Belvedere: Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke

März 25, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Nach mehr als 100 Jahren wieder in Wien zu sehen

Gustav Klimt: Dame mit Fächer, 1917-18. Leihgabe aus Privatbesitz © Belvedere, Wien, Bild: Markus Guschelbauer

Schnell ins Belvedere, bevor am 1. April die Museen wieder schließen müssen: Ab heute, und am heutigen Eröffnungstag mit Gratis- ticket, ist im Oberen Belvedere die Ausstellung „Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke“ zu sehen. „Dame mit Fächer“ ist Klimts letztes nahezu fertiggestelltes Gemälde und ein faszinierend selbstbewusstes Frauenbildnis. Das Belvedere holt mit diesem Porträt ein wichtiges Spätwerk des Künstlers nach Wien.

Kurz nach Klimts Tod 1918 entstand im Atelier des Künstlers eine Fotografie abgebildet sind zwei Gemälde: „Dame mit Fächer“ und das unvollendete Werk „Die Braut“. Während „Die Braut“ schon länger als Leihgabe im Belvedere zu sehen ist, kommt nun mit dem Damenporträt ein wichtiges Bild für die Gesamtpräsentation von Klimts Lebenswerk nach Wien. Das Belvedere zeigt es in einer Schau zu dessen letzter großen Schaffensphase.

Dame mit Fächer“ war das letzte Bild, an dem Klimt im Laufe des Jahres 1917 arbeitete – bis auf wenige Details konnte er es noch fertigstellen. Während auf den meisten seiner Porträts Damen der Gesellschaft abgebildet sind, hat Klimt hier wahrscheinlich ein unbekanntes Modell gemalt. Das Motiv ist die Variation eines seiner Lieblingsthemen: der „schönen Wienerin“. Das verführerische Spiel der unbekannten Frau – vermutlich eine Tänzerin – wirkt selbstbewusst und souverän. Mit erhobenem Kopf, entblößter Schulter und nackter, vom Fächer verdeckter Brust blickt sie den Betrachterinnen und Betrachtern entgegen.

Bild: Erwin Böhler / Courtesy of the Michael Huey and Christian Witt-Dörring Photo Archive

Ausstellungsansicht „Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke“. Bild: © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Gustav Klimts Arbeitsraum im Atelier Feldmühlgasse 11 mit den unvollendeten Gemälden „Die Braut“ und „Dame mit Fächer“, 1918. © ONB/Wien Bildarchiv 94884-E, Bild: Moriz Nähr

Bislang war „Dame mit Fächer“ in Wien nur ein einziges Mal ausgestellt: vor mehr als hundert Jahren in der Kunstschau 1920 als Leihgabe des Industriellen Erwin Böhler. Noch im selben Jahr wurde es zu seinem Bruder Heinrich Böhler in die Schweiz gebracht, wo es bis in die 1960er-Jahre im Besitz der Familie verblieb. Zeitweilig befand sich das Bild in der Sammlung Rudolf Leopolds. Es wurde 1981 in Tokio und 1992 in Krakau öffentlich gezeigt. Nun kehrt das Gemälde nach Wien zurück. Der erste Teil der Schau zeigt „Dame mit Fächer“ im Kontext der späten, unvollendeten Werke von Gustav Klimt. Zu sehen sind unter anderem die Gemälde „Die Braut“, „Amalie Zuckerkandl“, „Adam und Eva“ oder „Dame in Weiß“

Ab Oktober wird die Ausstellung adaptiert und um eine weitere Komponente ergänzt: Das neue Kapitel beleuchtet Klimts Affinität zu ostasiatischen Kunststilen und zeigt auf, wie sich diese im Werk widerspiegeln. „Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke“ macht den Aufbruch des Malers in eine neue Schaffensphase kurz vor seinem Tod nachvollziehbar.

www.belvedere.at           Videos: www.youtube.com/watch?v=nYrLu8EbrZg            www.youtube.com/watch?v=Em85nCOgplk

25. 3. 2021

Belvedere 21: Joseph Beuys

März 3, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Ende wird immer ein Bäumchen gepflanzt

Portrait von Joseph Beuys (1921-1986), Paris, 1985. Bild: Laurence Sudre / Bridgeman Images

Beuys in Wien: Der 100. Geburtstag von Joseph Beuys im Mai dieses Jahres ist Anlass für eine pointierte Werkschau. Der Ausnahmekünstler veränderte die Kunst nach 1945 maßgeblich und entwickelte die Definition des erweiterten Kunstbegriffs. Das Belvedere 21 zeigt ab morgen Hauptwerke von Joseph Beuys und seine Beziehung zu Wien in einer umfangreichen Ausstellung. „Joseph Beuys auszustellen bietet auch die Chance, die traditionelle Rolle des Museums und die eigene Museumsarbeit einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Beuys’ ökologisches Verständnis, der Aspekt der Partizipation sowie der Anspruch, ein

uneingeschränkt breites Publikum zu erreichen, sind zeitgemäß und für die Institution Museum von existenzieller Bedeutung, auch in Zukunft“, so Generaldirektorin Stella Rollig beim heutigen Zoom-Meeting mit der Presse. Joseph Beuys’ Credo war zeitlebens, die Kunst als Arbeit an der Gesellschaft zu sehen, die alle in die Pflicht nimmt. Die Menschen sollten in und durch seine Kunst am Prozess der Erneuerung der Gesellschaft teilhaben.

Beuys’ Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ steht exemplarisch für seinen erweiterten Kunstbegriff und die Idee der Sozialen Plastik. Die Kunst – so Beuys’ Leitgedanke – solle auf der sozialen, politischen, geistigen und wissenschaftlichen Ebene wirksam werden und damit integraler Bestandteil unseres Denkens und Handelns sein. Fünf documenta-Teilnahmen in Folge, dazu zahlreiche internationale monografische sowie thematische Ausstellungen machten Joseph Beuys zu einem der einflussreichsten, höchstdotierten, aber auch meistdiskutierten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Schau zeigt, wie Beuys’ Schaffen mit Wien in Verbindung steht, und gibt mit 64 Kunstwerken sowie 123 Exponaten, Multiples, Dokumentationen und Filmen einen umfassenden Einblick in sein Lebenswerk. Neben frühen filmischen Arbeiten und Dokumenten aus den 1960er-Jahren werden mehrteilige Installationen präsentiert, darunter „Hirschdenkmäler“  von 1958/82, „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ aus dem Jahr 1977 und „Basisraum Nasse Wäsche“. Dieser wurde 1979 in der Galerie nächst St. Stephan in Wien realisiert und entstand als Kritik an dem von Beuys für ungeeignet befundenen Standort des Museums moderner Kunst im prunkvollen barocken Gartenpalais Liechtenstein in Wien.

Joseph Beuys, Das Erdtelefon, 1968. Joseph Beuys Estate / Bildrecht Wien, 2021, Bild: Marcus Leith, Collection Thaddaeus Ropac, London/Paris/Salzburg

Joseph Beuys, Katalog Museum Mönchengladbach, 1967. Sammlung Ph. Konzett, Wien, Bild: Pixelstorm, Wien / Bildrecht, Wien 2021

Joseph Beuys, Baumbepflanzung im Garten und vor der Hochschule für angewandte Kunst, 1983. Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv, Inv.Nr. 16.102/1/FP / Bild: Philippe Dutartre

Joseph Beuys, Honigpumpe am Arbeitsplatz, 1974-1977. Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek, Dänemark, Dauerleihgabe: Museumsfonden af 7 December, 1966 / Bildrecht, Wien 2021

Beuys’sche Environments erinnern mitunter an Laborsituationen. Der Künstler interessierte sich bereits früh für Naturwissenschaften, besonders Physik, Chemie, Zoologie, und für den Gesamtzusammenhang aller Lebensformen. So fand er etwa Inspiration bei Naturreligionen oder im Tierreich, wofür beispielhaft die Hasen oder Hirsche früher Zeichnungen, performative Handlungen mit Ritualcharakter oder Aktionen stehen.

Bereits 1966 präsentierten Monsignore Otto Mauer, Leiter der Galerie nächst St. Stephan, und Oswald Oberhuber erstmals Zeichnungen von Joseph Beuys in Wien. Ein Jahr später zeigte Beuys gemeinsam mit dem dänischen Fluxus-Komponisten Henning Christiansen seine Aktion „EURASIENSTAB 82 min fluxorum organum“ in der Wiener Galerie. Eine Performance, die er selbst als eine seiner wichtigsten bezeichnete und die in der Stadt der Wiener Aktionisten einer künstlerischen Eruption gleichkam. Mit dem kupfernen „Eurasienstab“, einem Hirtenstab ähnlich, sollte spirituelle Kraft weitergeleitet werden. Der kreative Prozess der Aktion nahm Bezug auf die damalige Trennung Europas durch den Eisernen Vorhang und war der Vereinigung von Ost und West gewidmet.

Joseph Beuys während seines Vortrags in der Galerie nächst St. Stephan am 4. April 1979. Bild: Gerhard Kaiser, Archiv Gerhard Kaiser

Joseph Beuys, Ohne Titel (Friedrichshof), 1983. Privatsammlung / Bildrecht, Wien 2021

Joseph Beuys, Wegweiser für den Khan, 1963. Sammlung Ph. Konzett, Wien, Bild: Pixelstorm, Wien / Bildrecht, Wien 2021

Wien war für Joseph Beuys wegen der geografischen Lage und der Neutralität Österreichs ein politisch symbolträchtiger Ort. Er hielt sich mehrmals in der Stadt auf und war mit Ausstellungen, Aktionen und Vorträgen präsent, seine Gastauftritte an der Hochschule für angewandte Kunst sind legendär. Für Beuys war Kunst eng mit Konzepten von Politik und Bildung verknüpft. Als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf engagierte er sich in den 1960er- und 1970er-Jahren in der Studentenpolitik. 1979 kandidierte er in der Partei der Grünen für das Europaparlament, 1980 für den Deutschen Bundestag. Auch in Wien zeigte sich Beuys im politischen Umfeld, diskutierte 1983 an der Hochschule für angewandte Kunst mit den Politikern Josef Cap und Erhard Busek und traf im selben Jahr den damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky.

Joseph Beuys’ politisches Engagement beinhaltete auch eine ökologische Dimension. Anlässlich der documenta 7 konzipierte Beuys 1982 eine partizipative Arbeit im Außenraum, die das Stadtbild von Kassel nachhaltig prägen sollte und seinen erweiterten Kunstbegriff veranschaulicht: „7000 Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ lautete der Untertitel der prozesshaften Aktion. Erst 1987, eineinhalb Jahre nach Beuys’ Tod, wurde der letzte Baum in Kassel gepflanzt. Der Erfolg des anfangs höchst umstrittenen Projekts lag in der Partizipation der Bürgerinnen und Bürger bei der Stadtgestaltung und in der damit verbundenen Eigenverantwortung, Mitwirkung und Förderung eines ökologischen Bewusstseins. Für die damalige Zeit sehr fortschrittlich, sind die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit heute weiterhin höchst aktuell.

„Mit seiner Arbeit wollte Joseph Beuys vermitteln, wie ein Weg vom Denken zum Handeln führen könnte. Beuys trat für eine Radikalität im Denken ein, für die er oft missverstanden wurde. Mit seinen Aktionen versuchte er, ein Handeln auszulösen, aus dem etwas Neues, Besseres entsteht. Sein Werk ist von ungebrochener Aktualität“, so Kurator Harald Krejci. Die spektakuläre Aktion von Baumpflanzungen erreichte 1983 auch Wien. Und nach der heutigen Pressekonferenz wurde im Skulpturengarten des Belvedere 21 zu Ehren von Joseph Beuys eine Stieleiche gepflanzt.

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3. 3. 2021

Belvedere 21: Zbyněk Sekal

August 25, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Surrealistische Schreine zum Thema Gefangenschaft

Poetische Auseinandersetzung mit Einsamkeit, Isolation und dem Verschwinden im Gefangensein – Zbyněk Sekal: Schrein mit Hundchen, 1986. Privatbesitz / © Bildrecht, Wien / Bild: © Johannes Szilvássy

Der Maler und Bildhauer Zbyněk Sekal war ein kritischer Denker, ein analytischer Beobachter seiner Zeit und ein Poet im Umgang mit Material: Seine Auseinandersetzung mit Gefangenschaft und Exil wirken gerade heute – in der krisenbedingten Umbruchstimmung – aktueller denn je. Mehr als siebzig seiner Objekte werden nun ab 28. August im Belvedere 21 inszeniert. Die Ausstellung veranschaulicht den Triumph menschlicher Kreativität über die Missgunst der Zeit.

Das facettenreiche Werk des Bildhauers Zbyněk Sekal, geboren in Prag 1923, gestorben in Wien 1998, lässt sich aus vielen Perspektiven lesen: Es wurde bereits in den 1960er-Jahren in den avantgardistischen Künstlerinnen- und Künstlerkreisen Prags und Wiens sehr geschätzt. Sekals Schaffen trägt die Spuren seiner Herkunft aus der Prager surrealistischen Tradition. Es umfasst frühe Malereien, Materialbilder sowie Skulpturen aus Bronze und Stein. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und gezwungen durch die sowjetische Okkupation emigrierte Sekal über Deutschland nach Wien. Hier entstanden neben Materialbildern und anthropomorphen Skulpturen seine „Schreine“, genannt Schránky. In ihnen manifestiert sich Sekals poetische Auseinandersetzung mit Einsamkeit und Isolation, mit dem Verschwinden sowie mit dem Gefangensein.

Zbyněk Sekal: Ohne Titel, undatiert. Privatbesitz / © Bildrecht, Wien / Bild: © Johannes Szilvássy

Zbyněk Sekal: Stillstand, 1966. Privatbesitz / © Bildrecht, Wien / Bild: © Johannes Szilvássy

Zbyněk Sekal: Schema eines zweckgemäßen Betriebes, 1964. Privatbesitz / © Bildrecht, Wien / Bild: © Johannes Szilvássy

Zbyněk Sekal: Toter Kopf, 1957. Privatbesitz / © Bildrecht, Wien / Bild: © Johannes Szilvássy

Die Welt scheint im Werk von Zbyněk Sekal als Labyrinth, in dem der Mensch sich zu entfremden droht. Sekals Arbeiten verweisen auf die Fragilität des Individuums, seine anthropomorphen Gebilde stehen sinnbildlich für die menschliche Identität und für das Freiheitsbewusstsein in der Zeit des Kalten Kriegs. Darin verarbeitet finden sich nicht nur persönliche Erlebnisse, sondern auch Sekals Auseinandersetzung mit der Philosophie der Phänomenologie und des Existenzialismus. Die Ausstellung im Belvedere 21 ist Teil eines Belvedere-Forschungsprojekts zur Kulturlandschaft Mitteleuropas in den 1960er- und 1970er-Jahren.

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25. 8. 2020

Belvedere: Teilweise Wiedereröffnung ab 15. Mai

April 24, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Into The Night und Herbert Brandl

Rudolf Schlichter: Damenkneipe, circa 1925, (Detail). © Privatsammlung

Das Belvedere beginnt seine Wiedereröffnung am 15. Mai mit der Ausstellung „Into the Night“ im Unteren Belvedere. Das Belvedere 21 startet am 1. Juni mit den beiden laufenden Ausstellungen von Herbert Brandl und Eva Grubinger, die bis in den Herbst verlängert werden. Der Museumsbetrieb im Oberen Belvedere wird mit 1. Juli wieder aufgenommen, mit der Schausammlung, mit Renate Bertlmann und dem Meister von Mondsee.

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Into the Night. Die Avantgarde im Nachtcafé: Willkommen, Bienvenue, Welcome!

Kabaretts, Clubs und Cafés waren bis in die 1960er-Jahre die Treffpunkte der Moderne, boten sie doch Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform für kreativen Ideenaustausch und wandelten sich so in Orte, an denen tabubrechende neue Ausdrucksformen ihren Anfang nahmen. Aus Perspektive dieser alternativen Szenen erzählt „Into the Night. Die Avantgarde im Nachtcafé“ im Unteren Belvedere und in der Orangerie vom dortigen Geschehen ab den 1880er-Jahren.

In Wien war es das 1907 von Protagonisten der Wiener Werkstätte gegründete und ausgestattete Kabarett Fledermaus, das den Übergang vom Secessionismus zum Expressionismus markierte. In Paris nahm das Chat Noir mit seinem Schattentheater in den 1880ern die Kinokultur vorweg. Im Zürcher Cabaret Voltaire wurde Dada gegründet. Der von Giacomo Balla designte Nachtclub Bal Tic Tac und das von Fortunato Depero entworfene Cabaret del Diavolo in Rom waren Brutstätten des Futurismus. Das minimalistische Design des Café L’Aubette in Straßburg stammte zum Teil von Theo van Doesburg, dem Mitbegründer von De Stijl. Im Berlin der Zwischenkriegszeit befeuerte die vibrierende Energie der Nachtclubs die Künstlerinnen und Künstler des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, Jeanne Mammen oder Elfriede Lohse-Wächtler.

Elfriede Lohse-Wächtler: Ausblick im Nachtlokal, 1930. © Privatsammlung, Berlin

Karl Hofer: Tiller Girls, vor 1927. © Kunsthalle Emden – Stiftung Henri und Eske Nannen

Erna Schmidt-Carroll: Chansonette, 1928. Privatsammlung © Nachlass Erna Schmidt-Caroll

Die Schau durchbricht bewusst die Grenzen eines eurozentristischen Blickwinkels. Thematisiert werden nicht nur die bekannten Schauplätze der Avantgarde, sondern auch das Café de Nadie in Mexiko-Stadt oder die Harlem-Renaissance in New Yorker Jazzclubs der 1920er- und 1930er-Jahre, deren Stammbesucher sich im Kampf gegen Rassismus engagierten. Den Schlusspunkt der Ausstellung bildet der 1966 in Teheran eröffnete Künstlerclub Rasht 29.

Die Besonderheiten der Ausstellung: Architektonische Rekonstruktionen machen die kreative Atmosphäre der Schauplätze neu erlebbar. Im Unteren Belvedere wird das Schattenspiel des Café Chat Noir wieder lebendig. Susanne Wengers Fassadengestaltung für den Mbari Mbayo Club in Oshogbo wurde ebenso nachempfunden wie die Wandbemalungen von Uche Okeke für den Mbari Artists and Writers Club in Ibadan, beide in Nigeria. In der Orangerie werden der Kino- und Tanzsaal des Café L’Aubette wie auch der berühmte Barbereich mit Mosaikfliesen aus dem Wiener Kabarett Fledermaus nachgebaut … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38050

Herbert Brandl. Exposed To Painting: Blow-up-Bilder einer bedrohten Natur

Mit seinen großformatigen Bilderwelten zählt Herbert Brandl zu den erfolgreichsten österreichischen Malern der Gegenwart. Das Belvedere 21 präsentiert sein Œuvre mit dem Schwerpunkt auf Arbeiten der vergangenen beiden Jahrzehnte bis hin zu Werken, die der Künstler eigens für die Ausstellung schafft.

Das Naturmotiv dominiert das Werk Brandls und tritt vielfältig in Erscheinung. Mit Gebirgsbildern und -panoramen, die den Blick ins Monumentale öffnen, sowie „Zoom-ins“ und „Blow-ups“ von Bächen und Wasserläufen wechselt er zwischen Nah- und Fernsichten auf die Natur. Sein Werk changiert dabei zwischen figurativen und abstrahierenden Tendenzen, bis hin zur starken Abstraktion. Brandl denkt Natur in ihrer ursprünglichen Form, das heißt im Sinne von organisch und anorganisch Selbstgewachsenem, das ohne jeglichen Eingriff durch den Menschen entsteht und besteht. In einzelnen Werkgruppen nimmt sich der Künstler auch bedrohter Naturgebiete an. Diese Arbeiten lassen sich wie empathische Bestandsaufnahmen eines exponierten, in seinem Fortbestehen gefährdeten Naturraums lesen. Sie proklamieren ein Idealbild von unberührter Natur, das es in der Realität zu verteidigen gilt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=37590

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24. 4. 2020

Herbert Brandl: Ohne Titel, 2001. Privatsammlung, Wien. Galerie nächst St. Stephan R. Schwarzwälder, Wien, Bild: Markus Wörgötter

Herbert Brandl: Ohne Titel, 2005. Bärbel Grässlin, Frankfurt am Main, Bild: Wolfgang Günzel

Belvedere: Into The Night. Die Avantgarde im Nachtcafé

Februar 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen, Bienvenue, Welcome!

Rudolf Schlichter: Damenkneipe, circa 1925, (Detail). © Privatsammlung

Kabaretts, Clubs und Cafés waren bis in die 1960er-Jahre die Treffpunkte der Moderne, boten sie doch Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform für kreativen Ideenaustausch und wandelten sich so in Orte, an denen tabubrechende neue Ausdrucksformen ihren Anfang nahmen. Aus Perspektive dieser alternativen Szenen erzählt „Into the Night. Die Avantgarde im Nachtcafé“ ab 14. Februar im Unteren Belvedere und in der Orangerie vom dortigen Geschehen ab den 1880er-Jahren.

In Wien war es das 1907 von Protagonisten der Wiener Werkstätte gegründete und ausgestattete Kabarett Fledermaus, das den Übergang vom Secessionismus zum Expressionismus markierte. In Paris nahm das Chat Noir mit seinem Schattentheater in den 1880ern die Kinokultur vorweg. Im Zürcher Cabaret Voltaire wurde Dada gegründet. Der von Giacomo Balla designte Nachtclub Bal Tic Tac und das von Fortunato Depero entworfene Cabaret del Diavolo in Rom waren Brutstätten des Futurismus. Das minimalistische Design des Café L’Aubette in Straßburg stammte zum Teil von Theo van Doesburg, dem Mitbegründer von De Stijl. Im Berlin der Zwischenkriegszeit befeuerte die vibrierende Energie der Nachtclubs die Künstlerinnen und Künstler des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, Jeanne Mammen oder Elfriede Lohse-Wächtler.

Dieser pulsierende Kosmos inspirierte Kunstschaffende weltweit und war Schnittstelle zwischen Malerei und Grafik, Architektur und Design, Literatur, Musik und Tanz, wie Werke von Henri de Toulouse-Lautrec, Josef Hoffmann, Oskar Kokoschka, Koloman Moser, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Hugo Ball, Max Beckmann, Henri Rivière oder Prince Twins Seven Seven zeigen. „Into the Night“ betrachtet zahlreiche Schauplätze und spürt dem vibrierenden künstlerischen Miteinander nach, das von dort aus die Kunstgeschichte nachhaltig prägte.

Die Schau durchbricht bewusst die Grenzen eines eurozentristischen Blickwinkels. Thematisiert werden nicht nur die bekannten Schauplätze der Avantgarde, sondern auch das Café de Nadie in Mexiko-Stadt oder die Harlem-Renaissance in New Yorker Jazzclubs der 1920er- und 1930er-Jahre, deren Stammbesucher sich im Kampf gegen Rassismus engagierten. Den Schlusspunkt der Ausstellung bilden die Mbari Clubs, die Anfang der 1960er in Ibadan und Oshogbo, Nigeria, gegründet wurden, sowie der 1966 in Teheran eröffnete Künstlerclub Rasht 29.

Elfriede Lohse-Wächtler: Ausblick im Nachtlokal, 1930. © Privatsammlung, Berlin

Karl Hofer: Tiller Girls, vor 1927. © Kunsthalle Emden – Stiftung Henri und Eske Nannen

Erna Schmidt-Carroll: Chansonette, 1928. Privatsammlung © Nachlass Erna Schmidt-Caroll

Die Besonderheiten der Ausstellung: Architektonische Rekonstruktionen machen die kreative Atmosphäre des Kabarett Fledermaus oder des Chat Noir erlebbar. Ein umfassendes Begleitprogramm mit Theater, Konzerten, Lesungen und Tanzperformances bildet den Rahmen der Schau. Als Figurentheater erzählt beispielsweise am 27. Februar das Ensemble des Kabinetttheaters die dadaistische, lautpoetisch begleitete Weihnachtsgeschichte von Hugo Ball, die am 31. Mai 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire uraufgeführt wurde. Der Evangelientext wird dabei vom pfeifenden Wind, von blökenden Schafen und vom „Ramba Ramba“-Gemurmel von Maria und Josef untermalt. Die Sängerin Anna Clare Hauf bringt als Bruitistin die „Geräuschinsel“ zum Klingen, das Figurenspiel übernehmen Katarina Csanyiova, Tanja Ghetta und Walter Kukla. Am 16. April folgt eine Hommage ans Kabarett Fledermaus.

Am 23. April führt Cheikh M’Boup mit der Petaw Band von den Wurzeln des Afrobeat in Nigeria in den 1960ern über Griot-Melodien aus dem Senegal bis zum südamerikanischen Salsa. Die Kaurimuschel – in der Sprache Wolof „Petaw“ genannt – ist das Symbol für dieses Konzer: Als Glücksbringer wie als Tauschmittel steht sie für die Verbindungen von Zentral- und Westafrika bis nach Südamerika.

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11. 2. 2020