Elizabeth Strout: Bleib bei mir

Oktober 24, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Engstirnigkeit, die einen ärgert

Bleib bei mir von Elizabeth StroutNoch vor ihrem hochdekoriertem Roman „Mit Blick aufs Meer“ (eine Kurzgeschichtensammlung rund um eine pensionierte Mathe-Highschoolprofessorin, die den halben Ort unterrichtet hat. EINE LESEEMPFEHLUNG!) schrieb Elizabeth Strout 2006 „Bleib bei mir“. In West Annett, einer Kleinstadt in Maine, stürzt der Pastor Tyler Caskey in eine tiefe Lebenskrise: Vor Kurzem ist seine Frau Lauren an einem Gehirntumor gestorben, und Kummer und Verzweiflung drohen ihn zu überwältigen. Seine fünfjährige Tochter Katherine hat seither kein Wort gesprochen und fällt durch aggressives Verhalten in der Volksschule auf. Seine zweite Tochter, die kleine Jeannie, lebt in einem anderen Ort bei Tylers dominanter Mutter. In der kleinen Gemeinde erblühen Klatsch und Tratsch. Wo jeder jeden kennt, steht auch jeder unter Beobachtung, vor allem ein verwitweter,  junger Pastor, der einst mit seinen Predigten und seiner ruhigen, bescheidenen Art die ganze Gemeinde begeistert hat. Plötzlich mehren sich die misstrauischen, argwöhnischen Stimmen, immer mehr Leute finden, dass Tyler sich in seinem Schmerz zu sehr gehen lässt, und bezweifeln allmählich seine Eignung als Seelsorger und Vater …

Strout bleibt in dem Biotop, das ihr Zuhause ist. Und ist doch ganz anders. Dieses Buch ärgert einen. Weil man keine symphatische Figur findet, mit der man durch die Seiten ziehen kann. Alle sind hier irgendwie grauslich. Weil überall Engstirnigkeit und Misstrauen und Verlogenheit herrscht. Kleinstadtmief dampft aus jeder Seite. Die Strout macht das absichtlich. Und sie macht es wunderbar. Allein den Kirchenrat, der sich ausschließlich mit der Frage „Neue Orgel Ja oder Nein“ befasst, möchte man, aber wirklich … Wie immer hat sie es nicht nötig, an Sätzen kunstvoll zu schrauben, sie erzählt einfach die Geschichte ihrer Figuren. Beziehungsweise was sich hinter den zugezogenen Vorhängen der Kleinstadthäuser abspielt. Von Prügeln für die Ehefrau bis Fremdgängen bis, ja sogar, Sterbehilfe. Strouts Charaktere sind wie immer frei nach Leben. Stolz darauf quasi mit den Pilgrim Fathers von der Mayflower an Land gegangen zu sein – der Rest der USA ist Wildnis -; in­di­g­niert weil reiche New Yorker die Gründerstaaten zum Feriendomizil und damit zum Bauplatz für ihre Protzvillen gewählt haben. Fremde !!! will man hier gar nicht. Elizabeth Strout ist eine Meisterin von Sozialstudien über das Mit- und Gegeneinander im Kleinstadtleben. Ein gutes Dutzend Personen von der sich schon als Pastorengattin Nr. 2 wähnenden Apothekerin bis zur überglücklichen Hausputzfrau gehen einem im Buch auf die Nerven. Und all diese Macho-Männer, wäh! Und die Lehrerin und die überkandidelt-selbsternannte Kinderpsychologin. Und Tylers Mutter. Und erst recht seine Schwiegereltern, die immer schon glaubten, ihre Tochter habe unter Niveau geheiratet. In Rückblicken wird klar: Selbst die hingegangene Lauren war eine Schreckschraube, die auf die Gemeinde ihres Mannes als G’scherte herabsah, und in Highheels und Designeroutfit – obwohl das Pastorengehalt den Luxus nicht finanzieren konnte, Daddy konnte – durch den West Annetter Schnee stiefelte. Mögen kann man nur Haushälterin Conny, aber die endet im Gefängnis …

Auch Tyler Caskey ist nicht liebenswert. Bis zum Schluss, bis knapp vor dem Ende, bis alle merken, was sie es noch zu verlieren gilt, den Pastor nämlich, erlaubt er sich keine menschliche Regung, dieser Bonhoeffer-Apostel. Der den Unterschied zwischen sich und einen von den Nazis nackt durch den Wald zur Hinrichtung Gejagten gar nicht wahrnimmt. Der keine hiobsche Empfindung hat, sondern wie Ned Flanders aus den „Simpsons“ – ebenfalls Witwer – für alles einen Kirchenspruch: Und wenn man glaubt, es geht nicht mehr … Doch Elizabeth Strout wäre nicht diese anrührende, gütige Erzählerin, wenn nicht Reue und Freundlichkeit und Herzenswärme über Niedertracht siegen würden. Sie bahnen sich ihren Weg durch die Unzulänglichkeiten des Lebens, durch unbequeme Wahrheiten, durch die Irrwege des Allzumenschlichen – und führen zusammen, was zusammen gehört. Nein, „Bleib bei mir“ hat kein Happy End. Aber es endet mit einem Hoffnungsschimmer. Einer Idee eines besseren Morgen. Ein Glück. Menschen können sich ändern. Zumindest bei Strout. Und das lässt einen doch wünschen fürs eigene Dasein. Ein fabelhaftes Buch! Mrs. Strout, wir warten auf das nächste!

Zur Autorin: Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Nach dem Jurastudium begann sie zu schreiben. Ihr erster Roman »Amy & Isabelle« wurde für die Shortlist des Orange Prize und den PEN/Faulkner Award nominiert und wurde ein Bestseller. Für »Mit Blick aufs Meer« bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. Elizabeth Strout lebt heute in New York.

Elizabeth Strout: Bleib bei mir. 336 Seiten. Literaturverlag Luchterhand. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sabine Roth.

www.randomhouse.de/luchterhand

www.mottingers-meinung.at/elizabeth-strout-das-leben-natuerlich

Wien, 24. 10. 2014

Ausstellung im Arnulf-Rainer-Museum

Mai 23, 2013 in Ausstellung

Mario Merz | Arnulf Rainer – Tiefe Weite [Fragmente]

Arnulf Rainer © Arnulf Rainer Museum / Foto: Christian Wind

Arnulf Rainer
© Arnulf Rainer Museum / Foto: Christian Wind

Ab 25. Mai stellt der international renommierte Ausstellungsmacher Rudi Fuchs erstmals nach der documenta 7 (1982)  Werke von Mario Merz und Arnulf Rainer gemeinsam aus. In MARIO MERZ | ARNULF RAINER – TIEFE WEITE [FRAGMENTE] im Arnulf-Rainer-Museum in Baden bei Wien treffen großformatige Gemälde von Arnulf Rainer auf raumgreifende Installationen und Bildobjekte des italienischen Arte Povera-Künstlers Mario Merz. „Beide Künstler traten in den fünfziger Jahren hervor, in dem weiten und tiefgründigen Feld der suggestiv als Informel bezeichneten Kunstrichtung. Bei der documenta teilten sie sich einen Raum, und dies nicht aus Zufall. Wir spürten eine spirituelle Verwandtschaft in der Art, wie sie Formen aus grundlegend flüchtigen, fließenden Strukturen und Farben zum Vorschein brachten. In diesem wechselhaften Werk sind alle Gestaltungen von Natur aus unvollständig und fragmentarisch“, so der niederländische Kurator Rudi Fuchs. Als künstlerischer Leiter der Kunstausstellung documenta 7 im Jahr 1982 verfolgte Rudi Fuchs das Prinzip der schlichten und erhabenen Präsentation der Werke. Bewusst konfrontativ sollten Dialoge zwischen Kunstwerken unterschiedlichsten Stils entstehen sowie deren Wechselbeziehung offengelegt werden. So traf Malerei auf Skulptur: Arnulf Rainers „Fingerfarbenfest“ aus seiner Werkphase der Hand- und Fingermalerei wurde gemeinsam mit Mario Merz’ begehbarer, halbhoher Spirale aus Sandsteinplatten mit Reisigbüscheln ausgestellt. In TIEFE WEITE [FRAGMENTE] führt Kurator Rudi Fuchs dieses Ausstellungskonzept nun fort.

Von Arnulf Rainer (*1929) werden Gemälde und Tafelbilder aus den 1990er Jahren zu sehen sein, die vorrangig das Motiv des Kreuzes zeigen. Diese T-förmigen, von Rainer zum Teil „Engel-Bilder“ genannten Werke symbolisieren fern jeglicher religiöser Bedeutung die Kleidung von Engeln. Im Gegensatz zu den Hand- und Fingermalereien, die in schweren, dunklen Farben dick mit Hand oder Pinsel aufgetragen wurden, wirken die „Engel-Bilder“ durch den dünnflüssigen Farbauftrag fragil und leicht. Als Gegenüberstellung präsentiert die Ausstellung ein Iglu aus Steinplatten mit drei Meter Durchmesser sowie einen raumgreifenden Spiral-Tisch von Mario Merz (1925-2003). Der italienische Künstler schuf mit seinen Iglus aus Lehm, Glas, Stahl, Stein oder Reisig Ikonen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Durch den Einsatz einfacher Mittel sowie die Verwendung von alltäglichen, naturnahen Materialien zählt er zu den Hauptvertretern der Arte Povera-Bewegung, die in den 1960ern in Italien entstand. Auch Gemälde, Zeichnungen und Bildobjekte mit charakteristischen Elementen werden gezeigt, die sich immer wieder im Werk von Mario Merz finden: Fibonacci-Zahlen, Neonröhren, Spiralen sowie archetypische, prähistorische Tiere. Die Arbeiten stammen aus den frühen 1980er Jahren und sind als Leihgaben der Fondazione Merz, sowie aus Privatsammlungen, die größtenteils zum ersten Mal in Österreich zu sehen.

www.arnulf-rainer-museum.at

Von Rudolf Mottinger

Wien, 23. 5. 2013