TheaterArche: Anstoß – Ein Sportstück

Februar 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In jeder Hinsicht ein Kraftakt

Colin Kaepernick (Johannes Scherzer) verweigert das Singen der Hymne. Bild: © Jakub Kavin

Das Außergewöhnliche gestern war die persönliche Anwesenheit von Nicola Werdenigg, war es, die ehemalige Skirennläuferin auf der Spielfläche der neu gegründeten TheaterArche zu sehen, wo sie vom systematischen Macht- und vom sexuellen Missbrauch im ÖSV erzählt, von ihrer Vergewaltigung und ihrer Bulimie. Da erscheint Annemarie Moser-Pröll, das heißt: Schauspielerin Johanna König im feschen Dirndl, und widerspricht.

Gut is gangen, nix is gschehn, wie man ja sagt, und wie Johanna König sich aufpudelt, darüber muss man durchaus lachen. Und schon ist man bei Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler, der den Sport dereinst mit einem Shakespeare-Stück verglich, so tragisch wie komisch, allerdings spannender, da ungewissen Ausgangs. Das sind die beiden Pole, zwischen denen Jakub Kavin seine aktuelle Arbeit „Anstoß – Ein Sportstück“ auspendelt. Erst zu Beginn des Jahres hat sich dessen TheaterArche im vormaligen Theater Brett häuslich niedergelassen, jetzt diese Eröffnungsproduktion rund um die Tabuthemen des Massenphänomens und Identifikationsobjekts, von Doping zur Droge Alkohol zur Sucht nach Publicity, von psychischem Druck bis Depression, von erzwungenem Geschlechtsverkehr bis Homophobie. Kavin selbst führte Regie, hat auch aus aberhunderten Originalzitaten von Aktiven wie Funktionären, von Autoren wie Ödön von Horváth und David Foster Wallace den Text collagiert, und lässt diesen nun von 17 Akteurinnen und Akteuren performen.

Ein Kraftakt in jeder Hinsicht. Für die Darsteller, die allein oder in ausgefeilten Choreografien als Gruppe körperlich alles geben. Für das Publikum, über das drei Stunden lang Namedropping und Faktenlage prasselt. Für Kavin, der diesen Neustart ohne öffentliche Gelder stemmt, das Ganze getragen vom Enthusiasmus und vom selbstausbeuterischen Einsatz seiner Truppe. Die einmal mehr auf höchstem Niveau ihre Kunst zeigt. Jörg Bergen etwa wankt als dauertrunkener Fussballer Ulli Borowka durchs Aufwärmtraining der anderen, und macht später einen herrischen Peter Schröcksnadel. Nicolaas Buitenhuis spricht Sätze des schwulen Torschützen Thomas Hitzlsperger, Bernhardt Jammernegg legt als zynischer Unsympath Lance Armstrong schauspielerisch und auf dem Spinning-Rad eine Höchstleistung vor. Vom beinah Totenbett zum Doping ein einziger Überlebensbeweis.

Annemarie Moser-Pröll weiß von keinem sexuellen Missbrauch beim ÖSV: Johanna König. Bild: © Jakub Kavin

Zwischen Antike und Offenbach: Opernsängerin Manami Okazaki als Olympia. Bild: © Jakub Kavin

So wie der Radrennsportler seiner Physis alles abverlangt, so schildert Florian-Raphael Schwarz als Thomas Muster dessen harten Weg zurück nach dem Key-Biscayne-Autounfall, Johannes Scherzer als Robert Enke, wie er seinen aus der Depression nicht gefunden hat. Es sind Gänsehautmomente, wenn der Chor dem Torwart ein Spottlied singt, bevor dieser in den Tod geht. Berührend auch die Geschichte von Heidi Krieger, auf der Bühne umgesetzt von Maksymilian Suwiczak, der DDR-Kugelstoßerin, der das Staatsdoping, wie sie sagt, die geschlechtliche Identität genommen hat – und die heute als Andreas lebt. Oder – wieder Scherzer – als knieender NFL-Spieler Colin Kaepernick, den Donald Trump via Vidiwall wüst beschimpft. Auf dieser auch zu sehen, der spektakuläre Sturz von „Verausgabungsapparat“ Hermann Maier in Nagano. „Anstoß – Ein Sportstück“ ist immer wieder auch reinstes Dokutheater. Nagy Vilmos lässt als diverse Trainer Bonmots und markige Sprüche ab, Peter Matthias Lang als Shaolin-Mönch philosophische, Saskia Norman spielt Tonya Harding, Corinna Orbesz die Mixed-Martial-Arts-Fighterin Ronda Rousey, die Trumps Einwanderungspolitik öffentlich kritisierte.

Tabea Stummer spricht als Torhüterin Hope Solo über ihr schwieriges Elternhaus, Sarah Victoria Reiter trägt als Anna Veith mitten in der #MeToo-Debatte das Superfruits-Shirt eines Fruchtsaftherstellers … Mehr gibt es zu sehen und zu hören, als man auf einmal zu fassen vermag. Kavin, so scheint es, hat die Überforderung, die Überfrachtung zum Programm gemacht, man kann’s zwischen Zeitlupenspielzügen und der Haka der neuseeländischen Rugbymannschaft also nur sportlich nehmen, versuchen den roten Faden dieser Übung in freier Assoziation nicht zu verlieren, und wie die hier Dargestellten an und über die eigenen Grenzen gehen. Moderatorin Elisabeth Halikiopoulos hält die Aufführung von Aufstiegen bis tiefen Abstürzen, im Fall der Bergsteigerin Gela Allmann/Johanna König im Wortsinn von einer atemberaubend hohen Leiter, zusammen, bevor Koloratursopranistin Manami Okazaki, als sich gegen Technowummern stemmende Jacques-Offenbach’sche Olympia, auf die transhumanistische Zukunft des Sports und den nächsten Austragungsort der Olympischen Spiele, Tokio 2020, verweist.

Tonya Harding und Jeff: Saskia Norman und Florian-Raphael Schwarz. Bild: © Jakub Kavin

Anna Veith und Ulli Borowka: Sarah Victoria Reiter und Jörg Bergen. Bild: © Jakub Kavin

„Anstoß – Ein Sportstück“ ist ein lohnender, hochaktueller Theaterabend, eigentlich Work in progress, zumal nicht zwei davon gleich sein werden. An jedem ist nämlich ein anderer Gast eingeladen, um aus seiner Perspektive über dieses Spiegel- wie Zerrbild der Gesellschaft zu berichten. Am 22. Februar zum Beispiel wird es wieder Nicola Werdenigg sein, am 24. Februar der Autor Franzobel.

Jakub Kavin im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31475

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=68&v=3Z1aY9ny0Nw

www.theaterarche.at

  1. 2. 2019

„Buhlschaft“ Brigitte Hobmeier als Bäuerin

August 29, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

ZDF-Familiendrama „Unheil in den Bergen“

Bild: ZDF/Jacqueline Krause-Burberg

Bild: ZDF/Jacqueline Krause-Burberg

Ein Streit um einen Alpenwald droht eine ganze Familie zu zerstören. In dem ZDF-Familiendrama „Unheil in den Bergen“ am Montag, 2. September, 20.15 Uhr, spielt die neue Salzburger „Buhlschaft“ Brigitte Hobmeier eine moderne junge Bäuerin und Mutter, die gegen die Abholzung der Wälder und das Machtstreben ihres Schwiegervaters (Günther Maria Halmer) kämpft. In weiteren Rollen sind Marcus Mittermeier, Tim Bergmann, Samuel Jung, Gundi Ellert-Baumbauer und Christian Hoening zu sehen. Regie bei diesem „Fernsehfilm der Woche“ führte Dirk Regel nach dem Drehbuch von Claudia Kaufmann.

Theresa (Brigitte Hobmeier) lebt mit ihrem Mann Toni (Tim Bergmann) und dem gemeinsamen Sohn auf einem einsamen Almbauernhof. Seit jeher kämpft Toni für die nachhaltige Bewirtschaftung seines Waldstücks, sehr zum Missfallen seines Vaters Max (Günther Maria Halmer), Besitzer des lokalen Sägewerks, der seinem Sohn den wertvollen Grund gerne abkaufen würde. Dieser lehnt vehement ab – trotz finanzieller Schwierigkeiten und der Vorwürfe seiner Frau. Nach einem Streit mit Theresa verlässt Toni wütend den Hof und kehrt nicht zurück. In der Nacht seines Verschwindens wütet ein heftiges Unwetter, bei dem die Brücke zwischen Max‘ und Tonis Waldgrundstück zerstört wird. Der junge Mann bleibt verschwunden. Hat er seine Familie verlassen, oder wurde er von der Schlammlawine fortgerissen?

Max versucht, Theresas geschwächte Position auszunutzen, um an das Waldstück zu kommen. Sogar seinen Geschäftsführer Georg (Marcus Mittermeier), der schon immer Gefühle für die junge Frau hatte, setzt er auf sie an. Doch Theresa wehrt sich: Um ihren Schwiegervater am Abtransport der gefällten Bäume zu hindern, zündet sie eines Nachts die neu aufgebaute Brücke an. Max lässt eine neue provisorische errichten. Dabei riskiert er wegen der bevorstehenden Schneeschmelze eine Überschwemmung mit verheerenden Folgen …

www.zdf.de

www.mottingers-meinung.at/die-neue-buhlschaft/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/

Wien, 29. 8. 2013