Werk X-Petersplatz: Zum Wilden Mann

Dezember 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blitzkrieg mit Bierdeckeln

Die Burschenschaft „Dekadenzia zu Wien“: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann; vorne: Sebastian von Malfér. Bild: © Alexander Gotter

Kein Schmäh. Gerade als man das Theater verließ, lief einer im Elitenstechschritt vorbei. An der Hand die Freundin, die Couleur hellbraun. Sage noch einer, Kunst sei kein Spiegel der Sachlage im Lande. Einen solchen halten Regisseurin Ursula Leitner und die handikapped unicorns nun im Werk X-Petersplatz der Pandorabüchse Burschenschaften vor. Sören Kneidl, Sebastian von Malfèr, Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, J-D Schwarzmann und Matthias Tuzar agieren als „Dekadenzia zu Wien“.

Diese zwar fiktiv, doch der Text zu „Zum Wilden Mann“ auf Grundlage von Dokumaterial und mit Beratung des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands entstanden. Eine bissige Farce auf die Vollwichsträger ist diese Uraufführung geworden. Vom Fuxmajor über den Cantusmagister bis zum Fuxe, die Hackordnung wie in einem Hühnerstall, sind alle vorhanden, die sich der Männlichkeit ihres Bierzipfels versichern müssen. Und so übt sich das rechtsakademische Personalreservoir Vielmann, Neumann, Hartmann, Bergmann, Baumann und Trautmann in den entsprechenden Ritualen – saufen, singen, über Sex reden. Das alles tun sie in der Wirtschaft „Zum Wilden Mann“, wo die Truppe knapp vor Sperrstunde kornblumenblau von einem Bezirksfest kommend einfällt. Für eine letzte Runde.

Dem linksgemütlichen Hausherrn Johnny, Régis Mainka, und seiner Kellnerin/Verlobten Tajana, Aleksandra Corovic, helfen ihre freundliche Art wenig. Die Nacht wird aus dem Ruder laufen, die Situation eskalieren. Immer wieder nämlich wird der Fortlauf der Ereignisse gestoppt, treten einzelne Mitglieder der Dekadenzia wie zur Aussage fürs Polizeiprotokoll an, Tenor natürlich: wir immer die Sündenböcke – lächerliche Vorwürfe – an den Pressesprecher wenden, da weiß man bereits, es wird nicht gut enden.

Der Wirt und seine Verlobte bemühen sich um Freundlichkeit: Aleksandra Corovic und Régis Mainka; hinten: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl und Martin Purth. Bild: © Alexander Gotter

Doch die Stimmung wird dank Alkohol immer aggressiver: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth und J-D Schwarzmann; hinten: Aleksandra Corovic und Régis Mainka. Bild: © Alexander Gotter

Bis die Situation eskaliert: Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann, Sören Kneidl (hinten) und Aleksandra Corovic. Bild: © Alexander Gotter

Schwarzweiße Maskengesichter hat Leitner den Burschenschaft-Darstellern verpasst, kennzeichnet sie so als untote Wiedergänger, doch je mehr die Schminke verrinnt oder verwischt wird, werden die Menschen darunter zur Kenntlichkeit entstellt. Bald schon werden nicht nur Bettgeschichten und Fußballergebnisse diskutiert, werden nicht mehr Blitzkrieg mit Bierdeckeln und andere Trink- und Demütigungsspielchen gespielt, sondern bricht sich der Hass Bahn. Der rechte Arm schnell hoch, Parolen werden gebrüllt, dass der Spielraum erbebt.

Es geht um Ehre, Treue, Vaterland, um urdeutsch vs. ostmärkisch, darum, das kulturelle Erbe wehrhaft zu verteidigen, gegen die Gutmensch-Propaganda, gegen toleranzbesoffene Armleuchter, Asylanten, Andersdenkende. Als die Liedzeile vom Schaffen der siebenten Million angestimmt wird, und der Wirt darob dem Treiben Einhalt gebieten will, wird die Bemerkung „Wir werden uns um die Wirtschaft kümmern“ zur unverhohlenen Drohung. Umso mehr, als sich herausstellt, dass Tajana aus dem Montenegro stammt …

Die Schauspieler spielen mit viel Schmiss. Zwar sind ihre Herrenmenschen ziemlich holzschnittartig angelegt, doch dient vielleicht gerade dies als Instrument für die Beunruhigung, die dieser mit Testosteron aufgeladene Theaterabend beim Betrachter auslöst.

Zum Schluss eine choreografiert ästhetische Gewaltszene. Dazwischen aber wendet Ursula Leitner ihren Gesellschaftsspiegel immer wieder auch Richtung Publikum. Wenn Sätze fallen wie „Ich bin wirklich die letzte, die etwas gegen Ausländer hat …“, und darauf ein kollektives „Aber …“ folgt. So wird „Zum Wilden Mann“ auch Aufforderung zur Selbstüberprüfung. Sehenswert! Noch bis 8. Dezember.

werk-x.at

  1. 12. 2018

Schauspielhaus Wien: Oh Schimmi

November 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dem Affen ordentlich Zucker gegeben

Zum Affen gemacht: Markus Bernhard Börger als Schimmi. Bild: © Susanne Einzenberger

Schon vor drei Jahren, als sie ihren Text beim Ingeborg-Bachmann-Preis vorstellte, erregte die österreichische Autorin und bildende Künstlerin Teresa Präauer nicht nur mit ihm, sondern auch mit einem Affenvideo Aufsehen. Diesen Herbst ist der Roman dank Dramaturgin Anna Laner zum Bühnenmonolog geworden, und nun vom Theater Kosmos Bregenz im Rahmen der Theaterallianz ans Schauspielhaus Wien übersiedelt.

Wo, weil „Oh Schimmi“ auch als Stück aufsehenerregend ist, die gestrige Premiere beim Publikum für Begeisterung sorgte. Dass das Ganze so perfekt funktioniert, dafür sind in erster Linie Regisseurin Anna Marboe und Schauspieler Markus Bernhard Börger verantwortlich. Marboe lässt Börger im Wortsinn intensiv zu Werke gehen. Der turnt nicht nur durch die Szenerie, und zwar während er diese beständig umbaut, sondern auch gewitzt und ungeziert durch Präauers Sprache. Wobei er für die performative Selbstentblößung seines fragwürdigen „Helden“ die genau richtige attitude findet, der Möchtegern-Rapper mit den schlechten rhymes, der, je mehr er sich in die Bürscherlbrust wirft, umso weniger als gefährlicher Gangsta durchgeht.

Und denn doch kein ganz so harmlos-armer Tropf ist, wie er sich am Ende mit weißem Plüschpyjama und Maske auch optisch zum Affen macht, hält er unter seinem Bett neben den Marshmallows ja die mit einem neongrünen LED-Seil gefesselte Nagelpflegerin Maguro versteckt.

Immer wieder kommt Präauer in ihren Büchern auf die Animalisierung des Menschen zu sprechen, dieser unscharfen Zwischengrenze, die sie mit dem französischen Philosophen Jacques Derrida „animot“ nennt – das Wort gewordene Tier. Auch in ihrem im Programmheft auszugsweise abgedruckten erzählerischen Essay „Tier werden“ befasst sie sich mit Stationen des Übergangs, mit der Verwandlung, mit einem Aus-der-eigenen-Art-Schlagen. Was „Oh Schimmi“ betrifft, ist es Anna Laner gelungen, die knapp mehr als 200 Seiten lange Taugenichts-Geschichte auf ihre Essenz einzudampfen, auf 70 Minuten Höchstgeschwindigkeit, und trotzdem sowohl Story als auch Figur vollständig zu erzählen.

Die attitude ist selbstverständlich proll-cool. Bild: © Susanne Einzenberger

Schimmi äfft die Mutti nach. Bild: © Susanne Einzenberger

Das Affenthema dabei vom Nachäffen eines „amerikanischen Lebensstils“ bis zu Schimmis affigen Avancen, die er seiner Angebeteten Ninni, dieser „schaumgeborenen Schönheit des White Trash“, macht, durchgehalten. White Trash ist also das Setting. Mann wohnt mit Mutter im 17. Stock eines Towers in einem anonymen Weltstadtdschungel. Eine von ihr eindeutig inzestuös angedachte Hassliebe, tanzt sie ihm vor dem TV-Gerät doch ihren Strip vor, ein den Bildschirm verstellendes Bild ihres aushäusig praktizierten „Sexualismus“.

Der für Schimmi nicht einmal in der Theorie möglich sein soll, nimmt sie ihm doch zur Vermeidung von Schweinkram-Gedanken vor ihren Ausflügen sogar das Smartphone weg. So muss sich der hinter Seifenblasen versteckende Spanner allein durch die Mannbarkeitsklischees schlagen, und Marboe lässt Schimmi dabei genüsslich zwischen seinem selbst gezimmerten Macho-Mythos und Tussi-Muttis Machtspielchen hin und her straucheln, dabei Päauers Kritik an Geschlechterrollen und der Generation Konsumkids zwar fest im Blick.

Aber locker genug gehandhabt, um Börgers proll-cooles Coming-of-Age-Spiel nicht mit einem mahnenden Zeigefinger zu beschädigen. Dieser läuft zur Hochform auf, wenn er außer seinem Protagonisten auch noch mit theatralisch hochgerissenen Armen die Mutti, mit verärgert in die Hüfte gestemmten Händen die Ninni, den auf dem Weg zum Erwachsenwerden verlorengegangenen Vater – und die Sexhotline-Cindy darzustellen hat.

„Es kann doch nicht sein, dass das Internet es lustiger hat als ich“, sagt Börgers Schimmi mit verschmitzt-sündigem Lächeln, und wie er sich schonungslos exponiert, im schweißtreibenden Affenzahn-Tempo und mit überschwappenden Emotionen über seine dysfunktionale Familie, die zerschmetterten Träume seiner Mutter, Verdrängung, Verleumdung und Fluchtversuche berichtet, mal billig flirtet, mal unverschämt baggert, und hinter Schimmis Bling-Bling immer dessen Betrübtheit durchblitzen lässt, da wird der Abend nicht nur bis zum Abwinken absurd, da tun sich tatsächlich Abgründe auf.

Am liebsten schaut Schimmi Tierfilme: Markus Bernhard Börger. Bild: © Susanne Einzenberger

Die Ausstattung dazu hat Sophia Profanter erdacht, graue Kuben, die sich beim Umdrehen in pinke, knallgelbe, babyblaue Versatzstücke verwandelt, aus Plastikbechern wird eine Bar, Fruit Loops zum Sitzbezug, aus grünen Luftballons ein Busen, eine Banane erst zur Pistole, dann zum Smartphone. Und so hat wie der Darsteller auch das Leading Team mit seiner „Oh Schimmi“-Interpretation dem Affen ordentlich Zucker gegeben – sehenswert.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=hSy4NZQemIw

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018

Theater in der Josefstadt: Der einsame Weg

November 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Klipp-Klapp-Tragödie mit drehbaren Türen

Ein Kommen und Gehen auf schmalem Gang: Therese Lohner, Marcus Bluhm, Alexander Absenger, Alma Hasun und Bernhard Schir. Bild: Astrid Knie

Vier hohe Türen, dahinter Fensterfronten, davor wie dazwischen ein enger Gang, den entlang die Darsteller im Wortsinn im Kreis gehen. Weil sich die Szenerie nach jeder Szene verschiebt. Was immer neue Perspektiven freigibt, immer neu gespiegelte Bilder einer in ihren selbstauferlegten Zwängen gefangenen Gesellschaft. Dieser Totentanz der drehbaren Türen ist die alles bestimmende Grundkonzeption von Mateja Koležniks Schnitzler-Interpretation am Theater in der Josefstadt:

„Der einsame Weg“. Von Anfang an ist klar, dass dieser hier auf kühl distanzierte Art abgeschritten werden wird. Keine Spur mehr von Schnitzlers Sehnsüchtlern, die durch dessen geschliffene Dialoge ihre psychischen Defekte schimmern lassen, das melancholische „Egoistenstück“ zum 90-minütigen Trauermarsch gekürzt. Dass Koležnik dem seelischen Stillstand ihrer Protagonisten die Bewegung der Bühne entgegensetzt, ist als Idee reizvoll, realiter mit der Zeit aber so spannend, wie die Beobachtung des Huhns auf dem Möbiusband.

Nun ist es nicht so, dass Koležnik für ihre radikalen Zugriffe nicht bekannt wäre. Auch weiß man, dass diese in der Regel in einer extremen Raumsituation stattfinden. Die slowenische Regisseurin räumt ihren Schauspielern so wenig Spielplatz wie möglich ein, ihr Kunstkniff, der dazu führt, dass die Figuren aufeinanderprallen müssen. Das hat im Vorjahr bei Ibsens „Wildente“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24871) im steilen Stiegenhaus ganz wunderbar funktioniert. Nun setzen die Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp erneut auf die bewährte taubengraublaue Optik, und aus der gleichen Farbpalette stammen auch die Kostüme von Alan Hranitelj – an denen sich unter anderem nicht erschließt, warum Felix‘ (Zwangs?-)Jacke hinten zu schließen ist -, man hat das alles also so oder so ähnlich bereits gesehen.

Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Bernhard Schir und Alma Hasun. Bild: Astrid Knie

Nur geht die angestrengt strenge Versuchsanordnung des Leading Teams diesmal nicht auf. Wenig bis gar nichts erfährt man über den fehlenden inneren Frieden der Figuren, von deren Selbstverliebt- und Verrücktheiten, über vergebene Lebenschancen und vergebliche Hoffnungen, Schuld und versuchte Sühne, und dass hier das Sterben als Thema über den Dingen schwebt, darf man sich bestenfalls dazu denken. Koležnik bedient sich einer Künstlichkeit, die einen nur schwer ins Stück lässt. Wo kompakt auch komplex bedeuten hätte können, wo etwa ein Belauschen und Belauern hinter den – so sie schon vorhanden sind – Türen möglich gewesen wäre, gibt sich Koležnik als Erfinderin der Klipp-Klapp-Tragödie. Die Verwendung von Mikroports und die gelegentlich knisternden Soundeffekte von Nikolaj Efendi sorgen für zusätzliche Verfälschung, Stimmen kommen aus dem Off oder als beiläufiges Beiseitereden zu bereits abwesenden Bühnenpartnern.

Diese Spielart kommt den Josefstädtern nicht zupass. Sie gestalten die Schnitzler’schen Charaktere seltsam blutleer, sind, statt diese aus Gründen der Konvention unterdrückend, einfach nur emotionslos, spröde, wo die Sprache schneidend, tief- und hintergründig sein sollte. Koležniks mangelnde Differenzierung ihrer Wachs-Figuren hinterlässt am Ende den Eindruck, diese würden ineinander verlaufen. Nicht nur was die Farbauswahl betrifft, verläuft der Abend ergo eintönig. Marcus Bluhm ist ein erstarrter Wegrat, Ulrich Reinthaller kämpft sich als Fichtner durch dessen mangelnde Sympathiewerte, Bernhard Schir nimmt man den todkranken Sala schlicht nicht ab, Peter Scholz als Doktor Reumann und Alexander Absenger als Felix finden genaugenommen gar nicht erst statt. Egal, was diese Einsamen auf ihrem Weg zittern, zögern, zagen und zetern, es hinterlässt einen ungerührt.

Alexander Absenger, Bernhard Schir, Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Am Schlimmsten treffen die Striche die Frauenfiguren: Therese Lohner als schnell hinscheidende Gabriele, Alma Hasun als Johanna und Maria Köstlinger als Irene Herms – sie alle bleiben blass. Hasun, die die ganze Aufführung über mit rätselhaften Tür auf-Tür zu-Ritualen beschäftigt ist, beschließt schließlich als Wasserleiche mit einem anklagenden, in dieser Inszenierung unverständlich pathetischen Über-die-Schulter-Blick ins Publikum das gar nicht tolle Treiben.

Dieser „Einsame Weg“ ist nicht das Beste, das man von Mateja Koležnik bisher sehen durfte, dennoch gab es freundlichen Premierenapplaus. Man wird einander bald wieder begegnen, im Sommer in Salzburg bei Gorkis „Sommergäste“ und mutmaßlich kommende Saison am Burgtheater.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Dtmxz3Mtreo

www.josefstadt.org

  1. 11. 2018

Theater Akzent: Gebrüllt vor Lachen

November 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei sympathische Psychopathen

Stefano Bernardin und Dagmar Bernhard. Bild: Karl Satzinger

Als der US-Dramatiker Christopher Durang vor mehr als dreißig Jahren sein Stück „Gebrüllt vor Lachen“ verfasste, der Titel einem Zitat von Samuel Beckett entliehen, spiegelte es die Angst vor dem Gerade-erst-Begreifen von Aids wider, laut damaligem Papst-Zitat Gottes verseuchende Antwort auf die Sünde Schwulsein.

Der Meister der absurden Satire, immer wieder befasst mit Kirche und Kindesmissbrauch und (Homo-)Sexualität, schrieb eine Abrechnung mit Religion und deren Ersatzformen von Selbsthilfetherapien bis Konsumrausch. Die könnte aktueller kaum sein. Und wurde deshalb nun von Regisseur Hubsi Kramar im Theater Akzent mit Stefano Bernardin und Dagmar Bernhard inszeniert.

Der Inhalt, treffen sich ein Mann und eine Frau am Thunfischregal, klingt wie der Beginn eines Witzes. Und irrwitzig wird’s im Verlauf des Abends auch. Dieser setzt sich aus zwei Monologen und einer Albtraumsequenz zusammen. Erst berichtet sie über einen Ignoranten, der ihr den Weg zur Supermarktstellage verstellt, doch spricht sie ihn deswegen nicht etwa an, sondern steigert sich wortlos in ihren Zorn hinein – bis sie ihn auf den Kopf schlägt. Dann er. Bemüht im Negativsten noch das Positive zu sehen, von wegen halbvollem Glas und so. Und schließlich die Konfrontation in Form einer skurrilen Talkshow, die Thunfischdosenszene in x Varianten, und alle enden sie in Gewalt.

Bernhard und Bernardin machen die Aufführung mit Temperament und viel Gespür fürs Timing zu einer verspielt-verschrobenen Geschlechterschlacht. Zwei Stadtneurotiker treffen da aufeinander, sie in ihrem Vortrag explosiv und laut und nicht immer politisch korrekt, er als Klischee-Hipster mit Haarband und Hawaiihemd und „Kumbaya“ singend – und immer wieder schafft es Kramar mitten im größten Tralala, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Etwa, wenn die Frau was von Nervenheilanstalt schwadroniert, und sich als Pessimistin mit Hass auf alle Glücklichen enttarnt. Wie sie das Publikum direkt anspricht, wird rasch klar, dass die akrobatische Performance so humorvoll wie hintergründig ist. „Gebrüllt vor Lachen, inmitten allerheftigsten Leids“ lautet übrigens das Beckett-Zitat.

Bild: Karl Satzinger

Bild: Karl Satzinger

Bernhard nervt ganz großartig mit ihrem enervierenden Lachen, mit ihrer Geschwätzigkeit, mit der sie mehr als eine halbe Stunde über die Köpfe der Zuschauer hinwegfegt, immer knapp vor Zusammenbruch, mit wenigen nachdenklich stillen Momenten, so dass man im manisch-depressiven Auftritt der Frau tatsächlich die Wirkung von Tabletten vermutet. Bernardin wiederum brilliert als Hypochonder und Selbstbemitleider, sein Vortrag nicht weniger erhitzt und hektisch, obwohl er versucht, mit Harmoniezeremonie und Good Vibrations und einem Om auf den Lippen, den eben erlebten Vorfall zu begreifen.

Dem Superöko und der Thunfischterroristin hat Kramar, anders könnte es bei ihm gar nicht sein, ein paar tagesaktuelle Sager über Abschiebungen, Ausländerfeindlichkeit und anderen aggressiven „Österreich zuerst“-Standpunkten in den Mund gelegt, doch unterm Strich bleiben die beiden einfach zwei sympathische Psychopathen.

Und während der Mann sich mit seiner Spiritualität und seinem Faschistenvater abplagt, auf dem Höhepunkt der Farce schwebt Bernardin als Prager Kindl vom Himmel herab, und sie beschließt, innere Weisheit nicht mehr in bewusstseinserweiternden Ratgebern zu suchen, während sie auf ihn schießt und ihn abwatscht und er sich nicht wehrt, kommt der Frau die allumfassende Erkenntnis, die sie natürlich sofort mit dem Publikum teilt: „Ich geb‘ Ihnen einen Schlüssel zur Existenz: Immer atmen. Das ist die Grundlage des Lebens, das ist im Grunde die Grundlage. Wenn Sie nicht atmen, sterben Sie.“ Süßer Augenblick einer großen Sehnsucht. Der die davor dargebotenen Gemeinheiten fast schon wieder wett macht.

Zu sehen bis 7. Dezember.

www.akzent.at

  1. 11. 2018

Sommerspiele Melk: Luzifer

Juni 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Teufel schlägt Gott k.o.

Im Pandämonium: Max Niemeyer, Sigrid Brandstetter, Sophie Prusa, Kajetan Dick, Helmut Bohatsch, Katharina Dorian, Jan Hutter und Christian Kainradl. Bild: Daniela Matejschek

Im Jahr 1600 entwarf der deutsche Theosoph Jacob Böhme in seiner Schrift „Aurora“ eine mystische Kosmogonie, in der Gott in sich sowohl das Helle wie das Dunkle birgt. Für Böhme ist die Gestalt des Bösen eine reale Macht, deren eigentlicher Zweck es ist, als Gottes Werkzeug dessen Herrlichkeit zu offenbaren. Ein ähnliches Licht-Finsternis-Prinzip entfaltet nun Bestsellerautor Bernhard Aichner, der für die Sommerspiele Melk das Auftragswerk „Luzifer“ verfasste.

In der bewährten Regie von Intendant Alexander Hauer bleibt der Text des Thrillerschreibers genau dieses, ein spannendes, hochphilosophisches Stück, dem es auch nicht an Witz mangelt. Luzifer also lädt Gott zu einer Vorstellung seines „Theater des Bösen“ um die ewig schwelenden Konflikte zwischen ihnen auszutragen. Noch nagt am Höllenfürst der Sturz in ebendiese, er findet es ungerecht und falsch für alles Unrecht dieser Welt verantwortlich gemacht zu werden. Im Pandämonium inszeniert er Szenen, hinterfragt die Motive seiner Darsteller, dirigiert – so scheint’s – und komponiert. Auf der fulminanten Bühne von Daniel Sommergruber, die vom abgewetzten Lehnstuhl bis zum Autowrack eine Müllhalde der menschlichen Geschichte zeigt, erscheinen Mordgestalten von Iwan dem Schrecklichen bis Idi Amin, von Mao bis König Leopold II. von Belgien, aber auch Lynndie England, die Todesengel von Lainz oder Marc Dutroux fehlen nicht.

Derart entspinnt sich ein Disput, wer das Böse in die Welt gebracht hat. Kajetan Dick gibt im schwarzen Nadelstreif einen überkandidelt-verbissenen „Spielverderber“, Helmut Bohatsch im weißen einen unsympathisch-selbstverliebten Allwissenden. Unterstützt werden die beiden von Sophie Prusa, Sigrid Brandstetter, Katharina Dorian, Jan Hutter, Christian Kainradl und Max Niemeyer, die als Gegenspieler Gottes in jeweils mehrere Rollen schlüpfen – und doch von diesem so manipuliert werden, dass am Ende jeder Episode dessen Wille geschehe.

Der Chor „Bühne Frei!“ gestaltet Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach. Bild: Daniela Matejschek

Manipulieren die Menschen: Helmut Bohatsch als Gott und Kajetan Dick als Luzifer. Bild: Daniela Matejschek

Viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken gibt es da, wenn die Themen Missgunst, Neid, Ignoranz, Wut verhandelt werden. Immer wieder inszeniert Luzifer sein eigenes Schicksal, der großartige Chor „Bühne Frei!“ gestaltet etwa Rubens „Höllensturz der Verdammten“ nach, doch als der Teufel sieht, wie ausweglos sein Unterfangen ist, schlägt er kurzerhand Gott k.o. Schließlich bleibt den beiden Fädenziehern nichts, als sich an den dritten Spieler zu wenden, die Menschen, heißt hier: das Publikum, das nun befragt wird, an wen es glaubt und wen es für das eigene Tun verantwortlich machen möchte. Gespielt wird dazu eine Szene über Ehebruch, und die Zuschauer sollen entscheiden, welches Ende ihnen besser gefällt.

Dieser Teil nach der Pause entpuppt sich als schwächer als der erste, vor allem auch, weil der Ausgang des Wettstreits nur „gedacht“ werden soll. Es wäre spannend gewesen, eine tatsächliche Abstimmung mitzumachen, um zu sehen wie das Match um Verantwortung und Schuld, Macht und Moral, Manipulation und Mündigkeit ausgeht. Apropos: Nicht alles an diesem Abend geht sich aus, einiges zerfasert in seiner Vieldeutigkeit oder franzt an den Rändern aus. Dennoch ist es höchst vergnüglich an Aichners ironischen Andeutungen die eigene Weltanschauung zu überprüfen. Man wird feststellen, wie auf der Bühne kommt da manches Paradox heraus.

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 6. 2018