Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Akademietheater: Willkommen bei den Hartmanns

November 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den falschen Stellen gelacht

Gelebte Willkommenskultur: David Wurawa als Diallo und die Hartmanns Valentin Postlmayr, Markus Hering, Alexandra Henkel, Alina Fritsch und Simon Jensen. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die von Peter Wittenberg inszenierte Bühnenversion von Simon Verhoevens Filmerfolg „Willkommen bei den Hartmanns“ überzeugte Sonntagabend das Premierenpublikum am Akademietheater. Großen Jubel und viel Applaus gab es für die knapp dreistündige Uraufführung, für die Angelika Hager eine Wienerische Bearbeitung verfasste. Wobei Hager auf Schablonen, Stereotypen und eingefahrene Vorstellungen setzt.

Um so wichtige Themen wie fehlgeleitete Willkommens- kultur und einen „gut gemeinten“ Alltagsrassismus anzusprechen. Mehr als einmal ertappt man sich beim platten Text an den falschen Stellen gelacht zu haben. So outriert wie die Vorlage auch das Spiel. Zwölf Schauspieler gestalten in Doppel- und Dreifachrollen die überkandidelte Familie Hartmann, deren soziales, noch übertriebeneres Umfeld und die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Allen voran überzeugt immerhin David Wurawa als nigerianischer Flüchtling Diallo, dessen schließliche Schilderung der Daseins-, eigentlich Todesdrohungsumstände, die ihn zum Aufbruch ins sichere Europa bewegten, überaus eindrücklich sind. Wie er die Hartmanns mit Schmäh nimmt, ihm gleichzeitig die Trauer um sein verlorenes Leben und die Angst, ob ihm ein neues gewährt werden wird, in den Augen steht, das ist schöne Schauspielkunst.

Der Rest ist Knallchargerei. Alexandra Henkel gibt die dauertrinkende Pensionistin Angelika, die im Film von Senta Berger dargestellt wurde, Markus Hering ihren Ehemann Richard als latent rassistischen und von Jugendwahn befallenen Oberarzt – dies mit unglaublichem Körpereinsatz und breit angelegtem Mienenspiel. Alina Fritsch ist eine endlos studierende Tochter Sofie, Simon Jensen der Workaholic-Sohn Philipp. Valentin Postlmayr hat als Enkel Basti, dem HipHop vor Schule geht, die Sympathien auf seiner Seite. Sven Dolinksi spielt den zukünftigen, türkischstämmigen Schwiegersohn Tarek. „So schnell hat man einen Migrationshintergrund“, befindet Richard ob der Sachlage.

Im Gemeindebau herrscht offene Ausländerfeindlichkeit: Sabine Haupt mit David Wurawa und Alexandra Henkel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Rotarier-Damen von Döbling planen mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau: Petra Morzé und David Wurawa. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt zieht viele herzhafte Lacher als esoterische Flüchtlingshelferin auf sich. Als Gemeindebaulerin, Klischee as Klischee can, muss sie natürlich Ausländerfeindin sein, weil sie angesichts der Mindestsicherung für Asylwerber um ihre Rente fürchtet. Im Programmheft, „Das muss man doch noch sagen dürfen!“, entwirft Hager ein ebensolches Bild von einem früh pensionierten Schweißer, tätowiert, mit schwerem Zungenschlag, der auf „Hacäh“ setzt. Dass Wittenberg zu Kurz in erster Linie dessen Ohren einfallen, ist, bei aller politischen Gegnerschaft, nicht einmal Geschmackssache. Da gäbe es über den künftigen Bundeskanzler Wichtigeres zu erzählen.

In ihren zahlreichen Rollen von der exjugoslawischen, ebenfalls ausländerfeindlichen Putzfrau (ihr Argument, warum ihre Flucht anders war: „Der Jugoslawienkrieg war ja vor eurer Haustür!“) über die alltagsrassistische Bäckerei-Angestellte (die über Diallo stets befindet: „Is der liab!“) bis zum Go-Go-Girl gibt Petra Morzé alles. Als Anführerin der Rotarier-Damen von Döbling will sie mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau inszenieren. Dietmar König spielt den Schönheitschirurgen-Ehemann der Dame.

Dirk Nocker macht den Leiter des Flüchtlingsheims. Michael Masula ist ein starker Auftritt gegönnt, als identitärer Taxifahrer und als radikaler Islamist, der alles ablehnt, was den Westen ausmacht – und trotzdem in Österreich bleiben will -, ist also in der Inszenierung insgesamt für die Fundamentalisten zuständig.

In beinah filmischen „Schnitten“, temporeich und gut getimt, treibt Regisseur Wittenberg sein Personal in dieser atemlosen, chaotischen Arbeit über die Bühne, auf der ein Laufband schnell zum OP-Tisch oder zum nächtlichen Club werden kann. Darsteller melden sich via Vidiwall telefonisch oder lassen an der Rampe in Monologen die Befindlichkeit ihrer Figuren ab. Herzstück des Hartmann’schen Haushalts ist eine überdimensionale, aufblasbare Couch. Sie verwandelt sich am Ende in ein sinkendes Boot …

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist vom Burgtheater als Familienstück ab 12 Jahren angekündigt. Es würde interessant sein zu erfahren, wie Angelika Hagers anspielungsbemühte Sprache – und vor allem ihr Versuch, in dieser gechillt „jung“ zu sein, bei der Zielgruppe ankommt.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

Jüdisches Museum Wien: Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur

Mai 13, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Shoppen bei Gerngross, Zwieback, Knize und Co.

Fronleichnam bei St. Stephan. Auszug: Kaiser Franz Joseph I. hinter dem Sanctissimum. Im Hintergrund das Kaufhaus Rothberger mit zahlreichen Schaulustigen in den Auslagenfenstern. Bild: Bildarchiv der österreichischen Nationalbibliothek

Eine Postkarte vom Gerngross-Innenraum. Bild: Sammlung Martin Perl

Ab 17. Mai widmet sich das Jüdische Museum Wien mit der Ausstellung „Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur“ einem beinahe verschwundenen und vergessenen Teil der jüdischen Wiener Kulturgeschichte. Im Zentrum der Schau stehen die Entwicklungs-, Erfolgs-, Migrations- und Familiengeschichten der Gründer und Besitzer dieser Betriebe sowie ihr maßgebliches Engagement für den Weg Wiens in die Moderne. Der Ausstellungstitel ist ein Aufruf zur Erinnerung an diese bedeutenden Unternehmen und deren Akteurinnen und Akteure hinter den Geschäftsfassaden. Die Entstehung von Kaufhäusern in Wien war Teil einer gesamteuropäischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts.

Dass viele der Gründer aus jüdischen Familien stammten, ist heute ebenso wenig bekannt, wie die einstige Existenz des Textilviertels im ersten Wiener Gemeindebezirk. Prominente Häuser wie Gerngross, Zwieback, Neumann, Jacob Rothberger, Braun & Co., Goldman & Salatsch, Jungmann & Neffe, Knize, prägten die mondänen Einkaufsmeilen auf der Kärntner Straße und der Mariahilfer Straße. Die Ausstellung ruft aber auch die sogenannten Vorstadtwarenhäuser Dichter und Wodicka ins Gedächtnis der Stadt zurück. Mit ihren Betrieben leisteten diese Familien einen maßgeblichen Beitrag zur Wiener Stadtentwicklung und beeinflussten das Stadtbild bis in die Gegenwart.

Durch die Zäsur der Schoa verschwand diese von Wiener Jüdinnen und Juden geprägte Geschäftskultur fast völlig. Erfolgsgeschichten von Vertriebenen lassen sich im Ausland nachzeichnen – wie etwa jene des Kostümbildners und Grafikers Ernst Deutsch-Dryden oder des Architekten, Stadtplaners und Erfinders der Shopping Mall, Victor Gruen. Viele Unternehmen konnten aber an die Erfolge der Zeit vor 1938 nicht mehr anknüpfen.

Jedenfalls beschlossen die meisten nach 1945 nicht mehr nach Wien zurückzukehren. An die bedeutenden Kaufhäuser sowie an die zahlreichen von Jüdinnen und Juden betriebenen Einzelhandelsbetriebe erinnern heute im Wiener Stadt- und Geschäftsbild nur noch die Namen mancher Nachfolgeunternehmen und in seltenen Fällen Teile der Bausubstanz. Diesem „Verschwinden“ gegenübergestellt ist die Entwicklung des Textilviertels nach 1945. Bedingt durch Migration und Zuwanderung lassen sich hier individuelle Geschichten von Unternehmen wie Schöps, dem Tuchhaus Silesia, Wachtel & Co, Haritex, Zalcotex und vielen mehr erzählen, die auch vom Wiederaufbau der Wiener jüdischen Gemeinde nach 1945 zeugen.

Dirndl-Rummel. Bild: JMW

Silesia-Wanduhr. Bild: Sammlung Robert Granger. JMW_S Gansrigler

Vielfältige Objekte erzählen diese Geschichten nicht nur aus der Perspektive der Betreiber, sondern berichten von Architektur und Inszenierung, den Designern, der Klientel sowie Verkäuferinnen, SchneiderIinen und Schaufensterdekorateuren, aber auch von Anfeindungen, Antisemitismus, Verlust, Flucht und Zerstörung. Die Ausstellung umfasst eine weit gefächerte Auswahl von Objekten – über Artikel, die dort verkauft wurden, Kleidungsstücke, Werbegrafik, Fotografien von Geschäften und ihren Besitzerfamilien, deren private Gegenstände, Büsten und Gemälde, Einrichtungsgegenstände aus den Geschäften bis hin zu Verpackungsmaterial aus den diversen Kaufhäusern.

Drei Erzählstränge begleiten die Besucherinnen und Besucher auf ihrer Reise durch die Geschichte dieser Wiener Geschäftskultur. Von klassischen Kauf- und Warenhäusern über Einzelhandelsbetriebe, beispielsweise den jüdischen k.u.k. Hoflieferanten, bis hin zu den kleinen Geschäftslokalen des Textilviertels spannt die Ausstellung einen breiten Bogen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Jüdische Museum Wien hat die junge Wiener Künstlerin Kathi Hofer eingeladen, Motive der Ausstellung aufzugreifen und so mittels einer künstlerischen Intervention einen anderen Blick auf das Ausgestellte zu ermöglichen. Als Inspiration für den zweiteiligen Epilog – in Form einer „Stilkritik“ im Ausstellungskatalog und als Installation im Museum – diente ein ausgestelltes historisches Objekt.

Fast alle Unternehmen die vorgestellt werden, handelten primär mit Textilien. Diese Schwerpunktsetzung ergibt sich durch die Tatsache, dass die meisten großen Wiener Kauf- und Warenhäuser als Textilhändler begonnen haben und erst im Laufe der Jahrzehnte ihr Sortiment erweiterten. Die Ausstellung konzentriert sich, mit Ausnahme der sogenannten Vorstadtwarenhäuser, auf zwei Ballungsräume des Konsums, die zwar auch heute noch dieselbe Funktion innerhalb der Stadt einnehmen, jedoch mit völlig verändertem Antlitz: zum einen der erste Wiener Gemeindebezirk mit seinen einstigen großen Kauf- und Warenhäusern im Bereich der Kärntner Straße sowie unzähligen kleinen Geschäften rund um den Rudolfsplatz und den Salzgries; zum anderen die Mariahilfer Straße als imposanter Einkaufsboulevard zwischen Innerer Stadt und dem Westbahnhof.

Um das Flair der Kaufhäuser der Jahrhundertwende ins Museum zu holen, wird im Museumscafé Eskeles, eine Vintage-Vitrine in Kooperation mit dem Wiener Label Normalzeit (normalzeit.at) aufgestellt. Dieses Miniatur-Kaufhaus lädt ein Wiener Produkte mit historischen Bezügen kennenzulernen. Zu der von Astrid Peterle und Janine Zettl kuratierten und von Viola Stifter gestalteten Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog im Amalthea Signum Verlag mit zahlreichen farbigen, teils noch nie zuvor veröffentlichten Abbildungen, der im Bookshop Singer und online über den Amalthea Signum Verlag erhältlich ist: amalthea.at/produkt/kauft-bei-juden
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Wien, 13. 5. 2017

Kammerspiele: Frühstück bei Tiffany

Dezember 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ruth Brauer-Kvam erfüllt Capotes Traum

Ruth Brauer-Kvam und Christian Nickel Bild: Sepp Gallauer

Ruth Brauer-Kvam und Christian Nickel
Bild: Sepp Gallauer

Nein, es gibt kein Happy End. Es gibt kein Kleines Schwarzes samt Perlenkette samt Riesensonnenbrille vorm Schaufenster des Nobeljuweliers. Es gibt den oscarprämierten Song „Moonriver“. Sonst hat Michael Gampes „Frühstück bei Tiffany“ an den Kammerspielen nichts mit Blake Edwards Filmfantasie zu tun, die Autor Truman Capote übrigens wörtlich „zum Kotzen“ fand. Gampe hät sich streng an den 1958 veröffentlichten Kurzroman. Beziehungweise an die Bühnenfassung von Richard Greenberg (Österreichische Erstaufführung). Und darin ist alles nicht sooo leicht und lustig – was einige Damen im Parkett zum Seufzen brachte. Buch (erschienen 1958) und Stück handeln vom Leben eines exzentrischen Partygirls, der künstlerbenamsten Hollyday Golightly (eigentlich: Lula Mae), erzählt aus der Perspektive ihres Nachbarn, der sie wegen ihrer ansteckenden Lebendigkeit liebt und bewundert, schließlich die Wahrheit über ihre sorgfältig versteckte Herkunft zutage fördert und als Einziger wirklich zu ihr steht.

Sie ist vollkommen mittellos, schlägt sich aber tapfer mit unverschämtem Charme und überraschendem Einfallsreichtum durchs New Yorker Leben, lässt ihre Verehrer am ausgestreckten Arm verhungern, dreht ihnen trotzdem die Taschen um, ist für jeden Unsinn zu haben, bis  sie das „rote Elend“ überkommt. Holly Golightly, ein von den Eltern wegen deren Tuberkulosetodes verlassenes Kind und bereits mit vierzehn Jahren verheiratet, plant New York zu verlassen und in Brasilien einen reichen Mann zu heiraten. Als sie einen Brief bekommt, in dem steht, dass ihr Bruder Fred beim Militär ums Leben kam, bricht alles zusammen Sie steht unter Verdacht, für den Mafia-Boss Sally Tomato gearbeitet zu haben (den sie gegen Bezahlung jeden Donnerstag in Sing Sing besuchte, um naiv den „Wetterbericht“ durchzugeben: Blitz und Donner in Palermo), und wird deshalb verhaftet. Da ist sie bereits vom Brasilianer schwanger, wird das Kind jedoch durch die brutale Behandlung im Gefängnis verlieren. Ihre geplante Heirat in Brasilien wird abgesagt, da ihr Verlobter ein wichtiges politisches Amt besetzt und keine Frau will, die derart öffentliches Interesse auf sich zieht. Holly will trotzdem ein neues Leben zu beginnen.Jahre später – hier setzt Gampe ein – sehen Barmann Joe Bell (Martin Zauner) und Nachbar „Fred“ (Christian Nickel, benannt nach Hollys Bruder) Fotografien aus Afrika. Holzschnitzereien eines Frauengesichts, das Holly ähnelt …

Die Inszeniernung macht  kein Geheimnis daraus: Holly, als Heranwachsende sexuell missbraucht, ist eine Edelprostitierte. Ruth Brauner-Kvam gibt der Figur Konturen, wie man sie vielleicht noch nie sah. Überdreht, verrückt französisch sprechend, eine Verdrängungsspezialistin, eine Überlebenslügnerin, der die Depression nach der Manie doch oft und oft nicht erspart bleibt. Ihre Anziehungskraft lässt Männer sie wie die Motten das Licht umflirren. Eine spätgeborene Cousine der „Kameliendame“, die bald an der Josefstadt Premiere hat. Die Herren der High Society kommen für ihre Gesellschaft für ihren Lebenswandel auf. Und da hat sie sich ein perverses Panoptikum zusammengestellt. Allen voran Siegfried Walther als großsprecherischen, aber ebenso großherzigen Filmproduzenten O. J. Berman, Nicolaus Hagg als faschistenfreundlichen Rusty Trawler … wunderbar, wie der nicht alle Tassen im Schrank hat. Christoph Zadra als brasilianischer Verlobter José … Fred. Christian Nickel, gleichzeitig auch Erzähler, ist im Versuch seriös zu sein, kein weniger verträumter Verehrer. Der Spießbürger wird in eine Welt gestoßen, in der im Großen der Wahnwitz regiert. In den intimen Szenen sind er und Holly ganz bei sich, ein schönes Paar, schön auch, wie Brauer-Kvam auf der Ukulele und Nickel mit der Trompete harmonieren. Wahrscheinlich erfüllt Brauer-Kvam mehr Capotes Traum von Holly, als er zu Lebzeiten erwarten durfte.

Dennoch klar: Das Stück ist vulgärer, roher, politischer als der allseits bekannte Filmkitsch. Das Lachen ist hier als Capotes Lebenszynismus angelegt. Kaum ein Stoff kommt ihm näher. „Fred“, der erfolglose Autor, der schließlich (kurzzeitig) Journalist wird, ist Capote. Seine Mutter, Lillie Mae, ließ ihn als Kind allein zurück, um Männer in Motels zu treffen. Sie beging später Selbstmord. Adoptivvater Joseph Capote landete wegen Urkundenfälschung in Sing Sing. Kaum wagt man es zu schreiben, dass Hagg eine Art Andy-Warhol-Perücke trägt. Mit dem unvollendeten Roman „Erhörte Gebete“ (1975) löste Capote einen Skandal aus, der ihn für immer von der High Society abschnitt. Und wie Holly wollte das Kind aus Alabama nirgends dringender hin.

Taucht noch Alexander Strobele als „Doc“ auf. Ein Bruch in Gampes Arbeit. Ein „guter Mensch“, der zwei verlassene Kinder bei sich aufgenommen hat und sich nichts dabei dachte, das Mädchen von 14 Jahren zu heiraten und zu beschlafen? Der Teenagerschänder kommt allzu lieb daher. Auch, wenn’s nur eine Empfindung unserer Zeit ist und weiland in den US-Südstaaten möglicherweise durchaus üblich Da wäre anno 2014 mehr Schärfe angebracht gewesen.

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/michael-gampe-im-gespraech/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=PnA3hoYoJK8#t=16

Wien, 5. 12. 2014

Michael Gampe im Gespräch

November 27, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kammerspiele: Frühstück bei Tiffany

Michael Gampe

Michael Gampe

Die Kammerspiele bringen ab 4. Dezember Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ als Österreichische Erstaufführung. Die Verfilmung des Romans mit Audrey Hepburn in der Rolle der bezaubernden Holly Golightly, dem zuerst gefeierten und dann fallengelassenen Darling der New Yorker Society, zählt längst zu einem Klassiker der Filmgeschichte. Legendär wurde der von Hepburn interpretierte und mit einem Oscar ausgezeichnete Song Moon River. Holly Golightly ist der Darling der New Yorker Society. Sie fehlt auf keiner der angesagten Partys der Stadt und schmückt die Titelseiten der Klatschpresse. Ihre Freunde, vorwiegend vermögende Herren aus besseren Kreisen, spendieren ihrer charmanten Begleitung gerne ein großzügiges „Toilettengeld“. Auch Hollys Nachbar, ein mittelloser Schriftsteller, fühlt sich von der anmutigen Frau unwiderstehlich angezogen – aus der anfänglichen Faszination wird rasch Liebe. Und auch Holly empfindet auf ihre Art Zuneigung zu ihm, allerdings ohne ihren Lebensstil zu ändern.

Capote feierte im Alter von nur vierundzwanzig Jahren mit seinem Roman „Andere Stimmen, andere Räume“ einen Sensationserfolg. 1958 veröffentlichte er den Kurzroman Frühstück bei Tiffany, in dem er treffend die schillernde New Yorker Schickeria porträtierte. In die Figur der glamourösen Holly Golightly flossen viele Wesenszüge von Capote ein, wie sein Biograf Gerald Clarke beschreibt: „Von all seinen Charakteren, sagte Truman später, sei ihm Holly am liebsten, und es ist leicht einzusehen, warum. Ihr ganzes Leben ist Ausdruck von Freiheit und Toleranz gegenüber menschlichen Verfehlungen, ihren eigenen wie auch denen aller anderen. Sie ist eine Frau, die aus dem Leben eine Ferienzeit (holiday) macht, durch die sie leichten Schrittes geht (go lightly).“ Aber auch Hollys Ruhelosigkeit und ihr beständiges Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg entsprechen Capotes Biografie.

In den Kammerspielen spielen Ruth Brauer-Kvam (Holly Golightly) und Christian Nickel (Fred) sowie Sarah Jung, Nicolaus Hagg, Oliver Huether, Alexander Strobele, Siegfried Walther, Christoph Zadra und Martin Zauner. Ein Gespräch mit Regisseur Michael Gampe:

MM: Sie ziehen ins Felde gegen Audrey Hepburn, das Kleine Schwarze samt Sonnenbrille, die Perlenkette, die Hochsteckfrisur … alles, woran sich der Zuschauer bei „Frühstück bei Tiffany“ erinnern kann. Warum wollten Sie das Stück auf die Bühne bringen?

Michael Gampe: Ich trete nicht gegen einen Film an, ich spiele den Roman von Truman Capote in der Bühnenfassung von Richard Greenberg. Der Film war die den 60er-Jahren ein großer Erfolg. Capote fand ihn wörtlich „zum Kotzen“ – und ich bin auch kein Fan. Man muss das so verstehen, dass in der Zeit nach dem Krieg die Sehnsucht nach einer heilen, feinen Welt da war. Capote bietet das gar nicht an. Tatsache ist, meine Inszenierung wird nicht sentimental-kitschig sein. Und sie geht auch anders aus, als der Film: Holly Golightly und Fred kriegen einander nicht. Sie geht weg. Sie sind wie die beiden Königskinder, die nicht zueinander kommen konnten.

MM: Weil?

Gampe: Das die Geschichte einer jungen, missbrauchten Frau ist, die schon im Alter von 13 von „Doc“, einem Tierarzt aus Texas geheiratet wurde. Sie stammt aus einer ganz miesen Familie. Daraus stehen all ihre Probleme, und sie beschreitet Ihren Lebensweg mit Grandezza, Leichtigkeit und Charme. Diesen Weg, auf dem sie versucht, von ihren traumatisierenden Erlebnissen wegzukommen. Doch in Wahrheit arbeitet sie sich ihr ganzes Leben daran ab. Das ist Holly Golightly: Eine Edelprostitiuierte, die betrügt, verrät, Menschen verlässt – und die sich einfach nicht fremd bestimmen lässt. Wenn ihr jemand zu nah kommt, wie Fred, muss sie weggehen. Das ist das Hauptthema dieses Abends, das wir mit hervorragenden Schauspielern umzusetzen versuchen: Ein Leidensweg, auf dem sie mehrere andere in den Abgrund reißt. Sartre sagt: Die Hölle sind die anderen. Ich glaube, die Hölle sind die anderen, wenn man aus seinem eigenen Käfig nicht herauskommt. Holly versucht verzweifelt, den Käfig, in den sie gesperrt wurde, zu verlassen, es gelingt ihr nur nicht. Auch das ein universales Thema: Leben wir nicht alle in einem Käfig? Merken wir noch in welchen Konventionen wir gefangen sind? Wer bin ich? Wo bin ich? Und wie bin ich da hineingeraten?

MM: Capotes Text ist viel zynischer, als das, was Hollywood daraus gemacht hat. Wer kam jemals auf die Idee, das eine Komödie zu nennen?

Gampe:Ich nicht. Man muss ein paar Mal schmunzeln, weil es sehr ironisch ist, wie er die „High Society“, die Gesellschaft beschreibt. Aber letztlich sage ich meinen Schauspielern, wir loten die Charaktere aus und versuchen eine Geschichte zu erzählen. Mehr ist nicht. Als dass wir das Publikum berühren wollen. Das ist ein urtrauriges Stück, aber ich glaube, dass Lachen und Weinen auf einem sehr schmalen Grat dahinwandeln. Capote stammt aus Alabama, aus einer Unterschichtsfamilie, ein hochsensibles Kind, ein sehr ambivalenter Mensch. Er wollte unbedingt aufsteigen in die New Yorker Gesellschaft. Seine Figuren Holly und Fred haben viel mit seinem eigenen Leben zu tun. Auch der „perverse“ Rusty Trawler ist ein Teil Capotes, der seine Homosexualität sehr offen gelebt hat, aber nicht annahm, sondern der Tatsache in die Schuhe schob, dass seine Mutter mit Männern in Motelzimmern verschwand und ihn allein ließ.

MM: Wie wirkt Holly auf Sie?

Gampe: Wenn Sie mich ganz persönlich fragen: Vor vielen Jahren wäre ich ihr total verfallen gewesen. Aber ich habe meine eigenen neurotischen Landebahnen zerstört, damit solche Menschen nicht mehr einfliegen können. Sie hat etwas Faszinierendes, ist eine Grenzgängerin, spaziert am Abgrund entlang, kann sich kurz hingeben, kurz Türen in den Himmel öffnen – und ist in der nächsten Sekunde weg. Holly Golightly ist immer auf Reisen. Sind wir das nicht alle irgendwie? Letztlich ist das eine Metapher für unser eigenes Leben. Truman Capote schreibt über Sehnsucht, über Liebe, über den Tod, über die Einsamkeit. Das schlummert hinter den Zeilen, und das spürbar zu machen, ist eine spannende Aufgabe. Holly trägt eine Maske, dahinter steckt ein reines Menschenwesen, aber sie lässt niemanden hinter ihren Schutzschild blicken.

MM: Ruth Brauer-Kvam spielt die Holly. Ihr Qualität?

Gampe: Dass sie in dem Moment, in dem es drauf ankommt, die Maske fallen lassen kann und „nackt“ vor dem Zuschauer steht. Sie hat den Mut entwickelt, immer weniger Schutzmechanismen auf der Bühne zu verwenden. Und sie singt: „Moonriver“, ein Fado mit Ukulele – Musik ist auch im Roman ein Überlebenselexier von Holly. Sie muss den sexuellen Missbrauch, den sie erfahren hat, mit allen Mitteln unterdrücken, sonst könnte sie nicht überleben. Und da hilft ihr auch die Musik. 1958 war der Roman unglaublich provokant. Über Sex (!) zu schreiben, in diesem „freien“ und doch so bigotten Land. Auch Capote hat sich eine Realitätsblase gebaut, um überleben zu können. Nach außen hin war er der Zyniker, gab das „Arschloch“, nach innen ein feinfühliger Freund, ein guter Zuhörer. Er hat sich mit den „Erhörten Gebeten“ aus der High Society heraus katapultiert, weil sie die Kritik, die er übte nicht verstanden oder nicht verstanden haben.

MM: Gibt es von ihm einen sachdienlichen Hinweis, wohin Holly verschwindet?

Gampe: Fred sagt, entweder ist sie tot, im Irrenhaus oder prüde geworden und verheiratet. Wir wissen es nicht – und ich möchte es auch offen lassen. Weil ich es auch nicht weiß.

MM: Wie wird das Publikum auf diese andere (als die Lieblingsfilm-)Interpretation reagieren?

Gampe: Ich glaube, dass sie’s mögen werden, weil die Leute sich gerne berühren lassen.

MM: Waren Sie schon einmal bei Tiffany?

Gampe: In New York nein. Einmal in der Wiener Dependance.

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Wien, 27. 11. 2014