Wiener Festwochen: The Walking Forest

Juni 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Poetische Bilder mit politischer Zündkraft

Bild: Aline Macedo

Nach ihrer Erfolgsproduktion „Julia“ im Jahr 2013 (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=4091) ist die brasilianische Multimediakünstlerin Christiane Jatahy heuer mit „The Walking Forest“ zu Gast bei den Wiener Festwochen. Es ist dies der letzte Teil ihrer mit der Strindberg-Paraphrase begonnenen Werkreihe über staatliche Willkür und gesellschaftliche Ungleichheiten, über Verfolgung Andersdenkender und erzwungene Migration. Diesmal ist „Macbeth“ das Thema – sehr frei und sehr abstrahiert, wie Jatahy zum Ende ihrer Arbeit erklärt, weil sie „überall Macbeths an die Macht kommen“ sehe, doch wir alle angetan als Birnams-Wald dagegen aufstehen und angehen können, „als handlungsfähige, solidarische Gemeinschaft“.

Den Zuschauer erwartet in den Gösserhallen der bewährte Mix aus Performance und Videoinstallation. Auf vier raumfüllenden Leinwänden entrollt Jatahy erst die Geschichte von vier jungen Menschen und deren harten Lebensrealitäten. Da ist Prosper aus dem Kongo, der inhaftiert und gefoltert wurde, weil sein Vater Mitglied einer regierungskritischen Organisation war. Michelle aus einer Favela in Rio de Janeiro, deren Onkel von der sogenannten „befriedenden Polizeieinheit“ UPP ermordet wurde. Geografie-Student Igor, der ins berüchtigte brasilianische Hochsicherheitsgefängnis Bangu verbracht wurde, weil er bei den politischen Protesten 2013 eine aktive Rolle spielte. Und schließlich Aboud, der aus Syrien floh, weil er als Journalist brisante Dokumente über Mord und Folter im Assad-Regime veröffentlichte.

Bild: Aline Macedo

Jatahy hält die Kamera nicht stur auf ihre Protagonisten. Zu deren Schilderungen findet sie poetische Bilder, nur langsam entwickelt sich der Abend, man braucht Geduld, bis alle alle vier Aufnahmen gesehen haben. Manches lässt einen schlicht ratlos zurück. Doch dann plötzlich entwickelt das Ganze eine ungeheure Sogwirkung. Die Vidiwalls drehen sich, scheuchen das Publikum gleichsam vor sich her, es wird dunkel, Musik schwillt an, in engem Wechselspiel mit den dokumentarischen Videos verkörpert Schauspielerin Julia Bernat die Lady Macbeth – und man erkennt, dass man selber schon die längste Zeit Teil der Inszenierung ist, unbemerkt gefilmt und nun an die Wand geworfen.

Auch die Macbeth-Texte, die am Eingang an willige Zuschauer verteilt wurden, werden nun verlesen. Später ebenso der shakespeare’sche Dialog zwischen dem Usurpator und seinem Boten. Man wächst zum gewünschten Kollektiv zusammen. Christiane Jatahy gelingt mit „The Walking Forest“ ein optimistischer Appell an die Kraft des Miteinander. Es ist nicht zu viel gesagt, ihre Aufführung Überwältigungskunst zu nennen. Kein Wunder, dass das Publikum lange nach Ende der Performance keine Lust hatte, die Gösserhallen zu verlassen. Viel gab es zu bedenken und zu bereden. Und Jatahy stand dafür gerne zur Verfügung.

www.festwochen.at

  1. 6. 2018

Wiener Festwochen: Please, Continue (Hamlet)

Juni 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schuldig oder nicht schuldig? Das ist hier die Frage.

"Hamlet" Thiemo Strutzenberger (re.) Foto: Nurith Wagner Strauss

Verteidiger Rudolf Mayer, „Hamlet“ Thiemo Strutzenberger  Foto: Nurith Wagner Strauss

Ich bitte um Ruhe!“, spricht der strenge Gerichtsdiener ins Mikrofon, und schon wird es still. „Please, Continue (Hamlet)“. Die österreichische Erstaufführung Yan Duyvendaks und Roger Bernats Weiterschreibung der Shakespeareschen Tragödie nimmt ihren Lauf. Das Publikumsbeteiligungsstück setzt da ein, wo Shakespeares dritter Akt endet. Hamlet hat Polonius, den Vater seiner Geliebten Ophelia, getötet. Ob er dabei fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt hat, darüber wird nun Gericht gehalten.  www.festwochen.at/fileadmin/user_upload/Ermittlungsakte.pdf  Und jeder Zuschauer ist am Ende des dreistündigen Abends  Geschworener. In den beiden Pausen wird heftig diskutiert. Welch ein Spaß, sich einmal beim britischen Barden einmischen zu dürfen! Können wir das auch bei Macbeth und Richard III. machen. Wohl kaum jemand, als die, die wissenschaftlich daran arbeiten – „Hamlet“ ist das Theaterstück, zu dem es die meiste Sekundärliteratur gibt -, hat sich je mehr mit dem Dänenprinzen und seinen Problemen befasst, als an diesem Abend.

Thiemo Strutzenberger als ein großartiger Hamlet wird von der Richterin zum vermeintlichen Tathergang befragt. Danach werden Ophelia (Julia Jelinek) und Gertrud (Susi Stach) in den Zeugenstand berufen. Der Richter, die beiden Rechtsanwälte, der Staatsanwalt, der Psychiater und der Gerichtsdiener  sind  Vertreter der Österreichischen Justiz und Rechtsanwaltschaft und hier Laiendarsteller. Sie üben ihren Beruf einfach einmal auf der Bühne aus. In fünf Ländern war die Produktion schon zu sehen. Die Verbindung von Theater und national jeweils unterschiedlichem Strafrecht soll laut Programmheft exemplarisch zeigen, dass Gerechtigkeit „keine präzise Wissenschaft“ sei. Duyvendak und Bernat konfrontieren einen mit den, involvieren einen in die Spielregeln der Gerichtsbarkeit, sie zeigen, wie unvorhersehbar und zufällig Rechtsprechung sein kann, wie subjektiv Urteile gefällt werden. Schuld- oder Freispruch.

So kann man beispielsweise den keineswegs medien- und öffentlichkeitsscheuen Verteidiger Rudolf Mayer zu erleben (er war Verteidiger der „schwarzen Witwe“ Elfriede Blauensteiner und von Josef Fritzl), wie er jovial für den sehr zurückhaltenden Strutzenberger argumentiert. Susi Stach gab’s heftig kräftig im Zeugenstand: Sie waren halt alle b’soffen in ihrer „sozialen Randschichtfamilie“, wie es später im psychiatrischen Gutachten heißen wird. Unübersichtlich wird es, als ein jüngst in Marseille passierter Mord Hamlet in die Schuhe geschoben werden soll. Doch das Konzept der beiden Theatermacher ist gut. Mehr davon!

Das Urteil der Verhandlung vom 7. 6. 2014 lautet wie folgt:

Hamlet ist schuldig am 7. 7. 2013 in Wien fahrlässig den Tod des Polonius dadurch herbeigeführt zu haben, dass er mit einem Messer einen Vorhang durchstach und den dahinter befindlichen Polonius im Bereich der linken Brustkorbhälfte, zwischen der 4. und 5. Rippe hindurch, direkt ins Herz traf und dabei die vordere Wand der linken Herzkammer verletzte, wodurch ein Herzstillstand eintrat. Er hat hierdurch das Vergehen der fahrlässigen Tötung nach § 80 StGB begangen und wird hierfür zu einer Freiheitsstrafe von 10 Monaten, so wie gemäß § 389 (1) StPO zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens verurteilt.

Das Urteil der Verhandlung vom 8. 6. 2014 lautet wie folgt:

Hamlet wird von dem wider ihn erhobenen Anklagevorwurf, er habe den Tod des Polonius dadurch herbeigeführt, dass er mit einem Messer einen Vorhang durchstach und den dahinter befindlichen Polonius im Bereich der linken Brustkorbhälfte, zwischen der 4. und 5. Rippe hindurch, direkt ins Herz traf und dabei die vordere Wand der linken Herzkammer verletzte, wodurch ein Herzstillstand eintrat, gemäß § 336 StPO freigesprochen.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

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Wiener Festwochen: „Julia“

Mai 15, 2013 in Bühne

Im brut wird ein Strindberg-Film gedreht

Julia Bernat, Rodrigo dos Santos Bild: Photo: Marcelo Lipiani

Julia Bernat, Rodrigo dos Santos
Bild: Photo: Marcelo Lipiani

„Cut“, ruft der Kameramann (David Pacheco – er wird später als Julias Vater immer  den selben Satz „Ich brauche den Wagen in fünf Minuten“ sagen) mehrmals. Und zu Jean, der hier Jelson (Rodrigo dos Santos) heißt: „Kannst den Schuh da noch einmal wegkicken?“ Dann erst ist er mit der Einstellung zufrieden und kann wie die beiden Hauptdarsteller einen Schluck Rotwein trinken. Im brut wird ein Strindberg-Film gedreht. Die Autorin und Regisseurin Christiane Jatahy (bei den Festwochen 2008 mit „A falta que nos move“ zu Gast) und ihre Truppe „Cia. Vértice de Teatro“ aus Rio de Janeiro haben August Strindbergs Schockertrauerdrama „Fräulein Julie“ aus dem Jahr 1889 auf ihre Art interpretiert.

Künstlerisch – ein Gewebe aus Theater, zwei Darstellern, denen ständig eine Live-Kamera folgt und intime Close-ups (etwa bei der Sexszene „hinter den Kulissen“, oder als sie zu dritt aus dem Theater laufen und mitten ins Zeltfest der „Tiroler Tage“ beim Künstlerhaus gelangen) auf drei bewegliche Leinwände projiziert, und vorproduzierten Filmszenen. Die ob der sich entwickelnden Ereignisse angewiderte Köchin (Tatiana Tiburcio) des Hauses kommt überhaupt nur via Film vor. Gegenwartstheater und -kino, eine virtuose, fabelhaft gespielte Versuchsanordnung. Ein Spiel im Spiel. „Er ist doch nur eine Attrappe“, ruft Jelson, nachdem er Julias Kanarienvogel den Kopf abgeschnitten hat und sie an diesem kleinen Blutbad verzweifelt. Rodrigo dos Santos kokettiert mit Kamerablicken wie Oliver Hardy, einst Erfinder dieser darstellerischen Technik. Viel scheint Improvisation, ein Statement gegen die vierte Wand. „Und jetzt?“, fragt nämlich die großartige „Julia“ Julia Bernat provozierend, ungeduldig das Publikum mit dem Messer in der Hand. Soll sie sich zum Schluss a la Strindberg das Leben nehmen? Eine Zuschauerin nimmt ihr das scharfe Selbstmordinstrument ab (ein Theatermitarbeiter holt es Sekunden nach Ende der Vorstellung), trotzdem färbt sich auf den Leinwänden Wasser blutrot. Poetisch. Brutal. Strindbergs Subtilität in Auflösung.

Inhaltlich – hält sich Jatahy vordergründig an die Story: Höhere Tochter, verwöhnt-verspielt, flirty dank Damenspitzerl und natürlich weiß, macht beim Bedientenball den Gärtnerssohn und Chauffeur so lange kirre, bis der, trotz Angst um seinen Job, nicht mehr widerstehen kann. In Brasilien ist er ein Schwarzer, ein Kind aus der Favela nebenan. So lebt diese Gesellschaft: miteinander und doch Schichten von einander getrennt. Die sozialen Verhältnisse, sie sind eben so. Aber: Während beim alten Schweden der Subalterne der Hochadeligen nach Vollzug als besten Ausweg zu ihrem Aus-dem-Leben-Scheiden rät, hat er hier große Zukunftspläne. Die er ausgerechnet beim Beischlaf zwischen vielen Ays und Ohs erklärt. Jelson hat Unternehmergeist, will etwas aus sich machen, einen Hotelier. In zehn Jahren wäre er reich, sie müsse nur das Startkapital aus Papas Safe holen – dann Flucht. Da bricht er aus Julia heraus, der Alltagsrassismus. Sie demütigt den „Diener“. „Sie wissen ja nicht einmal seinen Namen“, kreischt sie in den Raum. „Leider“ schreit jemand „Jelson!“ zurück. „Super“, grummelt sie, „Sie haben mir soeben die Szene ruiniert.“ Und facebooked mit dem Handy: „Second day Wiener Festwochen A Disaster“. Was natürlich überhaupt nicht stimmt (außer für Julia und Jelson). Das Publikum dankt für diesen überraschenden, klugen, nachdenklich und doch irgendwie fröhlich stimmenden Abend mit Riesenapplaus. Der kurze, aber heftige Parforceritt der Darsteller war ein Erfolg.

www.festwochen.at

www.brut-wien.at

www.christianejatahy.com.br

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013