Peter Handke: Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte

November 29, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Poet putzt Herrenpilze

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Frage. Widerrede. Neuer Versuch einer Frage. In diesem Beckett’schen Sinne ereignen sich Gespräch mit Peter Handke. Die Wahl der Worte ist ihm wie eine Wahl der Waffen. Und wehe dem, der sich für die plumpe Duellpistole entschied, während der Dichter in Diskussionen doch mit dem elegant schneidenden Florett ficht.

Ständig überprüft Handke die Abnutzungserscheinungen der Sprache, also nur keine Floskeln, Allgemeinplätze, Ungenauigkeiten im Ausdruck! Statt „Schreiben“ sagt er „Tun“. Für den ORF stellt, das heißt: setzt sich immer wieder Katja Gasser heldinnenmutig vor Handke hin. „Ich bin froh, wenn Sie wieder in Ihrem Flieger sitzen“, hat ihr der in der Pariser Vorstadt Lebende schon gesagt. Man kennt einander seit Jahren, und niemals schönt Gasser bei Ihren Beiträgen die Blößen, die ihr Handke ins Journalistinnenoutfit reißt. Hört man genau hin: Er liebt sie. Väterlich.

Nun also Corinna Pelz. Der Filmemacherin, die 2011 mit „Gerhard Richter Painting“ ins Universum des öffentlichkeitsscheuen Malers vordrang, gelang nun Gleiches mit Peter Handke. Ihre Hommage „Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“, die ab 2. Dezember in den heimischen Kinos läuft, ist keine dokumentarische Sicht von außen auf den Autor, sondern sein privater Blick auf die Welt. Deren kaleidoskopartige Wahrnehmung durch einen eigenwilligen, eigensinnigen Kauz. Handke beim Herrenpilze putzen, bei der Gartenarbeit, als Alleinerzieher von Amina, beim Zeitung lesen, beim Stricken (!) und natürlich als Schreibender. Seine Notizbücher füllen die Leinwand, seine Handschrift bestimmt die Stimmung der Szene. Es schreibt ihn, wird klar.

Pelz‘ Bildsprache bleibt dabei lakonisch, so spröde wie der Schriftsteller in der Außenwirkung. Das gemeinsame Werk ist wie ein Hochamt auf die Stille, es beschreibt eine tiefe Verehrung und Kultivierung der Einsamkeit. Als Instrument, um sich selbst zu denken und diese Gedanken später in Sätzen zu strukturieren. Solche wie „Erfinden ist Materieschaffen“ oder „Irgendwann habe ich beschlossen, dass alles fremd ist und unentdeckt“ entstehen wie aus dem Nichts und nehmen beinah unmerklich Raum. Eine „Chronik der laufenden Ereignisse“ nennt Handke sein „Tun“; in dieser geht es ihm nicht nur um die ewig stehenbleibende Frage „Wie sollen wir leben?“, sondern auch um die hochaktuelle „Wie sollen wir miteinander reden?“.

Bild: © Stadtkino Filmverleih

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Mit Regisseurin Corinna Belz. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Regisseurin Corinna Belz. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mittels Archivmaterial zeigt Pelz Handkes Weg vom angry young man zum grumpy old one. Handkes Kosmos heute, gedacht in einer künstlichen Klammer zwischen „Publikumsbeschimpfung“ und seinem Stellung beziehen für Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic, ist ein kleinteiliger. Die Dinge interessieren, faszinieren ihn. Der Titel der Doku stammt tatsächlich von einem Zettel, den Handke am Gittertor zu seinem Haus angebracht hat; Pelz und ihrem Team wird später der Ritterschlag zuteil – die Bewirtung mit der legendären Schwammerlsuppe nach mehr als drei Jahren Drehzeit. Mit Handke lässt sich nicht gut „planen“, Telefonzeit gewährt er Anrufern morgens zwischen 10 und 11 Uhr, Emails sind nicht erwünscht.

Der Film lässt sich entsprechend viel Zeit, um zu erzählen; sein Panorama des Phänomens Handke ist von atmosphärischer Dichte und ergo impressionistischer, inspirierender Intimität. Er ist eine bedachte, behutsame Annäherung an Handke, als gelte es ein scheues Wild am Waldesrand nicht zu verschrecken. Der reagiert entsprechend handzahm, wird nahbar und glänzt in seiner intellektuellen Aura. Dass dennoch eine Distanz zum Menschen Handke bleibt, dass Rätsel bleiben, die sich – und auch das nur vielleicht – in der Beschäftigung mit seiner Literatur überwinden lassen werden, macht den Film umso wertvoller.

www.bin-im-wald.de

Wien, 29. 11. 2016

Christian Dolezal im Gespräch

Oktober 30, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen“

Christian Dolezal Bild; Céline Nieszawer

Christian Dolezal
Bild: Céline Nieszawer

Am 30. Oktober spielt er im Rabenhof Theater die Wiederaufnahme von „Das bin doch ich“. Die Figur „Thomas Glavinic“ aus dem autobiographisch inspirierten Erfolgsroman von Thomas Glavinic muss sich mit allerhand Neurosen und Alltagssorgen herumschlagen und versucht dabei alle großen und kleinen Probleme des Lebens so gut es geht zu meistern. Ein Dasein zwischen Paranoia, Hypochondrie und lähmenden Gesprächen, das Christian Dolezal im Alleingang als Tour de Force performt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7539). Es gibt noch Karten für diese sehenswerte Produktion! Der Schauspieler steht diesen Herbst außerdem im Volkstheater in „Fasching“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14584) und an der Volksoper in „Der Mann von La Mancha“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15433) auf der Bühne. Christian Dolezal im Gespräch über die flauschige Seele der Adele Neuhauser, die Anbetung der Smashing Pumpkins und das Leisten von Erster Hilfe auf dem Westbahnhof:

MM: Man hat das Gefühl, egal in welches Wiener Theater man derzeit geht, man stolpert über Sie. Sie sind ein großer Ensemblespieler, aber offenbar kein Ensembletier.

Christian Dolezal: Na, hoffentlich ist der Sturz nicht schmerzhaft, wenn man über mich stolpert. Ich war in einem Ensemble mit Ende 20, Anfang 30, in Innsbruck. Das möchte ich jetzt nicht mehr machen, weil ich Verschiedenes ausprobieren will, mitunter auch Dinge, die ich mir selbst überlege, so wie ich es in den vergangenen Jahren am Rabenhof durfte. Immer nur an einem Theater sein, ist bei weitem nicht so reizvoll als wenn man frei ist. Da kann man auch wählen, das gefällt mir schon besser. Ich kenne außerdem viele Leute, die viele Jahre in einem Ensemble waren – und mit Intendantenwechsel war dann Ende der Fahnenstange, dem beuge ich vor.

MM: Wenn man aber so von Haus zu Haus tingelt, falls ich das so sagen darf, …

Dolezal: Das ist ein treffendes Wort, tingeln …

MM: … wie ist es dann mit dem Aufsteigen zum Publikumsliebling? Bleibt man so nicht der ewige Geheimtipp?

Dolezal: Es fühlt sich ein bisschen so an, ja. Aber, wenn man es aufwiegt … es ist ja nicht mein innigstes Ziel Publikumsliebling zu werden, sondern Projekte zu machen, die mich interessieren. Das ist das Allerwichtigste. Ja, da ist was wahres dran, „der ewige Geheimtipp“, vielleicht bin ich das. Es ist eine ein bissel schlechte Position, man muss sich abrackern, man rackert sich ab. Ich komme mir vor, wie ein Schauspielarbeiter. Ich plane gerade ein Projekt für den Rabenhof für nächstes Jahr, das ist anstrengende Arbeit, selber was auf die Beine zu stellen, die anderen von der Idee zu überzeugen, die Leute an einen Tisch zu bekommen. Fix in einem Ensemble werden einem die Rollen angedient, das ist schon einfacher, aber es ist halt so, dass mich das Einfache nicht interessiert. Wenn ich es mir recht überlege, ich kann mich auch nicht erinnern, wann mir das letzte Mal jemand angeboten hat, fest in ein Ensemble zu kommen, andererseits habe ich auch immer gehofft, dass mich nie wer fragt. Ich will ja niemanden durch eine Absage beleidigen.

MM: Sind Sie prinzipiell unbequem, so dass Theaterdirektoren sagen: Den hol‘ ich mir, dann ist er in einem Jahr Ensemblesprecher, dann geht er mir nur noch auf den Sack. Oder …

Dolezal (er lacht): Also erstens würde ich nie Ensemblesprecher, zweitens müssen Sie das die Intendanten fragen. Ich finde, ich bin ein ganz Lieber. Sehr verträglich. Ich habe den Verdacht, dass ich ein guter Mensch bin. Ich agiere sehr oft nicht zu meinen Gunsten und gegen meinen Vorteil. Es kommen auch selten Kollegen zu mir, um sich unangenehm über andere auszulassen. Vielleicht spricht das für mich: Wenn’s irgendwelche Querelen oder Intrigen gibt, bin ich der letzte, der das mitkriegt. Eigentlich müsste ich sehr beliebt sein, denn ich habe über mich noch nie etwas Schlechtes gehört. Aber das kann wohl nicht stimmen, also überreiß‘ ich es vermutlich nicht.

MM: Reden wir über die Rollen, in denen man Sie zurzeit sehen kann. Vom „Thomas Glavinic“ in „Das bin doch ich“ bis zum  Lujo Warhejtl in „Fasching“, vom Staatsanwalt Hofmeister in den ORF-„CopStories“ bis zum Dr. Carrasco in „Der Mann von La Mancha“, Sie spielen in der Regel die kontroversiellen Charaktere, also: die Ungustln. Lieber ein guter Böser als ein schlechter Guter?

Dolezal: Welche gute Figur in der Weltliteratur ist schon interessant? Da müsst‘ ich lange nachdenken. Ist der Hamlet eine symphatische Figur? Dieser unentschlossene Zauderer, der so grob mit der Ophelia umgeht? Würde ich nicht sagen. Oder eine meiner Traumrollen, die ich bisher noch nicht spielen durfte, der Anatol von Schnitzler: Den hat zwar irgendwie jeder gern, er ist auch sehr unterhaltsam, aber wenn ich den Anatol spielen würde, würde ich zeigen, dass das ein einsamer, verzweifelter Sehnsüchtler ist, der sehr auf sich zurückgeworfen nicht viel mit sich anfangen kann. Eine tragische Figur. Aber Sie haben von Ungustln gesprochen, das ist der Anatol sicher nicht. Und auch nicht die Figur Glavinic. Ich kann den nachvollziehen. Er berührt mich auch. Und er ist sehr lustig. Er nimmt Situationen, in denen wir alle genervt reagieren würden, halt intensiver wahr als ein Durchschnittsmensch, und reagiert daher heftiger. Er ist nicht unsympathisch, sondern hyperneurotisch. Naja. Warum spiele ich so viele Ungustln? Vielleicht schaue ich so aus? Ich kann mich erinnern, mit Mitte 20 war ich ein wirklich fescher, sympathischer Kerl. Mein engster Freund sagt, er glaubt, ich spiele im Fernsehen nicht die sympathischen Leute, weil ich eine zu große Nase habe.

MM: Wenn Sie nicht wegen der Nase besetzt werden, nach welchen Kriterien suchen Sie Projekte und Rollen aus?

Dolezal: Das hat sich geändert. Früher waren die Kriterien „was und wo“, jetzt ist das Kriterium „mit wem“. Wer sind die Menschen, mit denen ich arbeiten werde, interessieren mich diese Menschen, möchte ich mit ihnen Lebenszeit verbringen? Es gibt ein paar, da weiß ich, dass ich mit ihnen nicht mehr arbeite, weil es nicht freudvoll war. Aber es gibt sehr viele sehr beglückende Begegnungen. Im Volkstheater, bei „Fasching“, war das Aufregende einmal etwas mit Adele Neuhauser zu machen, weil mich diese flauschige Seele berührt. Ich kannte sie vorher nicht, und mich hat interessiert, wie sie auf mich und ich auf sie reagiere. Es wurde genau so, wie ich es erwartet habe: Sie rührt mich auf der Bühne und sie rührt mich privat. Ein ganz hinreißender Mensch. Die Volksoper ist für mich alle paar Jahre wieder einmal ein Glücksbringer. Ich habe dort schon „Anatevka“ gemacht, jetzt den „Mann von La Mancha“, das sind zauberhafte Aufführungen. Ich schaue dem Robert Meyer zu und freue mich jedesmal. Er ist ein Könner alter Schule, er hat so einen Old-School-Stil beim Spielen, und das auf höchstem Niveau. Ich schaue ihm einfach gerne zu.

MM: Das Rabenhof Theater nimmt „Das bin doch ich“ nach längerer Pause wieder auf, da hat sich zwischenzeitlich mit Ihnen doch auch etwas getan, werden Sie die Rolle anders spielen, als man es schon gesehen hat?

Dolezal: Ich will vorgefertigte Betonungen, das „Eingeübte“, nicht wieder so machen, wie ich es schon gemacht habe. Ich will diese Sätze und Gedanken neu denken und neu begreifen, und tatsächlich fällt mir auf, dass ich, je älter ich werde, vieles beiläufiger sage und weniger betont spreche. Was für mich ein Zeichen ist, dass ich die Sätze jetzt in Wirklichkeit noch besser begreife. Je mehr man etwas begreift, desto weniger betont man es. Je mehr man etwas tatsächlich empfindet, umso weniger betont man es. Ich zumindest …

MM: Man weiß einiges über den Gitarristen Dolezal und die Rolling-Stones-Kassette vom Vater und die Gründung der Sofa Surfers, was ist mit dem Schauspieler sein? Sie haben an der Schauspielschule des Volkstheaters, als das Haus noch eine hatte, gelernt, was war Ihre Initialzündung für diesen Beruf?

Dolezal: Am Anfang wird man Schauspieler aus einer narzisstischen Störung heraus und, weil man attraktiv für Frauen sein will. Ich kann jemanden, der sagt, er will Schauspieler sein, weil er Schiller und Kleist liebt, gar nicht ernst nehmen. Man hat eine narzisstische Störung!

MM: Die haben Gitarristen aber auch.

Dolezal: Nein. Eitelkeit, ja. Eitelkeit ist ein künstlerischer Ausdruck. Aber, wenn man als Sechsjähriger zum ersten Mal die Rolling Stones hört, so eine Greatest-Hits-Raubkopie von einem Standl in San Marino, und einen das in der Sekunde komplett verändert und man weiß, man muss etwas machen mit dem, was man nicht erklären kann, weil es so geil ist, dann ist das Liebe fürs Leben. Ich habe als Sechsjähriger gesagt, ich werde einmal ein Mick Jagger und wurde eine Bonsai-Ausführung davon.

MM: Und was wollten Sie als Schauspieler werden? Oskar Werner?

Dolezal: Meine Vorbilder waren Louis de Funès, Adriano Celentano, weil ich mir gedacht habe, so eine elegante Machosau muss ich sein, Romy Schneider und Marlon Brando. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt, da ich beschloss Schauspieler zu werden, so viele Jahre mit Bands in Proberäumen verbracht, dass ich ohne umgehängte Gitarre, nur mit meinen Gliedmaßen in einem leeren Raum stehen wollte. Deshalb gefallen mir auch diese Monologe, wie „Spiel im Morgengrauen“ oder „Das bin doch ich“, deshalb achte ich auch darauf, möglichst keine Requisiten zu haben: nur der Schauspieler und das Publikum – diese Situation gefällt mir am allerbesten.

MM: Eine Eigendefinition?

Dolezal: Keine Ahnung. Je älter ich werde, umso weniger weiß ich, wer ich bin. Ich bin alles. So wie jeder Mensch alles ist, außer die dummen. Lustig und traurig und manchmal kompliziert und, wie meine Freunde sagen, der mit dem guten Schmäh.

MM: Und gesellschaftspolitisch engagiert. Sie haben für die Flüchtlinge in der Votivkirche ein Benefizkonzert gegeben, man trifft Sie regelmäßig auf dem Westbahnhof …

Dolezal: Das Konzert war super. Ich habe mit dem Schlagzeuger der Sofa Surfers, Michael Holzgruber, und einem Bassisten The Smashing Pumpkins gecovert. The Smashing Pumpkins sind eine Band, die ich anbete. Ich bin kein Fan, ich bete sie an, diese Worte sind bewusst gewählt. Und da einmal auf einer Bühne zu stehen und deren Songs zu spielen, das war eine große Sache. Da waren 20-, 25-Jährige drinnen, die The Smashing Pumpkins gar nicht mehr kennen. Die sagten zu mir: Woh, du kannst super Songs schreiben. Und ich dachte: Leider nicht, sonst würde ich nicht im Volkstheater und im Rabenhof spielen. Ich schreibe schon, aber ohne echtes Genie, also keine „einfachen“ Riffs, wie die Stones, sondern verzichtbare … Was den Westbahnhof betrifft: Da leiste ich Erste Hilfe. Wenn jemand neben mir im Wasser ersäuft, rette ich ihn auch und diskutiere nicht herum über Religion oder Politik. Es kann jeder, wenn er glaubt, dass das gescheit ist, die FPÖ wählen, aber auf seinem fetten Arsch zu Hause sitzen und nicht zu helfen, das ist obszön. Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen.

MM: Ist das Ihre politische Botschaft?

Dolezal: Über Politik diskutiere ich nicht, darüber mache ich mir alleine Gedanken. Aber das Jahr 2015 wird uns lange in Erinnerung bleiben, und ich möchte mich einmal, wenn ich älter bin, nicht genieren für dieses Jahr. Jetzt wird’s prekär, jetzt kommt der Winter. Den Menschen ist saukalt und sie sind erschöpft. Die haben gesehen, solche habe ich selber kennen gelernt, wie ihren kleinen Kindern ins Gesicht geschossen wurde, wie eine Bombe ihren Kindern die Beine weggerissen hat, da gibt es diese Diskussionssituation mehr, diese Menschen rennen um ihre Existenz. Dass die EU derart keine Lösungen findet, ist blamabel.

MM: Hätten Sie eine Lösung oder zumindest einen Plan?

Dolezal: Ich bin kein Politiker, ich habe keinen Plan. Die Politiker, die viel Geld verdienen, haben sich Pläne zu überlegen und diese sofort umzusetzen. Ich leiste Erste Hilfe, das ist meine Pflicht als Mensch und Staatsbürger. Ich bin am Westbahnhof und reiche den Flüchtlingen etwas Warmes zum Essen und warme Kleidung, damit sie nicht sterben vor meinen Augen. Ich habe auch gespendet, ich verdiene nicht so viel, und das Geld, das ich dafür hergebe, spür‘ ich schon. Die Staaten sollten auch endlich ihrer Pflicht nachkommen und die Menschen aufnehmen. Mir würde das gefallen, wenn mehr Syrer in Österreich blieben, das wäre eine unbedingt nötige Auffrischung unserer Kultur. Ob diese vielen, neuen Menschen, die in unsere Länder strömen Fluch oder Segen sind, das hängt nur von uns ab, wie wir mit der Situation umgehen. In den letzten Jahren ist mit dem Thema Integration nicht besonders gut umgegangen worden, denn es gibt Parallelgesellschaften, es gibt Leute, die schon seit Jahrzehnten hier wohnen und keinen deutschsprachigen Satz herausbringen, da müsste die Politik schon ein bisschen fixer werden.

MM: Eine abschließende Frage über: Zukunftsaussichten?

Dolezal: Jetzt einmal abends spielen und die Tage im Museum verbringen. Ich schaue mir gern Bilder an. Ich bin so froh, gerade einmal nichts anderes machen zu müssen. Ich gehe in die Albertina, ich habe eine Jahreskarte, da könnte ich die ganze Woche drin verbringen. Also, wer herausfinden möchte, wie ich bin, weil Sie vorher gefragt haben, wie ich bin, dem kann ich zumindest sagen, wo ich bin: vorm „Schrei“ von Munch. Dort kann man mich gerne treffen und ansprechen.

MM (lacht).

www.facebook.com/christian.dolezal

twitter.com/chrdolezal

Wien, 30. 10. 2015

Wien Museum: Ich bin ich

November 4, 2014 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mira Lobe und Susi Weigel wärmen

nicht nur Kinderherzen

Ich_bin_ich_Pressefoto_01Die Mitzi Oma und ich, wir haben sie alle gebastelt: das kleine Ich-bin-ich, den Bimbuli. Aus Vaters stoffenen Schneuztüchln, der darob eher mäßig begeistert war. Aber: Meine Omama war keine im Apfelbaum, sondern eine mit Schere, Schneiderkreide, Zwirn und Faden – und dagegen hatte Vaters „Habt’s ihr schon wieder eines von meinen …“ keine Chance. Eine Ich-bin-ich bin ich übrigens bis heute geblieben.

Das erfolgreichste Duo der österreichischen Kinderbuchliteratur steht ab 6. November im Mittelpunkt einer Ausstellung im Wien Museum, die für Kinder wie für Erwachsene konzipiert ist. Mira Lobe (1913 – 1995) zählt zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen des 20. Jahrhunderts, insgesamt veröffentlichte sie an die 100 Bücher, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. Aus Lobes kongenialer Wort-Bild-Partnerschaft mit der Illustratorin Susi Weigel (1914 – 1990), die heuer 100 Jahre alt geworden wäre, entstanden 45 Bücher und viele Fortsetzungsgeschichten. Allein die Titel lösen bei Generationen von (Vor-)Leserinnen und Lesern vielfältige Assoziationen aus: „Das kleine Ich bin ich“, „Die Omama im Apfelbaum“, „Die Geggis“. Faszinierend ist das Material aus den Nachlässen der beiden Künstlerinnen, darunter Entwurfszeichnungen und experimentelle Collagen von Susi Weigel oder ihre originale „Ich bin ich“-Figur aus Stoff und Zwirn. Die Schau erlaubt spannende Einblicke in die Arbeitsweise von Lobe und Weigel. Vor dem Hintergrund ihrer Biografien erschließen sich auch Zusammenhänge der österreichischen Nachkriegsgeschichte.
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„Ich möchte wissen, wer ich bin“. So fragt das ratlose, namenlose Etwas, um sich am Ende der Geschichte als selbstbewusstes Wesen zu entdecken: „Sicherlich gibt es mich: ICH BIN ICH!“ Immer wieder geht es in Lobes und Weigels Büchern darum, Kindern Ängste zu nehmen und sie zur Eigenständigkeit zu ermutigen. Ohne pädagogischen Zeigefinger und stets auf der Seite der Kinder stehend, vermitteln die Geschichten darüber hinaus Werte wie Toleranz, Solidarität mit Ausgegrenzten und Veränderungswillen. Die Ausstellung „übersetzt“ das kreative Potenzial der Kinderbücher mit spielerischen Elementen und überraschenden Inszenierungen. Kinder dürfen in der Ausstellung
schaukeln und sind eingeladen, frei nach Susi Weigel Bilder zu reißen und an der Wand aus den Schnipseln Collagen zu gestalten. Auch eine „Buchstabenkiste“ steht bereit. Einige Bereiche sind nur für Kinder zugänglich: Hier können sie Geschichten von Mira Lobe hören, gelesen von Cornelius Obonya.
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Zu Mira Lobe:
Hilde Mirjam Rosenthal: Unter diesem Namen wurde Mira Lobe 1913 in Görlitz (Sachsen) geboren. Sie wuchs in einer bürgerlichen, jüdischen und sehr sozial eingestellten Familie auf. Über ihre wohlbehütete Kindheit meinte Lobe nur, sie sei „durchaus normal“ gewesen. Zur Sozialistischen Arbeiterjugend zog sie ihr Mitleid für Schwächere: „Ich neig` zu Schuldgefühlen, nicht? Und ich hatte irgendein Schuldgefühl, dass es mir so gut ging und dass ich wusste, anderen geht es weniger gut.“ Der Traum vom Studium („Architektur, Germanistik oder Kunstgeschichte“) und vom Journalistenberuf konnte sich Lobe nicht erfüllen, stattdessen besuchte sie in Berlin eine Textil- und Modeschule, ehe ihre Familie 1936 vor den Nazis nach Palästina flüchten musste. Dort heiratete sie den um 24 Jahre älteren Regisseur und Schauspieler Friedrich Lobe, mit dem sie zwei Kinder (Claudia, *1943, und Reinhardt, *1947) hatte. Das anfängliche „Glücksgefühl“ über die Rettung ins Exil wich jedoch bald der Ernüchterung: Zur Sprachbarriere kam die Skepsis gegenüber dem Staat Israel und dem religiösen Judentum. Ihr erstes Buch veröffentlichte Lobe 1947 allerdings auf Hebräisch – „I-Hajeladim“ (Die Kinder-Insel) wurde später in einer veränderten Fassung auf Deutsch unter dem Titel „Insu-Pu“ publiziert. Als Friedrich Lobe 1950 ein Engagement am Wiener Scala-Theater angeboten bekam, übersiedelte die Familie nach Österreich. Schon bald wurde Mira Lobe eine der erfolgreichsten Autorinnen der kommunistischen Kinderzeitung „Unsere Zeitung“, wo sie erstmals mit der dort beschäftigten Zeichnerin Susi Weigel zusammentraf. Als wesentlicher Förderer erwies sich Hans Goldschmidt, der nach dem Tod von Lobes erstem Mann ihr Lebensgefährte wurde. Goldschmidt war Leiter des KP-nahen „Schönbrunn“-Verlags, der die ersten Lobe/Weigel-Kinderbücher veröffentlichte (Der Tiergarten reißt aus!, 1953; Der Bäbu. Die Sieben vom Bärenbund, 1954; Bärli Hupf, 1957), die weiteren Titel erschienen meist im Jungbrunnen-Verlag oder bei Jugend  & Volk. Für „Titi im Urwald“ erhielt Lobe bereits 1958 den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, unzählige weitere Ehrungen und Preise folgten im Laufe ihrer Karriere, die Ende der 60er-Jahre ihren Höhepunkt erreichte: Nach Titeln wie „Bimbulli“ (1964) und „Die Omama im Apfelbaum“ (1965) folgte 1972 „Das kleine Ich bin ich“, ein „Jahrhundertwerk“, das sich bis heute eine Million Mal verkauft hat. Politisch war Lobe „links“, doch nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 trat sie aus der KPÖ aus. Für die sozialdemokratischen Reformen ab den 70er Jahren hegte sie Sympathien. Lobe publizierte bis ins hohe Alter und blieb sich dabei thematisch treu: So entstanden immer wieder Geschichten mit vermeintlichen Außenseitern und deren Integration in die Gemeinschaft.

Zur Ausstellung:
Die Ausstellung teilt sich räumlich und thematisch in vier Bereiche, die ausgewählte Aspekte von Lobe und Weigel in den Fokus stellen. Der Ausstellungsteil „Sehnsuchtsort“ thematisiert die „Utopien des Alltags“, die in Büchern wie „Bärli Hupf“ (1957), „Eli Elefant“ (1967), „Komm, sagte die Katze“ (1975) oder „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ (1981) eine Rolle spielen. Es geht um die Suche nach Veränderungsmöglichkeiten von Lebensumständen,  oft im Zuge von abenteuerlichen und manchmal bloß fiktiven Reisen. Um Gerechtigkeit, Gemeinsamkeit und Solidarität mit anderen geht es im Themenbereich „Gemeindebau“. Das nicht immer einfache Zusammenleben mit Nachbarn und soziale Unterschiede bestimmen viele Lobe-Bücher, in denen gegenseitige Hilfe und Aufmerksamkeit gegenüber den anderen angesprochen wird. Der dritte Ausstellungsteil nennt sich „Freiraum“ und widmet sich dem Verhältnis von Lobe zu Susi Weigel. Der akribische, fordernde, aber von gegenseitigem Respekt geprägte Arbeitsprozess wird anhand von Entwürfen und Korrespondenz sichtbar, die Arbeitsteilung war gleichberechtigt – so wie übrigens auch das Honorar. Im „Umspannwerk“ (nach einem Begriff von Mira Lobe) geht es um die Übersetzung von brisanten Themen in Text und Bild, ohne zu pädagogisieren oder banal zu werden. Die Kunst Lobes (und ihrer MitstreiterInnen) bestand auch darin, für die unterschiedlichsten politischen Lager – von den Kommunisten bis zur katholischen Kirche – zugänglich zu sein, und das trotz der immer wiederkehrenden Verbotsüberschreitungen ihrer ProtagonistInnen.

Und dann gibt es noch einen fünften Bereich nur für Erwachsene. Der ist im Kopf. Und heißt: Augen zu, zurücklehnen und einmal noch von der Kindheit träumen.

www.wienmuseum.at

Wien, 4. 11. 2014

Raimund Theater: Aleksey Igudesman

September 15, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Niemand glaubt, dass ich ein Wiener bin“

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Mit seinem neuen Programm berührt Aleksey Igudesman  am 22. September im Raimund Theater ein Thema, das viele Menschen im Schmelztiegel Wien betrifft: Wann bin ich ein „echter“ Wiener? Der Violinvirtuose, Dirigent, Schauspieler und Filmemacher bietet humorvolle Antworten auf diese Fragen, gewürzt mit viel Poppigem und inspiriert von Musik aus Wien und der ganzen Welt. Unter dem Titel „Niemand glaubt, dass ich ein Wiener bin“ trifft Musik der Strauß-Dynastie auf Musical- Hits, die „Angry Birds“ finden sich ebenso wieder wie der Pop-Hit „Happy“ von Pharrell Williams zum symphonischen Ohrwurm wird. Begleitet wird Igudesman vom Orchester der Vereinigten Bühnen Wien.

Multitalent Igudesman hat sich nicht nur als großer Geiger, sondern auch als Komponist, Dirigent, Schauspieler und Filmemacher international einen Namen gemacht. Dabei hat er mit vielen Musikgrößen wie Bobby McFerrin, Billy Joel, Oscar-Preisträger Hans Zimmer und den StargeigerInnen Julian Rachlin, Janine Jansen, Roby Lakatos, Gidon Kremer, Vadim Repin, Dmitry Sitkowetsky und Viktoria Mullova zusammengearbeitet und musiziert. Er wurde in St. Petersburg in Russland geboren, studierte an der renommierten Yehudi Menuhin School in England und am Konservatorium Wien bei Boris Kuschnir.

Aleksey Igudesmans Kompositionen werden weltweit aufgeführt, unter anderem von Orchestern wie dem London Philharmonic, New York Philharmonic, Chicago Symphony Orchestra, dem Seattle Symphony Orchestra, dem Luzerner Sinfonieorchester, der Kremerata Baltica, der Hong Kong Sinfonietta, und den Taiwan Philharmonics, oft mit ihm selbst am Dirigentenpult stehend. Als Mitglied des Streichtrios Triology gab Igudesman zahlreiche Konzerte auf der ganzen Welt und produzierte mehrere CDs.

www.vbw.at

Eine Kostprobe: www.youtube.com/watch?v=ZGBDHsHLmG4

Wien, 15. 9. 2014

Theresia Walser im Gespräch

April 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich brauche Anarchie beim Schreiben“

Theresia Walser, Tochter des berühmten Autors Martin Walser, auf Kurzbesuch in Wien. DIE Gelegenheit für ein Gespräch:

MM: Sie haben bei Ihrem Wien-Besuch nun  Ihre beiden Österreichischen Erstaufführungen „Die Liste der letzten Dinge“ im KosmosTheater und „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ im Schauspielhaus gesehenen. Wie hat’s Ihnen gefallen?

Theresia Walser: Es sind natürlich zwei völlig verschiedene Stücke. Aber beide Aufführungen fand ich sehr beglückend.

MM: Ersteres ist ein Traumspiel, ein Albtraumspiel, Zweiteres ist an Realitäten angedockt. Obwohl die Stücke so verschieden sind, kann man der Autorin einen Hang zum Skurrilen, zum Makaberen nicht absprechen.

Walser: Beiden Stücken kann man, wenn man so will, ein dunkles Lachen abgewinnen, wobei das Lachen in den „Äpfeln“, wie man in Wien wunderbar sehen konnte, viel befreiender sein kann. Das letzte Mal war ich in Wien im Jahr 2000, da hat Chris Pichler am Volkstheater meinen Monolog „Kleine Zweifel“ gespielt – einer meiner ersten Texte. Dass ich jetzt in kurzer Zeit hier gleich zwei Mal aufgeführt wurde, ist wohl Zufall. Beides zwei Frauenstücke!  Man schreibt wahrscheinlich immer das, was man selbst gern gespielt hätte.

MM: Warum haben Sie aufgehört, Schauspielerin zu sein?
Walser: Das ist eine lange Geschichte. Ich wollte Sängerin werden, habe ich Graz studiert, und irgendwann eine stimmliche Krise gekriegt. Ich musste pausieren, bin auf die Schauspielschule gegangen, damit sich meine Stimme erholt. Als Schauspielerin war ich aber nie gern auf der Bühne. Während des Spielens liefen bei mir innerlich ständig Subtexte mit, die wurden mit der Zeit  immer lauter. Ich brauchte also offensichtlich meinen eigenen Text – und so hat’s begonnen. Ich habe angefangen, Rollen für mich zu schreiben. Und als die fertig waren, hatte ich jedes mal das Gefühl, diese beim Schreiben schon genug gespielt zu haben, so, dass ich froh war, wenn das auf der Bühne andere übernehmen. Ich habe mich sozusagen von der Bühne runter geschrieben.
 
MM: Es ging also tatsächlich darum, eigene Texte haben zu wollen …
Walser: Mein Schreiben ist bis heute kein leises Schreiben. Ich spreche oder flüstere die Sätze mit. Ich schreibe, wenn man so will, dem Klang nach. Es gibt ja auch Leute, die tippen leise in sich hinein. Bei mir ist es meistens laut, gestikulierend. Der Text muss eine Melodie, einen Klang haben, das Hörbare muss ich mir vorsagen.
 
MM: War Prosa, Lyrik, Essays nie ein Thema für Sie?
Walser: Alle Versuche, die ich da gemacht habe, habe ich dann doch wieder fürs Theater benutzt.
 
MM: Wenn Sie Ihre Texte beim Schreiben sozusagen Spielen, wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn’s auf der Bühne nicht so klingt, wie an Ihrem Schreibtisch. Die Frustrationsskala der Dramatikerin …
Walser: … ist nach oben offen. Glück ist doch langweilig. (Sie lacht.) Nein, im Ernst: Ich brauche eine andere Fantasie, die meine Arbeit weitertreibt, von der fühle ich mich auch abhängig. Deshalb würde ich nie Regie führen. Ich habe nicht so eine genaue Vorstellung, wie das sein muss. Ich muss die Texte für mich selber in Gang bringen, dabei ist mein Ohr der schärfste Kritiker – den Rest überlasse ich sehr gerne anderen.
 
MM: Sie sagen: Schreiben ist körperliche Arbeit.

Walser: Ja, ich nehme dabei auch ab. (Sie lacht.) Ich finde Sprache ist etwas sehr Körperliches. Als Schauspielerin war ich es gewohnt mit Händen und Füßen durch Texte zu gehen. Das empfinde ich heute ähnlich. Natürlich gibt es immer die Angst vor dem Anfang. Aber es ist auch jedes mal eine Art Abenteuer, bei dem ich hoffe, dass die Figuren sich irgendwann in einem gewissen Sinne verselbstständigen. Das birgt natürlich auch ein Risiko, wenn die Figuren mir meine Pläne auf einmal über den Haufen werfen, wie Piraten, die ein Schiff entern. Andererseits brauche ich diese Anarchie beim Schreiben, damit Leben in die Bude kommt. Kann auch sein, dass nur Wust übrig bleibt. Das nimmt man halt dann und wirft es weg. Es gab mal eine Zeit, da blieb von einem Stück nur die letzte Szene übrig. Der Anfang wurde dann ein ganz anderes Stück. Das war „King Kongs Töchter“, ursprünglich ein Text über Billie Holiday, die mir als Figur in allen meinen Absichten brav gefolgt ist, aber völlig leblos blieb.  Erst am Schluss hat sie sich aufgelehnt weil sie nicht sterben wollte. Da fing es auf einmal an zu leben.

MM: In „Die Liste der letzten Dinge“ sind Ihre Protagonistinnen Kunstfiguren, stellen Sie/sie Behauptungen auf. Sie wollen als Erlöserinnen die Welt von sich erlösen. Was in ihren Augen mehr ist, als der neutestamentarische Erlöser geschafft hat. In „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ begeben Sie sich beinah auf das Terrain der Kriegsberichterstatterin. Warum haben Sie diese drei Frauen ausgesucht?
Walser: Dieses Stück hängt mit „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“, das ich vor ein paar Jahren geschrieben habe, zusammen. Da sind drei Schauspieler zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die alle drei Hitler – das heißt: einer hat „nur“ Goebbels – gespielt haben. Und sie reden, ob und wie man Hitler darstellen darf. Wie menschlich, wie monströs, wie lächerlich, wie unmöglich etc. Als „Der Untergang“ ins Kino kam, konnte man im Fernsehen in den Talkshows immer wieder Schauspieler erleben, die sich fast dafür entschuldigten, dass sie Hitler gespielt haben und die sich nun darüber unterhielten, ob man Hitler denn überhaupt darstellen könne. Diese ganzen Diskussionen über die Unmöglichkeit einer Darstellung fand ich ganz wunderbar für das Theater und später habe ich dann nach einem ähnlichen Stoff für Frauen gesucht. Margot Honecker war als erste da; von der haben wir das deutlichste Bild. Dann ganz klar: Imelda Marcos, die gehört einfach auf die Bühne, diese grausame Operettendiva.
 
MM: Leïla Ben Ali …
Walser: … ist die aktuellste Figur unter den dreien. Wobei ein bisschen was von Suzanne Mubarak und Asma alAssad in die Figur einfließt. Für alle diese ungeheuren Damen brauchte ich natürlich einen Vermittler: Gottfried, der Übersetzer. Er wurde aus seinem Namen geboren. Dass gibt es manchmal, dass ein Name seine Figur mitbringt. Dass er Gottfried heißt, hat aus ihm die Figur gemacht, die er ist. Dabei ist mir die Komik in diesem Stück sehr wichtig. Ich glaube an das Lachen als große Anteilnahme, als Involviertheit und auch als Verstrickung. Solche Schreckensbilder des Bösen sind ja letztendlich nur Vergrößerungsspiegel dessen, was wir alle von uns selbst bestens kennen.

MM: Der Zerrspiegel, den Sie zeigen, macht das Ganze noch absurder als es ist.

Walser: Stimmt. Wir sind im Theater. Wir sehen Schauspielerinnen, die Diktatorengattinnen spielen, die sich darüber unterhalten, wie sie einmal von Schauspielerinnen dargestellt werden wollen. Es geht also im weitesten Sinn auch um die Darstellung der Selbstdarstellung und damit auch ums Theater. 
MM: Hannah Arendt hat den Begriff der Banalität des Bösen geprägt. Gibt es auch eine Poesie des Bösen?
Walser: Ja. Das ist doch ungeheuer, dass die alle so eine poetische Ader haben. Gaddafi hat einen ganzen Gedichtband geschrieben. Ganz kryptisch-verschwurbelte Poesie. Der Satz „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ stammt aus einen Gedicht von Gaddafi. Mao schrieb Liebesgedichte. Da denkst du, das ist das zarteste Seelchen überhaupt. Diese Selbststilisierung des Tyrannen als einsamer, vom Volk verfolgter Herrscher, ist ungeheuer. Aber dass Poesie und Tyrannei einen Zusammenhang haben wundert mich eigentlich nicht.
MM: Arbeiten Sie von Nine to Five oder mitten in der Nacht?
Walser: Früher saß ich mit der Zigarette im Mund zu jeder Tages- und Nachtzeit am Schreibtisch und habe da Intensität gespielt. Heute habe ich eine Tochter, das ordnet mein Leben ganz anders. Da gibt es Schulzeiten, Hausaufgaben … Ich rauche übrigens auch nicht mehr, außer an Premieren in Wien.
 
MM: Was gibt es an Plänen?
Walser: Einen Abgabetermin. Das Theater Mannheim will am 20. April die erste Arbeitsfassung von „Herrinnen“ lesen. Darin geht’s um Topmanagerinnen, die Chefinnenetage. Die den Männern punkto Skrupellosigkeit, Brutalität, Eigennutz in nichts nachstehen. Und auch dieselben Worthülsen, diese ins Leere drehende Hamsterradsprache. Es nimmt sich dabei nichts, ob es Frauen sind oder Männer. Gott sei dank verliert man dabei die Illusion, dass Frauen die besseren Menschen sein sollen. Das wäre ja auch eine furchtbare Aufgabenverteilung und Anmaßung. Dann habe ich zum 600-jährigen Konzilsjubiläum in Konstanz ein Stück mit meinem Mann Karl-Heinz Ott zusammen geschrieben, der eigentlich Roman-Autor ist. Diese gemeinsameArbeit hat etwas Erleichterndes. Jeder kann dem anderen heimlich die Verantwortung auf die Schulter landen. Trotzdem war  es viel Arbeit, weil wir ja keinen Geschichtsunterricht abliefern wollten.
MM: Eine Frage zur Familie: Ihre Schwester Franziska ist Schauspielerin, ihre Schwestern Alissa und Johanna schreiben Romane. Tauscht man sich aus?
Walser: Ja, wir sehen uns immer wieder. Zur Zeit natürlich am meisten Franziska und ihren Mann Edgar Selge. Die haben jetzt ein Engagement bei Armin Petras in Stuttgart. Das ist ja praktisch bei mir um die Ecke.

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Wien, 18. 4. 2014