Maria singt Bill: Ein Gespräch

August 31, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„I mecht landen“ heißt ihr Konzert im Wiener Stadtsaal

Maria Bill singt Eigenes – und im November wieder Piaf. Bild: Gabriela Brandenstein

Sie kommt in den Stadtsaal, am 5. September. Mit ihren Liedern von damals und von heute. Sie erzählt von Liebe und Verletzungen, von Sehnsucht und Verlorenheit, vom Fliehen und Durchhalten, von großen Gefühlen und kleinen Alltäglichkeiten – von dem, was das Leben ausmacht. „Musik ist für mich das stärkste Ausdrucksmittel für all diese Emotionen,“ sagt Maria Bill. Ein Gespräch.

MM: Maria singt Bill. Was dürfen wir erwarten? Worüber erzählen Sie uns in Ihren Liedern?

Maria Bill: Der „Untertitel“ des Abends heißt „I mecht landen“, weil dies das bekannteste meiner Lieder ist und weil’s stimmt, ich fliege gerne …und bin immer wieder gespannt, wo und wie ich lande. Das Programm habe ich aus Songs von damals, deren Texte für mich immer noch Gültigkeit haben, mit neueren Titeln zusammengestellt, wie „Jung und schön“ und „Sie lebt immer noch“. In diesem Lied erzähle ich die Geschichte einer alten Frau, die in Paris im Lichthof mir gegenüber wohnte und die sehr einsam zu sein schien, täglich saugte sie mehrmals ihre Wohnung, auch die Sessellehnen, das konnte ich sehen.

Ich wäre so gerne zu ihr rübergegangen, befürchtete aber, dass sie Angst haben würde, fremd wie ich ihr war und so ließ ich sie in ihrer Einsamkeit alleine. In der letzten Strophe dieses Liedes dreht sich alles um, ich bin die alte Frau, angekommen, im Zimmer unterm Dach, dem Himmel nah und sehne mich nach jemandem, der mich braucht. Dieses Lied bewegt aus der neuen, heutigen Sicht natürlich besonders stark. Einsamkeit, das ist immer wieder ein großes Thema.

MM: Apropos, neue Sicht: Die Lieder sind in Lebenssituationen entstanden, die es so heute nicht mehr gibt. Warum setzen Sie sich dem aus?

Bill: Es sind Themen, die mein Leben betreffen, meine Sicht auf die Welt, heute wie damals und „ich setze mich dem nicht aus“, ich setze mich damit auseinander, kann damit umgehen. Das Lied, „I g’hör zu wem“ welches ich meinem damaligen Lebensmenschen gewidmet hatte, ist mit im Programm und ich „sehe“ uns jedes Mal  in Venedig, – all diese Bilder, schöne wie verwirrende, sind meine Geschichte, – daran will ich mich erinnern, auch singend.

MM: Geht Ihnen „Maria singt Bill“ näher, als wenn Sie Piaf oder Brel singen? Sie schenken dem Publikum Momente großer Intimität. Was veranlasst Sie, sich auf der Bühne so zu öffnen?

Bill: Ich glaube, das tut jeder, der selber Texte schreibt. Denn das ist der Grund, warum man sich mitteilt. Ich würde diese Momente nicht „Intimität“ nennen, sondern „Wahrhaftigkeit“, ganz bei sich bleiben und dann loslegen. Ich lese gerade das Buch von James Lord über Giacometti, und es beeindruckt mich zutiefst , wie er sich geöffnet, seiner Kunst hingegeben hat, nicht durch Worte, sondern in seinen Figuren und Bildern, wie oft er unzufrieden mit sich war, ganz bei sich blieb und durch seine Zeichnungen und Skulpturen viel über sich verrät. Ein gewisses Geheimnis muss man für sich behalten, – es darf kein peinlicher Seelenstriptease werden. Aber sich mitzuteilen, ob singend, schreibend, malend oder komponierend, ohne sich zu öffnen, wäre sinnlos.

MM: Sie treten mit fünf Jazzmusikern auf. Wie habt ihr euch gefunden?

Bill: Mit Michael Hornek spiele ich schon seit 15 Jahren, ein genialer Pianist, der Klassik und Jazz studiert hat und der gefühlvoll begleiten kann. Klemens Bittmann habe ich durch die „Hiob“-Inszenierung am Volkstheater kennengelernt. Er spielt Violine und Mandola und singt in kleinen Chorpartien die höchste Stimme. Durch Kollegen habe ich unsere „Rhythmusgruppe“, am Schlagzeug Jörg Haberl und am Bass Christian Wendt, kennengelernt. Vor einem Jahr ist der Saxophonist Stephan Dickbauer dazugekommen, ein Gewinn für unsere Formation.

MM: Ein Titel, „Jung und schön“, ist Ihrem Sohn Tany gewidmet. Das ist die Geschichte einer nicht mehr ganz jungen Frau, die einem sehr jungen Mann beim Tanzen zusieht. Tany Gabriel ist auch Musiker. Haben Sie schon daran gedacht, gemeinsam aufzutreten?

Bill: Lust hätte ich schon, aber er spielt natürlich ganz andere Musik und ich glaube, es wäre ohnehin zu früh. Er muss sich selber finden und er ist auf dem Weg dahin. Wenn man in ähnliche Fußstapfen, wie die Eltern, tritt, ist man „das Kind von …“ Ich denke also, dass es wichtig ist, dass unser Sohn mit seiner eigenen Musik und seinen eigenwilligen, berührenden Texten bei sich bleibt, und nicht durch mich oder mit mir auf seiner musikalischen Bühne ankommt.

MM: Worauf darf man sich sonst noch freuen?

Bill: Auf einige der neueren Lieder wie „Immer wieder irgendwas“, auf das „Fluchtachtel“, einem Liebeslied zur „Blauen Stunde“, und auf „Eh ah a O ah“. Kennen Sie die Geschichte zu diesem Lied? Am Schwedenplatz gab es vor ein paar Jahren eine gemeinsame Haltestelle für die Straßenbahnlinien „O“, „N“ und für den „21ger“. An dieser Haltestelle waren unter vielen Menschen auch zwei Mädchen, die auf einen „N“ warteten, lange schon, das konnte man hörbar mitbekommen. Eins der Mädchen fing derart zu penzen und zu raunzen an, dass eine Frau neben ihr explodierte und meinte: „Hearts, jetzt regt di ned auf, es kummt jo eh ah a „O“ ah.“ Das fand ich so witzig, dass ich mich öfter mit dem Notizbuch an dieser Haltestelle herumtummelte und einfach „mitgeschrieben habe“. „Café de Flore” und der „Kaktus“ kommt natürlich auch vor. Beim Proben dieser Nummer haben die Musiker ihre Spiellust voll ausgetobt und herumgeblödelt, also wird auch dieser Titel ziemlich verjüngt klingen.

MM: Und die Piaf?

Bill: Dieses Programm singe ich wieder, am 24. November im Konzerthaus. Allerdings trete ich schon lange nicht mehr im Piaf-Kostüm auf, sondern stehe als Maria Bill auf der Bühne, die die Chansons von Edith Piaf singt und aus ihrem Leben erzählt. Michael Hornek begleitet mich am Flügel und Krzysztof Dobrek mit seinem Akkordeon und ganz Paris im Herzen. Das Konzert umfasst mehr als zwanzig Chansons, wir entdecken für uns immer wieder neue Titel und studieren diese ein, erneuern das Programm, damit es lebendig bleibt. Vor Kurzem habe ich eine wunderbare Biographie von Jens Rosteck über Piaf gelesen. Durch seine Recherchen wurden meine Conférencen und verbindenden Moderationen bereichert, er hat mir einen neuen Blick auf einige Lieder eröffnet, hat mich inspiriert, das Lied „L’étranger“ einzustudieren, ein Chanson, das Edith Piaf einer Kollegin „geklaut“ hatte, – eine hinreißende Geschichte. Auf diesen Abend freue ich mich schon sehr.

MM: Wie schaut’s mit dem Schauspiel aus? Keine Pläne oder Wünsche?

Bill: Im Moment habe ich, was Theater anbelangt, weder Pläne noch Träume. Ich bin glücklich mit der Musik. Konzerte mit Piaf- und Brel-Chansons sind Lichtinseln für mich. Ein Programm mit Liedern von Kurt Weill habe ich einstudiert und im Sommer 2016 als Prélude-Konzert in Grafenegg gesungen, – und einen Abend mit  Chansons von Erik Satie mit Orgelbegleitung in einer Kirche in Eggenburg vorgetragen, ein aufregendes Erlebnis. Ich würde sehr gerne neue Lieder schreiben. Ideen habe ich genug, mein Klavier ist übersät mit Zetteln voller Notizen. Jetzt, wo weder Proben noch Vorstellungen am Theater den Kopf und die Zeit besetzen, finde ich vielleicht Lust und Muße, mich mit eigenen Texten und Melodien zu beschäftigen im Hier und Heute.

www.stadtsaal.com

www.mariabill.at

31. 8. 2017

Sommernachtsgala in Grafenegg

Juni 7, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Und drei Festivaltipps für den Juli

Wolkenturm. Bild: © Andreas Hofer

Wolkenturm. Bild: © Andreas Hofer

2016 feiert Grafenegg sein zehntes Festival. Ein – wenn nicht sogar der – Höhepunkt der Jubiläumssaison steht am 16. und 17. Juni mit der Sommernachtsgala an. Wie jedes Jahr wird auch heuer die Bühne des Wolkenturms zum Treffpunkt für die Weltstars der Klassik. Der Auftritt des walisischen Bassbaritons Bryn Terfel ist ein Rückblick auf die erste Gala, in der er das Publikum mit seiner erdentiefen Stimme begeisterte.

Diesmal steht ihm die junge russische Koloratursopranistin Olga Peretyatko zur Seite. Rudolf Buchbinder, der künstlerische Leiter von Grafenegg, wird als Pianist zu erleben sein. Es spielt das Tonkünstler-Orchester unter seinem Chefdirigenten Yutaka Sado; zu hören sind Werke von Georges Bizet über Jacques Offenbach bis Franz Lehár. Und natürlich endet der Abend traditionell mit einem Feuerwerk zu Edward Elgars „Pomp and Circumstance“. Der ORF überträgt live das Konzert am 17. Juni. Am 25. Juni starten dann die Sommerkonzerte mit ihrem umfangreichen Programm. Drei Empfehlungen für den Juli:

2. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: Von Babelsberg bis Beverly Hills. Marlene Dietrich, die Comedian Harmonists und Lotte Lenya haben die Lieder von Robert Stolz, Werner Heymann und Carl Millöcker zu Welthits gemacht: erotische Eskapaden, champagnerhafte Flirts und viel Melancholie. Die Sopranistin Angela Denoke wird den großen Songs der 1930er- und 1940er-Jahre von „Speak Low“ bis „Frag nicht warum“ neues Leben einhauchen und Werke von Friedrich Hollaender, etwa „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und Kurt Weill mit „September Song“ interpretieren – den Stars der Weimarer Republik und den Erfindern des Hollywood-Sounds. Im Prélude stimmen Maria Bill und Krzysztof Dobrek mit Songs von Kurt Weill auf das Abendprogramm ein.

Patricia Petibon. Bild: © Felix Broede DG

Patricia Petibon. Bild: © Felix Broede DG

Angela Denoke. Bild: Johan Persson, ArenaPal, www.arenapal.com

Angela Denoke. Bild: Johan Persson

16. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: Swingin‘ Hollywood. Kein Konzert zum Sitzenbleiben! Wenn Andrej Hermlin mit seinem Swing Dance Orchestra die Meisterwerke von Benny Goodman, Artie Shaw, Jimmy Dorsey, Duke Ellington oder Glenn Miller im authentischen Swing-Stil der 1930er- Jahre anstimmt, wird alles zu Charleston und Lindy Hop. Das Swing Dance Orchestra spielt „Old Man River“, „As Time Goes By“ und „Stormy Weather“ mit Liebe zum Detail: Arrangements, Mikrofone, Instrumente, Pulte und Kostüme entsprechen den alten US-Originalen. Das Orchester war bereits im legendären Rainbow Room des Rockefeller Center und in Filmen wie „Taking Sides“ zu sehen, nun lässt es den Wolkenturm tanzen.

23. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: 1001 Nacht. Märchen erzählen, um dem eigenen Tod zu entkommen, das ist die Geschichte der Scheherazade. In seiner Symphonischen Suite beschrieb Nikolai Rimski-Korsakow die arabischen Nächte und inspirierte damit auch Maurice Ravel. Dessen Liederzyklus ist so betörend wie ein Parfüm und so aufregend wie die Gewürze auf einem Markt. Die französische Sängerin Patricia Petibon wird in diese Zauberwelt eintauchen, begleitet vom jungen Orchester Les Siècles, das für seine authentischen Programme gefeiert wird. Burgschauspielerin Mavie Hörbiger liest zuvor im Prélude aus „1001 Nacht“.

Das gesamte Programm der Jubiläumssaison 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=15830

www.grafenegg.com

Wien, 7. 6. 2016

Filmmuseum – In person: Bill Plympton

Mai 23, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Definitiv keine Trickfilme für Kinder

Guard Dog, Global Jam 2011, Bill Plympton

Guard Dog, Global Jam 2011, Bill Plympton

Santa, the Fascist Years, 2008, Bill Plympton

Santa, the Fascist Years, 2008, Bill Plympton

The Cow Who Wanted to be a Hamburger, 2010, Bill Plympton

The Cow Who Wanted to be a Hamburger, 2010, Bill Plympton

„I could do a minute of animation a day, so theoretically, I could do a film in three months without any interruption“, behauptet der 1946 in Portland, Oregon geborene Bill Plympton. Sein Animationsfilm-Œuvre von den späten 1970er-Jahren bis zur Gegenwart scheint ihm Recht zu geben: Zahllose Kurzfilme, darunter Kult-Klassiker wie „25 Ways to Stop Smoking“ aus dem Jahr 1989, der Oscar-nominierte „Guard Dog“ von 2004 und diverse Couch-Gags für „The Simpsons“, stehen neben sieben handgezeichneten, großteils unabhängig produzierten Langfilmen sowie Auftragsarbeiten für Madonna und Kanye West, MTV und Volkswagen.

Nach David O’Reilly und Don Hertzfeldt, deren Werke zuletzt im Rahmen der Reihe „In person“ präsentiert wurden, ist mit Bill Plympton ab 26. Mai nun ihr eingestandenes Vorbild zu Gast im Filmmuseum. Eine Werkschau gibt Einblicke in sein Kurz- und Langfilmschaffen und schließt mit einer großen Masterclass.

Sein Debüt schickte Plympton als 14-Jähriger an Disney, wo man ihn mit Verweis auf sein Alter ablehnte, nur um Jahre später anzufragen, ob er nicht Lust hätte, an „Aladdin“ mitzuwirken. Diesmal lehnte Plympton ab: aus Sorge um seine Unabhängigkeit. „We don’t need any more children’s stories“, lautet eine weitere seiner Prämissen. Kein Zufall bei einem, der als Inspirator von TV-Serien wie „Family Guy“ gelten muss. Seine Filme sind definitiv keine Kindertrickfilme. Sie sind oft dominiert von Sex & Gewalt, voll schwarzem Humor, politisch unkorrekt, dreckig, brutal, aber geprägt von einer zärtlichen Liebe zum Detail. Sein Stil hat sich mehr als 40 Jahre hinweg immer wieder verändert, ist aber im Kern als „echt Plympton“ erkennbar geblieben.

www.filmmuseum.at

www.plymptoons.com

Wien, 23. 4. 2016

A Good American

März 16, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Whistleblower sagt, er hätte 9/11 verhindern können

Bill Binney. Bild: A Good American

Bill Binney. Bild: A Good American

Sympathisch ist das alles nicht. Daran können auch die eingestreuselten Bilder von Waldvögeleins und Eichhörnchen nichts ändern. Da sitzt ein Mann im Rollstuhl und ist ein echter Patriot. Ein US-Patriot, wohlgemerkt. Er sagt Sätze wie „Bitte nie um Erlaubnis, sondern um Vergebung, wenn du musst.“

Und erklärt, er hätte die Privatsphäre jedes amerikanischen Bürgers geschützt. Über andere – kein Wort. Die Welt ist ein Dorf, wenn man auf ihrer richtigen Seite sitzt. Bill Binney war einmal das Mastermind des NSA. Ein Analyst, ein genialer Crypto-Mathematiker und Code-Breaker, ein Algorithmenmagier. Ein Spion. Das Pfui-Wort kommt natürlich nicht vor in der Filmdokumentation des Oberösterreichers Friedrich Moser mit dem Titel „A Good American“. Sie ist ab 18. März in den heimischen Kinos zu sehen. Und ihr großes Verdienst ist es, einen inside Geheimdienst schauen zu lassen. Man erfährt Haarsträubendes über die Eigenmächtigkeiten der NSA, über Splittergruppen innerhalb der Agency, und wie sie die politisch Verantwortlichen blöd aus der Wäsche schauen lassen. Während eine fröhliche und vor allem finanzstarke Packelei mit Privatfirmen über unser aller Sicherheit wacht. Oder: uns alle sicher überwacht. „A Good American“ ist ein aufschlussreicher Film, auch wenn man seine Schlussfolgerungen nicht teilen mag. Die Doku ist Politthriller und Psychogramm eines Whistleblowers. Denn vieles, was Binney und seine Kampfgefährten von sich geben, ist selbstentlarvend. Moser bleibt den ganzen Film über angenehm zurückgelehnt; er stellt dar, er wertet nicht. Und er wertet nicht aus.

Was ohnedies Binneys Aufgabe war und ist. Der Problemlöser von Staatsgnaden hat jetzt die eigene Regierung im Nacken. Sorry, liebe Sam Adams Associates for Integrity in Intelligence, aber sympathisch ist das alles nicht. Bill Binney ist ein kalter Krieger, den „Sowjets“ seit dem Prager Frühling auf den Fersen. Ein Beispiel für amerikanisches Wissen und Nichtstun von der Tet-Offensive über Afghanistan, einem Konflikt, den man erfolgreich den Russen vererbt hat, bis zu 9/11. Binney sagt, niemand wollte von ihm etwas hören, über den „Kameltreiber, der in der Wüste mit dem Koran rumfuchtelt“. Dabei hätte er den Anschlag auf das World Trade Center verhindern können. Die gewissermaßen Gegenseite Binneys kommt nicht zu Wort. Michael Hayden, Maureen Baginski, etc. hätten auf Interviewanfragen nicht geantwortet, heißt es. Doch auch mögliche andere Quellen außerhalb des inneren Kreises des Protagonisten, Gespräche abseits derer mit Ed Loomis, Kirk Wiebe oder Diane Roark, hätten dieser Doku Gewicht verliehen. So bleibt … es zu glauben …? Bill Binney entpuppt sich als aus dem selben Holz geschnitzt, wie der Staat, der den nunmehrigen Whistleblower verfolgt. Er sieht sich als erster Weltenwächter und gleichzeitig als erstes Opfer von eigentlich eh allen. Das in seiner Paranoia gleichgeschaltete Hollywood beweist ja nicht umsonst monatlich, dass sämtliche Schurken dieser Erde ausschließlich dem US-Präsidenten ans Leben wollen.

„Einer der Hauptgründe, warum wir in Kriege schlittern sind Fehler der Regierenden. Weil sie entweder falsch oder gar nicht informiert sind“, sagt Binney. Für diese Informationen wollte er sorgen. Mit einem Datensammlungs- und Analysesystem namens ThinThread wollte der Mann mit dem ausgewiesenen bullshit-Radar die Bösewichte in den Kommunikationsnetzwerken finden. Heißt: In beinah Echtzeit die gesamte kommunizierende Bevölkerung überwachen, zweieinhalb Milliarden Telefonanschlüsse, in denen Muster menschlichen Verhaltens untersucht und interpretiert hätten werden sollen. Aber keine Angst, so die Doku, alles nur eine Metadatenanalyse. Es sei nicht um Inhalte, sondern um Vernetzungen gegangenen, also wer mit wem, aber nicht worüber. Man hätte nur das Muster, den Fingerabdruck des digitalen Verhaltens von Verdächtigen gesucht. Die „Unschuldigen“ wären weggefiltert worden, für die Aufdeckung von Identitäten hätte es einer richterlichen Verfügung bedurft. Schöne neue Welt. Das kann man … glauben …? Dass Binney in der Agency „großer Satan“ genannt wurde, hatte nichts mit ethischen Bedenken zu tun, sondern damit, dass die Kollegen befürchteten, ihre Schnüfflerjobs an eine Maschine zu verlieren.

Mag sein, dass für den Strukturensucher Binney das Individuum nur ein Punkt auf einer Zeitlinie ist. SMS, Mail, ein Anruf, Kreditkartengebrauch, jede Handlung nur ein Punkt auf einer Zeitlinie. Nachvollziehbar, verfolgbar, bis ins Privateste. Den Reinen ist alles rein, steht in der Bibel. Und Binney ist zweifellos überzeugt von der Reinheit und Schönheit von Zahlen. Atemlos liest man die weltweiten Rezensionen dieser Doku, wenn einem selbst die Begeisterung fürs Ausgeforschtwerden durch Geheimdienste und andere demokratiepolitisch hirntote Illuminaten fehlt. „Als alle begannen, über die böse NSA herzuziehen, mit dem Finger auf sie zu zeigen und die Amerikaner auszubuhen, sagte ich mir – Moment einmal, ganz so einfach ist das sicher nicht! Als ich 1988 meinen Militärdienst leistete und wir die Rote Armee an unseren Grenzen hatten, waren wir da nicht alle froh gewesen, dass die NSA in unseren Horchposten saß und die Sowjets ausspähte?“, heißt es im Regiestatement von Friedrich Moser. Es ist ein weiterer Verdienst seines Films, der sich in weiten Teilen mit einem Computerprogramm und dessen Funktionsweise befasst, diese technischen Prozesse anschaulich und unter weitgehendem Verzicht auf den Fachjargon darzustellen.

Es kam, man weiß es, anders. Es kam das teure Trailblazer-Programm. An dem sich, so wird im Film argumentiert und Maureen Baginski mit dem Satz „9/11 ist ein Geschenk an die NSA“ zitiert, wieder etliche bereichern konnten. Trailblazer, das Schlüsselwörtersystem, öffnete alle Schleusen zur Speicherung und Totalüberwachung. Das Ausmaß ist größer als je gedacht, weiß man seit Edward Snowden. 2007 stürmte eine Gruppe von bewaffneten FBI-Agenten Binneys Wohnung; er berichtet, dass „die NSA und das FBI damals Anklagepunkte gegen meine Kollegen und mich fingierten, sodass sie einen Haftbefehl bekamen.“ ThinTread wird in der Doku als von der NSA vernichtet bezeichnet. Binney sagte als erster Zeuge vor dem deutschen NSA-Untersuchungsausschuss aus. Der Saulus als Paulus. Moser sagt, für ihn sei „A Good American“ in erster Linie ein Film über Moral. Eine dänische Filmzeitschrift schreibt: „The message is scary: NSA monitors to make money – not to protect.“ Über die Moral von der Geschichte sagt „A Good American“ aber nichts – weder aus dem einen, noch aus dem anderen Grund, überwacht werden mag ich nicht.

www.agoodamerican.org

Wien, 16. 3. 2016

Volkstheater: Die sieben Todsünden

Oktober 11, 2014 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Bill brilliert als Weill-Interpretin

Maria Bill Bild: © Christoph Sebastian

Maria Bill
Bild: © Christoph Sebastian

Dass Maria Bill eine großartige Chansonnière ist, ist eine Binsenweisheit. Nun interpretiert sie am Volkstheater in einer Inszenierung von Michael Schottenberg Kurt Weills/Bert Brechts „Die sieben Todsünden“. Das heißt: Der Regisseur hat dem nur etwa 35-minütigem Werk neun Weill-Lieder aus seinen Exilen in Paris und den USA vorangestellt – und viel „Dreigroschenoper“. Begleitet von Michael Hornek am Flügel und Milos Todorovski am Bandoneon gibt die Bill La Diva. In schwarzer Courturerobe mit weißem Federkragen, der noch als allerlei Requisit herhalten wird müssen, singt sie sich viersprachig von „Speak Low“ aus dem Musical „One Touch of Venus“ und „Je Ne T’aime Pas“, 1934 verfasst für die Sopranistin Lys Gauty, bis zur „Seeräuber-Jenny“ und „Youkali“ aus Weills Oper „Marie Galante“. Allein dieser Teil des Abends hätte einen schon glücklich gemacht. Das Programm ist wie eine Vorwegnahme des oder eine Erinnerung an das Kommende(n). Eine Primadonna – und wie sie dazu wurde …

Also: „Die sieben Todsünden“. Kurt Weill schrieb das „Ballett mit Gesang“ 1933 in Paris im Auftrag des reichen Engländers Edward James für dessen Ehefrau, die Tänzerin Tilly Losch. Weill, mit Brecht schon verkracht, weil ihn dieser bei den Proben zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als „falschen Richard Strauss“, den er „in voller Kriegsbemalung“ die Treppe hinunterwerfen werde, beschimpft hatte, fungierte als Liberettist. Nachdem Jean Cocteau abgelehnt hatte. Dem Werk war, bis auf eine Plattenaufnahme mit Lotte Lenya 1956, kein Erfolg beschieden. Inhalt: Die Schwestern Anna I und II, eine Sängerin, eine Tänzerin, ein Hirn, ein Herz, Sinn und Sinnlichkeit, werden von der Familie losgeschickt, um mit Anna IIs Kunst genug Geld für ein Haus am Mississippi zu verdienen. Sieben Stationen müssen die Annas durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid sind dabei die Versuchungen kurzfristiger Bedürfnisse, deren Befriedigung aufgeschoben werden muss. Zum Zwecke des Profits. Denn Sünden werden dort zu Tugenden, wo nichts mehr einen Wert hat, was keinen materiellen Wert hat. Die Familie, ein Männerquartett, gibt dazu bibelversähnliche Ermahnungen wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und scheinheilige Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsre Kinder, dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt“ ab.

Ivaylo Guberov, Martin Mairinger, Johannes Schwendinger und Wilhelm Spuller sind „die Familie“. 40 Musiker des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien, unter der Leitung von Milan Turković, glänzen als Meister an ihren Instrumenten. Die Bill entledigt sich ihres Edeloutfits, steigt von Kothurnen und steht da. Ein Mädchen im Blümchenkleid. Wie im Prolog beschrieben: „Wir sind eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige“, verkörpert sie beide Annas. Ich und Über-Ich. Eine gespaltene Persönlichkeit. Die nicht tun will, von dem sie weiß, dass sie es tun muss. Ihr Leben: ein Requisitenkoffer, in dem sie zeitweilig auch lebt. Maria Bill zieht alle Register ihres Könnens. Ist Clownin ebenso wie Tragödin. Erinnert an Paulette Goddard in den Chaplin-Filmen. Singt, tanzt (Schwanenwatschel, äh, -see), spielt, dirigiert – kurz. Es ist die Habgier, die ihr diese Idee eingibt, die Turković kraft seines Amtes aber sofort unterbindet. Am Ende ist das Haus finanziert. Ein erkauftes Unglück. Das Vermächtnis der unwirklich schönen Kunstgestalt vor dem Klavier …

Die folgende minutenlange – es wurde schon der Vorhang heruntergelassen und noch immer applaudiert – Publikumsbegeisterung galt natürlich in erster Linie Maria Bill. Welch eine Sängerin. Welch eine Schauspielerin. Welch ein Star.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/michael-schottenberg-im-gespraech/

Wien, 11. 10. 2014