Belvedere 21: Joseph Beuys

März 3, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Ende wird immer ein Bäumchen gepflanzt

Portrait von Joseph Beuys (1921-1986), Paris, 1985. Bild: Laurence Sudre / Bridgeman Images

Beuys in Wien: Der 100. Geburtstag von Joseph Beuys im Mai dieses Jahres ist Anlass für eine pointierte Werkschau. Der Ausnahmekünstler veränderte die Kunst nach 1945 maßgeblich und entwickelte die Definition des erweiterten Kunstbegriffs. Das Belvedere 21 zeigt ab morgen Hauptwerke von Joseph Beuys und seine Beziehung zu Wien in einer umfangreichen Ausstellung. „Joseph Beuys auszustellen bietet auch die Chance, die traditionelle Rolle des Museums und die eigene Museumsarbeit einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Beuys’ ökologisches Verständnis, der Aspekt der Partizipation sowie der Anspruch, ein

uneingeschränkt breites Publikum zu erreichen, sind zeitgemäß und für die Institution Museum von existenzieller Bedeutung, auch in Zukunft“, so Generaldirektorin Stella Rollig beim heutigen Zoom-Meeting mit der Presse. Joseph Beuys’ Credo war zeitlebens, die Kunst als Arbeit an der Gesellschaft zu sehen, die alle in die Pflicht nimmt. Die Menschen sollten in und durch seine Kunst am Prozess der Erneuerung der Gesellschaft teilhaben.

Beuys’ Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ steht exemplarisch für seinen erweiterten Kunstbegriff und die Idee der Sozialen Plastik. Die Kunst – so Beuys’ Leitgedanke – solle auf der sozialen, politischen, geistigen und wissenschaftlichen Ebene wirksam werden und damit integraler Bestandteil unseres Denkens und Handelns sein. Fünf documenta-Teilnahmen in Folge, dazu zahlreiche internationale monografische sowie thematische Ausstellungen machten Joseph Beuys zu einem der einflussreichsten, höchstdotierten, aber auch meistdiskutierten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Schau zeigt, wie Beuys’ Schaffen mit Wien in Verbindung steht, und gibt mit 64 Kunstwerken sowie 123 Exponaten, Multiples, Dokumentationen und Filmen einen umfassenden Einblick in sein Lebenswerk. Neben frühen filmischen Arbeiten und Dokumenten aus den 1960er-Jahren werden mehrteilige Installationen präsentiert, darunter „Hirschdenkmäler“  von 1958/82, „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ aus dem Jahr 1977 und „Basisraum Nasse Wäsche“. Dieser wurde 1979 in der Galerie nächst St. Stephan in Wien realisiert und entstand als Kritik an dem von Beuys für ungeeignet befundenen Standort des Museums moderner Kunst im prunkvollen barocken Gartenpalais Liechtenstein in Wien.

Joseph Beuys, Das Erdtelefon, 1968. Joseph Beuys Estate / Bildrecht Wien, 2021, Bild: Marcus Leith, Collection Thaddaeus Ropac, London/Paris/Salzburg

Joseph Beuys, Katalog Museum Mönchengladbach, 1967. Sammlung Ph. Konzett, Wien, Bild: Pixelstorm, Wien / Bildrecht, Wien 2021

Joseph Beuys, Baumbepflanzung im Garten und vor der Hochschule für angewandte Kunst, 1983. Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv, Inv.Nr. 16.102/1/FP / Bild: Philippe Dutartre

Joseph Beuys, Honigpumpe am Arbeitsplatz, 1974-1977. Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek, Dänemark, Dauerleihgabe: Museumsfonden af 7 December, 1966 / Bildrecht, Wien 2021

Beuys’sche Environments erinnern mitunter an Laborsituationen. Der Künstler interessierte sich bereits früh für Naturwissenschaften, besonders Physik, Chemie, Zoologie, und für den Gesamtzusammenhang aller Lebensformen. So fand er etwa Inspiration bei Naturreligionen oder im Tierreich, wofür beispielhaft die Hasen oder Hirsche früher Zeichnungen, performative Handlungen mit Ritualcharakter oder Aktionen stehen.

Bereits 1966 präsentierten Monsignore Otto Mauer, Leiter der Galerie nächst St. Stephan, und Oswald Oberhuber erstmals Zeichnungen von Joseph Beuys in Wien. Ein Jahr später zeigte Beuys gemeinsam mit dem dänischen Fluxus-Komponisten Henning Christiansen seine Aktion „EURASIENSTAB 82 min fluxorum organum“ in der Wiener Galerie. Eine Performance, die er selbst als eine seiner wichtigsten bezeichnete und die in der Stadt der Wiener Aktionisten einer künstlerischen Eruption gleichkam. Mit dem kupfernen „Eurasienstab“, einem Hirtenstab ähnlich, sollte spirituelle Kraft weitergeleitet werden. Der kreative Prozess der Aktion nahm Bezug auf die damalige Trennung Europas durch den Eisernen Vorhang und war der Vereinigung von Ost und West gewidmet.

Joseph Beuys während seines Vortrags in der Galerie nächst St. Stephan am 4. April 1979. Bild: Gerhard Kaiser, Archiv Gerhard Kaiser

Joseph Beuys, Ohne Titel (Friedrichshof), 1983. Privatsammlung / Bildrecht, Wien 2021

Joseph Beuys, Wegweiser für den Khan, 1963. Sammlung Ph. Konzett, Wien, Bild: Pixelstorm, Wien / Bildrecht, Wien 2021

Wien war für Joseph Beuys wegen der geografischen Lage und der Neutralität Österreichs ein politisch symbolträchtiger Ort. Er hielt sich mehrmals in der Stadt auf und war mit Ausstellungen, Aktionen und Vorträgen präsent, seine Gastauftritte an der Hochschule für angewandte Kunst sind legendär. Für Beuys war Kunst eng mit Konzepten von Politik und Bildung verknüpft. Als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf engagierte er sich in den 1960er- und 1970er-Jahren in der Studentenpolitik. 1979 kandidierte er in der Partei der Grünen für das Europaparlament, 1980 für den Deutschen Bundestag. Auch in Wien zeigte sich Beuys im politischen Umfeld, diskutierte 1983 an der Hochschule für angewandte Kunst mit den Politikern Josef Cap und Erhard Busek und traf im selben Jahr den damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky.

Joseph Beuys’ politisches Engagement beinhaltete auch eine ökologische Dimension. Anlässlich der documenta 7 konzipierte Beuys 1982 eine partizipative Arbeit im Außenraum, die das Stadtbild von Kassel nachhaltig prägen sollte und seinen erweiterten Kunstbegriff veranschaulicht: „7000 Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ lautete der Untertitel der prozesshaften Aktion. Erst 1987, eineinhalb Jahre nach Beuys’ Tod, wurde der letzte Baum in Kassel gepflanzt. Der Erfolg des anfangs höchst umstrittenen Projekts lag in der Partizipation der Bürgerinnen und Bürger bei der Stadtgestaltung und in der damit verbundenen Eigenverantwortung, Mitwirkung und Förderung eines ökologischen Bewusstseins. Für die damalige Zeit sehr fortschrittlich, sind die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit heute weiterhin höchst aktuell.

„Mit seiner Arbeit wollte Joseph Beuys vermitteln, wie ein Weg vom Denken zum Handeln führen könnte. Beuys trat für eine Radikalität im Denken ein, für die er oft missverstanden wurde. Mit seinen Aktionen versuchte er, ein Handeln auszulösen, aus dem etwas Neues, Besseres entsteht. Sein Werk ist von ungebrochener Aktualität“, so Kurator Harald Krejci. Die spektakuläre Aktion von Baumpflanzungen erreichte 1983 auch Wien. Und nach der heutigen Pressekonferenz wurde im Skulpturengarten des Belvedere 21 zu Ehren von Joseph Beuys eine Stieleiche gepflanzt.

www.belvedere.at

3. 3. 2021

Kunsthalle Krems: Meisterwerke der Sammlung Klüser

März 7, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert © Sammlung Klüser, München, 2014 Bild: Mario Gastinger

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert
© Sammlung Klüser, München, 2014
Bild: Mario Gastinger

Ab 16. März zeigt die Kunsthalle Krems unter dem Titel „Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol“ Meisterwerke aus der Sammlung Klüser. Der Ausstellungstitel steht sinnbildlich für die Genese der Sammlung Klüser: Ursprünglich eine Kollektion zeitgenössischen Kunst mit einer zunehmenden Anzahl an Werken der klassischen Moderne, erweiterte sich die Perspektive der Sammlung seit den 1990er-Jahren auch auf Zeichnungen der Renaissance bis zur Romantik. Die Zusammenschau der Arbeiten eröffnet so ein eindrückliches Panorama der Zeichenkunst, das den Brückenschlag zwischen historischen und aktuellen Werken sucht.

Herausragende Meister der Spätrenaissance und des Barocks von Parmigianino oder Giovanni Battista Tiepolo, über Anthonys van Dyck und Rembrandt Harmenszoon van Rijn bis zu Jean-Honoré Fragonard bilden den Ausgangspunkt der Schau. Von dort spannt sich der Bogen zu deutschen und französischen Werken des 19. Jahrhunderts. Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge sowie Carl Gustav Carus sind ebenso darunter wie Eugène Delacroix, Théodore Géricault oder Victor-Marie Hugo. Die Klassische Moderne wird unter anderem vertreten von den Künstlern Paul Cézanne, Henri Matisse, Constantin Brancusi und Alberto Giacometti. Der Kunst nach 1945 wird mit bedeutenden Werkblöcken von Joseph Beuys, Blinky Palermo sowie Andy Warhol ein besonderer Schwerpunkt eingeräumt. Zeichnungen von Cy Twombly sowie Tony Cragg, Olaf Metzel und Jorinde Voigt bilden den Übergang zur jüngsten Gegenwart.

Immer schon war die Zeichnung seismographisches Medium, um Grundkonstruktionen der Gesellschaft in den Spuren der gesetzten Linien freizulegen. Im Laufe der Jahrhunderte ebenso wie im Gang durch die Ausstellung enthüllt sie sich als intime Form der Weltdeutung, als Experimentierfeld für Ideen ebenso wie als Medium der Transformation, das Sichtbares wie Nichtsichtbares, Konstrukt wie Realität auf Papier zu bannen vermag. Bereits die Künstler der frühen Neuzeit schätzten an der Zeichnung die Möglichkeit, das Denken mit dem Arbeitsprozess kurzzuschließen und so die direkte Überführung von Ideen in Sichtbarkeit zu vollziehen. Noch Joseph Beuys sprach von ihr als „Verlängerung des Gedankens“. Einer auf Papier festgehaltenen „Ideensammlung“ gleich, bieten die rund 250 Arbeiten aus der deutschen Privatsammlung von Bernd und Verena Klüser außergewöhnliche Einblicke in die Zeichenkunst vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Unmittelbarkeit und Spontaneität machen die Faszination der Zeichnung aus. Wie kein anderes Medium ermöglicht sie es, individuelle Bildfindungen zu erproben und künstlerische Ideen in oft experimentellen Zugängen umzusetzen.

www.kunsthalle.at

Wien, 7. 3. 2014

Garage X: Stanislaw Lems „Robotermärchen“

November 12, 2013 in Ausstellung, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Installation über Traum und Terror

keyfotoAm 13. und 14. November zeigt die Garage X „Robotermärchen oder Traum und Terror“. Eine Installation von Bülent Kullukcu, Anton Kaun und Dominik Obalski nach Texten von Stanislav Lem, Jiddu Krishnamurti, Vladimir Sorokin, Albert Camus, Joseph Beuys u.a. Bülent Kullukcu, Anton Kaun und Dominik Obalski schlossen sich zusammen, um gemeinsam an einer möglichst einfachen, aber gleichzeitig möglichst effektiven Form von Theater zu arbeiten. Ein Theater ohne Fragen, sondern mit Tatsachen. Ein Theater ohne Schauspieler, ohne zusätzliche, sonst übliche Mitarbeiter. Es muss ausschließlich aus den Möglichkeiten entstehen, die alle drei anzubieten haben. Entstanden ist ein Guerilla-Transport- Theater im ureigentlichen Sinne. Das Rohtheater. In der Installation „Robotermärchen oder Traum und Terror“ behandeln Kullukcu, Kaun und Obalski das stark wiederaufkommende Übel des Nationalismus in einer Welt in der Roboter „leben“ und Menschen nur als hässliche Bleichlinge vorkommen. Losgelöst von einem aktuell realen politischen gesellschaftlichen Leben, wird mit ästhetischen und technischen Mitteln eine fiktionale Science-Seance erschaffen. Anhand der Evolution wird ergründet, wie nationale Tendenzen entstehen und sich mit größter Radikalität und Zustimmung der menschlichen Fleischmaschinen behaupten. Live-Kameras, Figuren und Roboter, 3-D Printer, Videos und Soundcollagen sind die Protagonisten dieses Theaterabends. Das Bühnenbild der Aufführung wird nachträglich als Ausstellung zu besichtigen sein.

Das Fleisch klumpt!

rohtheater.tumblr.com

www.garage-x.at

Wien, 12. 11. 2013