Fran Lebowitz: New York und der Rest der Welt

August 21, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die laserscharfe Satirikerin erstmals auf Deutsch

Fran Lebowitz ist Kult. Von Andy Warhol weiland entdeckt und zu Amerikas liebster Lästerzunge seit Truman Capote avanciert, wird die Trockenhumoristin seit ihrer Zusammenarbeit mit Martin Scorsese für Netflix im vergangenen Jahr nun auch in Europa gefeiert. Dem Rowohlt Verlag kam es zu, Lebowitz‘ Bestseller „Metropolitan Life“ und „Social Studies“ im Erzählband „New York und der Rest der Welt“ für ein deutschsprachiges Publikum erstmals zusammenzufassen.

Es gibt nichts, worüber die Lebowitz nicht schreibt: Großstadtleben und Manieren, Wissenschaft, Kunst und Fahrstuhlmusik, Leute, Dinge, Orte, Ideen, Körperkult und Kindererziehung, Eitelkeit und beruflichen Ehrgeiz. Und immer tut sie dies cool und komisch, doppeldeutig und hintergründig.

Ihr aphoristischer Wortwitz, ihre laserscharfe Satire ist von sprachlich zeitloser Eleganz. „Salat ist keine Mahlzeit, sondern ein Lebensstil“, ist eine ihrer gern zitierten Weltweisheiten. Und so wie sie in ihren New Yorker Sittenbildern mal als Miniatur, mal als Schlachtengemälde die Marotten ihrer Mitmenschen nachzeichnet, so macht sie sich selbstironisch über die eigenen Spleens her.

Derart beginnt das Buch mit dem Kapitel „Mein Tag: Eine Art Einführung“: „12:35 – Das Telefon klingelt. Ich bin nicht erfreut. Nicht meine Art, aufzuwachen. Es ruft ein Agent aus Los Angeles an. Er ist hörbar braungebrannt. Er interessiert sich für meine Arbeit und meint, wir sollten reden und zwar auf meine Kosten. Ich entgegne, dass ich mir den Trip nach Los Angeles nur als Postkarte leisten könnte.“ Es folgt ein sinnloser Versuch, wieder einzuschlafen, ein verunglücktes Frühstück knapp nach 16 Uhr, ein romantisches Zwischenspiel: „18:55 – Das Objekt meiner Zuneigung erscheint mit einer Topfpflanze in der Hand.“

„21:30 – Ich gehe mit einer Gruppe von Leuten essen, zu denen zwei Models, ein Modefotograf, die Pressefrau des Modefotografen und ein Artdirector gehören. Ich rede fast nur mit dem Artdirector, vermutlich, weil er über den größten Wortschatz verfügt“, um 2 Uhr früh erste Vorbereitungen, endlich zu arbeiten: „Ich nehme mir einen Stift und starre auf das Blatt Papier. Ich kritzle auf dem Rand herum. Sehnsüchtig geht der Blick zum Sofa, das sich doch mühelos ohne Weiteres in ein Bett verwandeln lässt. Ich zünde mir eine Zigarette an. Ich starre auf das Blatt. 4:50 – Das Sofa gewinnt. Wieder ein Sieg für die Möbel.“

Bild: pixabay.com

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Die längsten der Geschichten sind nur wenige Seiten kurz. Sie zünden und verglühen wie ein Feuerwerk, wohl weil sich Übersetzerin und Übersetzer Sabine Hedinger und Willi Winkler mit viel Verve an die Lebowitz’schen Kracher und Raketen herangewagt haben. Großartig ist der Bonmot-Pyrotechnikerin Berufsberatung, fulminant fies und wie erdacht für die derzeitige Weltlage (aber vielleicht ist die ja zu allen Zeiten die gleiche?) ihr diesbezüglicher Fragebogen für Diktatoren – hier in Kurzfassung:

„1. Nichts macht mir mehr Angst als  … a) neue Leute kennenzulernen b) Schlangen c) ein Staatsstreich. 2. Was tue ich am liebsten an einem gemütlichen Sonntagnachmittag? a) Kochen b) Mit Make-up experimentieren c) Menschen aus dem Land weisen. 3. Wenn ich auf eine große Ansammlung Fremder treffe, reagiere ich wie? a) Ich gehe auf jeden zu, der interessant aussieht b) Ich verkrieche mich in eine Ecke, um zu schmollen c) Ich veranlasse eine Säuberungsaktion. 4. Wenn jemand anderer Meinung ist als ich, reagiere ich wie? a) Ich diskutiere ruhig und vernünftig b) Ich bekomme schlechte Laune c) Ich lasse ihn hinrichten.“

Was Wunder, dass die Ausarbeitung von derart Schwerwiegendem in der Selbsterkenntnis enden muss: „Den inneren Frieden gibt es nicht. Es gibt nur Nervosität oder Tod. Der Versuch das Gegenteil zu beweisen, ist inakzeptabel.“ Mag sein, man muss aus der Metropole des Stadtneurotikers sein, um diesen Tief- und Weitblick zu erlangen. Die Seele ist kein weites Land, bei Lebowitz hangelt sie sich durch Hochhausschluchten. Ihre alles und jeden entlarvende Beobachtungsgabe erinnert an die große Österreicherin Inge Morath, nur dass Lebowitz‘ Objektiv ein sehr subjektives ist.

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Egal, ob sie sich über Nagelpflege auslässt – die Begleiterin muss zur Maniküre, um einen abgebrochenen Nagel durch „ein Transplantat“ zu ersetzen, sehr zur Belustigung der spitzfindigen Schriftstellerin, die im Weiteren ganz chirurgisch kein Wort von Nagelbruch bis Nagelbank auslässt. Eine Nagelprobe. Oder – siehe Salat – über die Mahlzeiten im Manhattaner Hochsommer philosophiert, die in „erstaunlich dürftigen Portionen“ serviert werden, wobei sie einen Lkw-Fahrer imaginiert, „der sich im Diner zur Theke vordrängt und lauthals etwas zum Mitnehmen bestellt: ,Zwei Gurkensüppchen – schön kalt; ein Endiviensalat – mit Balsamico-Vinaigrette; und einmal den erntefrischen Spargel – die Hollandaise könnt ihr weglassen.“

Die Stand-Up-Essayistin und eine ihrer verdeckten Sozialstudien. Lebowitz, 1950 in der Kleinstadt Morristown in New Jersey geboren, hinein in eine Familie, „deren literarisches Vermächtnis sich weitgehend auf Ansichtskarten beschränkte“, Nachfahrin ungarischer Juden, von denen schließlich eine nach Ellis Island verschifft wurde, liebt das Gedankenspiel, die gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen der Intellektuellen- und Künstlerclique, in der sie sich bewegt, ins Gegenteil zu verkehren: „Denn wer von uns könnte behaupten, seine Lebenserfahrung gleiche einem Seurat-Gemälde, wo es doch eher die Pflanzenschaukel aus Makramee ist.“

Lebowitz‘ Schreibstil ist schnell und präzise. Die meisten ihrer Texte entwickelt sie aus der Ich-Erzählerinnen-Perspektive. Sie geht davon aus, dass ihre Schlussfolgerungen auch anderen hilfreich sind und transformiert also die zur eigenständigen Kunstform gewordene Ich-Umkreisung zur literarischen Psychotherapiesitzung. Und stets gilt: Ein guter Witz ist ein Lebowitz.

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Zum Schluss der Autorin Blick auf Europa, auch hier eine Kurzversion: „Mailand ist sehr politisch und voller kommunistischer Graffiti. In Mailand sind alle gut angezogen. – In den zwei Wochen, die ich in Rom verbrachte, wurde fünf Mal gestreikt. Streiken ist in Rom vor allem eine Stilfrage, um Geld geht es weniger. – Cannes: Das Filmfestival und die Kellner auf der Terrasse des Carlton sind damit beschäftigt, Ihre Bestellung nicht aufzunehmen. Doch kaum sind zwei Stunden vergangen, bringt Ihnen der Kellner einen Martini, den ein anderer bestellt hat …

… Sie halten den Drink mit großer Geste hoch und sehen sich suchend um. Ein paar Tische weiter wird jemand anderer Ihr Perrier mit Zitrone in die Höhe halten, und schon sind Sie auf dem besten Weg zu einer neuen Freundschaft oder einem Deal. – Paris: Wenn Sie dorthin fahren, sollten Sie eines nicht vergessen: Egal, wie langsam und deutlich Sie einen Pariser nach etwas fragen, er wird Ihnen unweigerlich auf Französisch antworten.“ Kann man die Dame zwecks Vorkommnis in der nächsten Kolumne bitte nach Wien einladen?

Über die Autorin: Fran Lebowitz arbeitete unter anderem als Taxifahrerin und Putzfrau, behauptet sie, bevor Andy Warhol sie als Kolumnistin für sein legendäres Magazin Interview entdeckte. Später schrieb sie für Mademoiselle und Vanity Fair und fand schnell Zutritt zu den Kreisen um Jerome Robbins, Robert Mapplethorpe oder den New York Dolls. Sie gilt als Stilikone, Verkörperung des New Yorker Witzes und als Expertin für das Leben an sich. Durch Martin Scorseses nach wie vor zu streamende Netflix-Serie „Pretend It’s a City“ (Trailer: www.youtube.com/watch?v=MClMxqD-HNA) wurde sie weltweit bekannt. Ihre Erzählbände „Metropolitan Life“ und „Social Studies“ waren Bestseller in den USA, in diesem Band erscheinen sie erstmals auf Deutsch. Lebowitz lebt ohne Mobiltelefon oder Computer, sie definiert sich selbst als „lesbian“.

Rowohlt Berlin, Fran Lebowitz: „New York und der Rest der Welt“, Erzählband, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Hedinger und Willi Winkler.

www.rowohlt.de           franlebowitz.com

Fran Lebowitz in „The Tonight Show“ von Jimmy Fallon: www.youtube.com/watch?v=Hkc71hM9vT0

  1. 8. 2022

Tommy Orange: Dort Dort

Oktober 8, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Blut klebt fest an ihren Federn

Erst in Teil IV beginnt das Powwow, drei Viertel des Buches wird auf diese festliche Zusammenkunft im Oakland Coliseum langsam hingeschrieben, nun aber erhöht der Autor die Schlagzahl seiner Trommler. Die Tänzer treten auf, unter ihnen Orvil Red Feather; Tony Loneman ist ebenfalls im Stadion, auch Dene Oxendene und Opal Viola Victoria Bear Shield mit ihrer Schwester und Orvils Großmutter Jacquie. Sie alle, über die man bis dahin seitenweise erfahren hat, erleben jetzt in wenigen Sätzen, wie sich über den Sound der Schlägel das Stakkato von Schüssen legt.

Vor Bestürzung schnell liest man bis zu diesem beklemmenden Schluss – um endlich zu wissen, wen die Kugeln getroffen haben, und wo ihr Ziel verfehlt. Nun ist es gewiss bei Rezensentenehre verboten, ein Romanende zu spoilern, doch im Fall von „Dort Dort“ ist dies alles abschließende Massaker gleichbedeutend mit dem Leitgedanken von Tommy Oranges literarischem Debüt. Orange, selbst aus Oakland und Mitglied der Cheyenne and Arapaho Tribes of Oklahoma, schildert in seinem Erstling sozusagen aus erster Hand das Schicksal jener Native Americans, die von Reservatsbewohnern längst zu „Urban Indians“ wurden.

Schildert ihre bei der Absorption durch die Großstädte nicht geringer gewordenen Probleme von Arbeitslosigkeit bis Alkoholismus – und die daraus resultierende Gewalt. Und natürlich stellt Orange, Mutter weiß, Vater Cheyenne, er selbst ob seines Äußeren oft als „Chinese“ beschimpft, auch immer wieder die Identitätsfrage, wie es ist, ambiguously nonwhite / nicht eindeutig nichtweiß zu sein.

„Dort Dort“, der Titel bezieht sich auf Gertrude Steins „The trouble with Oakland is that when you get there, there isn’t any there there“ aus „Everybody’s Autobiography“, womit die Schriftstellerin wohl ausdrücken wollte, dass sich das Oakland ihrer Kindheit so verändert hätte, dass es für sie dort kein Dort mehr gibt, „Dort Dort“ also entwickelt durchs Erzählen vom Leben von zwölf Charakteren einen Sog, dem sich zu entziehen unmöglich ist. Kein Wunder, dass Barack Obama den mittlerweile Pulitzer-Preis-Finalisten auf seine legendäre Sommerleseliste setzte. Bevor Tommy Orange den Leser allerdings in die Handlung entlässt, behandelt er in einem Prolog, beinah zu bestialisch, um es wiederzugeben, Klischees über die und Gemetzel an der „Rothaut“.

„Wir wurden von allen anderen definiert und werden hinsichtlich unserer Geschichte und unseres aktuellen Zustands als Volk nach wie vor verleumdet“, schreibt Orange, und rechnet ab mit dem Westernbild eines John Wayne, Wolfstänzer Kevin Kostner und dem Film-„Häuptling“ Chief Bromden, der, statt wie im Buch Protagonist, auf der Leinwand nur noch der schweigsame Waschbeckenwerfer sein darf. „Wir sind die Erinnerungen, die wir nicht mehr haben“, sagt Orange, und „die Kugeln flogen ins Nichts falsch geschriebener Geschichte. Diese verirrten Kugeln und Konsequenzen schlagen auch heute noch in unsere arglosen Körper ein …“

Bild: pixabay.com

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Deutlicher lässt sich eine von Rassismus und Repression bestimmte Realität kaum fassen. Orange spannt den Bogen von der „unversorgten Wunde“ von damals zum entzündlich-unverheilten Jetzt. Immer noch klebt das von Landspekulanten und Kolonisten vergossene Blut der Native Americans fest an ihren Stammesfedern, Symbol dafür – die Coverillustration. Sein Dutzend Figuren präsentiert Orange zunächst einzeln, bevor er es über Verwandtschaftsverhältnisse allmählich zusammenführt. Zu den wichtigsten zählen: Tony Loneman, 21, Cheyenne-Abstammung, Säuferinnenkind mit fetalem Alkoholsyndrom, Drogendealer in Ermangelung einer anderen Erwerbstätigkeit, der in voller Tracht zum Powwow gehen will.

Dene Oxendene, Angehöriger der Cheyenne und Arapaho Tribes, dem sein Onkel als Erbe ein Dokumentarfilmprojekt überlassen hat, für das er beim Powwow Storys und Anekdoten von Oakland-Indianern sammeln will. Die Halbschwestern Opal Viola Victoria Bear Shield und Jacquie Red Feather, erstere „ein Fels, aber in ihr wohnt wildes Wasser“, zweitere eine ständig mit dem Trockenbleiben kämpfende Drogenberaterin, beide 1969 von ihrer Mutter zur Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz mitgenommen, wo Angehörige verschiedener Tribes gegen die „Indianerpolitik“ des Weißen Hauses protestierten, beide durch die brachiale Vorgehensweise bei dieser Inbesitznahme traumatisiert.

Opal und Jacquie sind auch die, bei denen die meisten Fäden des Romans zusammenlaufen, über eine von der 17-jährigen Jacquie zur Adoption freigegebene Tochter, über den zur Zeit der Zeugung ebenfalls Teenager-Vater, deren Wege sich beim Powwow unerwartet kreuzen, über Jacquies Enkel Orvil, Loother und Lony, allesamt einstige Heroinbabys, die ihr Dasein mit einem Entzug begannen, da Kinder von Jacquies am goldenen Schuss gestorbenen Tochter Jamie. Powwow-Praktikant Edwin Black, weiße Mutter, Vater unbekannt, sucht ebendiesen via Internet – und findet ihn als Master of Ceremonies im Coliseum, alldieweil die eigentlich Kleinkriminellen Octavio, Carlos, Charles und sein Bruder Calvin einen Überfall auf das Powwow planen, wo es immerhin 50.000 Dollar an Preisgeldern zu erbeuten gibt.

„Wir sind Vollblut, Halbblut, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreißigstel. Mathematisch nicht darstellbar. Ein unerheblicher Rest“, sagt Dene an einer Stelle. Es ist dieses Neben-, Mit-, Durcheinander von Stimmen, das Oranges Buch so stark macht. Weil es nie genug geben kann, um dem hämischen Stereotyp der homogenen Indianer-Masse die tatsächliche Vielfalt von Menschen entgegenzusetzen. Während Tommy Orange also derart sein Panorama der Native Americans entwirft, dabei aber nicht vergisst, über Ausweglosigkeit und Selbstmordrate, Drogenmissbrauch und Bandenzugehörigkeit zu berichten, und übers Private so das Politische einbringt, verquickt er auch die Biografien mehr und mehr.

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Über diese Welt, in der das Verfluchen gefürchtet und der Aberglaube über Dachshaare und Spinnenbeine allgegenwärtig ist, niederträchtige Frauen alligatorgrüne Augen und schamanische Männer eine Medizinkiste haben, in der schlimme Jungs denken, sie hätten „dieses alte Etwas, das verdammt wehtut und einen boshaft werden lässt“, und viele mit weißem Elternteil am Zwiespalt laborieren, dadurch von einem Volk abzustammen, „das nahm und nahm und nahm. Und einem Volk, das genommen wurde“, steht im Zwischenspiel „Blut“:

„Wenn du es dir leisten kannst, nicht über Geschichte nachzudenken, … dann kannst du dir sicher sein, dass du an Bord des Schiffes bist, … während andere draußen im Meer treiben, ertrinken oder sich an kleine Rettungsinseln klammern, die sie reihum immer wieder aufblasen müssen … Und oben auf der Jacht sagt jemand: ,Was für ein Jammer, dass diese Menschen dort unten faul und nicht so schlau und geschickt sind wie wir hier oben‘.“ Treffender ist auch das EU-Verhalten zu den übers Mittelmeer Flüchtenden nicht zu umschreiben.

Beim Powwow schließlich sind alle anwesend, Blue, Edwin, Jacquie, Harvey, Opal und der große Rest, und da dem Leser inzwischen schon klar ist, wer wann mit wem, finden einander vor Jahrzehnten Verlorengegangene wieder, wird Teilverschüttetes neu geborgen, doch nicht ausschließlich, fehlt es doch manchem im plötzlichen Kugelhagel an Gelegenheit sich und seine Geheimnisse zu offenbaren. Orange erzählt seine brutale Story mit sensibler Courage, sein Roman sowohl eine durchaus drastische Geschichtslektion über den Völkermord an den Indigenen, als auch ein Auftreten gegen den perfiden kleinen Alltagshass, seine Figuren bei aller Gewalt- und Suchtmittelberauschtheit von herzzerreißender Naivität und Hoffnung und Sehnsucht nach Zärtlichkeit.

„Dort Dort“ ist ein „Red Power“-Buch, das Menschenwürde und Menschenrecht gegen Feindbild und Feindseligkeit in die Waagschale wirft, eines, das ohne die Paraderollen vom edlen Wilden, weisen Medizinmann oder vom wütenden Skalpjäger und Marterpfähler auskommt. Am Ende von mehr als 500 Jahren Mord und Totschlag stehen einmal mehr dieselben, und jene Stille des Sterbens, die einen verstört zurücklässt. Wer aus dem Leben gehen muss, wer von den Geschossen ebenso getroffen, aber auch Erden bleiben wird, entdeckt einem Tommy Orange nicht. Eines seiner angeschossenen Geschöpfe verabschiedet er so: „[Er] muss jetzt leicht sein. Den Wind durch die Löcher in sich singen lassen, die Vögel singen hören. [Er] geht nirgendwohin. Und irgendwo dort drinnen, in ihm, wo er ist, wo er immer sein wird, ist es auch jetzt Morgen, und die Vögel, die Vögel singen.“

Über den Autor: Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Angels Camp, Kalifornien.

Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hannes Meyer.

Tommy Orange im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=JXCbmuIFD8M           www.hanser-literaturverlage.de

  1. 10. 2019

Angela Lehner: Vater unser

April 30, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wahnwitzige Suche nach der Wahrheit

„Die Eva lügt immer.“ Das ist der Satz, den man sich merken muss, bei der Lektüre von Angela Lehners Debütroman „Vater unser“, ist doch dessen Erzählerin Eva Gruber eine, der kein Wort zu glauben ist. Los geht’s, indem die junge Frau bei Klagenfurt von der Polizei aufgegriffen und nach Wien ins Otto-Wagner-Spital überführt wird, die geschichtsträchtige Psychiatrie am Steinhof, einstige NS-Euthanasieanstalt, woran heute eine Gedenkstätte gemahnt. Was im Buch nicht wirklich eine Rolle spielt, aber immerhin und so auch an dieser Stelle Erwähnung findet. In den späten 1960er-Jahren lernte Thomas Bernhard hier „Wittgensteins Neffen“ kennen.

Lehner zielt statt Freundschaft auf Verwandtschaft, findet Eva doch – als Patienten in einem anderen Pavillon – ihren jüngeren Bruder Bernhard. Von der Magersucht schwer gezeichnet, der Schwester gegenüber so trotzig wie ängstlich. Er wirft ihr etwas vor, das sich erst im Verlauf der Seiten enträtseln wird, der Geschwisterkonflikt wie die komplette dysfunktionale Familie. Beziehungsweise, was Eva als all das ausgibt, denn es dauert nicht lange, bis man begriffen hat, dass diese Protagonistin so hochintelligent wie hochmanipulativ und hochmütig ist.

Eine intrigante, egomanische, aggressive Dauerrednerin, vielleicht sogar gemeingefährlich, die die Wahrheit dreht, wie sie’s braucht – und den Leser nicht weniger an der Nase herumführt, als ihren Therapeuten Doktor Korb, diesen in Evas Augen Inkompetenzler, der sich allerdings im Laufe der Sitzungen einen erfrischenden Sarkasmus aneignet. Treffend beschreibt Lehner die Alltagsroutine in der Anstalt, die skurrilen Mitinsassen und absurden Gruppenaktivitäten, die Eva je nach aktueller Gemütsverfassung mal mit lakonischem Witz, mal mit bitterbösem Zynismus kommentiert. „Hier gehört Langeweile zum Tagesgeschäft“, sagt sie. „Das Entertainment-Programm ist hier ja auch sehr beschränkt … Im Prinzip hangelt man sich von einer Mahlzeit zur nächsten.“

Die Walking-Gruppe beschreibt Eva so: „Vorne die Maniker, die mit Nachdruck die Stöcke nach hinten schwingen, als wollten sie absichtlich ein paar Augen ausstechen. Dann die Depressiven, die nur mit Ausweichen beschäftigt sind oder nicht einmal mehr das. Ganz hinten: Bernhard. Er zieht beim Sport eine Fresse, als handle es sich um die Turnstunden früher in der Volksschule“. Über die Musiktherapeutin bemerkt sie: „… lächelt verständnisvoll, und ich denke, dass sie dabei hässlich aussieht. Manchen Menschen steht Glück nicht, die sollten sich einfach unauffällig verhalten.“ Angela Lehner schafft in schnörkellosen Sätzen eine detailreiche Schilderung. Typisch für Eva ist etwa, wie sich in ihren Gedanken und Gesprächen der Selbstmord des Vaters zu dessen Scheidung von der Mutter zu Evas geplantem Vatermord dreht, das „Vater unser“ der Grundton der Kindheit im Kärntner Dorfantiidyll, und nie kann man sicher sein, was Eva sich einbildet, erfindet oder tatsächlich erinnert.

Des Vaters Alkoholismus, seine sexuellen Übergriffe auf Bernhard und Eva? Was so Furchtbares stattgefunden hat, das beide an ihrem Leben verzweifeln lässt, bleibt unklar. Klar ist nur, dass für Eva der Vater Ursache allen Übels ist: „Unser Geschwür ist der Vater. Der Vater wuchert uns unter der Haut, er dringt uns aus den Poren. Der Vater kriecht uns den Rachen herauf, wenn wir uns verschlucken.“ Der titelgebende, übergroße Schöpfer, Lehner legt das – immer wieder auch Thomas-Bernhard’sche und der Brudername wohl nicht zufällig gewählt – Motiv kunstvoll mehrdeutig an, wird mehr und mehr zur Projektionsfläche, während sich Evas Wahnwitz, Wachträume und die Wirklichkeit zunehmend ineinander schieben.

Bild: pixabay.com

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Die Psyche der Erzählerin wird verschränkt mit der kollektiv österreichischen des Sigmund-Freud-Landes, das Idiom so heimisch wie das ausgestellte Kulturgut wie Lehners Verwurzelung in der hiesigen literarischen Tradition, mit deren Genres und Klischees sie gekonnt spielt. Und weit und breit kein Herrgottswinkel, in dem nicht überm Jörg-Haider-Foto ein Kruzifix baumelt, kein Rosenkranz, der nicht elterliche Lieblosigkeit vorbetet, in Evas Rückblenden auf die erdrückende Dumpfheit der erzkatholischen Provinz. Die Kapitel des Buches heißen entsprechend Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Dreifaltigkeit wird zum Synonym für Familie, diesem Schauplatz für Schuldzuweisungen, die Erbsünde ein ewiger Unheilszustand.

Auch an der Mutter arbeitet sich Eva ab, dieser „besorgten, gebeutelten Märtyrerin“, „die für die Krise lebt“, die den Diskussionsmodus „Vorwurfspingpong“ als Meisterin beherrscht, die ihre Augenringe „spontan ausklappen kann“, die Mutter, die Figur, bei der man Eva am leichtesten auf den Leim geht. „Ich habe es wirklich satt, immer der Katalysator für die Passiv-Aggressiven zu sein. Sie kommen zu mir und reizen mich …, bis ich zubeiße. Oder eben schreie. Ich soll für sie ihre Wut ausleben, weil sie es sich selbst nicht trauen“, dieser Ausspruch wird schließlich zum Schlüssel zu Evas Verhalten. Deren Weg naturgemäß, dazu entführt sie Bernhard aus der Klinik, zum Vaterhaus zurückführen muss. Ein Roadtrip, der bei einer Ruine und für die beiden ruinös endet. „Vater unser“ ist eine einzige Verunsicherung, ist doch die alleinige Perspektive, die Angela Lehner anbietet, die einer Verhaltensgestörten, die zunehmend verrückter, ja selbst-/zerstörerischer wird.

Das macht diesen Roman so reizvoll, und umso mehr, als man nicht umhin kann, Lehners Eva gleichzeitig zu verabscheuen und ob ihrer geschliffenen Formulierungen zu mögen. Man lacht über ihre freche Schlagfertigkeit, man stößt sich an ihr, bis man blaue Flecken hat. Sie macht einen zum Komplizen ihres Irrsinns, wenn manche von Evas Storys durch kleine Details als Lügengeschichten zu enttarnen sind, andere mit Karacho in sich zusammenbrechen – und niemand darob mehr erstaunt ist, als Eva selbst. Am Ende hat sie Personen und Ereignisse längst überblendet. Hat sich der Vater oder Doktor Korb erhängt? Oder keiner der zwei? Ist die Mutter ein Monster oder nicht eher vom Moment überfordert? Was tut Eva Bernhard an? „Warum Eva, denke ich, kannst du nicht einmal normal sein? … Das geht so nicht, Eva, denke ich, so kannst du nicht sein … und das, denke ich, ist die größte Strafe. Dass ich jeden Moment meines Lebens mit mir selbst verbringen muss.“

Über die Autorin: Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol, lebt in Berlin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Maynooth und Erlangen. Unter anderem nahm sie 2016 an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin und 2017 am Klagenfurter Häschenkurs teil. 2018 war sie Finalistin des Literaturpreises Floriana. „Vater unser“ ist ihr erster Roman.

Hanser Berlin, Angela Lehner: „Vater unser“, Roman, 284 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de

30. 4. 2019

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

August 17, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine längst fällige literarische Wiederentdeckung

buch1„Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemanden an dich ran“, so beschrieb Lucia Berlin ihren Schreibstil in einem Brief an ihren Dichterfreund August Kleinzahler. Dass nun der Arche Verlag die Geschichten der 2004 verstorbenen amerikanischen Erzählerin, dreißig ihrer Shortstories, veröffentlicht hat, darf als eine der literarischen Sensationen der Saison gewertet werden. Lucia Berlin, das ist keine Wieder-, sondern vielmehr eine Neuentdeckung einer viel zu lange unter Wert geschlagenen Autorin. Mittlerweile wird sie mit Raymond Carver, Richard Yates oder William Faulkner verglichen.

Berlins Geschichten sind gnadenlos, rücksichtslos gegenüber ihren Figuren und ihren Lesern; zartbesaitete werden weinen, wenn Neugeborene sterben und Frauen an den Rand der Existenz getrieben werden, an dem ihre Männer schon dahinvegetieren. Die meist zehn, fünfzehn Seiten langen Texte, „Makadam“ kommt gar mit einer Seite aus, bieten weder Auf- noch Erlösung. Berlin weiß um die Schrecken des Lebens, es ist ein Wunder, wie sie über Widerliches, Widerwärtiges so warmherzig schreiben kann, doch sie kann offenbar das Absurde in der Verzweiflung sehen und darüber lachen.

Es ist ein Lachen, „das vom Schmerz in jeder Freude wusste und sich darüber lustig machte“, wie sie in „Tigerbisse“ über die Südstaatenschönheit Bella Lynn berichtet. Berlin ist eine Zeugin, eine Chronistin des allzu Menschlichen. Ihre Ich-Erzählerinnen sind Sekretärinnen in Notaufnahmen, mexikanische Migrantinnen, missbrauchte Mädchen, Sprechstundenhilfen in Entzugskliniken, Drogensüchtige, Alkoholikerinnen … Berlin nennt sie ihre Nicht-Ichs und die Frage, ist, ob man ihr auf den Leim geht, wenn man Autobiografisches aus ihren Geschichten herausliest oder wenn nicht. Ein Körnchen Wahrheit ist jedenfalls, dass Berlin an all diesen Orten war, erst als Erkrankte, später als Mitarbeiterin. „Ich mag die Tatsache, dass in der Notaufnahme alles reparabel ist – oder nichts“, schreibt sie im „Notaufnahme-Notizbuch, 1977“. Und wie eine Therapeutin, die weiß, dass Kranken mit Mitleid nicht geholfen ist, denn wem wäre schon geholfen, wenn noch einer leidet, spornt Berlin ihre Charaktere mit liebevoller Härte an.

Die schnelle Prosa hat die jeweilige Alltagssprache der von ihr porträtierten Frauen, verknappter Slang steht neben kultivierten Stimmen, als sichere der Wechsel im Tonfall den Figuren ihr angestammtes Terrain. „Ihre Erzählungen fauchen“, nannte es The New York Times Book Review. Tatsächlich sind die Texte teilweise wie gesprochen, weshalb Berlin auch auf Satzzeichen wenig wert legt. Ein Beistrich?, den hörte man doch sowieso nicht. Zur Meisterschaft vollendet sie ihren Stil in „Mijito“, indem sie eine minderjährige mexikanische Mutter und eine US-Krankenschwester aus deren unterschiedlichen Perspektiven sprechen lässt. Die Angst und Naivität der einen, die gesetzlich vorgeschriebene Ohnmacht der anderen, das beiderseitige Missverstehen, der schlampige Umgang mit „Zugewanderten“, das alles macht einen so wütend, dass es einem den Atem nimmt. Auf der Strecke bleibt das Unschuldige, das Verletzlichste, das Baby.

Dann wieder ist Berlin unverblümt sexistisch. Sie pflegt einen weiblichen Machismo, wenn sich eine ihrer Protagonistinnen den in einigen Geschichten wiederkehrenden Taucher César nimmt. In „Leid“ – und Berlin betreute die ihre wirklich bis zu deren Ableben – führt sie ihn für eine Liebesnacht ihrer an Krebs sterbenden Schwester zu. In „Eine Liebesaffäre“ schützt die Ich-Erzählerin eine fremdgehende Kollegin so intensiv, dass deren Ehemann sie für die Geliebte seiner Frau hält. Dass es da einen anderen Mann geben könnte, auf die Idee kommt er gar nicht. So viel auch zu Berlins sonderlichem Sinn für Humor.

Der Titel des Buches stammt von der Shortstory „Nach Hause finden“, einer von Berlins letzten. Eine alte Frau, das tragbare Sauerstoffgerät neben sich, sitzt auf der Veranda ihres Hauses. Das heißt: diesmal auf der vorderen, obwohl sie normalerweise die hintere bevorzugt. Da sieht sie zum ersten Mal die vielen Vögel in einem Baum, die kommen, sich versammeln, um gemeinsam wegzufliegen. Dorthin, wo es wärmer, schöner, besser ist. „Was habe ich sonst noch verpasst? Wie oft war ich in meinem Leben gewissermaßen auf der hinteren Veranda statt auf der vorderen? Was hat man mir gesagt, ohne dass ich es hörte? Welche Liebe mag es gegeben haben, die ich nicht spürte?“ Und wieder rührt Berlin an eine persönliche Schmerzgrenze, überschreitet sie, nur um zu zeigen, wie schutzlos Leben ist, steckt den Finger in die Wunde der Selbsterkenntnis und lässt nicht zu, dass diese herzblutende Stelle je vernarben könnte. Das muss man als Leser aushalten, wenn man ihre Geschichten lesen will. Und man kann sich keinen vorstellen, der das nicht möchte.

Über die Autorin:
Lucia Berlin wurde 1936 in Alaska geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie nach Chile, wo Berlin im Alter von zehn Jahren an einer Skoliose erkrankte. Ihre Kindheit zwischen einer depressiv-aggressiven Mutter, einem als Bergbauingenieur permanent abwesenden Vater und einem Großvater, der sich an den weiblichen Wesen der Familie vergriff, war der blanke Wahnsinn. Berlin war dreimal verheiratet und Mutter von vier Söhnen, die sie allein großzog. Sie arbeitete als Lehrerin, Sprechstundenhilfe, Putzfrau, Sekretärin, verlor ihre Jobs aber immer wieder schnell, weil sie ein Leben lang mit ihrer Alkoholsucht kämpfte. Und ein Leben lang begleitete Berlin auch die Sorge, sie könnte werden „wie sie“ – ihre Mutter. Die Erzählungen, entstanden in den 1960er- bis 1980er-Jahren, wurden in Zeitschriften und später in drei Erzählungsbänden veröffentlicht. Von 1994 bis 2000 war Berlin Dozentin an der Universität von Boulder in Colorado. Sie starb 2004 im kalifornischen Marina del Rey.

Arche Verlag, Lucia Berlin: „Was ich sonst noch verpasst habe“, Roman, 384 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel.

www.arche-verlag.com

www.luciaberlin.com

Wien, 16. 8. 2016

Wiener Festwochen: Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt

Mai 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Ecce homo in extremen Bildern

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Wie sie da als gutgelaunte Truppe auf die Bühne stürmen, weiß man schon, das nimmt kein schönes Ende. Sie stellen sich vor, ihre Wurzeln reichen von Bergkarabach bis Bagdad, oder ihre Familien sind einst aus Syrien nach Jugoslawien eingewandert. Tito war ja ein großer Freund Hafiz al-Assads. Sie sind europäische Muslime, dieser Kontinent ist ihr Kontinent, und wie sie gehört auch der Islam hierher.

Sie haben Oliver Frljić kennengelernt, bei H & M oder im Kaffeehaus, und nun werden sie im Schauspielhaus Wien erst geschlagen, dann erschossen oder auf IS-Art geköpft. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ heißt diese Arbeit, die Frljić im Rahmen der Wiener Festwochen zur Uraufführung brachte und für die er erstmals die Schauspielensembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka, er ist Intendant des Hauses, und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana zusammenführt.

Frljićs unbequeme und politisch provozierende Arbeiten werden immer wieder zensuriert, er selbst sogar mit dem Tode bedroht (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19920). Auch „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ wird manchen ein Stein des Anstoßes sein, befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher doch darin einmal mehr mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Muslimen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen, aktuell mit den Flüchtlingen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft. Wie er sich an Europas Geschichte abarbeitet, so wohl auch an seiner eigenen. Denn den Terror, den er aus vermeintlich entlegenen Ecken der Erde zeigt, verbindet er inhaltlich mit dem gegen bosnische Muslime in den Lagern Ex-Jugoslawiens. Und nichts, was Frljić mit theatralen Mitteln darstellen könnte, ist so schockierend wie die in Den Haag eingegangenen Berichte von kastrierten, geschändeten, bis zur Zeugungsunfähigkeit gefolterten Frauen und Männern.

Frljić hat ein Synonym für die Schieflage der Nationen erdacht. Er lässt Uroš Kaurin als dornengekrönten Christus von einem Erdölkanisterkreuz steigen und eine Muslima vergewaltigen. Die ganze Aufführung ist ein Ecce homo in extremen, suggestiven Bildern, siehe, der Mensch, in all seiner Erbarmungswürdigkeit und Brutalität. Gefangene in Guantanamo-Orange müssen ihren Wächtern etwas vorsteppen, an der mazedonischen Grenze spielen Flüchtlinge mit Piepsstimme Kasperletheater, ihre Finger formen ein Hakenkreuz. Eine Frau mit grünem Hidschāb zieht sich einen rotweißroten Wimpel aus der Vagina, er wird den Umstehenden zum Heil-Symbol. Ein erotisches Ballett beginnt, nackte, mit arabischer Schrift bemalte Körper, als beschriebe dieser bitterzarte Moment den Anfang allen Lebens, doch schon startet eine ohrenbetäubende Party und Luftballons im Schwarze-Banner-Design fliegen ins Publikum. „Wenn Sie jetzt eine Frage haben?“, fordert Jerko Marčić auf, aber der gesittete Zuschauer hält natürlich im Theater den Mund, so wie er’s gelernt hat – und hat sich damit schon ins Unrecht gesetzt. Man solle hier nicht Balkan-Wundertiere bestaunen, sondern lieber Leben retten, heißt es. Und die Assoziationskette reißt nicht ab.

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Nicht nur die Leute im Saal, auch Alvis Hermanis kriegt sein Fett weg. Wegen seines Ausspruchs zur deutschen Flüchtlingspolitik. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ ist eine Auftragsarbeit des HAU, des Berliner Theaters „Hebbel am Ufer“. Und Frljić, ja, er provoziert, wie jeder gute Revolutionär vertritt er laut und aufsässig seine Positionen, aber wann wurde ein leiser Mahner je gehört? Er zeigt bis zur Peinlichkeit plakatives Frontaltheater, führt Huntingtons Clash of Civilizations vor, dass es nur so klescht. Im heftig kritisierten Buch heißt es: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion, sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ Frljić würde diesen Satz mutmaßlich unterschreiben, ein mutmaßlich gesteuerter Zwischenrufer im Schauspielhaus schreit: „Das wird hier alles einseitig dargestellt!“

Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt Frljić: “ Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat (www.mottingers-meinung.at/?p=19920).“ Und, dass er keinen Wert auf ein Theater legt, das den Konsens sucht. In Leuchtlettern steht an der Bühnenrückwand: Die gegen den Faschismus sind, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, wollen ihren Teil vom Kalb, ohne es zu schlachten.

Die Folie, auf die Frljić seinen Text projiziert, ist Peter Weiss‘ epochaler Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“. Tausend Seiten über die Möglichkeiten des antifaschistischen Widerstands aus der Sicht der Kunst, von Weiss selbst in die Nähe der Dante’schen Höllenkreise der Divina Commedia gerückt, von ersten Rezensenten in Unverständnis und einer verallgemeinernden Ablehnung alles „Roten“ angefeindet. Frljić lässt auf dem Höhepunkt seiner Hadeswanderung Matej Recer seinem Schauspielkollegen Blaž Šef Gewalt antun. Mit zwangseingeflößtem Schnaps und einem Schweinskopf, den er dem Muslim über das Gesicht stülpt. Auch das keine Erfindung, sondern lediglich eine Ausformulierung: Amnesty International und Human Rights Watch berichten immer wieder von Misshandlungen in Flüchtlingslagern. Wer hier leben will, muss auch so leben wie hier!
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Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Frljić hätte seine Arbeit auch „Unsere Werte und eure Werte“ nennen können, oder besser „Unser Land und unsere Regeln“. Sie ist jedenfalls eine unverzichtbare Analyse der Seinszustände dieser Welt, sie ist ein politisches Pamphlet gegen den demokratisch legitimierten Rechtsschwenk Europas, ein wilder Aufschrei gegen systemische Gewalt – und eine Schweigeminute. Für die Opfer in Paris und Brüssel, in Marea und Azaz.

160.000 Menschen laufen dort gerade um ihr Leben, nur damit an Europas Grenzen das Kasperletheater wieder beginnen kann. Wie zur Versöhnung folgt am Ende eine christlich-islamische Pietà. Aber auch ein Bibelwort. „Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“, zitiert Dragica Potočnjak, dann lacht sie. Zynisch.

Video: www.youtube.com/watch?v=54cE_2PT37E

www.festwochen.at

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Wien, 30. 5. 2016