Theatermuseum: Five Truths. Shakespeares Wahrheit und die Kunst der Regie

April 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Katie Mitchell zeigt Ophelias Wahnsinn hoch fünf

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Wie unterscheiden sich die Regiestile von fünf der einflussreichsten europäischen Theaterpraktikern des 20. Jahrhunderts? Wie würden Konstantin Stanislawski, Antonin Artaud, Bertolt Brecht, Jerzy Grotowski oder Peter Brook die berühmte Wahnsinnsszene der Ophelia aus Shakespeares Hamlet inszenieren?

Für ihre Video-Installation hat die berühmte britische Regisseurin Katie Mitchell, die in Österreich zuletzt bei den Salzburger Festspielen ihre Arbeit „Forbidden Zone“ zeigte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10209), diese eine Szene mit ein und derselben Schauspielerin im Stil dieser fünf maßgeblichen Regisseure inszeniert und gefilmt. Das Theatermuseum zeigt die „touring installation“ des Victoria and Albert Museum ab 21. April zum 400. Todestag von William Shakespeare.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7oxnyRl8e8A

www.theatermuseum.at

Wien, 19. 4. 2016

Volkstheater: Die sieben Todsünden

Oktober 11, 2014 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Bill brilliert als Weill-Interpretin

Maria Bill Bild: © Christoph Sebastian

Maria Bill
Bild: © Christoph Sebastian

Dass Maria Bill eine großartige Chansonnière ist, ist eine Binsenweisheit. Nun interpretiert sie am Volkstheater in einer Inszenierung von Michael Schottenberg Kurt Weills/Bert Brechts „Die sieben Todsünden“. Das heißt: Der Regisseur hat dem nur etwa 35-minütigem Werk neun Weill-Lieder aus seinen Exilen in Paris und den USA vorangestellt – und viel „Dreigroschenoper“. Begleitet von Michael Hornek am Flügel und Milos Todorovski am Bandoneon gibt die Bill La Diva. In schwarzer Courturerobe mit weißem Federkragen, der noch als allerlei Requisit herhalten wird müssen, singt sie sich viersprachig von „Speak Low“ aus dem Musical „One Touch of Venus“ und „Je Ne T’aime Pas“, 1934 verfasst für die Sopranistin Lys Gauty, bis zur „Seeräuber-Jenny“ und „Youkali“ aus Weills Oper „Marie Galante“. Allein dieser Teil des Abends hätte einen schon glücklich gemacht. Das Programm ist wie eine Vorwegnahme des oder eine Erinnerung an das Kommende(n). Eine Primadonna – und wie sie dazu wurde …

Also: „Die sieben Todsünden“. Kurt Weill schrieb das „Ballett mit Gesang“ 1933 in Paris im Auftrag des reichen Engländers Edward James für dessen Ehefrau, die Tänzerin Tilly Losch. Weill, mit Brecht schon verkracht, weil ihn dieser bei den Proben zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als „falschen Richard Strauss“, den er „in voller Kriegsbemalung“ die Treppe hinunterwerfen werde, beschimpft hatte, fungierte als Liberettist. Nachdem Jean Cocteau abgelehnt hatte. Dem Werk war, bis auf eine Plattenaufnahme mit Lotte Lenya 1956, kein Erfolg beschieden. Inhalt: Die Schwestern Anna I und II, eine Sängerin, eine Tänzerin, ein Hirn, ein Herz, Sinn und Sinnlichkeit, werden von der Familie losgeschickt, um mit Anna IIs Kunst genug Geld für ein Haus am Mississippi zu verdienen. Sieben Stationen müssen die Annas durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid sind dabei die Versuchungen kurzfristiger Bedürfnisse, deren Befriedigung aufgeschoben werden muss. Zum Zwecke des Profits. Denn Sünden werden dort zu Tugenden, wo nichts mehr einen Wert hat, was keinen materiellen Wert hat. Die Familie, ein Männerquartett, gibt dazu bibelversähnliche Ermahnungen wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und scheinheilige Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsre Kinder, dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt“ ab.

Ivaylo Guberov, Martin Mairinger, Johannes Schwendinger und Wilhelm Spuller sind „die Familie“. 40 Musiker des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien, unter der Leitung von Milan Turković, glänzen als Meister an ihren Instrumenten. Die Bill entledigt sich ihres Edeloutfits, steigt von Kothurnen und steht da. Ein Mädchen im Blümchenkleid. Wie im Prolog beschrieben: „Wir sind eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige“, verkörpert sie beide Annas. Ich und Über-Ich. Eine gespaltene Persönlichkeit. Die nicht tun will, von dem sie weiß, dass sie es tun muss. Ihr Leben: ein Requisitenkoffer, in dem sie zeitweilig auch lebt. Maria Bill zieht alle Register ihres Könnens. Ist Clownin ebenso wie Tragödin. Erinnert an Paulette Goddard in den Chaplin-Filmen. Singt, tanzt (Schwanenwatschel, äh, -see), spielt, dirigiert – kurz. Es ist die Habgier, die ihr diese Idee eingibt, die Turković kraft seines Amtes aber sofort unterbindet. Am Ende ist das Haus finanziert. Ein erkauftes Unglück. Das Vermächtnis der unwirklich schönen Kunstgestalt vor dem Klavier …

Die folgende minutenlange – es wurde schon der Vorhang heruntergelassen und noch immer applaudiert – Publikumsbegeisterung galt natürlich in erster Linie Maria Bill. Welch eine Sängerin. Welch eine Schauspielerin. Welch ein Star.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/michael-schottenberg-im-gespraech/

Wien, 11. 10. 2014

Volkstheater: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Februar 22, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Wien ist doch noch Chicago geworden

Maria Bill Bild: © Lalo Jodlbauer

Maria Bill
Bild: © Lalo Jodlbauer

Großes Kino. Das ist Michael Schottenbergs Inszenierung von Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ am Volkstheater von Anfang an. Wenn im schwarzweißen Filmvorspann die Darsteller vorgestellt werden, wenn der Blick auf die nebelverhangenen bunkerhaften Häuserschluchten von Hans Kudlich freigegeben wird, wenn die Industriegeräusche zunehmend enervierend das Trommelfell perforieren, wenn dunkle Gestalten im Nadelstreif, sowohl Scarfaces als auch des Rechtenarmleuchters teuflische Gehilfen, über die Bühne huschen – da  glaubt man sich im Film noir, und beobachtet „Gehetzt“, wie die „Bestie Mensch“ ihre „Blinde Wut“ auslebt, bis alles „Im Zeichen des Bösen“ steht. Und dann sie: Maria Bill, der Schnittpunkt in Schottenbergs Geisterbahngangsterspektakel. Als erste Frau spielt sie den Arturo Ui. Es ist Schottenberg gelungen die Brecht-Erben von dem zu überzeugen, was am Premierenabend offensichtlich ist: Dass die Bill die beste Wahl für die Rolle ist.

Brecht schrieb den Ui im finnischen Exil. Fasziniert vom Fall des legendären Verbrecherkönigs Al Capone entwarf er sein Stück vom miesen, kleinen Ganoven, der sich zum Herrscher über die ihm bekannte Welt aufschwingen will. Eine Parabel über den Aufstieg der NSDAP, über Etablierung und Festigung der Nazi-Herrschaft, angesiedelt in der Chicagoer Unterwelt. Eine Farce im Versuch „der kapitalistischen Welt Hitler dadurch zu erklären, dass er in ein ihr vertrautes Milieu versetzt wurde“. Wie leicht das alles zu verhindern gewesen wäre, gibt Brecht im Titel vor. Im Stück kriegt der mafiöse Karfioltrust stellvertretend für die „Führer“-Macher eine aufs Happl. Das Personal ist bekannt. Vom alten Dogsborough/Hindenburg, über die Bandenmitglieder Ernesto Roma/Ernst Röhm, Giri und Givola alias Göring und Goebbels, bis zum Cicero-/Austrofaschisten Ignatius Dullfeet.

Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit. Dieses Brecht-Wort hat Schottenberg verinnerlicht. Wie’s seine Natur ist, kann sich der Volkstheater-Chef seinem volksbildnerischen Ansatz zwar nicht ganz entwinden; er verlängert Brechts tadelnd erhobenen Zeigefinger zum Rohrstaberl, weil: der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch, aber das versteht sich auch, weil: plakativ erklärt sich’s besser. Die Bill folgt diesem Weg. Ihr Ui hat von Frisur und Zweifinger-Bärtchen bis zum braunen Aufzug, in Mimik und Gestik die Grenze zur Karikatur überschritten. Er ist ein verzwickter Gnom, ein grauslicher Clown, ein Kasperl, zappelig, nervös, hochexplosiv. Mit zuckend-zittriger Grußhand lebt und erleidet er grimassierend seine unzählichen Ticks. Bill buchstabiert ihre Lecoq-Ausbildung rauf und runter. Heil Hitler! – Heil du ihn! ist der alte Witz, der auf ihr Spiel passt. „Lustig“ ist sie trotzdem nicht, vielmehr umgibt sie eine skurrile Scheußlichkeit, die dem Lachen die Gurgel umdreht. Wie sie gefinkelt den Dogsborough umgarnt und anwinselt, bis sie ganz „Der große Diktator“ ist. Ein kurzes Zitat über den Meister mit der Melone. Bill schnarrt und knattert den Text auf einer nach oben offenen Skala von unverständlich bis vielleicht-lautmalerisch-gemeint-? und formt zwischendurch mit den Armen schon mal ein Hakenkreuz. Bill schont weder das Publikum noch sich selbst. Neben ihr agieren Jan Sabo als Giri, Thomas Bauer als Givola oder Rainer Frieb als Dogsborough geradezu stoisch.

Das vielköpfige Ensemble ist auf der Höhe. Allen voran Patrick O. Beck, der den Ernesto Roma als brutal-loyalen Mitläufer anlegt, und schließlich doch mit ungläubigem Staunen als Uis erstes Opfer in den eigenen Reihen – siehe Röhm-Putsch – endet. Hanna Binder ist als Dockdaisy ein monroehaftes Flitscherl. Wie schon im „Woyzeck“ zeigt sie keine Angst vor Hässlickeit und ihre bemerkenswerte Gesangsstimme. Günter Franzmeier bekam einen der schönsten Parts zugesprochen: Als Schauspieler wird er Uis Lehrer. Als ein an Shakespeare Verzweifelter, als ein Prosporo, dem der Zauber ausgegangen ist, heißt sein unfreiwillig komisches Motto: Deklamieren bis zum Akklamieren, und er darf außerdem den Schoß-Schlusssatz sprechen. Was Ui bei ihm fürs Auftreten lernt, kann der gleich in der Brecht’schen Persiflage auf Fausts Gartenszene ausprobieren. Auch das ein Kabinettstückerl, diesmal für die unverwüstliche Inge Maux als Betty Dullfeet, die, angetan wie eine Primadonna vom Grünen Hügel, dem Ui in schrillsten Tönen erliegt.

Und Wien ist doch noch Chicago geworden. Michael Schottenberg hat’s möglich gemacht. Auch, wenn er sich dem Bezug zu aktuellen Papp-Kameraden verweigert, ist in seiner schmissigen Arbeit klar, wo der H*ase im Pfeffer liegt. Dummheit schützt vor Wählerstimmen nicht. Das sollte man: Niemals vergessen: Nimm‘ dich in Acht vor kleinen Männern mit ausrasierten Haaren und schmalem Bärtchen und ihrem locker sitzenden Browning.

www.volkstheater.at

Wien, 22. 2. 2014

Volkstheater: ich lerne: gläser + tassen spülen

Januar 30, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Briefe von Bertolt Brecht und Helene Weigel

Bild: © Klaus Lefebvre

Bild: © Klaus Lefebvre

„Ich bitte Helli, folgendes zu veranlassen: 1) daß der Tod sichergestellt wird, 2) daß der Sarg aus Stahl oder Eisen ist, 3) daß der Sarg nicht offen ausgestellt wird, 4) daß er, wenn er ausgestellt werden soll, im Probenhaus ausgestellt wird, 5) daß weder am Sarg noch am Grab gesprochen, höchstens das Gedicht An die Nachgeborenen verlesen wird, 6) daß die Totenwache, wenn eine solche gewünscht wird, nur von Schauspielern gehalten wird, 7) daß keine Musik gespielt wird, 8) daß das Grab im Garten in Buckow oder im Friedhof neben meiner Wohnung in der Chausseestraße liegt und nur den Namen Brecht auf einem Stein hat. Danke, Helli!“

Brecht, November 1953, Berlin

Erst seit jüngstem gehört die „Brecht-Sammlung Victor N. Cohen“ dem Brecht-Archiv, einschließlich zahlreicher unbekannter Briefe, die Brecht während seines amerikanischen Exils Mitte der vierziger Jahre von der Ostküste der USA an Helene Weigel nach Kalifornien geschickt hat. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Jahrhundertbriefe“ präsentieren am 3. Februar um 19.30 Uhr im Empfangsraum des Volkstheaters die Schauspieler Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier eine Auswahl aus den im Suhrkamp-Verlag erschienen Briefen erstmals auf einer österreichischen Bühne:
ich lerne: gläser + tassen spülen
Bertolt Brecht und Helene Weigel
Briefe 1923–1956
In einer ersten Bestandsaufnahme ihrer Beziehung schreibt Brecht zum Jahreswechsel 1923/24 an und über die junge Schauspielerin: „H W“; von ihr getrennt, herrschen bei ihm „Starke Langeweile/90% Nikotin/0% Grammophon“. Immer wieder bestürmt er sie: Sie möge ein Zimmer oder eine Wohnung beschaffen, Bücher und Artikel besorgen, er erkundigt sich nach ihren Rollen und nach der Resonanz von Publikum und Kritik; er berichtet über die Arbeit an den eigenen Stücken oder darüber, dass er „mit viel Nikotin wenige Sonette hergestellt“ habe. Nach der Flucht aus Deutschland Anfang 1933 geht es immer wieder um Orte, an denen Brecht weiterarbeiten kann, um die Mühsale einer Familie im Exil und um die Nöte einer Schauspielerin, die 15 Jahre lang ohne Bühne ist. Die aus begütertem Wiener Hause stammende Schauspielerin Helene Weigel lernt Brecht durch Vermittlung eines Jugendfreunds  im September 1923 in Berlin kennen. Sie wird Geliebte, Ehebrecherin an Marianne Zoff, schwanger, Ehefrau. Eine Jahrhundertverbindung. Brecht, biblisch im Wort-Sinn, liebte und betrog die Frau, bewunderte und beherrschte die Schauspielerin, vertraute der Gefährtin wie wohl keinem anderen Menschen. Er webt sie ein in sein Spinnennetz aus Zartheit, Hass, Verfallenheit und Beutegier. Früh ist der Ton seiner Briefe harsch und verlangend: Helene Weigel hat „Schwamm und Bürste“ zu ordnen, Briefe (an Piscator und Herbert Ihering) abzuschreiben, „ruf auch sogleich Ullstein an“ und „erkundige dich“ und „schicke mir“ und „hinterleg die genaue Adresse des Schuhmachers für mich“. Dazwischen ist diese Korrespondenz voller Tratsch und Klatsch über Schauspieler, Sottisen über Kollegen, Ehrgeizausflügen ins Elysium Berlin. Politisches vom Marxisten sucht man. „Ich küsse Dich, liebe, alte Helli, es ist schlimm, daß ich nicht da bin“, schreibt Brecht aus Paris zu Weigel nach Moskau. „Lieber Bert, jetzt muß ich Dir schon einen Brief schreiben, weil es mir selber närrisch vorkommt, daß ich nein sage, wenn Du mit mir schlafen willst, und außerdem erstaunt mich Dein sofort auftretendes neubelebtes Interesse, wieso, nur wegen dem nein?“, schreibt die Weigel. Und 1944 nach Bekanntwerden seiner Liaison mit Ruth Berlau: „Du kannst und willst nicht eine deklarierte mit Stempel versehene Ehe führen,  (…) das ist schon ein Fußtritt von besonderer Heftigkeit.“
Brecht-Enkelin Johanna Schall findet sich in der Welt dem Künstlerduo durch den Briefwechsel näher gebracht. Selbst große Geister leben zwischen niedrigen Erledigungen. Kunst ist alles, aber der Abwasch ist auch noch da. „Beide waren eigenwillige Dickköpfe, aber das ist ja eine Eigenschaft, die meiner ganzen Familie eigen zu sein scheint.“
Bertolt Brecht / Helene Weigel: „Briefe 1923-1956. ich lerne: gläser + tassen spülen“, herausgegeben von Erdmut Wizisla. Suhrkamp Verlag.
Wien, 30. 1. 2014