Theater Akzent: Gebrüllt vor Lachen

November 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei sympathische Psychopathen

Stefano Bernardin und Dagmar Bernhard. Bild: Karl Satzinger

Als der US-Dramatiker Christopher Durang vor mehr als dreißig Jahren sein Stück „Gebrüllt vor Lachen“ verfasste, der Titel einem Zitat von Samuel Beckett entliehen, spiegelte es die Angst vor dem Gerade-erst-Begreifen von Aids wider, laut damaligem Papst-Zitat Gottes verseuchende Antwort auf die Sünde Schwulsein.

Der Meister der absurden Satire, immer wieder befasst mit Kirche und Kindesmissbrauch und (Homo-)Sexualität, schrieb eine Abrechnung mit Religion und deren Ersatzformen von Selbsthilfetherapien bis Konsumrausch. Die könnte aktueller kaum sein. Und wurde deshalb nun von Regisseur Hubsi Kramar im Theater Akzent mit Stefano Bernardin und Dagmar Bernhard inszeniert.

Der Inhalt, treffen sich ein Mann und eine Frau am Thunfischregal, klingt wie der Beginn eines Witzes. Und irrwitzig wird’s im Verlauf des Abends auch. Dieser setzt sich aus zwei Monologen und einer Albtraumsequenz zusammen. Erst berichtet sie über einen Ignoranten, der ihr den Weg zur Supermarktstellage verstellt, doch spricht sie ihn deswegen nicht etwa an, sondern steigert sich wortlos in ihren Zorn hinein – bis sie ihn auf den Kopf schlägt. Dann er. Bemüht im Negativsten noch das Positive zu sehen, von wegen halbvollem Glas und so. Und schließlich die Konfrontation in Form einer skurrilen Talkshow, die Thunfischdosenszene in x Varianten, und alle enden sie in Gewalt.

Bernhard und Bernardin machen die Aufführung mit Temperament und viel Gespür fürs Timing zu einer verspielt-verschrobenen Geschlechterschlacht. Zwei Stadtneurotiker treffen da aufeinander, sie in ihrem Vortrag explosiv und laut und nicht immer politisch korrekt, er als Klischee-Hipster mit Haarband und Hawaiihemd und „Kumbaya“ singend – und immer wieder schafft es Kramar mitten im größten Tralala, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Etwa, wenn die Frau was von Nervenheilanstalt schwadroniert, und sich als Pessimistin mit Hass auf alle Glücklichen enttarnt. Wie sie das Publikum direkt anspricht, wird rasch klar, dass die akrobatische Performance so humorvoll wie hintergründig ist. „Gebrüllt vor Lachen, inmitten allerheftigsten Leids“ lautet übrigens das Beckett-Zitat.

Bild: Karl Satzinger

Bild: Karl Satzinger

Bernhard nervt ganz großartig mit ihrem enervierenden Lachen, mit ihrer Geschwätzigkeit, mit der sie mehr als eine halbe Stunde über die Köpfe der Zuschauer hinwegfegt, immer knapp vor Zusammenbruch, mit wenigen nachdenklich stillen Momenten, so dass man im manisch-depressiven Auftritt der Frau tatsächlich die Wirkung von Tabletten vermutet. Bernardin wiederum brilliert als Hypochonder und Selbstbemitleider, sein Vortrag nicht weniger erhitzt und hektisch, obwohl er versucht, mit Harmoniezeremonie und Good Vibrations und einem Om auf den Lippen, den eben erlebten Vorfall zu begreifen.

Dem Superöko und der Thunfischterroristin hat Kramar, anders könnte es bei ihm gar nicht sein, ein paar tagesaktuelle Sager über Abschiebungen, Ausländerfeindlichkeit und anderen aggressiven „Österreich zuerst“-Standpunkten in den Mund gelegt, doch unterm Strich bleiben die beiden einfach zwei sympathische Psychopathen.

Und während der Mann sich mit seiner Spiritualität und seinem Faschistenvater abplagt, auf dem Höhepunkt der Farce schwebt Bernardin als Prager Kindl vom Himmel herab, und sie beschließt, innere Weisheit nicht mehr in bewusstseinserweiternden Ratgebern zu suchen, während sie auf ihn schießt und ihn abwatscht und er sich nicht wehrt, kommt der Frau die allumfassende Erkenntnis, die sie natürlich sofort mit dem Publikum teilt: „Ich geb‘ Ihnen einen Schlüssel zur Existenz: Immer atmen. Das ist die Grundlage des Lebens, das ist im Grunde die Grundlage. Wenn Sie nicht atmen, sterben Sie.“ Süßer Augenblick einer großen Sehnsucht. Der die davor dargebotenen Gemeinheiten fast schon wieder wett macht.

Zu sehen bis 7. Dezember.

www.akzent.at

  1. 11. 2018

Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

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Wien, 5. 11. 2016

Theater Akzent: Dario Fos „Bezahlt wird nicht!“

November 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar verlegt die Italianità in die Hasengassn

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler Bild: © Lilli Crina Rosca

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler
Bild: © Lilli Crina Rosca

Der Literaturnobelpreisträger hätte, lässt sich vermuten, seine Freude daran, wie jetzt in Wien seine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam inszeniert wurde.

Denkanstifter Hubsi Kramar zeigt im Akzent „Bezahlt wird nicht!“ und hat dazu Dario Fos Frauenpower-Farce in die Hasengassn verlegt, also die Adria nahe an die Hypo Alpe, mei Chianti is ned deppat, und daraus ein saftiges Stück Volkstheater samt Couplets gemacht, die Satire als schlechtes Gewissen der Macht sozusagen. Bevor man sich prächtig zu amüsieren traut, ist man ernüchtert, wie aktuell diese 41 Jahre alte Agitpropkomödie noch ist. Die Verhältnisse sie sind noch so, sie sind schon wieder so.

Gegen den Diebstahl der Marktwirtschaft hilft nur Ladendiebstahl. Und so macht eine Menge wütender Frauen dem Konsum im Wortsinn den Garaus. Freie Marktwirtschaft ist ein im Grunde revanchistisches System. Für jede Quittung, die man überreicht, revanchiert sich jemand mit einer Rechnung, die er präsentiert. Die working und wegrationalisierten poor holen sich also ihren Anteil am Profit in Form von Nudeln und Dosenparadeisern, die Butter vom Brot eines Plissonnier und seines Broseta, aber, ach, käme erst das Fressen, doch es kommt die Moral in Gestalt der Ehemänner. Der ehrliche Arbeiter nimmt nicht einmal selbst erbeutete Almosen an. Ja, wir waten bis zum Hals in der Scheiße, aber genau deshalb tragen wir den Kopf hoch erhoben. Daher weg mit dem Zeug, unters Bett und unter die Kittel, plötzlich sind alle schwanger und Polizisten vor der Tür …

Worteschmied Fo heftet den ihm eigenen anarchischen Witz an seine politischen Wahrnehmungen, und Hubsi Kramar zeigt an diesem Beispiel auf seine Weise, dass der Neoliberalismus auf dem rechten Weg ist. Privatisierung kommt von privare/ berauben. Aus dem Originaltext und zwei Übersetzungen, mit kritischem Geist und spottendem Herzen, formulieren der Theatermacher und seine Truppe ihre Absage an die Marktfundamentalisten und die Internationale Solidarität der Banker. Avanti Popolo! Zum heiteren Gegenangriff. Der Hanswurst kann laut sagen, was Hamlet im Stillen denkt. Selbstverständlich ist jede Ähnlichkeit mit aktuellen Tagesereignissen gänzlich beabsichtigt. TTIP-Freihandelsabkommen und andere unsaubere Geschäfte, Nestlé und Novomatic, Asyldyskoordination und Abschiebung, Gentrifzierung und Griechenland, Steuerreform und andere Skandale, wie den Leuten die Schlag-Zeilen eben so auf den Kopf knallen, so geht’s rund in „Bezahlt wird nicht!“ reloaded. Dass das Akzent dafür der perfekte Aufführungsort ist, zeigt einer der größten Lacherfolge, als es über eine Figur hilflos erstaunt heißt: „Der ist ja linker als dein Parteivorsitzender.“ Akzent: Applaus! Angesichts schwarzer Geschäfte sieht die Gesellschaft rot.

Markus Liszt hat auf die Bühne eine grindige Puppenstube gestellt. Mit Propangasflaschen. Im Zinshaus eine Küchenuhr ohne Zeiger. Darin wirkt Asli Kislal mit der ganzen Kraft ihres Amtes als Antonia. Sie zeigt wie Istanbuler Italianità geht, aber hallo. Mit Tempo und Temperament redet sie alle in Grund und Boden und sich beinah um Kopf und Kragen, in dramatischer Geste eine Silvana Mangano, nur, dass sie nicht einmal mehr bitteren Reis servieren kann. Obwohl Volkes Stimme Gottes Stimme ist, fällt sie kurz vom Glauben an ein gutes Ende ab. Aber es wird wieder. Der Opa war auch so. Ein katholischer Sozialist. Kreisky und der Papst. Die österreichische Er-Lösung. Was Kislal zeigt, ist, unterstützt von Gioia Osthoff als treuer und herziger Margherita, großes Kino; Kramar, der große Feminist, weiß, wie man Männer dumm und dämlich quatschen kann. Er setzt zwei exzellente Komödiantinnen in Szene, denen Markus Kofler und Sascha Tscheik mehr als Pantoffel- denn als -helden gegenübertreten.

Kofler, immer mit einem Bein im absurden Theater, gibt den um seine Ruhe gebrachten Nur-Ruhe-Menschen Giovanni, Antonias Angetrauten, ein Proletarier, der höflichst um klare Abgrenzung vom Begriff Prolet bittet. Eine tragische Figur, er kann einem leid tun, weshalb umso vergnüglicher ist, ihm zuzusehen, wie unlustig er das alles findet. Wie er das ihm vorgesetzte Hundefutter wie ein Gourmetkritiker bewertet – mit zwei Spritzern Zitrone vielleicht? Das hat Charms. Tscheik ist als Margheritas Mann Luigi der Praktiker in diesem herrlichen Duo, die Hand zu diesem verzweifelten Hirn. Er hat das Publikum auf seiner Seite, wenn er über seine umgekehrte Logik von Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Sein philosophiert. Weil die nehmen ja unsere Arbeit und wir geben sie ihnen.

Der größte Kasperl im Theater aber ist Stefano Bernardin. Er ist Wachtmeister und Carabiniere, ist linkslinker Sicherheitssubversiver und aufrechter Ordnungshüter, ist ein Flageolet und ein Capitano Spavento, eine Granate bis zur Kopfbedeckung. Und beim Singen furchteinflößend wie einmal Stefan Weber. Neben Hubsi Kramars Cameo-Auftritt erfreut er am meisten als Leichenbestatter Dalí Dalí – da ist er auch, dieser Weber-Blick – und als Giovannis leicht verwirrter Vater. Ein gelungenes Quartett. In Stockholm 1997 sagte Dario Fo: „Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen.“ Optimistisch, diese Hoffnung, dass sich der Markt über mehr (heu)schreckt, als nur die Konjunkturdaten. Hubsi Kramar ist Optimist. Er kämpft einen klasse Kampf. Er will das Kapital kaputt lachen. Dem Mann kann bei dieser Arbeit im Akzent gut geholfen werden.

www.akzent.at

TIPP: Eine Ausstellung zum Thema im Kunst Haus Wien www.mottingers-meinung.at/?p=15943

Wien, 11. 11. 2015

Mono Verlag: Der unbekannte Soldat

Mai 20, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wer nicht für den Frieden arbeitet,

der arbeitet gegen ihn“

9783902727527Der unbekannte Soldat ist eine Hommage an Bertha von Suttner, die erste Botschafterin des Pazifismus, lange bevor er eine greifbare Theorie einer Welt ohne Waffen war und lange bevor diese Welt in Trümmer fiel. Unterlegt und eingerahmt von musikalischen Interventionen, versammelt der Audioteil wichtige  Texte der Suttner, vorgelesen von Angehörigen des österreichischen Bundesheeres, Cornelius Obonya und Stefano Bernadin.

Im Textteil werden wichtige historische und theoretische Hintergründe sowie biografische Details der Suttner erzählt, zu lesen in ausführlichen Interviews mit der Ethnologin Maria Enichlmair und dem Historiker Georg Hamann, der Friedens- und Konfliktforscherin Susanne Jalka, dem österreichischen  Spitzendiplomaten Wolfgang Petritsch und dem Chefredakteur des Nachrichtenmagazins profil, Herbert Lackner.

Inmitten des Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren ist dieses Buch an erster Stelle eine Verbeugung vor dem Lebenswerk Bertha von Suttners. Herausgeber/Konzept: Stefan Frankenberger.

www.monoverlag.at

Wien, 20. 5. 2014

Cornelius Obonya badet in Selbstmitleid

Oktober 17, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

stadtTheater Walfischgasse: „C(r)ash“

Stefano Bernardin, Cornelius Obonya, Claudia Kottal Bild: © Robert Polster

Stefano Bernardin, Cornelius Obonya, Claudia Kottal
Bild: © Robert Polster

Von der Walfischgasse an den Broadway. In diesem Augenzwinkerer, Prinzipalin Anita Ammersfeld, die das Kompliment augenblicklich an Autor, Regisseurin und Darsteller weiterreichte, nach der Premiere zugeflüstert, steckt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Mit der Uraufführung von Rupert Hennings „C(r)ash“ ist dem stadtTheater nämlich wieder einmal ein Coup gelungen. Der Krimi, der sich von Komödienleichtigkeit zum Psychothriller entwickelt, ist ein well-made play in bester anglistischer Tradition, „Sleuth“ („Mord mit kleinen Fehlern“) von Anthony Shaffer, in dessen Inszenierung am stadtTheater Henning als Darsteller mitwirkte, nicht unverwandt; klaustrophobisch-kammerspielartig wie ein Hitchcock (Lieber Rupert Henning, Sprachästhet, Sprachpfleger als Überzeugungstäter, verzeihen Sie die Querverweise – sie dienen nur der Veranschaulichung des Eindrucks); ein Schaukelstuhl kommt immerhin auch vor. Und schon denkt man an Norman Bates: „Mutter?“

Tatsächlich hat Henning die Handlung von „C(r)ash“ in die USA verlegt. Die Finanzkrise, der Abstieg des „Mittelstands“, die Liegenschaftsversteigerungen von „unterteuerten“ Objekten sind das Freud’sche Über-Ich , in dem ES (pardon: das war jetzt auch ein bissl Stephen King) sich entfalten kann. Henning spielt – no na – mit Cash = Kasse, Barschaft und Crash = Zusammenbruch, Absturz: Ein junges Yupppie-Paar hat sich zwecks Familiengründung in the middle of nowhere ein wunderbares, altes Herrenhaus gekauft. Günstig. Ein Schnäppchen. Als die beiden gerade dabei sind, den künftigen Erben des Anwesens zu zeugen, klingt’s an der Tür: Field Deputy Sergeant Leroy Brooks ist gekommen, um in dem seiner Meinung nach leerstehenden Gebäude, in dem er Licht bemerkte, nach dem Rechten zu sehen – und er geht und geht und geht nicht mehr. Er kennt sich aus im Haus. Die neuen eigenen vier Wände, die den New Yorker „Zuwanderern“ laut Kaufvertrag zwar gehören, findet er, stehen ihnen nicht zu. Also zückt er die Waffe und verwandelt das Eigenheim in ein Gefängnis. Geiselnahme … Auflösung beim Anschauen.

Claudia Kottal und Stefano Bernardin als Trish und Artie Rizzo spielen die Neuankömmlinge in der Gemeinde, über die Cornelius Obonya als Leroy Brooks mit wachen Augen wacht. Regie führte Obonyas Ehefrau Carolin Pienkos. Und die verwandelt die Steilvorlage des Stoffs in  einen Treffer. Mitten ins Huch! Das Trio agiert großartig. Das Ganze: eine Entgleisung. Obonya ist als Gendarm der Im-Keller-Lachen-Typ. Seine Nachbarschaftshilfe, sein (geschwindeltes) Beratungsgespräch gegen Gefahren aller Art ist der Urquell aller Panikattacken. Latent rassistisch – für New Yorker alles nur Klischees -, spooky, aber auch pragmatisch-praktisch (bei der Tilgung von Ameisen auf der Toilette, die und deren Herkunft er naturgemäß kennt). Er lädt zum Rollen-Spiel. Changiert zwischen lautem und subtilem Terror. Ein rechtschaffener Geisteskranker. Obonya gelingt vor allem im zweiten Teil – Aggressions- und Alkoholpegel steigen parallel – die große Kunst: Er macht einen wütend auf seine Figur. Diesen Versager, der in Selbstmitleid badet, der anderen die Haftung an seiner Misere abtritt. Der sein Minderwertigkeitsgefühl mit der „Wiedererrichtung der Schuldtürme“ rechtfertigt. Ein Jedermann, weil schließlich jeder jemanden kennt, dem er gern die Kugel gäbe. Das Tragen einer Waffe verführt allerdings erst zu deren Gebrauch. Hennings Text besticht nicht durch Doppel-, sondern mit Mehrdeutigkeit. Wahrnehmung und Affektivität seiner Charaktere sind gestört, Depression und Antriebsmangel bestimmen dem einen beziehungsweise dem anderen das Sein.

Brooks‘ Gegenüber ist Stefano Bernardins „Artie“. Ein schlitzohriger Softwareentwickler „für den möglichst geringsten geistigen Anspruch“, der mit einer Idioten-App und anwaltschaftlicher Ausschaltung des Geschäftspartners so richtig Geld gemacht hat. Seither privatisiert er. Kultiviert seine Leichtlebigkeit, die spaßige Oberflächlichkeit, seine arrogante Aufgeblasenheit. Das Landei auf die Schippe zu nehmen, ist für ihn zunächst ein Sport. Schließlich wollte nicht er, sondern seine Frau, nach Freaktown übersiedeln. Dass sein spezieller Humor beim Aufprall auf den Cop zum absurden Hahnenkampf werden wird – wer konnt’s ahnen beim Dickauftragen? Immerhin kann er Brooks, bevor er in die Weinerlichkeit entschwindet, noch seine Lebensphilosphie an den Kopf werfen: „Ich hatte immerhin eine Idee.“ Wunderbar spielt das Bernardin, dabei weder Körperlichkeiten noch eine Patenparodie scheuend. Bleibt als Dreh- und Angelpunkt „Trish“ Claudia Kottal. Sie war es, die Landfrieden, Landliebe suchte, nachdem ihr Artie mit einer anderen Art Gras die Karriere als Kinderärtzin versaute. Sie ist es, die durch einen Verzweiflungs-/Tobsuchtsanfall das Ruder herumreißt. Die an einem Abend gleich zwei Männer zu  therapieren hat. Kottal spielt mit Leib und Seele – eine Glanzleistung.

Die Moral von der Geschicht‘? Ist ein Triptychon. Das darstellt, dass Geld längst etwas Irreales für sehr reale Monopoly-Spieler geworden ist. Dass Besitz eine Chimäre ist, deren Schwester Hydra-Bank sie jederzeit zu sich rufen kann. Und dass die Haushalte gegen nachwachsende Wucherköpfe machtlos bleiben werden, wenn die Regierungen es nicht einmal schaffen, ihren eigenen in Ordnung zu bringen.

www.stadttheater.org

Wien, 17. 10. 2013