier, der jährlich Heinrich Himmlers Geburtstag feiert. Mit Nicole Heesters und Sona MacDonald.

DAS INTERVIEW von Theodor Holman und Theo van Gogh (17. September 2013)
In Theo van Goghs zweimal verfilmten Stück treffen Alexander Pschill und Alma Hasun als erfahrener Kriegsberichterstatter und junge Soap-Darstellerin zum spannungsgeladenen Interview aufeinander. Regie: Christina Tscharyiski.

HOCHZEIT AUF ITALIENISCH – Filumena Marturano von E. De Filippo (3. Oktober 2013)
Eduardo De Filippos volkstümliche Komödie „Filumena Marturano“ wurde mehrfach für die Leinwand adaptiert. Mitte der 1960er-Jahre inszenierte Vittorio De Sica mit „Hochzeit auf Italienisch“ die bekannteste Verfilmung des Stoffs – als beißende Satire auf die traditionellen Geschlechterrollen in Italien und als frivole, aber auch berührende Komödie. Sandra Cervik verkörpert die ehemalige Prostituierte Filumena, die den wohlhabenden alternden Lebemann (Herbert Föttinger), zur Heirat drängt. Thomas Birkmeir inszeniert.

WIE IM HIMMEL von Kay Pollak (7. November 2013)
Ein weltweiter Überraschungserfolg war der berührende, schwedische Film über einen Stardirigenten, der sich aufs Land zurückzieht und dort – auf unkonventionelle Art – einen Laienchor leitet. Die Musik legt in den Dorfbewohnern lange Verschwiegenes frei. Eine mitreißende, fast spirituelle Geschichte – mit viel Gesang. Christian Nickel spielt den Dirigenten in Janusz Kicas 13. Inszenierung an der Josefstadt.

QUARTETT von Heiner Müller (6. Februar 2014)
Zum ersten Mal inszeniert Regie-Altmeister und Gesamtkünstler Hans Neuenfels an der Josefstadt, zum ersten Mal spielt Elisabeth Trissenaar hier. Mit Helmuth Lohner liefert sie sich einen Zweikampf Frau-Mann in Heiner Müllers Stück über die trostlose Mechanik des Begehrens, das man als Fortsetzung von de Laclos` “Gefährliche Liebschaften“ verstehen kann.

Weitere Premieren in den Kammerspielen der Josefstadt
DIE MAUSEFALLE von Agatha Christie (19. Dezember 2013)
Die Londoner Aufführung von Agatha Christie´s Kriminalstück hält sich seit fast 60 Jahren auf dem Spielplan und ist als längstlaufende Produktion ins Guiness Buch der Rekorde aufgenommen worden. Mit Heribert Sasse, Martin Zauner, Marianne Nentwich, Martin Niedermair.

KUNST von Yasmina Reza (20. Februar 2014)
Als „KUNST“ am Rabenhof, damals zur Josefstadt zugehörig, 1996 erstaufgeführt wurde, war ein Hit geboren, der erst nach 100 Vorstellungen – bei ausverkauftem Haus – vom Spielplan genommen wurde. Jetzt treten – fast 20 Jahre später- wieder zur Kunstdiskussion um ein monochromes, weißes Bild an: Herbert Föttinger, Martin Zauner und André Pohl.

PS.: Im Rahmen von CHAIRity kann nach wie vor die Patenschaft für einen Sitzplatz in den Kammerspielen übernommen werden 😉

www.josefstadt.org

Von Michaela Mottinger

Wien, 28. 5. 2013