Schauspielhaus Wien: Der Sprecher und die Souffleuse

Juni 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Meta-Stück übers Theaterdasein

Der hohe Ton fürs Mikrophon: Gerhard Balluch als „König Lear“ und Patrick Berg als Sprecher. Bild: © Nikola Milatovic

Seit der Uraufführung des Theaters am Lend Graz weiß man freilich, dass es ein Gag ist, wenn da einer aus dem Publikum „Lauter!“ und in diesem Fall „Wir sind in Wien!“ ruft, als Hanna Binder so verschüchtert leise zu sprechen beginnt, dass sie unter Garantie keiner hört. Was für den Beruf der Souffleuse, und eine solche stellt Binder hier dar, prinzipiell eher unpraktisch ist. Also hebt sie schließlich die Stimme, erzählt von ihrem Immer-Anwesend-Sein.

Sozusagen „unter“ den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wie sie in die Textbücher, auf die Rückseite der beschriebenen Seiten, ihre Alltagsbeobachtung notiert – und, dass die wichtigste derartige ist, dass sowohl reales als auch Bühnenleben einem Kaugummi gleichen. Weil, das eine zieht sich, wie ein, während man fürs andere Figuren und deren Sätze hineinkleben könnte, und so lange durchkauen, bis alles ein großes Ganzes ist. Derlei Metaphern hat die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova en masse auf Vorrat, ihr aktuelles Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ ist als Meta-Stück übers Theaterdasein zu lesen, ist in diesem Sinne Nonsens mit Hintersinn – und 2018 Gewinner des Autor- und Autorinnenpreises der sich bis dato über sechs Bundesländer erstreckenden Theaterallianz (www.schauspielhaus.at/schauspielhaus/theaterallianz).

Svolikovas Stern strahlt seit Beginn ihrer Schreibtätigkeit hell, etwa mit Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) oder „europa flieht nach europa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29742), ihre neue Arbeit hat Pedro Martins Beja inszeniert, und er meistert bravourös die Aufgabe, den Zinnober der Vorlage umzusetzen. Was man zwischen sich bauschenden, schwarzen Vorhängen zu sehen bekommt, sind Zerrbilder von Bühnenbeschäftigten. Die Ausgangssituation sind aufgrund widriger Verkehrsumstände fehlende Schauspieler.

So bleibt da nicht nur Hanna Binder, angetan wie ein 1950er-Jahre-Sekretariatsfräulein (Kostüm, Bühne & Maske: Elisabeth Weiß), sondern auch Patrick Berg als erschreckter Sprecher, der um die Zeit zu überbrücken um sein Leben redet. Beide sind großartige Komödianten. Peinlich und berührend. Florian Tröbinger führt als Bote ein Endlostelefonat mit einem Gottöberst, in dem er auch Liebesgekicher unterbringt, Lukas David Schmidt mit halbem Cyborg-Gesicht hat als Elektriker nach einem Stromausfall nach dem Rechten zu sehen.

Lear kürt den Elektriker zu seiner Lieblingstochter: Lukas David Schmidt und Gerhard Balluch, hinten: Patrick Berg. Bild; © Nikola Milatovic

Im Publikum die Schauspieler erkannt: Patrick Berg, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse. Bild: © Nikola Milatovic

Sie alle treiben grandioses, gnadenloses Over-Acting, doch finden punkto Outrage ihren König, Grandseigneur Gerhard Balluch, der als Lear in der Szene „Still Storm“ hängengeblieben zu sein scheint. Mit nacktem Oberkörper pflegt Balluch fortan den hohen Ton, seine Aufmachung samt Blütenkranz wie eine Brandauer-Stein-Parodie, den der Sprecher versucht ins Mikrophon zu bannen, doch tatsächlich ist hier jeder auf der Suche nach seiner Rolle, nach einer Bestimmung, die seine Existenz zu legitimieren vermag. Und da nun alle mit der Sinnfreiheit von Leerstellen und Wiederholungen kokettieren, hält Balluch die Mitspieler für Narr und Cordelia.

Kürt irgendwann den schnoddrigen Elektriker zur Lieblingstochter, erkennt im Boten den Feind, verlangt vom Richter-Sprecher Gerechtigkeit – ein Chaos, das die Souffleuse mittels Von-der-Bühne-Zerren lösen will. So wabert die Darbietung zwischen Dada und Gaga, entpuppen sich Sprecher und Souffleuse als Sandkastenliebespaar, werden allerlei gewitzte Bemerkungen bezüglich Stromkreis-Lebenskreis, lockere Schrauben und die Macht des Zuschauens vom Stapel gelassen. „Wir sind da, so wie wir sind“, stellt Hanna Binder fest, verärgert darüber, dass die anderen immer andere sind.

Völlig verausgabt sie sich in einer Publikumsbeschimpfung, philosophiert übers Sterben auf der Bühne „für einen schönen Abend“, lädt aber denn doch die ersten Reihen gönnerhaft und gruselig zum Händeschütteln ein, während Bergs Sprecher, um ein Entkommen eben derselben zu verhindern, fragt: „Soll ich den Saal zusperren?“ Und immer wieder Gerhard Balluch, im umstrittenen Grazer Konwitschny-Lear dereinst der Graf von Kent, polternd hinter der Bühne, das Schwert zückend auf dieser, er gleicht dem Geist eines gestrigen Theaters, das nicht weichen wird, so lange das neue – mit dem Shuttlebus – im Stau steckt und Verspätung hat, der komplette Theaterapparat in Warteposition und dabei die Zuschauer beschwichtigend und irgendwie beschäftigend. Am Ende, man ahnte es bereits, hat der Bote die fehlenden Mimen doch noch gefunden, sie sind – wir. Damit ist die Lizenz freigegeben, das Tollhaus, das Theater ist, zu übernehmen.

www.schauspielhaus.at

  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Hass-Triptychon

Mai 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Abgefucktes Altarbild mit aggressiver Troll-Truppe

Bruno Cathomas (re.) und seine Trolle Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke. Bild: © Judith Buss

Wenn Aufregerregisseur Ersan Mondtag einen Text von Aufregerautorin Sibylle Berg inszeniert, darf man sich schon Besonderes erwarten, etwas schräg, schrill, Schreiendes, und tatsächlich – diesbezüglich enttäuschte der Berliner Theatermacher, der vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen die Gemüter mit seiner außergewöhnlichen Ratten-„Orestie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29002) beunruhigte, auch heuer nicht.

Am Volkstheater, ein Haus, um dessen Leitung in der Nachfolge Anna Badoras sich Mondtag übrigens beworben hat, brachte er Bergs „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung, und malt deren düsteres Sittengemälde mit den ihm eigenen opulenten Farben aus. Wofür ihm Bühnenbildnerin Nina Peller eine Riege Pappmaché-Häuser hingestellt hat, die immer gleiche Fassadenprojektion eine gespenstische Ruine, und damit’s entsprechend spooky bleibt, darf sich manch Zuschauer vor seinem Sitznachbar gruseln – an die zwanzig Skelette, die im Schwarzlicht vor sich hinglimmen, die Bildungsschicht bis auf die Knochen verwest, denn Berg, berühmt-berüchtigte Sibylle grotesk-dystopischer Gesellschaftsprophezeiungen, siehe ihr aktueller Roman „GRM“, siehe ihr derzeit im Volx/Margareten zu sehendes Stück „Nach uns das All“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385), führt das Publikum in eine Prekariatswelt, eine Stadt an einem Autobahnzubringer, deren Bewohner die sogenannten Wohlstandsverlierer – und außerdem: Trolle sind.

Mit buntem Aufwärtshaar, Spitzohren und mitunter von Kostümbildnerin Teresa Vergho zum Muskelberg ausgepolstert. Auftritt Benny Claessens als „Hassmaster“, der im weißen Mantel und mit weißer Langhaarperücke aus einem Kanaldeckel kriecht und sich eine Zigarette anraucht. Auf den Zuruf der Souffleuse, dies doch bitte nur hinterm Eisernen Vorhang zu tun, antwortet er mit einem symbolbrechtigen Einreißen der „vierten Wand“. Er singt ein Liedchen, ist die Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater doch dank der Musik von Beni Brachtel, der Berg-Gedichte vertonte, als Anti/Musical ausgewiesen, er hüpft herum und skandiert dabei: „Theater – Realität – Theater – Realität“. Dies nicht der einzige Verweis auf Künstlichkeit, Mondtag, lässt sich interpretieren, befördert die Trolle zurück in ihre Onlineforen, wo sich die Hater hinter Nicknames verstecken, wenn sie ihre Aggressionen virtuell aufbauen.

Bild: © Judith Buss

Bild: © Judith Buss

Bald nämlich entpuppt sich die Truppe als Häufchen Hoffnungsloser, von der „Alkoholikerin der Herzen“ über den auftrainierten Content-Produzenten, vom Schwulen, der von „Teilzeitscheißjobs“ leben muss, über Digitalisierungs- und Outsourcingopfer zum desillusionierten Jugendlichen zum drogenrauschigen Kotzbrocken – und sie alle erzählen in aberwitzig zynischen Schimpftiraden von Missgunst, Ressentiments, Zorn und Zerstörungswut. Bruno Cathomas, Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke gestalten diese Trollarmee. Die Schau ist aber Benny Claessens, sein vulgäres Spiel bildet den Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, wenn er, nur einen knappen Slip am silberglitzernden Körper, tanzt und sich lasziv räkelt, ein Herr über den Überrest der Menschheit.

Benny Claessens als weißer Hassmaster im Troll-Land. Bild: © Judith Buss

Ihnen allen gemein ist die Lethargie und die Langeweile des Sonntags, dies der erste Flügel dieses abgefuckten Altarbildes, und so wächst die Sehnsucht nach einem Montag, der Erlösung in Form von klar strukturierter Erwerbsarbeit bringen soll. Doch kaum ist der Montag im zweiten Flügel angebrochen, sehnt man sich bereits wieder nach dem Wochenende, also den Blick auf den dritten und letzten gerichtet, in dem der Hassmaster endlich zu den Waffen ruft.

Damit man real ausleben kann, was bisher nur im Internet möglich war. „Mit jedem Tag werden wir wütender“, lässt dieser Chor der Abgehängten wissen, während er sich vom digitalen Störfaktor zur veritablen Gefahr entwickelt. Das kann Sibylle Berg: Gegenwartsdiagnosen abliefern, die so fatalistisch wie treffsicher sind, und Ersan Mondtag liefert ihr die messerscharfen Bilder dazu.

www.festwochen.at

26. 5. 2019

Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

www.volkstheater.at

15. 5. 2019

Rabenhof: Viel gut essen

Oktober 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kreisky rocken Sibylle Berg

Franz Adrian Wenzl performt den verbalen Rundumschlag von Typ Mittelschicht. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Sein altes Wohnviertel wird zu einem Mix aus Bobo-Behausungen und Asylantenheim umgebaut. Seinen Vorgesetztenjobtraum hat er an Frau Hüdüczü verloren, den Arbeitsplatz gleich dazu, hat er ihr doch ihren „doppelten Quotenanspruch – weiblich und Migrationshintergrund“ ins Gesicht gekotzt. Frau Claudia und Sohn Anselm haben das Weite gesucht. Nun steht er in seiner nicht abbezahlten Fast-Profi-Küche und brutzelt, was das Zeug hält.

Denn heute Abend sollen, werden sie, hofft er … heimkommen? Der arme „kleine Mann“, er könnte einem fast leid tun. Bevor er seinen Verbalrundumschlag beginnt. Auf alles und jeden, das und die ihm fremd sind – und das ist zu allererst einmal er selbst. „Ich weiß, dass ich ich bin, weil ich eine Wohnung habe, zu der mein Schlüssel passt“, singt Kreisky-Frontmann Franz Adrian Wenzl. Die Wienerwut-Rocker haben Teile von Sibylle Bergs Texttirade „Viel gut essen“ zu sechs neuen Songs vertont, den großen Rest spricht „Austrofred“ Wenzl bei diesem, seinem quasi Debüt als Schauspieler.

Nach Aufführungen in Deutschland und der Schweiz ist die in ihren beiden Heimatländern hassgeliebte Autorin mit ihrem Monolog nun im Rabenhof angekommen, und wirkte beim tosenden Schlussapplaus und den Standing Ovations sichtlich gerührt, ja sogar ein wenig schüchtern. Vater-Land/Mutter-Sprache, vielmehr: der empfundene Verlust derselben an neue Verhältnisse, das ist auch Thema von „Viel gut essen“.

Da steht er nämlich, der Repräsentant der sogenannten, von allen politischen Couleurs heiß umbuhlten Mittelschicht, weiß, hetero, xenophob, homophob, frauenfeindlich und ein Feind moderner Kunst, früher beruflich sogar erfolgreich, und sieht die Fassade bröckeln. Das Fundament seiner Existenz ist brüchig geworden. Das erzeugt Frust. Der erzeugt Gewaltbereitschaft. Aber noch ist er ruhig, der „kleine Mann“ und will nur kochen und die Geschichte seines Scheiterns erzählen. „Ich war immer angestellt, meinem Bedürfnis nach Planungssicherheit geschuldet“, sagt er. „Ich hatte nie das Bedürfnis nach Regelunkonformität. Ich wollte nicht aufbegehren“, sagt er.

Kreisky: Klaus Mitter, Martin Max Offenhuber, Lelo Brossmann und Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Bernd Supper und Willi Landl: Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Und wie er das sagt. Wenzl trifft einen Ton zwischen bekanntem Politikertypus und sozialfaschistischem Prediger, ausgerechnet sein Protagonist doppeldeutig ein „Europe“-Fan, und der Eindruck bewahrheitet sich mit Fortschreiten des Abends, wenn Wenzl seine Sätze zunehmend als Parolen formuliert, diese immer öfter ins Mikrophon donnert. Oder sich in Glencheckanzug und Schwarzer-Kontinent-Shirt darüber wundert, dass „in Afrika eine Familie ein Monat von einem Stück Topfenstrudel leben“ kann. Die Musik erhöht den Druck, die Dynamik der Eskalation steigert sich stetig. Bald fehlt hinter ihm nur noch das Heimatplakat.

Berg und die Band wollten der Rabenhof-Aufführung etwas Wienerisches geben, und dazu gehört wohl, dass Wenzls Auftritt was Kabarettistisches hat. Die Kreiskys sind halt Kreisler-Kinder. Im Gemeindebautheater (wo die, die hier, eh immer eines Geistes sind) wurde jedenfalls gejohlt und gelacht (im Unterschied zur deutschschweizerischen Publikumsschreckstarre), da versteht man sich aufs Hinterfotzige, das Knallharte wird Kleinkunst, das Grausliche grotesk. Wie sich Wenzl so von Geschmacklosigkeit zu Geschmacklosigkeit zetert, das ist scham- und schonungslos, zynisch und provokant, und es ist melancholisch. Es ist wahnwitzig komisch und zum Brüllen traurig. Wenzl balanciert über Bergs Klischeeberg auf dem schmalen Grat von So was sagt man nicht! und Das wird man doch noch sagen dürfen!

Dort also, wo‘s die einen für den endlich notwendigen Tabubruch halten und die anderen für Rassismus. Früher hatte die politisch korrekte Mehrheitsgesellschaft beim Reden das Sagen, die anderen schwiegen, jetzt wächst der „kleine Mann“ über sich hinaus. Der Einzelne ist gar nicht mehr so anonyme Masse, das Schweigen wird laut, deshalb wird Wenzl außer von Klaus Mitter am Schlagzeug, Gitarrist Martin Max Offenhuber und Lelo Brossmann am Bass von einem Chor begleitet. Man hat sich dafür Bernd Supper von The Scarabeusdream, Maximilian Atteneder von Catastrophe & Cure und den oberösterreichischen Jazzsänger Willi Landl ausgeborgt.

Und die drei sind nun die Perversions- und Percussiongruppe, gestalten das schlechte und das böse Gewissen, die schlechten und die bösen Kindheitserinnerungen – die Mutter ging dem lieblos schweigsamen Vater mit „Jeff aus Eritrea“ durch: „Die armen Asylanten. Aber tanzen tun sie so anmutig. Sie haben so elegante, unterprivilegierte Gliedmaßen, da staunt die Frau auf ihrem Tretroller, da beben ihre roten Unterarme. Und schon gab es sie nicht mehr.“ Das Trio mimt auch Gourmetküchen-Aficionadas, es feiert als Herrn Jedermanns Kopfdruckkochtopf dessen Rezepte. „Kapern sind die Krönung des Fischfonds“, psalmodiert es. Oder: „Die Tomaten glänzen wie Halbedelsteine.“ – „Paradeiser heißt das bei uns“, kontert Wenzl.

Tänzeln in Starschnitt-Attitüde:Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Martin Max Offenhuber, Franz Wenzl, Sibylle Berg, Klaus Mitter und Lelo Brossmann: Bild: © Rabenhof / Ingo Pertramer

Auch, wenn der Chor über Claudia und Anselm singt, klingt’s oft wie Kirchenchoral. Die heilige Institution Familie. Heißt, wenn die Frau Blumen will, soll sie einen Fleurop-Lieferanten heiraten; will sie sich selbstverwirklichen, „irgendwas aus Ton oder Schmuck gestalten“. Dass andere von ihm abhängig sind, findet der Ex-Alleinverdiener „sinnstiftend“. Und will der Sohn zum Ballett, ist er ent-***, also jedenfalls aus der Art geraten. The Final Countdown. Franz Adrian Wenzl performt seinen Bühnenfreak mittlerweile mit Rebellenattitüde, tanzt über die Bühne wie ein Fred-Starschnitt. Unter seinen Posts erbeben Internetforen, seine Leserbriefe sind im mehrfachen Wortsinn Reaktion.

Der Kampf an allen Fronten hat längst begonnen. Musikalisch als die „Mobilmachung des gesunden Menschenverstands“: „Wir sind keine dumpfe braune Horde/wir sind das Volk/wir sind Bürger mit Bürgerrechten/und die holen wir uns./Stillgestanden./In einer Reihe./Die Ausgabe der Waffen erfolgt jetzt -“

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=8&v=12sFvR-KeFE

www.rabenhoftheater.com

  1. 10. 2017

Janis: Little Girl Blue

Januar 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kitschfreie Annäherung an die kosmische Heroine

Janis Joplin, 5. April 1969 Bild: Evening Standard © Getty Images

Janis Joplin, 5. April 1969
Bild: Evening Standard © Getty Images

Janis Joplin das ist: Südstaatenkindheit, San-Francisco-Feeling und viel Southern Comfort. Als sie sich am 4. Oktober 1970 den einen Schuss zu viel setzte, war sie eigentlich längst clean. Dies wie ein weiterer Witz aus einem Leben, das sich lebenslang vor sich selbst hertrieb. Es bleibt: die Erinnerung an die Rockröhre, die rosarote Sonnenbrille samt Federboa, war da die Joplin nicht längst eine Karikatur ihrer selbst?, und viel, ganz viel Herzschmerz. Ein Mythos. Jimi, Jim & Janis. Und mir geht’s auch schon ganz schlecht. Und dann hatte man die 27 beinah widerwillig überlebt. Es gibt keine Frau, die zur Geschichte von Janis Joplin nicht eine eigene hat. My unhappy, my unlucky, my little …

„Janis: Little Girl Blue“ heißt die Dokumentation von Amy J. Berg, die am 29. Jänner in die heimischen Kinos kommt. Berg ist bekannt für ihre Filme über gesellschaftliche Defizite und Deformationen, von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche („Deliver Us from Evil“) über ein folgenschweres Fehlurteil („West of Memphis“) bis zur Church of the Latter-Day Saints („Prophet’s Prey“). Ihre Annäherung an Joplin dauerte sieben ganze Jahre. Das Ergebnis ist ein einfühlsames Porträt der Singer-Songwriterin, kompromisslos kitschfrei, intim, aber nie invasiv. Berg verzichtet darauf Joplins Wesen zu psychologisieren, mögliche Minderwertigkeitskomplexe oder andere Seelenschäden zu verorten. Sie stellt dar. Das zeugt von Respekt. Und man versteht auch so.

Mithilfe bisher unveröffentlichter Aufnahmen von Konzerten und Fernsehauftritten verfolgt Berg die öffentliche Joplin, den Bühnenderwisch mit der Whiskeystimme; erstmals gezeigte private Fotos und Notizen, vor allem aber Nachrichten an Familienmitglieder und Freunde offenbaren eine Janis, die sich eine überlebensgroße Kultfigur schuf, in der Hoffnung mittels dieser überleben zu können. Die Lücke mit einer Legende schließen. Es ging schief. Die Sängerin Cat Power liest Joplins Briefe und wird gleichsam zu deren Stimme. Powers Georgia-Alternative-Country-Akzent passt dazu prima.

Janis Joplin hat ihren Kampf für Unabhängigkeit und Liebe, gegen Alkohol und Drogen zum Teil ihrer Performance gemacht. Und wenn sie singt, sich die Stimme aus dem Leib reißt, sich diesem Dasein aussetzt, ist klar, dass ihre Freiheit Selbstzerstörung sein musste. Nichts mehr übrig, das man verlieren könnte. Zu sehen ist Joplin beim Monterey Pop Festival mit Big Brother & the Holding Company, gefilmt von D. A. Pennebaker, und in Woodstock mit der Kozmic Blues Band, auch eine fröhliche, sehr berührende Szene, in der Janis im Tourbus „Me and Bobby McGee“ singt. An ihre liebe- und offenbar ziemlich verständnisvollen Eltern schreibt sie sinngemäß: „Schaut, ich bin erfolgreich! Anbei ich mit meinen vielen Freunden!“ Dazu ein Foto.

Es ist erstaunlich, sieht man diese Bilder und Szenen aus den 1960er-Jahren, wie viel vom verachteten Mittelstand diese Hippie-Rebellen in ihre Flower-Power-Welt hineinlassen mussten. In den krassesten Outfits, in ihren verrücktesten Posen steckt eine – aus heutiger Sicht gesehene – merkwürdige Spießigkeit, von der Kamera für die Ewigkeit eingefangen. Ungefähr so, wie der Beatles-Bob nunmehr eher Mireille Mathieu als einem girl with kaleidoscope eyes ähnelt. Insofern ist Amy J. Bergs Film auch ein Dokument über diese Zeit und darüber, wie sich Zeiten wandeln.

Beinah körperlich qualvoll ist eine Sequenz, in der die Joplin, begleitet von einem sagenhaften Medienzirkus, zu einem Klassentreffen in ihre Heimatstadt Port Arthur in Texas fährt. Die Fragen der Journalisten zu ihrer Schulzeit sind ihr sichtlich unangenehm – der Paradiesvogel war ein Mobbingopfer. In der Studienzeit wurde sie von einer Studentenvereinigung zum „hässlichsten Mann auf dem Campus“ gekürt. Der „Star“ wirkt daheim bestürzend fehl am Platz. Sie sei ein „troublesome kid“ gewesen, sagt ein selbst ernannter Schulfreund. Man habe zwar Spaß mit ihr haben können, sich aber auch oft für sie geschämt. „Attention seeking“ nennt das eine weitere Exfreundin. Ins Rampenlicht, immer schon, und dort dann alles geben. Und wenn ihre Schwester von „Problemen“ mit Janis‘ nicht der Norm entsprechendem Aussehen spricht, reicht das völlig für ein Stimmungsbild des Lone Star State. „“You are what you settle for“, sagt Joplin im O-Ton in einem Radiointerview. Wer sich nicht gegen die Verhältnisse stemmt, darf sich nicht über sie beschweren. Damit hat Berg auch das Joplin stets umwehende Genderthema kurz gestreift und abgehandelt.

Am Morgen nach ihrem Tod, so der Film, lag an der Rezeption von Joplins Hotel ein Telegramm für sie. Es war von ihrem aktuellsten Lover David, und er ist einer von vielen Gesprächspartnern Bergs, dem man die tiefe Trauer über Janis‘ Tod immer noch anmerkt. Im Abspann kommen dann die unvermeidlichen Wortspenden der prominenten Heiligsprecher. Melissa Etheridge, Juliette Lewis, Pink. Die Begegnung mit Janis Joplin und ihrer Musik hat mein Leben verändert. Das als einziges hätte man vermeiden können. Denn ehrlich, wen interessiert’s? Die Begegnung mit Janis Joplin und ihrer Musik hat mein Leben verändert.

www.janismovie.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=-oRLyBgz8W0

Wien, 25. 1. 2016