Lady Macbeth

November 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Stoff, aus dem man Kinotragödien macht

Katherine (Florence Pugh) wird gegen ihren Willen verheiratet … Bild: Polyfilm

England, 1856. Die schöne Katherine wird mit einem verbitterten und deutlich älteren Mann verheiratet. Die Ehe ist herzlos, Sex nicht existent, der Schwiegervater betrachtet sie als unerwünschte Bürde. In diesem Umfeld vereinsamt die lebenshungrige junge Frau zusehends. Als ihr Mann zu einer längeren Reise aufbricht und sie allein zurücklässt, erwacht Katherine aus ihrer Lethargie.

Sie beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit einem rebellischen Stallburschen und ist schon bald nicht mehr bereit, ihr neu gewonnenes Glück wieder loszulassen. Ihr Ehemann kehrt zurück und entdeckt das Geheimnis. Da wird Katherine zur eiskalten Mörderin nicht nur an ihm. Sie wird sich niemandem mehr unterwerfen und sie schreckt vor nichts zurück, um zu bekommen, was sie begehrt …

„Lady Macbeth“ heißt der Film von William Oldroyd, der am Freitag in die heimischen Kinos kommt. Der 37-Jährige, der sich in England bisher als Theater-Regisseur einen Namen gemacht hat, unter anderem mit Shakespeare-Inszenierungen, gibt damit sein Langfilm-Debüt. Das allerdings nichts mit dem britischen Barden zu tun hat. Nicht Shakespeare, nicht sein „schottisches Stück“, ist die Vorlage, sondern die russische Novelle „Die Lady Macbeth von Mzensk“ von Nikolai Leskov, bekannt geworden durch die danach entstandene, von Stalin als zu subversiv verbotene Oper von Dmitri Schostakowitsch (mehr darüber in Julian Barnes‘ „Der Lärm der Zeit“, Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25545).

… und tröstet sich zum Missfallen ihres Mädchens Anna (Naomi Ackie) mit dem Knecht Sebastian (Cosmo Jarvis). Bild: Polyfilm

Übertragen nach Großbritannien, erweitert um die Figur der Kammerzofe Anna und mit Anklängen an Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“, ist Oldroyd und seiner Drehbuchautorin Alice Birch ein furioses, düsteres, dabei stilles Drama gelungen, das zeigt, wohin Lieblosigkeit hie und Leidenschaft da eine Frau führen können. „Lady Macbeth“ ist der Stoff, aus dem man Kinotragödien macht.

Wie Oldroyd gänzlich auf Musik und über weite Strecken auch auf Worte verzichtet, macht das Klima dieses Films aus, wird allerdings gesprochen, knallen die Dialoge wie Peitschenhiebe. Figuren werden vorgeführt wie Dekor, und emanzipieren sich.

In diesem Sinne trägt den Historienfilm die Hauptdarstellerin, die grandiose Florence Pugh als Katherine, mit ihrem roten Haar gleich einer wilden Rose. Wie sie sich mit stoischem Widerspruchsgeist und kaum Gestik langsam vom verschreckten Mädchen in eine grausame und skrupellose Rächerin verwandelt, die sogar Hand an ein Kind legt und ein verräterisches Pferd tötet,  ist sehenswert. Ihr Blick wird zusehends fest und unerschrocken, ihr Lächeln höhnisch. Pugh gibt den Blick frei in die Abgründe einer menschlichen Seele, wenn sie durch die trostlosen Räume, die leeren Gänge, die windige Szenerie wandert. Die Farben des Films sind gedeckt, so nebelig grau-braun und hoffnungslos wie die Menschen, die er transportiert. „Mein Vater hat dich gekauft, zusammen mit einem Stück Land, auf dem nicht mal eine Kuh grasen kann“, wirft Ehemann Alexander Katherine an den Kopf.

Paul Hilton gestaltet ihn voller Zweifel und düsterer Begierden, ein Mann der seinen Selbsthass an der Frau auslässt. Und damit seinen Untergang besiegelt. Denn in ihrem Wunsch nach Freiheit verliert Katherine jedes Maß und Ziel. Sie will nicht hübsch leiden, setzt sich auch nicht mit List und Tücke, sondern mit roher Gewalt zur Wehr. Beobachtet von Kammerzofe Anna, gespielt von Naomi Ackie, die ihre Herrin mit immer mehr Abscheu in den Augen beobachtet. Bemerkenswert, dass sich Alice Birch hier jeder Frauensolidarität verschließt, Katherine bietet sie, Anna nimmt sie nicht an, dabei wird auch die in diesem Haushalt gedemütigt, muss etwa einmal vorm Hausherrn wie ein Hund auf allen vieren kriechen. Vierter in diesem Unglücksbunde ist schließlich Cosmo Jarvis als Knecht Sebastian, auch ihn wird Katherine ausliefern, als ihr der Boden unter den Füßen brennt. „Eher möchte ich, dass du stirbst, als dass du meine Gefühle anzweifelst“, sagt sie einmal zu ihm …

Aus der unerfahrenen jungen Frau wird eine eiskalte Mörderin: Florence Pugh. Bild: Polyfilm

„Lady Macbeth“, dieses intime, mit starrer Kamera fotografierte Kammerspiel, ist ein gefährlicher Film. Er zieht den Betrachter mit seiner kargen und gerade deshalb seltsam opulenten Schönheit in seinen Bann. Lange, zu lange?, hat man Mitleid mit dieser Katherine, bis sie selbst das Blatt wendet. Florence Pugh ist eine Kinoentdeckung, von der man in nächster Zukunft hoffentlich noch viel hören und sehen wird.

Der zweite, dem man dies wünscht, ist Regisseur Oldroyd. Ihm ist ein hervorragendes Drama des jungen britischen Kinos gelungen, vordergründig hermetisch in der Welt des 19. Jahrhunderts verankert und doch so modern in den Mitteln, dass es in der Gegenwart berührt.

www.ladymacbeth-film.de

www.ladymacbethfilm.com

  1. 11. 2017

Carol Birch: Der Atem der Welt

Februar 20, 2013 in Buch

Auge in Auge mit dem Tiger

Buchcover

Carol Birch: Der Atem der Welt
Insel Verlag

London 1857: Schiffe aus aller Herren Länder laufen ein und aus. Die Docklands stinken nach Moder und Unrat, sind bevölkert von Matrosen und Huren. Jungs rauchen Pfeife, trinken Alkohol, die Mädchen suchen ihr erstes Abenteuer. Unbeschwerte Jugend gibt es keine. Carol Birch zeichnet ein detailliertes Bild dieser Welt abseits von Oscar Wilde und Jane Austen, wo Dandys nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen und Mütter auf der Suche nach dem „ideal husband“ für ihre Töchter sind. In diesem trostlosen Umfeld wächst der junge Jaffy Brown auf, der schon von klein an Geld verdienen muss, um seinen Beitrag zum (Über)Leben seiner Familie zu leisten. Eines Tages begegnet er einem aus einer Menagerie entlaufenen Tiger, der Jaffys Kopf in sein Maul nimmt. Wie durch ein Wunder überlebt er die Begegnung unbeschadet. Besitzer, Naturforscher und Importeur von Tieren aller Art, Charles Jamrach, erkennt rasch die Fähigkeit des Kleinen mit Tieren umzugehen, und wird zu seinem Mentor.

So lernt Jaffy eine Welt voll exotischer Schönheit, wilden Tieren und wundersamen Geschöpfen kennen. Und seinen Freund Tim und dessen Schwester Ishbel, in die er sich verliebt. Doch sein größtes Abenteuer steht ihm noch bevor: Jamrach bekommt von einem Kunden den Auftrag einen seltenen Drachen zu besorgen, der irgendwo auf einer kleinen Insel hausen soll. Tim heuert auf einem Walfänger zu dieser Expedition an. Auch Jaffy fühlt sich vom Abenteuer angezogen und begleitet seinen Freund auf eine Reise, bei der von der knapp 20köpfigen Besatzung nur mehr Zwei zurückkommen werden. Doch noch ahnt keiner, dass sie an die Grenzen der Welt und ihres Menschseins stoßen werden. Die Autorin schildert mit viel sprachlicher Kraft und Einfühlungsvermögen die Charaktere, die meisten noch Greenhorns, nicht einmal 20 Jahre alt, ihre Ängste, Hoffnungen und Träume und die Faszination aber auch Unerbittlichkeit des Meeres, das seine eigenen Gesetze hat und Jaffy in ihren Bann zieht. Der Drache entpuppt sich als Komodowaran, wird zwar gefangen, doch als er aus seinen Käfig im Schiff ausbricht, beginnt die Katastrophe. Am Schluss treiben die letzten Überlebenden in zwei Rettungsbooten im Pazifik, und warten – dem Wahnsinn verfallen – wochenlang auf ihre Rettung. Eindrücklich und beklemmend schildert die Autorin den Kampf ums Überleben. „Der Atem der Welt“ ist jedoch mehr als ein bloßer Abenteuerroman.

Es geht auch ums Erwachsenwerden und die Selbstfindung (Mein persönlicher Lesetipp: Marc Aurel: Wege zu sich selbst). Als Jaffy wieder nach London zurückkehrt stellt sich ihm die Frage nach dem Sinn des Lebens. Erst scheint er an seinem Schicksal zu verzweifeln, doch am Schluss findet er nicht nur seine Erfüllung sondern auch sein privates Glück. Denn die Natur und das Leben sind stärker.

Zur Person: Carol Birch, geb. 1951, studierte an der Keele University Anglistik und Amerikanistik. Für ihren ersten Roman „Life in the Palace“ gewann sie den David Higham Award für das beste Debüt des Jahres. Mit ihrem zweiten Roman „The Fog Line“ erhielt sie den Geoffrey Faber Memorial Prize. Mit ihrem aktuellen und mittlerweile elften Roman „Der Atem der Welt“ (engl. Jamrach’s Menagerie) stand Birch auf der Shortlist des Man Booker Prize 2011, dem wichtigsten britischen Literaturpreis.

Insel Verlag, Carol Birch: “Der Atem der Welt“, 395 Seiten, aus dem Englischen von Christel Dormagen

www.suhrkamp.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 20. 2. 2013