aktionstheater ensemble im Werk X: Die große Show

Januar 12, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geburtstagsparty mit Generationenkonflikt

Festredner Elias Hirschl, Michaela Bilgeri und Susanne Brandt. Bild: © Gerhard Breitwieser

Ach, was hat man mit dem aktionstheater ensemble nicht schon alles erlebt. Man hat gemeinsam die „Die gelähmte Zivilgesellschaft“ untersucht (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672) oder „6 Frauen 6 Männer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31384), hat geschworen „Ich glaube“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44760) und beschworen „Heile mich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260).

Nun aber ist’s Zeit für eine Party, eine Geburtstagsfeier um genau zu sein, denn Susanne, æ-Urgestein und bewundertes Vorbild ihrer Theaterfamilie, begeht ihren 60er. Wer wüsste da besser als Busenfreundin Michaela, was die Kollegin sich wünscht: Einmal alleine im Rampenlicht stehen, es einmal so richtig krachen lassen, mit einem Wort: „Die große Show“, so der Titel der Uraufführung, die gestern im Werk X Premiere hatte.

Da tritt die schöne, junge Schauspielerin zugunsten der Alten gerne einen Schritt zur Seite, sagt sie, gilt es doch zu würdigen, dass diese in fortgeschrittenem Lebensstadium „noch sooo da oben stehen kann“.

Die liebe Michaela, sie geizt nicht mit fragwürdigen Komplimenten, Susannes Jubeljahr ist halt eines der Bejahrtheit, da muss man sich keine Illusionen machen, da gibt es nix herunterzuspielen – und so spielen sie, die beiden Performerinnen, wie stets. Auf Teufel komm raus. „Die große Show“ must go on.

„Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen“ wurde das aktionstheater ensemble an dieser Stelle schon genannt, und auch diesmal ist der Text aus den Erfahrungen und Erlebnissen des Ensembles entstanden, zu einer Inszenierung zusammengefasst von den æ-Masterminds Regisseur Martin Gruber und Dramaturg Martin Ojster. Genüsslich wird die Gala-Sucht der Kulturgesellschaft aufs Korn genommen, deren Hunger danach, sich hochleben zu lassen.

Dazu windet das Team business as aktionstheater-mäßig rasant mäandernde Assoziationsketten, ein skurriler Diskurs vom Politischen ins Private und retour mit lakonisch abstürzenden Pointen. Ziegen für Afrika treffen auf Windräder als Gesamtkunstwerk, die Mülltrennung versinkt im Bühnennebel.

Michaela Bilgeri, Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Pete Simpson und Susanne Brandt. Bild: © Gerhard Breitwieser

Susanne Brandt, Michaela Bilgeri und Zauberkünstler Raphael Macho. Bild: © Gerhard Breitwieser

Oh Schreck, der Zipp geht nicht zu: Susanne Brandt und Michaela Bilgeri. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die Prosecco-Schlacht beginnt: Susanne Brandt und Michaela Bilgeri. Bild: © Gerhard Breitwieser

Eine Gratwanderung zwischen Innenschau und Entäußerung ist das, die freilich nicht vonstattengehen kann, ohne dass das aktionstheater ensemble seine liebsten Themen durchdekliniert: Schein und Sein, Ego-Trips (in diesem Fall mit dem Flugzeug höchst klimaschädlich nach Griechenland), Ich-Bezogenheit. Letztere die Schwäche der Michaela, die sich naturgemäß nicht aus ihrer Showtime verdrängen lässt, sondern sich permanent penetrant in den Vordergrund stellt, alldieweil Susanne sich ein „Piccolöchen“ nach dem anderen gönnt.

Immerhin ist die oftmals Jammer-Suse darob beschwingt, „jetzt geht’s mir gut, jetzt geht’s mir wieder besser“, ist ihr Mantra nach jedem Glas, und Michaela Bilgeri und Susanne Brandt agieren im Wiegeschritt – aktionstheater ist auch Körpertheater – gewohnt glänzend und überzuckert wie eine Geburtstagstorte, wobei – apropos: Glanz und Glamour – Bilgeri nicht weniger als sieben opulente Abendkleider präsentiert; die Brandt schafft’s nur auf drei.

Welch ein Spaß! Das Publikum in Meidling kommt aus dem Lachen gar nicht mehr raus. Ein Meisterinnenstück der Bilgeri, wenn Michaela mit dem Nibelungenlied nervt, hibbelig-hektisch, auf dass nur ja nichts schiefgehen möge, gleichzeitig bemüht, dass ihr jovial-berufsjugendlicher Firnis nicht blättert, während sie von ihren Party-Mottos Altruismus und Humanismus schwadroniert. Credo: „Ich kann etwas bewirken, weil ich so jung und schön bin.“ Dabei hatte sich Susanne nur „40 bis 50 nackte Männer“, Flamencomusik und Alkohol erbeten – auch so ein Thema: Geschenke oder Spendenaufruf auf Facebook?

Michaela versucht es diesbezüglich mit Name dropping: „Wie heißt der? Na, wie? Der ist ja auch schon gestorben …“ Autsch, die Spitze sticht. Zum Wortgefecht musizieren Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Kristian Musser und Pete Simpson, der Sänger mit der Engelsstimme. Raphael Macho tritt auf als Taschenspieler und ist als somnambuler Magier grandios, vor allem beherrscht er den „Flaschentrick“, heißt: von allen möglichen und unmöglichen Orten Nachschub für Susanne herbeizuzaubern.

Benjamin Vanyek singt Brel. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die wird von Stifterl zu Stifterl interessierter, schüttelt alsbald ihr „funktionierendes moralisches Rüstzeug“ und ihr „christlich-soziales Weltbild“ ab, um dem Macho zu zeigen, wie handfester Feminismus (Popozwicker!) funktioniert. Der Generation Gap ist eine Schlucht mit zwei Ufern, die in die Pension palaverte Susanne macht sich durchaus Sorgen. Um die Jugend: „Hoffnungslos“.

Nach klassischem Showablauf folgen Stargäste: Festredner Elias Hirschl, Autor der Sebastian-Kurz-Groteske „Salonfähig“ (zu deren slimfittem Protagonisten ihn Martin Gruber und Martin Ojster inspirierten), hält im Glitzerkleidchen eine so fulminante wie absurde Fürbitte aufs Blutspenden, „das ist das mindeste, das wir tun können gegen die Spaltung in der Gesellschaft“, weil doch dieser heilige Saft „in unser aller Adern fließt“, der ganze Vortrag eine perfide Art faschistische Gewaltfantasien mit einer erdrückenden Umarmung zu ersticken. Im Predigtton hofft er, sein Blut (samt Antikörpern) möge für einen Neo-Nazi vergossen werden.

Knirps Fridolin gibt mit einem Gedicht Auskunft über die Beschaffenheit lauter und leiser Fürze. Und zum Ende singt Benjamin Vanyek im Rüschenornat „Die Chancenlosen“ von Jaques Brel, Minuten des Gedenkens an „alle jene, die es vielleicht nicht geschafft haben“, die unter die Haut gehen. Bis dahin jedoch eskaliert die Situation unter den Damen nach einer verunglückten Selfie-Diashow, ein „Leck mich!“ und „Blöde Kuh!“ perlt nun über die Lippen wie der Prosecco. Jetzt wird gekleckert, nicht geklotzt – und gekotzt. Bei einem Flaschenduell fließt Blut. Sage keiner, er wäre noch nie auf einer solchen Party gewesen.

Zugegeben, es gibt vom aktionstheater ensemble stringentere, in jeder Hinsicht durchchoreografiertere Arbeiten. Diesmal wollte man sich einen Jux machen und der gelingt mit schauspielerisch-virtuosem Klamauk. Vielleicht ist „Die große Show“ ja auch ein wenig als Satire auf die Martin-Gruber-Truppe selbst zu lesen. Susanne jedenfalls schließt mit egozentrischem Schlachtruf: „Geht’s mir gut, geht’s allen gut!“ Darauf Jubel und Applaus.

Zu sehen bis 15. Jänner.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=lpoRVTzLamI          aktionstheater.at          werk-x.at

TIPP: Am 18. Jänner um 20 Uhr im Werk X-Petersplatz: Benjamin Vanyek singt Jacques Brel (Video „Der Gasmann“: www.youtube.com/watch?v=Czqf9I8rEpQ)

  1. 1. 2022

Neue Oper Wien: Death in Venice

Oktober 10, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Memento mori beim Strand-Dance-Battle

Alexander Kaimbacher als Gustav von Aschenbach, Ray Chenez als Apollo ad personam und Andreas Jankowitsch als mephistophelischer Dionysos. Bild: © Armin Bardel

„The Most Beautiful Boy in the World“, so der Titel des Dokumentarfilms, den Kristina Lindström und Kristian Petri just dieses Jahr beim Sundance Festival vorstellten, ein Biopic über den weiland Visconti-Auserwählten Björn Andrésen für die Rolle des Tadzio – dieser Rolle wird Rafael Lesage 50 Jahre später nicht mehr gerecht. Ein Glück. Der Sohn eines Tänzerpaars, der zunächst im Performing Center Austria HipHop-Klassen nahm, bevor er mit der Compagnie Diversity Queens und dem Studio Indeed Unique einige Preise gewann

(www.youtube.com/watch?v=KUSnQTYuIBc), ist längst kein schüchterner „Bub“ mehr. Sondern ein selbstbewusster junger Mann, der seinen Tadzio dementsprechend performt. Kraftstrotzend, arrogant, ein wenig aggressiv auch, sich seiner aufkeimenden Virilität und deren Wirkung auf dem ihm verfallenen, verfallenden Aschenbach bewusst. Mit dem er nonverbal sein homoerotisches Spielchen zu treiben scheint, sich sogar ein Buch des – heute würde man sagen – Bestsellerautors signieren lässt, ein Blick, ein lässig vom perfekten Body gestreiftes Handtuch, ein Beinah-Kuss. Als ob sich die morbide Schönheit Venedigs in ihm spiegeln würde …

Die Neue Oper Wien brachte im MuseumsQuartier Benjamin Brittens „Death in Venice“ zur dunkel-wuchtigen Premiere. Mit Intendant Walter Kobéra als Dirigent des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, in einer Inszenierung von Christoph Zauner, Bühne und Kostüme von Christof Cremer, womit das eine Dreigestirn der Aufführung genannt wäre. Eine Trinität, die Brittens Thomas-Mann-Vertonung als Aschenbachs albtraumhafte Gedankenreise, anders gesagt: mit dem vielgestaltigen Andreas Jankowitsch und dem Wiener Kammerchor als Totentanz anlegt.

Brittens letzte ist sozusagen eine „Große Kammeroper“, für die Kobéra eine charismatische Klangwelt, einen emotionalen Sturm aus 49 Musikerinnen und Musikern, davon fünf am Schlagwerk plus ein Paukist, zu entfesseln, jedoch in den intimen Momenten von Aschenbachs Innenschau zu bändigen versteht. In Brittens Kompositionsthriller mit Sog Richtung letalem Finale, dirigiert Kobéra Aschenbachs Gefangenschaft im Gefühlschaos, dessen Leidenschaft, Verwirrung und Verlust der Würde gleich einem fortwährenden Subtext.

Kaimbacher und Chenez als Lookalike-Apollo. Bild: © Armin Bardel

Rafael Lesage adoleszenter Tadio. Bild: © Armin Bardel

Countertenor Ray Chenez als Apollo. Bild: © Armin Bardel

Um diesen „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“-Zweikampf zwischen Ratio und Passio Gestalt zu verleihen, gesellt Regisseur Zauner Andreas Jankowitsch als Geck, Gondoliere, Hotelier, Coiffeur und Dionysos Countertenor Ray Chenez als Apollo bei – er optisch ein jüngeres Alter Ego des alternden Literaten, dem er in Permanenz und mit Drohgebärde die Schreibmaschine auf den Knien platziert. Zu alldem, der feinziselierten Charakterführung Kobéras wie Zauners, ihrer Achtsamkeit auf Gesten und den durchdachten Details, hat Cremer ein Setting erdacht, ein Labyrinth aus Venedigs Brücken und Badestegen, schmale Grate, auf denen es die Balance zu halten gibt, inmitten eines Meers aus Sand ist gleich Asche, umringt von den rostigen Wänden eines Schiffsbauchs, als hätte Aschenbach die „Esmeralda“ nie verlassen.

Derart als Memento mori, oder: eine Morbidezza nicht der Malerei, sondern der Morschheit der Moral, entspinnt sich ein Licht- und Schattenspiel. Fabelhaft Andreas Jankowitsch, der vom Gondoliere-Charon an Aschenbachs diabolischer Gegenspieler ist, der sich im Chor zu einem „Mein Name ist Legion!“ steigert. Diese Gesellschaft am Lido gehüllt ins Graublau der Serenissima-Tauben und umringt von grotesk-grausamen Gauklern und Schreckgespenstern wie Catalina Paz als Erdbeerverkäuferin oder Elisabeth Kirchner als Bettlerin im Namen ihrer verhungernden Kinder.

Die Cholera, Seuche das Bühnenthema 2021, sie klopft schon an die Tore der Lagunenstadt. Die Seemöwen die anfangs durchs Video segelten, sind längst deren wurmartigem Erreger gewichen, unter den Stegen wabern tödliche Dämpfe – die Cholera, sie ist gelb. Symbolik und Farbantagonismen als Metaphern für einen drangsalierten Geist, sie sind bei Zauner und Cremer großgeschrieben. Doch noch steht die Schlacht zwischen dem apollinischem und dem dionysischen Prinzip an, und an dieser Stelle gilt es endlich zu sagen:

Dies ist der Abend des Alexander Kaimbacher, der als Gustav von Aschenbach drei Stunden lang sängerisch höchstpräzise und schauspielerisch höchstpräsent mal mit metalischem, mal fragilem Timbre alles gibt. Sich in der Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschneiderten Rolle entäußert, entleibt, sich von Zweifel über Verzweiflung zu Selbstzerfleischung aller darstellerischen Schranken entledigt, die Kalvarienberg-Stationen der Figur durchwandert, durchleidet, ein Faust auf der Suche nach und in ständiger Begegnung mit seinem Mephisto-Jankowitsch – selten ward psychische Zerrissenheit so nobel über die Rampe gebracht.

Wr. Kammerchor als Matrosen. Bild: © Armin Bardel

Lesage und Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Die Straßensänger. Bild: © Armin Bardel

Und überall der schöne Jüngling. Bild © Armin Bardel

Fulminant! Kaimbacher mit Jankowitsch und Chenez das andere Dreigestirn der Aufführung, wenn die Götter um den Sterblichen ringen, dessen Bedenken ob seiner „ungesunden“ Begierde austricksen, wobei es – in dieser Interpretation wenig überraschend – der ewig strahlende Delpher sein wird, der seinem Schützling in den Schritt greift, eine orgasmische Petite-Mort-Szene, Aschenbach bald so kreidebleich wie des Dionysos‘ geisterhafte Gefolgschaft …

Viel gibt es bei dieser Arbeit der Neuen Oper Wien zu interpretieren und zu überlegen, etliche Einfälle gilt es noch zu würdigen. Etwa das Kräftemessen von „Tadzio“ Rafael Lesage und seinem besten Freund Jaschu aka der Latino-Wiener Luis Rivera Arias, das als Dance-Battle am Lido-Strand ausgetragen wird, als Trainerin und Trainer die Tänzerin Leonie Wahl (www.mottingers-meinung.at/?p=36197) und Tänzer Ardan Hussain, die Choreografie für Brittens konzertante Zwischenspiele, ein Sonnenbad, ein Wasserballmatch, ein Flanieren auf der Promenade, das Champagnisieren angesichts der Katastrophe: Saskia Hölbling.

Oder Kaimbacher-Aschenbachs Besuch bei Coiffeur-Jankowitsch, dessen schwarzer Frisiermantel sich mittels zweier Chormitglieder zur Tracht eines Pestdoktors, ja, zu einer bewegten Version von Rodins Höllentor steigert. Zum Schluss zieht der junge Apoll-Aschenbach gegen Tadzio eine Pistole, das stumme Objekt der Begierde, meint der vorherige, muss zur Beendigung der Qualen des derzeitigen Aschenbach weg … zu spät fürs Entkommen des Abyssos‘ und ergo keinesfalls mehr dazu. Außer einem: So steht’s im Libretto nicht. Und einem Bravissimo sowie der Empfehlung, sich diese bemerkenswerte Produktion anzuschauen.

neueoperwien.at          Video: www.youtube.com/watch?v=zAZIsnvhM-k

  1. 10. 2021

aktionstheater ensemble streamt: Ich glaube

März 4, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Papst in vs. der Spatz von Avignon

Beinah ein Heiliger Sebastian: Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Das aktionstheater ensemble ist mittlerweile bei der vierten Staffel seiner digitalen Aufführungsreihe „Streamen gegen die Einsamkeit“ angekommen, das Motto lautet diesmal „Fernbeziehung“ – und bei der noch bis Sonntag zu sehenden Aufführung „Ich glaube“ aus dem Jahr 2017 ist eindeutig die zu Gott gemeint. Oder die zu den Göttern? Wer weiß das schon? Heilige Maria Mutter Gottes! Fürchtet euch nicht! Das ist kein blasphemischer Ausruf.

Sondern einfach die Rolle, die Alev und Benjamin im Krippenspiel schon gegeben haben. Benjamin, später im überlangen, madonnenblauen Badecape voll der Grazie, weil er so etwas prinzipiell sehr gerne macht, Alev, um nicht vom Jungscharlager ausgeschlossen zu sein, mit dem ein beflissenes Ehepaar die Türken in der Nachbarschaft missionieren wollte. Ihre Antwort als Erwachsene ist eine Publikumsbeschimpfung auf Türkisch, die der vom polnischen Katholizismus geschädigten Claudia einen Lachanfall beschert. Da kann die protestantische Susanne nur den Kopf schütteln, alldieweil Martin lautstark, weil überzeugen wollend, über diverse Theologien doziert, unschlüssig, ob er noch Agnostiker oder schon Atheist ist.

Derart sind die Positionen besetzt. Mit Susanne Brandt, Alev Irmak, Martin Hemmer, Claudia Kottal und Benjamin Vanyek. Die Regisseur Martin Grubers und Dramaturg Martin Ojsters Glaubenssätze zwar sprechen, doch ihre eigenen Auslegungen derselben performen. Denn wie stets beim aktionstheater ensemble wird aus Erlebtem und Erdachtem das Gesamtkunstwerk, und nicht nur in dieser Religionsabrechnung stellt das Team aus, was ihm auf der Seele brennt. „Ich glaube“ ist ein durch die Frage, die Glaubensfrage, energetisch aufgeladenes Kalvarienbergrennen, wobei sich der Kreuzweg mit dem typischen aktionstheater ensemble Humor kreuzt – skurril, schnell, schrill.

Hemmer, Vanyek und Brandt. Bild: Gerhard Breitwieser

Alev Irmak aufAmoklauf. Bild: Stefan Hauer

Das Christentum schirmt sich ab. Bild: Stefan Hauer

Vanyek, Brandt und Hemmer im Blutregen. Bild: Stefan Hauer

Nicht immer wird er sportlich ausgetragen, dieser Kampf der Konfessionen um den Siegerkelch jener „Wahrheit“, welcher Katechismus zur Katharsis führt. Im Workers Outfit geht’s um Spirituelles (Yoga!), Scientologie und die Church of Satan. Oder, warum Katholiken sich beim Läuten der Heiligen Drei Könige – Schnell, Licht aus! – verstecken, während die Ungläubigen aufmachen. Susanne ist auf dem Seelenstrip-Trip, ganz klar sind die Reformierten die besseren Christen, doch hatte der große Reformator ein paar frühbraune Flecken auf der Kutte, und ist damit wie stets zugleich anrührend und umwerfend komisch.

Benjamin ist wieder mal herzallerliebst neben der Spur, die die anderen ziehen, halbnackt und mit Engelsflügeln ein noch heiler Heiliger Sebastian, ein bildstockschöner Schmerzensmann. Sagt Martin „der Papst in …“, kontert er mit „der Spatz von …“ Avignon. „Man will mich immer so in die Realität zwingen“, sagt der Träumer – und als die anderen sich in Gleichschritt-Choreografie, Kopf greifen, Hals würgen, ganz ökumenische Bewegung, ihrem Gott nähern, bricht er, als einziger scheint’s frei, in einen wilden Tanz aus. Es geht um Vaterkomplex, Mutterliebe und Schwulensaunen im Wallfahrtsort, um Analbleaching, Zahnfleisch-OPs – und eine messerscharfe Analyse, wie viele Rosenkränze ein Priester pro Zentimeter Reinstecken beten muss.

Schutzpatronin der Produktion ist Vicky Leandros, deren „Ich hab‘ die Liebe geseh’n“ und „Ich liebe das Leben“ als Bregenzer Viergesang dargeboten werden. Benjamin jongliert mit Schirmen, „Mantel, Schirm und Schild“, um Gotteslob Nr. 534 zu zitieren, – und zwischen all den Bibelfesten versucht sich Alev Gehör zu verschaffen: „Ich habe da noch eine Geschichte über den Islam …“ Doch auf der Spielfläche regiert längst die Dreifaltigkeit von Intoleranz, Desinteresse und Ich-Bezogenheit.

Im Gleichschritt zum Würgegriff Gottes: Martin Hemmer, Claudia Kottal, Susanne Brandt und Benjamin Vanyek. Bild: Stefan Hauer

Da wird aus dem Salve Regina eine Gewehrsalve, Alev läuft Amok als Water Warrior, blutrot spritzt es aus ihrer im Wortsinn Pump-Gun, das ist nach November ein noch gewagteres, stärkeres Bild als 2017. Und zum ballernden Sound von Kristian Musser fetzen Kirill Goncharov und Jean Philipp Viol in wilden Arpeggien und höchsten Tonlagen über die Saiten und Griffbretter von Violine und Viola. Und immerhin, Alev steht nun im Mittelpunkt der – Ressentiments. Klar sei sie ausgerastet, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ist schließlich kein islamisches Konzept, sagt die Claudia mit der katholischen Wut im Bauch.

Und grimmig über die Bigotterie und das Pharisäertum ihrer polnischen Oma: „Ich spreng‘ uns alle in die Luft! Das machst dann du, Alev, ihr könnt‘ das!“ Einzig Susanne hält zu ihrer „muslimischen Perle“, um deren Gesundheit im Fastenmonat Ramadan sie sich sorgt. Welch ein Statement des aktionstheater ensembles zur Reverse Discrimination, welch ein Aufzeigen, dass in dieser Gesellschaft auch positiver längst Alltagsrassismus ist.

Was bleibt ist: die Liebe, die die allesamt lustfeindlichen abrahamitischen Religionen einem vorbeten. Der Passionstext, den man gesucht und nicht gefunden hat, stammt nun von Alev. Er handelt vom Ende ihrer großen Liebe – und wie sie ihren Schmerz rausschreit und Allah anruft, da hat man – ehrlich – kurz Tränen in den Augen. So begibt man sich auch per Bildschirm auf eine emotionale Gratwanderung zwischen tragi- und -komisch, das aktionstheater ensemble hat einmal mehr den Finger nicht nur am Puls der Zeit, sondern auch in der gesellschaftlichen Wunde. Und möchte man Martin Gruber und seinem diversen Ensemble mit dieser Aufführung eine Message unterstellen, dann wohl die, dass die Menschen der unheilvollen Benutzbarkeit von Religionen, Ideologien und ihren Ismen nur als einiges Ganzes begegnen können.

Trailer „Ich glaube“: vimeo.com/228555921

Die kommenden Streams:

Bürgerliches Trauerspiel. Ab 8. März, 10 Uhr. Publikumsgespräch live via Zoom am 11. März, 20 Uhr bis 21.30 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41710

Immersion. Wir verschwinden. Ab 15. März, 10 Uhr. Publikumsgespräch live via Zoom am 18. März, 20 Uhr bis 21.30 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39693

Anmeldung für die kostenlosen Publikumsgespräche: karten@aktionstheater.at

Alle ebenfalls kostenlosen Streams via: www.aktionstheater.at

  1. 3. 2021

Streaming: Big-Bang-Theorie-Star Jim Parsons in „Hollywood“ und „The Boys in the Band“

Januar 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Traumfabrik wird endlich zum Equality-Land

Hoffnungsvolles Ausharren bei der Oscar-Verleihung: Joe Mantello, Jim Parsons, Dylan McDermott, Holland Taylor und Patti LuPone. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Oft wenn Hollywood sich den Rückspiegel seiner Goldenen Ära vorhält, entgleitet das Ergebnis ins Sentimentale. Nostalgie mit Melancholie. Da tut es gut, wenn einer die Suggestionskraft hat, die cinematographische Märchenpracht ins Sagenhafte zu übersteigern. Ryan Murphy und Ian Brennan haben’s getan, die beiden vormals verantwortlich für „Glee“, „Ratched“, „American Horror Story“, Murphy, dessen

Dienste sich Netflix 2018 für unvorstellbare 300 Millionen Dollar für fünf Jahre exklusiv sicherte, nun für die Netflix-Serie „Hollywood“, ein topaktuelles Gegennarrativ zur gängigen L.A. Story. Wird doch in dieser den Mythos aufmotzenden Hommage die Traumfabrik endlich zum Equality-Land, „Hollywood“ spielt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als das berühmte Sign tatsächlich noch um die vier Buchstaben L.A.N.D. länger war, und Murphy und Brennan zeigen ganz Tinseltown, als ob #BlackLivesMatter und der #LGBTQ-Pride darüber hinweggefegt wären.

Die sieben Episoden folgen einer Handvoll blutjunger Protagonistinnen und Protagonisten, die nach Rampenlicht, Ruhm und Reichtum streben, Ex-Soldat und Schauspielanfänger Jack Castello, Drehbuchdebütant Archie Coleman, Regieneuling Raymond Ainsley und die Schauspiel-Elevinnen Camille Washington und Claire Wood, in Klarnamen David Corenswet, Jeremy Pope, Darren Criss, Laura Harrier und Samara Weaving – Archie und Camille Afroamerikaner, sie die Lebenspartnerin des halbphilippinischen, aber „weiß“ wirkenden Raymond.

Claire die Undercover-Tochter von Studio Boss Ace Amberg aka Rob Reiner – und hauptsächlich ist es die „Alte Garde“, die „Hollywood“ darstellerisch wertvoll macht: „Two and a Half Man“-Mutter Holland Taylor und Joe Mantello als Produzentenduo Ellen Kincaid und Dick Samuels, Dylan McDermott als Tankstellengigolo Ernie West und Tony-Award-Gewinnerin Patti LuPone als Avis Amberg, die den Chefsessel ihres Göttergatten entert, als diesen bei einem Pantscherl der Herzkasperl holt.

Rock Hudson mit Lebenspartner Archie Coleman: Jake Picking und Jeremy Pope. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Tankstellen-Toy-Boys: Darren Criss und David Corenswet. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Probeaufnahmen für „Peg“: Jim Parsons und Jake Picking. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

And the Oscar goes to …: Jeremy Pope, Darren Criss und Laura Harrier. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

An nackter Haut und Sexszenen wird nicht gespart, vor allem, weil die Jungs als Brotjob Ernies illustre Kundschaft mit Blow Jobs beglücken. „Dreamland“ heißt das Codewort des Zapfsäulenbordells, wo auch Avis eine treue Freierin von Jack ist, und da kommt auch der grandios agierende Jim Parsons ins Spiel, als Hollywood-Agent Henry Willson, der die Herrenriege, bevor er sie unter Vertrag nimmt, erst einmal zur Fellatio bittet. Statt Besetzungscouch steht hier gleich ein komplettes -bett, 70 Jahre vor #MeToo, und Parsons ist brillant als von Selbsthass zerfressener Unsympath, fulminant sein Isadora-Duncan-Tanz mit den sieben Schleiern, der den sexuellen Missbrauch seines Klienten-Frischfleischs als Selbstverständlichkeit nimmt.

Der homosexuelle Henry Willson ist ein dem realen Leben entliehener Charakter, und Roy Fitzgerald, den in der Serie halb fiktionalisiert und ausdrucksstark Jake Picking verkörpert, war wirklich sein Schützling. Willson macht aus ihm „Rock Hudson“, auch Sekretärin Phyllis Gates, mit der Willson Hudson pro forma verheiratete, kommt vor. Aber laut Murphy und Brennan verliebt sich der schüchterne, nicht übermäßig helle Stiefvaterkomplexler Rock in Archie, die beiden werden ein Paar, das zum Happy End den Red Carpet Hand in Hand beschreiten wird.

Die Traumfabrik-Talente nämlich haben einen ebensolchen: Archie hat ein Drehbuch geschrieben, „Peg“ – Entwistle, die sich, da aus ihrem ersten Film geschnitten, 1932 vom Hollywood-H in den Tod stürzte, Raymond will Regie führen und die Titelrolle mit Camille besetzen, womit sie die erste Schwarze in einer Hauptrolle wäre. Eine Unternehmung, von der Avis und Ellen als emanzipierte Regentinnen eines rassistischen, schwulenfeindlichen, frauenverachtenden Hollywoods alsbald überzeugt sind, die jedoch, man wird es sehen, auch den Ku Klux Klan samt seinen brennenden Kreuzen auf den Plan ruft …

Queen Latifah als die erste schwarze Oscar-Preisträgerin Hattie McDaniel. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Michelle Krusiec als die um ihre Hauptrolle betrogene Anna May Wong. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Laura Harrier als Leinwandschönheit Camille Washington. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Viel nackte Haut, hier die von David Corenswet als Jack Costello. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Namedropping ist bei einer Produktion wie dieser gleichsam Pflicht, Tallulah Bankhead, Vivien Leigh und Noël Coward haben Kurzauftritte bei einem von George Cukors Erotikdinnern, bei dem Jack und Archie als Fill-up-Boys im Einsatz sind, Ernie himself exklusiv als Entspannung für die hochneurotische Vivien, der oberintrigante Henry Rock an den Mann ist gleich Dick bringen will, Hollywood eine Männerwelt, in der man im Wortsinn die Hose runterlassen und bei der Stange bleiben muss – und das alles zum wunderbar swingenden Soundtrack von Ella Fritzgerald bis Frank Sinatra und Sets, die nur möglich sind, wenn Geld keine große Sache ist.

Michelle Krusiec spielt Anna Mae Wong, zu dieser Zeit die weltweit prominenteste Filmschauspielerin chinesischer Herkunft, die um die Hauptrolle in der Pearl-S.-Buck-Verfilmung „Die gute Erde“ betrogen wurde, weil MGM sicherheitshalber die weiße Luise Rainer besetzte – die prompt einen Oscar erhielt, Queen Latifah Camilles Mentorin Hattie McDaniel, die für die Rolle der braven Sklavin Mammy in „Vom Winde verweht“ als erste Schwarze einen Academy Award, den Nebendarstellerinnen-Oscar bekam, und auf diese Art Figuren festgelegt blieb.

Berührend ist die Szene, in der sie Camille erzählt, man hätte sie bei der Preisverleihung von den anderen Nominierten getrennt und an einen Tisch in der hintersten Reihe gesetzt, weshalb Camille entschieden auf den ihren in der ersten Reihe bestehen müsse. Tatsächlich war erst Whoopi Goldberg im Jahr 1991 die zweite afroamerikanische Nebendarstellerinnen-Oscar-Preisträgerin, 2002 Halle Berry die bisher einzige schwarze Oscar-Preisträgerin in der Hauptdarstellerinnen-Kategorie.

Backstage-Bangen: Patti LuPone, Dylan McDermott, Holland Taylor und Samara Weaving. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Soviel zu #OscarsSoWhite, wiewohl das am britischen Theater schon längst übliche Colorblind Casting allmählich zumindest die Bildschirme erobert (siehe: Bridgerton, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=43837). Im Gegensatz dazu wird sich in der schönen, heilen Flimmerwelt, in der die einzige maßgebliche Color die Technicolor ist, bereits im Vorspann gegenseitig den Hollywoodland-Schriftzug hochgeholfen, bis die Heldinnen und Helden mit einer Grandezza in den Sonnenaufgang blicken, die all das Behauptete wie wahr erscheinen lässt.

Murphy unterläuft das klassische, nach außen puritanisch-bigott-biedere, nach innen von Ressentiments beherrschte Hollywood optisch wie inhaltlich mit den Mitteln ebendieses klassischen Hollywoods. Das hat Charme. Die Serie, die mit ihrem kontrafaktischen Finale furios die Filmgeschichte umschreibt, hat deutlich mehr mit Tarantinos historisch freihändiger Hollywood-Fantasie zu tun als mit dem Harvey-Weinstein-Skandal. Sie ist, was die Traumfabrik im Idealfall immer schon war: erstklassige Unterhaltung. Mit Sprung im Spiegel.

Eine Staffel zwei ist möglich, Fans betteln in den Social Media geradezu darum. Zum Ende der ersten entwickelt Jim Parsons als Henry Willson, Spoiler: der Saulus wird zum Paulus und arbeitet sich zum Produzenten hoch, das Script einer Liebesromanze zwischen zwei Männern mit Rock Hudson in der Hauptrolle, dies Henrys Buße für seine Sünden am schönen Vierschröter – und Avis scheint nicht abgeneigt. Und wenn sie nicht gestorben sind, gewinnen sie zwar keinen Oscar, aber vielleicht einmal einen Emmy…

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Q3EASLgzOcM            www.youtube.com/watch?v=W0WsEyqx0r4           www.netflix.com

FILMTIPP: The Boys in the Band

Jim Parsons und „Spock“ Zachary Quinto in der Broadway-Verfilmung

Tuc Watkins, Andrew Rannells, Matt Bomer, Jim Parsons, Zachary Quinto, Robin de Jesús, Brian Hutchison, Michael Benjamin Washington, Charlie Carver. Bild: S.E. White/Netflix ©2020

Und noch einmal Ryan Murphy, Joe Mantello – als Regisseur des Gay-Dramas – und Jim Parsons. „The Boys in the Band“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks aus dem Jahr 1968 von Mart Crowley, für dessen Bildschirm-Variante Produzent Murphy versprach, ausschließlich die schwulen Schauspieler aus dem 2018er-Broadway-Revival zu besetzen. Es ist also New York in den 1960ern, und Michael, Jim Parsons, richtet für Harold, Zachary Quinto, eine

mitternächtliche Geburtstagsparty aus. Ein schönes Fest soll es werden, zu der Michael den gesamten Freundeskreis eingeladen hat: seinen Liebhaber Donald (Matt Bomer), den ob seines Lovers gelangweilten Larry (Andrew Rannells) mit Lebenspartner Hank (Tuc Watkins), den stilbewussten Chauvi Bernard (Michael Benjamin Washington) und den stets zu Scherzen aufgelegten Emory (Robin de Jesús). Anfangs ist die Stimmung ausgelassen, was sich liebt, das neckt sich, die Intellektuellen-Clique ist unter sich und genießt den Abend.

Jim Parsons mit de Jesús und Rannells. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Zachary Quinto mit Carver und de Jesús. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Dass der gutaussehende, jedoch kulturell weniger bewanderte Stricher Cowboy Tex (Charlie Carver), er ist Harolds Geschenk, nicht wirklich in die Runde passt, sorgt schon für erste zynische Kommentare. Problematisch wird es jedoch, als unangemeldet Alan (Brian Hutchison) auftaucht, ein früherer Kommilitone von Michael, der unbedingt mit ihm reden will und den Emory kurzerhand als homosexuell outet. Harold erscheint und hat für alle nur Gehässigkeiten übrig, doch dann verstrickt der beleidigt-betrunkene Michael seine Gäste in ein sadistisches Spiel: Jeder muss eine ehemalige heimliche Liebe anrufen, und dieser am Telefon ebendiese und seine Homosexualität gestehen. Und Essig ist’s mit der Feierlaune, die Situation eskaliert …

Wie in „The Boys in the Band“ gekeift, gelästert, gedemütigt wird, der Tonfall so giftig und untergriffig, das ist durchaus ein Vergnügen. Man merkt dem Cast an, dass er aufeinander eingespielt ist, alldieweil man sich fragt, warum die dargestellten Männer eigentlich miteinander befreundet sind. Auf Entgleisungen folgen Handgreif- lichkeiten folgt Selbsthass. Parsons und Quinto im Infight sind allemal ein Hit, nicht zuletzt, wenn Harold Michael auf den Kopf zusagt, dass der seine Homosexualität verabscheut und lieber ein Hetero wäre. Im Streit werden Geheimnisse gelüftet und unausgesprochene Gefühle offenbart, Hank trägt immer noch seinen Ehering, Bernard laboriert als „doppelte Minderheit“ an seiner Hautfarbe ebenso wie an seiner sexuellen Orientierung.

Wäre Michael lieber ein Hetero? Jim Parsons und Matt Bomer als Lover Donald. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Förmlich sieht man die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, und fantastisch gespielt ist die Hassliebe, die die das Kammerspiel dominierenden Michael und Harold von Jim Parsons und Zachary Quinto verbindet. An keiner Stelle weiß man, ob man die beiden von Herzen verabscheuen oder mit ihnen leiden soll. Abseits von #LGBTQ sind dies die universellen Themen: Freundschaft und dennoch die Lust an Verletzungen, das Verlangen nach Liebe und trotzdem das Zurückstoßen derer, die es tun, Worte und wie sie zu Stichwaffen werden. Kurz gesagt: „The Boys in the Band“ ist absolut sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=862Pb9oDDAo           www.youtube.com/watch?v=WAIQbHJ9sAk           www.netflix.com

  1. 1. 2021

aktionstheater ensemble im Werk X: Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben

September 30, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Hochkulturgift der heimkehrenden Witwe

Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Stefan Hauer

„… hat die Mama gesagt“, „… hat auch der Bundeskanzler gesagt“ – ein jedes hat hier seinen sakralen Satz. Ersterer von Thomas Kolle, zweiterer von Benjamin Vanyek wieder und wieder hergebetet. Die Eckpunkte, die Stützpfeiler, der Grundstein, damit klar: die liebe Familie und der heilige Sebastian, beide im Sinne ihrer Schutzbefohlenen bekanntlich Märtyrer, und ihr Hirtenspruch somit wie einer beim Wolfauslassen.

Ein „Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben“ haben Martin Gruber und sein aktionstheater ensemble ihre aktuelle Performance genannt, die Uraufführung, durch den #Corona-Lockdown ausgebremst, jetzt endlich im Werk X zu sehen – und tatsächlich hat es die nicht umsonst schnelle Eingreif- genannte -truppe geschafft, ihre im März nahezu fertige Arbeit einen Twist weiterzudrehen. Nicht nur einer Überschuss-Überdruss-Besseren-Gesellschaft wird nun auf den Zahn gefühlt, sondern auch jenem aufkeimenden Quarantäne-Patriotismus, der sich so wenig ins Gute-Menschen-Bild fügen will.

Das aktionstheater ensemble zeigt sich mit diesem Text in würdiger Erbschaft eines Thomas Bernhard, dessen sarkastische Kaskaden die gestrenge Uni-Professorin weiland in die Nähe des bürgerlichen Lachtheaters rückte – „Des sittlichen Bürgers Abendschule“ samt Hausaufgaben. Was es allerdings im Weiteren mit dem Zahnfühlen auf sich hat, ist so schrecklich, dass man’s kaum wiedergeben mag.

Zwischen Sängerin Nadine Abado, Schlagzeuger Alexander Yannilos und Gitarrist Kristian Musser bleibt die Spielfläche leer, bis auf etliche von derart metallenen Gitterschränken, in denen im Orkus der Supermärkte der Zivilisationsmüll entsorgt wird. Auf ganzen Säcken davon, Plastik, schwarz, prallgefüllt, Müll, Gerümpel werden die Spielerin und die Spieler später herumturnen, eingepfercht zwischen den Wänden dessen, was einmal war, doch nicht länger von Wert ist.

Horst Heiss und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Erst aber zieht Thomas Kolle die #Covid19-Linie zum Publikum, zaghaft zunächst, als müsse er sich an die neue Situation herantasten, zwei Spieler sind schließlich Virus-bedingt aus der Produktion ausgestiegen, dann immer dreister: Es wird wieder in die Hände gespuckt, und in der Kalamität hat man s’aktionstheater ensemble selbstverständlich zu begünstigen. Auftritt, nein, es erscheint, nein, hereinschwebt Benjamin Vanyek und spricht:

„Die Bundesregierung hat gesagt, wir müssen gerade jetzt in diesen Zeiten der großen Not die österreichischen Künstler und Künstlerinnen sehr unterstützen. Und jetzt stellen Sie sich mich als Emilia Galotti vor, mit dieser leicht lakonischen Sprache, wie Goethe schon gemeint hat. Und das in dieser Krise jetzt.“ Nicht nur mit der Wunschmätresse des Prinzen Gonzaga will er dem deutschen Verfechter eines „Christentums der Vernunft“ seinen Respekt zollen, sondern auch als dessen Minna – Weihnachtseinkäufe als Gabriele wär‘ auch was.

Vanyek raunzt sich per Vokabeldehnung perfekt durch den Paula-Wessely-Tonfall: Gnääädige Frau, gnääädige Frau …! – Wie? … Ah, Sie sind’s! – Geben Sie mir doch Ihre Pakete! Und schade ist, dass die Nachgeborenen seine „Heimkehr“ zu wenig zu würdigen wissen. Welch ein Komödiant! Wie er ins Kurze Hörbiger’sche Wut-Video kippt. Wir werden froh und glücklich wieder zurückkommen! Da ist gut lachen, Vanyek im Tournürenkleid eine Schwarze Witwe, die ihr Hochkulturgift verspritzt. Doch wie jedem wahrhaft großen Schalk sitzt ihm die Tragik im Nacken. Der Moment wird so persönlich, dass man’s nicht aushält. Die Schneidezähne, beim Bundesheer, Vergewaltigung zum Oralsex, die Prothese als Beweis, die Zahnlücke unfassbare Realität.

Die emotionale Corona-Kurve steigt. Von Sentiment zu Verzweiflung zu Zorn. Vom „gesunden“ Egoismus zum empathischen Wunsch, in einem Wir aufzugehen. Das jedoch nicht jede und jeden mit einschließt. Irgendwo muss man Grenzen ziehen! Mit Liegestühlen bewehrt kreiseln die Sich-selbst-Darsteller um die eigene Achse, mit jeder Drehung mehr Richtung Orientierungslosigkeit, einsam, aufgerieben zwischen Selbstoptimierung – Stichwort: Haare im Hintern rasieren – und der vergeblichen Suche nach einem Gemeinsinn.

Thomas Kolle, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Horst Heiss, Michaela Bilgeri und Kristian Musser. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Benjamin Vanyek, Horst Heiss und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Michaela Bilgeri, Benjamin Vanyek und Horst Heiss. Bild: Stefan Hauer

Wie gewohnt und geliebt lässt Martin Gruber banale Alltagssorgen mit den Weltproblemen kollidieren, wie stets schneidet er choreografische Elemente und rauschhafte Musik zwischen die Texte. Nadine Abadas Stimme dabei die der Sehnsucht, Alexander Yannilos verantwortlich für Thomas Kolles Herzschlag-Furor. Er isst keine Tomaten mehr, sagt er, nur noch Saisonales, wegen der Paradeisermafia und der Flüchtlinge, die in Italien als Pflücker ausgebeutet werden. „Gemüse, Heimat, Österreich!“, skandiert Horst Heiss.

Die Leihgabe vom Koproduzenten Landestheater Linz ist in höchstem Maße verantwortlich für den Thomas-Bernhard-Sound. Wie er die Grade des Faschismus in der Regierung misst, das ist Robert-Schuster‘ische Reinkultur. „Die Kunst wird uns retten“, meint einer der Akteure. Alldieweil „die letzte verbliebene Frau“ im High-Speed-Reigen Vollgas gibt, Michaela Bilgeri, einmal mehr entfesselt, über Isolationskochen, ihre Corona-Alkoholliste, und mutmaßlich nie wurde theatralischer ein Rezept für Rindsgulasch dargeboten.

Man tanzt zum Beat, man geht einander auf die Nerven. Die Bilgeri muss zugeben, ihre Seifen-„Sharing forward“-Strategie im Kuba-Urlaub ist obschon exzessiven Rumkonsums gescheitert. Die bürgerliche Trauergemeinde versinkt trotz Fleiß, Verlässlichkeit, Talent und nacktem Kolle-Popo im sozialistischen Nichts. Welch eine Ironie, dass die Heilige Corona, per Foltertod von Diokletian ums Leben gebracht, die Schutzpatronin gegen Seuchen ist. Schwer ist’s, den Gruber’schen freien Assoziationen zu folgen, doch ist man fasziniert von der Fülle an Denkbarem und Weiter-Denkbarem.

Die Generation Zukunftsglauben wird den Wertekatalog der Eltern relaunchen, eine sich als „gerecht“ ausgebende Gesellschaft gegen nationalistische Populisten aufstehen müssen. Doch wer kann, wenn er sich ernsthaft einlässt, weiterspielen? Das aktionstheater ensemble mit seinem gleichzeitig berührenden und lustvoll-kurzweiligen Gesamtkunstwerk! Und die Schwarze Witwe streut Sternenstaub auf die Seelen aller …

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  1. 9. 2020