Aggregat Valudskis: Verwandlungen oder Ungern als Mensch

April 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch, der Sau wird, hat kein Schwein gehabt

Das Aggregat Valudskis performt Texte von Darrieussecq, Kafka und Dahl: Martina Spitzer, Martin Bermoser und Julia Schranz. Bild: Deniz Arslan

Und als das Weib schlussendlich vor Vergnügen grunzt, hundeheult der Mann mit ihr um die Wette, und gemeinsam wiehert und kikerikit und schluckauft man sich dem Happy End entgegen. Happy wife, happy life, sozusagen, das tut gut, nach all den Entgleisungen und Sadismen und im Wortsinn Kopf-, nein: vielmehr Körperlosigkeiten, die in den vergangenen 75 Minuten zu sehen waren …

Das Aggregat Valudskis hat seinen Regisseur Arturas Valudskis zu einer weiteren Produktion nach Wien gebeten. Der Hörsaal der Akademie der bildenden Künste dient diesmal als Spielort, ein herrlich desolater Raum mit enger Holztribüne, zu erreichen über treppab, treppab Gänge bis in den universitären Orkus. Gruselig ist es da unten, genau die richtige, unangenehm intime Atmosphäre, die das Aggregat braucht, um Komplizenschaft mit seinem Publikum herzustellen.

Kommt Valudskis, wird Theater zu Ereignis. So auch diesmal. Der Bühnenmagier ist nicht nur einer der stilistisch maßgeblichen Regisseure in Österreich, sondern auch ein bemerkenswerter Mensch. 1963 in Litauen geboren, verweigerte er als 18-Jähriger den Dienst im Afghanistankrieg und wurde in der Folge in eine Nervenklinik eingewiesen. Er machte Untergrundtheater und Theater im Gefängnis, fand später bei einem Kapuzinermönch Schutz vor dem KGB, und kam 1994 mit einem Stipendium nach Salzburg, wo er sein „Theater Panoptikum“ eröffnete. Die Schauspieler Markus Kofler, Martin Bermoser und Julia Schranz gründeten später in Wien das nach ihm benannte Aggregat. Statt Kofler ist bei der aktuellen Produktion Martina Spitzer die Dritte im Bunde.

„Verwandungen oder Ungern als Mensch“ heißt der Abend, für den sich das Team von Texten inspirieren ließ, in denen die Tierwerdung des Menschen verhandelt wird. Im Roman „Schweinerei“ von Marie Darrieussecq wird die namenlose Mitarbeiterin eines Massageinstituts und eigentlich Prostituierte nach und nach zu einer Sau. Gregor Samsa hat sich in Franz Kafkas „Verwandlung“ bekanntlich „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“.  Und in Roald Dahls Erzählung „William und Mary“ lebt der Philosoph und Ehemann William nach seinem physischen Krebstod als leibloses Bewusstsein weiter, weil der Arzt sein Gehirn samt einem Auge an ein künstliches Herz angeschlossen hat. Ein Triumph für seine Frau Mary, die sich sehr skurril für die erlittenen Lieblosig- und Grausamkeiten am nun Wehrlosen rächt …

Valudskis verknüpft assoziativ Fragmente aus den Texten zu seiner Analyse gesellschaftlicher Dysfunktionalität. Lakonisch lässt er die Schauspieler seine Sätze über Systeme in den Saal sprechen. Wie immer treiben ihn Fragen nach der existenziellen Beschädigung des einzelnen und seiner Bedrängnis im und durchs Kollektiv um. Es geht dem „Katholiken aus Versehen“ (© Valudskis) nie um weniger als Gott und die Welt, immer auch um Schuld, um Politik und ihre totalitären Auswüchse sowieso, um Lähmung, die aus Druck entsteht – und diesmal auch um ein Quäntchen Quantenphysik. Julia Schranz macht sich in einem großartigen Monolog an die Erforschung des Wesens der Dinge, heißt in diesem Fall: der Teilchen.

Übers Unsagbare wird gesummt. Bild: Deniz Arslan

Drei Weißclowns bei der Arbeit. Bild: Daniel Wolf

Wobei, gesagt wird beim Aggregat wenig mit Worten. Valudskis absurdes, surrealistisch „schwarzes Theater“ bedient sich der Sprache nur, wenn es sein muss. Diesmal mitunter sogar im Dialekt. In Endlosschleife wird übers ohnedies Unaussprechliche, übers Unsägliche gebrabbelt und gemurmelt und gesummt, auch Schreibversuche an der Hörsaaltafel scheitern ein ums andere Mal. Das Ringen um Ausdruck spielt sich aber vor allem in Mimik und Gestik ab, jede Zuckung wohldosiert, minimalistisch.

Es bedarf so hervorragend pantomimischer Körperkünstler, dreier Virtuosen wie Schranz, Spitzer und Bermoser, um das über die Rampe zu bringen: Valudskis feinen, subtilen Sinn für Humor, seinen Nonsens mit Hintersinn, mit dem er die alltäglichen Un/Menschlichkeiten entlarvt. Er ist ein Daniil Charms dieser Tage.

Und so werden in „Verwandlungen oder Ungern als Mensch“ Hände zu Insekten, und Finger strecken sich wie Fühler aus. Da wird Schranz von ihrer eigenen Physis überrollt.

Und Spitzer schaut so schreckerfüllt-erstaunt, so bösartig-bestürzt drein, wie wohl nur sie es kann. Da formt Bermoser für die Frauen eine Zeitungsblüte, die durchs freudige Gießen freilich „verwelken“ muss. Aggregat Valudskis, das ist – Clowneske mit melancholischer Baseline, das sind drei Weißclowns bei der Arbeit. Wer auftritt, wird von den Bühnenpartnern per Hand rauf-, wer abtritt runtergekurbelt, ex und hopp – denn gestorben wird mit natürlicher Regelmäßigkeit –  verschwindet man hinterm Katheder. Das Ganze ist, um animalisch zu bleiben, ziemlich ausgefuchst. Die Darsteller werfen sich mit Verve in unerqui(e)ckliche Verhörsituationen und andere Verlegenheiten; Menschenelend und Tierleid ist überall, wo Gott los ist … und trotzdem oder gerade deshalb ist die Aufführung zum Lachen. Eine Brille, ein Tischtuch, zwei Stühle und drei Wassergläser sind alles, was an Requisiten benötigt wird, um ganze literarische Universen entstehen zu lassen.

Denn man erkennt sie nach und nach: Bermoser als Gregor Samsa auf dem Rücken strampelnd, Spitzer als Mary, die ihrem Kopfmann frech den Zigarettenrauch ins übriggebliebene Auge bläst, Schranz als Sau mit Schlachtungsängsten. Ihr scheeler Blick sagt alles. Valudskis sagt mit seinem Gedankenexperiment über Instinkte dem wiedergängerischen Ungeist des Ewiggestrigen den Kampf an. Auf dem Programmzettel zitiert er einen weiteren experimentellen Humoristen der Verzweiflung, den bulgarischen Autor Georgi Gospodinov. Das letzte Wort hat dann Martina Spitzer mit Ernst Jandl – doch verdreht sie’s zum Vorteil fürs Steinobst:

ich bekreuzige mich
vor jeder kirche
ich bezwetschkige mich
vor jedem obstgarten

wie ich letzteres
tue weiss jeder katholik
wie ich ersteres tue
ich allein …

Zu sehen bis 23. April, Karten: valudskis@gmail.com

Arturas Valudskis im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17254

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis

Wien, 11. 4. 2017

Stadttheater Klagenfurt: „Familiengeschäfte“

April 19, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Henry Mason inszeniert Alan Ayckbourn

Familiengeschäfte. Bild: Arnold Pöschl

Das Ensemble der „Familiengeschäfte“. Bild: Arnold Pöschl

Am Stadttheater Klagenfurt hat am 28. April Alan Ayckbourns Komödie „Familiengeschäfte“ Premiere. Regie führt Henry Mason, der bei den Salzburger Festspielen zuletzt die „Komödie der Irrungen“ zeigte und am Stadttheater bereits „Die Dreigroschenoper“ inszenierte. Raphaela Möst, die umjubelte „Nora“ der Klagenfurter Inszenierung, kehrt in der Rolle der Tina Ruston zurück.

Mit ihr steht mit Claudia Kainberger, Heike Kretschmer, Doris Prilop, Isabel Schosnig, Stephanie Katharina Schreiter, Nikolaus Barton, Martin Bermoser, Christian Graf, Tim Grobe, Horst Heiss, Alexander Jagsch und Wolfgang Kraßnitzer ein hochkarätiges Ensemble auf der Bühne.

Jack ist einer, dem Moral und Werte noch etwas bedeuten. Als er die Möbelfirma seines Schwiegervaters übernimmt, ist er davon überzeugt, dass mit harter Arbeit, Leistung, Fairness und Vertrauen das Familienunternehmen wieder florieren wird. Doch schon bald folgt die Desillusionierung: Sämtliche Familienmitglieder sind in dubiose, aber profitable Nebengeschäfte verwickelt. Um den guten Namen des Unternehmens zu schützen, muss Jack nun die kriminellen Machenschaften der Familie nicht nur decken, sondern sie auch noch unterstützen.

Ayckbourn, dem Meister der britischen Satire dient die Familie als Modell einer Gesellschaft, die den Widerspruch zwischen Leistungsideologie und schamloser Selbstbereicherung nur noch zynisch und achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Pointiert und mit galligem Humor führt er vor, wie die Familie den Charakter verderben kann und beweist einmal mehr, dass der familiäre Zusammenhalt mitunter nur so lange besteht, wie dabei Geld zu machen ist.

www.stadttheater-klagenfurt.at

Wien, 19. 4. 2016

Aggregat Valudskis: Schmetterling im Eis

Februar 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Bildermagier verzaubert mit Márquez

Martin Bermoser, Julia Schranz und Markus Kofler Bild: Daniel Wolf

Martin Bermoser, Markus Kofler und Julia Schranz
Bild: Daniel Wolf

Der Eiszapfenluster an der Decke schmilzt in eine silberne Tasse. Das Tropf-Tropf der zerrinnenden Zeit ist nervenzermürbend wie chinesische Wasserfolter. Im Wortegewirr zeigen sich drei Wesen am Fenster, zwei Männer, eine Frau, sie drehen sich wie die Figuren einer Turmuhr. Bei Kerzenlicht geht eine Axt von Hand zu Hand, und Arturas Valudskis sitzt am Klavier und singt. Seine Kehle ist so rauh wie seine Verse. Die Geister der Gegangenen und der Kommenden haben den Gebliebenen aber die Stimme genommen, den Gestalten jenseits der Scheibe bleibt nur ein Stammeln.

Das Aggregat Valudskis, Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, zeigt in der Anti-Galerie Durchhaus einen Versuch über Gabriel García Márquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“. Der Literaturnobelpreisträger führt in seinem Opus Magnum durch das Dorf Macondo. Von dessen Genesis bis zur Apokalypse. Von der politischen Utopie der Gründer, von der Vereinnahmung durch diverse staatsgewaltige Systeme, von Bürgerkrieg und Massakern schließlich zu Verfall und völliger Zerstörung. Valudskis packt sechs Generationen in 80 Minuten. Er fügt Texte seines Freundes, des litauischen Autors Juozas Erlickas, hinzu. Und macht sein Thema mit Valentin Rasputins „Abschied von Matjora“ universell. Rasputin schreibt in seinem 1976 erschienenen Roman, wie Menschen wegen der Errichtung des Irkutsker Stausees aus ihren Häusern vertrieben wurden. Weil die Bewohner von Matjora tatsächlich das Gemeineigentum lebten, waren sie dem Sowjetkommunismus ein Dorn im Auge. Sie bezahlten ihr Bekenntnis zum Kollektiv mit der Vernichtung ihrer Insel und mit Zwangsumsiedelung.

Valudskis hat das Vertrauen an das Funktionieren von Systemen, weltlichen wie religiösen, verloren. Wo der Mensch hingreift, muss er scheitern, sagt er, wie gut er es auch immer meinen mag. Um das zu erklären, schlägt er eine 15.000 Kilometer lange Brücke von Kolumbien nach Sibirien. Und lässt einen Priester – Valudskis wäre nicht Valudskis, würde er sich nicht am Glauben abarbeiten – wieder und wieder den Gottesbeweis antreten. Doch siehe, Christi Zeichen, der Fisch, ist nur noch eines für die beginnende Überschwemmung. Valudskis erzählt von Entwurzelung, von Vertreibung, von Versprechungen und deren Brechen, von der Sehnsucht des Menschen einen Platz zu finden, wo er irgend hingehört und bleiben darf. Das so zeitlos wie dieser Tage Zeitgeschehen. Der Theatermagier verzaubert mit betörenden Bildern, er lässt den Gedanken Spielraum – und er besticht wie stets mit seinen feinen Taschenspielertricks.

Unter Schmerzen wird ein Tischtuch geboren. Ein Löffel geht auf Wanderschaft. Für eine Kutschfahrt reichen ein Tisch und darauf ein Stuhl. Und fällt bei einer Enthauptung der Kopf, wird einfach das Sakko über diesem zusammengezogen. Das Aggregat Valudskis macht armes Theater, macht schwarzes Theater mit gleichfarbigem Humor, macht ein surreales Theater, dass mehr auf Körperarbeit denn auf Sprache setzt. Beinah eine halbe Stunde vergeht, bis die erste Diskussion beginnt, eine Art Nonsensegedicht, das um die Begriffe Hinsetzen – Niederlassen kreist. Die intensiven Gesichter von Schranz, Bermoser und Kofler sagen mit ihrer Mimik mehr, als es ein ellenlanger Monolog könnte. Ihr Über-den-Lebenskampf hat nur ein paar Dutzend Sätze. Und die sind so stockend vorgebracht, wie sich diese Figuren in Zeitlupengesten vorsichtig durch ihre Umgebung schieben. Es sind ungesunde Gestalten, wie von Godot in diese Welt gekotzt. Mit der Sprache, so scheint es, haben sie ihre Identität verloren. Sie sind Prinzipe, eine Sie und ein Er und die immerwährende Versuchung; das Paradies aber, es ist, wenn je existent gewesen, schon lang verloren. Das Aggregat Valudskis führt mit dieser Aufführung in das 101. Jahr von Dada.

Martin Bermoser gibt vor allem die Patriarchen, den Bürgermeister und den Oberst der Buendías, unbeugsam, wie in Stasis, wehren sie sich gegen die Vereinnahmung durch jegliche Institution. Markus Kofler kommt als in diesem Kontext „quirrliger“ Regierungsbeamter, Parteifunktionär oder Priester. Bestechend die Szene, in der die beiden Männer als Konservativer und Liberaler ihr Programm in eine potentielle Wählermasse schreien. Unverständlich, weil simultan, weil ohnedies klar, dass die beinah selben Sätze nichts aussagen. Schön auch die Szene, in der sich das Volk, Julia Schranz, an die Kirche-Kofler wendet und die über dessen gebeichteten Sorgen einschläft. Schranz wechselt durch das Binden des Kopftuchs im Nacken oder unterm Kinn von der Lateinamerikanerin zur Russin, formt die Kälte der in der Einsamkeit festgefrorenen Frau zur Härte gegen Störenfriede um. Sie ist auch ein skurriles Großmütterchen, vielleicht der im enigmatischen Titel erwähnte Schmetterling – und wenn sie fast am Ende die Zaghrouta singt oder wie ein Hahn kräht, denkt man, wie viele weitere dieser erste Menschenverrat nach sich gezogen hat …

Der vierte Darsteller ist das Durchhaus. Die Anti-Galerie, diese Abrisshöhle – keiner im Raum weiß, was hier einmal war, angeblich ein Postamt -, ist ein bestechender Aufführungsort. Offenbar zusammengesetzt in zwei Häusern, ist ein mit Glas überdachter Innenhof durch eine real existierende Fensterfront vom anderen Bereich getrennt. Ein „Bühnenbild“ wie dieses wird sonst für viel Geld erfunden. Les Tardes Goldscheyder, einer der Gründer des Künstlerkollektivs, ehemaliges Karlsplatz-Kind und bildnerischer Autodidakt, ist bei der Valudskis-Premiere anwesend. Seine im Raum verteilten Werke weisen aus, dass hier, wenn nicht Theater, seine wesentliche Kunst zur Form findet. Goldscheyders Gemälde, Zeichnungen, Objekte, Fundstücke der Werkwerfcommunity, sind so roh und poetisch, so extrem und konsequent, wie Valudskis Arbeit. Die Künstlersymbiose, auch sie ist gelungen. Das Eis hat seinen Aggregatzustand zu Wasser gewechselt, die Figuren verschwinden erneut hinterm Fenster, „Schmetterlinge fliegen zum Licht, warum können das Menschen nicht?“ singsangt die Schranz. Das Aggregat Valudskis hat das Publikum einmal mehr mit einer außergewöhnlichen Darbietung beglückt.

Arturas Valudskis im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17254

INFO: Spielort: Anti-Galerie Durchhaus, 1010 Wien, Werdertorgasse 17. Spieltage: 17., 18., 19., 20., 24., 25., 26., 27. Februar, 20 Uhr. Karten: valudskis@gmail.com , Tel.: 0677 617 68 186.

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis-1646800055587123

Wien, 14. 2. 2016

Arturas Valudskis im Gespräch: „Schmetterling im Eis“

Februar 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Versuch zu Márquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“

Arturas Valudskis Bild: Toihaus Salzburg

Arturas Valudskis
Bild: ToiHaus Salzburg

Arturas Valudskis ist nicht nur einer der stilistisch maßgeblichen Regisseure in Österreich, sondern auch ein bemerkenswerter Mensch. 1963 in Litauen geboren, verweigerte er als 18-Jähriger den Dienst im Afghanistankrieg und wurde in der Folge in eine Nervenklinik eingewiesen. Er machte Untergrundtheater und Theater im Gefängnis, und kam 1994 mit einem Stipendium nach Salzburg, wo er sein „Theater Panoptikum“ eröffnete. Die Schauspieler Markus Kofler, Martin Bermoser und Julia Schranz gründeten später in Wien das nach ihm benannte „Aggregat Valudskis“.

Mit ihm realisiert Valudskis nun (nach dem Daniil-Charms-Abend „Das ist eigentlich alles“ und „Varieté Volant“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6621) die dritte Produktion, „Schmetterling im Eis“, ein Versuch über Gabriel Garcia Márquez‘ Jahrhundertroman „Hundert Jahre Einsamkeit“. Eine mystische Reise in eine utopische Demokratie, in der die Logik bald zerfällt und eine Groteske beginnt. Premiere ist am 13. Februar im ungewöhnlichen Spielraum der Anti-Galerie Durchhaus, Wien 1, Werdertorgasse 17, Karten: valudskis@gmail.com. Ein Gespräch mit Arturas Valudskis:

MM: Sie haben sich also nicht mehr vorgenommen, als das A und O der Welt in Angriff zu nehmen?

Arturas Valudskis: Wie kann ich das erklären? Ich kenne das Buch seit 30 Jahren, habe aber auch meinen Schülern immer gepredigt: Bitte die Finger von Literatur lassen!, Theater braucht etwas anderes. Ich würde also nie die Bibel inszenieren, auch nicht „Die Brüder Karamasow“, aber Márquez‘ magischer Realismus fasziniert mich. Und so will ich „Hundert Jahre Einsamkeit“ in meine Theatersprache übersetzen. Jetzt hab‘ ich das Projekt „Schmetterling im Eis“ begonnen – und ich rate jedem, der Theater macht: Bitte die Finger von diesem Buch lassen! (Er lacht.)

MM: Nun haben Sie sich die Ihren aber schon verbrannt, wie kann es also werden?

Valudskis: Indem wir die Magie lassen, wie sie ist. Wir wollen das Unsichtbare sichtbar machen, aber ohne viel Mittel, einfach, ohne Video oder was es sonst an theatralen Hilfsmitteln gibt. So dass das Publikum sagen kann: Das ist ein Wunder. Wir schreiben ein neues Buch, ein Theaterbuch. Wir sind sehr frei von Márquez, nur sehr angetan, sehr inspiriert von ihm. Wir wollen uns mit Márquez unterhalten, wir Theatermenschen mit ihm, dem Literaten. Aber trotzdem erzählen wir eine eigene Geschichte. Wir hoffen dafür eine Art „Traumlogik“ zu finden.

MM: In „Hundert Jahre Einsamkeit“ steht die ganze Menschheitstragödie. Krieg, Katastrophen, Kolonialzeit … Was werden Sie destillieren?

Valudskis: Wir entfernen uns von seiner Geschichte Kolumbiens. Was wir aber sehr gut nützen, und was auf der Bühne sehr gut rüberkommt, ist seine Utopie von Demokratie, die Utopie der Gründung Macondos. Ich vergleiche das mit dem Kommunismustheoretiker Engels: Ich kenne kein politisches System in der Menschheitsgeschichte, das funktioniert hat. Nicht einmal das antike Griechenland, auch da ist unsere moderne Version eine geschönte Fassung. Der Mensch ist ein Viech, er stolpert blind und stolz durch diese Welt und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Wenn man statt um die bloße Existenz um Macht kämpft, ist man vom Weg abgekommen. Wie es der Idee des Kommunismus passiert ist. Das wollen wir zeigen: Der Mensch wird unschuldig geboren, doch die Gesellschaft lädt ihn mit Schuld auf.

MM: Wie halten Sie es diesmal mit der Religion, die auch eine starke Macht ist? Viele Ihrer Inszenierungen werden als Gottesbeweis geführt, das treibt Sie um.

Valudskis: Ja, stimmt. Ich bin in eine kommunistische Familie geboren. Mein Vater wusste nichts von der Kirche. Ich, als Hippie, suchte nach etwas anderem, und da gab es einen Kapuzinermönch, der zwanzig Jahre in Sibirien im Gefängnis saß und zurückgekehrt war. Mich hat damals schon der KGB verfolgt, und so bat ich um Schutz bei ihm. Seine Art zu beten, hat mich beeindruckt, und so hat er mich eines Tages getauft. Ich bin sozusagen Katholik aus Versehen. Ich brauche aber für meine Nähe zu Gott keine Kirche und keinen Papst. Als ich nach Österreich kam, hat mich der Prunk und der Pomp in den Kirchen hier eher erschreckt. Das ist mir so fremd. Mein Weg zu Gott ist einfacher. Und natürlich wird er auch in dieser Inszenierung eine Rolle spielen.

MM: Weitere Inspirationen für diese Arbeit kommen vom russischen Schriftsteller Valentin Rasputin und vom Litauer Juozas Erlickas. Wie ergänzen die beiden Márquez?

Valudskis: Rasputin hat 1976 einen Roman geschrieben, „Abschied von Matjora“, in dem er das Versinken seines Heimatdorfes in den Fluten des aufgestauten Flusses Angara schildert. Er war ein Unbequemer, er hat sich schon damals in der Umweltschutzbewegung für den Schutz seiner sibirischen Heimat stark gemacht und dafür auch einen Preis von den Vereinten Nationen bekommen. Jedenfalls, die Dorfbewohner lebten wie in einer Kommune. Frei, brüderlich, alle haben alles geteilt. Das war so kommunistisch, dass es den Kommunisten ein Dorn im Auge war. Also haben sie beschlossen, dass das Irkutsker Wasserwerk einen Stausee braucht. Die Dorfbewohner wurden vertrieben, sie mussten zur Strafe für ihr Leben wie im Paradies ihre Häuser auch noch selber anzünden. Das hat mich an Macondo erinnert. Ich wollte so die Verschmelzung von Márquez‘ Geschichte mit einer in einem weit entfernten Land herstellen. Und wieder fragen: Woran scheitert der Mensch? Kann er überhaupt gut sein? Ich habe da ein Lieblingsbeispiel: Der Mensch erfindet eine Axt zum Holzhacken fürs Feuer, damit seine Familie in der Nacht nicht frieren muss. Und dann wird mit dieser Axt einer umgebracht … Jeder Traum ist zum Scheitern verurteilt. Aber das Leben ist trotzdem lebenswert, man darf nur nicht aufhören zu versuchen.

MM: Ist das Ihre Lebensmaxime?

Valudskis: Ja. Ich bin auch Liedermacher und ich habe ein Programm über die europäischen Neonazis. Da kam eines Tages nach der Vorstellung eine junge Zuschauerin zu mir und sagte: Warum machst du das? Glaubst du wirklich du kannst etwas bewirken? Glaubst du, du rettest die Welt? Und ich sagte: Ja. Denn wenn ich gegen diese Menschen ansinge, rette ich mich. Und mit mir rette ich immerhin meine Welt. Und dann denke ich, die Welt ist doch schön.

MM: Und Juozas Erlickas? Ich habe versucht, etwas über ihn herauszufinden, aber nur die Worte poetas, publicistas, humoreskas einigermaßen deuten können.

Valudskis: Juozas ist ein Jugendfreund von mir. Auch ein ehemaliger Hippie. Er schrieb damals kleine Gedichte, Vierzeiler wie japanische Haikus über den Kommunismus. Die Sowjets haben ihm verboten, sich zu publizieren. Also sind wir nächtens durch die Kaffeehäuser gelaufen und haben kleine Zettelchen mit seinen Gedichten auf die Tische geworfen. Rein, raus, nur nicht verhaftet werden. Juozas wurde schnell ein „Volksheld“. Und das ist er heute noch. Nur schreibt er mittlerweile dicke Romane. Er sorgt in unserer Aufführung für den richtigen Humor.

MM: Es spielt das Aggregat Valudskis, gegründet von den Schauspielern Julia Schranz, Markus Kofler und Martin Bermoser. Wie werden die drei sechs Generationen darstellen?

Valudskis: Gar nicht. Sie werden wie Archetypen sein. Das Weibliche, das Männliche und die Verführung oder die Irritation, wenn Sie wollen. Sie werden sich durch Kleinigkeiten von einer Figur in eine andere verwandeln. Das Ganze wird sehr minimalistisch. Ein Hut wird weggeworfen, ein Sakko angezogen, das genügt für die Verwandlung. Bei mir kann sich niemand in Kulissen verstecken. (Er lacht.)

MM: Sind Sie ein strenger Regisseur?

Valudskis: Früher ja. Da ging das Gerücht, bei mir wird in den Proben geweint. Was nie gestimmt hat! Aber ich verlange von mir viel – und daher auch von den anderen. Mittlerweile bin ich milder, ich mache jetzt sogar schon Pausen, ich bin gelassener und weniger stressig, deswegen herrscht aber nicht weniger Konzentration und Disziplin.

MM: Gilt das auch für das Publikum?

Valudskis: Ja … nein. Theater darf keine Botschaften bringen, es muss spiegeln. Wir belehren nicht, wir zeigen. Es gibt aber immer wieder Zuschauer, die sagen: Das ist doch nichts fürs Publikum, warum machst du nicht was Normales? Also erziehe ich offenbar unterschwellig. Aber nur unterschwellig. Ich habe auch Theater im Gefängnis gemacht, das war nachdem ich wegen des Afghanistankriegs desertiert war, und im Irrenhaus gelandet bin. Im Irrenhaus dachte ich, dass ich mich vor lauter Elektroschocks und Medikamenten selber verliere, also bin ich abgehauen. Und dann gab’s 1985 diesen Job im Gefängnis in Kaunas. Ich dachte, die nehmen mich nie, haben sie aber. Das war die wichtigste Arbeit in meinem Leben. Die Gefangenen durften nicht lesen, keine Briefe schicken, niemanden treffen. Wir haben dann begonnen – mit meinem eigenen Geld – einen „Theatersaal“ herzurichten. Der Direktor sagte: Herr Valudskis, das ist kein Kurort, die Leute müssen immer die Strafe spüren. Ich habe einen super Musiker, einen tollen Poeten kennengelernt, alles Mörder, und so haben wir dann Aufführungen gemacht. Das Publikum kam, musste eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen wie Verbrecher, und dann stand vor jeder Bankreihe ein Wächter mit Kalaschnikow. Da kommt natürlich Stimmung auf! Naja. Das waren Erziehungsmaßnahmen.

MM: Wie sind Sie nach Österreich gekommen?

Valudskis: Ich bin zum Theater generell gekommen, weil ich es als Ersatz für die fehlende Kirche genutzt habe. Ich war schon etwas älter, verheiratet und hatte schon zwei Kinder, als ich Schüler von Jonas Vaitkus, damals künstlerischer Leiter und bedeutendster Regisseur am Akademietheater Vilnius, wurde. Ich hatte schon Untergrundtheater gemacht, in einem Museumskeller frei erfundene Stücke gezeigt, und über uns die kommunistische Kunst, das war sehr lustig, und er hat wohl etwas gesehen, das ihm gefallen hat. Jonas wurde vom KGB immer zensuriert, aber er hat es geschafft, so zu spielen, dass diese blöden Menschen seine Unter- und Zwischentöne gar nicht gemerkt haben. Das hat mir imponiert. Dann habe ich an der Kunstakademie in Vilnius Regie und Schauspiel studiert. Ich inszenierte in einem Wettbewerb „Orchester“ von Anouilh und bekam dafür als Preis ein Förderstipendium der Stadt Salzburg.

MM: Und fassten den Entschluss zu bleiben.

Valudskis: Obwohl ich zuerst dachte, Salzburg ist nicht meine Stadt, das ist mir zu eng, zu sauber. Aber mich hat in Litauen nichts mehr gehalten. Mein Sohn ist mit zweieinhalb Jahren an Knochenmarkkrebs gestorben, eine Spätfolge von Tschernobyl, und drüber haben sich meine Frau und ich getrennt. Meine Tochter ist mit mir nach Salzburg gegangen, mittlerweile habe ich noch eine zweite Tochter von meiner zweiten (Ex-)Frau, und auch schon zwei Enkelkinder. 1994 habe ich dann mein „Theater Panoptikum“ gegründet. Ich gehe selten zurück, höchstens für Gastspiele. Ich habe immer das Gefühl, es gibt in Vilnius zu viel Neid und – wie sagt man? Ellenbogen? – Konkurrenzkampf unter den Kollegen, ich passe dort irgendwie nicht mehr hin. Es ist echt hart. Ich habe in der Sowjetzeit unter den Hippies viele Russen kennengelernt, die das Militär auch gehasst haben, die sich für unsere Kultur und Sprache interessiert haben. Sie sind Freunde. Bis heute Freunde. Das wollen viele in Litauen nicht verstehen. Deshalb werde ich mitunter angegriffen. Das brauche ich nicht. Menschen sollen aufeinander zu, nicht voneinander weggehen. Ich werde am Ende dieser Produktion auch ein russisches Lied singen … er denkt nach … ja, unbedingt.

MM: „Schmetterling im Eis“ ist nun die dritte Produktion des Aggregat Valudskis. Welcher Regisseur hat schon Schauspieler, die ihm zu Ehren eine Truppe gründen und nach ihm benennen!

Valudskis: Stimmt. Ich bin auch sehr geehrt. Wenn ich denke, als ich nach Österreich kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Ich habe litauisch gesprochen, russisch geflucht, und die Schauspieler am Arm auf die Bühne gezogen, damit sie mich verstehen. Aber es hat funktioniert. Martin und Markus sind, auch wenn sie natürlich anderswo Schauspiel studiert haben, meine Schüler, was unseren Stil betrifft. Sie waren schon bei mir beim „Panoptikum“, haben dann aber mehr und mehr Engagements in Wien bekommen, und nach einem Mittel gesucht, mich auch hierher zu locken. So wurde ich eingeladen. Das Aggregat ist eine künstlerische Weiterentwicklung, Julia, Markus und Martin haben sich den Namen ausgedacht, und ich musste erst lachen. So bin ich nach Wien gekommen – und habe die U-Bahn kennengelernt.

MM: Wie würden Sie Ihren Theaterstil beschreiben?

Valudskis: Mit dem Wort Körperpräsenz. Sprache ist nur, wenn sie sein muss. Wir machen energetisches Theater, schwarzes Theater, Theater im leeren Raum. „Armes Theater“.

MM: Nach „Schmetterling im Eis“ machen Sie Anfang April im TAG „Das Spiel: Die Möwe“ nach Tschechow.

Valudskis: Ja. Ich habe mich schon öfter mit Tschechow beschäftigt, und „Die Möwe“ reizt mich ganz besonders. Ich bin schon gespannt, was uns dazu einfallen wird. Julia und Markus spielen wieder mit, außerdem Michaela Kaspar, Claudia Kottal und Raphael Nicholas. Den habe ich mir kürzlich in „Bluad, Roz und Wossa“ angeschaut, der ist ja toll. Ja, das TAG hat mich „entdeckt“, also der Gernot Plass. Er sagt, wir sind theaterverwandt. Für mich war das anfangs ganz neu, da hast du einen Regieassistenten und eine Dramaturgin. In Litauen gab es das nicht. Ich war immer gewohnt, alles selber zu machen, und dachte: Was wollen diese Leute hier? Ich kenne die ja alle nicht! Jetzt bin ich sehr froh, dass ich sie alle habe … Das TAG ist auch für mich eine Entdeckung.

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis-1646800055587123

Wien, 1. 2. 2016

Das TAG in der Saison 2015/16

September 8, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suchy macht Shakespeare, Plass wird Krähwinkler

Bluad, Roz und Wossa Bild: © Anna Stöcher

Bluad, Roz und Wossa
Bild: © Anna Stöcher

„Es passiert sehr viel Theater“, sagt Gernot Plass bei der Spielplanpräsentation der Saison 2015/16. Der künstlerische Leiter des TAG meint damit wohl nicht nur die Produktionen, die er gleich vorstellen wird, sondern, wie sein kaufmännisches Pendant Ferdinand Urbach später ausführt, die Diskussion über das andere TAG, das Theaterarbeitsgesetz, in die man mit dem Bund getreten ist. Eine Folge des Bekenntnisses der beiden zum Ensembletheater, ihrer Absage ans Hire-and-Fire-Prinzip – „die Arbeitsbedingungen sind so wichtig wie die Außenwirkung“. Eine Loyalität, die sich punkto Qualität und damit einer Auslastung von 84 Prozent und damit einer Eigendeckung von 19 Prozent in der vergangenen Spielzeit bezahlt gemacht habe.

Und auch wenn Kanzleramtsminister Josef Ostermayer zwischen Flüchtlingsgipfel und „Mittagsjournal“ diesbezüglich nur Zeit für ein Sieben-Minuten-Gespräch gehabt habe: Der Bund ist nach Jahren wieder aufs TAG aufmerksam geworden, hat die Taschen für eine Projektförderung in der Höhe von 25.000 Euro für insgesamt zwei Produktionen geöffnet. Die, zusammen mit den 770.000 Euro von der Stadt Wien und dem mit 30.000 Euro dotierten Nestroypreis für die beste Off-Produktion 2014, ermöglichten nun „statt der üblichen viereinhalb“ eine fünfte Premiere. Und – neben den fünf Hauskräften Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit – den Einsatz von zusätzlichen Gästen.

Getreu dem TAG-Leitfaden für Klassikerüberarbeitungen und -neuschreibungen, heißt: den Kanon zu interpretieren und zu behandeln, ist die erste Uraufführung der neuen Saison am 3. Oktober Christian Suchys „Bluad, Roz und Wossa“, sehr frei nach Shakespeares „Romeo und Julia“. Eine wie immer dialektale, urige Textfassung des „Theaterviechs“ (© Plass), durch die sich die Deutschen Claßen und Nicholas gerade „gfretten“. Kein Familienzwist steht diesmal im Mittelpunkt, sondern, weil Suchy, „etwas Abgründigeres“ – Mißbrauch und Inzest. Am 20. November folgt Ed. Hauswirth mit „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“, einer Annäherung an Fassbinders sehr persönlichen Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ über die letzten fünf Lebenstage der Transsexuellen Erwin/Elvira Weishaupt. Hauswirth unterschiebt Fassbinder Dostojewski-Texte, und die Handlung einer Politikerin. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum Politiker geliebt werden wollen, hat er „sogenannte gescheiterte Volksvertreter“ interviewt. Das Ergebnis bringt unter anderem Vorjahrs-Faust-Retter Julian Loidl auf die Bühne. Die Erfolgsproduktion von Gernot Plass wird ebenso wieder aufgenommen (am 22. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951), wie Hauswirths Nestroypreis-Gewinner „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ am 15. 10.

Am 5. März setzt Plass-Vorgängerin Margit Mezgolich mit Elias Canettis „Die Blendung“ die Tradition großer Romanbearbeitungen am Haus fort. Hauptfigur ist der „größte lebende Sinologe“ und Büchersammler Peter Kien, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Durch die Ehe mit seiner Haushälterin Therese Krumbholz wird der weltfremde Sonderling mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert und verfällt dem Irrsinn. Oder, wie Plass es ausdrückt: „Der absurde Kampf eines Büchermenschen gegen den Staubwedel endet in einer Feuersbrunst“; Petra Strasser passe „wie hinpickt“ auf die Krumbholz-Rolle. Und auch die Bücher werden als Stimmen auftreten. Als Arturas Valudskis 2013 am TAG mit „Varieté Volant“ in lichten Höhen abhob (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6621), meinte er zu Gernot Plass, er hätte da „so ein Tschechow-Projekt“, inspiriert von der Theater-im-Theater-Situation, das Thema eine ländliche Langeweile, in der die Protagonisten sich nur noch mit der Produktion von Theater beschäftigten. Nun kommt sein Tschechow-Kommentar „Das Spiel: Die Möwe“ am 2. April zur Uraufführung. Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, darstellerische Dreifaltigkeit des „Aggregat Valudskis“, stehen auch diesmal auf der Bühne, dazu als weiterer Gast Claudia Kottal. Zu erwarten ist ein traurig-komödiantischer Theaterzauberabend.

Gernot Plass selbst inszeniert für den 3. Mai „Empört euch, ihr Krähwinkler!“ nach Johann Nestroy mit Studentinnen und Studenten des Schauspielstudiengangs des Konservatoriums Wien Privatuniversität, seiner alten Schule. „Mach‘ ma mal Komödie“ war der Wunsch an den Trägodienmacher – und jetzt sitzt er da mit einem Dramatiker, den er gar nicht so gern mag, weil ihm die Handlungen zu abgeschrieben und zu hanebüchen sind. Na, er wird den Nestroy schon noch schätzen lernen 😉 . Plass wird „die heutige politische Situation in die Posse einarbeiten“, sein Eberhard Ultra wird aus dem neukommunistischen Bundesstaat Europa zu den kapitalistischen Krähwinklern kommen. Das Stück zur Dauerkrise.

Seine Platzhirschposition in Sachen Improvisationstheater will das TAG ebenfalls ausbauen: Neben „Sport vor Ort“ (am 20. 9. zu Gunsten des neunerhaus) und Impro Workshops (Anmeldung: www.dasTAG.at/Workshops) wird die Schiene „Meet the Masters“ mit internationalen Größen wie Inbal Lori und Lee White, bekannt als Hälfte des Duo „Crumbs“, neu installiert. Auch das Wiener Impro Festival wird im April 2016 im TAG veranstaltet. Einen Termin sollte man sich jetzt schon freihalten: Am 13. Jänner 2016 steigt in der Gumpendorfer Straße die 10-Jahre-TAG-Party.

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Wien, 8. 9. 2015