Festspielsommer in Salzburg: Interview mit Händl Klaus

Februar 8, 2013 in Bühne

17.08.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/4

Salzburg: Ein Stück wie ein Bienenschwarm

„Meine Bienen. Eine Schneise“: Händl Klaus’ neues Stück wird am 23. August bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Der Autor im Interview.

Der Mensch“, sagt Händl Klaus und muss lachen, wenn man ihm sagt, dass er mit diesem Weltsatz genau genommen den Titel zur Story geliefert hat, „der Mensch ist ja nicht denkbar ohne Biene.“

So sind sie, die Bemerkungen, die der Tiroler Dramatiker in ein Interview streut. Während er gleichzeitig unentwegt Notizen an sich selbst in eine Zettelwirtschaft schreibt. „Schon fürs nächste Projekt. Mir fällt oft assoziativ was ein, das ich sofort festhalten muss, sonst ist es weg.“

Im KURIER-Gespräch geht’s nun um dieses Projekt: „Meine Bienen. Eine Schneise“, Auftragswerk der Salzburger Festspiele, sprich ihres neuen Schauspielchefs Sven-Eric Bechtolf, das am 23. August im Landestheater uraufgeführt wird.

Bechtolf ernannte Händl Klaus zum ersten Festspielschreiber seiner Amtszeit: „Sven lässt mich alles machen. Und das ist fast das Schlimmste, was er mir antun kann. Wenn du solche Freiheit hast – wo fängst du an?“

Zunächst am Theater. Eine seltsame Familiengeschichte, die Beschreibung einer Naturzerstörung, einen Krimi hat der Autor dafür abgeliefert. „Spurensuche“, meint er, wäre ihm als Wort allerdings lieber als Krimi, denn: „Ein Krimi würde eine Lösung anbieten.“

Phantomschmerz

Bei Händl stehen die Zuschauer am Schluss mit vier Verdächtigen da. Der Inhalt? „Ein gewaltiger Phantomschmerz. Ein Kind, das seinen Vater nicht kennt und deshalb mit einer Leerstelle lebt, die entsetzlich weh tut.“

Weil es seine Eigenschaften, Eigenheiten auf niemanden zurückführen kann.

Die Mutter zieht mit dem durchaus verhaltensoriginellen Knaben an den Waldesrand, wo er, so hofft sie, wie es seiner Natur entspräche, möglichst wenig anstellen kann. Die Folge ist Vernichtung. Von Bäumen und vierzehn Bienenstöcken. Weshalb ein Inspektor auftritt und der Imker – die Erwachsenen ebenfalls allesamt keine Naturfreunde, sondern mögliche Täter …

Die Sprache, in der diese Geschichte erzählt wird, ist ein Gesamtkörper. Wie ein Bienenschwarm. Und löst sich im Stück so wie dieser auf. Händl Klaus verteilt den Text nicht nach Sätzen oder Worten auf seine Figuren.

Sondern nach Silben.

Eine beträchtliche Aufgabe, die er den Schauspielern Brigitte Hobmeier, André Jung und Stefan Kurt damit stellt. Über die Frage, ob die drei noch mit ihm reden, muss der Dramatiker deshalb schon wieder lachen.

„Ja“, sagt er. „Sie sind sofort eine verschworene Gemeinschaft geworden, in dem Sinne, dass sie den Text gemeinsam gelernt haben. Im stillen Kämmerchen kommt man da nicht weit. In der ganzen Arbeit hat sich ein tolles Gruppengefühl entwickelt, wir alle sind jetzt Teil eines Organismus.“

Zu dem gehört an Leben erhaltender Stelle die Franui Musicbanda. Deren Mitbegründer Andreas Schett, Imkersohn und wie Händl Tiroler, war der eigentliche Ideengeber fürs Stückthema Biene. Als Bub entwischte Schett ein Schwarm. Erst Vaters Rat, das rhythmische Aufeinanderschlagen zweier Topfdeckel, brachte das Volk zurück in den Heimatstock.

Bienen haben den Groove.

Herzschlagmusik

Zu Schetts „betörend schöner Herzschlagmusik“ (Zitat Händl Klaus), in die Alban Bergs wenig bekannte Jugendlieder einsickern, wird sein Werk nun von den Darstellern dargeboten. Die Bilder dazu, der Autor nennt es „die Unterströmung“, erfindet Regisseur Nicolas Liautard. „Spielräume“, wünscht sich Händl, soll er den Zuschauern dabei offen halten.

„Damit der Abend für sich spricht und blüht.“

Zu den Personen: Ein tolles Tiroler Duo

Händl Klaus: Geboren 1969 in Rum bei Innsbruck. War erst Schauspieler am Schauspielhaus Wien, bevor er als Autor begann, Preise zu gewinnen. U. a. 1994 den Robert-Walser-Preis für seinen Erzählband „Legenden“ oder 1996 für „Kleine Vogelkunde“ den für das Hörspiel des Jahres . Zu seinen wichtigsten Stücken gehören „(Wilde) Mann mit traurigen Augen“ und „Dunkel lockende Welt“. 2006 wurde Händl Klaus vom Branchenblatt Theater heute zum Dramatiker des Jahres gewählt.

Andreas Schett: Geboren 1971 in Innervillgraten. Komponist, Trompeter, Kornettist und Sänger der Musicbanda Franui. Die Truppe, benannt nach einer Alm bei Innervillgraten, ist für ihre Anders-Interpretationen von Schubert, Brahms und Mahler bekannt, versteht sich aber auch auf Volksmusik. Begleitet Sven-Eric Bechtolf bei Lesungen. Schett gestaltete auch den Festspielkatalog Close Up .

Festspielsommer in Salzburg

Februar 8, 2013 in Bühne

Der Hirsch ist nur Requisite, die wahren Opfertiere sind die Bienen: „Verführerin“ Brigitte Hobmeier und ein lustiger, listenreicher Stefan Kurt, Hinten: „Godfather“ André Jung
24.08.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/4

Salzburg: Gesamtkunstwerk mit Sex und Gewalt

15 Minuten tosender Applaus bei der Uraufführung von Händl Klaus’ „Meine Bienen. Eine Schneise“ in Salzburg.

Am Anfang war das Wort. Das nahm der Tiroler Dramatiker Händl Klaus, drechselte daraus kunstvolle Sätze – nur um sie durch seinen Sprachhäcksler zu jagen, der sie in einzelne Silben schredderte.

Diese teilte er auf vier Figuren, die sie als eine Art Sprechgesang wiedergeben sollten. Und zwar zur Musik der Musicbanda-Franui-Komponisten Andreas Schett und Markus Kraler. Unter Zuhilfenahme von Alban Bergs „Jugendliedern“.

Inhalt von „Meine Bienen. Eine Schneise“, einem Auftragswerk der Salzburger Festspiele: Alleinerziehende Mutter zieht mit verhaltensoriginellem, aber schön singendem Sohn (weil der Wiltener Sängerknabe David) an den Waldrand. Es brennt. Bäume und Bienenstöcke werden ein Raub der Flammen, die absichtlich gelegt wurden. Auftritt: ein ermittelnder Inspektor und der Imker. Verdächtig: sind mit ihren rußigen Händen alle.

Lösung: gibt es keine.

 

Archaische Kraft

Klingt akademisch. War bei der Uraufführung am Landestheater aber von archaischer Kraft. Ein Gesamtkunstwerk aus Text, Schauspiel, Musik und Bildern. Ein heidnisches Ritual um Sex und Gewalt. Defintiv der Höhepunkt des diesjährigen Salzburger Schauspielprogramms.

Im Sog der drei großartigen Darsteller Brigitte Hobmeier (Mutter), Stefan Kurt (Inspektor) und André Jung (Imker) liest sich die Story nämlich so: Junger Krieger/Gott entwindet durchaus williges Naturwesen dem alten Krieger/Gott. Der ist längst ein Feind seiner Völker, will seine Völker nicht mehr pflegen – und stiftet den Knaben an, sein Zerstörungswerk zu vollenden.

Erlösung gibt es keine.

Tanz um den Tatort

Regisseur Nicolas Liautard, der gemeinsam mit Giulio Lichtner auch das Bühnenbild ersann, inszeniert das Drama unter Aufgebot aller Mittel. Auch derer der Komik. Etwa, wenn Kurt verzweifelt tänzelnd versucht, seinen „Tatort“ vor diversen Drübertramplern zu schützen. Oder die Hobmeier seinen Spurensicherungskoffer auspackt, wie ein Kind ein Weihnachtsgeschenk. Sie, die als kommende Buhlschaft gehandelt wird, ist das Herzstück. Eine Lügnerin und Verführerin, eine Hexe mit dem Gesicht einer Heiligen, das „Weib“ an sich.

Trunken macht sie den alten Imker, um den Neuen zu umgarnen. Als Jung auftritt (und wer könnte besser „auftreten“ als Jung?), begleitet ihn ein Lichterzauber, der eines Odin würdig wäre. Liautard hat dafür als Hintergrund eine milchige Wand geschaffen, die Durchblick ebenso nur vorgaukelt, wie der Rest des Ganzen.

Gesumm und Gesang

Bleibt die zehnköpfige Franui-Truppe zu würdigen. Die mit Berg und Bienengesumm, mit Gesang, Hackbrett, Harfe und picksüßem Hölzl, von Volksliedklängen über Beinah-romantischer-Oper bis Klezmersound alles gibt.

Ein so anspruchsvoll artifizieller wie lustvoller Abend.

Bravo an alle Beteiligten, Dank an Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf, der diese Konstellation zusammengeführt hat.