Bronski & Grünberg: Familie Schroffenstein

Februar 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Purismus statt Budenzauber

Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer. Bild: © Andrea Peller

Das Bronski & Grünberg, bis dato auffällig geworden als Spielort, der sich bierernst nehmenden Klassikern die Satire ins Gesicht grinst, beweist mit seiner jüngsten Produktion, dass es auch ganz anders kann. Und dies ausgerechnet bei einem Stück, das sich für Ironie und Parodie geradezu angeboten hätte: Kleists „Familie Schroffenstein“. Nun aber trat Regisseur Fabian Alder, und mit ihm eine Creme österreichische (Jung-)schauspieler, an, um dem Wegbereiter in die dramatische Moderne alle Ehre anzutun. Alder setzt in seiner Inszenierung auf Purismus statt auf Budenzauber. Herauskommt so ein sehr straighter Theaterabend, der Kleists Haudegen ohne Hau-drauf-Humor präsentiert, und in seiner klaren Tonart auf ganzer Linie reüssiert.

Haudegen, weil: Was sich in der „Familie Schroffenstein“ abspielt, ist eine Blutorgie à la Tarantino. Durch einen unseligen Erbschaftsvertrag sind zwei blaublütige Vettern samt Anhang zu erbitterten Feinden geworden. Man beschuldigt sich gegenseitig des Kindsmords, schreckt vor abgeschnittenen Leichenfingern, Folter und dergleichen nicht zurück, Vasallen und Boten fallen wie die Fliegen – und, wenn nichts mehr hilft, fällt einer in Ohnmacht. Das übliche Kleist’sche Ritter-Schauer-Mysterydrama halt.

Alldieweil das mörderische Treiben so geht, verlieben sich Agnes aus Zweig A und Ottokar aus Zweig B ineinander. Allerdings, dies kommt beziehungserschwerend hinzu, findet auch Ottokars psychisch labiler Halbbruder Johann Gefallen an der schönen Maid. Im Gebirge kommt es schließlich zu Kleidertausch und Doppelsprung über die Klinge. Am Ende sind alle Erben hin. Und Johann sagt: „Es ist ein Spaß zum Todlachen!“

Nicht so bei Alder. Der verzichtet auf alles Hexenwerk und lässt auf leerer Bühne mit Baumgerippe spielen. Zwei Öffnungen lässt er den goldbewandeten Burgen für die zahlreichen Auf- und Abtritte der Figuren, die Edelfarbe sozusagen der einzige Farbtupfer auch für einen Handschuh, sind im Weiteren die Schauspieler doch in Schwarz und Weiß gekleidet. Einzig der Grenzgänger zwischen den Familien, Jerome von Schroffenstein, trägt grau (Bühne: Kaja Dymnicki und Fabian Alder, Kostüme: Katharina Kappert).

Sophie Stockinger und Simon Morzé. Bild: © Andrea Peller

Wohl weil sich in den Familien alles wie spiegelgleich ereignet, hat Alder die Grafen Rupert und Sylvester sowie die Gattinnen Eustache und Gertrude mit jeweils Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer besetzt. Besagter goldener Handschuh kennzeichnet, wer gerade das Sagen hat, und vor allem Grujčić ist großartig als mal unversöhnlicher Willkürherrscher, mal dessen versöhnlich einlenken wollender Cousin. Sophie Stockinger und Simon Morzé gestalten ein anrührend schüchternes Liebespaar Agnes und Ottokar, Benjamin Vanyek ist als Johann sehr schön irre. Florian Stohr gibt den Jerome als aufrechten, guten Menschen. Ursula Anna Baumgartner schließlich schlüpft gekonnt in diverse Rollen – vom frechen Herold Theistiner bis zur Totengräberstochter Barnabe.

Es macht Freude zu sehen, wie es dem Ensemble gelingt, die Kleist’schen Typschablonen in Charaktere aus Fleisch und Blut zu verwandeln, Alder versteht es, die Symbolhaftigkeit des Werks aufzugreifen und diese Parabel vom Untergang eines großen Hauses in eine aktuell gültige Aufführung zu verwandeln. Dies ohne mit tagespolitischen Schlagworten wie Fake News, roten Knöpfen, Waffenwahn und derlei mehr, was sich zwischen zwei Regierenden und deren Staaten ereignen kann, protzen zu müssen. Man versteht das bitterböse Finale auch so. Und Totengräberswitwe Ursula, in Wahrheit Urheberin des gesamten Grauens, sagt lapidar: „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen …“

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2018

Theater zum Fürchten: Der Herr der Zwiebelringe

November 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tollkühns“ Meisterwerk zum Totlachen

Die Helden sind unzufrieden mit ihrem Gamemaster: Randolf Destaller, Robert Elsinger, Hendrik Winkler, Benjamin Ulbrich, Eva-Maria Scholz, Hans-Jürgen Bertram, Thomas Marchart und Samantha Steppan. Bild: Bettina Frenzel

Witziger und geistreicher als gestern Abend kann ein Fasching kaum beginnen. In der Scala, der Wiener Spielstätte des Theaters zum Fürchten, hatte rechtzeitig zum 11. 11. die aktuelle Dinnerproduktion „Der Herr der Zwiebelringe“ Premiere. Und es war köstlich zu sehen, wie genüsslich Intendant und Regisseur Bruno Max sich die gesamten heiligen Schriften von J.R.R. Tolkien aneignete.

Wie er sie verwurstete, und unter Beimengung der Gewürzmischung H.N. Beard und D.C. Kennedy, mit einem Schuss Saturday Night Live und einer Prise College Humour Network als Festschmaus kredenzte. Zwölf Darsteller und zwei Stunden braucht Bruno Max nun für seinen „endlosen Waldspaziergang durch magische Welten“, eine liebenswerte und feinsinnige Persiflage, die die Herzen der höchst amüsierten Gäste im Wirtshaus zum Grindigen Eber höherschlagen ließ.

Gespielt wird wie immer mitten unter ihnen, denn Bruno Max hat sich fürs Abenteuer einen Kniff einfallen lassen: Randolf Destaller fungiert als Gamemaster, der mit dem D20-Würfel über das Schicksal der Geschöpfe „Tollkühns“ in Oberuntererde verfügt. Da kann’s schon mal sein, dass bei einer Vier alle einen Schnupfen kriegen, oder bei 14 alle eine Runde aussetzen müssen, weil Glamrock seinen Zaubererhut verloren hat, und der gesucht werden muss. Kein Wunder also, dass die Helden bald mit ihrem Spielleiter Streit anfangen.

Die Helden, die da sind: Bingo Windbeutel und Spam Semmelschmarrn, Thomas Marchart und Robert Elsinger, zwei illegale Pfeifensubstanzen rauchende Wobbits, der eine genervt und depressiv, der andere naiv und notgeil. Der vergesslich-senile Zauberer Glamrock, Hans-Jürgen Bertram. Amalgan, Benjamin Ulbrich, ein selbstverliebt-dämlicher Waldläufer. Der Elb Lemongrass, Hendrik Winkler, der sich selbst über seine sexuelle Orientierung nicht so sicher ist (großartig auch das aus Markennamen bestehende Elbisch, das er mit seiner Königin Migraene spricht). Perlon, Eva-Maria Scholz, der martialische Zwerg. Und zwecks Frauenquote: W-Lana, Samantha Steppan, die WaldläuferIn.

Bingo findet das Geschöpf Scrotum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und Lemongrass und Perlon endlich zueinander: Eva-Maria Scholz, Hendrik Winkler, Samantha Steppan und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Glamrock und der Bullprog von Mordio: Hans-Jürgen Bertram und Helmut Frauenlob. Bild: Bettina Frenzel

Bingo, bedroht von den Schwarzen Reitern: Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Absolutes Highlight des Abends ist Peter Fuchs als ehemaliger Schmierkaas, nun genannt Scrotum. Sind schon die anderen Darsteller optisch bestens Peter Jackson, so beweist Bruno Max mit der Figur Scrotum, dass er kein ausgeklügeltes CGI braucht, um atemberaubende Kreaturen und Bilder zu erschaffen. Fantasy ist eben eine Frage der Fantasie!

Die glorreichen Sieben brechen also auf, um Onkel Dildos Großen Ring im Berg der Verdammnis zu versenken, und treffen dabei wie vorgesehen auf allerlei düstere Wesen: Synonym, der Thesaurus, wird von Glamrock mit einem uralten Kartentrick besiegt, der alle ein Level höher bringt. Mit dem Bullprog von Mordio allerdings stürzt er in die Tiefe. Bingo wird von den Schwarzen Reitern bedroht, aber setzt er seine Nerd-Brille auf, müssen sich die Orks im Wortsinn totlachen. Als er aus dem Ring, um ihn sicher zu verwahren, einen Prinz Albert macht, erweist sich das bald als weniger gute Idee. Die Kampfschafreiterin von Ray Ban, Anna Sagaischek, eilt zur Hilfe. Doch gefährlich ist’s, den Satz zu sagen: Hier spu(c)kts ja wirklich!

Derweil muss sich W-Lana über eine Bikini-Rüstüng von Zwerg Dralon ärgern, doch Lemongrass und Perlon finden in der Gefahr endlich zueinander. Die Seherein AchundWeh, Jackie Rehak, sieht zu viel Gutes, auch Hillary Clinton als US-Präsidenten, dafür will der Truchsess von Danclor, Helmut Frauenlob als Donald-Trump-Klon, der Truppe nur Böses, und außerdem eine Mauer gegen die Orks bauen, die Sagrotan bezahlen soll. Der entpuppt sich schließlich als Großunternehmer mit Globalisierungsbestrebungen, der den schwach werdenden Helden eine Gewinnbeteiligung anbietet. Doch der Streit mit dem Gamemaster eskaliert, Alea iacta est, wie einer von Glamrocks lateinischen Sprüchen lauten würde, und so sind am Ende alle …

Noch schnell zum Menü: Es gibt Ente auf Elbenart (Warnhinweis: kann Spuren von Zwergen enthalten), Wobbinger Rotkraut mit Preisselbeeren, Erdtuffeln aus dem Sauenland, Berserker-Met – und natürlich Zwiebelringe.

Bruno Max im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27073

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 11. 2017

Art Carnuntum: Thyestes

Juni 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Krauthappln als abgetrennte Kinderköpfe

Überbackene Krauthappln als abgetrennte Kinderköpfe: Thyestes (Robert Waltl) wird gewahr, was Atreus (Marko Mandić) ihm angetan hat. Bild: © Barbara Pálffy

Eine Art archaisch anmutender Obertongesang, noch ist es Stammvater und erster Sünder Tantalus, der ihn singt, geht in den wummernden Ton einer E-Gitarre über. Eine furchterregend sinistre Soundkulisse entsteht, bis später ein Knabe einfach vor sie tritt und leise Geige spielt. Eine Anspielung auf den Lyra spielenden Kaiser? Derlei Hinweise findet mehrere, wer mag …

Art Carnuntum startet das Welt-Theater-Festival 2017 mit Lucius Annaeus Senecas „Thyestes“. Seneca, genannt der Jüngere, Stoiker und Erzieher von Nero als Thronfolger, von Zeitgenossen – vor allem Tacitus – bereits angefeindet, über Wasser zu philosophieren, aber an der Herrschertafel den besten Wein zu trinken, schließlich von Nero zum Selbstmord veranlasst, war auch Verfasser der einzigen erhaltenen Tragödien der römischen Antike.

Er schrieb sie wohl auch zu Erziehungszwecken, um dem künstlerisch fanatisch begabten Nero ein paar Lehren zu erteilen. Schrieb bereits psychologische, weitestgehend „gottlose“ Dramen, in denen es um Laster, Wahn und die Hybris von Herrschern geht. Schrieb über Zorn als seelische Veranlagung und Aggressivität, die in der menschlichen Natur liegt. Legte also quasi auf der Bühne dar, wie’s zuging im Julisch-Claudischem Hause – und das war ja bekanntlich nicht so weit von den griechischen Horrormythen entfernt.

Nun also „Thyestes“. Eine der grausamsten, wenn nicht die grauslichste aller Familienstorys, die Hellas zu bieten hat. Regisseur Ivica Buljan, vergangenes Jahr mit dem New Yorker La MaMa Theatre und „Pylade“ in Carnuntum zu Gast (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21209), hat sie als Koproduktion des Mini theater Ljubljana, Novo kazalište Zagreb, Zadar snova und Silba Environment Art inszeniert. Und auf den Kern der Sache reduziert. Von den fünf verfluchten Frevlergenerationen zeigt er gerade eineinhalb in gerade mal eineinhalb Stunden. Und er hat wieder seinen Star ins Amphitheater mitgebracht: Marko Mandić. Der gibt allerdings nicht den Titelantihelden, sondern den Schurken des Stücks – dessen Bruder Atreus.

Atreus bespricht den Mordplan mit seinem Berater: Marko Mandić und Benjamin Krnetić. Bild: © Barbara Pálffy

Atreus belauscht seine Ahnen Pelops und Tantalus: Milena Zupančič in Karton-Kothurnen und Gregor Prah. Bild: © Barbara Pálffy

Atreus, König von Mykene, wird von seiner Ehefrau mit Thyestes betrogen. Der so Gehörnte schwört bitterste Rache und tötet Thyestes’ Söhne – wiederum einen Tantalus, Plisthenes und einen namenlos bleibenden Knaben -, um sie ihm als Hauptgang beim Festmahl vorzusetzen. Der ruft danach die Götter an, aber Oh weh! Die in der Mythologie nun folgende Aigisthos-Episode lohnt es sich jedenfalls nachzulesen …

Buljan lässt die ganze antike Anlage des Amphitheaters bespielen. Die Schauspieler turnen nicht nur über die Bühne (diese und die Zuschauerreihen sind bei Art Carnuntum überdacht), sondern auch über die römische Befestigungsmauer (auch die sehr gute deutsche Übersetzung wurde auf die Steinmauer projiziert) und rollen sich atemberaubend gefährlich über den dazugehörigen Erdwall. Wie immer, wo Mandić draufsteht, geht es um völlige Verausgabung, um einen theatralen Trancezustand, um Wahnsinn, der die Könige mehr und mehr regiert. Und seine Darstellerkollegen tun es ihm gleich, als gäb’s in Slowenien keine Versicherung für Schauspieler.

Die Aufführung ist wild und ekstatisch, sehr körperlich, nackt und bloß, gewaltig und gewalttätig. Niemand schont sich – und schon bald ist ein Ellenbogen, der von Gregor Prah, aufgeschürft. Mandić selbst ist eine Urgewalt, ein Schauspielgott unter den Sterblichen, denn in seiner Darstellung stets larger than live. Wie er seine Wut ins Amphitheater schreit, dieser zornige Intrigant, wie er um die Gunst des Publikums buhlt, mit ihm verschwörerisch augenrollende Blicke tauscht, wie er vorgibt, mit dem Bruder den Thron teilen zu wollen, und ihn erst einmal mit Früchten abfüttert und mit Wein trunken macht, dann selbst die Rache auskostet – Mandić ist ein Paradebösewicht.

Robert Waltl, ganz golden geschminkt, gibt dazu den Thyestes als leichtgläubigen, gutmütigen Familien- und Sinnenmenschen, höflich gesagt, man könnte auch sagen: den Völlerer, der frisst und säuft und rülpst, während hinter ihm seine Kinder zur Opferung in den Tempel verschleppt werden. Es folgt ein ausführlicher Metzelbericht vom „Boten“ Benjamin Krnetić, dem unter anderem diese Rolle zukommt. Eine Detailbeschreibung der Gliederabtrennungen und deren Zubereitungsarten, da muss man schon hartgesotten sein, um dieses Menschengrillfest auszuhalten.

Na, dann Prost! Noch gibt es Wein und Früchte: Robert Waltl und Marko Mandić. Bild: © Barbara Pálffy

Schon ganz der Vater: France und Voranc Mandić üben sich als zwei der Söhne des Thyestes im Schaukampf. Bild: © Barbara Pálffy

Mandićs Söhne France und Voranc sind als die jüngeren beiden Thyestes-Söhne zu sehen, und eindeutig fließt in den Adern der beiden Vaters Theaterblut. Sie zeigen gleich beim ersten Auftritt mit einem Schaukampf, was sie können, doch lässt ihr kindlicher Übermut sie nie aus der Rolle fallen. Gregor Prah schließlich spielt Tantalus mal zwei, den den Eingangsmonolog führenden Urgroßvater und den ältesten Sohn des Thyestes, in beiden Rollen ein zorniger junger Mann, der vor Ärger mit den Füßen stampft, dem Frieden sowieso nicht traut – und so durch die Generationen, Milena Zupančič wacht als Pelops auf Kartonschachtel-Kothurnen am Rande der Bühne über das Familienunglück, Anklage zu erheben.

Buljans Interpretation des „Thyestes“ ist ein hypnotisches Theaterereignis, die kluge Bearbeitung eines immerwährenden Stoffes, und hervorragend schonungslos gespielt. Art-Carnuntum-Intendant Piero Bordin hat einmal mehr eine Bühnensensation zu seinem Festival geholt. Man freut sich schon auf die kommenden Wochen.

Das gesamte Programm von Art Carnuntum 2017: www.mottingers-meinung.at/?p=25318

www.artcarnuntum.at

Wien, 25. 6. 2017

Benjamin Black = John Banville: Tod im Sommer

August 10, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Blick auf den irischen Antisemitismus

9783462315493_10Der große irische Autor John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black einen weiteren Quirke-Roman vorgelegt. Es ist das vierte Buch, in dem der Dubliner Pathologe ermittelt, und auch, wenn nie wieder die Genialität der Handlung des ersten Falls „Nicht frei von Sünde“ erreicht werden kann, erzählt es eine fesselnde Geschichte. Diesmal wird der verhasste Zeitungsverleger Richard Jewell zu Tode gebracht, ein Großteil seines Kopfes mit jener Schrotflinte weggepustet, die er noch in seinen klammen Fingern hält. Doch weder Quirke noch Inspektor Hackett glauben an Selbstmord. Bei der Obduktion der Leiche stellt sich heraus, was davor nicht allgemein bekannt war: Der sagenhaft reiche „Diamond Dick“ war jüdisch …

Es ist das erste Mal, dass Banville-Black in seinen 1950-Jahre-Krimis auf den irischen Antisemitismus zu sprechen kommt. Auch Quirkes Assistent Sinclair, weil Tennispartner der Schwester des Ermordeten, als dritter in den Fall eingebunden, „outet“ sich und wird deshalb einiges erleiden müssen, inklusive des Verlusts eines Fingers. Wiewohl ihm vorab sogar noch Schlimmeres angedroht worden war:

„Hör zu, Judenbürschchen“, sagte die Stimme, „wenn du deine dicke fette Nase in Angelegenheiten steckst, die dich nichts angehen, dann werde ich sie dir abschneiden. Danach passen dein Schwanz und deine Judenfresse wieder gut zusammen“. Der Autor schlägt statt seines üblichen verweht nostalgischen, mittelschwer melancholischen Tonfalls diesmal härtere Töne an. Denn die Welt, in die er die Leser im aktuellen Band eintauchen lässt, ist manchen seiner Protagonisten noch gar nicht so sehr versunken.

Das Schicksal der Juden in Irland hat direkt mit dem Dritten Reich zu tun. Die irische Regierung wollte die Neutralität des Landes nicht riskieren und nahm deshalb keine jüdischen Flüchtlinge auf. Tatsächlich spielten neben der Sympathie mit Hitler-Deutschland, dem Gegner von Irlands Erzfeind England, auch antisemitische Beweggründe eine Rolle. Das Justizministerium wollte sich kein „Judenproblem“ ins Land holen und bediente sich dabei der NS-Rassengesetze. Kritische Stimmen verhallten ungehört. Selbst Irlands Präsident Eamon de Valera, weit davon entfernt, Antisemit zu sein, hielt sich zurück. Erst als nach dem Krieg etwa 100 Waisen aus dem KZ Bergen-Belsen abgewiesen werden sollten, hob de Valera, der als Widerstandskämpfer selbst lange Zeit in politischer Haft war, die Entscheidung seines Justizministers auf. Die Staatsgründung Israels veranlasste später viele Juden dazu, Irland den Rücken zu kehren.

All dies kommt bei Benjamin Black nur als Subtext vor. Wie stets führt er den Leser auf viele Irrwege und legt dabei doch die ganze Zeit die richtige Fährte aus. Das Naheliegende kann mitunter tatsächlich die Lösung sein, weiß er, auch wenn er sich natürlich am Ende eine letzte Drehung ins Ungewisse erlaubt. Sein Fall führt Quirke zur Abwechslung nämlich nicht in allerhöchste Kreise, die bleiben schön im Dunkeln, was bedeutet, dass etliche Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Wie’s halt so ist. Und dennoch arbeitet sich der Schriftsteller, der selbst unter der Zucht und Ordnung katholisch-irischer Erziehungsanstalten zu leiden hatte, einmal mehr an seinen Lebensthemen ab: der Verlogenheit einer bigotten, grausamen Upper Class, die über ein Land herrscht, als wäre die Leibeigenschaft dort nie abgeschafft worden. Die Kirche, die Politik, die Wirtschaftsmächtigen, sie alle arbeiten daran, eine repressive Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Und, auch dies ein ständig wiederkehrendes Motiv in seinen Büchern, der Autor ist ein wortgewaltiger Mitstreiter im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als 2009 in Irland ein riesiger Skandal aufgedeckt wurde, in katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang tausende Minderjährige gequält, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt; schweigender Komplize war der Staat, der das System finanzierte, denn die Einrichtungen erhielten eine Kopfprämie für jedes Kind, schrieb John Banville wütende Essays in allen wichtigen Zeitungen. In „Tod im Sommer“ führen alle Spuren zum „Freundeskreis St. Christopher“, den „Wohltätern“ eines Waisenhauses, von den verantwortlichen Priestern in eine Kinderverwahranstalt für Pädophile umfunktioniert. Und Richard Jewell wusste das … und auch er ist nicht frei von Sünde …

Erst langsam, fast schon enervierend langsam baut sich dies als Spannung auf. Banville-Black empfiehlt sich erst als Experte im Umreißen des Dubliner Lokalkolorits, als Meister der Milieuschilderung. Er baut um die Handlung eine Kulisse aus alten Säufern und ausgemergelten halbwüchsigen Prostituierten. Seine Beschreibung des Personals ist prägnant, er genießt es offensichtlich, seine Figuren vorzustellen, deren „Augen glänzen, wie schwarze Nieten in einer Maske“ oder deren „Adamsapfel hüpft, wie an einem Gummiband“. Sie alle stolpern, straucheln, haben immer wieder Mühe, ins Gleichgewicht zu kommen. Und allen voran der mit seinem Alkoholismus ringende Quirke.

In Jewells Haus trifft er auf dessen Witwe Françoise, unter all den beschädigten Figuren des Romans die schönste und zerstörteste, wie eine uralte französische Porzellanpuppe, die ein schreckliches Geheimnis rund um ihren aus der Gestapo-Haft „erlösten“ Bruder, einem führenden Kopf der Résistance, birgt. „Es ärgerte ihn, dass er sich bei dieser Frau wie ein demütiger, untertäniger Bittsteller vorkam“, schreibt Banville-Black über Quirke, und selbstverständlich verliebt der sich in sie.

Was auch insofern problematisch ist, als die Schauspielerin Isabel Galloway, seit Band drei Quirkes Geliebte, immer noch mit von der Partie ist. Und auch der selbsternannte Aufdeckungsjournalist Jimmy Minor hat sich aus „Eine Frau verschwindet“ herübergerettet. Der Schmierfink ist ein zu schillernder Charakter, als dass er einfach zwischen den Buchdeckeln verschwinden hätte dürfen. Quirkes Halbbruder Malachy Griffin und die gemeinsame Stiefmutter und nunmehrige Ehefrau Malachys, Rose, sind ebenfalls wieder dabei. Und Phoebe. Quirke hatte seine Tochter nach ihrer Geburt, bei der seine Frau verstarb, Malachy überlassen. Zwanzig Jahre hielt Phoebe diesen für ihren leiblichen Vater, seit sie die Wahrheit erfahren hat, ist ihre ohnedies unglückliche Welt ein Stück eingebrochener.

Der Schatten der Vergangenheit schwebt über den Figuren. Quirkes Schicksal verquickt sich einmal mehr mit der Geschichte, auch er war früher Zögling in St. Christopher. Drei Kinder, ein irrer Sohn, eine psychisch labile Tochter und eine, deren Ruhe und Selbstbeherrschtheit beinah widernatürlich scheinen, werden ihn bei der Aufklärung aller Rätsel anleiten. Für den Leser bleibt eines, ein privates. Quirke versucht Phoebe mit Sinclair zu verkuppeln, das geht anfangs schrecklich schief, aber am Spitalsbett dann … man wird auf Band fünf warten müssen, um zu erfahren, wie das weitergehen kann …

Über den Autor:

Benjamin Black ist das Pseudonym des irischen Schriftstellers John Banville, das er ausschließlich für die Publikation seiner Kriminalromane verwendet. Banville wurde 1945 in Wexford, Irland, geboren, wo er erst die Christian Brothers Schule und später das St. Peters´s College besuchte. Nach dem College ging er für ein Jahr nach Amerika und arbeitete nach seiner Rückkehr als Angestellter für die Fluggesellschaft Aer Lingus, was es ihm erlaubte ausgiebig zu reisen, bis er 1969 eine Stelle bei der Irish Press antrat. Er war mehr als 30 Jahre lang als Journalist tätig, von 1988 bis 1999 arbeitete er als Literaturkritiker für die Irish Times und leitete das Literaturressort der Zeitung. Neben seiner Arbeit als Journalist verfasste er zahlreiche Drehbücher und Theaterstücke. John Banville lebt und arbeitet heute als freier Autor und Literaturkritiker in Dublin, er schreibt unter anderem Kritiken für die New York Review of Books.

Banville erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Man Booker Prize für seinen Roman „Die See“. In der Begründung der Jury hieß es, das Werk sei eine „meisterhafte Studie von Leid, Erinnerung und wieder bewusst gewordener Liebe“. 2011 bekam Banville den Franz-Kafka-Literaturpreis, 2013 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und erhielt den Irish Book Lifetime Achievement Award. Für 2014 wurde ihm der Prinz-von-Asturien-Preis zugesprochen. John Banvilles Kriminalgeschichten spielen in der Regel im Irland der 1950er-Jahre, um den Pathologen und Alkoholiker Quirke. Laut Banville stellt das Dublin jener Zeit das perfekte Setting für Kriminalgeschichten: schäbig, neblig – und über allem der dunkle Kohlestaub …

Kiepenheuer & Witsch, Benjamin Black alias John Banville: „Tod im Sommer“, Kriminalroman, 272 Seiten. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien.

www.kiwi-verlag.de

www.benjaminblackbooks.com/quirke.htm

Wien, 10. 8. 2016

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ein Sommernachtstraum

Juni 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine exemplarisch gelungene Shakespeare-Inszenierung

Erwachen nach einen Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Erwachen nach einer Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Die Frage kam off the records vor einigen Wochen schon auf. Ob man hierzulande jemals eine rundum geglückte Aufführung vom „Sommernachtstraum“ gesehen hätte? Am Burgtheater, bei den Salzburger Festspielen? Jetzt ja, in Perchtoldsdorf. Dort zeigt Intendant und Regisseur Michael Sturminger zum 40-Jahr-Jubiläum der Sommerspiele eine exemplarische Inszenierung von Shakespeares Liebesverwirrspiel.

Es scheint fast, als wäre es ihm gelungen, die mittelalterliche Burg auf die Insel des britischen Barden zu transferieren, mitten hinein in dessen Zauberwald, so sehr stimmig sind die Bilder, der Tonfall, die Atmosphäre. Alles flirrt und neckt sich. Und auch, dass Sturminger für die diesjährige Premiere erstmals ein Bühnenrund mit drei es umschließenden Zuschauertribünen aufstellen ließ, verstärkt den Eindruck dieses Theater-„Globe“.

So zieht’s einen mitten hinein in den Probenprozess. Die Arbeit ist nämlich gar nicht fertig. Markus Kofler tüfelt noch an der tief tragische Komödie von Pyramus und Thisbe. Er ist ein zunehmend genervter Squenz, der eine wie einem Monty-Python-Sketch entsprungene Truppe in Szene setzen soll, großartig etwa Nikolaus Barton als Zettel-Pyramus, Michael Pogo Kreiner, der als Flaut zur lispelnd tippelnden Thisbe wird, und Raphael Nicholas, der als Schnock den Löwen geben soll. Der Adelssitz in Athen hat Sturminger weniger interessiert, er hat einen Hang zu den begeistert laienspielenden Handwerkern, und wenn er im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt, das sei so, weil „sie“ ja schließlich „wir“ sind, dann entstehen angesichts der wie immer fast vollzählig erschienenen Perchtoldsdorfer Honoratioren im Publikum ganz neue Assoziationen im Kopf.

Erst ist's nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner und Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Erst ist’s nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner gibt alles, Regisseur Squenz alias Markus Kofler erschreckt das. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte kommt zur Aufführung: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Kofler rückt den Spiegel immer näher heran. Einen Theseus sucht er, und eine Hippolyta, den Oberon samt dessen Titania. Da muss er erst Überzeugungsarbeit leisten, muss bitten um Besetzungsvorschläge für sein Mitmachtheater, bis sich aus den Sitzreihen Andreas Patton und Veronika Glatzner melden. Sie temperamentvoll das Abendtascherl schmeißend, weil demnächst ja Königin und sowieso Amazone, er qualifiziert sich intellektuell hochwertig – mit Schillers „Glocke“. Das sagt schon viel aus über die Paarläufe, denen man in den kommenden drei Stunden folgen wird, darüber, was da so schief hängt zwischen Mann und Frau, von fehlender Befriedigung bis ergo kein Seelenfrieden. Sturminger gebraucht gerade so viel Zote als Zunder, dass sich daran die eigene Fantasie entfachen lässt.“Das ist Regie, das sind Ideen, das ist Abstraktion!“, klingt einmal Squenz‘ inszenatorischer Freudenschrei, und damit gibt Kofler gleichsam das Motto des Abends vor.

So wohldosiert semitransparent wie Sturmingers Arbeit sind die Kostüme von Renate Martin und Andreas Donhauser, die mehr erhoffen, weil erahnen lassen, feines Spinngeweb und zerrissenes Netz. Nur Oberon steht seiner New-Age-Queen in schwarzem Leder wie ein alter Rock’n’Roller gegenüber, die Attitüde passend zum Outfit. Von Martin und Donhauser ist auch die Bühne, leer bis auf bisweilen Titanias Brokatbett; mit Einbruch der Dunkelheit zeichnen magische Lichtkreise auf dem Boden den Darstellern den Weg.

Die sind aufs Vorzüglichste gewählt. Allen voran die vier jungen Liebenden Hermia und Lysander, Helena und Demetrius, die Julia Richter und Benjamin Vanyek, Sophie Aujesky und Jan Hutter mit viel Spiellust mit Leben füllen. Man hat das Quartett auch schon blutleer gelassen, doch wie hier um die Liebe, die Hände und miteinander gerungen wird, ist große Klasse. Und natürlich geht’s dabei mehrmals statt zwischen Bäumen durch die Zuschauerreihen hindurch. Karl Walter Sprungala ist sowohl der Puck als auch Hermias Vater Egeus, in beiden Fällen jedenfalls ein Geist, der stets das Böse will, als ersterer ein hinreißender, possenreißender Derwisch, der nicht nur die Handlung, sondern auch die Musik durcheinander bringt. Dabei werden die von Michael Pogo Kreiner beigesteuerten, elisabethanisch angehauchten Sphärenklänge unter seinem Zweitnamen dargeboten, das Ensemble versammelt sich dazu als „Robin Goodfellow & The Orchestra Of The Enelvement“. Nikolaus Barton ist als Zettel ein begnadeter Selbst/Darsteller, ein g’schaftlhuberischer Kleinstädter, der den Eselsschweif vorne trägt. Nur einer, der sich so lieb hat wie er, kann an „seine schöne Männlichkeit“ glauben.

Andreas Patton als Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

Andreas Pattons Oberon ist ein alter Rock’n’Roller; die Attitüde passt zum Outfit. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Sturminger hat seine Schauspieler präzise geführt. Von ihm angeleitet entlocken sie Shakespeares fein ziselierten Charakteren noch die leisesten Zwischentöne übers Zwischenmenschliche. Nur eine kleine Andeutung etwa ist es, wenn Hippolyta zu ihrem erzwungenen Hochzeitsfest in einem wie ein Kettenhemd rasselnden Abendkleid erscheint, Theseus wiederum kann bis zur Weißglut des Eugeus‘ die Hermia nicht von der Helena unterscheiden, was ficht’s den Fürsten auch an? Es endet, wie es enden muss, auf der Bühne wird endlich ein Theater gemacht. Die Handwerker dürfen ihre Produktion präsentieren, die Blumendroge findet sich plötzlich in Hippolytas Händen, so kann’s gehen Richtung Happy End, und Eugeus enttarnt sich als Puck. Die Elfen haben die Menschen gespielt oder es war umgekehrt.

Das ist ein Stoff, aus dem auch Träume sind – ein wundersamer Abend in wunderbarer Kulisse. Die sehr gelungene Neuübersetzung dieser Sommernachtsfiktion von Angelika Messner und Martina Theissl ist als Text im Programmheft abgedruckt.

Michael Sturminger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19980

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Wien, 30. 6. 2016