Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Chikago

Oktober 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Burgenland-Flucht in ein besseres Leben

Luka Vlatkovic, Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Die wortwiege ist vom Thalhof ins Winterdomizil Wien übersiedelt, und zeigt hier drei beachtenswerte Produktionen. Den Auftakt macht, als erste Uraufführung der neuen Serie „Szene Österreich“, der vielbeachtete, im Picus Verlag erschienene Roman „Chikago“ von Theodora Bauer in szenischer Fassung. Aufführungsort ist die Alte Bibliothek. Ein wahrhaft intimer Rahmen, dieser holzgetäfelte Raum.

Ein Bücherkabinett mit Galerie, darin eine lange Tafel, darauf Brot und alte Fotoalben und Schnaps, Äpfel und Affenhandpuppen. Ein Hackbrett, dem Schauspieler Luka Vlatkovic Sphärenklänge entlocken wird. Einmal mehr ist es wortwiege-Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnigg gelungen, eine Spielstätte zu finden, die eine einzigartige Atmosphäre atmet. Gemeinsam mit Luka Vlatkovic und Nina C. Gabriel gestaltet Krassnigg die Bauer’schen Figuren, die Darsteller sind auch Erzähler, berichten von sich und über einander, aus den Perspektiven aller Protagonisten, und die sind nicht immer deckungsgleich.

„Chikago“ beginnt im Burgenland des Jahres 1921. Dort, an der noch jungen österreichisch-ungarischen Grenze, gibt es wenig außer Aufruhr und Armut, die große Hoffnung heißt „ins Amerika gehen“. Das will auch Feri, und die von ihm schwangere Katica natürlich mitnehmen, doch dann macht der Tod eines Gendarmen die Auswanderung zur Flucht, die nur durch Katicas „Zigeuner“-Halbschwester Anas beherztes Handeln überhaupt gelingt. Drüben angekommen, erfährt das Trio, dass im Land der unbegrenzten die Möglichkeiten doch sehr beschränkt sind. Katica stirbt bei der Geburt des Kindes, Feri wird zum Trinker, Ana muss den Säugling Josip alleine aufziehen …

Luka Vlatkovic. Bild: Christian Mair

Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Mit kleinsten Gesten, gezielten Seitenblicken, illustrieren Gabriel als seelisch starke Ana, Krassnigg als kindlich gebliebene Katica und Vlatkovic als sanftmütiger Zögerling Feri den Text. Theodora Bauer hat für ihr Buch eine Sprache von brutaler Poesie erschaffen, „Wortbluten“ steht an einer Stelle, das Idiom der Zeit angepasst und sehr österreichisch, und die wortwiege-Besetzung versteht dies perfekt umzusetzen. Wiewohl die Schauspieler kaum jemals die Texthefte aus der Hand legen, ist Krassniggs szenische Skizze theatraler als so manche Norminszenierung.

Gemeinsam gelingt es ihnen, Bauers packendes Sittenbild zum Statement zur aktuellen Lage im Land zu machen. Denn dies gilt es zu bedenken, dass es Epochen gab, in denen auch Europäer auf der Suche nach einem besseren Leben in die weite Welt zogen. Aus dem Burgenland in die USA waren es etwa 100.000. Die Migrantenschicksale in „Chikago“ entlarven jegliche einseitige Sichtweise auf „Wirtschaftsflüchtlinge“ als unmenschlich und dumm, ebenso jedoch wird der American Way of Life als Mythos enttarnt.

Gegenwärtiger, auch aufschlussreicher, kann ein Kommentar zur Zeit kaum sein. Dabei braucht Bauer, und mit ihr Krassnigg, für ihre Auswanderergeschichte keinen erhobenen Zeigefinger. Mit sparsamen Mitteln, einem getauschten Gilet, einer Schiebermütze, einem anderen Schultertuch, Kostümbild: Antoaneta Stereva, wechseln die Schauspieler in neue Charaktere. Aus Josip wird Vlatkovics erwachsener Joe, aus Ana „Aunt Annie“, die sich bei den jüdischen Whites als Haushälterin verdingt. 1937 ist es geworden, beim historischen Streik bei Republic Steel rückt die Nationalgarde an und beendet diesen mit Gewalt. Und wieder gibt es ein Unglück, und Josip und Ana müssen zurück ins Burgenland. Von Chicago nach Chikago. Und damit in den aufkeimenden Nationalsozialismus. Für Josip verführerisch, für Ana als „Zigeunerin“ und „Judenfreundin“ hingegen …

Luka Vlatkovic, Anna Maria Krassnigg und Nina C. Gabriel. Bild: Christian Mair

Chikago heißt bis heute ein Ortsteil von Kittsee, vermutlich so genannt, weil ab 1910 wegen der Wohnungsnot der Bevölkerung hier in kurzer Zeit gerade, „amerikanisch“ anmutende Gassen angelegt und entlang dieser Häuserblocks hochgezogen wurden. Der damals aus den USA heimkehrende Kittseer Josef Zambach soll gesagt haben, man baue die ja so schnell „wie in Chicago“.

„Chikago“, Theodora Bauers eindrücklicher Erzähltext, laut der wortwiege im Sinne eines kritischen, literarischen Volkstheaters zu verstehen, überzeugt auch in seiner szenischen Umsetzung. Regisseurin Anna Maria Krassnigg zeigt, wie viel mit nicht allzu viel geht, als Schauspielerin ist sie, wie auch Nina C. Gabriel und Luka Vlatkovic, einfach fantastisch. Alles in allem – ein Abend, den man gesehen haben muss.

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 10. 2018

Edition Atelier: Bibliothek der Nacht

September 23, 2015 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Von Prager Gespenstern und italienischen Vampiren

Bild: Edition Atelier

Bild: Edition Atelier

Die Edition Atelier startet mit einer neuen Buchreihe in den Herbst, der „Bibliothek der Nacht“, herausgegeben von Thomas Ballhausen. Zunächst erscheinen zwei Romane von Paul Leppin und Furio Jesi, weitere Bände sind in Vorbereitung.

Paul Leppin, Jahrgang 1878, war Beamter in der k. k. Prager Post- und Telegraphendirektion und dort offenbar mit genug Zeit ausgestattet, um sich literarisch Verruchtes auszudenken. Abends sollen er und Jiri Karásek, ein weiterer Poet der Décadence, in den Nachtcafés gesessen haben, dort lauschten sie den kehligen Chanteusen, „ohne Mieder, weshalb sie so plastisch im Detail sind“, und schrieben dann, gleichsam zur Buße, filigrane Lyrik.

Leppin war unter anderem mit Max Brod und Gustav „Golem“ Meyrink, den er oft als Vorbild für seine Figuren heranzog, befreundet. Um die Jahrhundertwende galt Leppin als einer der Protagonisten der literarischen Bewegung „Jung-Prag“. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1939 wurde er von der Gestapo verhaftet und erlitt nach der Freilassung einen Schlaganfall. Den Nazis war der Verfasser obsessiv-erotischer Romane, frecher Bänkellieder und bewegender Prager Stimmungsskizzen verhaßt. Für tausend Jahre aus der Literatur verbannt, erlebte auch sein Werk im Kommunismus keinen Prager Frühling. Leppin starb 1945 an den Spätfolgen einer Syphilis-Erkrankung. Als er hilflos gelähmt im Rollstuhl und im Sterben lag, schrieb er noch „lieber ein heißes Vergehen / als immerzu fröstelnde Qual“.

„Severins Gang in die Finsternis“ ist erstmals 1914 erschienen. In seinem Roman erzählt Leppin vom Prager Nachtleben, in dem Severin wie sein Schöpfer nicht nur einen Ausgleich zu seinem tristen Bureaualltag findet, es laufen ihm dort auch die Mädchen fast scharenweise hinterher. Bei seinen rastlosen Streifzügen beginnt er halbherzige Affären, die er ebenso schnell wieder beendet, bis mit einem Mal die laszive Mylada in sein Leben tritt. Severin verfällt ihr mit Haut und Haar. Getrieben von seinen Leidenschaften zieht ihn die Nacht mit ihren Gespenstern und ihrem düster-fantastischen Flair immer tiefer in den Bann. Ihm ist es, als ob ihn „unsichtbare Hände streiften“. Die Dämonen Prags und die der Seele sind bald nicht mehr zu unterscheiden … Leppin geizt nicht mit üppiger Metaphorik, da wächst beispielsweise eine Frauengestalt feierlich als „sehnsüchtige Blume aus den Treppensteinen empor“, andererseits ist er auch ein Meister des subtilen Sarkasmus, etwa wenn bei einem Kuss scheinbar die Erde birst und er dann mitten im Gefühlspathos die lakonische Pointe bringt: „Auf der Moldau hatte der Eisgang begonnen.“ Eine atmosphärisch unheimlich – in doppelten Wortsinn – dichte Erzählung, bei der sich hinter sprachlicher Jugendstilornamentik der reinste Schrecken verbirgt.

Furio Jesi wurde 1941 als Sohn einer jüdischen Familie in Turin geboren und starb 1980 bei einem häuslichen Unfall in Genua. Er lehrte deutsche Literatur an den Universitäten Palermo und Genua und übersetzte Werke von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Elias Canetti ins Italienische. „L’ultima notte“, „Die letzte Nacht“, ist erstmals posthum 1987 erschienen. Inhalt: Vor vielen Jahrhunderten beherrschten die Vampire die Welt, nun leben sie im Verborgenen, in geheimen Kammern und unterirdischen Gängen. Bis sie eines Nachts das Zeichen ihres Herrn am Himmel erkennen, ein loderndes Flammenschwert, das ein neues Zeitalter ankündigt. In rasender Geschwindigkeit erobern die Vampire die Erde zurück, die Menschen müssen zusehen, wie ihre Städte verfallen und ihre Errungenschaften zerstört werden. Die Apokalypse steht bevor. Kann sich die Menschheit noch retten? Eine ironische und melancholische Parabel über die zerstörerische Weltherrschaft der Menschen.

Edition Atelier, Paul Leppin: „Severins Gang in die Finsternis“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 1, hg. von Thomas Ballhausen, 128 Seiten

Edition Atelier, Furio Jesi: „Die letzte Nacht“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 2, hg. von Thomas Ballhausen, 136 Seiten. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

www.editionatelier.at

Wien, 23. 9. 2015

Vladimir Jabotinsky: Die Fünf

März 14, 2013 in Buch

Untergang einer alten Welt

51b7MSuT50L._SL500_Odessa ist Ende des 19. Jahrhunderts eine Stadt des pulsierenden Lebens. Doch Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung werden auch in Russland keine Seltenheit. Die große jüdische Gemeinde ahnt noch nichts von der drohenden Gefahr. Die Wohlhabenden leben ein ungestörtes Leben der Bälle und Circles, bei denen junge Damen ihre unzähligen männlichen Verehrer um den kleinen Finger wickeln. Ein jüdischer Feuilleton-Journalist (Jabotinsky selbst) präsentiert das Schicksal Odessas an Hand der Familie Milgrom und ihren fünf Kindern: Matussja und Lika sowie ihrer Brüder Serjosha, Marko und Torik, die nicht unterschiedlicher sein könnten – so auch ihre Einstellung zum Judentum. Matussja ist der Mittelpunkt des gastfreundlichen Hauses, das von einer Vielzahl von Gästen besucht wird. Ihr Bruder Serjosha ist das genaue Gegenteil, der geborene Lebemann, der alles in Frage stellt und kein Verbot akzeptiert. Dass er schließlich von seinem anscheinend naiven Bruder Torik, der zu einem Karrieristen wird, abgelöst wird, ist eine Ironie des Schicksals. Lika repräsentiert die dunkle Seite der Familie, die ihre eigenen Spielchen spielt und sogar die zaristischen Spione austrickst.

Vladimir Jabotinsky lässt seinen ICH-Erzähler und Lika auf Reisen durch Europa gehen, lange in Italien weilen, auch in Bern. Immer wieder fährt der Erzähler zurück nach Russland, auch nach Odessa, besucht die mit einem Apotheker verheiratete Marussja, trifft deren Geschwister und nimmt Teil am tragischen Schicksal, am Auseinanderbrechen der Familie. Und so wie die Mutter, im Lauf weniger Jahre ergraut ist, so ist Odessa auch eine graue Stadt geworden. Das langsame Abgleiten in einen Überwachungsstaat, die Zensur von Zeitungsberichten, das Gründen von Bürgerwehren gegen die jüdischen Mitbewohner. Am Schluss bleiben noch einige Familienmitglieder zurück, die glauben noch an ein Recht festhalten zu können, das es schon lange nicht mehr gibt. Und dann gibt es auch Opportunisten.

Die Andere Bibliothek, Vladimir Jabotinsky: “Die Fünf“, 266 Seiten, Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, die Lyrik wurde übertragen von Jekatherina Lebedewa

www.die-andere-bibliothek.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 14. 3.  2013