Volkstheater/Bezirke: Anderthalb Stunden zu spät

Februar 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Aufbruch ohne aufzubrechen

Bettina Ernst und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gérald Sibleyras ist ein begnadeter Komödienschreiber. In Frankreich und in etlichen Ländern, in deren Sprache seine Stücke übersetzt wurden, weiß man das. Nun auch hierzulande. Denn das Volkstheater zeigt in den Bezirken seine „Anderthalb Stunden zu spät“ als österreichische Erstaufführung. Die junge Regisseurin Aurelina Bücher hat den Abend mit Rainer Galke und Bettina Ernst rasant in Szene gesetzt.

Die beiden spielen das Ehepaar Laurence und Pierre, eingeladen zum Abendessen zu Pierres Geschäftspartner Chalmet, der ihm die Anteile an der gemeinsamen Steueranwaltskanzlei für gutes Geld abgekauft hat. Ein feiner Grund also, um die bevorstehende Pension gemeinsam zu feiern. Doch da fällt Laurence die Decke auf den Kopf. Statt Smalltalk hat sie plötzlich Redebedarf. Der jüngste Sohn ist ausgezogen, dafür der Mann bald rund um die Uhr daheim, Großmutter ist sie gestern geworden – Laurence fühlt sich alt und am Abgrund. Die Uhr tickt. Man sollte längst gehen. Doch es wird ein Abbruch ohne aufzubrechen …

Galke und Ernst verstehen es, diese späte Midlife Crisis mit trockenem Humor auszustatten. Köstlich, wie er ständig auf die Uhr sieht, während sie trotzig die Malutensilien auspackt. Er, ein müde gewordener Ehediener an der Seite einer Nervensäge, sie, aus Bequemlichkeit zum Heimchen am Herd geworden. Kein Ehethema wird den beiden im weiteren Verlauf der Nicht-Geschehnisse peinlich sein. Die Familie wird durchgehechelt, und frühere Verhältnisse. Da gesteht Laurence nie eines mit Jacques gehabt zu haben – und Pierre stürzt in Verzweiflung, war doch gerade das Begehrtsein seiner Frau durch einen anderen Mann für ihn Dreh- und Angelpunkt des gemeinsamen Sexlebens. Und des des eingeweihten Chalmet.

Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Ich habe mich nie entfalten können, ich habe mich immer nur kümmern dürfen“, sagt Laurence. Und es sind solche Sätze, die der charmanten Komödie ihre Wahrhaftigkeit geben. Was (Spießer-Ambiente-Bühnenbild: Monika Rovan) Klippklapp mit nur einer Tür hätte werden können, bekommt so Tiefgang. Aus dem Publikum gibt es wissendes Schmunzeln ob Laurences Gefühl, etwas im Leben verpasst zu haben. Klar, dass sie auch Pierre einen bis dato nicht vorhandenen Pensionsschock verordnen will.

Auf dem Höhepunkt des Schlagabtausches kommt es doch noch zu einem Dinner. Zu zweit. Mit Gürkchen und Banane und einer ganzen Batterie Supermarktpudding. Popcorn wird zum Ventil, auf den Boden gestreut und niedergetrampelt, als Zeichen dafür, dass man auch einmal unkonventionell sein kann und es mit dem selbstverordnet restriktiven Lebensstil nun vorbei sein soll. Am Ende wird man schon noch aufbrechen. Aber nicht gleich. Denn zuerst haben Laurence und Pierre noch etwas Wichtiges zu tun. Neues Leben, erneuerte Liebe …

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  1. 2. 2018

Landestheater NÖ: Árpád Schillings „Erleichterung“

Dezember 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das bröckelnde Bürgerhaus ist schnell neu verputzt

Schriftsteller Felix kämpft mit mehr als nur einer Schreibblockade: Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Beim Satz, man könne doch alle Flüchtlinge in klimatisierten Bussen nach Wien schicken, wird natürlich gelacht. Sein Wahrheitsgehalt ist ja noch frisch im Gedächtnis. So ist das, wenn der ungarische Regisseur Árpád Schilling Theater macht, immer ein Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Seine jüngste Versuchsanordnung wurde Freitagabend am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt: „Erleichterung“. In diesem Fall eine Familiengeschichte. Das Politische im Privaten. Schilling zeigt, wie dünn der Firnis von Zivilisation und Zivilcourage ist, von dem wir uns zum ersten so gut geschützt, zur zweiteren so kämpferisch bereit fühlen. Er zeigt, wie schnell im Zweifelsfall eine gutbürgerliche Fassade bröckelt, und wie schnell sie sich neu verputzen lässt.

Eine messerscharfe Analyse. Schwarzer Humor. Die Gesellschaftsschelte sitzt diesmal in den eigenen Knochen. Freilich, Orbán weht’s durch alle offenen Ritzen dieses Abends. Schilling wurde vom Ausschuss für Nationale Sicherheit des ungarischen Parlaments zum „potenziellen Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“ erklärt.

Darauf gilt es zu reagieren. Das Landestheater NÖ hat es getan, der steirische herbst, das Burgtheater, wo Schillings „Eiswind“ läuft, ebenfalls – auch dies ein Stück über die Fragilität der „Festung Europa“ und ein neues Salonfähig-Machen von Nationalismus …

Für St. Pölten haben Schilling und seine Co-Autorin Éva Zabezsinszkij zwei Handlungsstränge zu einer Geschichte verwoben. In deren Mittelpunkt steht der Schriftsteller Felix, der an mehr als nur einer Schreibblockade laboriert. Seine Frau Regina, die Vizebürgermeisterin der Stadt, engagiert sich für ein Asylbewerberheim; sein Vater Wolfie, nicht nur politisch der Platzhirsch, möchte stattdessen ein Sportcenter errichten. Das Töchterchen rebelliert.

Da offenbart Felix ein düsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit: Er hat vor 23 Jahren ein Kind mit dem Auto schwer verletzt und Fahrerflucht begangen. Im gehbehinderten Tankstellenwart Lukas glaubt er, dieses Kind zu erkennen. Die Familie lädt den Fremden ein. Doch als sich Tochter Johanna Lukas annähert, stellt die Mutter klar: So ein körperlich Versehrter passt ihr nicht ins Haus …

Johanna nähert sich dem behinderten Lukas: Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Versuch einer Aussprache zwischen Regina und Felix: Bettina Kerl und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

In bester Krétakör-Manier wird auf schwarzer Bühne gespielt. Das Saallicht ist an. Die Mittel, auch die darstellerischen, werden sparsam eingesetzt. Formal schnörkellos, dabei von großer Intensität und erzählerischer Dichte, so ist sie stets, Schillings Theatersprache. Wenige Versatzstücke, ein Tisch, ein paar Sessel, eine Matratze genügen. Eine Schokoladentorte wird auch zum Verdauungsendprodukt.

Michael Scherff spielt den Felix hart an der Grenze zur völligen Verzweiflung, er spielt sich im Wortsinn blutig. „Würde ich mich selbst erkennen, würde ich nie wieder schreiben“, sagt er an einer Stelle. Wie sein Gewissen kommt immer wieder eine Gegenstimme aus dem Zuschauerraum; es ist schon die von Lukas, Tim Breyvogel, der die ganze Aufführung über wie entfesselt agiert und eine körperliche Höchstleistung bietet.

Helmut Wiesinger ist als Patriarch Wolfie ganz Gemütsmensch, so lange alles nach seinem Willen geht. Bettina Kerl mimt als Regina die guten Absichten, die Frau, die Kleinstadt und Familie samt kindischem Ehemann managt, Cathrine Dumont ist als Johanna angemessen aufsässig.

Und dann treibt Schilling die Inszenierung in die Eskalation. Vorurteile werden für den eigenen Vorteil flugs gefällt. Opportunismus allüberall. Die ach so guten Menschen fallen aus ihren Mustern, wenn sie plötzlich von ihren Schutzbefohlenen selbst betroffen sind. Der Paradebehinderte ist nicht weniger Ausländerfeind als der Großunternehmer, nur wünscht er sich überdachte Fußballplätze statt des Sportcenters. Fragen kommen auf, wofür man Geld „rauswirft“, und wenn einer sagt, „Wo Araber sind, da gibt es auch Angst“, oder man müsse statt für sie „für die eigenen Krüppel“ was tun, dann ist das schon gruselig. Schilling fährt frontal ins Publikum.

Am Ende wird das Fremde entfernt worden sein. Wird geopfert worden sein fürs häusliche Wohlergehen. Die Familie hat sich gestritten und versöhnt. Man versammelt sich am Frühstückstisch, und Felix erklärt: „Ich habe eine Idee für einen neuen Roman.“ „Wir reden immer von Interessen, Interessen, Interessen …“, sagte Árpád Schilling in einem Interview, „die Menschenrechte interessieren weniger.“

Die Produktion ist bis 17. 2. am Landestheater Niederösterreich zu sehen, am 23. und 24. 1. gastiert das Haus damit an der Bühne Baden.

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  1. 12. 2017

Volksoper: Die Räuber

Oktober 15, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zurücklehnen und genießen

Die dunkle Seite der Macht – Karl inmitten seiner Räuber: Vincent Schirrmacher mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper gibt es zum zweiten Mal seit 1963 eine Inszenierung von Verdis „Die Räuber“ zu erleben – und die Inszenierung krankt vornehmlich an zwei Dingen: An der immer noch verwendeten deutschen Fassung von Hans Hartleb, die so hanebüchen Reim‘-dich-oder-ich-fress‘-dich daherkommt, dass es einem ein Graus ist. Und an dem vollkommen fehlenden Willen zur szenischen Gestaltung des Abends.

Regisseur Alexander Schulin dachte sich offenbar „Zurücklehnen und genießen“, denn dieses kann man mit Dirigent Jac van Steen wunderbar tun. Augen zu und durch! Verdi komponierte „Die Räuber“ 1847 nach Friedrich Schillers gleichnamigen Sturm-und-Drang-Drama für das Haymarket Theatre in London. Bei einem Kuraufenthalt im Veneto fasste er den Entschluss, sich des Stoffes anzunehmen; die Idee dazu entstand wohl in Gesprächen mit seinem Freund Andrea Maffei, der sein Kurgenosse war und Schillers Stück ins Italienische übersetzt hatte. Verdi, der eine Vorliebe für explosive Vater-Kind-Beziehungen hatte, fand Gefallen an der Geschichte rund um den Konflikt des ungleichen Brüderpaars Karl und Franz Moor. Bei der Uraufführung am 22. Juli des Jahres stand der Komponist selbst am Dirigentenpult, die Aufführung wurde zum Triumph.

Das „Melodramma tragico“ des Meisters ist noch ganz dem Belcanto verpflichtet, dies der ausdrückliche Wunsch der britischen Auftraggeber, lässt aber bereits seine späteren Werke erahnen. Entsprechend verbreitet das Orchester der Volksoper unter van Steen keinerlei Italianitá. Man setzt auf Heftigkeit und Kraft, und beides tut der Theatralik der Oper gut. Van Steen versteht Verdis Theaterinstinkt und dessen Abzielen auf größtmögliche Wirkung. Er spannt die Rezitative wie eine Feder für den folgenden Gefühlsausbruch.

Maximilian, Graf von Moor, ist erschüttert über die Intrigen seines Sohnes Franz: Kurt Rydl und Boaz Daniel mit David Sitka als Herrmann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Amalia leidet unter dem Treiben im Schloss: Sofia Soloviy und Boaz Daniel mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er versteht die Vaterfigur des Maximilian, Graf von Moor, gleich wie in „Rigoletto“ oder „Don Carlo“ als den Kern der Melodieschöpfung, und ergo das Duett Amalia/Franz als erotisch und leidenschaftlich, das von Amalia und Karl aber als keusch und bereits himmelwärts gewandt. Verdis Oper endet lapidar mit Amalias Tod von Karls Hand und mit dessen Ausruf: „Und nun zum Schafott!“ Der Chor, Einstudierung: Holger Kristen, ist van Steen die dunkle Seite der Macht – und wie immer an der Volksoper grandios. Das Brüderpaar verkörpern Vincent Schirrmacher als Karl und Boaz Daniel als Franz.

Schirrmacher ist ein Sänger und Schauspieler, wie ihn sich jedes Opernhaus nur wünschen kann. Der Tenor, dessen Stimme sich früher für das italienische Fach als bedingt geeignet erwies, „dreht voll auf“, wenn man’s so flapsig sagen darf, setzt ganz auf die dramatische Verzweiflung seiner Partie – und überzeugt kraftvoll und verwegen gesanglich auf ganzer Linie. Boaz Daniel, seinerseits in der Staatsoper so was wie der „Mann für alle Fälle“, liefert einen korrekten Franz ab. Sein Bösewicht besticht durch seine Trockenheit; Gefühle sind diesem Teufel fremd. Kurt Rydl hat als Maximilian einen „dunklen Abend“.

Er fokussiert seine Stimme auf das Leid seiner Figur, und mit rauem Timbre und merklichem Vibrato gestaltete er einen Vater, der einsehen muss, mehr als eine falsche Lebensentscheidung getroffen zu haben. Die beste Leistung bietet die ukrainische Sopranistin und Hausdebütantin Sofia Soloviy als Amalia, der gefürchteten Jenny-Lind-Partie, von Verdi der „schwedischen Nachtigall“ auf den Leib geschrieben – und angeblich der Grund für die seltene Aufführung der Oper. Soloviy geht durch diesen Mythos ohne Schaden zu nehmen. Sie hat italienisches Timbre, versteht es, klar zu phrasieren und kann ihre Stimme in höchste Höhen schrauben. Als Hermann und Roller ergänzten David Sitka und Christian Drescher achtbar die Riege der Solistin und der Solisten.

Karl will seinen von Franz in den Tod getriebenen Vater rächen: Kurt Rydl und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Was nun die Optik betrifft, hatte Alexander Schulin wenig Einfälle. Nichts ist hier so effektvoll wie die Musik. Das Vorspiel wird ihm zum Celloabend von Roland Lindenthal im Hause Moor. Danach bestimmt ein schwarzer Kubus von Bettina Meyer die Bühne. Er kann sich um die eigene Achse drehen und stellt – siehe Interview im Programmheft – die Innenwelten dar. Die im Schloss und die seelischen. So viel zum Raumkonzept, ah ja, die Bäume im Wald sind Neonröhren. Dazu passen die historisierenden Kostüme von Bettina Walter nicht.

Personenführung gibt es de facto keine. Sämtliche Bewegungen der Solisten und des sonst so spiel- und rollengestaltungsfreudigen Chores sind vorhersehbar (furchtbar, wie Franz mit in der Luft zappelnden Beinchen stirbt); dass Rydls alter Moor auch der Pfarrer Moser ist, fällt nicht weiter auf, man denkt, ein Greis im Nachtgewand … Alle Gesten wirken wie aus den anno-anno-Jahren, als man Opernsängern vorwarf, gerade mal drei Handbewegungen zu beherrschen. Wie Stewardessen beim Erklären des Befindens der Notausgänge.

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  1. 10. 2017

Landestheater NÖ: Dantons Tod

September 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Revolution der Museumsarbeiter

Die Museumsarbeiter diskutieren „Dantons Tod“: Michael Scherff, Silja Bächli, Bettina Kerl, Catherine Dumont und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Zu fünft kommen sie auf die Bühne, in Arbeitskleidung, den sogenannten Blaumännern; sie haben Gewichtiges vor, nämlich „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix an die Wand zu hieven (mehr als 6 m2 Gemälde sind das im Original im Louvre), davor kommt eine Sitzbank. Doch die fünf haben noch Wichtigeres zu tun. Denn kaum ist der Kraftakt vollbracht, beginnen sie die Angelegenheiten der Revolution zu verhandeln.

Das Landestheater Niederösterreich eröffnet die neue Spielzeit mit Georg Büchners „Dantons Tod“, und es war die Idee der katalanischen Regisseurin Alia Luque den Fall in die Hände von Museumsarbeitern zu legen. Jeder darf hier mal jeder sein – Robespierre, Saint-Just, Camille, Lacroix. Danton ist immer der oder die, der den Oberkörper aus dem Overall geschält hat und im weißen Herrenunterhemd dasteht. Ein wenig hölzern lässt sie sich an, diese Verhandlung des Prinzips Lebemensch gegen den Tugendterroristen, was daran liegen mag, dass die Aufführung mehr auf das Schildern von Ereignissen denn auf deren schauspielerische Darstellung setzt.

Doch im Laufe des Abends nimmt die Inszenierung Fahrt auf, und kommt zu ihrem Höhepunkt knapp vor der Pause, wenn das Museumspersonal befindet, dass Delacroix‘ Bild „von Grausamkeit und Gewalt“ zerstört gehört, und die Sitzbank gleich mit. Da tanzen die Vorschlaghämmer, bei dieser Revolution der Museumsarbeiter und ihrem symbolischen Sturm auf die Barrikaden.

Bis dahin macht Luque Büchner, diesen fiebrigen Vormärzkämpfer und glühenden Politautor, zum Theoretiker, sein Drama zum Diskurstheater. Sie reduziert es auf Thesen und deren Argumentation, anfangs, wie gesagt, ist das ein wenig akademisch-anämisch. Allzu viel Büchner wird aber ohnedies nicht gespielt; die Regisseurin mischt in ihre zweistündige Arbeit Heiner Müllers „Der Auftrag“ und „Die Hamletmaschine“, den sozialen Realismus von Louis Aragon, ein wenig Dada von Francis Picabia, einen Hauch von Spinozas Bibelkritik und Nietzsches „Gott ist tot!“ – und Rodrigo Garcias „Picknick auf Golgatha“.

Catherine Dumont (mit Michael Scherff) hält ein flammendes Plädoyer als Camille. Bild: Alexi Pelekanos

Jeder schlüpft in jede Rolle: Silja Bächli und Tobias Artner als Robespierre und Saint-Just. Bild: Alexi Pelekanos

Weshalb auf der Bühne auch Fragen wie Warum hat Gott eine Welt erschaffen, die so unvollkommen ist, dass sein Sohn sie retten muss? oder Warum hat Moses 40 Jahre für das Zurücklegen von 400 Kilometern Wüste gebraucht, hat er sich verlaufen? erörtert werden. Dazu kommen zeitgenössische Revolutionseinsprengsel von der ETA bis zum Leuchtenden Pfad, und die Historie erklärende Zwischentexte. Die Methode ist: Prozess von Anfang an, die Schauspieler halten ihre Plädoyers frontal ans Publikum, das damit gleichsam in die Funktion des Wohlfahrtsausschusses gerät.

Die Bezeichnung klingt besser, als sie ist, der Wohlfahrtsausschuss war das maßgebliche Organ der jakobinischen Schreckensherrschaft. „Das Laster muss bestraft werden, die Tugend muss durch Schrecken herrschen“, befindet Bettina Kerl als Robespierre „im Namen des Gesetzes“, während sich die Bühnendiskussion in immer abstraktere Höhen schraubt. Die Schauspielhaus-Wien-geschulte Kerl ist die Erste, der es gelingt, aus der Diskursschablone Robespierre einen harten, strengen, fanatischen „Blutmessias“ zu gestalten. Sie ist die beste aller Revolutionsführer, sie gibt der Figur Profil und formt sie zum Charakter.

Cathrine Dumont, seit dieser Saison neu am Haus, folgt ihr als leidenschaftlicher Camille alsbald nach. Was den Danton betrifft, scheint’s, als hätte sich jeder Darsteller für eine Eigenschaft des eigenwilligen Ex-Volkshelden entschieden, eine legitime Herangehensweise zeigt doch auch Büchner einen Antihelden, in dessen Brust drei Seelen, heißt: drei Weltbilder, hausen. Silja Bächli gibt den liberalen Politiker, den selbstsicheren und von sich selbst überzeugten Epikureer, Bettina Kerl den süffisanten, aufsässigen Revolutionär. Während Danton eins sieht, dass alles Blutvergießen dem Volk kein Brot gebracht hat, und er ergo die Revolution beenden will, ist Danton zwei von Weltmüdigkeit, Fatalismus und Resignation zerfressen und kann sich kaum zum tatsächlichen Handeln motivieren. Nummer drei, Tobias Artner, der sich erst sträubt, seinen Museumskolleginnen nachzufolgen, ist ein wütender, dennoch nihilistischer Danton.

Statt Sturm auf die Bastille, Tod dem Inventar: Silja Bächli. Bild: Alexi Pelekanos

Erst nach der Pause, wenn alle mit Perücke und gepudert (oder angestaubt), in Rokoko-Unterwäsche und mit – je nach politischem Lager – roten oder blauen Kniestrümpfen auftreten, beginnt Danton für sein Leben zu kämpfen. Während er von den anderen Schauspielern, die im ganzen Theaterraum postiert sind, angegriffen wird, beginnt Michael Scherff eine letzte hysterisch-pathetische Rede. Einen Appell für mehr Wahrheit und Gerechtigkeit.

Und gegen Robespierre und sein mörderisches Treiben. „Wenn ich einen Blick auf diese Schandschrift (die Anklage, Anm.) werfe, fühle ich mein ganzes Wesen beben. Wer sind denn die, welche Danton nötigen mussten, sich an jenem denkwürdigen Tage zu zeigen? … Meine Ankläger mögen erscheinen! Ich bin ganz bei Sinnen, wenn ich es verlange. Ich werde die platten Schurken entlarven und sie in das Nichts zurückschleudern, aus dem sie nie hätten hervorkriechen sollen.“ Dieser Moment zweifellos der Höhepunkt des Abends. Doch die Sache ist längst entscheiden, die Guillotine wartet …

Alia  Luque hat eine interessante und sehr zeitgemäße Interpretation von „Dantons Tod“ entwickelt, die sie im Widerspruch zur Bühnensituation aus allem Musealen befreit hat, die aber ein bisschen Zeit braucht, bis sie sich entfaltet. Ihre Verweigerung, Geschichte als solche zu erzählen, und stattdessen ganz aufs papierraschelnde Thesentheater zu setzen, muss man zweifellos mögen, um an dieser Inszenierung Gefallen zu finden. Ein „easy listening“ lassen die von Luque verschränkten Texte nicht zu, Aufmerksamkeit ist gefordert, will man der Aufführung folgen. Interessant auch, dass sie Dantons dunkle Seite, die Septembermorde, darob die Gewissensbisse und Albträume, die übermäßige Völlerei und die Sexsucht völlig auslässt, um ihren im Wortsinn vielgesichtigen Protagonisten nicht zu beschädigen. Die Schauspieler überzeugen nach anfänglicher Stasis zunehmend und laufen bis zur „Halbzeit“ zu guter Form auf.

In St. Pölten bekennt man sich mit dieser Produktion einmal mehr zum eingeschlagenen Weg als moderne, urbane Spielstätte. Dies Politikerdebatierstück im Wahlkampfjahr 2017, im Herbst der Elefantenrunden, TV-Duelle und Plakatslogans anzusetzen, ist als gesellschaftspolitische An- und Aussage verstanden worden. Ein „nach“ oder „frei nach“ im Titel hätte dieser Theaterarbeit allerdings gutgestanden. Die Produktion ist bis 2. Dezember im Landestheater Niederösterreich zu sehen und am 24. und 25.Oktober zu Gast an der Bühne Baden.

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  1. 9. 2017

Volkstheater in den Bezirken: Stella

April 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein besonders bizarrer flotter Dreier

Regisseur Robert Gerloff macht aus „Stella“ eine knallbunte Komödie: Hanna Binder, Andreas Patton, Bettina Ernst, Günther Wiederschwinger, Doris Weiner, Constanze Winkler und Sofie Gross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Natürlich singt Stella „Fernando“. ABBA, das ist an diesem Abend so aufgelegt, das kann gar nicht anders sein. Und natürlich meldet sich der so angebetete Kriegsveteran mit einem hingeschmetterten „Hoch auf dem gelben Wagen“ zurück. Schließlich beginnen doch alle Herzensirrungen und -wirrungen in der Poststation. Robert Gerloff hat für das Volkstheater in den Bezirken Goethes „Stella“ inszeniert, keine Bange: nicht als Sing-along.

Doch der junge Duisburger Regisseur, in Deutschland längst bekannt als Spezialist für humoristische Lesarten und entfesselte Figuren, hat im Trauerspiel die Komödie entdeckt. Und das ist so frech und frisch, so schrill und schräg, so temperamentvoll und temporeich, dass die zwei Stunden Aufführung eine reine Freude sind. Gerloff hat mit Gabriela Neubauer (Bühne) und Johanna Hlawica (Kostüme) eine bonbonbunte Welt zerzauster Perücken und ausladender Reifröcke erdacht, bei den beiden sitzengelassenen Damen ist „Schnürbrust“ ja quasi Pflicht, und durchpflügt diese nun mit hunderterlei stimmig-spaßigen Ideen, bei denen stets die Wertschätzung von Goethes geschliffener Sprache im Vordergrund steht. Dessen Zitatenschatzkästleinsätze finden sich im Bühnenbild mit „… und der Geliebte ist überall, Alles für den Geliebten“, wie auf Glückskeksen – man speist gemeinsam aus Chinapappschachteln – oder auf Stellas und Cäciliens Schnupftüchern.“ Nichts ist bleibend“ ist in das der zweiten gestickt.

Wenn etwas jemandes „Grille“ ist, zirpt eine ebensolche, überhaupt durchkreuzen Tierlaute vom Hahnenschrei bis zum Ebergrunzen jegliche Chance des Pathos‘ aufzukommen. Fliegen einem die Gedanken hoch, muss sich sein gegenüber tief ducken. Und muss Töchterchen Lucie über eines stillschweigen, dann über die finanziellen Vater-litäten, in denen sie sich wegen des Fehlverhaltens ihres Erzeugers befindet. Er, der als Offizier eben noch „half die sterbende Freiheit der edlen Korsen unterdrücken“, bringt als Gastgeschenk von dort, als wär‘s im Auftrag des Geheimrats, Käse mit. Kein Wunder, dass da Stellas Keksherzen gebrochen aus dem Ofen kommen …

Ein Mann zwischen der Geliebten: Hanna Binder und Andreas Patton … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und der Ehefrau: Andreas Patton und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch Gerloff kann mehr als Gags, Gimmicks und Kalauer. Er bringt dem Ganzen eine moderne Note bei. Fernando, bei Goethe noch der verzweifelt Doppelliebende, der hehre Leidende an der Situation, wird vom dramatischen Sockel geholt. Andreas Patton, schauspielerisch wie immer fabelhaft, macht aus ihm einen ziemlichen Pantoffelhelden (tatsächlich trägt er auch nur noch einen Soldatenstiefel und ein Stiefeletterl) – und konterkariert so das „Verständnis“, das der Tunichtgut und Seitenspringer für sich beansprucht, und das ihm im Original auch entgegengebracht wird. Wenn Stella und Cäcilie hier seine Treulosigkeit vergeben, so schimmert hinter dem Gnadenakt die Heuchelei durch. Hanna Binder als Geliebte und Bettina Ernst als Ehefrau (an beide ergeht ein Extrapreis fürs Gesichter schneiden – von angeekelt bis höchst angetan) sind einander verwandtere Seelen als mit dem Herrn der Schöpfung. Und weil’s ihm die beiden, mit Lucie eigentlich: die drei, mitunter ganz schön keifzangig geben, freut man sich als Frau insgeheim diebisch, dass Fernando sein weiteres Schicksal nun zwischen diesen Moiren verbringen darf.

Denn selbstverständlich bezieht sich die Inszenierung auf das Ende von 1775. Das Gleichnis vom Ritter von Gleichen wird erzählt, ja, Goethe selbst tritt auf, um dem Publikum zu versichern, dass es doch weder Klostergang noch Selbstmord ernsthaft sehen wolle – und so einigt man sich auf „eine Wohnung, ein Bett und ein Grab“. Er habe nur „ein repräsentatives Männerbild“ entworfen, entschuldigt sich der Autor – und man ahnt, dass dieser hier ein besonders bizarrer flotter Dreier werden wird.

Mit dem großartig komödiantischen Trio Patton-Binder-Ernst agiert das gesamte Ensemble voll von Spiellust. Sofie Gross ist eine glubschäugige Lucie, die ihren Teenager-Sturkopf kaum mit der antrainierten Mädchen-Lieblichkeit zu kaschieren vermag. Doris Weiner ist eine hinreißende, klatschsüchtige Postmeisterin in einem entzückenden Tutu-Hosenanzug. Günther Wiederschwinger spielt als Postillon/Verwalter sein Talent für Slapstick aus – und gemeinsam mit Doris Weiner auch Trompete und Posaune.

Singt sich nach „Fernando“ die Seele aus dem Hals: Hanna Binder, Sofie Gross und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Constanze Winkler schließlich darf nicht nur als Goethe himself auftreten, sondern sie spielt auch das Annchen und den Bedienten Stellas. Der heißt zwar mal Friedrich mal Wilhelm mal Heinrich, macht Lucie aber unter jedem Namen Avancen. Mit dem Teppichklopfer Popoklatsch auf die Tournüre – auch da mag man sich schon vorstellen, wie es weitergeht. Am Ende wird noch einmal gesungen: Georg Danzer – „Heute ist der Tag“.

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Wien, 29. 4. 2017