Volkstheater/Bezirke: Der Raub der Sabinerinnen

Februar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Hymnus auf die Schmiere

Eleonora Striese lässt sich beim Regieführen verführen: Doris Weiner mit Katrin Grumeth und Günther Wiederschwinger. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Was Katharina Thalbach vor ein paar Jahren in Deutschland mit Verve gelang, nämlich Theaterdirektor Striese nebst Gattin darzustellen, mit dieser Kunst beeindruckt nun auch Doris Weiner bei der Bezirke-Tournee des Volkstheaters. Dass die Leiterin ebendieser in Lukas Holzhausens Inszenierung von „Der Raub der Sabinerinnen“ ein Stück weit auch sich selbst spielt, vergrößert den Spaß an der Persiflage nur noch – ein geplagter Prinzipal in Geldnöten.

Der um schauspielerische Bravourleistungen und mit schwindendem Publikum ringt, auf der Suche nach jenem Stoff, der endlich das Zeug zum Kassenschlager hat. Im 1885er-Schwank der österreichischen Dramatikerbrüder Franz und Paul von Schönthan glaubt der Wandertruppen-Intendant Emanuel Striese diesen im Werk des Kleinstadt-Professors Gollwitz gefunden zu haben, der seinerseits seine schriftstellerischen Ambitionen vor Frau und Familie zu verheimlichen sucht. Allein, die bildungsbürgerlichen Ansprüche der Schulmeistertragödie lassen sich mit der effekthascherischen Aufführungspraxis des Striese-Ensembles nicht vereinbaren. Doch während alles auf ein Desaster zuläuft, der Gollwitz-Clan aufs Heftigste zerstritten ist, hat Frau Striese die rettende Idee. Die, in der von Anja Herden überschriebenen Textfassung, Doris Weiner einen weiteren großartigen Auftritt sichert.

Nicht nur ist ihr als Emanuel der große Striese-Monolog im zweiten Akt gegönnt, dieser Hymnus auf die Schmiere – „Mein Herr, wissen Sie überhaupt, was eine Schmiere ist? Das ist ein Plätzchen, wo auf wenigen Quadratmetern mehr Hingebung verlangt und gegeben wird, als Sie es sich in ihrem bürgerlichen Hochmut vorstellen können!“ -, sondern als Eleonora in einer Art Zwischenspiel auch eine Probenszene, in der die Direktorengattin die Kollegen vergnüglich fest an die Kandare nimmt. Die zierliche Weiner mal mit geklebtem Bärtchen als künstlerisches Leichtgewicht, mal mit langem Haar als durchsetzungsfreudige, sexy Frau zu erleben, das hat schon was.

David Oberkogler als kulturaffine Haushälterin Rosa. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Doris Weiner als Theaterdirektor Emanuel Striese. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die Idee der Doppelbesetzung jedenfalls scheint es Regisseur Holzhausen derart angetan zu haben, dass er sie gleich auf den Großteil seiner Schauspieler ausdehnte. Am besten weiß diese Gelegenheiten David Oberkogler zu nutzen, der als Gollwitz-Schwiegersohn Leopold ebenfalls seine Geheimnisse hat, vor allem aber mit seinem komödiantischen Kabinettstück als Haushälterin Rosa überzeugt – Gollwitz‘ theaterbesessene Co-Autorin, jedenfalls sieht sie sich selber so, die im Moment, als der Reinfall droht, zum österreichisch-opportunistischen Kulturwendehals wird. Witzig, wenn Oberkogler seine Verwandlung durch ein nicht runtergerolltes Hosenbein oder eine zu spät aufgesetzte Perücke durchblitzen lässt.

Karin Grumeth spielt Leopolds enervierende Frau Marianne sowie deren jüngere und mit dem Vater verbündete Schwester Paula, Günther Wiederschwinger Vater und Sohn Groß, erster ein ernsthafter Spediteur, zweiter verbotenerweise zum fahrenden Volk übergelaufen – und nun schwerst in Paula verliebt. Michael Abendroth brilliert als verpeilter Professor Gollwitz, dessen verknöpfte Weste schon vieles über den Charakter sagt, der als Idealist gegen Theaterpraktiker ankämpfen muss, und der aus Nervosität über seinen wahrscheinlichen Misserfolg mehr und mehr aus der Fasson gerät. Bettina Ernst wechselt als Ehefrau Friederike von der Kleingeistigen zur – in virtuos gespieltem angetrunkenem Zustand – alles Verzeihenden. Dass das Travestiespiel in hohem Tempo ablaufen kann, ermöglichen die Kostüme von Valentina Mercedes Obergantschnig und das fürs Klipp-Klapp bestens geeignete Holzschachtel-Bühnenbild von Sofia Korcinskaja.

Kampf der Geschlechter im Hause Gollwitz: David Oberkogler, Michael Abendroth, Katrin Grumeth und Bettina Ernst. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Und so gewährt Doris Weiner als sächselnder Striese einen höchst unterhaltsamen, satirischen Schlüssellockblick auf die Bretter, die ihr mit Sicherheit die Welt bedeuten, ja, man erlebt mit ihr, wie Bühnenzauber aus dem Fast-Nichts entsteht. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist eine gelungene Produktion für das Volkstheater in den Bezirken, wo die wunderbare Weiner seit nun schon 14 Jahren Unterhaltung mit Haltung zeigt.

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  1. 2. 2019

Volkstheater in den Bezirken: Stella

April 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein besonders bizarrer flotter Dreier

Regisseur Robert Gerloff macht aus „Stella“ eine knallbunte Komödie: Hanna Binder, Andreas Patton, Bettina Ernst, Günther Wiederschwinger, Doris Weiner, Constanze Winkler und Sofie Gross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Natürlich singt Stella „Fernando“. ABBA, das ist an diesem Abend so aufgelegt, das kann gar nicht anders sein. Und natürlich meldet sich der so angebetete Kriegsveteran mit einem hingeschmetterten „Hoch auf dem gelben Wagen“ zurück. Schließlich beginnen doch alle Herzensirrungen und -wirrungen in der Poststation. Robert Gerloff hat für das Volkstheater in den Bezirken Goethes „Stella“ inszeniert, keine Bange: nicht als Sing-along.

Doch der junge Duisburger Regisseur, in Deutschland längst bekannt als Spezialist für humoristische Lesarten und entfesselte Figuren, hat im Trauerspiel die Komödie entdeckt. Und das ist so frech und frisch, so schrill und schräg, so temperamentvoll und temporeich, dass die zwei Stunden Aufführung eine reine Freude sind. Gerloff hat mit Gabriela Neubauer (Bühne) und Johanna Hlawica (Kostüme) eine bonbonbunte Welt zerzauster Perücken und ausladender Reifröcke erdacht, bei den beiden sitzengelassenen Damen ist „Schnürbrust“ ja quasi Pflicht, und durchpflügt diese nun mit hunderterlei stimmig-spaßigen Ideen, bei denen stets die Wertschätzung von Goethes geschliffener Sprache im Vordergrund steht. Dessen Zitatenschatzkästleinsätze finden sich im Bühnenbild mit „… und der Geliebte ist überall, Alles für den Geliebten“, wie auf Glückskeksen – man speist gemeinsam aus Chinapappschachteln – oder auf Stellas und Cäciliens Schnupftüchern.“ Nichts ist bleibend“ ist in das der zweiten gestickt.

Wenn etwas jemandes „Grille“ ist, zirpt eine ebensolche, überhaupt durchkreuzen Tierlaute vom Hahnenschrei bis zum Ebergrunzen jegliche Chance des Pathos‘ aufzukommen. Fliegen einem die Gedanken hoch, muss sich sein gegenüber tief ducken. Und muss Töchterchen Lucie über eines stillschweigen, dann über die finanziellen Vater-litäten, in denen sie sich wegen des Fehlverhaltens ihres Erzeugers befindet. Er, der als Offizier eben noch „half die sterbende Freiheit der edlen Korsen unterdrücken“, bringt als Gastgeschenk von dort, als wär‘s im Auftrag des Geheimrats, Käse mit. Kein Wunder, dass da Stellas Keksherzen gebrochen aus dem Ofen kommen …

Ein Mann zwischen der Geliebten: Hanna Binder und Andreas Patton … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und der Ehefrau: Andreas Patton und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch Gerloff kann mehr als Gags, Gimmicks und Kalauer. Er bringt dem Ganzen eine moderne Note bei. Fernando, bei Goethe noch der verzweifelt Doppelliebende, der hehre Leidende an der Situation, wird vom dramatischen Sockel geholt. Andreas Patton, schauspielerisch wie immer fabelhaft, macht aus ihm einen ziemlichen Pantoffelhelden (tatsächlich trägt er auch nur noch einen Soldatenstiefel und ein Stiefeletterl) – und konterkariert so das „Verständnis“, das der Tunichtgut und Seitenspringer für sich beansprucht, und das ihm im Original auch entgegengebracht wird. Wenn Stella und Cäcilie hier seine Treulosigkeit vergeben, so schimmert hinter dem Gnadenakt die Heuchelei durch. Hanna Binder als Geliebte und Bettina Ernst als Ehefrau (an beide ergeht ein Extrapreis fürs Gesichter schneiden – von angeekelt bis höchst angetan) sind einander verwandtere Seelen als mit dem Herrn der Schöpfung. Und weil’s ihm die beiden, mit Lucie eigentlich: die drei, mitunter ganz schön keifzangig geben, freut man sich als Frau insgeheim diebisch, dass Fernando sein weiteres Schicksal nun zwischen diesen Moiren verbringen darf.

Denn selbstverständlich bezieht sich die Inszenierung auf das Ende von 1775. Das Gleichnis vom Ritter von Gleichen wird erzählt, ja, Goethe selbst tritt auf, um dem Publikum zu versichern, dass es doch weder Klostergang noch Selbstmord ernsthaft sehen wolle – und so einigt man sich auf „eine Wohnung, ein Bett und ein Grab“. Er habe nur „ein repräsentatives Männerbild“ entworfen, entschuldigt sich der Autor – und man ahnt, dass dieser hier ein besonders bizarrer flotter Dreier werden wird.

Mit dem großartig komödiantischen Trio Patton-Binder-Ernst agiert das gesamte Ensemble voll von Spiellust. Sofie Gross ist eine glubschäugige Lucie, die ihren Teenager-Sturkopf kaum mit der antrainierten Mädchen-Lieblichkeit zu kaschieren vermag. Doris Weiner ist eine hinreißende, klatschsüchtige Postmeisterin in einem entzückenden Tutu-Hosenanzug. Günther Wiederschwinger spielt als Postillon/Verwalter sein Talent für Slapstick aus – und gemeinsam mit Doris Weiner auch Trompete und Posaune.

Singt sich nach „Fernando“ die Seele aus dem Hals: Hanna Binder, Sofie Gross und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Constanze Winkler schließlich darf nicht nur als Goethe himself auftreten, sondern sie spielt auch das Annchen und den Bedienten Stellas. Der heißt zwar mal Friedrich mal Wilhelm mal Heinrich, macht Lucie aber unter jedem Namen Avancen. Mit dem Teppichklopfer Popoklatsch auf die Tournüre – auch da mag man sich schon vorstellen, wie es weitergeht. Am Ende wird noch einmal gesungen: Georg Danzer – „Heute ist der Tag“.

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Wien, 29. 4. 2017

Volkstheater: Stefan Suske im Gespräch

November 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt Robert Seethalers „Trafikant“

Nach 37 Jahren spielt er wieder in Wien: Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nach 37 Jahren spielt er wieder in Wien: Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit seinem Roman „Der Trafikant“ landete der bis dahin unbekannte Wiener Schriftsteller Robert Seethaler 2012 auf den internationalen Bestsellerlisten. Am 2. Dezember hat nun eine vom Autor selbst für das Volkstheater in den Bezirken vorgenommene Dramatisierung seines Buches im Volx/Margareten Premiere. Seethaler erzählt vom jungen Franz Huchel, der 1937 vom Attersee nach Wien zieht, um beim Trafikanten Otto Trsnjek in die Lehre zu gehen. Dabei lernt er nicht nur dessen prominentesten Kunden Sigmund Freud und seine erste Liebe, die Erotiktänzerin Anezka, kennen, sondern auch die Nazis. Als der unbequeme Trsnjek als „Judenfreund“ von der Gestapo verhaftet wird, muss Franz seine ersten Schritte in die Erwachsenenwelt tun. Es ist eine grausame Welt, in der sich der Bub vom Land zum Widerständler gegen das Mörderregime mausert. Schauspieler Stefan Suske (mehr: www.volkstheater.at/person/stefan-suske/), nach 37 Jahren mit der Intendanz Anna Badora nach Wien zurückgekehrt, spielt den Otto Trsnjek. Ein Gespräch über die stillen Helden des Alltags und die Notwendigkeit, Haltung zu haben:

MM: „Der Trafikant“ ist eine Geschichte über dunkler werdende Zeiten, ein Plädoyer für Zivilcourage im kleinstmöglichen Rahmen.

Stefan Suske: Das würde ich ähnlich formulieren: Eine Geschichte über die stillen Helden des Alltags, die außerhalb des Gesichtskreises einer Zeit Haltung zeigen. Die nirgends vorkommen, außer es gibt ihnen zum Beispiel ein Schriftsteller wie Robert Seethaler Raum und Stimme. Der Protagonist ist Franz Huchel, ein junger Mann, der vom Land kommt, der keine politische Bildung hat, der außer dem Nußdorfer Gemeindeblatt nichts gelesen hat, und dann durch diesen Trafikanten Otto Trsnjek sozusagen im zweiten Bildungsweg herangeführt wird an das, was um ihn herum vorgeht. Franz macht dann tatsächlich seinen Weg bis zum Widerstandskämpfer. Nicht mit einer großen Tat, sondern mit einer kleinen, subtilen Geste gegen den Nationalsozialismus.

MM: Das Buch, damit nun das Stück, beginnt mit dem Wetterleuchten des Dritten Reichs und schildert den Wahnsinn, wie Menschen in diese NS-Todesmaschinerie hineingesogen werden und ihr nicht mehr entkommen können.

Suske: Die ersten Wochen, Monate, nach dem „Anschluss“, die Aggression, die sich da ausgebreitet hat, das beschreibt Seethaler in einer eindrücklichen Passage, in der der „rote Egon“ – vielleicht eine Hommage an Egon Friedell – nur ein Transparent aufhängt, auf dem steht „Die Freiheit eines Volkes braucht die Freiheit seiner Herzen Es lebe die Freiheit, es lebe unser Volk, es lebe Österreich“ und dafür bezahlt. Der Trsnjek wiederum lässt sich nichts anderes zu Schulden kommen, als dass er jüdische Kunden bedient.

MM: Dieser Otto Trsnjek, den Sie spielen werden, wie ist der?

Suske: Ein Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg. Er hat nur ein Bein, das werden wir mit einem Trick darstellen, weil das wichtig ist für den Schluss des Ganzen. Ich habe lange überlegt, ob er politisch aktiv, ein Sozialist oder Kommunist sein könnte, aber ich denke, das ist er nicht. Er ist einfach ein denkender Mensch, der ang’speist ist von dem, was da auf Wien, auf Österreich zurollt. Er ist ein guter Mensch, aber ein gezeichneter.

MM: Robert Seethaler hat auch das Stück verfasst?

Suske: Er hat eine eigene Bühnenfassung für uns geschrieben, das ist lustig, weil er mal am Volkstheater als Schauspieler tätig war, auch die damalige Schauspielschule am Haus besucht hat. Diese Fassung wurde von Regie und Dramaturgie im Einverständnis mit dem Autor noch einmal aufgemacht, weil die Prosa des Romans so wahnsinnig gut ist. So sprechen bei uns die Figuren nicht nur die Dialoge, sondern eben auch Prosastellen, Erzählpassagen aus dem Roman, auch die Briefe, die sich Mutter und Sohn schreiben. Ich hoffe, dass das funktioniert. Ich mag auch die anderen Bücher von Robert Seethaler sehr, wär‘ schön, wenn er zur Premiere käme.

MM: Waren Sie schon in den Bezirken?

Suske: Gespielt habe ich da noch nie, aber geschaut, wie sich die Kollegen schlagen. Das ist aus meiner Wahrnehmung ein sehr ehrliches Publikum, das sehr direkt reagiert, das mitgeht, wenn es interessiert ist. Wenn es fadisiert ist, dann zeigen sie es einem aber auch beinhart. Das Bezirks-Publikum darf man nicht unterschätzen, die lieben ihr Theater.

Das Ensemble von "Der Trafikant": Lukas Watzl, Stefan Suske, Nils Rovira-Muñoz, Elzemarieke de Vos und Klaus Huhle. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Das Ensemble von „Der Trafikant“: Lukas Watzl, Stefan Suske, Nils Rovira-Muñoz, Elzemarieke de Vos und Klaus Huhle. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Suske mit Carolin Knab in "Hose Fahrrad Frau". Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Suske mit Carolin Knab in „Hose Fahrrad Frau“. Nächste Vorstellung: 5. Dezember im Volx/Margareten. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Sie sind auch Schreibender, Sie haben in der vergangenen Saison die „Notizen eines Heimkehrers“ verfasst. Nach 37 Jahren wieder in Wien – wie geht es Ihnen?

Suske: Gut! Ich war viele Jahre in der Schweiz, da wäre ich nie auf die Idee gekommen, mir etwas aufzuschreiben. Ich habe die Menschen sehr schwer verstanden, wenn sie in ihren jeweiligen Sprachen geredet haben. Denn Berndeutsch, Zürichdeutsch zum Beispiel sind keine Dialekte, sondern eigene Sprachen. Aber hier in Wien, egal ob ich in einem Caféhaus oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel sitze, muss ich mir Notizen machen. Ich höre den Leuten zu und denke mir, das gibt’s ja nicht, das kann man nicht erfinden. Ich begreife sofort, wo einer herkommt, aus welcher Gesellschaftsschicht er ist, was das jeweils für eine mögliche Geschichte ist. Und dann spinne ich das weiter. Dieses Jahr mache ich Pause, weil ich eine Lese-Reihe für die Rote Bar mit Ausschnitten aus Doderers „Dämonen“ vorbereite, deren letzter Teil dann im Justizpalast stattfinden wird. Aber ich habe schon Ideen für ein neues Format.

MM: Ihr Sohn Jacob ist am Schauspielhaus Wien tätig.

Suske: Jacob ist Musiker, das Ein-Mann-Orchester am Schauspielhaus, Tomas Schweigen bezieht ihn aber auch in die Dramaturgie mit ein. Ich finde, er macht das großartig, Jacob hat ursprünglich Jazz studiert, war circa fünf Jahre lang Bassist in der damals bekanntesten Schweizer Popband „Lunik“, hat ganz gut verdient und hat sich dann in Berlin ein zweites Standbein als Theatermusiker aufgebaut. Was ich sehr schätze ist, dass er immer etwas macht, was dem Stück dient. Jetzt bei „Traum Perle Tod“ zum Beispiel hat er den Schauspielern in sechs Wochen beigebracht, Instrumente zu spielen, in „Imperium“ hat er nebst der Live-Musik auch eine kleine Rolle gespielt, einen Dramaturgen, der sich um den roten Faden bemüht. Das war lustig, weil er nicht so wie ich Text lernt, Musiker denken da anders, die kommen über die Improvisation … ich glaube, die Kollegen haben nicht immer das richtige Stichwort gekriegt. (Er lacht.)

MM: Um wieder auf den „Trafikant“ zu kommen: Einer der Kunden von Otto Trsnjek ist Sigmund Freud.

Suske: Deshalb war ich auch mit dem ganzen Team zum ersten Mal im Sigmund-Freud-Museum, wir bekamen eine ausgezeichnete Spezialführung, die auf die Bedürfnisse unserer Inszenierung Bezug nahm. So freundlich, wie er bei Seethaler ist, war Freud bestimmt nicht. Ich wusste gar nicht, dass er so havariert war, er hatte ein Platte im Mund, weil der Gaumen so krebszerfressen war, er hat sich nur von links fotografieren lassen, weil rechts ein Loch in der Wange war …

MM: Zu diesem Krebsleiden hat der Trafikant mit seinen Virginias wohl beigetragen.

Suske: Jaja. Er hat ohne Unterlass, auch während der Therapiesitzungen, seine geliebten Virginias geraucht … Man muss sich den Schock dieses schwerkranken Menschen vorstellen, als plötzlich die Gestapo in seiner Tür stand. Bei Seethaler wird Freud ein Mentor für Franz, er erklärt ihm, wie’s mit den Frauen geht und andere Dinge des Lebens. An ihm sieht Franz als erstes, wie das Regime ihm missliebige Personen vertreibt. Das ist eine schöne fiktive Geschichte, Seethaler wollte scheinbar einen „Prominenten“ in seinen Stoff einschreiben, als Katalysator unter den „Niemanden“, und ich finde, das funktioniert sehr gut. Die Trafik, in die Freud ging und die im Stück dem Trsnjek gehört, gibt’s übrigens wirklich, Ecke Währinger Straße/Berggasse.

MM: Freud rät Franz seine Träume aufzuschreiben. Was erträumen Sie?

Suske: Auf unsere Arbeit bezogen? Dass das Publikum ein wenig verändert aus diesem Abend raus geht. „Ins Licht treten, die Treffbaren, die Erfreubaren, die Veränderbaren!“, um Brecht zu zitieren, das ist das Publikum, das ich mir wünsche. Ich träume davon, dass die Menschen begreifen, dass es hin und wieder notwendig ist, Haltung zu zeigen.

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Romanrezension von „Der Trafikant“: www.mottingers-meinung.at/?p=5071

Wien, 27. 11. 2016

Volkstheater: Halbe Wahrheiten

April 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine feine Farce ohne billige Pointenjagd

Christoph Rothenbuchner und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Diese Pantoffel sind offenbar ohne Besitzer: Christoph Rothenbuchner als Greg und Evi Kehrstephan als Ginny. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volx/Margareten hatten Alan Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“ als Produktion für die Bezirke Premiere. Und Lukas Holzhausen bewies damit, dass er nicht nur als Schauspieler („Alte Meister“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15451, nächste Vorstellung am 5. Mai), sondern auch als Regisseur große Klasse ist. Er hat vom Stück des britischen Dramatikers den halbdurchsichtigen Firnis des Edelboulevards abgekratzt und eine feine Farce freigelegt.

Mit der geht er nicht auf billige Pointenjagd, Holzhausen hat seinem Darstellerquartett auch ein Spiel mit verschwörerischem Augenzwinkern untersagt, sondern er unterläuft den Witz sozusagen, dreht ihn einmal in den Köpfen der Zuschauer und fängt ihn hinterrücks wieder auf. Er hat die Schauspieler Doris Weiner, Michael Abendroth, Evi Kehrstephan und Christoph Rothenbuchner angeleitet, ihre Figuren und deren Verwirrungen und Verzweiflungen ernst zu nehmen, und gerade daraus entsteht die höchste Komödiantik. Vieles wird mit solcher Lakonie hingesagt, als hätte Loriot bei dieser Arbeit Pate gestanden. Die geschliffenen Dialoge sind auf den Punkt inszeniert. Mehr lässt sich von einem Ayckborn-Abend nicht wünschen.

Die Handlung ist verzwickt, nicht zuletzt, weil man einem Publikum, das sie noch nicht kennt, nicht zu viel verraten sollte. In London leben Greg und Ginny, erst kürzlich haben sie einander kennengelernt, und irgendwie hütet Ginny ein Geheimnis um ein paar Herrenpantoffel, aber Greg ist verliebt und will heiraten. Als Ginny aufs Land zu ihren Eltern fährt, reist er nach, um einen anständigen Antrag vor der Familie zu machen. Doch bei Sheila und Philip angekommen, ist offenbar alles ein bisschen anders, und die Vater-Tochter-Beziehung … naja … Ayckbourns Humor lebt von der Höflichkeit. Würde jemals jemand nachfragen, oder kurz nachdenken, die Katastrophen würden sich relativieren. So ist alles Missverständnis und Erstaunen und Notlüge und vornehmes Verzichten. Einer findet den anderen seltsam, aber jeder ist ein Schelm, der daher denkt … Ayckbourns Charaktere beherrschen perfekt die Kultivierung des Aneinander-Vorbeiredens. Und die Schauspieler im Volx, wie man das über die Bühne bringt.

Doris Weiner, Christoph Rothenbuchner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die zukünftigen „Schwiegereltern“ sind verwirrt, aber freundlich: Doris Weiner, Christoph Rothenbuchner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Zuschauer muss man einfach nur zur Kenntnis nehmen, dass, wenn Fremde in jemandes Grünanlage stehen, der nichts anderes als freundlich zu ihnen sein kann. Hans Kudlich hat als Raum für den Austausch dieser Freundlichkeiten einen mittelschwer pflegebedürftigen Garten hingestellt, mit einer ungesund wuchernden Hecke, durch die Michael Abendroth dann und wann brechen muss. Als quasi Tür-auf-Tür-zu-Ersatz. Zwischen Gartentisch und -stühlen entfaltet sich der Wahnsinn.

Christoph Rothenbuchner ist als Greg die Idealbesetzung, der wohlerzogene junge Mann, so wild entschlossen, einen guten Eindruck zu machen, dass er unmögliche Situationen heraufbeschwört. Er ist von Anfang an in der Defensive, weil Ginny offenbar eine schamlos routinierte Schwindlerin ist. Evi Kehrstephan allerdings zeigt das mit so viel Charme, ihr Spiel lässt Ginnys Sympathiewerte derart nach oben schnellen, dass ihr niemand böse sein kann. Als würde man schon ahnen, dass es auch für ihr Handeln einen guten Grund gibt. Die Begegnung mit Sheila und Philip entwickeln die beiden zu einem surreal-anarchischen Spaß, sie reißen Abgründe auf, über denen die Wahrheit nur noch ein schmaler Grat ist.

Holzhausen bringt mit seiner Inszenierung die Figuren erst recht ins Schleudern. Und plötzlich steht die existenzielle Frage auf, was etwas wert ist. Ehe – Elend – Eifersucht, da müssen die einen erst einmal hin, wo die anderen schon längst nicht mehr sind. Vor allem Doris Weiner gestaltet das als Sheila ganz vorzüglich. Die Dame ist über viele Jahre ehegeschult, ergo abgeklärt, und sie weiß, welche Knöpfe sie drücken muss, um den Göttergatten auf die Palme zu bringen. Mit Sheila hat Weiner die vielleicht beste Rolle im Stück, denn sie entwickelt sich. Von perplex dahin, dass nicht mehr sicher ist, was sie nicht versteht oder nicht verstehen will. Jedenfalls ist es mehr, als die anderen ihr zutrauen – und so gehört Doris Weiner auch der Schlussgag. Den sie mit entzückender Grandezza vorträgt.

Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ab durch die Hecke: Michael Abendroths Philip ist das Leben zurzeit gar nicht grün. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroths Philip ist ein Schlitzohr mit Tendenz zu Quengler und Querulant, wenn’s nicht nach seinem Willen geht. Doch Abendroth ist als Schauspieler zu brillant, um nur einen Unsympath zu gestalten. Sein Philip ist ein Sehnsüchtler, auf der Suche nach seiner Jugend, nach einem vorletzen Abenteuer, man hat Mitleid mit ihm, wie da sein Kartenhaus zusammenbricht.

Und dann kommt der Moment, wo er „Vater“ wird, die Zungen werden gespitzt, der Tonfall gereizter, er nützt die Situation und ist doch wieder nur – ein Unsympath. Abendroth macht das, so zwischen Tropf und Trottel, ganz hervorragend. Nach zwei Stunden „Halbe Wahrheiten“ und einer unvollständigen Auflösung aller Verzwicktheiten, konnte man einem gelungenen Theaterabend freudig applaudieren. Hier wurden definitiv keine halben Sachen gemacht! Das Volkstheater in den Bezirken darf sich zu Recht über eine schöne letzte Produktion zum diesjährigen Saisonschluss freuen.

Die ursprünglich als vierte Produktion in den Bezirken geplante Uraufführung von Thomas Glavinic’ Theatererstling „Mugshots“ wird im Dezember in der Regie des Autors nachgeholt. Und auch Lukas Holzhausen soll kommende Spielzeit von Intendantin Anna Badora wieder mit einem Regie-Projekt betraut werden. Wie er der Bühne bereits verriet, wird’s „ein echter Knaller“.

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Wien, 30. 4. 2016

Volkstheater: Doris Weiner im Gespräch

Februar 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Patriarchin der „Fleischhauer von Wien“

Rupert Lehofer, Martina Zinner, Doris Weiner und Dominik Warta Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Rupert Lehofer, Martina Zinner, Doris Weiner und Dominik Warta
Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Sie ist seit 1976 Ensemblemitglied am Volkstheater und seit 2005 Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken. Nun steht Publikumsliebling Doris Weiner (mehr: www.volkstheater.at/person/doris-weiner/) wieder auf „ihren“ Brettern. In „Die Fleischhauer von Wien“ spielt sie eine Patriarchin, die um den Erhalt des Familienbetriebs kämpft. Autorin Pia Hierzegger erforschte für ihren Text gemeinsam mit echten Fleischhauern die aktuelle Situation des Handwerks und die Zukunft der Zunft. Veganismus trifft auf Fleisch, alte Werte werden konfrontiert mit neuen Ideen. So entstand eine Geschichte, wie sie täglich in den Bezirken Wiens vorkommen könnte. Lorenz Kabas führt bei dieser Koproduktion mit dem Grazer Theater im Bahnhof Regie. Premiere ist am 26. Februar im Volx/Margareten. Doris Weiner im Gespräch:

MM: Zunächst einmal herzliche Gratulation zu 40 Jahren Volkstheater! Sie begehen heuer ein Jubiläum am Haus.

Doris Weiner: Das stimmt, ich wurde 1976 von Gustav Manker engagiert. Frau Badora ist also meine fünfte Direktorin. Aber eigentlich war meine erste Begegnung mit dem Volkstheater 1965, damals war ich noch Studentin an der Akademie für Musik und darstellende Kunst und war im Ballett einer „Sommernachtstraum“-Inszenierung von Leon Epp.

MM: Seit 2005 sind Sie Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Weiner: Ich habe viel draußen gespielt, habe die Umstände gut gekannt und das Publikum hat mich gut gekannt. Heute kommen manchmal Zuschauer auf mich zu, die sagen: Mein Gott, Frau Weiner, Sie habe ich schon gesehen, da bin ich noch in die Schule gegangen. Danke! Mein Vorgänger, Frank Michael Weber, ist in Pension gegangen und hat mich vorgeschlagen. Ich habe es geschafft, eine Beziehung zu den Leuten aufzubauen. Das ist in den Bezirken ganz wichtig. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs der vergangenen zehn Jahre war aber auch, dass Michael Schottenberg die Bezirke sehr geliebt hat. Es hat ihm zum Beispiel großen Spaß gemacht immer dann, wenn ich gespielt habe, das Publikum persönlich zu begrüßen. Das war natürlich schon etwas, wenn der Herr Direktor „Guten Abend!“ sagt.

MM: Unter Anna Badora richtet sich das Volkstheater inhaltlich und ästhetisch neu aus. Wie greift das Konzept in den Bezirken?

Weiner: Es ist natürlich für das Publikum eine Umstellung, aber Veränderung ist ja nie etwas schlechtes. Das Publikum in den Bezirken ist sehr theaterinteressiert und man darf ihm nicht unterstellen, dass es nur Schenkelklopfkomödien will. Aber niveauvolle Unterhaltung schätzen die Abonnenten natürlich. Man muss wahrscheinlich die zweite Saison abwarten, um genaueres sagen zu können. Was die Zuschauer immer anerkennen, ist die schauspielerische Leistung. Insofern kommen auch die neuen Schauspieler des Hauses gut an, wiewohl man dem einen oder anderen Publikumsliebling nachtrauert. Es wird interessant, wie „Die Fleischhauer von Wien“ angenommen werden. Das Theater im Bahnhof ist bekannt für seine sehr unterhaltsamen Aufführungen und Regisseur Lorenz Kabas war in vielen Spielstätten und hat sozusagen das Ohr ans Publikum gelegt.

MM: Wird auf Ihre Erfahrung zurückgegriffen?

Weiner: Kommende Saison bin ich in die Spielplangestaltung wieder involviert. Ich würde mich nicht als konservativ bezeichnen. Ich neige nicht dazu zu sagen: Das haben wir immer so gemacht! Ich hatte an diesem Haus schon mehrere Funktionen, habe beispielsweise auch das Volkstheater Studio und die Schauspielschule geleitet, denn nur Schauspielerin zu sein, wäre mir zu wenig gewesen, das heißt: ich habe vieles gesehen und ausprobiert und hoffe, mich auch weiterhin einbringen zu dürfen.

MM: Wie ist es für Sie wieder auf „Ihren“ Brettern zu stehen?

Weiner: Das ist Heimat. Bei der Arbeit an diesem Stück ist interessant, was man über den Berufsstand der Fleischhauer erfährt, denn es basiert auf Interviews mit den unterschiedlichsten Fleischhauern. Zum Beispiel auch dem Innungsmeister der Fleischer. Es gibt einen dicken Ordner mit diesen Interviews und die dienten Pia Hierzegger als Inspiration. Was man da alles erfährt! Ich habe zum Beispiel die Geschichte des Verkaufs von warmem Leberkäse kennen gelernt, die ich im Stück auch erzählen werde. Trotz aller Authentizität ist das Stück  natürlich künstlerisch verfremdet und auch sprachlich überhöht. Es ist also kein Infoabend darüber, wie man am besten Salami macht (sie lacht).

MM: Erzählen Sie ein wenig über das Stück und Ihre Rolle.

Weiner: Es ist eine Hommage an die kleinen Handwerksbetriebe, an das, wonach wir uns zurücksehnen, weil der persönliche Kontakt doch etwas anderes ist, als das Einkaufen in den großen Supermärkten. Die Fleischhauerei ist ein so traditionelles und wesentliches Handwerk, das im Großen und Ganzen vom Aussterben betroffen ist. Ich spiele die Witwe eines Fleischhauers, deren wesentlichstes Anliegen im Leben immer war, dass der Betrieb weitergeht. Da ist natürlich vieles zu kurz gekommen, unter anderem die Beziehung zum Sohn, der nun das Geschäft nicht übernehmen will und das ist für sie schrecklich. Sie holt einen entfernten Verwandten aus der Steiermark – und da kommen ein bissel versponnene, „alternative“ Leute, die den Betrieb von Grund auf umgestalten wollen. Daraus entstehen natürlich Konflikte. Die Beziehung zum Sohn, die fast ein bissel wie in der „Glasmenagerie“ ist, dieses ständige Ihn-schlecht-Machen, fällt mir beim Proben tatsächlich schwer, weil ich als Mutter versucht habe bei meinem Sohn ganz anders zu sein. Ein wesentliches Moment meiner Figur ist ihr Schmerz, dass man sie als Frau den heißgeliebten Beruf nie erlernen ließ. Da sie keine Meisterprüfung hat darf sie den Betrieb nach dem Tod des Mannes auch nicht selbst führen. Da wird das Publikum vieles aus dem eigenen Leben wiedererkennen.

MM: Sie sagten schon unterhaltsame Vorstellungen. Mit dem eigenen Theater im Bahnhof-Humor, wie ich annehme. Worauf kann sich das Publikum einstellen?

Weiner: Auf nichts Befremdliches. Es ist ein bissel trashig, zum Teil surreal, aber in einer guten Dosis. Die Leute können sich auf ein ernstes Thema freuen, das mit Humor aufbereitet wurde. Die Inszenierung ist leichtfüßig. Die Figuren sind prägnant, mit denen man sich je nach Alter und persönliches Geschichte gut identifizieren kann. Sicherlich erzählt „meine“ Witwe etwas, in dem sich ein Gros des weiblichen Publikums wiedererkennen wird. Man kennt solche Probleme. Die „Fleischhauer“ sind ein gutes Thema für die Bezirke, weil viele den ihren kennen oder kannten und traurig waren, als er zusperren musste. Da gibt es also viele Anknüpfungspunkte. Ich wohne im achten Bezirk, da gab es die Firma Bösel in der Maria-Treu-Gasse, die war eine Institution. Der Sohn wurde Paartherapeut. Das passt doch wie gemacht zu unserem Stück! Im Zuge der Proben haben wir einen in der Margaretenstaße kennengelernt, der ausschaut, wie ein Sozialpädagoge – also, das Klischee vom Fleischhauer gibt s gar nicht mehr.

MM: Das Theater im Bahnhof ist, wenn man Mascherln verteilen möchte, in Graz ein Off-Theater. Lorenz Kabas hat sicher eine andere Herangehensweise an die Arbeit, als sie gewohnt sind.

Weiner: Die Zusammenarbeit mit dem Theater im Bahnhof ist spannend, gerade weil es eine andere Sicht auf das Theater ist. Bei den Proben wird man gefordert: Mach‘ einmal!, da hatte ich anfangs Hemmungen, bis das ging. Nun finden die beiden Welten gut zusammen. Der Abend ist ja keine Improvisation, sondern es gibt ein Stück von Pia Hierzegger, und im weiteren Probenverlauf werden auch hier, wie ich es kenne, Situationen erarbeitet, die dann so zur Aufführung kommen. Manchmal denke ich mir, das oder das würde ich gerne schon fixieren, aber Lorenz Kabas inszeniert im großen Bogen, darauf muss man sich einlassen. Ich tue das gerne und finde die Arbeit mit Lorenz großartig. Ich hoffe der Abend wird uns gelingen und wir enttäuschen das Publikum nicht.

MM: Können Sie gar nicht. Sie haben den Dorothea-Neff-Preis als Publikumsliebling, das heißt: Die Leute vertrauen Ihnen. Ihre Programmpräsentationen sind legendär.

Weiner: Das stimmt, das ist eine Verantwortung. (Sie lacht.) Die Bezirke sind eine Familie, da kennt man sich seit Jahren. Wir pflegen das auch sehr, ermöglichen beispielsweise Kartentausch, wenn man zu einem Termin nicht kann. Das ist bei anderen Abosystemen nicht so leicht möglich. Mein ganzes Team hat eine sehr angenehme Art mit dem Publikum – und das bekommen wir von ihm auch zurück. Teilweise hören wir auch private Schicksale, da muss man schon schlucken, trösten und einladen, bei uns ein paar Stunden Ablenkung zu erleben. Die neuen Kolleginnen und Kollegen staunen teilweise, was es bei uns in Wien an Veranstaltungsräumlichkeiten gibt. Das macht mich ein wenig stolz, denn das sind Errungenschaften der sozialdemokratischen Kulturpolitik der 1920er-Jahre, dass man mit dem Theater zu den Leuten geht. Das gibt es in deutschen oder Schweizer Städten so nicht.

MM: Sie haben, wie gesagt, lange die Schauspielschule des Volkstheaters geleitet …

Weiner: Ja, ich habe unter anderem Ursula Strauss, Aglaia Szyszkowitz, Julia Cencig, Christian Dolezal oder Dominik Warta, der jetzt meinen Sohn in den „Fleischhauern“ spielt, unterrichtet. Das ist aber nur eine kleine Auswahl.

MM … nun sind so viele junge Schauspieler ins Haus gekommen. Kann man denen etwas mitgeben?

Weiner: Erst einmal möchte ich sagen, dass sie wirklich alle gut sind. Was sie einfach noch mehr bedenken sollten, ist, was es bedeutet in einem so großen Raum zu sprechen. Was kann man ihnen mitgeben? Habt Spaß an unserem Beruf! Wer am Volkstheater ist, hat ja den Lottozwölfer schon gewonnen.

MM: Nun die unverschämte letzte Frage: Sie könnten sich schon zur Ruhe setzen?

Weiner: Ich habe mich schon zur Ruhe gesetzt. Seit 1. Jänner bin ich offiziell in Pension, aber weiterhin im Engagement. Das ist ein Zustand, den finde ich gut. Für nur Ruhestand bin ich nicht der Typ.

www.volkstheater.at

Wien, 15. 2. 2016