Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

  1. 2. 2019

Burgtheater: Karin Bergmann zieht Bilanz

Januar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Neuer Premierentermin von „Die Stühle“ ist am 13. März, Joachim Meyerhoff schreibt seinen ersten Theatertext

Burg-Herrin Karin Bergmann und der neue kaufmännische Geschäftsführer Robert Beutler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dass sie die Medien, als sie 2014 nach Matthias Hartmann ihr Amt antrat, unter anderem „Trümmerfrau“ nannten, wo Krisenmanagerin angebracht gewesen wäre, das kann Karin Bergmann heute bereits unter Anekdote verbuchen. Freitagvormittag lud die Burgtheater-Direktorin, deren Zeit – als erste Frau – an der Spitze der größten Sprechbühne im deutschsprachigen Raum mit der laufenden Saison endet, ein, Rückblick auf ihre Ära und Ausblick auf die kommenden Premieren zu nehmen.

Von einer „schwierigen Ausgangssituation“ im März vor fünf Jahren mag Bergmann durchaus sprechen, sie, die sich im oft genug von Cholerikern und Egozentrikern besetzten Chefsessel stets um Diskussionskultur und Sachlichkeit bemühte. Mit ihrer unkomplizierten, unprätentiösen Art, Devise: Probleme angehen, statt deren Lösung anderen anzuschaffen, hat sie mehr bewirkt, als mancher ihrer Vorgänger. Etwa, um beim Thema Geld zu beginnen, einen Kreis von Förderern ins Leben gerufen, die die Burg auf ein solides finanzielles Fundament stellten. Jüngst erst, referiert Robert Beutler, neuer kaufmännischer Geschäftsführer des Burgtheaters und bei dieser Gelegenheit von Bergmann offiziell vorgestellt, habe man ein Legat über 75.000 Euro von einem Abonnenten erhalten.

„Ich habe ein Haus mit Schulden übernommen und übergebe ein Haus mit Rücklagen“, sagt Bergmann. „Rücklagen für künstlerische Belange und separiert davon Rücklagen für die Renovierung des Kasinos.“ Dass das Publikum ihre Spielpläne so begeistert mittragen würde, hätte sie sich allerdings „in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können“. Neben den großen klassischen Stoffen verschrieb sich die Burg unter Bergmann der Autorenpflege, weshalb sich die Anzahl der Ur- und Erstaufführung mit 41 seit 2014 sehen lassen kann.

Stolz ist die Hausherrin auf ihre Entdeckung und Förderung von Ewald Palmetshofer, Thomas Köck, Ferdinand Schmalz, dessen „jedermann (stirbt)“ ein außerordentliches Theaterereignis ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28390), Wolfram Lotz oder Miroslava Svolikova, das Nach-Wien-Holen von hier wenig bekannten Regisseuren wie Herbert Fritsch, Jette Steckel oder Christian Stückl, ganz besonders, betont sie, „auf die Peter-Handke-Uraufführung ,Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18269), die posthume Würdigung von Wolfgang Bauers ,Der Rüssel‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28808) und Maja Haderlaps ,Engel des Vergessens‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14710)“ – das demnächst vom Akademietheater ans große Haus übersiedelt.

Engel des Vergessens: Elisabeth Orth, Gregor Bloéb und Alina Fritsch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Unschuldigen und „Ich“ – Christopher Nell. Bild: Monika Rittershaus

Mephisto: Nicholas Ofczarek, Sylvie Rohrer und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Medea: Steven Scharf, Caroline Peters, Mavie Hörbiger, Quentin Retzl und Wenzel Witura. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Jeden Abend 1700 Karten an die Zuschauerinnen und Zuschauer bringen zu müssen, das ist keine leichte Aufgabe, um so mehr freut Karin Bergmann ihre Bilanz von beinah zwei Millionen Besuchern, mehr als 45 Millionen Euro aus Ticketeinnahmen und einem Eigendeckungsgrad von 27 Prozent. Die fünf beliebtesten Inszenierungen dieser Spielzeit, gerankt nach Sitzplatzauslastung, sind: „Mephisto“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29498) mit 98 Prozent, „John Gabriel Borkman“ mit 97,8 Prozent, „Medea“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31048) und „The Who and The What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977) mit je 96 Prozent und „Der Besuch der alten Dame“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28967) mit 94 Prozent.

Kommende Premieren:

Was an Highlights bis zum Sommer noch zu erwarten ist, auch darüber wollte Karin Bergmann berichten. So folgt etwa als nächstes, am 23. Februar, am Akademietheater die Uraufführung von Fiston Mwanza Mujilas „Zu der Zeit der Königinmutter“, inszeniert von Philipp Hauß, mit Gertraud Jesserer, die sich, so Bergmann, mit so viel Verve in das Experiment wirft, „dass sie neuen und viel mehr Text vom Autor geschrieben gekommen hat“. Tags darauf folgt an der Burg „Hiob“ in der Regie von Christian Stückl und mit Peter Simonischek als Mendel Singer. Claus Peymanns Inszenierung von Ionescos „Die Stühle“, verschoben wegen einer Verletzung von Maria Happel, hat einen neuen Premierentermin: Es ist der 13. März am Akademietheater. Andrea Breth beschäftigt sich an der Burg für den 27. März mit Hauptmanns „Die Ratten“ und bringt dazu Johanna Wokalek ans Haus zurück. Und an einem noch nicht exakt festgelegten Termin im April wird Joachim Meyerhoff seinen ersten Theatertext präsentieren, „Land in Sicht“, den er am Akademietheater auch selber auf die Bühne heben wird.

www.burgtheater.at

25. 1. 2019

Theater in der Josefstadt: Madame Bovary

April 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zwangsjacke der Borderlinerin

Die Bovarys mal fünf sind von Rodolphe Boulanger hingerissen: Bea Brocks, Silvia Meisterle, Therese Lohner, Ulli Fessl, Maria Köstlinger und Christian Nickel. Bild: Astrid Knie

Dass Charles‘ Landarztkittel sich knapp vor der Pause in eine Zwangsjacke für Ehefrau Emma verwandelt, macht Sinn, fühlt sich die doch in ihrer Situation ausweglos gefangen und ergo unglücklich. Regisseurin Anna Bergmann (über-)dreht Gustave Flauberts Fantasien zu seiner Protagonistin. Bei ihr wird die überspannte Provinzgattin zur Borderlinerin – Bergmanns liebste Interpretation, inszeniert sie Weltliteratur-Frauenfiguren -, und die gibt es nicht nur ein Mal, sondern gleich mal fünf:

„Madame Bovary“ am Theater in der Josefstadt. Da gelingt Bergmann vor allem im ersten Teil Großes. So ideendurchtränkt ist ihre durchchoreografierte Arbeit, dass man’s teils mit fünf Sinnen gar nicht fassen kann. Was gut ist, lässt man den sechsten zu. Maria Köstlinger allen voran gestaltet die Bovary, umringt von Bea Brocks, Ulli Fessl, Therese Lohner und Silvia Meisterle. Das ist eine Frau in fünf Lebensaltern, das sind Stimmen im Kopf, eine Frau und ihre Erinnerungen und Vorausahnungen. Emma in ihrem Totenhaus immer selbst ihre Spinne Langweile, von Schatten umringt, von Anfang an ein Gespenst.

Denn erzählt wird gleichsam posthum. Bergmann setzt auf Prosa, und einen großartigen Christian Nickel als Rodolphe Boulanger als Berichterstatter ein. Er schildert das Drama bis zum Untergang, diese kurze Existenz, die er gekannt hat, der Selbstmord am Ende scheußlich und die Liebe nimmerwährend. Eindrückliche Bilder gelingen da. Ein Albtraumreigen, der sich immer schneller dreht. Emma aus Luken und über Wände kletternd, der Geliebte mit Fetischfuchsmaske, Horrorgestalten in Lack und Leder. So subtil, wie Flaubert es verdient hat, weißt Bergmann darauf hin, dass es im Roman höchst realitätsnah um sexuelle Obsession und erotomanische Fixierungen geht.

Ein unnahbares Elegiebürschchen: Meo Wulf und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Doppelbild von Heiliger und Hure: Bea Brocks und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Aggressive Bösartigkeit liegt in der Luft. Nickels Rodolphe decouvriert sich als ennuyierter Zyniker, Köstlinger, alles gebend, ist von kalter Leidenschaft, ihrer Emma Zauber, wie es geschrieben steht, ein eisiger. Selbst Meo Wulf als Léon Dupuis bleibt als Elegiebürschchen unnahbar, wenn er auf seinem Elektro-Pedalo um die Bovary kurvt. Auch das eine gelungene Übersetzung für den ersten Ritt, den die beiden original bei einer wilden Kutschfahrt haben. Noch mehr Gegenwärtiges darf sein, im zweiten Teil in zeitgenössischen Kostümen und ebensolcher Sprache. Auch das tut Bergmann gern, Figuren durch die Epochen zu deklinieren, als Zeichen fürs Nichts-ändert-Sich. Emmas Schulden werden in Euro aufaddiert.

Da haben die Darsteller die Lacher auf ihrer Seite, wenn Roman Schmelzer – ein wunderbar langweilig-gutmütiger Charles Bovary – und die Köstlinger nach der Pause in der Theaterloge sitzen, während Bea Brocks als Madonnen-Königin-der-Nacht-Mix vom Himmel schwebt, und Schmelzer seinen Charles sagen lässt, er sei bemüht, die Bühnenvorgänge verstehen zu wollen. Bergmanns Deutung der Titelrolle zwischen Heiliger und Hure, eingesperrt nicht im Mittelstandshäuschen, sondern im herrschaftlichen, krank-grünen Sanatorium (Bühnenbild: Katharina Faltner), angetan mal mit großem Gothic-Kostüm von Lane Schäfer, mal nur in der Wäsche umherkriechend. Mal am Klavier Portisheads „It’s A Fire“ singend, mal Rodolphe im Slingbett beglückend. Das Publikum dankte jedenfalls für den Assoziationsfreiraum, den ihm die Aufführung ließ, mit viel freundlichem Applaus.

Berthe als spooky Puppe ist auch keine Sympathieträgerin: Roman Schmelzer, Suse Wächter und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Ins Wahnsinnsspiel passt auch Suse Wächter, die Berthe Bovary als Puppe führt, zu spooky für eine Sympathieträgerin, ein Hassliebeobjekt für die Mutter und Erdulderin von deren Launen, darin ganz der Vater. Siegfried Walther gibt Monsieur Homais als Laboratoriumsratte und den Lheureux als diabolischen Verführer mit Lagerfeldzopf, der Emmas Kaufrausch mit immer neuen Luxuslabeltragtaschen befeuert.

Beginnt der Abend mit Pantomime, so endet er mit leerem Raum, in dem die Worte aus dem Off hallen. Emma allein auf der Bühne, der Rest ihre Kopfgeburten. Ulli Fessl ist noch da, die nie mehr gelebt haben werdende Emma, und deklamiert in Trauerrobe den Ophelia-Monolog aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“, wird zur Frau, „die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd …“ Dass Bergmann damit der Bovary pathologisches Betragen in den Schmerz der Welttragödie steigert, schafft deren Hysterie eine Bedeutsamkeit, die angesichts des 20. Jahrhunderts überzogen scheint. Dies als Fußnote nach einem Dreistundenabend, der ansonsten überzeugte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=ftf7DJJ04cU

www.josefstadt.org

  1. 4. 2018

Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Juni 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Solidarität mit der Schildkröte

Der Mensch braucht mehr als nur das Notwendigste: Die „High Heels Phantasma“-Szene. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Eine der schönsten Szenen nennt sich „High Heels Phantasma“. Da bittet eine deutlich Bessersituierte zur Manolo-Blahniks-Verteilung, weil der Mensch, vor allem die Frau, braucht mehr als nur das Notwendigste. Und während die linksgedrehten NGO-Damen mit den Hilfscontainer-T-Shirts protestieren: „Der Stöckelschuh ist die Burka des Westens!“, greifen die Flüchtlinge zu und tanzen in ihren Neueroberungen.

Und die Bessersituierte erzählt, im KZ hätte sie sich jeden Tag die Lippen rot gemalt. Mit Ziegelsteinen oder ihrem Blut. Als ein Zeichen, dass sie nicht das Tier ist, zu dem man sie machen wollte. Der Mensch braucht Kultur – und da gehört Schminke dazu. Dies Phantasma ist nicht so fantastisch. Etwas Ähnliches hat es sich im Sommer 2015 tatsächlich zugetragen. Recht erinnert, hat sogar das Fernsehen darüber berichtet. Nun ist die Bühnenfassung davon zu sehen: „Traiskirchen. Das Musical“. Im Volkstheater Wien. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant, bekannt als „Die Schweigende Mehrheit“ und für ihre von Identitären gestürmte Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im AudiMax, haben aus den Ereignissen von vor zwei Jahren eine abgedrehte Musikrevue gemacht, haben es tatsächlich geschafft, das Surreale dieser Tage ins Skurrile zu überhöhen – und aus einem tonnenschweren Thema einen (über weite Strecken) leichtfüßigen Abend zu gestalten.

Dazu bedienen sie sich aller Mittel der leichten Muse. Gesang, Tanz, Klamauk; Traumsequenzen sind Slapstick in Zeitlupe, die Dialoge sind irr/witzig, denn immer wieder bricht die Handlung, um doch festzuhalten, dass vieles, was da passiert ist, lächerlich, aber nicht zum Lachen ist. Die Musik stammt unter anderem von Texta, Eva „Gustav“ Jantschitsch, Bauchklang, Imre Lichtenberger Bozoki, dem musikalischen Leiter der Aufführung, Jelena Popržan, Sakina Teyna, Mona Matbou Riahi oder Leonardo Croatto. Der „Hauptdarsteller“, der rote Faden, ist das Lager Traiskirchen. Wie in den guten, alten 1980er-Jahre-Musicals, in denen ein Protagonist nach dem anderen vortritt, um seine Geschichte zu erzählen, so ungefähr funktioniert es auch hier.

Der Bösewicht ist Journalist: Dariush Onghaie spielt und singt den Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Das Krähengericht (hi.) muss über einen Fall von Folter entscheiden: Shureen Shab-Par spielt die Kurdin, die glaubt ihren Peiniger erkannt zu haben. Bild: Verena Schäffer

Dazwischen gibt es verbindend Komisches, Running Gags wie etwa Moussa Thiaw als Moses, der statt seinen ORS-Pflichten nachzukommen, lieber mit seinem Schatzi telefoniert, drei Love Storys über alle Grenzen hinweg, und hinreißende, mitreißende Ensembleszenen. Dreiviertel der Darsteller sind diesmal Profis, 30 Menschen aus 19 Herkunftsländern, ausgebildete Sänger, Tänzer, Schauspieler … Sie alle kennen Traiskirchen von innen, manche waren schon vor Jahren als Kinder dort, andere erst kürzlich. Geschont wird in dieser Inszenierung niemand. Weder die Traditionalisten noch die Willkommensrassisten, weder die Islamisten noch die selbstverliebten Weltverbesserer.

„Traiskirchen. Das Musical“ zeigt einmal mehr, dass sich am meisten hasst, was sich am ähnlichsten ist. Im „Parolenbattle“ versucht jede Partei die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die hasten hin und her – und finden sich am Ende bei Geiz ist geil. Beim Integrationsshopping sozusagen. Die zum Spendenselbstopfer hochstilisierte Zivilgesellschaft muss sich genauso persiflieren lassen wie die überforderte Politik, ein Dschihadist (gespielt von Jihad Al-Khatib), der Medikamente, die er braucht, auf religiöse Reinheit prüft, wird ebenso durch den Kakao gezogen, wie der letzte Christ (Amin Khawary stellt ihn dar), der versucht mit Hardrock auf seine Kirche aufmerksam zu machen.

Der Schlepper vom Dienst (verkörpert von Khalid Mobaid) spricht nicht nur wie Jesus beim Letzten Abendmahl, er lässt sich anschließend auch kreuzigen. Gern ist er der alleinig Schuldige, solange seine Kasse stimmt. Uwe Dreysel rennt als ORS-Josef von hie nach da, um zu helfen, aber ach, seine Bemühungen wollen und wollen nicht fruchten. Am Höhepunkt des Trubels wieder Bruch, wieder (Alb)traumsequenz: Das Krähengericht tritt zusammen, weil eine Kurdin (gespielt von Shureen Shab-Par) glaubt, in einem anderen Lagerbewohner ihren einstigen Folterer erkannt zu haben. Doch der hat einen philippinischen Pass – ORS-Moses ist rat- und hilflos …

Stefan Bergmann singt und spielt einen Traiskirchner, der Welcome-Blumen pflanzt, aber alsbald auf Rache sinnt. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Die ORS-Männer sind überfordert: Moussa Thiaw als Chef Moses (am Apparat natürlich Schatzi) und Farzad Ibrahimi als David, die Pfeife. Bild: Verena Schäffer

Während der Peiniger nicht identifiziert werden kann, ist es mit anderen Dramatis personæ ganz leicht. Hanna Binder ist großartig als Betreuungsstellendirektor Stabhüttel, dessen einzige Sorge und Solidarität der aus ihrem Lebensraum Teich verschwundenen Schildkröte (dargestellt von Kung-Fu-Meister Haidar Ali Mohammadi) gilt – „Die haben sicher die Ausländer gefressen!“ – nein, es wird sich herausstellen, sie ist nach Schweden weiter emigriert. Auf alle Sorgen weiß er nur einen Satz: „Des is mei Lager.“ Für Khalid Mobaid haben Lichtenberger Bozoki und Richard Schuberth den „Mikl-Leitner-Blues“ geschrieben, eine sehr sexy vorgestrippte Nummer, in der die Bühneninnenministerin beklagt, wie es ist, „to be the eternal booman, the most misunderstood woman – since Richard Nixon and President Truman.“ Eine Weltklassenummer, in der natürlich der Weltklassesatz fallen muss: „So viele Menschen – so wenig Klopapier.“

Dariush Onghaie darf der Bösewicht des Stücks sein, ein Journalist, genannt der Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Seine Message ist klar: Egal, was er schreibt, „ihr glaubt mir eh alles“. Zwei gute/schlechte Typen sind auch Stefan Bergmann als Traiskirchner, der Welcome-Blumen für die Refugees pflanzt, aber sofort nach Rache ruft, als versehentlich eines der Pflänzchen zertreten wird. Bernhard Dechant gibt den am Bühnenrand herumlungernden und auf seine Chance wartenden Quotensandler, auf den sich die Österreicher immer dann besinnen, wenn ihnen der einheimische Obdachlose lieber ist, als der ausländische – in solch schwachen Momenten, und nur in solchen Momenten wird er dann gehegt und gepflegt.

Drum hasst sich am meisten, was sich am ähnlichsten ist: Die rechten Weltanschauungen des „Orient“ und des „Okzident“ prallen aufeinander. Bild: Verena Schäffer

Futurelove Sibanda schließlich ist Tanzfans ohnedies längst kein Unbekannter mehr. Der vielseitige Solo-Performer ist seit 2009 in zahlreichen Produktionen als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu sehen gewesen – in „Traiskirchen. Das Musical“ spielt er einen Amnesty-International-Mitarbeiter, der aufgrund seiner Hautfarbe von der Hilfsarmada freilich für einen Flüchtling gehalten wird.

Die geballte Professionalität der Produktion zeigt einmal mehr, welch Potenzial da ist, wenn man über Grenzen hinausgeht. Sie ist ein Feel-Good-Feel-Free-Abend, und die Spielfreude der Akteurinnen und Akteure mehr als ansteckend. Dass Leisch/Dechant manchmal Richtung Erklärstück entgleiten, ist den beiden inne, und wahrscheinlich tatsächlich kann man’s manchen nicht oft genug sagen. Die Standing (hier eigentlich: Moving) Ovations am Ende aber galten den allesamt sehenswerten Performances. Und waren endlich eine Gelegenheit gemeinsam zu tanzen und zu feiern.

INFO: ORF2 bringt am 11. Juni um 13.30 Uhr in „Heimat, fremde Heimat“ einen Bericht von der Premiere. Nach den Wiener Festwochen gibt es Spieltermine in Niederösterreich.

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=24999

www.schweigendemehrheit.at

www.festwochen.at

Wien, 10. 6. 2017

Belvedere: Stella Rollig und Wolfgang Bergmann präsentieren ihre Pläne

Mai 23, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Museum neu denken. Museum neu erleben“

Stella Rollig, die neue Generaldirektorin des Belvedere, und der Wirtschaftliche Geschäftsführer Wolfgang Bergmann stellten ihre Pläne vor. Bild: Ingo Pertramer, © Belvedere Wien

Unter dem Titel „Museum neu denken. Museum neu erleben“ präsentiert die neue Doppelspitze des Belvedere, Stella Rollig und Wolfgang Bergmann, am Dienstagvormittag ihre Vision für die Zukunft des Museums. Die häufigste Frage an Museumsverantwortliche ist, wie viele Menschen ein Museum besuchen. Diese Frage ist berechtigt. Ich plädiere dennoch für einen Wechsel des Denkmusters. Wir müssen uns fragen: Wie gehen die Menschen aus dem Museum wieder hinaus, was nehmen sie von ihrem Besuch mit?“, so umreißt Rollig, neue künstlerische Direktorin des Belvedere, ihre Aufgabe und ihr Selbstverständnis.

Für sie ist das Museum ein „Kraftort“, der dazu einladen soll, innezuhalten und in Dialog mit der Kunst zu treten. Die Besucher sollen mehr Zeit im Haus verbringen, hier zur Ruhe kommen und Wissen und Erfahrungen mitnehmen, die kein Reiseführer und kein anderes Medium bieten können.

Dazu will man auch eine „Vermittlungsoffensive“ starten, die sowohl „das digitale Belvedere“ als auch die Forschung im hauseigenen Research Center betrifft. Dieses soll „zum Player in der nationalen und internationalen Forschungslandschaft“ ausgebaut werden, in dem man vernetzte Forschungsprojekte konzipiert und realisiert. Diesbezüglich wird es personelle Neubesetzungen geben, die Ausschreibungen laufen. Rollig kündigt eine Neukonzeption und Neuhängung der Sammlung im Oberen Belvedere an, das künftig als mehr denn als „Tourismusort“ funktionieren soll. Sie will hier neue Schwerpunkte setzen, mit Themensetzungen die chronologische Führung unterbrechen und so neue Abläufe schaffen – „eine Aufforderung an die Wienerinnen und Wiener öfter zu kommen.“

Im Unteren Belvedere und in der Orangerie werden weiterhin Wechselausstellungen präsentiert, wobei Rollig eine Schärfung der Epochenzuteilung ankündigt. Von der zeitlichen Spannweite werden die Ausstellungen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges reichen. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf dem Werk und der Zeit von Gustav Klimt liegen, eine Verpflichtung für die weltweit größte und berühmteste Gustav-Klimt-Gemäldesammlung. 2018 wird es eine Sonderausstellung anlässlich Klimts 100. Todestag geben, die den Fokus auf dessen Nachwirken und den Aufbruch der Künstler der Donaumonarchie in die Moderne zeigen soll.

Das 21er Haus soll zum „Heimathafen“ der Wiener Kunstszene werden, in dem österreichische Kunst seit den 1960er-Jahren im internationalen Kontext gezeigt und das Schaffen der „Jungen Szene“ vorgestellt wird. Man will sich als Hotspot inmitten des neugeschaffenen Stadtentwicklungsgebiets, als „Kunstnahversorger“ präsentieren. Eine der schönsten Ideen des neuen Führungsduos dazu ist die Öffnung des Skulpturengartens für Gastronomie, wenn möglich bei freiem Eintritt über den Schweizergarten. Bergmann, neuer Wirtschaftlicher Geschäftsführer des Belvederes, erklärt: „Wir denken daran, einen Übergang von Freizeit zu Kultur zu etablieren, mit Live-Art und Sound-Art, sozusagen einen Ort für ein After-Work-Bier.“ Im Pavillon selbst werden flexibel bespielbare, großzügige Räume  geschaffen. Das Obergeschoß wird auf seine ursprüngliche, offene Form zurückgeführt. Als längerfristige Perspektive wird die Schaffung eines neuen Ausstellungsraums im Tiefgeschoss angestrebt.

Auch im Belvedere setzt Bergmann darauf, das Gesamtensemble, also Museum und Parkanlagen, in den Museumsbesuch einzubeziehen. Bereits diesen Sommer soll es erste Programme im Kammergarten geben, wie beispielsweise „Kunst & Freiluftkino“ oder „Kunst & Picknick“. Man will hier auch einen Bar- und Loungebetrieb testen. Eine stärkere Neuausrichtung auf die Interessen der Besucher zeigt sich auch in der Aufhebung des allgemeinen Fotografie-Verbots. „Natürlich ohne Blitz und Stativ“, so Rollig, „aber man kann ja mit dem Handy heute schon sehr einfach sehr schöne Fotos machen.“ Und Bergmann ergänzt: „Wir freuen uns, wenn die Besucher ihre Fotos von hier in den sozialen Medien posten, die zeigen, dass sie Spaß hatten und sich wohlgefühlt haben. Eine bessere Werbung gibt es gar nicht.“

www.belvedere.at

Wien, 23. 5. 2017