Nebel im August

Oktober 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein stiller Film über die NS-Kindereuthanasie

Ernst Lossa durchschaut das Mordsystem von Dr. Veithausen: Ivo Pietzcker und Sebastian Koch. Bild: © Filmladen Filmverleih

Ernst Lossa durchschaut das Mordsystem von Dr. Veithausen: Ivo Pietzcker und Sebastian Koch. Bild: © Filmladen Filmverleih

Kinder laufen lachend zwischen frisch gewaschenen Bettlaken umher. Der kleine Friedhof hinter dem schlossartigen Gebäude wird größer. Aus dem fernen, orangefarbenen Himmel hört man das Donnern der Alliiertenbomber. Die Rettung naht. Doch der kleine Friedhof hinter dem schlossartigen Gebäude wird größer …

Nur wenige solcher Illustrationen gestatten sich Regisseur Kai Wessel und sein Kameramann Hagen Bogdanski für die Ausgestaltung ihres Films. „Nebel im August“, ab Freitag in den heimischen Kinos, erzählt von einer der scheußlichsten Untaten des Dritten Reichs, erzählt von der NS-Kindereuthanasie, und er tut das unaufgeregt, nie pathetisch – und daher umso wirkungsvoller. Wessel ist ein ruhiger, stiller Film gelungen, wie anders könnte man versuchen etwas über das Unsagbare zu sagen?

Die Geschichte ist wahr. Michael von Cranach, Experte zur Psychiatrie im Dritten Reich und den Verbrechen, die in ihren Einrichtungen begangen wurden, befasste sich in seiner Zeit als ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren mit der Vorgeschichte dieser Klinik im Nationalsozialismus – und stieß dabei auf die Akte Ernst Lossa. 2008 veröffentlichte Robert Domes den Tatsachenroman „Nebel im August“, nun der Film. Ernst, 13 Jahre alt, ein „Jenischer“, der Vater deshalb schon bald im KZ, ist ein ungemein kluger, ergo unangepasster Bub. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er aufwächst, haben ihn als „nicht erziehbar“ eingestuft und schieben ihn schließlich wegen seiner rebellischen Art in ein Institut für Behinderte ab. Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass unter der Klinikleitung von Dr. Veithausen Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht, den Patienten und Mitgefangenen, Großteils Kinder und Jugendliche, zu helfen. Womit er sich in Lebensgefahr bringt.

Es hätte ihn beim Lesen der Krankenakte beeindruckt, wie wissend dieser Knabe geschaut habe, sagt Cranach. Keinen besseren Darsteller für Ernst Lossa hätte man finden können, als den 12-jährigen Berliner Schauspieler Ivo Pietzcker. Sein kraftvolles Spiel fährt direkt unter die Haut. Wie er erst schreit „Ich gehör‘ hier nicht her“, weil ihm vor den „Idioten“ graust, bis er begreift, dass hier einer helfen muss. Und so wird aus Ernst, dem Überlebenskünstler, der schlau auf brenzlige Situationen reagiert, eine Art Messiasgestalt für die Insassen. Am Ende, ein letztes Bild, regnet es Fische. Pietzcker ist beeindruckend, seine Mimik, seine beredten Augen; angesichts der großen Ernsthaftigkeit, bangt man mitunter darum, ob in diesem Talent noch genug Kind steckt …

Sebastian Koch gibt den Dr. Veithausen als Wolf im Schafspelz. Mit genialer Ambivalenz changiert er zwischen charmantem Anstaltsvater und selbst ernanntem Erlösergott, zwischen Karrierist und Überzeugungstäter. Ganz Eugeniker ist er von der Idee der „reinen Rasse“ überzeugt – Koch spielt das Grauen der NS-Todesmaschinerie subtil, als Subton, so wie der ganze Film nie mit Nazisymbolik um sich wirft, geht auch er nie in die Klischeefalle, spielt nie schwarzweiß, sondern alle Schattierungen von Grau.

Und während er versucht, den kleinen Patienten Gutes zu tun, ...: Carla Karsten mit Ivo Pietzcker. Bild: © Filmladen Filmverleih

Während Ernst versucht, den kleinen Patienten Gutes zu tun, …: Carla Karsten mit Ivo Pietzcker. Bild: © Filmladen Filmverleih

... bringt Schwester Edith (Henriette Confurius) den tödlichen Himbeersaft. Bild: © Filmladen Filmverleih

… bringt Schwester Edith (Henriette Confurius) den tödlichen Himbeersaft. Bild: © Filmladen Filmverleih

Bis in kleinste Rollen ist „Nebel im August“ vorzüglich besetzt. Branko Samarovski ist als Hauswart Mitwisser, aber nicht Mitläufer, einer eben, der sich gegen das System nicht wehren kann. Karl Markovics hat als Ernsts Vater nur einen kurzen Moment, da versucht er einmal noch sein Kind zu sich zu holen.  Doch weil er Jenischer ist, sei Ernst ohnehin nicht sicher bei ihm, sagt Veithausen – und Markovics sind der drohende Horror und Tod, die Demütigung und Angst ins bereits eingefallene Gesicht geschrieben. Thomas Schubert und David Bennent sind das Gegensatzpaar Pfleger – Patient, der eine hinkt, passt sich aus Angst deshalb an?, der andere lebt seine archaischen Gefühle aus. Wie sich Bennent über die Leiche eines ermordeten Mädchens wirft, beschuldigt, um sich schlägt, schließlich niedergespritzt wird, das ist eine der eindrücklichsten Szenen im Film.

Die beiden Frauenrollen sind, sucht man denn etwas zu kritisieren, ein wenig stereotyp geraten. Henriette Confurius als der schöne, kalte Todesengel Schwester Edith und Fritzi Haberlandt als Ordensfrau Sophia, die mit ihrer Fürsorge versucht zu retten, was nicht zu retten ist – und ergo zu Tode kommen muss. Als Statisten fungieren viele behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aus Theater- und Wohngruppen kommen. Ihnen schenkt der Film seine Sympathie.

Mehr als 200.000 behinderte und kranke Kinder und Erwachsene wurden zwischen 1939 und 1945 in deutschen Nervenkliniken getötet, weil die Nazis ihr Leben als „unwert“ abtaten. Die Täter kamen mit Bagatellestrafen davon, die realen Vorbilder für Dr. Veithausen und Schwester Edith gingen schon kurz nach dem Krieg wieder ihren Berufen nach. Siehe Heinrich Gross. Man wolle aber, so Sebastian Koch im Gespräch mit mottingers-meinung.at, mit dem Film vor allem eine Brücke ins Heute schlagen. Sei doch die Frage, was lebenswertes Leben ist, angesichts von Pränataldiagnostik und Diskussionen um Spätabtreibung oder Sterbehilfe hochaktuell. „Meine Einstellung zu all diesen Fragen“, sagt Koch, „hat sich während unseres Drehs sehr verändert.“

Sebastian Koch im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=23294

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Wien, 5. 10. 2016

Nebel im August: Sebastian Koch im Gespräch

Oktober 4, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Star in einem Film über die NS-Kindereuthanasie

Sebastian Koch als Dr. Werner Veithausen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sebastian Koch spielt den aus vier real existiert habenden Medizinern geschaffenen NS-Euthanasiearzt Dr. Werner Veithausen. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Nebel im August“, ab 7. Oktober in den heimischen Kinos, das ist ein Film nach einer wahren Begebenheit, in Süddeutschland, Anfang der 1940er-Jahre. Der 13-jährige Ernst Lossa, ein „Jenischer“, der Vater deshalb im KZ, ist ein ungemein kluger, ergo unangepasster Bub. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er aufwächst, haben ihn als „nicht erziehbar“ eingestuft und schieben ihn schließlich wegen seiner rebellischen Art in ein Institut für Behinderte ab.

Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass unter der Klinikleitung von Dr. Veithausen Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht, den Patienten und Mitgefangenen, Großteils Kinder und Jugendliche, zu helfen. Womit er sich selbst in Lebensgefahr bringt. Michael von Cranach, Experte zur Psychiatrie im Dritten Reich und den Verbrechen, die in ihren Einrichtungen begangen wurden, befasste sich in seiner Zeit  als ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren mit der Vorgeschichte dieser Klinik im Nationalsozialismus – und stieß dabei auf die Akte Ernst Lossa. In der Regie von Kai Wessel spielt ihn nun der 12-jährige Berliner Schauspieler Ivo Pietzcker. Außerdem spielen Fritzi Haberlandt, Branko Samarovski, Karl Markovics, David Bennent und Thomas Schubert. Sebastian Koch schlüpft in die Rolle des Dr. Veithausen. Ein Gespräch:

MM: Darf ich mit einer persönlichen Frage beginnen? Wie war’s am Set mit diesen vielen fröhlichen Kindern, in dem Wissen, dass etliche von ihnen das Dritte Reich nicht überlebt hätten?

Sebastian Koch: Schön, dass wir damit anfangen, denn mit den Kindern, und vor allem mit den behinderten Kindern zu arbeiten, war für mich das Schönste und Tollste an dem Projekt. Die Dreharbeiten gingen über zwei Monate, da entwickelt sich schon fast so etwas wie eine Familie. Man denkt ja von sich selbst immer, dass man so souverän und ungezwungen sei, und zum Teil mag das auch stimmen, aber hier war’s doch auch etwas anderes. Man tritt auf eine ganz andere Art und Weise in Kontakt, als man das sonst tut. Da kamen für mich ganz neue Fragen auf: Beispielsweise, wenn ich ein Kind tragen musste, und darüber nachdachte, wie ich es anfasse, ohne ihm weh zu tun. Daran sieht man, wie wenig wir doch über Behinderungen wissen und wie sehr unsere Gesellschaft diesem Thema nach wie vor aus dem Weg geht. Man scheut sich davor, Fehler zu machen, gerade weil man so wenig Information hat. Mir hat es sehr gut getan, das einmal so nah miterleben zu dürfen, welch bezaubernde Menschen Kinder mit Down-Syndrom sind, gerade weil sie so ungefiltert reagieren und pure Emotion leben. Sie haben eine sehr klare Wahrnehmung – und das macht unglaubliche Freude.

MM: Die Erfahrung zeigt ja, dass die Kinder mit uns viel unverkrampfter sind, als wir mit ihnen.

Koch: Absolut. Die haben überhaupt kein Problem. Eher haben wir das Problem, weil wir so wenig wissen. Durch Unsicherheit, durch Unwissenheit und Ängste ziehen wir uns fast reflexartig vor behinderten Menschen zurück.

MM: Sie spielen im Film Dr. Veithausen, ein Konglomerat aus real existiert habenden NS-Euthanasieärzten. Was ist der? Überzeugungstäter, Karrierist, glaubt er sich als gottgleichen Erlöser oder ist er Eugeniker?

Koch: Er kommt sicher aus der Eugenik. Das war ja Ende des 19. Jahrhunderts ein gesellschaftlich absolut relevantes Thema, basierend auf dem Sozialdarwinismus, der die Erbgesundheitslehre der damaligen Zeit bestimmt hat. Die Menschen waren davon überzeugt, sie machen in diesem wissenschaftlichen Bereich etwas Gutes, indem sie positives Erbgut fördern und damit den besseren Menschen erfinden. Das hat mit den Nazis per se erstmal gar nichts zu tun gehabt.

MM: In Österreich gab’s Sozialdemokraten, die der Eugenik anhingen. Allerdings wollten die durch Aufklärung über Verhütung oder Hygiene riskante Schwangerschaften verhindern, nicht geborenes Leben vernichten.

Koch: Die Nazis haben diese Geistesströmung zu ihrem Zweck missbraucht, haben 1933 mit den „Gesetzen zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ begonnen, um Schwangerschaftsabbruch zu legitimieren und Zwangssterilisation einzuführen. Alles gesetzlich legalisierte Vorgänge, die die Nazis letztlich dazu benutzt haben, eine „reine Rasse“ entwickeln zu können. Damit wurde eine Mordwaffe geschaffen, die bis zum Exzess angewandt wurde. Aber was mir eher wichtig war, worum ich Produzent Ulrich Limmer und Regisseur Kai Wessel gebeten habe, war, dass wir den Film optisch nicht zu sehr im Nazi-Milieu ansiedeln, also dass es keine Hakenkreuzfahnen und anderen  NS-Symbole gibt. Aus heutiger Sicht sehen wir zwar die Monster, aber damals waren sie nicht als Monster erkennbar. Veithausens Vorbild wird von Zeitgenossen und von seinen Mitarbeitern im Institut als netter, zugänglicher Mensch beschrieben. Zwar hat „Tiergarten vier“, das Berliner Büro die Tötungen vorgeschrieben, aber Menschen wie Veithausen haben dann die Entscheidung getroffen, wer leben darf und wer sterben muss. Für ihn war das ein medizinischer und gesellschaftlicher Durchbruch, weil er davon überzeugt war, er habe als Mediziner den richtigen Blick auf seine Patienten.

MM: Die Darstellung der Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Robert Domes und der Forschung von Michael von Cranach. Er war ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren und fand die unaufgearbeiteten Euthanasie-Akten. Die Täter kamen mit Bagatellestrafen davon. Was wurde aus dem damaligen Anstaltsleiter?

Koch: Er hat drei Jahre bekommen, wurde aber wegen Haftunfähigkeit frühzeitig entlassen und ist später in Ehren gestorben. Ich glaube, dass er sogar wieder praktiziert hat. Die Krankenschwester, die bei uns Edith heißt und die den Kindern den tödlichen Himbeersaft verabreicht, hat nach relativ kurzer Zeit auch wieder gearbeitet. Die Entnazifizierung in Deutschland ist ja insgesamt relativ nachlässig verlaufen. Ich glaube, der Anstaltsleiter hatte in seiner Verwandtschaft auch ein behindertes Kind, was im Drehbuch weggelassen wurde. Obwohl ich mir gewünscht hätte, dass wir es erzählen, weil es der Geschichte noch eine Nuance mehr gegeben hätte.

MM: In Kaufbeuren wurde auch die E-Kost erfunden?

Koch: Die Entzugs-Kost ist eine entsetzliche Perversion, Patienten beim Essen verhungern zu lassen, indem die Nahrung, die sie zu sich nehmen, keine Nährstoffe mehr enthält. Menschen, die sich so etwas ausdenken sind „ver-rückt“, in dem Sinne, dass sich ihre Wahrnehmung verrückt hat. Solch ein Mensch sieht dann die Dinge, die er tut, als in sich logisch und berechtigt an und benimmt sich dadurch auch nicht auffällig, weil er erst gar kein schlechtes Gewissen hat. Diese verrückte Wahrnehmung und die gleichzeitige Logik, die in dieser Wahrnehmung liegt, so genau und intensiv und in sich stimmig wie möglich darzustellen, das war und ist meine Aufgabe als Schauspieler. Aus seiner Sicht hat also Veithausen mit der E-Kost etwas unglaublich Tolles erfunden. Er liebt seine Patienten, er ist sogar ein guter Anstaltsleiter, er spielt mit den Kindern, dreht sie im Kreis, aber gleichzeitig sieht er einen vermeintlich Unheilbaren, der ein Bett belegt anstelle eines anderen, der vielleicht noch eine Chance hat. Also „erlöst“ er ihn von seinen Leiden. Ich stelle Veithausen nicht aggressiv und bösartig dar, sondern als ein Mensch, der an sich glaubt und meint, das „humane“ Sterben für etwas Gutes zu ermöglichen. Für ihn ist langsam verhungern humaner als die spastischen Krämpfe, die durch Barbiturate ausgelöst werden.

MM: Wie war es mit Ivo Pietzcker, der den Ernst Lossa spielt, zu arbeiten?

Koch: Ivo ist in dem Sinne gar kein Kind mehr, er hat eine geradezu erwachsene Wahrnehmung. Man kann Dinge miteinander entwickeln, gemeinsam erfinden, das hat mich sehr erstaunt. Es war schön, mit ihm zu spielen. Wohingegen die Kinder mit Down-Syndrom einfach richtig loslegen. In der Szene, in der ich dem kleinen Toni ein Spielzeug schenke, rief von hinten immer ein anderer: Meiner! Meiner! Darauf zu reagieren, macht riesigen Spaß, weil alles immer so spontan daherkommt und man vor laufender Kamera schnell reagieren muss. Mit Ivo wiederum gibt es den Schlüsselmoment am Grab von Schwester Sophia, wo Ernst Lossa dem Veithausen „Mörder!“ ins Gesicht schreit. Und da entgleisen dessen Gesichtszüge, sie erkalten, werden hart und unsympathisch. Das ist die Szene, in der Veithausen tatsächlich zum Mörder wird, vorher war er der „Erlöser“.

Veithausen gaukelt den Kindern Väterlichkeit vor: Koch mit Frizi Haberlandt als Schwester Sophia. Bild: © Filmladen Filmverleih

Veithausen gaukelt den Kindern Väterlichkeit vor: Koch mit Fritzi Haberlandt als Schwester Sophia. Bild: © Filmladen Filmverleih

Doch der Knabe Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) durchschaut sein Spiel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Doch der Knabe Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) durchschaut seine Vorgehensweise. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Denn, um es hier kurz zu sagen, das Ende für Ernst ist kein gutes.

Koch: Rettung aus diesem Mordapparat wäre auch nicht möglich gewesen. Ernst versucht zwar zu flüchten, aber auch das misslingt. Aber darum geht es auch nicht. Es geht in diesem Film darum, wie Ernst Losssa mit Kinderaugen das System entlarvt, in das er eigentlich zunächst eingearbeitet werden soll. Er wird für Veithausen zu einem revolutionären Widerpart, zum Sand im Getriebe. Und am Ende steht er als Prinzip Hoffnung wieder auf. Wenn man’s denn so sehen will.

MM: In Österreich ist die NS-Euthanasie durch Friedrich Zawrel und die Spiegelgrund-Debatten als Thema in der Öffentlichkeit präsent. Wie ist das in Deutschland? Wird Ihr Film Aufklärungsarbeit leisten?

Koch: In Deutschland ist es kein großes Thema. Die Dopplung Nationalsozialismus und Behinderung, also vermeintlich „unwertes Leben“, da will man überhaupt nicht ran. Ich hoffe, dass der Film das ändert. Man muss sich damit beschäftigen, denn diese Taten hängen in unserer Gesellschaft bis heute nach.

MM: Hängen über ihr als Glocke, die unseren Umgang mit Themen von Pränataldiagnostik bis Sterbehilfe beeinflusst.

Koch: Dazu wollte ich dringend noch kommen, denn das ist der eigentliche Grund, warum ich den Film gemacht habe: Um die Brücke zum Heute zu schlagen. Um zu zeigen, was daran für uns immer noch relevant ist. Wenn man rein an die wissenschaftliche Lehre der Eugenik glaubt, und dazu die moderne Pränataldiagnostik nimmt, ist das vom Grundgedanken her erschreckend nah beieinander. Die Pränataldiagnostik hat große Vorteile, birgt aber auch die große Gefahr, dass sie perfide und gegen jegliche Ethik einsetzbar ist. Da muss, glaube ich, per Gesetz darauf zu achten sein, dass es sich nicht plötzlich in eine Richtung bewegt, eine, die den perfekten Menschen schaffen will. Die medizinische Forschung ist schon auf dem Weg dazu. Das bringt meiner Meinung nach die gesellschaftliche Balance ins Ungleichgewicht; die Natur aber sieht vor, dass wir alle unterschiedlich sind.

MM: Und am anderen Ende der Fahnenstange? Würden Sie sich wünschen einmal vor Schmerzen, Siechtum … erlöst zu werden?

Koch: Wenn Sie auf die Sterbehilfe hinaus wollen, da haben wir in Deutschland und Österreich durch die Nazi-Zeit natürlich zu Recht Manschetten. Ein weiterer Grund, warum dieser Film so wichtig ist, ist die Frage, wann Leben lebenswert ist und wann es das vielleicht nicht mehr ist. Das darf keine Institution entscheiden, keine dritte Kraft. Das muss immer jeder für sich selber entscheiden dürfen. Ich selbst bin auch ein erklärter Gegner der Todesstrafe. Menschen dürfen nicht über anderer Menschen Leben und Tod urteilen, wer leben darf und sterben muss. Das ist für mich mit meiner ethischen Grundhaltung überhaupt nicht vereinbar. Wichtig finde ich, dass der betroffene Mensch selbst, genauso wie betroffene Eltern von Kindern mit Down-Syndrom, ein Recht haben über ihr Leben zu entscheiden.

MM: Haben Sie mit Eltern gesprochen?

Koch: Ich habe die Eltern unserer kleinen Schauspieler gefragt, wie das war, als sie in der Pränatalphase die Diagnose bekamen: Durch die Bank sagten sie, die Ärzte hätten ihnen dringend davon abgeraten, ihr Kind zur Welt zu bringen. Ganz im Sinne von: Tun Sie sich das nicht an. Was natürlich in einem Entscheidungsfindungsprozess fatal ist, da Ärzte immer noch eine Instanz sind, der man vertraut und auf die man hört, und viele sich ablenken lassen von der Freiheit der eigenen Entscheidung. Man muss sich aber seine Gedanken selber machen und ein Gefühl für die Situation entwickeln dürfen. Die Entscheidung muss in der Familie bleiben, die kann nicht an ein Krankenhaus oder eine Instanz gehen. Wenn man mit diesen Kindern so viel Kontakt hat, wie ich jetzt mit diesen Kindern hatte … meine Einstellung zu all diesen Fragen hat sich während unseres Drehs sehr verändert.

MM: Um noch ein anderes Thema anzuschneiden: Sie kommen Ende Oktober mit einem weiteren Film in die Kinos, „Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka“. Erzählen Sie etwas zur Figur Dr. Krombach?

Koch: Ja, lassen Sie uns das kurz halten. Es geht um einen realen Kriminalfall, Krombach soll ein Mädchen, seine Stieftochter, ermordet haben und es gibt viele Ungereimtheiten in dem Fall. Jedenfalls wurde er verurteilt, ist jetzt 81 Jahre alt und sitzt in einem französischen Gefängnis. Auch er ist ein Ver-rückter mit ver-rückter Realitätswahrnehmung. Mir macht es Spaß als Schauspieler, in so eine Parallelwelt einzusteigen, und ich versuche, die verquere Logik dieser Figuren zu finden. Krombach war als Monster auch nicht erkennbar. Da frage ich mich, wie man solch eine Tat begeht, ohne auch nur ein schlechtes Gewissen oder einen Unrechtssinn zu haben. Das sind vielleicht die Parallelen zu Veithausen, mehr ist da nicht.

MM: Sie drehen viel, allein für 2016 sind’s schon drei Filme, …

Koch: … wobei ich in Projekten wie „Bridge of Spies“ oder „The Danish Girl“ nur kleine Rollen hatte. Da macht man mit, weil man gerne mit dem Regisseur arbeiten möchte oder einen das Thema interessiert.

MM: … was ist denn Ihr Motor?

Koch: Solche Gespräche hier zu führen. In denen man vertiefen kann, was auf der Leinwand zu sehen ist. Da durchbricht ein Kind die Gesetze eines Systems; auch wir leben in Systemen, die über weite Strecken fragwürdig sind, da sollte man mal ansetzen nachzudenken und Gegenbewegungen zu starten. Wenn uns das gelingt, wenn eine Diskussion losgeht, dann haben wir viel erreicht.

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Wien, 4. 10. 2016

KlezMore Festival: Das große Fest jüdischer Musik

Oktober 29, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Drei Tipps von Erwin Steinhauer bis Anne Bennent

The Heart and The Wellspring Bild: © Naorcarmi

The Heart and The Wellspring
Bild: © Naorcarmi

Ab 7. November laden Friedl Preisl und sein Team zur zwölften Auflage eines Festivals, das seine programmatische Ausrichtung schon im Namen trägt: Klezmer-Musik und -Kultur als Reflexion und Bestandteil jüdischen Lebens in Wien, Europa und der Welt. Das KlezMore zieht dabei weder stilistische noch andere Grenzen, sondern will im Gegenteil, diese öffnen und erweitern.

Das KlezMore Festival 2015 beginnt mit der Eröffnungsgala am 7. November mit dem Yamma Trio aus Israel und Scheiny´s All Star Yiddish Revue im Porgy & Bess und endet mit der Abschlussgala am 21. November, bei der im Haus der Begegnung Rudolfsheim die Amsterdam Klezmer Band nicht nur zum Tanzen aufspielt. Dazwischen liegen zahlreiche Highlights wie der Auftritt des Barcelona Gipsy Klezmer Orchestra (8. 11., Metropol), die israelischen The Heart and The Wellspring (10. 11., Reigen) oder das Zusammentreffen des multinationalen Wahlwiener-Musikerkollektivs The Railroad Project mit dem Saxophonisten Daniel Zamir (11. 11., Porgy & Bess). In der Sargfabrik konzertieren am 17. November die ungarischen Nigun.

Auch heuer gibt es wieder eine Kooperation mit Bratislava, im Rahmen derer unter anderem das Großmütterchen Hatz Salon Orkestar am 9. November im Stadttheater Bratislava spielt. Neu ist eine Stummfilm-Matinée, bei der jeweils am Sonntag um 13 Uhr im Kulturcafé Tachles Stummfilme wie „Nathan der Weise“  live vertont werden. Beim hochkarätigen Rahmenprogramm im Magistratischen Bezirksamt/Festsaal 2. Bezirk liest am 13. November Jennifer Teege, Enkelin eines KZ-Kommandanten, aus ihrem Buch „Mein Großvater hätte mich erschossen“. Der umtriebige Roman Britschgi lädt im Kulturcafé Tachles am 9. und 16. November außerdem zur Jam-Session und präsentiert am 14. November die Café Mocca Festival Lounge.

Programmtipps:

Im Theater Akzent gibt es am 18. November die Zusammenarbeit des Trompeters Paul Brody und seiner Formation Sadawi mit Anne Bennent zu erleben. Mit „Behind All The Words / Hinter all den Worten – The Rose Ausländer Project“ beschreiten der facettenreiche Musiker Brody und seine Band neue Wege. Lieder, Kompositionen, die auf der Sprachmelodie beruhen, atmosphärischer Indiejazz, Kinosoundtracks und eine Beschreibung des kulturellen Wechsels von Amerika nach Deutschland reflektieren drei Lebensgeschichten. Jene von Rose Ausländer, von Paul Brodys Mutter und seine eigene. Jelena Kuljic und Anne Bennent beschäftigen sich mit Ausländers Lyrik. Brody, der aus den USA stammend in Berlin lebt und arbeitet, dazu: „Mit ,Hinter all den Worten‘ wollte ich meinen Respekt gegenüber meiner neuen Heimat ausdrücken. Rose Ausländers Gedichte sind dafür perfekt, weil viele von ihnen die Frage nach der Wahrnehmung von Heimat und Identität stellen: Wer bist du und wohin gehörst du? Und Ausländers Werk ist sehr musikalisch und hat einen lustigen, obskuren Humor.“

Am 22. November, sozusagen als zweite und ultimative Abschlussgala, behauptet Schauspieler Erwin Steinhauer im Metropol  „Ich bin ein Durchschnitts-Wiener“. Bei diesem definitiv würdigen Finale des Festivals begleiten ihn die  Musiker von Klezmer Reloaded Extended, Alexander Shevchenko, Maciej Golebiowski, Christoph Petschina und Percussion-Großmeister Peter Rosmanith. Steinhauer gönnt sich und seinem Publikum immer wieder stimmige stimmliche Sidesteps als Sänger, mit denen er seiner großen Liebe zur Musik nachgeht. Mit Klezmer Reloaded Extended widmet er sich klassischen Klezmersongs, die mit Liedern von Louis Taufenstein und vor allem Hermann Leopoldi, dem jüdischen Wiener Volkssänger, verwoben werden. „Ich bin ein Durchschnitts-Wiener“, übrigens ein Titel von Leopoldi, präsentiert diese Lieder in neuem musikalischem Gewand. Der Sarkasmus, der Humor und die Menschlichkeit der Texte sind wie geschaffen für diesen avancierten Klezmer-Sound. Jüdische Musik vermischt mit Jazz, Chanson, Tango und mehr, wobei noch der fröhlichste Tanz mit einer Träne im Auge gespielt werden darf.

Ein Ausblick in den Dezember, in dem es bekanntlich nicht nur adventelt und weihnachtet: Am 7. Dezember lädt Roman Grinberg im Metropol zum Swinging Chanukka, um ein für alle Mal zu klären, was Weihnachten und Chanukka, das jüdische Lichterfest, gemeinsam haben. Jedenfalls sehr viel Musik und sehr viel Essen 😉 Es spielt die Band Klezmetropol, bestehend aus der Crème de la Crème der heimischen Klezmer-, Jazz-, Funk- & Soul-Musikszene. Als Special Guest dieser Weihnukka-Fusion stellt sich Gospel-Diva Stella Jones ein, eröffnet wird der Abend von der jungen israelischen Formation Telavisa.

www.klezmore-vienna.at

Wien, 29. 10. 2015

Tobias Moretti als „Der Vampir auf der Couch“

Dezember 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Blutsauger lässt sich von Sigmund Freund psychoanalysieren

Karl Fischer als Sigmund Freud, Tobias Moretti als "Der Vampir auf der Couch" Bild: © Thimfilm

Karl Fischer als Sigmund Freud, Tobias Moretti als „Der Vampir auf der Couch“
Bild: © Thimfilm

Am 19. Dezember startet in den heimischen Kinos die Komödie „Der Vampir auf der Couch“. Inhalt: Wien, Anfang der 30er-Jahre: Eines Nachts findet sich ein neuer Patient auf Sigmund Freuds Couch ein – ein geheimnisvoller Graf, der die „endlos“ andauernde Beziehung mit seiner Frau nicht mehr erträgt. Sie sei eitel, sie nerve, er hasse sie einfach. Ständig wolle sie von ihm Komplimente hören, wolle ihre Schönheit bestätigt wissen – denn sie könne sich nicht im Spiegel betrachten.  Freud, der nicht ahnt, dass es sich bei Graf und Gräfin um Vampire handelt, weiß gleich eine – vermeintliche – Lösung: Was der Spiegel nicht vermag, kann vielleicht auf einem Bild festgehalten werden. Und so gibt Freud seinem Patienten die Adresse des jungen Malers Viktor. Und tatsächlich, kaum ist der Graf vor dessen Wohnung, sind seine Lebensdürste auch wiedererweckt: Denn in Viktors Freundin, der hübschen Lucy, vermeint der Graf, seine vor Hunderten von Jahren verblichene Geliebte Nadila wiederzukennen. Mit ihr – oder der, für die er sie hält – könnte der Graf nun endlich wieder ein glückliches Dasein fristen. Wäre da nicht die Gräfin. Und Viktor. Und hätte Lucy nicht ihre eigene Vorstellung davon, wie sie ihr Leben gestalten will. Schnell spitzt sich die Situation zu – und endet in einem Ehestreit, bei dem selbst Freud nicht mehr weiß, wie ihm geschieht.

Eine bissige Vampirkomödie von David Ruehm („El Chicko – Der Verdacht“) mit pechschwarzem Witz, geschliffenen Dialogen und gar nicht blutleeren Charakteren, einem unsterblich komischen Tobias Moretti, einer furiosen Jeanette Hain, den Newcomern Cornelia Ivancan („CopStories“) und Dominic Oley. Die „Nebenrollen“ gewichtig besetzt mit David Bennent, Karl Fischer, Erni Mangold, Lars Rudolph und Anatole Taubman. Als schaurig-schöne nächtliche Kulissen dienten Schauplätze in Wien, Niederösterreich und Salzburg. Hinter der Kamera Bildgenie Martin Gschlacht. Eine Produktion von Novotny & Novotny und Hugo Film.

Interview mit David Ruehm:

„Der Vampir auf der Couch“ ist eine Vampirkomödie. Das Gruseln und das Lachen sind zwei elementare Charakteristika des Unterhaltungskinos. War Ihnen von Beginn an daran gelegen, beiden Komponenten gerecht zu werden?

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David Ruehm: Der Film hat ein bisschen was von beidem. Es ist weder ein aggressiver Vampirfilm noch eine schenkelklopfende Komödie, sondern eine sehr feine, zarte Komödie. Die Grundidee reicht in die Neunzigerjahre zurück. Ich sagte mir, Vampire müssen wohl ein Identitätsproblem haben, weil sie sich nicht sehen können. Jacques Lacan hat in den Dreißigerjahren die Spiegeltheorie aufgestellt, wonach der Mensch sich erst als Persönlichkeit wahrnimmt, wenn er sich im Spiegel erkennt. Mit dieser Theorie spiele ich auf humorvolle Art. Das Grundthema darunter ist das der Projektionen. Wer projiziert was in wen hinein? Was projiziert man in den Partner? Wie wünscht man sich den Partner? Wie sieht sich jemand, der sich nicht sehen kann?

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Protagonisten, die durch die Luft flattern, Horroreffekte und ähnliches ziehen auch die Frage der Machbarkeit nach sich. Wie sehr begleitet einen diese Frage durch den Schreibprozess?

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Ruehm: Natürlich schwingt immer die finanzielle Frage mit. Wir waren mit drei Millionen Euro ganz gut ausgestattet. Ein etwas höheres Budget hätte uns klarerweise einen größeren Rahmen geboten. Die Drehzeit war für so einen aufwendigen Film relativ knapp bemessen. Das Budget ist bei Effekten immer im Hinterkopf, aber natürlich will man auf sie nicht verzichten. In meinem Film spritzt das Blut ja nicht in großen Mengen, sondern wird eher für feine Effekte eingesetzt.

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War die Produktionsfirma dadurch bereits in der Drehbuchphase involviert?

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Ruehm: Die Novotny & Novotny Filmproduktion war sehr früh im Spiel, und Alex Glehr und Johanna Scherz haben eine wesentliche Rolle gespielt. Sie haben mir Robert Buchschwenter als dramaturgischen Berater zur Seite gestellt, mit dem ich sehr gut zusammengearbeitet habe. Wir alle haben das Buch immer wieder besprochen, umgekehrt war auch ich in die produktionstechnischen Fragen eingebunden.

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Auch wenn es kein brutaler Vampirfilm werden sollte, so spielte das Kreieren von Effekten gewiss eine Rolle: Wie sucht man nach ihnen? Wie baut man sie ein? Welche Grenze zieht man?

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Ruehm: Ich haben einen sehr eigenen Stil, was es mir in Österreich auch immer wieder schwierig gemacht hat, Filme zu realisieren. Sie sind genremäßig nicht einzuordnen. Ich denke, da kommt meine polnische Ader durch – ich bin ja als Kind in Polen aufgewachsen. Das ist in „Der Vampir auf der Couch“  so und auch in meinen anderen Spielfilmen, wie etwa in „Die Flucht“. Meine Gags sollen nicht nur Lacher erzeugen, sondern haben immer auch inhaltlich einen Sinn. Dem Helden passiert dadurch etwas Dramatisches, und es verändert ihn. Dass der Humor sehr subtil bleibt, ist mir ein großes Anliegen, ebenso wie ein eigenes Universum zu kreieren, in das der Zuschauer schön langsam hineingezogen wird. Ich habe eine künstliche Welt geschaffen und ganz bewusst die Statisten ausgespart. Auch wenn in den Straßen Wiens der Dreißigerjahre nachts nicht sehr viel los war, habe ich an einer bewussten Reduktion gearbeitet, die eine eigene Welt entstehen lässt, in der hauptsächlich die Protagonisten agieren.

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Mit welchen Quellen galt es, sich auseinanderzusetzen, um in die Epoche der Dreißigerjahre einzutauchen?

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Ruehm: Ich mag den Look der Dreißigerjahre sehr. Wenn man das Politische ausklammert, war es eine sehr schicke und schöne Zeit. Durch die Figur des Sigmund Freud konnte man das Geschehen auch nicht später ansiedeln. Wir haben bei der Ausstattung und den Kostümen sehr realistisch gearbeitet. Nur bei den Kostümen der Vampire habe ich mit der Kostümbildnerin Monika Buttinger beschlossen, dass wir uns eher eine Interpretation der Dreißigerjahre einfallen lassen und etwas Verrückteres machen. Der Film ist im Studio gedreht, und es war mir wichtig, dass die Studioatmosphäre erkennbar ist und der künstliche Aspekt dieser Welt sichtbar bleibt. Filme aus den Dreißigerjahren haben uns dabei sehr stark beeinflusst.

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Abgesehen vom optischen Stil der Dreißigerjahre spielten aber auch Dinge, wie der Emanzipationsprozess bei den Frauen, eine Rolle.

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Ruehm: Ja, absolut. In meinen Filmen sind die Frauenfiguren immer die stärkeren Charaktere. Die Männer haben entweder Angst oder Fantasien, die nichts mit der Realität zu tun haben. Die Gräfin ist eine sehr starke Person, ihre Stärke macht sie aber auch sehr einsam. Lucy ist am Beginn des Films die Gesündeste von allen. Sie ist mit sich und ihrem Aussehen zufrieden, endet allerdings am Schluss – „dank“ der Männer – mit einer Macke. Viktor ist in Ansätzen noch ein wenig pubertär und porträtiert seine Freundin nach seinen Vorstellungen, so, wie er sie gerne hätte. Der Graf und Vampir ist ein älterer Herr, der krampfhaft versucht, seine Jugendliebe wiederzubeleben – was natürlich schiefgeht und ihm am Ende den Verlust seiner Zähne und somit seiner Potenz beschert.

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„Wenn man einer Person alles verziehen hat, dann ist man mit ihr fertig“, so lautet das Motto, das zu Beginn des Films zu lesen ist. „Der Vampir auf der Couch“  tarnt sich als Genrefilm und erzählt letztlich von der Liebe oder besser gesagt von der Schwierigkeit, zueinanderzufinden oder über die Jahre hinweg den Zauber zu erhalten.

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Ruehm: Ganz genau. Dieses Zitat, das eingangs am Grabstein steht, ist ein Originalzitat von Sigmund Freud. Es sind sehr viele Dinge im Film sehr versteckt, die bewusst im Hintergrund gehalten werden. Niemand muss Freud oder Lacan gelesen haben, um sich unterhalten zu können. Wenn jemand will, kann er jedoch viele Zitate und versteckte Hinweise entdecken. Zum Beispiel die Schlaftabletten, die Freud nimmt, heißen „Träumwohl“ und sind 1900 abgelaufen. In diesem Jahr hat Freud seine Traumdeutung geschrieben. Mir hat vor allem das Spiel mit den Projektionen Spaß gemacht. Wer sieht wen wie, und wie verändert sich jemand, wenn etwas in ihn hineinprojiziert wird? Es gefällt mir, dass die Gräfin ernsthaft glaubt, Lucys Bildnis sei eigentlich ihr Porträt.

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Ein zweites Thema ist das Sehen. Was ist sichtbar – für einen selbst, für den anderen? Wie wird das Wesen des anderen sichtbar? Die Fähigkeit der Kunst, Dinge sichtbar zu machen, die sich der normalen Wahrnehmung entziehen …

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Ruehm: Was für mich im Vordergrund stand, war die Freude, mit den Figuren zu spielen, sie durcheinander zu mischen und zu schauen, was dabei herauskommt. In all meinen Filmen ist diese Kreisbewegung festzustellen – die Geschichte endet ähnlich, wie sie angefangen hat. Die Figuren haben zum Teil etwas dazugelernt, zum Teil aber auch gar nichts. Hier  ist es so, dass am Schluss alle eine Macke haben, aber so weitertun wie bisher.

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Der Maler im Film macht Dinge sichtbar, die andere nicht sehen können, er kann Fantasien eine konkrete Gestalt verleihen.

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Ruehm: Es handelt sich aber auch immer um seine Interpretation der Dinge. Ich mag den Moment sehr gerne, wenn er trotz seiner Begabung unfähig ist, die Gräfin zu malen – und stattdessen Lucy malt. Da werden so viele Ebenen sichtbar. Es zeigt, dass er doch für sie Gefühle hat, auch wenn er erneut sein Idealbild von ihr auf die Leinwand bringt. Die Gräfin, die sich nicht erkennen kann, hat etwas Unheimliches. Der Maler lernt auch etwas dazu, in dem Moment, wo sich am Ende die anfänglichen Dialoge zwischen ihm und Lucy umkehren und er Sätze zu ihr sagt, die sie am Anfang zu ihm gesagt hat. Es ist ein Zeichen, dass er sie nun so akzeptieren kann, wie sie ist und erscheinen will. Aber zu diesem Zeitpunkt hat sie ja leider schon ihre Macke, er ist also etwas spät dran.

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Sigmund Freud ist ein „Mythos“, seine Interpretation muss auch dem Blick der Fachwelt standhalten. Mit Ihrer Figur des Sigmund Freud versuchen Sie Klischeevorstellungen zu brechen und werfen einen sehr ironisierten Blick auf die Eminenz der Psychoanalyse. Wie haben Sie Ihre Sigmund-Freud-Figur geschaffen?

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Ruehm: Ich habe sehr viel zu Sigmund Freud recherchiert und gelesen und mich auch mit einem Trick gerettet. Von dem Zeitpunkt an, wo er die abgelaufenen Tabletten nimmt und selbst glaubt, nun Visionen zu haben, hatte ich die Freiheit, mit der Figur zu machen, was ich wollte. Es hat mir großen Spaß gemacht, dass er von der „nicht ganz ausgereiften Vampirin“ gebissen wird und so zum Schluss teilweise sein Spiegelbild und damit seine Identität verliert, sich als Analytiker sein Spiegelbild nun immer wieder aufs Neue holen muss.

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Fürs Casting brauchten sie zwei Paare, die zueinander passen. Wie fanden Sie ihre vier Hauptdarsteller?

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Ruehm: Wir haben sehr lange gecastet. Die Einzige, die sofort feststand, war Cornelia Ivancan für die Rolle der Lucy, auch wenn es ihre erste Hauptrolle in einem Spielfilm war. Nicht so leicht war es dagegen, die Gräfin zu besetzen. Jeanette Hain war bald meine Favoritin, und ich finde, ihr gelingt es wunderbar, die Gefährlichkeit, die Einsamkeit und die Tragik ihrer Figur zu verkörpern. Hinter ihren Blicken tut sich ein ganzes Universum auf. Wir haben vor Drehbeginn viel geprobt und auch gemeinsam Filme angeschaut. Wir hatten ein Storyboard für jede Einstellung. Unsere „millimetergenaue Arbeit“, wie es Tobias Moretti nannte, hat uns viel Vergnügen bereitet. Er ist mit einem Humor und einer Tragik in der Rolle des Grafen zu sehen, die man an ihm so noch nie auf der Leinwand gesehen hat. Es geht ja auch darum, dass er am Ende seine Würde komplett verliert. Der Graf mit seiner jahrhundertealten Geschichte ist am Ende nur noch ein armes Würstchen, das sich an diese alte Liebe klammert und schließlich zusammenbricht.

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Besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt scheinen auch den Nebenfiguren zu gelten: der Nachbarin, dem Koch, dem Diener.

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Ruehm: Eine Kette ist bekanntlich nur so stark, wie ihr schwächstes Glied. Mir fällt auf, dass Filme oft nur im oberen Bereich stark besetzt sind, und dann fällt die Qualität in den kleinen Rollen schnell sehr stark ab – und man wird aus der Intensität des Films geworfen. Da wir einen relativ kleinen Cast hatten, wollte ich auch die kleineren Rollen hochkarätig besetzen – mit Lars Rudolph, Erni Mangold …

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Die Dreharbeiten sind insofern historisch, als es die letzten waren, die in den Studios am Wiener Rosenhügel stattgefunden haben. Welche Filmsequenzen wurden in den Studios gedreht?

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Ruehm: Traurig, dass es in Wien nun keine Filmstudios mehr gibt. Es hat großen Spaß gemacht, dort eine Welt zu kreieren. Wir haben mit sehr viel Akribie das Atelier des Malers – sowohl von innen als auch von außen – aufgebaut. Darüber hinaus drehten wir dort noch die Szenen in den Räumen bei Freud, den Brunnen, die Innenaufnahmen im Auto, und wir machten dort alle Bluescreen-Shots für die Flugaufnahmen.

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Wo wurde das alte Haus gefunden?

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Ruehm: Im Zuge der Vorbereitungen bin ich wohl zum Schlossexperten geworden … Wir haben lange gesucht und schließlich dieses besondere Schloss in Wolfsthal bei Hainburg gefunden. Den Speisesaal haben wir in einen komplett leeren Raum im Schloss hineingebaut. Die aufwendige Vorbereitung hat sich als extrem wichtig erwiesen, weil wir es sonst nicht geschafft hätten, innerhalb von 32 Tagen den gesamten Dreh abzuwickeln. Wir haben dort nur in der Nacht gedreht. Wenn wir nach dem Dreh ins Hotel kamen und die Gäste sich dort zum Frühstück setzten, haben wir unser Drehschluss-Bier getrunken. Im Anschluss haben wir mit einem Tag Pause auf Tag-Dreh gewechselt. In den letzten Drehtagen hatten wir entsprechend so etwas wie einen Jetlag.

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Mit dem Dreh war’s noch lange nicht getan; wie hat sich die Postproduktion gestaltet? Was musste alles durch computergenerierte Bilder dargestellt werden?

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Ruehm: Das war in der Tat noch einmal eine sehr intensive Arbeitsphase, weil wir bei den Effekten genauso präzise arbeiten wollten. Da waren nicht nur die Bluescreen-Aufnahmen, wo man Hintergründe im Stil der Dreißigerjahre einfügen musste, sondern viele andere – wie die Augen der Gräfin, die schwarz werden, eine Stechmücke, die jemanden beißt, Holzpflöcke, die durch Körper getrieben werden, Vampire, die zu Staub zerfallen und so weiter. Teilweise hatten wir auch SFX-Effekte, die vor Ort am Set gedreht wurden, zum Beispiel wenn Blut aus einem herausgerissenen pumpenden Herzen spritzt oder wenn Blutspritzer auf einen pinkelnden Burschenschafter treffen. Da hatten wir drei Kostüme, also auch nur drei Gelegenheiten, es in den Kasten zu kriegen. Wenn es bis zum dritten Mal nicht geklappt hätte, wäre es vorbei gewesen. Wenn Lucy mit Viktor auf der Straße geht und plötzlich neben ihm in die Luft aufsteigt – das haben wir mit diffizilen Seilverspannungen am Originalschauplatz im ersten Bezirk gedreht. Es war für mich ein spannender Lernprozess. Mein großer Vorteil war, dass ich viel Erfahrung mit aufwendigen Einstellungen in der Werbung gesammelt habe. Die war eine gute Schule für diesen Film.

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Worin liegt für Sie als Filmemacher der Reiz beim Erschaffen dieser fantastischen Welten?

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Ruehm: Das bin ganz einfach ich. Wenn ich zu schreiben beginne, komme ich automatisch in eine ganz eigene Welt hinein, egal, mit welchem Stoff ich mich auseinandersetze. Ich bin ein großer Fan von Filmen von Buñuel oder Polanski, die auch in diese Richtung gehen. Wenn ich versuche, einen ernsten Film zu schreiben, kommt beim Schreiben unweigerlich Humor dazu. Das passiert ganz von selbst. Das kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein, weil es dann eben nicht mehr so einordenbar ist. Ein eigener Stil macht einen angreifbarer.

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http://kino.novotnyfilm.at/filme/0320-der-vampir-auf-der-couch

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=QDYXIIDbAQM

Wien, 17. 12. 2014

Anne Bennent und Otto Lechner …

Mai 8, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

… erzählen die Geschichte von „Leila und Madschnun“

Anne Bennent Bild: privat

Anne Bennent
Bild: privat

Im Wonnemonat Mai – genauer gesagt ab 16. – liest die großartige Schauspielerin Anne Bennent  im „Dorf“ (Obere Viaduktgasse 2/1, 1030 Wien) die wundersame orientalische Liebesgeschichte „Leila und Madschnun“, ein großer Stoff der Weltliteratur von Nizami, in musikalischer Begleitung von Otto Lechner und Musikern aus dem Umfeld des Vienna Rai Orchester (Peter Rosmanith, Kadero Ray, Raouf Kahouli …). Die Geschichte der Liebe von Leila und Madschnun erzählt man sich in den Wüsten Arabiens seit über 1000 Jahren. Der persische Dichter Nizami hat sie im 12. Jahrhundert aufgeschrieben und man liebt, liest und spielt sie noch heute im gesamten arabischsprachigen Raum. Diese orientalische Geschichte spielt in der Welt der Beduinen und handelt von einer hohen Form der Liebe. Rudolf Gelpke, leidenschaftlicher Islamwissenschaftler, hat die Verse in deutsche Prosa übertragen.

Wie Romeo und Julia, so können auch Leila und Madschnun nicht zusammenkommen, da es die Familien nicht erlauben. Da bricht Madschnun (der Verrückte) alle gesellschaftlichen Normen und geht in die Wüste, um sich seiner unerfüllten, ihn aber ganz erfüllenden Liebe hinzugeben. So bedeutet „Madschnun“ auch Versinken in einen Gedanken und „Leila“ die Nacht der Verdunklung. Die Geschichte ist von Anfang bis Ende eine Lehre über den Pfad der Hingabe. Oder wie Otto Lechner sagt: „Die zentrale Frage des Buches ist für mich: Wer bin ich, und wer kann mich davor zurückhalten?“ „Ich glaube, ohne Poesie und Musik gehen wir zugrunde“, ergänzt Anne Bennent.

Der letzte Abend endet mit einem orientalischen Fest.

www.dasdorf.at

Wien, 8. 5. 2014