Volksoper im Kasino: Powder Her Face

April 23, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine speelige Oper über die Queen of Queer

Die Queen of Queer mit ihrem Gefolge: Ursula Pfitzner, David Sitka (li.) und Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist nichts Alltägliches, dass eine Inszenierung eine Altersfreigabe ab 16 Jahren hat. Bei Komponist Thomas Adès‘ Erstlingswerk „Powder Her Face“ weist praktischerweise bereits der Wikipedia-Eintrag auf den Grund dafür hin, hat doch Librettist Philip Hensher in dessen vierte Szene den ersten Blowjob der Opernwelt eingeschrieben. Dass im Werk der beiden Briten viel mehr steckt, als einmal „Französisch“, beweist allerdings die fürs zeitgenössische Musiktheater beispiellose Erfolgsgeschichte seit seiner Uraufführung 1995 beim Cheltenham Festival. Die Volksoper zeigt die erotische Kammeroper nun als dritte Produktion an ihrem Spielort für Besonderes, dem Kasino am Schwarzenbergplatz, und es ist von einer gewissen Pikanterie, diese Arbeit im einstigen Palais des Habsburger-Nesthäkchens Erzherzog Ludwig Viktor zu sehen.

Machte Skandalprinz „Luzi-Wuzi“ aus seinem queeren Lebensstil ja bekanntlich kein Geheimnis. Queer, diesen ehemaligen Begriff für abnorm oder abartig, hat die LGBT-Community längst als Selbstbeschreibung für sich in Anspruch genommen, vielfach taucht das Wort auch im Henshers explizitem Text auf, ein Moment, auf das Regisseur Martin G. Berger Bezug nimmt, indem er den Solistinnen und Solisten der Aufführung eine in allen sexuellen Spielarten ausgestattete Statisterie zur Seite stellt.

Diese empfängt das Publikum leicht geschürzt schon beim Einlass, überhaupt gehen die Darsteller immer wieder auf Tuchfühlung zu ihm, wenn sie die Bühne, die eigentlich ein rund ums Orchester laufender Catwalk ist, verlassen. Bergers Zugriff auf die Oper ist very british, spleenig und skurril, was passt, wird doch der tragische Absturz der Protagonistin in eine schwarzhumorige Gesellschaftssatire gebettet, in der weder die Upper Class noch das in doppeltem Sinne gemeine Volk geschont werden, und mit der Adès und Hensher die Dekadenz und den Ennui der High Society ebenso aufs Korn neben, wie die Falschheit und Verbissenheit deren, die in diesen inneren Kreis mit allen Mitteln zu gelangen trachten. Unnötig zu sagen, dass dieses vor Sex und Zynismus geradezu dampfende Stück von den Zuschauern heftig akklamiert wird.

Rückschau im Rosé-Riesenpelz: David Sitka, Ursula Pfitzner, Bart Driessen und Morgane Heyse. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Richter ist ein Hampelmann: Bart Driessen projiziert mit Livekamera sein Gesicht auf die Puppe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende eine Karikatur ihrer selbst: Morgane Heyse als Interviewerin und Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Inspiriert ist „Powder Her Face“ von der Biografie der in Großbritannien legendären Margaret Campbell, Duchess of Argyll, einer nicht nur in Liebesdingen Freigeistin mit den Markenzeichen Pudel und dreireihige Perlenkette, und ihrem aufsehenerregenden Scheidungsprozess vom Herzog im Jahr 1963, bei der ihr dieser nicht nur 88 Affären vorrechnete, sondern auch das Polaroid einer Fellatio vorlegte. Adès hat dafür eine dreiste Partitur zu Papier gebracht, ein Mix aus Zitaten der Unterhaltungsmusik der 1920- und 1930er-Jahre, Tango und Cole-Porter-Persiflage, der Margaret Campell laut ihr in „You’re the Top“ besungen haben soll, und Reverenzen an Schubert, Strawinsky und Strauss‘ „Rosenkavalier“. Dirigent Wolfram-Maria Märtig führt das kleine, mit unter anderem überdimensionalem Schlagwerk, Harfe, Akkordeon und Klingeln eigenwillig besetze Instrumentalensemble der Volksoper zur Höchstleistung, wenn es die disparaten musikalischen Versatzstücke aufs Feinste zusammensetzt. Nicht umsonst wird dieser Klangkörper beim Schlussapplaus beinah am lautesten gefeiert.

Wie Adès den Musikern bei der Klangschöpfung menschlicher Abgründe enorme Virtuosität abverlangt, so müssen auch die vier Akteure für ihre schwierigen Partien alles geben. Dies gelingt Ursula Pitzner als Duchess, Morgane Heyse als Maid, David Sitka als Electrician und Bart Driessen als Hotel Manager gesanglich wie schauspielerisch exzellent. Pitzner balanciert als Queen of Queer brillant auf dem schmalen Grat, ihre Figur der Lächerlichkeit preiszugeben und trotzdem etwas von deren Würde zu retten. Ob die acht Szenen Erinnerung oder Einbildung sind, enträtselt sich nicht, da Morgane Heyse, David Sitka und Bart Driessen nicht nur das Personal des Hotels, in dem die Herzogin ihre späten Jahre verbrachte, verkörpern, sondern auch Feinde und Wegbegleiter früherer Zeiten. Klammer der Handlung ist das Jahr 1990, von dem aus die Ereignisse von 1934 bis 1970 erzählt werden, allerdings nie die prägenden, sondern stets ein Warten darauf oder ein Reflektieren darüber.

So geht’s über Körperverschlingungen zu einem schräg-sündigen Tango, dieser gleichsam die Ouvertüre und Morgane Heyses erste Chance zum Koloratur-Orgasmus, über eine Spottepisode, in der Zimmermädchen Heyse und Elektriker Sitka die Herzogin ob ihrer Freizügigkeit demütigen, von 1990 nach 1934, in welchem die Duchess sehnsüchtig auf den zu werdenden Ehemann Nr. 2, Bart Driessen als Herzog, hofft. Auch hier kommentieren die Bediensteten die Gefühlsduselei ihrer Herrin hämisch, ihre Habsucht gegen seinen Hang, Mädchen ins Unglück zu stürzen. Zwei Jahre später, bei der Hochzeit, träumt eine Kellnerin angesichts der ausschweifenden Feierlichkeiten vom Luxus.

Exzess mit Badewanne: David Sitka, Bart Driessen, Morgane Heyse und Ursula Pfitzner in Champagner und Schoko. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Society erfreut sich am Scheidungsskandal: David Sitka, Morgane Heyse und Bart Driessen als Richter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin G. Berger erschafft auf der Bühne von Sarah-Katharina Karl und mit den Bondage-Accessoires, Strapsen und Spitzencorsagen von Kostümausstatter Alexander Djurkov Hotter sinnlich-suggestive Bilder. Zur Vergnügung jedes mit jedem werden schön klischierte Videos von zerfließendem Softeis und aufblühenden Blumen projiziert. Mit vollem Einsatz wird geposed, nehmen die Damen ein Champagner-Schokolade-Obstsalat-Bad, singt sich Pitzner bei Sitkas sehr speziellem Roomservice, Berger präsentiert Beischlaf statt Oralsex, zum Höhepunkt, tobt die Öffentlichkeit schließlich in Affenmasken über die Eskapaden der Herzogin. Die Verrücktheiten, die die allgemeine Sensationsgier von ihr nachgerade forderte, werden der Herzogin nun zum Vorwurf gemacht, werden ihr zum Verhängnis werden.

Mit Heyse und Sitka, die ihre Stimmen im Reigen der Rollen- und Partnerwechsel sicher führen, glänzt Bart Driessen, der diese Charaktere schon zum zweiten Mal gestaltet, als Herzog und als Scheidungsrichter. Ersterer hat nicht nur einen Auftritt wie der Komtur, sondern darf sich auch, als ihm seine Geliebte die Seitensprünge der Gattin offenbart, rechtschaffen männlich entrüsten und besagtes Polaroid in der Luft zerfetzen. Bei zweiterem ergänzt Driessen einen Riesenhampelmann um sein per Livekamera gefilmtes Gesicht, der Gesetzsprecher, der die Herzogin für pervers und ergo schuldig erklärt, als bigotter In-ihren-Unterrock-Wichser, den vor Geifer ein genitaler Blutsturz ereilt. Was Driessen nicht davon abhält, seine Arie vortrefflich zu Ende zu singen. Als Hotel Manager wird es, wieder 1990 angelangt, seine Aufgabe sein, unter Absingen einer Art Requiem die mittlerweile verarmte Adelige aus dem Haus zu expedieren, wogegen sie sich ein letztes Mal einem freilich interesselosen Mann anbietet.

Davor stellt Ursula Pfitzner noch einmal ihr tragikomisches Können aus, 1970, da wird die Herzogin interviewt, erscheint als Karikatur ihrer selbst mit clownesk-groteskem Makeup und überkandidelter Perücke, den Hängebusen im pinken Kostüm verstaut und mit Plüschtierpelz verhängt. Aber während sie über ihre Schönheitsgeheimnisse schwadroniert, bricht durch ihren Smalltalk die Einsamkeit, der Jammer über den Verlust von sogenannten Freunden und Liebhabern. Noch einmal Tango, doch angeekelt zieht man sich von ihr zurück, und am Ende die Erkenntnis: „Die einzigen Menschen, die je gut zu mir waren, wurden dafür bezahlt.“ „Powder Her Face“ ein weiteres sehenswertes Kleinod der Volksoper im Kasino. Morgen wird Hausherr Robert Meyer verraten, was in der Saison 2019/20 am großen Haus und in der kleinen Spielstätte geplant ist. Man darf gespannt sein.

Video: www.youtube.com/watch?v=ISNsqcL9ZWg&t=77s  www.youtube.com/watch?v=2EWQ2Yo3a-c           www.volksoper.at

  1. 4. 2019

Volkstheater: Gutmenschen

Februar 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Moment, an dem einem das Lachen vergeht

Yousef (Yousif Ahmad auf der Leinwand) liest im Haus der Barmherzigkeit Thomas Bernhard. Am Tisch: Sebastian Klein, Katharina Klar, Knut Berger, Paul Spittler und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Inmitten all der Fröhlichkeit die beklemmend gespielte Szene. Der Moment, an dem einem das Lachen vergeht. Yousif Ahmad, Asylwerber mit bereits negativem Bescheid, darf nicht auf die Bühne des Volkstheaters. Er hat keine Arbeitserlaubnis und wird deshalb in der Garderobe festgehalten. Eine Dreißig-Sekunden-Überquerung der Spielfläche wird ihm schließlich gestattet, unter der Voraussetzung, dass niemand mit ihm interagiert. Er tritt auf – und die anderen Darsteller schweigen und wenden sich (beschämt) ab.

Ein starkes Bild über die Aus- und Abgrenzung von Menschen …

Yousif Ahmad spielt Yousef, heißt: er spielt seine eigene Geschichte. Deren zweiten Teil, mit – aufgrund Einspruchs – noch ungewissem Ausgang. Volkstheater-Schauspielerin Birgit Stöger hat bei der Nestroypreis-Verleihung in einer flammenden, die Medien und den mittlerweile Ex-Kulturminister aufscheuchenden Rede seine geplante Abschiebung angeprangert. Nichts ist seither besser geworden. Den ersten Teil, die Ankunft des Irak-Flüchtlings in Österreich, kennt man aus „Lost and Found“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16723), nun haben Regisseurin Yael Ronen und Ensemble eine Fortsetzung erarbeitet. Fürs Theater wohl eine ziemlich einmalige Sache.

Auftreten bekannte Personen. Man erinnere sich: Da ist Maryam, Yousefs Cousine, die sich vom schwulen Schnute künstlich befruchten ließ. Die Tochter ist mittlerweile da, und wird von Oma Ute umhegt. Maryams Bruder Elias hat es mittlerweile geschafft von seiner Freundin Klara einen Heiratsantrag zu bekommen. Schnute lebt mit Partner Moritz, der wiederum bei Menschenrechtsanwalt Nachmann arbeitet. Ihn kennt man auch aus der Ronen-Produktion „Niemandsland“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23326). Maryams Ex Jochen ist diesmal via Video dabei, ebenso der gemeinsame Sohn Jim Pepe.

Der Plot: Maryam, hauptberuflich ja Bloggerin, hat einen Deal mit Red Bull abgeschlossen. Weil die Energydrink-Giganten jetzt auf Bio setzen, sollen „Gutmenschen“ – Maryam samt Familie – in einer Art Reality Show quasi Werbung fürs neue Produkt machen. (Warum die Marke ausgewählt wurde, erfährt man im Programmheft, der rote Plastikstier auf der Bühne sicherlich nicht nur deren Symbol, sondern auch eines für den Turbokapitalismus, der aus Eigennutz so gern glauben machen möchte, dass „das Boot voll ist“. Die Zimmergrundrisse im Bühnenbild von Wolfgang Menardi wohl ein Hinweis auf den zitierten Mateschitz-Sager, nicht jeder, der „Wir schaffen das“ gerufen hätte, hätte sein Gästezimmer frei gemacht.) Doch bevor’s losgehen kann – und man die hausgemachte Verarschung erkennt, öffnet Maryam den Brief über Yousefs geplante Abschiebung, und man hat plötzlich natürlich Wichtigeres zu erörtern. Man macht sich auf einen langen Instanzenweg gefasst, der letztlich nur Zeit, Geld und Nerven kostet, und ackert mögliche Ehekonstellationen für Yousef durch …

Maryam (Birgit Stöger) ist erschüttert über Yousefs negativen Asylbescheid. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Oma Ute erklärt Sohn Schnute was über sichere Herkunftsländer: Jutta Schwarz und Knut Berger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bei Yael Ronen wird das wie immer rotzfrech witzig und politisch brisant abgehandelt. „Gutmenschen“ ist eine überdrehte Farce, die, wie sich’s fürs Genre gehört, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellt. Dabei werden Vorurteile, Vorverurteilungen und Fehleinschätzungen über Flüchtlinge und deren „sichere Herkunftsländer“ ebenso durchdekliniert, wie die Alltagsrassismen, die offenbar noch im Bestmeinenden zu sitzen scheinen. Menschlichkeit und Toleranz zu reden und zu leben, das sind mitunter zwei Paar Schuhe. Ein diesbezügliches Kabinettstück liefert Jutta Schwarz als Oma Ute, entsetzt darüber, dass Yousef ihrer Enkelin Arabisch beibringt: Er ist ja wirklich ein feiner Kerl, aber …

Die Königin des Patchwork-Wahnsinns ist wieder Birgit Stöger als Maryam, eine hippelige, hypernervöse Stadtneurotikerin. Sebastian Kleins Elias versucht sich als Mann zu emanzipieren, während Katharina Klar als queere Klara mit ihrem Anti-Rechts-Lovesong einen der besten Auftritte des Abends hat (eine Überschreibung von Hubert von Goiserns „Du bist so weit, weit weg“ mit langem Zwischenapplaus, als sie singt, wie sehr ihr Österreichs Rechtsruck „schiach tuat“). Knut Berger spielt den Schnute, Jan Thümer wieder Jochen, Julius Feldmeier wieder Lukas Nachmann. Als Moritz ist Paul Spittler zu sehen, als Jim Pepe Jermolaj Klein.

Die schönste Szene des Abends ist, wenn Yousef, er macht zwecks Integrationsnachweis ehrenamtlich Dienst im Haus der Barmherzigkeit, den alten Leuten aus Thomas Bernhards „Alte Meister“ vorliest. Und einem so schlagartig wieder einmal vorführt, wie die hiesige Mentalität eben ist. Yael Ronen trifft mit „Gutmenschen“ den Nerv der Zeit: Auf „Willkommenskultur“ und freundliche Aufnahme folgte zumindest versuchte Eingliederung, jetzt: alles egal, es geht ans Zurückschicken … Ach ja, Gutmensch(en): War schon einmal eines der Unwörter des Jahres. Wird mittlerweile von Rechts als Kampfbegriff verwendet. Gegen Personen oder Gruppen, die gesellschaftlich integer handeln wollen. Andererseits, wer will schon ein Schlechtmensch sein?

www.volkstheater.at

  1. 2. 2018

Michael Hanekes „Happy End“

Oktober 5, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die staubtrockene Heiterkeit von Selbstmord

Die Familie Laurent. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Dies die erste Szene: Ein Hamster wird mittels Antidepressiva ins Jenseits befördert. Die Pillen gehören der Mutter, die gerade den x-ten Selbstmordversuch unternimmt, mit äußerster Gelassenheit dokumentiert und analysiert von Tochter Eve via Handyvideo und mobilem Texten. Bis sie die Rettung ruft. Diesmal gelingt der Plan der absurd Erziehungsberechtigten.

Das Scheidungskind übersiedelt zum Vater und dessen neuer Frau. Heißt: Neue Familie, doch in Calais ist alles anders, Calais ist alles andere als ein Daheim. „Happy End“ ist der jüngste Film von Michael Haneke, ab Freitag in den Kinos, und ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt. Ein im Grunde düsteres Familienporträt, an das der Filmemacher mit einer ungewohnten Heiterkeit, in seinem Falle freilich einer staubtrockenen, herantritt. Fast scheint’s, als wollte der Realist Haneke diesmal ein Märchen über Selbstbehauptung und Selbstbefreiung erzählen, eine Empfindung, zu der auch die bestechend schönen, mitunter gesofteten Bilder von Christian Berger beitragen. Fast scheint’s, als hätte Haneke sich für diese Arbeit die Seinsphilosophie von Thomas Bernhards Großvater Johannes Freumbichler zu eigen gemacht. Man könne, formulierte der Heimatschriftsteller, das Leben nur überleben, weil Suizid ein jederzeit möglicher Ausweg aus ihm sei …

Einen Großvater gibt es auch in „Happy End“. Jean-Louis Trintignant spielt ihn grandios diesen Georges Laurent, auch er ein Freiwilliger für den Freitod. Isabelle Huppert mimt wieder die Tochter, wie schon in „Amour“, als der Alte seiner Frau den Gnadentod gewährte (was Georges, Achtung: Querverweis, seiner Enkelin in einem schwachen Moment anvertraut). Nun will er selbst nicht mehr. Der Patriarch ist längst zurückgetreten und hat die Geschäfte an die Patriarchin weitergereicht, sie aber keine Fädenzieherin, sondern nur noch -zusammenhalterin. Man ist im Bauwesen tätig, und in einer enervierend langen Einstellung hält die Kamera aus weiter Ferne auf eine Baugrube zu, bis endlich eine riesige Stützmauer unter Getöse einbricht. Mehr Zitat braucht es nicht.

Isabelle Huppert. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Jean-Louis Trintignant. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Ein Arbeiter wird schwer verletzt. Enkel eins, Franz Rogowski als Annes Sohn Pierre, ein vom Ekel über die eigene Existenz durchs Leben getriebener junger Mann und höchst unfreiwilliger Mitarbeiter im Familienbetrieb, soll’s richten. Die kleine Eve indes, Fantine Harduin als Enkel zwei, wird sich an den Tabletten der toten Mutter versuchen. Was sie später, sie überlebt, mit dem morbiden Argument rechtfertigen wird, dass doch dem Nachwuchs das Austesten jener Grenzüberschreitung gestattet sein müsse, an der die Erwachsenen hier Tag und Nacht basteln.

In Cannes hinterließ „Happy End“ ein zwiegespaltenes Publikum. Mittlerweile hat Haneke seinen Film in einem Interview als Bemühung übers Komische dargestellt. Mit Querverweis auf Georges Feydeaus Farcen. In diesem Lichte lässt sich sein galliges Werk neu deuten, die großbürgerliche Fassade, hinter der die Figuren je nach Temperament im- oder explodieren, die bestsituierten Verhältnisse unter deren Oberfläche es brodelt, bis einer ausbricht. Aus diesen Zwängen und wie ein Vulkan. Es wird natürlich Pierre sein. Von Rogowski gespielt als angry young man, als wär‘ er eine junge Ausgabe von Joaquin Phoenix – dies als Kompliment gemeint. Wie überhaupt der ganze Cast durch sein intensives Spiel in Bann zieht.

Franz Rogowski. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Fantine Harduin. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Die Huppert brilliert als vorwurfsvoll ermahnende Mutter, die ihrem Enfant terrible bei Ungehorsam auch schon einmal einen Finger ausrenkt. Die kleine Fantine Harduin ist schlicht fabelhaft, sie die schweigsame, verstörte Heldin des Films, die Protagonistin, die es aus dem zurückgezogenen Leben an der Seite der Mutter in die High Society würfelt, ohne das ihr jemand die neuen Spielregeln erklärt. Trintignants Darbietung ist von exzellent zynischem Feinschliff. In einer der schönsten Szenen kommt es zur Annäherung Großvater – Enkelin, dieser intime Moment samt – siehe oben – beinah biblischem Erlösergeständnis gleichsam das Herzstück der Handlung.

Haneke hat seine gewohnten Versatzstücke in Position gerückt. Von geheimen Überwachungsbildern über sadistische Experimente und darob Verzweiflungstaten bis zu kindlicher Grausamkeit ist alles da, was die Motive des frankophilen Wiener Regiestars ausmacht. Eves Vater, Mathieu Kassovitz als Thomas, hat eine lange Zeit anonym bleibende Geliebte, die ihm via Mail-Verkehr ihre sadomasochistischen Wünsche für den körperlichen mitteilt. Der ach so liberale Laurent-Clan hält sich ein nordafrikanisches Haushälterpaar und einen bissigen Wachhund, und als der nach dem Dienerkind schnappt, muss sich Vater Rachid (Hassam Ghancy) noch verantworten, warum er die Bestie nicht besser verstaut hat. Der aufgelösten Mutter (Nabiha Akkari) teilt die Huppert großbürgerlich-gelassen mit, das sei doch alles nicht so schlimm. Vor allem angesichts dieses formidablen Arbeitsplatzes.

Am Set: Fantine Harduin, Michael Haneke und Jean-Louis Trintignant. Bild: © WEGA Filmproduktions GmbH

Haneke macht sich die sozialen Medien für seine Zwecke zu Nutze. Es gibt Online-Chats zum Mitlesen, You-tube-Videos, und aus all diesen Fragmenten setzt sich die lange Zeit rätselhafte Story zusammen, die erst während sie Fahrt aufnimmt, beginnt Sinn zu ergeben. Es dauert, bis sich die episodenhaften Skizzen zu einem Ganzen fügen. Der Witz, erkennt man dann, ist:

Man zelebriert eine alten Privilegien entstammende Dekadenz, die man als Mensch des 21. Jahrhunderts vorgibt, überwunden zu haben. Doch Klassenbewusstsein und das Selbstverständnis, im Gegensatz zu Menschen mit Migrationshintergrund der Grande Nation anzugehören, machen nach wie vor die Lebensart des Laurent-Clans aus. Aus diesem Schein vs Sein entfaltet sich tatsächlich so etwas wie Feydeau’sche Gfeanztheit. Nur wird hier, was der Dramatiker zur Tollheit treibt, in gemessener Langsamkeit zelebriert. Haneke lässt sich Zeit, um seine Themen zur Zeit abzuhandeln.

Am Ende, im unpassendsten Moment, keimt Georges Todeswunsch erneut. Lebensunfähigkeit und Empathiebefreitheit und Eskalation brechen sich Bahn. Ausgerechnet bei Annes Verlobungsfeier mit Lawrence – der wunderbare Toby Jones, dem Haneke leider kaum etwas zu spielen gibt. Pierre erscheint im Nobelrestaurant mit einer Gruppe schwarzer Flüchtlinge, man bemüht sich hektisch für die Außenseiter einen Tisch zu richten. Trintignant nutzt die Verwirrung, um sich von Eve mit dem Rollstuhl ins Meer schieben zu lassen. Doch, oh weh: Das Wasser steht ihm (wie uns allen) nur bis zum Hals. Soweit die Schlusspointe in Hanekes seelenruhiger Selbstmördersaga. Ob die Oscar-Jury damit etwas anfangen kann? Es wird sich zeigen …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mzk8ds7xUM0

www.festival-cannes.com/en/films/happy-end-1

BUCHTIPP: Am 25. September erscheint im Zsolnay Verlag „Michael Haneke: Happy End. Das Drehbuch“. 160 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen und einem Nachwort von Ferdinand von Schirach.

  1. 10. 2017

Kammerspiele: Lenya Story – Ein Liebeslied

März 31, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Standing Ovations für Sona MacDonald

Psychogramm einiger komplizierter Künstlerbeziehungen: Sona MacDonald als Lotte Lenya und Tonio Arango als alle ihre Männer. Bild: Moritz Schell

Sona MacDonald in ihrem Element, dafür gab’s Donnerstagnacht in den Kammerspielen der Josefstadt Standing Ovations. Nach Marlene Dietrich und Billie Holiday widmet die wunderbare Schauspielerin und Sängerin all ihre Talente nun der Weill-Gattin und Brecht-Muse Lotto Lenya. „Lenya Story – Ein Liebeslied“ heißt der Abend, den auch diesmal Torsten Fischer und Herbert Schäfer für die Ausnahmekünstlerin geschaffen haben.

Und wieder versteht es MacDonald, ihre Sprache, ihre Stimme einer großen Diseuse anzuverwandeln, erneut gelingt es ihr, tief in deren Seele abtauchen – und nicht als Kopie, sondern als ein eigenständiger „Klangkörper“ ihre Geschichte zu erzählen. Dass Timbre und Temperament stimmen, versteht sich. MacDonald „kann“ die Lenya mit ihren eigenwilligen Tönen, die mal hell klirren wie zerstoßenes Glas, mal wund und rau sind, wie mit Sandpapier geschmirgelt. Sie kann ihren unbändigen Elan und den puren, rohen Sex-Appeal, sie changiert zwischen Schutz suchendem Mädchen und rotzfrecher Straßengöre. Wie sie da auf der Bühne steht, scheint auch sie eigens geschaffen zur Heldin der Brecht-Weillschen Gossenwelt mit ihren Lumpen, Gaunern und leichten Madämchens. „Sie kennen ja die berühmten Zwanzigerjahre. Jede Frau war eine femme fatale, und alle schliefen miteinander“, sagt Lenya launig.

MacDonald atmet den Zeitgeist dieser Zwanziger- und Dreißigerjahre; Fischer, ein Experte für solcher Art Aufführungen, fügt geschickt die Zeitgeschichte hinzu. Entlang von Lenyas Biografie und der Weill-Musik macht er die politischen Machtverhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts greifbar. Die Bühne zeigt eine Welt in Schieflage, der Schnee, der auf den Steilhang fällt, wird mehr und mehr zu Ruß und Asche. Man ringt buchstäblich wie bildlich um Widerstandskraft und Standhaftigkeit; jeder Song gilt dazu als Zitat über gesellschaftliche Zu- und Umstände: „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, „Berlin im Licht“ und natürlich und vor allem „Wie lange noch“. Ein hervorragendes Musikerquartett, Christian Frank, Herbert Berger, Andy Mayerl und Klaus Pérez-Salado, interpretieren einiges an Neu- und Wiederentdeckungen so stimmig, wie die Gassenhauer aus der „Dreigroschenoper“, „Mahagonny“ oder „Happy End“.

Alter Bilbaomond! Wo noch die Liebe lohnt… Bild: Moritz Schell

Du hast kein Herz, und ich liebe dich so … Bild: Moritz Schell

Was dieses Sona-MacDonald-Fest aber vor allem anderen auszeichnet, ist ihr Bühnenpartner Tonio Arango. Mit ihm wird das Solo für Sona zum Psychogramm eines komplizierten Künstlerpaares. Er schlüpft in die Rollen aller Lenya-Männer, gibt mit Glatze und Nickelbrille den Lebensmenschen Kurt Weill, mit Schiebermütze und Zigarre kurz Bert Brecht, die Ehemänner zwei und drei, George Davis und Russel Detwiler, und diverse andere Liebhaber. Spielt einen James Bond, dem die Lenya als KGB-Offizierin Rosa Klebb „Liebesgrüße aus Moskau“ schickt. Dann wieder feiert Sie mit roter Federboa und Er mit Zylinder und Strapsen – die Exzellenz der Dekadenz. Kein Wunder, erscheint ihnen später New York langweilig und Hollywood als spießiges Nest.

Es ist ein pralles, fiebriges, mitunter arg anekdotisches Dasein, das die Inszenierung zeigt. Ein Dasein, das sich den öffentlichen Blicken fast nie entzogen hat. Ein Arbeiterkind aus den ärmlichsten Verhältnissen der Penzinger Ameisgasse ist die Lenya. Das Wienerische hätte ihr die Musik ins Blut geimpft, sagt sie auf Nachfrage gern. „Wenn ich mich nach dir sehne“, schreibt Weill einmal, „so denke ich am meisten an den Klang deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe. In diesem Klang bist Du für mich ganz enthalten, alles andere ist nur ein Teil von dir, und wenn ich mich in Deine Stimme einhülle, bist Du ganz bei mir.“ Den Briefwechsel der beiden haben Fischer und Schäfer als O-Ton-Grundlage für ihre Stückdialoge verwendet.

Im New Yorker Exil: Tonio Arango als Kurt Weill mit Sona MacDonald. Bild: Moritz Schell

Man erfährt, er wollte nicht mehr sein als ihr „Lustknabe“, und: Er nennt sie seine „Mistblume“. Was die beiden auch verbindet, ist ihr Hang zu sarkastischem Humor. Zwei Menschen, einer des anderen Schicksal, zwei Mal miteinander verheiratet, trotz unzähliger Seitensprünge eine ewige Treue – und als er stirbt, stürzt sie ins Bodenlose. In diesem Moment gibt MacDonald alles, gibt sich hin und verausgabt sich.

Am Ende merkt man, sie braucht, um aus dieser intensiven Performance zu sich zu kommen. Da steht sie, Tränen glitzern in den Augen, das Makeup ist verschmiert – und wie schön ist sie so. Das Publikum hatte noch lange nicht vor, nach Hause zu gehen. Wie sich am Applaus zeigte. Grad, dass man sich’s verkniff, „Zugabe“ zu rufen …

Video: www.youtube.com/watch?v=NRzIOcGTtT0

www.josefstadt.org

Wien, 31. 3. 2017

Volkstheater: Niemandsland

Oktober 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zeit-Bomben der Kriegstraumata

Birgit Stöger als kriegstraumatisiert Azra mit Seyneb Saleh. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Birgit Stöger als kriegstraumatisierte Azra mit Seyneb Saleh. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Halbnackte Männer in Militärhosen umtanzen eine Frau, heben sie hoch, reichen sie weiter, bis man erkennt, dieser Akt zeitgenössischen Tanzes ist die Darstellung einer Gruppenvergewaltigung. Ein Kriegsverbrecher setzt zum großen Geständnis an, doch es ist nur das Kunstprojekt eines Sohnes, der fest an die Unschuld seines Vaters glauben will. Ein Anwalt für Menschenrechte vertritt eine syrische Bloggerin, aber in Wahrheit sind ihre Posts von ihm.

Als Yael Ronen und ihre Darsteller das schrieben, wussten sie noch gar nichts vom Hype um Bana Alabed … Am Volkstheater zeigt die israelische Theatermacherin ihr Projekt „Niemandsland“, es ist vom Schauspielhaus Graz nach Wien übersiedelt, wurde aktualisiert und ergänzt. Im Mittelpunkt steht die wahre Liebesgeschichte von Osama Zatar und seiner Frau Jasmin Avissar, er Palästinenser, sie Israelin, und ihrer Suche nach einem Ort, an dem sie ihre Liebe leben können. Es wurde Wien (Ein Gespräch mit den beiden: www.volkstheater.at/themen/auf-der-buehne/niemandsland/). Zatar und Avissar stehen als sie selbst auf der Bühne; Avissar hat die Körpertheaterszenen choreografiert.

Rund um diese True Story knüpft Ronen einen Reigen aus Schicksalen Kriegstraumatisierter. Sie zeigt von der Vergangenheit bewältigte, an der Gegenwart erstickende Menschen. Deren Erinnerungen fallen in den Theaterraum wie Zeit-Bomben. Die Episoden greifen ineinander, spielen in Belgrad, in Ramallah oder hier. Die Bosnierin Azra (Birgit Stöger) ging durch die Hölle des Lagers in Foca, in dem Vergewaltigung als Kriegsstrategie eingesetzt wurde, floh mit dem Produkt dieses Leidens, ihrer kleinen Tochter Leila, nach Wien, wo sie, verfolgt von den Geistern der Vergangenheit, vor sich hin vegetiert.

Leila (Seyneb Saleh), Studentin, Freundin des erschöpften Kriegsreporters Fabian (Jan Thümer), geht als Aktivistin einer NGO nach Palästina und trifft dort auf den Bildhauer Osama. Dessen Frau Jasmin wendet sich in Wien an einen Menschenrechtsanwalt (Julius Feldmeier), der ihn zu ihr bringen soll. Von diesem Dr. Nachmann erwartet sich auch der Schauspieler Miloš (Sebastian Klein) Hilfe. Man hat seinen Vater als Kriegsverbrecher angeklagt. Sein Vater war in Foca …

Osama Zatar will von Palästina nach Österreich gelangen. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Osama Zatar will von Palästina nach Österreich gelangen. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Seine Frau Jasmin Avissar wendet sich deshalb an einen Wiener Menschenrechtsanwalt (Julius Feldmeier). Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Seine Frau Jasmin Avissar wendet sich deshalb an einen Wiener Menschenrechtsanwalt (Julius Feldmeier). Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Das starke Ensemble weiß zu berühren. Zeigt in den Tanzsequenzen bisher ungeahnte Talente. Und wie immer, wenn Ronen mit ihrer Handmacherart auf das Grauen der Welt hinweist, ist das zum Weinen und zum Lachen, lauert die Situationskomik in den Kulissen der menschlichen Tragödien. Vor allem Stöger kann diesbezüglich all ihre schauspielerischen Stärken ausspielen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagte sie einmal, es dauere im Schnitt drei Jahre, bis ein Publikum sich mit ihrem Spiel anfreunden würde – da hat sie am Volkstheater aber die Abkürzung genommen.

In „Niemandsland“ geht es um Opfer und Täter, um das Erben von Schuld und um das Weitergeben von Konflikten und daraus entstehenden Traumata an die nächste Generation. Um den Unterschied zwischen Lügner und Lügner. Um die Frage, wer das Recht hat, über Krieg zu reden und um die Gnade der Geburt. Am Ende verursacht eine vermeintlich gute Tat neues Leid. Am Schluss sitzt eine Pointe. Typisch Yael Ronen. Ein bestechender, ein eindrücklicher Theaterabend, ein Statement auch zu Tagen, die erst noch folgen.

www.volkstheater.at

Wien, 5. 10. 2016