Das Rote Wien im Waschsalon: Es lebe der Sport!

Mai 21, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ausstellungen zur Arbeiter-Olympiade und für Alpinisten

Zillenfahrt von Wörgl nach Wien © ASKÖ WAT Wien

Es hat sich irgendwo in den Seiten der Zeit verloren, jenes vom Vater schon zerlesene Zwischenkriegs-Kinderbuch über eine Lausbubenbande, die im Hinterhof „Olympische Spiele“ abhält, bei denen „das Nullerl“, Sohn des kriegsinvaliden und darob gemeindebau-gesellschaftlich randständigen Trafikanten, endlich zum gefeierten Sporthelden wird … Nun, da die Sommerspiele 2020 #Corona-bedingt auf nächstes

Jahr in Tokio verschoben sind, „Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof“ seine Pforten aber endlich wieder geöffnet hat, lässt man ebenda diese Tage mit zwei Sonderausstellungen wiederauferstehen. „2. Arbeiter-Olympiade in Wien. ,Neue Menschen‘ für eine ,neue Welt'“ nennt sich die eine, „Hand in Hand durch Berg und Land. 125 Jahre Naturfreunde“ die andere.

„Wir verzichten von vornherein auf alle Sensationen“ – Julius Deutsch

Arbeiter-Olympiade, Gewichtheber © ASKÖ WAT Wien

Im Umfeld der europäischen Arbeiterparteien entstehen Ende des 19. Jahrhunderts auch Turn- und Sportvereine, die sich bewusst vom „bürgerlichen“ Sport abgrenzen wollen. Nicht Rekordstreben und Kommerz sollen Ziel und Zweck der sportlichen Betätigung sein, sondern die körperliche Ertüchtigung von Männern und Frauen sowie die geistige und kulturelle Entwicklung der Arbeiterschaft – als Vorbereitung auf ein Leben in einer sozialistischen Gesellschaft.

Nach dem Ersten Weltkrieg sammeln sich 1919 die Arbeitersportvereine, die Arbeiterradfahrer und die Naturfreunde im Verband der Arbeiter- und Soldatensportvereine, der sich 1924 mit der Zentralstelle der österreichischen Arbeiterturnvereine zum Arbeiterbund für Sport und Körperkultur in Österreich, kurz ASKO, vereint. Gegen Ende der 1920er-Jahre zählt der ASKÖ bereits mehr als 200.000 Mitglieder. Da der österreichische Arbeiterbund für Sport und Körperkultur europaweit die höchsten Mitgliederzahlen aufweist und zudem das Rote Wien die besten Voraussetzungen für die Durchführung einer derartigen Veranstaltung mitbringt, wird die Austragung der 2. Arbeiter-Olympiade an Österreich vergeben.

Die Winterspiele finden im Februar 1931 in Mürzzuschlag und auf dem Semmering statt, die Sommerspiele vom 19. bis zum 26. Juli in Wien. Das anlässlich der Arbeiter-Olympiade neu errichtete Praterstadion mit Stadionbad wird wenige Tage vorher, am 11. Juli, feierlich eröffnet. Trotz Weltwirtschaftskrise nehmen an die 25.000 Sportlerinnen und Sportler aus 27 Nationen teil, darunter mit Hapoel Tel Aviv auch eine Delegation aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina. Insgesamt strömen 70.000 Menschen nach Wien. Bei dieser größten bis dahin in Wien abgehaltenen Sportveranstaltung werden 117 Bewerbe in 18 Sportarten ausgetragen.

Darunter Klassiker wie Fußball, Hand- und Faustball, aber auch Disziplinen, die den Arbeitersportlern bisher verschlossen waren, wie Tennis, Jiu-Jitsu und Paddeln oder damals populäre Sportarten wie Schleuderballwerfen oder Raffball. Der Waschsalon Karl-Marx-Hof zeigt neben Fotos, Festführern, Postkarten und Broschüren zur 2. Arbeiter-Olympiade aus den Beständen des Vereins für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung auch Objekte aus dem Archiv des ASKÖ WAT Wien. Außerdem gibt es auch altes dokumentarisches Filmmaterial aus den Beständen des Wiener Filmarchiv der Arbeiterbewegung und des Filmarchiv Austria zu sehen.

Arbeiter-Olympiade, Hürdenlauf © ASKÖ WAT Wien

Radsportclub „Triumpf“ Weißenfels, 1925 © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig / Sportmuseum

Alpinistengilde am Peilstein, 1920 © Archiv der Naturfreunde

Zdarsky Skigruppe, 1905 © Foto Wagner, Lilienfeld

Hand in Hand durch Berg und Land. Eine Sonderschau der Naturfreunde

Alles beginnt mit einer Anzeige in der Arbeiter-Zeitung im März 1895: „Naturfreunde werden zur Gründung einer touristischen Gruppe eingeladen, ihre Adresse unter ,Natur 2080′ einzusenden an die Exped.“ Aufgegeben hatten das Inserat der sozialdemokratische Pädagoge Georg Schmiedl und sein Wanderkollege Simon Katz. Unter den zahlreichen Antwortschreiben befindet sich auch jenes der Wohnungsnachbarn Alois Rohrauer, Feinmechaniker, und Karl Renner, Jura-Student.

1896 entwirft Renner das Emblem des neuen Vereins. Es vereint den Handschlag als sozialdemokratisches Symbol der Solidarität mit drei Alpenrosen. Auch der Wahlspruch ist schnell gefunden: „Hand in Hand durch Berg und Land“ – ein Ausdruck des politischen Kampfes um Freizeit und Erholung.

dasrotewien-waschsalon.at

21. 5. 2020

Sibylle Berg: Nerds retten die Welt

April 4, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gefinkelte Fragen einer versierten Untergangsprophetin

„Haben Sie sich heute schon um die Welt gesorgt?“ – mit dieser Frage beginnt Sibylle Berg die 17 Gespräche, die sie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt zum Akutzustand ebendieser geführt hat. Permanent mit News und deren Fakes, alternativen Wahrheiten und multistabilen Wahrnehmungen konfrontiert, die weder einzuordnen noch auszuwerten sind noch zu einem wie-auch-immer Handeln befähigen, versucht die Schriftstellerin sozusagen zum Erdkern vorzudringen.

Während der Arbeit an ihrem Roman „GRM“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34122)  sprach Sibylle Berg über zwei Jahre hinweg mit Expertinnen und Experten aus verschiedensten Disziplinen – mit Systembiologen, Neuropsychologen, Kognitionswissenschaftlern, Meeresökologen, Männlichkeits- Konflikt- und Gewaltforschern. Über einen Befund aus ihren Fachgebieten. Und über Ideen für eine Zukunft, die sich nicht wie ein Albtraum ausnimmt.

Was kommt nach der Demokratie? Warum lieben Diktatoren Krisen? Welche Folgen hat Femizid? Kann man als Frau religiös

und emanzipiert sein? Kann man alle Menschen zu Vegetariern machen? Wann wurde außerirdisches Leben entdeckt? Warum wissen wir so wenig über Nekrophile? Warum ist Coden ein Männerding? Was soll man gegen den aufkommenden Faschismus tun? Gegen schmelzende Gletscher? Gegen Überwachung? Gegen Gentrifizierung und die Verknappung des Wohnraums? Wie sich wehren gegen Parolen, die den Verstand beleidigen? Wie verhalten zu einer Politik des Spaltens, die gerade ein globales Erfolgsmodell zu sein scheint? Was bedeutet die digitale Revolution? Und gibt es eigentlich noch Hoffnung?

Berg stellt gute Fragen und bekommt noch bessere Antworten, und tatsächlich an keiner Stelle lässt die Tagesaktualität – #Corona – die Texte alt aussehen. Berg bricht die speziellen Kompetenzen ihrer Interviewpartner auf Normalverstand herunter. Frech und frei von der Leber weg redet sie mit Politologin Valerie M. Hudson über Geschlechterungleichgewicht, Misogynie als Folge monotheistischer Religionen, Gewalt gegen Frauen als eine Form von Terrorismus und Kinderkriegen ohne Spermien.

Mit Ingenieurin Odile Fillod ortet sie statt des sprichwörtlichen Penisneids eine männliche Angst vor der Klitoris, dieser reinen Dienerin „der sexuellen Lust von Frauen, ohne Beziehung zur Fortpflanzung und zu dem, was Männern Freude bereitet“, und durch die Entdeckung des G-Punktes die Zerstörung des „Zauberstab“-Mythos. Dass die beiden angesichts von der WHO geschätzten jährlich drei Millionen Genitalbeschneidungen an Mädchen den Kampfruf „Osez le clito! / Wagt euch an den Kitzler!“ ausgeben, ist ebenso sibyllen-systemimmanent, wie ihre Frage an die laut Selbstbeschreibung „ausgelaugte Optimistin“ Hudson, wie man zugleich Mormonin und Feministin sein könne.

Auch Bonmots à la „Das Aussterben der Menschheit ist ja auch kein Spektakel, dem man öfter beiwohnt“ sind typisch Berg. Die versierte Weltuntergangsprophetin erweist sich als gewohnt scharfsinnig, melancholisch bis pessimistisch – „Sorge ist mein zweiter Vorname“ –, kokett selbstverliebt und tendenziös sarkastisch. Und zeigen ihre Gegenüber dunkle Perspektiven und dystopische Situationen auf, fühlt sich die Berg in ihrem Lieblingsfeindbild, der neoliberalistischen Brave New World mehr als bestätigt. Dann erst ist ihr richtig wohl.

Bild: pixabay.com

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„Nerds retten die Welt“, und Sibylle Berg reiht sich selbst in diese Spezies, ist ein wilder Ritt auf einer genialen Achterbahn, die einem gleich dieser Jahrmarktsattraktion akademisch das Gehirn durchwirbelt. Besonders schön sind die Gespräche, in denen Berg vom Hundertsten ins Tausendste kommend einem das U mit dem X nicht vormacht, sondern verbindet. Das passiert etwa mit Robert Riener, seines Zeichens Spezialist für Sensomotorische Systeme, mit dem es von Robotik und virtueller Realität direttissima zu Terminator und Iron Man geht, mit Neurobiologe Iddo Magen beim Philosophieren über des Cannabis‘ Fluch und Segen, mit Dirk Helbing, er ist Professor für Computational Social Science, beim Herstellen eines Konnex‘ von Big-Data-Diktatur, Flüchtlings-„Krise“ und Konsumlethargie.

Und natürlich muss Berg mit Systemtheoretiker und Science-Slammer Lorenz Adlung über „die Abnahme der Intelligenz der Menschheit“ lästern. Persönliche Favoriten, Stichwort: Nerd, sind der Gedankenaustausch mit dem Meeresökologen und Tier- und Naturschutzaktivisten Carl Safina und mit Astrophysiker Abraham „Avi“ Loeb. Safina, weil er voll Empathie vom Kichern gekitzelter Ratten erzählt, weil er sich ärgern kann, dass so viele Menschen sich scheuen, Tieren Emotionen zuzusprechen, und weil er fordert, dass, wer Fleisch essen will, das Vieh doch selber schlachten soll.

Loeb, weil der Alien-Gläubige, der erwartet noch zu Lebzeiten beim ersten Kontakt mit Extraterrestriern dabei zu sein, beim Schwadronieren über Gott und den Kosmos den berühmten Breslower Rabbi Nachman zitiert: „Die ganze Welt ist lediglich ein sehr schmaler Steg, und das Entscheidende ist, keine Angst vor ihm zu haben.“ In diesem Sinne also. Ist dieses Buch eins für alle, die wissen wollen, ob wir noch zu retten sind.

Über die Autorin: Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 25 Theaterstücke, von denen zwei in Wien zu sehen waren, „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ am Volkstheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385) und „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ bei den Wiener Festwochen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33485), und 14 Romane, die in 34 Sprachen übersetzt wurden. Berg fungierte als Herausgeberin von drei Büchern und verfasst Hörspiele und Essays. Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, unter anderem, den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 2019 sowie den Thüringer Literaturpreis 2019, den Nestroypreis für das Beste Stück („Hass-Triptychon“) 2019, den Bertolt-Brecht-Preis 2020 und den Schweizer Grand Prix Literatur 2020. Zuletzt erschien bei Kiepenheuer & Witsch „GRM. Brainfuck“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34122).

Kiepenheuer & Witsch, Sibylle Berg: „Nerds retten die Welt“, Gespräche, 336 Seiten.

Video: www.youtube.com/watch?v=ITE5kBpcyw8

www.kiwi-verlag.de           www.sibylleberg.com

  1. 4. 2020

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck

Juli 22, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Definitiv keine Dystopie

„Das ist keine Dystopie“, richtet die Autorin ihren Lesern via Klappentext aus, und damit hat sie definitiv recht. Frau Berg, im Wortsinn eine Sibylle, mixt auch in ihrem aktuellen Roman „GRM. Brainfuck“ Fakt und Fiktion und jede verfügbare Verschwörungstheorie zu einem Cocktail so explosiv, wie den nach Wjatscheslaw Molotow benannten. Alles an „GRM“ ist too much, too loud, too exaggerated, ein Überforderungsbuch, das seine Motive in Endlosschleife wiederholt, und dabei die diesen innewohnende Realsatire als Sprachschmutz verschleudert.

Daher nämlich der Titel: „GRM“ klingt bei Ausruf nicht nur wie die verbitterte Entäußerung einer Comicfigur, sondern meint Grime, einen in Großbritannien erfundenen Musikstil zwischen HipHop und Dubstep, „wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben“, und dass der Begriff Crime leise mitgroovt, ist garantiert voll Absicht. Schauplatz der Handlung: erst fucking Rochdale, „ein Ort, den man ausstopfen und als Warnung in ein Museum stellen müsste“, später London. Die Protagonisten: vier vernachlässigte, verwahrloste Jugendliche. In Kürzestsätzen und Satzfragmenten, die Wortwahl markig, die Absätze und Enden gewählt willkürlich, stellt Sibylle Berg ihre Viererbande vor:

Die dunkelhäutige Don, klein, wütend, lesbisch, ohne Interesse daran, eine Ghetto-Frau zu werden; die asiatisch anmutende Hannah, mit der herausragendsten Eigenschaft Egozentrismus; die hochbegabte Karen, wegen eines Gendefekts Albino, und Autist Peter, dieser, so wird sich später herausstellen, von michelangelesker Schönheit. Berg taggt ihr sarkastisches Gegenwartsgraffiti wie den Teufel an die Wand, Unterschicht und untergehende Mittelschicht im Sozialbau, eine Generation der Abgehängten, die sich die Tristesse mittels ihrer High-Tech-„Endgeräte“ schönflimmert. Alles am Szenario der versierten Untergangsprophetin ist desolat, deformiert, trostlos – und so nah am Heute, dass man bitter auflachen muss.

Nun wird den Zweck- und Zwangsfreunden in weiterer Folge Unrecht getan. Väter in Ausweglosigkeit erhängen sich, Mütter prostituieren sich für ein reicheres Leben an der Seite eines russischen Unternehmers, Erziehungsberechtigte ertrinken in Aggression, Alkohol und Drogen. Was beispielsweise Hannah widerfährt, ist tatsächlich passiert. 2012 haben pakistanisch-stämmige Jungs in Rochdale Mädchen erst vergewaltigt, dann als deren Zuhälter an Freier verkauft. Als der letzte Erwachsene aus dem Blickfeld verschwindet, macht sich das Quartett auf nach London. Im Gepäck eine abzuarbeitende Todesliste ihrer Peiniger.

Dieses Handlungsgerüst umhüllt Berg mit einer neoliberalistischen Brave New World, in der sie von der Erschaffung der AI bis zur Manipulation des ZNS nichts, aber auch wirklich nichts auslässt, was es im 21. Jahrhundert bis dato an politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftspolitischen Auswüchsen aufs Korn zu nehmen gilt. „Zunehmend wurden die Länder des Westens von absurd albernen Diktatoren regiert“, heißt es da, während China längst – Verschwörungstheorie Nummer 569 – die Weltmärkte übernimmt, bis diese ein Eigenleben entwickeln wie Frankensteins Monster. Weder lässt Berg den Klimawandel aus, noch ein von einem sinistren Politiker geplantes Massensterben durch multiresistente Keime, noch die Gedanken eines Hirschs bei dessen Erschießung durch eine Jagdgesellschaft.

Bild: pixabay.com

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Und weil man sich grad so gut wälzt im apokalyptischen Sozialporno, serviert die Berg grenzgenialisch ein neues Feindbild – da „die große Umvolkung – der weiße Mensch, der durch den Araber ausgetauscht werden soll – nicht stattgefunden“ hat, stattdessen die Armen. Deren Slum-Gräueltaten nun medial ausgeschlachtet werden. „Die Verachtung der Kapitalisten gegenüber den Armen hatte sich institutionalisiert. Obdachlose, Arbeitslose, Arbeitsunfähige, Kranke, Schwache mussten akribische, nicht nachvollziehbare bürokratische Schwachsinns- anforderungen erfüllen, um einen Minimalbetrag zu erhalten, der ihre Lebensfunktionen aufrechterhielt. Der unverwertbare Teil der Gesellschaft konnte durch kleine Formfehler sämtliche Unterstützung verlieren …“

Der brave, kleine Mann hingegen wird mit einem Chip am Handgelenk versehen, wahlweise auch mit Bodycam, ein totaler Überwachungsapparat mit einem belohnenden Punktesystem: „Der Kunde blickte in eine Kamera. Das Gesicht wurde an die Datenbank übermittelt, in Sekundenbruchteilen ein Chip mit den Daten des Betreffenden geladen. Geräte-IDs, biometrische Passangaben, Konten, Adresse, Krankheitsakte, Strafregister, sexuelle Vorlieben, Freundeskreis, Familie, soziale Auffälligkeiten, Vorstrafen.“ Der Untertitel „Brainfuck“ ist der Name einer real existierenden, esoterischen Programmiersprache, die all dies ermöglichen soll.

Mit einer Brutalität hart an der Grenze des Erträglichen, jede Bemerkung eine berserkerte Pointe, alle zusammen ein schwer zu überlebendes Flächenbombardement, erweitert Berg ihre Anfangsvier um Dutzende Figuren, ein vulgärer Menschenzoo, von der Hackergruppe „Die Freunde“ bis zum mysteriösen Ma Wie, von MI5 Piet bis zur künstlichen Intelligenz Ex2279, vom Rich Kid Thome, dieser nicht nur in sexuellen Belangen pervers, siehe: Säurebad für die Stiefmutter, bis zu seinem Vater, der das Amt des Premierministers anstrebt. Später wird klar werden, welche IT-Maschine hier alle steuert.

Alldieweil aber betrachten die Kinder erstaunt die Begeisterung der Menschen für ihre (geistige) Beschränkung: „Menschen mit verschlissener Kleidung, schlechten Zähnen, aufgedunsenen Gesichtern, von Alkohol gezeichnetem Blick tanzten geradezu ausgelassen in die Nacht. Sie hatten wieder einen Glauben an ihre Regierung. Einen Stolz auf ihr Land, Stolz, Brite zu sein. Stolz, Teil eines weltweiten Reiches zu sein.“

Den Hacker-„Freunden“ gelingt es schlussendlich tatsächlich, das staatliche Überwachungssystem zu outen, und das ist der letzte traurige Höhepunkt in „Grime“. Die Leute können sich plötzlich auf den öffentlichen Bildschirmen sehen und dazu die auf ihren Chips gespeicherten Informationen lesen. Die Demokratie enttarnt sich als Fake, der neue Regierungschef agiert via Avatar. Doch, was Wunder?, statt Empörung und Aufstand freut sich jeder Geoutete über seine 15 minutes of fame in den Social Media. Womit der Begriff SM eine völlig neue Bedeutung bekommt. Und Sibylle Berg einen Roman erschaffen hat, der mit großem Zorn auf den Status Quo die Klassenfrage stellt. Ein Roman, der sein „Fuck it!“ mit einem „Kümmert euch umeinander!“ verbindet. Wie sich die Bilder gleichen. Schließlich könnte Europa bald flächendeckend so aussehen, wie die Sibylle es gesehen hat.

Über die Autorin: Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 25 Theaterstücke, von denen zwei vergangene Saison in Wien zu sehen waren: „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ am Volkstheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385) und „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ bei den Wiener Festwochen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33485), 14 Romane und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Berg fungierte als Herausgeberin von drei Büchern und verfasst Hörspiele und Essays. Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, unter anderem den Wolfgang-Koeppen-Preis (2008), den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (2016), den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2019) sowie den Thüringer Literaturpreis (2019).

Kiepenheuer & Witsch, Sibylle Berg: „GRM. Brainfuck“, Roman, 640 Seiten.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=157&v=gaZo0Kd_9kI

www.kiwi-verlag.de           www.sibylleberg.com

  1. 7. 2019

Schauspielhaus Wien: Der Sprecher und die Souffleuse

Juni 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Meta-Stück übers Theaterdasein

Der hohe Ton fürs Mikrophon: Gerhard Balluch als „König Lear“ und Patrick Berg als Sprecher. Bild: © Nikola Milatovic

Seit der Uraufführung des Theaters am Lend Graz weiß man freilich, dass es ein Gag ist, wenn da einer aus dem Publikum „Lauter!“ und in diesem Fall „Wir sind in Wien!“ ruft, als Hanna Binder so verschüchtert leise zu sprechen beginnt, dass sie unter Garantie keiner hört. Was für den Beruf der Souffleuse, und eine solche stellt Binder hier dar, prinzipiell eher unpraktisch ist. Also hebt sie schließlich die Stimme, erzählt von ihrem Immer-Anwesend-Sein.

Sozusagen „unter“ den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wie sie in die Textbücher, auf die Rückseite der beschriebenen Seiten, ihre Alltagsbeobachtung notiert – und, dass die wichtigste derartige ist, dass sowohl reales als auch Bühnenleben einem Kaugummi gleichen. Weil, das eine zieht sich, wie ein, während man fürs andere Figuren und deren Sätze hineinkleben könnte, und so lange durchkauen, bis alles ein großes Ganzes ist. Derlei Metaphern hat die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova en masse auf Vorrat, ihr aktuelles Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ ist als Meta-Stück übers Theaterdasein zu lesen, ist in diesem Sinne Nonsens mit Hintersinn – und 2018 Gewinner des Autor- und Autorinnenpreises der sich bis dato über sechs Bundesländer erstreckenden Theaterallianz (www.schauspielhaus.at/schauspielhaus/theaterallianz).

Svolikovas Stern strahlt seit Beginn ihrer Schreibtätigkeit hell, etwa mit Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) oder „europa flieht nach europa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29742), ihre neue Arbeit hat Pedro Martins Beja inszeniert, und er meistert bravourös die Aufgabe, den Zinnober der Vorlage umzusetzen. Was man zwischen sich bauschenden, schwarzen Vorhängen zu sehen bekommt, sind Zerrbilder von Bühnenbeschäftigten. Die Ausgangssituation sind aufgrund widriger Verkehrsumstände fehlende Schauspieler.

So bleibt da nicht nur Hanna Binder, angetan wie ein 1950er-Jahre-Sekretariatsfräulein (Kostüm, Bühne & Maske: Elisabeth Weiß), sondern auch Patrick Berg als erschreckter Sprecher, der um die Zeit zu überbrücken um sein Leben redet. Beide sind großartige Komödianten. Peinlich und berührend. Florian Tröbinger führt als Bote ein Endlostelefonat mit einem Gottöberst, in dem er auch Liebesgekicher unterbringt, Lukas David Schmidt mit halbem Cyborg-Gesicht hat als Elektriker nach einem Stromausfall nach dem Rechten zu sehen.

Lear kürt den Elektriker zu seiner Lieblingstochter: Lukas David Schmidt und Gerhard Balluch, hinten: Patrick Berg. Bild; © Nikola Milatovic

Im Publikum die Schauspieler erkannt: Patrick Berg, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse. Bild: © Nikola Milatovic

Sie alle treiben grandioses, gnadenloses Over-Acting, doch finden punkto Outrage ihren König, Grandseigneur Gerhard Balluch, der als Lear in der Szene „Still Storm“ hängengeblieben zu sein scheint. Mit nacktem Oberkörper pflegt Balluch fortan den hohen Ton, seine Aufmachung samt Blütenkranz wie eine Brandauer-Stein-Parodie, den der Sprecher versucht ins Mikrophon zu bannen, doch tatsächlich ist hier jeder auf der Suche nach seiner Rolle, nach einer Bestimmung, die seine Existenz zu legitimieren vermag. Und da nun alle mit der Sinnfreiheit von Leerstellen und Wiederholungen kokettieren, hält Balluch die Mitspieler für Narr und Cordelia.

Kürt irgendwann den schnoddrigen Elektriker zur Lieblingstochter, erkennt im Boten den Feind, verlangt vom Richter-Sprecher Gerechtigkeit – ein Chaos, das die Souffleuse mittels Von-der-Bühne-Zerren lösen will. So wabert die Darbietung zwischen Dada und Gaga, entpuppen sich Sprecher und Souffleuse als Sandkastenliebespaar, werden allerlei gewitzte Bemerkungen bezüglich Stromkreis-Lebenskreis, lockere Schrauben und die Macht des Zuschauens vom Stapel gelassen. „Wir sind da, so wie wir sind“, stellt Hanna Binder fest, verärgert darüber, dass die anderen immer andere sind.

Völlig verausgabt sie sich in einer Publikumsbeschimpfung, philosophiert übers Sterben auf der Bühne „für einen schönen Abend“, lädt aber denn doch die ersten Reihen gönnerhaft und gruselig zum Händeschütteln ein, während Bergs Sprecher, um ein Entkommen eben derselben zu verhindern, fragt: „Soll ich den Saal zusperren?“ Und immer wieder Gerhard Balluch, im umstrittenen Grazer Konwitschny-Lear dereinst der Graf von Kent, polternd hinter der Bühne, das Schwert zückend auf dieser, er gleicht dem Geist eines gestrigen Theaters, das nicht weichen wird, so lange das neue – mit dem Shuttlebus – im Stau steckt und Verspätung hat, der komplette Theaterapparat in Warteposition und dabei die Zuschauer beschwichtigend und irgendwie beschäftigend. Am Ende, man ahnte es bereits, hat der Bote die fehlenden Mimen doch noch gefunden, sie sind – wir. Damit ist die Lizenz freigegeben, das Tollhaus, das Theater ist, zu übernehmen.

www.schauspielhaus.at

  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Hass-Triptychon

Mai 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Abgefucktes Altarbild mit aggressiver Troll-Truppe

Bruno Cathomas (re.) und seine Trolle Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke. Bild: © Judith Buss

Wenn Aufregerregisseur Ersan Mondtag einen Text von Aufregerautorin Sibylle Berg inszeniert, darf man sich schon Besonderes erwarten, etwas schräg, schrill, Schreiendes, und tatsächlich – diesbezüglich enttäuschte der Berliner Theatermacher, der vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen die Gemüter mit seiner außergewöhnlichen Ratten-„Orestie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29002) beunruhigte, auch heuer nicht.

Am Volkstheater, ein Haus, um dessen Leitung in der Nachfolge Anna Badoras sich Mondtag übrigens beworben hat, brachte er Bergs „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung, und malt deren düsteres Sittengemälde mit den ihm eigenen opulenten Farben aus. Wofür ihm Bühnenbildnerin Nina Peller eine Riege Pappmaché-Häuser hingestellt hat, die immer gleiche Fassadenprojektion eine gespenstische Ruine, und damit’s entsprechend spooky bleibt, darf sich manch Zuschauer vor seinem Sitznachbar gruseln – an die zwanzig Skelette, die im Schwarzlicht vor sich hinglimmen, die Bildungsschicht bis auf die Knochen verwest, denn Berg, berühmt-berüchtigte Sibylle grotesk-dystopischer Gesellschaftsprophezeiungen, siehe ihr aktueller Roman „GRM“, siehe ihr derzeit im Volx/Margareten zu sehendes Stück „Nach uns das All“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385), führt das Publikum in eine Prekariatswelt, eine Stadt an einem Autobahnzubringer, deren Bewohner die sogenannten Wohlstandsverlierer – und außerdem: Trolle sind.

Mit buntem Aufwärtshaar, Spitzohren und mitunter von Kostümbildnerin Teresa Vergho zum Muskelberg ausgepolstert. Auftritt Benny Claessens als „Hassmaster“, der im weißen Mantel und mit weißer Langhaarperücke aus einem Kanaldeckel kriecht und sich eine Zigarette anraucht. Auf den Zuruf der Souffleuse, dies doch bitte nur hinterm Eisernen Vorhang zu tun, antwortet er mit einem symbolbrechtigen Einreißen der „vierten Wand“. Er singt ein Liedchen, ist die Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater doch dank der Musik von Beni Brachtel, der Berg-Gedichte vertonte, als Anti/Musical ausgewiesen, er hüpft herum und skandiert dabei: „Theater – Realität – Theater – Realität“. Dies nicht der einzige Verweis auf Künstlichkeit, Mondtag, lässt sich interpretieren, befördert die Trolle zurück in ihre Onlineforen, wo sich die Hater hinter Nicknames verstecken, wenn sie ihre Aggressionen virtuell aufbauen.

Bild: © Judith Buss

Bild: © Judith Buss

Bald nämlich entpuppt sich die Truppe als Häufchen Hoffnungsloser, von der „Alkoholikerin der Herzen“ über den auftrainierten Content-Produzenten, vom Schwulen, der von „Teilzeitscheißjobs“ leben muss, über Digitalisierungs- und Outsourcingopfer zum desillusionierten Jugendlichen zum drogenrauschigen Kotzbrocken – und sie alle erzählen in aberwitzig zynischen Schimpftiraden von Missgunst, Ressentiments, Zorn und Zerstörungswut. Bruno Cathomas, Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke gestalten diese Trollarmee. Die Schau ist aber Benny Claessens, sein vulgäres Spiel bildet den Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, wenn er, nur einen knappen Slip am silberglitzernden Körper, tanzt und sich lasziv räkelt, ein Herr über den Überrest der Menschheit.

Benny Claessens als weißer Hassmaster im Troll-Land. Bild: © Judith Buss

Ihnen allen gemein ist die Lethargie und die Langeweile des Sonntags, dies der erste Flügel dieses abgefuckten Altarbildes, und so wächst die Sehnsucht nach einem Montag, der Erlösung in Form von klar strukturierter Erwerbsarbeit bringen soll. Doch kaum ist der Montag im zweiten Flügel angebrochen, sehnt man sich bereits wieder nach dem Wochenende, also den Blick auf den dritten und letzten gerichtet, in dem der Hassmaster endlich zu den Waffen ruft.

Damit man real ausleben kann, was bisher nur im Internet möglich war. „Mit jedem Tag werden wir wütender“, lässt dieser Chor der Abgehängten wissen, während er sich vom digitalen Störfaktor zur veritablen Gefahr entwickelt. Das kann Sibylle Berg: Gegenwartsdiagnosen abliefern, die so fatalistisch wie treffsicher sind, und Ersan Mondtag liefert ihr die messerscharfen Bilder dazu.

www.festwochen.at

26. 5. 2019