MdM Salzburg: Bill Viola

Juli 25, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Erste Präsentation des Videokünstlers in Österreich

Sharon, 2013, High-Definition-Video, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

Der amerikanische Künstler Bill Viola zählt zu den renommiertesten Videokünstlern der Gegenwart. Seine mit modernster Technologie umgesetzten Bildwelten überzeugen durch ihre kontemplative Balance und überwältigen durch ihre unmittelbare Emotionalität und bildnerische Vehemenz. Sie sprengen den Rahmen konventioneller Sehgewohnheiten, die von den alltäglichen Bilderfluten in Film, Fernsehen und den sozialen Medien geprägt sind.

Seine bildgewaltigen Werke sind der conditio humana gewidmet; sie schaffen immersive Erlebniswelten, welche die Betrachtenden mit den Grundbedingungen und Potenzialen menschlicher Existenz konfrontieren und wesentliche Themen wie Leben und Tod, Traum und Wiedergeburt, Erinnerung und Vergessen, Verwandlung und Verklärung thematisieren. Das Museum der Moderne Salzburg zeigt mit der in enger Zusammenarbeit mit dem Bill Viola Studio entstandenen Personale die erste museale Präsentation von Violas Werk in Österreich.

Viola, der sich seit den 1970erJahren intensiv mit dem menschlichen Körper, divergierenden Zeitordnungen, Spiritualität und Transzendenz auseinandersetzt, ist zu Recht als „postmoderner Humanist“  bezeichnet worden, der einen intensiven Dialog mit nichtwestlicher Kunst, Musik und Religion pflegt und seine virtuos komponierten Werke sowohl als Reflexion über die Daseinsverortung

des Menschen in der Welt begreift wie auch als Erkundung der Möglichkeitsbedingungen des menschlichen Bewusstseins. Violas spirituelle Aufgeschlossenheit gegenüber dem östlichen Denken lässt ihn Werke von höchst eindrücklicher visionärer Poetik schaffen, die das Geistige mit dem Ästhetischen verbinden, ohne dabei in neureligiöse Dogmatik abzudriften.

Die Tradition der abendländischen Malerei insbesondere der Einfluss bedeutender Renaissancekünstler ist für sein Werk, das der künstlerischen Erforschung des bewegten Bildes gewidmet ist, von großer Bedeutung. Zudem gelingt es ihm mittels avancierter Videotechniken wie Zeitlupe, Zeitraffer, Überblendung, Mikro und Makroaufnahmen, die Wahrnehmung der realen Welt zu transzendieren. Gerade in unsicheren und verstörenden Zeiten haben Violas Werke eine große Relevanz, da sie von einer Idee der Hoffnung und Solidarität getragen sind.

The Raft, Mai 2004, Video-Sound-Installation, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

The Raft, Mai 2004, Video-Sound-Installation, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

So ist beispielsweise seine VideoprojektionThe Raft“, die in extremer Zeitlupe die Überwältigung einer Menschenmenge durch einen gewaltigen Wasserstrom zeigt, eine universelle Metapher der Bedrohung menschlichen Lebens. Bei dieser Darstellung des Leidens der Weltgesellschaft war es dem Künstler wie er in einem Statement festhielt wichtig, dass alle „Schiffbrüchigen“ überlebten: Niemand sollte verloren sein („No one is lost“).

Five Angels for the Millennium, 2001, Video-Sound-Installation, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

Five Angels for the Millennium, 2001, Video-Sound-Installation, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

In Violas Werk tauchen bestimmte Motive wie etwa die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer, Landschaften, Pflanzen, Tiere und Menschen, der Künstler selbst, Mitglieder seiner Familie immer wieder auf; in manchen zitiert der Künstler auch eigene Werke. Eine der Motivlinien, die sich durch das Werk von Viola ziehen, sind Bilder von Menschen, die ins Wasser tauchen oder darin schweben, etwa in Installationen wieFive Angels for the Millennium“. „Wasser ist ein so kräftiges, augenfälliges Symbol der Reinigung wie auch von Geburt, Wiedergeburt und sogar Tod“, so der Künstler.

Auch die dem Plakatmotiv der Ausstellung am Museum der Moderne Salzburg zugrundeliegende Arbeit ist Teil von Violas jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit dem Element Wasser.Sharon“ entstammt einer Serie von Wasserporträts, die etwas Beunruhigendes an sich haben zumal Wasser kein natürlicher Lebensraum für den Menschen ist und doch Träumende zeigen, die eine gewisse Zufriedenheit ausstrahlen und scheinbar ohne zu atmen unter Wasser existieren können.

Night Vigil, 2005/2009, Videoinstallation, Detail, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

Night Vigil, 2005/2009, Videoinstallation, Detail, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

Licht und Helligkeit als Sehnsuchtssymbol verarbeitet die InstallationNight Vigil“, ein Diptychon auf zwei nebeneinanderliegenden Bildschirmen. Darin werden eine Frau und ein Mann, die mitten in der Nacht durch Dunkelheit getrennt sind, zueinander und zu der Lichtquelle hingezogen, die ihre Sehnsucht erhellt. Die Motive inNight Vigil“ stammen aus einer Produktion von Richard Wagners OperTristan und Isolde“ von 2005 an der Pariser Opéra Bastille, für die Viola mit dem Regisseur Peter Sellars, dem Dirigenten EsaPekka Salonen und Kira Perov, seiner Studiomanagerin und künstlerischen Partnerin, zusammenarbeitete.

Die Überblicksausstellung zu Violas Werk am Museum der Moderne Salzburg ist eine Einladung, sich auf die immersiven VideoRaumWelten dieses großen Künstlers und damit neue, ungewohnte Perspektiven auf die großen Themen des Lebens einzulassen.

Zu sehen bis 30. Oktober.

www.museumdermoderne.at

25. 7. 2022

Kammerspiele: Was ihr wollt

April 28, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Weil ich ein Mädchen bin …

Helden in Strumpfhosen: Markus Kofler, Matthias Franz Stein, Alexander Strömer, Dominic Oley, Tamim Fatal, Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: © M. Schell

Wer hätte gedacht, dass sich im Josefstädter Ensemble derart viele herrliche Dragqueens verstecken? Auf die man noch dazu nur neidisch sein kann, weil – nackte Männerbrust hin oder her – wow, gibt es da sexy Beine zu sehen … In den Kammerspielen der Josefstadt zeigt Regisseur Torsten Fischer Shakespeares „Was ihr wollt“ in (bis auf Maria Bill als melan- cholischem Clown) männlicher Besetzung. Der Kniff passt zum britischen Barden, durfte doch zu dessen Lebzeiten keine Frau auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen. Fischers gemeinsam mit Herbert Schäfer erstellte modernisierte Textfassung sprüht nur so vor Bonmots und Pointen.

Ist an den passenden Stellen derb, an den richtigen elegisch. Die Darsteller scheuen mitunter auch vor tief aus der Klamottenkiste geholtem Klamauk nicht zurück, und sind in ihrem Spiel in dieser irrwitzig wortwitzigen Romantic Comedy dergestalt stark, dass selbst ein gutgetrimmter Dreitagebart der Illusion keinen Schaden zufügen kann. Und wenn’s die Helden in Strumpfhosen gar zu bunt treiben, unterbricht die Bill als Botin aus einem weniger leichten Leben in den hochemotionalsten Momenten und singt Astor Piazzola.

„Rinascerò“ nach dem mit Tamim Fattal und Ljubiša Lupo Grujčić mehrsprachig erlittenem Schiffbruch, „Los Pájaros Perdidos“ wenn Herzen brechen, „Oblivion“ hat sie selbst übersetzt. Tango Argentino, Tango Nuevo, Musik vom Rio de la Plata, die hier Krzysztof Dobrek am Akkordeon und der Geiger Aliosha Biz alternierend mit Nikolai Tunkowitsch interpretieren. Allein diese Augenblicke sind den Besuch der Vorstellung wert und wurden vom gestrigen Publikum auch mit Szenenapplaus bedankt.

Die Handlung ist tatsächlich sehr geschlechterfixiert: In Illyrien schmachtet Herzog Orsino nach der Hand der Gräfin Olivia, die sich jedoch in der Trauer um den hingeschiedenen Vater und Bruder ergeht. Da stranden die Zwillinge Viola und Sebastian an der Küste, allerdings im jeweiligen Glauben das andere Geschwister sei ertrunken. Viola verkleidet sich als Jüngling „Cesario“ und tritt in die Dienste Orsinos. Beauftragt mit dessen Liebeswerben entbrennt Olivia für den „jungen Mann“.

Rehrl, Niedermair und von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Ach, armer Rehrl! – Ich kannte ihn: Mit Clownin Maria Bill. Bild: © Moritz Schell

Dick und Doof: Robert Joseph Bartl und Matthias Franz Stein. Bild: © M. Schell

Alldieweil versuchen Olivias Onkel und Trunkenbold Sir Toby und Kammerkätzchen Maria den um Olivia werbenden, reichen, aber dümmlichen Sir Andrew auszusackeln; der Olivia besitzen und die Schluckspechte ausmerzen wollende Haushofmeister Malvolio wird per Intrige zum Narren gemacht, Stichwort: Komm‘ im gelben Höschen, dann zeig ich dir mein Möschen. Sebastian erscheint. Orsino und Olivia fighten um den schönen Knaben, der sich zum Glück als zwei vom jeweils angemessenen Sexus entpuppt. Ende gut, Torsten Fischer, denn der Regisseur demontiert die altväterische Ordnung. Immerhin Sir Toby heiratet Maria. Das alles ereignet sich auf der reinweißen Bühne der Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos. Vorne gibt es einen Spalt für freiwillige und unfreiwillige Abgänge.

Julian Valerio Rehrl spielt niemals travestiehaft, sondern subtil Viola/“Cesario“ und Sebastian, als zweiterer ein burschikoser Haudrauf, als erstere von einer Delikatheit und Zartheit, die nicht nur den Herzog verwirrt. Als solcher bleibt Claudius von Stolzmann hinter seinen Möglichkeiten, die blass geschminkten Gesichter müssen ja nicht in ebensolches Agieren ausarten, mag aber auch sein, dass man von seinem fulminanten Mackie Messer immer noch in der Weise eingenommen ist, dass jede andere Rolle dagegen bis auf Weiteres …

Claudius von Stolzmann, Julian Valerio Rehrl. Bild: © M. Schell

Die Schiffbrüchigen, Mi.: Rehrl als Viola. Bild: © Moritz Schell

Martin Niedermair als liebestrunkene Olivia. Bild: © Moritz Schell

Dominic Oley als verhöhnter Malvolio. Bild: © Moritz Schell

Martin Niedermair ist ganz großartig als beständig am Rande der Hysterie wankende Olivia, die Lady ein Fashion Victim im schwarzen Reifrock und mit extravaganten Hüten – und in Strapsen hinreißend! Alexander Strömer gibt lustvoll die rachsüchtige Kammerzofe Maria (im Rockabilly-Kleid), die mit Sir Toby, Sir Andrew und Ljubiša Lupo Grujčić als Diener Fabian jenen sinistren Plan gegen Malvolio schmiedet. Wobei Robert Joseph Bartl als nie nüchterner Sir Toby und Matthias Franz Stein als „Ich will nach Hause“ wimmernder Sir Andrew als Doubles von Laurel und Hardy – inklusive Saloontänzchen zu „Jerusalema“ – auftreten: Zwei Herren dick und doof. „Er liebt Verkleidungen und Rollenspiele“, sagt Sir Toby über Sir Andrew. Na dann.

Fischer versteht es, Shakespeare zu aktualisieren, ohne sich zu weit von ihm zu entfernen und doch überkommene Geschlechterrollen aufzuzeigen. Bisexualität auszuleben ist in dieser Welt kaum mehr kontroversiell, dagegen kann man als Mann immer noch misogyne Frauenbilder propagieren. Ein Beispiel: Nicht einmal die frauenfeindliche Tirade des Herzogs  – „Frauen haben kleinere Herzen als Männer“ – kann Violas Gefühle trüben. Allein für Orsino dauert es etwas länger, sich diese einzugestehen, muss er sich doch damit abfinden, sich vermeintlich in einen Mann verliebt zu haben.

Alexander Strömer als Kammerzofe Maria, Bartl und Stein. Bild: © M.Schell

Szenenapplaus: Die Bill singt Astor Piazzolla. Bild: © Moritz Schell

Mit gefälschtem Brief getäuscht: Dominic Oley als Malvolio. Bild: © Moritz Schell

Wer darf wen wie berühren? Was darf wer zu wem sagen? „Ich glaub, du musst mal wieder flachgelegt werden“, meint Sir Toby zu Nichte Olivia – das klingt von einem an den anderen männlichen Schauspieler adressiert schon ganz anders. Zu all diesen Irrungen und Wirrungen gehört ebenso Markus Koflers Seemann Antonio, der Sebastian rettete und bei Fischer als Flüchtlingsschlepper auftritt. Anno 2022 haben Liebeschwüre, Umgarnungen und Küsse zwischen Männern einen anderen, Vienna-Pride-Subtext als vielleicht ums Jahr 1600.

„Ich konnt‘ Euch so nicht lassen: mein Verlangen, / Scharf wie geschliffner Stahl, hat mich gespornt, / Und nicht bloß Trieb zu Euch / Auch Kümmernis, wie Eure Reise ginge … / Bei diesen Gründen / Der Furcht ist meine will’ge Liebe Euch / So eher nachgeeilt!“, so Antonio. Bleibt als einziger Vertreter toxischer Männlichkeit Dominic Oley als moralinsaurer, alsbald um Contenance ringender Malvolio, als der sich Oley jede nur denkbare Blöße gibt. Und immer wieder fällt, von verschiedenen Figuren gesagt, ein: Macht doch, was ihr wollt. Fazit: Das Publikum, darunter zwei Reihen ukrainischer Schülerinnen und Schüler, lachte bis beinah das Zwerchfell barst. Empfehlung: Schauen Sie sich das an!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=QI9FYFf0bQQ           www.josefstadt.org

28. 4. 2022

Pleasure

Januar 15, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

An die Männer denken, die sich damit aufgeilen

Schauspieldebüt: Sofia Kappel als Bella Cherry. Bild: © Plattform Produktion

Es dauert keine zehn Minuten, bis in „Pleasure“ der erste echte erigierte Penis, keine Penisattrappe!, zu sehen ist. Riesig und beängstigend ragt er über Bella Cherrys Kopf, die eigentlich Linnéa heißt und mit 19 Jahren aus einer schwedischen Kleinstadt nach Los Angeles gereist ist, um ein Pornostar zu werden. Es ist ihr erster Drehtag, sie fühlt sich unwohl. „Das ist Lampenfieber, das haben alle beim ersten Mal“, beruhigt sie der Regisseur. Nett und verständ- nisvoll sind sie alle am Set.

Anfängerin Linnéa reißt sich zusammen, die Kamera läuft. Bella Cherry ist geboren. „Pleasure“ heißt der erste Spielfilm der schwedischen Regisseurin und Drehbuchautorin Ninja Thyberg. („Are you here for business or for pleasure?“, fragt der Einwanderungsbeamte Linnéa routinemäßig bei der Einreise nach Amerika. Einen Moment lang hält sie inne, um dann mit dem Anflug eines vieldeutigen Lächelns zu antworten: „For pleasure.“) „Pleasure“, ab 14. Jänner in den heimischen Kinos, ist vielbeachtet. Er hatte seine bejubelte Premiere beim Sundance Festival, gewann mittlerweile mehrere Awards, trägt bereits den Cannes-Stempel und ist nun für den Europäischen Filmpreis als bestes Erstlingswerk nominiert.

Thyberg hat jahrelang in der Pornobranche recherchiert und sich das Vertrauen der dortigen Protagonistinnen und Protagonisten erworben. Bis auf Hauptdarstellerin Sofia Kappel, die hier ihr Schauspieldebüt gibt, sind die Rollen mit tatsächlichen Akteurinnen und Akteuren besetzt. Vom Agenten Mark Spiegler über die Regisseurin Aiden Starr, die sich sozusagen selber spielen, bis zu Bellas männlichen Partnern John Strong oder Chris Cock, er ein Spezialist für Interracial Porn, was die Amerikaner „noch schockierender finden als triple-anal“.

Der Grazer Mick Blue hat einen Auftritt als Filmemacher. Gedreht wurde großteils an Original-Pornosets. Dass „Pleasure“ weder dezidiert für noch gegen Pornografie Partei ergreift, macht den Film so stark. Dabei sind die Bilder drastisch und teilweise auch höchst unangenehm anzusehen. Die dokumentarisch-fiktionalen Überschneidungen, die in vielerlei Hinsicht Echtheit, erzeugen eine Spannung, die hart an der wahrscheinlichen Wahrheit kratzt. „Pleasure“ ist der wohl authentischste Pornoindustrie-Film aller bisherigen Zeiten.

Anfangs ist alles ein großer Spaß. Sie sei einfach Schwanz-fixiert und liebe Sex, beteuert Bella. „Ich bin eine Performerin“, sagt sie. John Strong mit ein wenig Hüftspeck ist ein fast väterlicher Penetrierer und Bellas Typ – unschuldiges Mädchen von nebenan – kommt an. Bizarr ist die Pragmatik und Porn-Bürokratie mit der vor einem Dreh ein Stapel Formulare ausgefüllt werden muss. Die Pornoindustrie ist ein nüchterner, emotionsloser Erwerbszweig, der Frauenkörper Ware, heiße Ware. Bella erkennt rasch, dass sich karrieretechnisch nur hochschläft, wer sich für alles zur Verfügung stellt und alles ankreuzt: „Cumshot“, „Reverse Cowgirl“, „Double Penetration“, „Rough Scenes“ …

Ein Selfie auf der Adult Video News Messe: „Bella“ Sofia Kappel. Bild: © Plattform Produktion

Fotoshooting im Pool: „Bella“ Sofia Kappel klettert die Karriereleiter hoch. Bild: © Plattform Produktion

Mit Konkurrentin Ava auf dem Weg zu einer Branchenparty: Sofia Kappel und Evelyn Claire. Bild: © Plattform Produktion

Trockentraining mit Banane: Sofia Kappel und Revika Anne Reustle als Joy. Bild: © Plattform Produktion

Ihr mit Sperma vollgespritztes Gesicht postet Bella noch fröhlich (während es der Betracherin offen gesagt den Magen hebt). Instagram ist die neue Präsentationsmappe. Dann ist es mit Erotik-Fun vorbei. Denn je rauer, gewalttätiger und demütigender die Frauen behandelt werden, desto besser verkaufen sich die Filme. Einen großen Unterschied macht es auch, ob bei einem BDSM-Dreh Frauen hinter der Kamera stehen (bei Aiden Starr werden der Mundknebel und die Nippelklemmen mit höchster Höflichkeit angelegt) oder wie meistens Männer.

Männer … man muss unweigerlich an jene denken, die sich an der Erniedrigung der vorgeführten Frauen aufgeilen. Bei der Adult Video News Messe in Las Vegas sieht man die Klientel: Schiachperchten und Freaks, aber auch Familienväter, die sich in der prickelnden Umgebung als Bad Boys fühlen wollen. Ist es die pathologische Angst des „starken Geschlechts“ vor der Weiblichkeit zu versagen, die manche Männer in die fiktionale Hardcore-Porno-Welt mit Hundeketten, Reitgerten und Fesselspielen treibt? Werden sie im Bedarfsfall Fiktion von Realität trennen können (Ausnahme: Sie finden eine BDSM-Gleichgesinnte)?

In den Sexszenen saugt sich die Kamera von Sophie Winqvist Loggins an Sofia Kappels großen, blauen Augen fest. Sie übt sich in der Kunst auch mit schmerzverzerrtem Gesicht Lust zu vermitteln: doppel-anal, für das sie ihren Anus mit Butt-Plugs vordehnen musste, denn Bella will ein „Spiegler-Girl“ werden. Die sind die Elite im Business und hochbezahlt, müssen dafür aber die perversesten Dinge mit sich machen lassen. Ein besonders brutaler Dreh entgleist, Minuten, die man kaum ansehen kann, diese Herabwürdigung einer Frau zum Objekt ist kaum auszuhalten, auch wenn der Regisseur und die beiden „Kollegen“ das Ganze „Show“ nennen.

Sie weint, sie ruft ihr Safeword, die Männer trösten sie. Wie immer sind alle superliebenswürdig. Doch als sie wirklich gehen will, erfährt sie, dass man einem lukrativen Geschäft kein jähes Ende bereitet. „Du spielst mit unserem Geld“, raunt der Regisseur gefährlich. Als Linnéa später vor ihrem Agenten Mike, Jason Toler, von Vergewaltigung spricht, will der davon nichts hören. Sie sei ja freiwillig ans Set gekommen. Da hat ihr Ashley, Dana DeArmond, aus der WG längst erzählt, dass Mike seine Mädchen auch an Freier vermietet: „Cash ist Cash“, meint sie lapidar. Pornografie meets Prostitution. Welch eine seltsame Form der Selbstausbeutung.

Dreharbeiten: Chris Cock, Xander Corvus, John Strong und Sofia Kappel. Bild: © Plattform Produktion

Schmerz und Lust beim Anal-Dreier: Chris Cock, Jack Blaque und Sofia Kappel. Bild: © Plattform Produktion

Bella und Joy müssen mit dem unsympathischen Caesar Rex arbeiten: Bill Bailey. Bild: © Plattform Produktion

Die Jobs werden Hardcore: „Bella“ Sofia Kappel dreht mit der rücksichtsvollen Aiden Starr. Bild: © Plattform Produktion

Die Pornodarstellerinnen-WG, in die sich Bella einmietet, ist wenig glamourös und oft ein trauriger Anblick. Die nicht gerade mit Geld gesegneten Mädchen leben von Pizza und chinesischen Nudeln, danach eine Pot-Pfeife. Bella wird beste Freundin von Joy, Revika Anne Reustle als Südstaatenbelle, die mit der Newcomerin Bananen-Trockentraining macht. Gemeinsam lästern sie über dritte ab, Joy stärkt Bellas Selbstvertrauen. Doch das Ringen um einen Job ist ein eiskalter Konkurrenzkampf. Auf dem Weg nach oben opfert Bella ihre Frauensolidarität und fällt Joy beim Dreh mit dem unsympathischen Caesar Rex in den Rücken.

Und dann ist da noch Ava, die wunderschöne Evelyn Claire, das neueste Spiegler-Girl, Marke Femme fatale. Die Bitch! In einer erschreckenden Szene wird Linnéa zur Täterin. Bei einem Girl-Girl-Shooting mit Ava kämpft sie diese mit einem Umschnalldildo nieder, alles, was sie an Hardcore gelernt hat, lässt sie nun an Ava aus. Muss erwähnt werden, dass Regisseur Mick Blue von den Aufnahmen begeistert ist?

Mit ihrer besonderen Mischung aus Furchtlosigkeit und Durchlässigkeit, mit stoischer Entschlossenheit und laszivem Schlafzimmerblick macht Sofia Kappel ihre erste Filmrolle zum atemraubenden Ereignis. Und Ninja Thyberg hat ein feines Feeling für die Vieldeutigkeit der Situationen, die sie einfängt. Sie spürt Momenten von Triumph und Stolz ebenso nach wie Momenten abgrundtiefer Verlorenheit. Einmal ruft die 19-Jährige nach einer besonders unangenehmen Dreherfahrung ihre ahnungslose Mutter in Schweden an, bittet darum, heimkommen zu dürfen. Die denkt, ihre Tochter mache in den USA ein Praktikum, und rät zum Durchhalten.

„Du wirst leider überall auf Idioten treffen“, sagt sie am Telefon. Lässt man Penisse und Analplugs beiseite, ist „Pleasure“ eine Parabel auf Frauen am Arbeitsplatz. Wer Macht hat, kann machen, was er will. Und Macht haben eben meist die Männer, gerade in der Pornoindustrie. „Pleasure“ ist ein schonungsloser Film, der den Zuschauerinnen und Zuschauern viel zumutet, dem aber auch das Kunststück gelingt, dabei nicht voyeuristisch zu sein. Zur Atmosphäre trägt der Soundtrack von Karl Frid bei, „Una Gida“ gesungen von Caroline Gentele, ein Mix aus Rap und Barock anmutenden Kirchenklängen, „Stripped to the Bone feat. Rubi Rose“, und Sofia Kappel singt „En midsommarnattsdröm“.

www.weltkino.de/filme/pleasure

15. 1. 2022

Kammerspiele: Die Dreigroschenoper

September 6, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bill, der Pate und der Batman-Bad Man

Der Pate von Soho: Herbert Föttinger als Jonathan Jeremiah Peachum. Bild: © Moritz Schell

Über Laufstege eilt sie, die Gesellschaft, die „ehrenwerte“; 2004, als Herbert Föttinger der Mackie Messer war, hielt Hans Gratzer dem Josefstadt- publikum noch den weiland sehr en voguen Riesen- zerrspiegel vor, nun setzt Torsten Fischer auf Frack und Zylinder. Man versteht sein Die-sind-Wir, die Verhältnisse, sie sind schon so. „Geschäfts- leute“ stellen sich schließlich nach wie vor bei „Bettlers Freund“ zum Postenschacher um die besten Plätze an.

Bert Brechts zynische Kapitalismus-Satire trifft auch nach beinah 100 Jahren noch ins Schwarze … In den Kammerspielen der Josefstadt war nach der ORF III-Ausstrahlung im Frühjahr nun endlich die Bühnenpremiere seiner „Dreigroschenoper“, und man sollt’s nicht glauben, dass etwas das bereits via Bildschirm perfekt war, noch perfekter gearbeitet werden konnte. Endlich hautnah am Ensemble dran, agiert dieses, dass es einem unter die Haut fährt, bis sich die Haare aufstellen. Wer sich zurzeit für eine Theaterkarte entscheiden muss, sollte es unbedingt eine für diese Aufführung sein lassen.

Auftritt aus dem Nebel ein finsterer Föttinger, Jonathan Jeremiah Peachum, angetan als der Pate von Soho, in Nadelstreif samt roter Nelke, ausgestattet mit der Verschmitztheit des ewigen Siegers und einer süffisanten Überheblichkeit, doch lässt er erst der Dame den Vortritt. Der Brecht’schen Grande Dame Maria Bill, die „Die Moritat von Mackie Messer“ anstimmt, mit dunklem Timbre und eindrücklicher Performance, einem bestechenden Balanceakt zwischen Gassenhauer und dissonanten Tönen. Bis sich der Song zum Chorstück steigert, des Hauses hochmusikalisches Ensemble packt einen in der Minute am Schlafittchen, und klar wird, wie sich die folgenden fast drei Stunden gestalten werden: schaustellerisch, kakophonisch, expressiv, mit einem Wort: angemessen schiach.

Punkto Besetzung weiß der Bühnenhit zu brillieren. Nicht nur Herrn Direktors Big Boss Peachum möchte man eine Paraderolle nennen; die Bill hat als Celia so viel Feuer wie deren glutrote Perücke, Bill verleiht Frau Peachum eine schlampig-anlassige Eleganz, wenn sie vom neuen Schwiegersohn schwärmt oder die Bettlerkolonne an die Kandare nimmt. Der Anstatt-dass-Song ist das erste von etlichen Highlights. Bill und Föttinger sind ein Traum-Gauner-Paar, er kann zu ihrer Tonlage wunderbar terzeln, sie hat unter der giftgrünen Kunstpelzstola mutmaßlich jene gleichfarbige Peitschennatter versteckt, deren Zähne sie ausfährt, falls die „Gentlemen“ des Gatten oder die Turnbridge-Huren nicht spuren. Die Bill zeigt sich als die großartige Komödiantin, die sie ist. Darauf hat Torsten Fischer nicht vergessen, dass der alte Zigarrenraucher auch Humor hatte.

Claudius von Stolzmann und Swintha Gersthofer. Bild: © Moritz Schell

Claudius von Stolzmann als „Joker“ Macheath. Bild: © Moritz Schell

Familie Peachum: Maria Bill, Föttinger und Gersthofer. Bild: © Moritz Schell

Mit exakter Personenführung und seiner Feinziselierung aller Figuren unterfüttert Fischer die Original-Urtypen, bis in die kleinsten Rollen, die es, man sieht’s an diesem Beispiel, bekanntlich nicht gibt. An der Josefstadt mag man sich diesen Luxus leisten, Ljubiša Lupo Grujčić als Hakenfingerjakob, Markus Kofler als Sägerobert, und von Hollywood zurück im achten Hieb, wo auf ihn hoffentlich bald größere Aufgaben warten: Publikumsliebling Marcello De Nardo hinreißend als affektiert schwuler, Lachs futternder Hochwürden Kimball, De Nardo, dessen Part über den Sommer deutlich aufgewertet wurde. Mit dabei, und das freut besonders, auch wieder Tamim Fattal, der 2015 von Syrien nach Österreich geflüchtete junge Schauspieler, als Jimmy.

Der Spielmacher, tatsächlich der „Joker“, ist Claudius von Stolzmann als Macheath, dem zu kreideweißer Fratze, totem Auge und blutrotem Mund nur der violette Schwalbenschwanz fehlt. Spazierstock trägt er, Peachums Erzkonkurrent um die entrischen Gründe – und von Stolzmann spielt ihn gefährlich lauernd, leise seine Kreise ziehend und blitzschnell zuschnappend als den eingangs besungenen Killer und Kinderschänder. Sein – nicht nur per Bruderkuss auf eine homoerotische Leibeigenschaft verweisender – Dreamteam-Partner ist Dominic Oley als Polizeichef Tiger Brown. Dieser wahrlich kein Raubtier in der Höhle des Löwen, sondern ganz Orden-behangene Noblesse oblige, die Männerfreundschaft verpflichtet sowieso, und derweil die Kameraden Mackie und Jackie den Kanonensong singen, kriegt man Otto Dix nicht aus dem Kopf.

Für die fünfzehn auf der Kammerspiel-Fläche agierenden Künstlerinnen und Künstler haben die Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos eine gewitzte Raumlösung gefunden: die schon erwähnten schrägen Stege, die eine Vielzahl von Auftritts-, Abgangs-, Möglichkeiten zum „Untertauchen“ und Gelegenheiten für die durchchoreografierten Massenszenen bieten. Darunter, dazwischen, im Souterrain, aus dem mitunter die Unterwelt ans Zwielicht quillt, spielt unter der musikalischen Leitung von Christian Frank die Kapelle auf – die Jazzelite Herb Berger, Alois Eberl, Rens Newland, Martin Fuss, Andy Mayerl, Christina-Stürmer-Schlagzeuger Klaus Pérez-Salado, Florian Reithner am Harmonium und last, but not least Trompeter Simon Plötzeneder.

Die Brecht’sche Grande Dame in Frack und Zylinder: Maria Bill als Moritatensängerin. Bild: © Moritz Schell

Marcello De Nardo (li.) endlich wieder in Wien, Claudius von Stolzmann und Swintha Gersthofer. Bild: @ Moritz Schell

Ménage à Tr-ohlala: Swintha Gersthofer, Claudius von Stolzmann und Paula Nocker als Lucy, Bild: @ Moritz Schell

Dominic Oley als Tiger Brown, Queen Bill in Blassrosa und „Aerialist“ von Stolzmanns Füße. Bild: © Moritz Schell

Warum die frischangetraute Mrs. Macheath, Peachum-Tochter Polly, noch nicht erwähnt wurde? Jetzt kommt’s: Weil einem Swintha Gersthofer wahnsinnig auf die Nerven geht. Mit diesem mädchenhaften „Achtung: Klosterschülerin!“-Appeal, mit diesem Sauberfrau-Style im Hochkeitskleid, die höchsten Töne spitz-kierend, als wolle sie hier mit Operette Staat machen – alldieweil Hochwürden De Nardo die Comedian-Harmonists-Ganoven hold lächelnd anhimmelt.

Doch der Schein trügt. Swintha Gersthofer vermag es, die ihr anvertraute Polly zu verwandeln, wie’s keine andere Figur aus dem Brecht-Personal tut. Sie wird vom Gänschen zur gestrengen, geschäftstüchtigen „gnädigen Frau“ im Hosenanzug, und Gersthofer agiert dabei in einer Art, dass man sich fragt, ob die ganze Mackie-Verhaftung und Firmenübernahme nicht von vornherein ihr Eheplan war. Das Strippenziehen jedenfalls hat sie von Mama gelernt. Und gleich der Polly geht’s immer raffinierter voran, grotesker, grausamer, ein grausiges Grand Guignol. Die gutbürgerliche Fassade bröckelt, zu fadenscheinig war die bourgeoise Verkleidung, die Häfn-Tattoos und die Messerstecher-Narben werden bei nacktem Oberkörper buchstäblich entblößt.

Eben noch die Macheath-Gang nähern sich die Herren als nächstes als die weitherzigen Trans-Damen der Nacht, fulminant-fies Bill mit der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“. Es schlägt die Stunde der Susa Meyer im „Bordell, das unser Haushalt war“. Hier ein schummrig-schäbiger Nightclub à la Kit-Kat, Spelunkenjenny Susa Meyer ein sündiges Prachtweib, eine Venus im Straps. Wie sie mit von Stolzmann die Zuhälterballade interpretiert, macht deutlich, dass Macheath weder Polly noch Lucy, sondern immer nur sie wollte, doch dass es in die Binsen gehen sollte.

Damencatchen: Swintha Gersthofer und Paula Nocker. Bild: @ Moritz Schell

Eine Venus im Straps: Susa Meyer als Spelunkenjenny. Bild: @ Moritz Schell

Salomonsong: Herbert Föttinger und Susa Meyer. Bild: @ Moritz Schell

Die „Seeräuber-Jenny“ gerät Susa Meyer zur nachtmahrischen Gesangsnummer, wie die Klabauterfrau singt sie: „Und wenn dann der Kopf fällt, sage ich Hoppla!“ Den Salomonsong hat sie sich mittlerweile ebenfalls zu eigen gemacht, bedeckt mit Peachums pelzverbrämtem Mantel wird sie von der Hure zur Heiligen, die Kurt Weills Song als von allen verhöhnte Schmerzensfrau und als Schauerlied darbringt. Die Geächteten, die Entrechteten von London, hier wird die Burlesque zum Seelen-Strip-Tease, der Lack ist ab, wie zuvor schon bei Peachums Bettlerbande. Nur der feine Herr Bandenführer im feinen Zwirn glaubt sich wieder mal fein raus …

Torsten Fischer hat die „Dreigroschenoper“ als starkes Frauenstück in Szene gesetzt. Während von Stolzmanns Macheath allen Stolz verloren hat, und – mit den Füßen zuoberst an den Galgen gebracht – die Vorbeidefilierenden um Hilfe anwinselt, Stolzmann dabei artistisch wie ein Aerialist, während Tiger Brown zum Witwenschleier (!) greift, erscheint eine letzte Kontrahentin um Gunst und Liebeskunst des teuflischen Verführers: Paula Nocker, Tochter von Maria Happel und Dirk Nocker bei ihrem Josefstadt-Debüt, als Lucy Brown, Tigers scheinbar hochschwangerer Sprössling – und wie sie mit Swintha Gersthofers Polly in den Infight geht, spöttelnd, irrwitzig, Mackie in der Mitte in Panik um sein „bestes Stück“, Paula Nockers Lucy hochdramatisch wie die di Lammermoor, das ist große Oper. Hinter den dicken Vorzugsschülerin-Brillengläsern ist diese Lucy zum Fürchten verrückt, und sagt Macheath: „Dir möchte ich mein Leben verdanken“, bangt man durchaus um ihn.

Der Schluss ist kurz, aber nicht scherzlos. Mit sinnbildlicher Schlinge um die Beine rezitiert von Stolzmann den Banken-Monolog, nur dass die, die heutzutag‘ eine Bank gründen, auch tief in deren Kasse greifen. Der reitende Bote bleibt einem optisch erspart, die Bill kommt als Queen in Blassrosa. „Und so kommt zum guten Ende /Alles unter einen Hut /Ist das nötige Geld vorhanden, /Ist das Ende meistens gut …“ Einige spitzzüngige Randbemerkungen über den Geld-/Wert von Kultur und deren diesbezüglichen Nöte treffen den Geschmack des enthusiasmierten Publikums, das den grandiosen Abend mit Standing Ovations bedankt. In diesem Sinne: Schaut euch das an! Könnt‘ ihr was lernen …

Erstveröffentlichung zur TV-Ausstrahlung: www.mottingers-meinung.at/?p=46602

Trailer: www.youtube.com/watch?v=IsbuVtCFo2U           www.josefstadt.org

6. 9. 2021

Kammerspiele im ORF III-Stream: Die Dreigroschenoper

April 27, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bill, der Pate und der Batman-Bad Man

Der Pate von Soho: Herbert Föttinger als Jonathan Jeremiah Peachum. Bild: © Moritz Schell

Über Laufstege eilt sie, die Gesellschaft, die „ehrenwerte“; 2004, als Herbert Föttinger der Mackie Messer war, hielt Hans Gratzer dem Josefstadt- publikum noch den weiland sehr en voguen Riesen- zerrspiegel vor, nun setzt Torsten Fischer auf Frack und Zylinder. Man versteht sein Die-sind-Wir, die Verhältnisse, sie sind schon so. „Geschäfts- leute“ stellen sich schließlich nach wie vor bei „Bettlers Freund“ zum Postenschacher um die besten Plätze an.

Bert Brechts zynische Kapitalismus-Satire trifft auch nach beinah 100 Jahren noch ins Schwarze … Aus den Kammerspielen der Josefstadt zeigte ORF III im Rahmen der Romy-nominierten Reihe „Wir spielen für Österreich“ die Fernsehpremiere der „Dreigroschenoper“; Torsten Fischers Inszenierung ist bis Samstag in der ORF-TVthek: tvthek.orf.at zu sehen.

Auftritt aus dem Nebel ein finsterer Föttinger, Jonathan Jeremiah Peachum, angetan als der Pate von Soho, in Nadelstreif samt roter Nelke, ausgestattet mit der Verschmitztheit des ewigen Siegers und einer süffisanten Überheblichkeit, doch lässt er erst der Dame den Vortritt. Der Brecht’schen Grande Dame Maria Bill, die „Die Moritat von Mackie Messer“ anstimmt, mit dunklem Timbre und eindrücklicher Performance, einem bestechenden Balanceakt zwischen Gassenhauer und dissonanten Tönen. Bis sich der Song zum Chorstück steigert, des Hauses hochmusikalisches Ensemble packt einen in der Minute am Schlafittchen, und klar wird, wie sich die folgenden zweieinhalb Stunden gestalten werden: schaustellerisch, kakophonisch, expressiv, mit einem Wort: angemessen schiach.

Punkto Besetzung weiß der Bühnenhit zu brillieren. Nicht nur Herrn Direktors Big Boss Peachum möchte man eine Paraderolle nennen; die Bill hat als Celia so viel Feuer wie deren glutrote Perücke, Bill verleiht Frau Peachum eine schlampig-anlassige Eleganz, wenn sie vom neuen Schwiegersohn schwärmt oder die Bettlerkolonne an die Kandare nimmt. Der Anstatt-dass-Song ist das erste von etlichen Highlights. Bill und Föttinger sind ein Traum-Gauner-Paar, er kann zu ihrer Tonlage wunderbar terzeln, sie hat unter der giftgrünen Kunstpelzstola mutmaßlich jene gleichfarbige Peitschennatter versteckt, deren Zähne sie ausfährt, falls die „Gentlemen“ des Gatten oder die Turnbridge-Huren nicht spuren. In Großaufnahme zeigt sich die Bill als die großartige Komödiantin, die sie ist. Darauf hat Torsten Fischer nicht vergessen, dass der alte Zigarrenraucher auch Humor hatte.

Claudius von Stolzmann und Swintha Gersthofer. Bild: © Moritz Schell

Claudius von Stolzmann als „Joker“ Macheath. Bild: © Moritz Schell

Familie Peachum: Maria Bill, Föttinger und Gersthofer. Bild: © Moritz Schell

Mit exakter Personenführung und seiner Feinziselierung aller Figuren unterfüttert Fischer die Original-Urtypen, bis in die kleinsten Rollen, die es, man sieht’s an diesem Beispiel, bekanntlich nicht gibt. An der Josefstadt mag man sich diesen Luxus leisten, Ljubiša Lupo Grujčić als Hakenfingerjakob, Markus Kofler als Sägerobert, und von Hollywood zurück im achten Hieb, wo auf ihn hoffentlich bald größere Aufgaben warten: Publikumsliebling Marcello De Nardo als Hochwürden Kimball.

Der Spielmacher, tatsächlich der „Joker“, ist Claudius von Stolzmann als Macheath, dem zu kreideweißer Fratze, totem Auge und blutrotem Mund nur der violette Schwalbenschwanz fehlt. Spazierstock trägt er, Peachums Erzkonkurrent um die entrischen Gründe – und von Stolzmann spielt ihn gefährlich lauernd, leise seine Kreise ziehend und blitzschnell zuschnappend als den eingangs besungenen Killer und Kinderschänder. Sein – nicht nur per Bruderkuss auf eine homoerotische Leibeigenschaft verweisender – Dreamteam-Partner ist Dominic Oley als Polizeichef Tiger Brown. Dieser wahrlich kein Raubtier in der Höhle des Löwen, sondern ganz Orden-behangene Noblesse oblige, die Männerfreundschaft verpflichtet sowieso, und derweil die Kameraden Mackie und Jackie den Kanonensong singen, kriegt man Otto Dix nicht aus dem Kopf.

Für die mehr als zwanzig auf der Kammerspiel-Fläche agierenden Künstlerinnen und Künstler haben die Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos eine gewitzte Raumlösung gefunden: die schon erwähnten schrägen Stege, die eine Vielzahl von Auftritts-, Abgangs-, Möglichkeiten zum „Untertauchen“ und Gelegenheiten für die durchchoreografierten Massenszenen bieten. Darunter, dazwischen, im Souterrain, aus dem mitunter die Unterwelt ans Zwielicht quillt, spielt unter der musikalischen Leitung von Christian Frank die Kapelle auf – die Jazzelite Herb Berger, Rens Newland, Martin Fuss und Andy Mayerl, Christina-Stürmer-Schlagzeuger Klaus Pérez-Salado und last, but not least Trompeter Simon Plötzeneder.

Die Brecht’sche Grande Dame in Frack und Zylinder: Maria Bill als Moritatensängerin. Bild: © Moritz Schell

Marcello De Nardo (li.) endlich wieder in Wien, Claudius von Stolzmann und Swintha Gersthofer. Bild: @ Moritz Schell

Ménage à Tr-ohlala: Swintha Gersthofer, Claudius von Stolzmann und Paula Nocker als Lucy, Bild: @ Moritz Schell

Dominic Oley als Tiger Brown, Queen Bill in Blassrosa und „Aerialist“ von Stolzmanns Füße. Bild: © Moritz Schell

Warum die frischangetraute Mrs. Macheath, Peachum-Tochter Polly, noch nicht erwähnt wurde? Jetzt kommt’s: Weil einem Swintha Gersthofer wahnsinnig auf die Nerven geht. Mit diesem mädchenhaften „Achtung: Klosterschülerin!“-Appeal, mit diesem Sauberfrau-Style im Hochkeitskleid, die höchsten Töne spitz-kierend, als wolle sie hier mit Operette Staat machen – alldieweil Hochwürden De Nardo die Comedian-Harmonists-Ganoven hold lächelnd anhimmelt.

Doch der Schein trügt. Swintha Gersthofer vermag es, die ihr anvertraute Polly zu verwandeln, wie’s keine andere Figur aus dem Brecht-Personal tut. Sie wird vom Gänschen zur gestrengen, geschäftstüchtigen „gnädigen Frau“ im Hosenanzug, und Gersthofer agiert dabei in einer Art, dass man sich fragt, ob die ganze Mackie-Verhaftung und Firmenübernahme nicht von vornherein ihr Eheplan war. Das Strippenziehen jedenfalls hat sie von Mama gelernt. Und gleich der Polly geht’s immer raffinierter voran, grotesker, grausamer, ein grausiges Grand Guignol. Die gutbürgerliche Fassade bröckelt, zu fadenscheinig war die bourgeoise Verkleidung, die Häfn-Tattoos und die Messerstecher-Narben werden bei nacktem Oberkörper buchstäblich entblößt.

Die weitherzigen (auch Trans-)Damen der Nacht nähern sich, fulminant-fies Bill mit der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“. Es schlägt die Stunde der Susa Meyer im „Bordell, das unser Haushalt war“. Hier ein schummrig-schäbiger Nightclub à la Kit-Kat, Spelunkenjenny Susa Meyer ein sündiges Prachtweib, eine Venus im Straps. Wie sie mit von Stolzmann die Zuhälterballade interpretiert, macht deutlich, dass Macheath weder Polly noch Lucy, sondern immer nur sie wollte, doch dass es in die Binsen gehen sollte.

Damencatchen: Swintha Gersthofer und Paula Nocker. Bild: @ Moritz Schell

Eine Venus im Straps: Susa Meyer als Spelunkenjenny. Bild: @ Moritz Schell

Salomonsong: Herbert Föttinger und Susa Meyer. Bild: @ Moritz Schell

Die „Seeräuber-Jenny“ gerät Susa Meyer zur nachtmahrischen Gesangsnummer, wie die Klabauterfrau singt sie: „Und wenn dann der Kopf fällt, sage ich Hoppla!“ Der Salomonsong ist nicht in jedem Ton ihrs, in Unterkleid und Unterziehhaube wird sie von der Hure zur Heiligen, die Kurt Weills Song als von Peachum verhöhnte Schmerzensfrau und als Schauerlied darbringt. Die Geächteten, die Entrechteten von London, hier wird die Burlesque zum Seelen-Strip-Tease, der Lack ist ab, wie zuvor schon bei Peachums Bettlerbande. Nur der feine Herr Bandenführer im feinen Zwirn glaubt sich wieder mal fein raus …

Torsten Fischer hat die „Dreigroschenoper“ als starkes Frauenstück in Szene gesetzt. Während von Stolzmanns Macheath allen Stolz verloren hat, und – mit den Füßen zuoberst an den Galgen gebracht – die Vorbeidefilierenden um Hilfe anwinselt, Stolzmann dabei artistisch wie ein Aerialist, während Tiger Brown zum Witwenschleier (!) greift, erscheint eine letzte Kontrahentin um Gunst und Liebeskunst des teuflischen Verführers: Paula Nocker, Tochter von Maria Happel und Dirk Nocker bei ihrem Josefstadt-Debüt, als Lucy Brown, Tigers hochschwangerer Sprössling – und wie sie mit Swintha Gersthofers Polly in den Infight geht, spöttelnd, irrwitzig, Mackie in der Mitte in Panik um sein „bestes Stück“, Paula Nockers Lucy hochdramatisch wie die di Lammermoor, das ist große Oper. Hinter den dicken Vorzugsschülerin-Brillengläsern ist diese Lucy zum Fürchten verrückt, und sagt Macheath: „Dir möchte ich mein Leben verdanken“, bangt man durchaus um ihn.

Der Schluss ist kurz, aber nicht scherzlos. Mit sinnbildlicher Schlinge um den Hals rezitiert von Stolzmann den Banken-Monolog, nur dass die, die heutzutag‘ eine Bank gründen, auch tief in deren Kasse greifen. Der reitende Bote bleibt einem optisch erspart, die Bill kommt als Queen in Blassrosa. „Und so kommt zum guten Ende /Alles unter einen Hut /Ist das nötige Geld vorhanden, /Ist das Ende meistens gut …“ Und gibt es etwas anzumerken, dann dass die von Filmregisseur André Turnheim gewählte Kameraperspektive nicht immer die optimalste war. Umso mehr freut man sich nun auf Live-Premiere.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=IsbuVtCFo2U           www.josefstadt.org

Bis Samstag zu sehen in der ORF-TVthek: tvthek.orf.at/profile/So-ein-Theater/13892206/So-ein-Theater-Wir-spielen-fuer-Oesterreich-Die-Dreigroschenoper/14090112

  1. 4. 2021