Lotte de Beer präsentiert ihren ersten Spielplan

April 20, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Volksoper: Ein Haus zwischen Nostalgie und Utopie

Auf dem Podium Komponist Moritz Eggert, Martin Schläpfer, Omer Meir Wellber, Lotte de Beer und hristoph Ladstätter. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Eines kann man der designierten Volksoperndirektorin Lotte de Beer bereits attestieren: Sie brennt nicht für die Sache, sie steht in Flammen lichterloh. Bis in die Spielplan- präsentation 2022/23 wehte ihr frischer Wirbelwind, die Aufbruchsstimmung am Haus war mit Händen zu greifen. Da ist eine, die weiß, was sie kann und was sie will.

Und sie hat sich dafür um nichts weniger beflissene Vertraute an die Seite gestellt, Omer Meir Wellber als Musikdirektor, um einen davon zu nennen. (Zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=43276). Gemeinsam mit ihm, dem Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer und dem Kaufmännischen Geschäftsführer der Volksoper Christoph Ladstätter stellte de Beer heute Vormittag ihr erstes Saisonprogramm vor. Sie sehe, sagte sie, die Volksoper zwischen Nostalgie und Utopie, sie wolle Volksoper im wahrsten Sinne des Wortes machen, und das Haus zum Zuhause für Künstlerinnen und Künstler, die Wienerinnen und Wiener: „Wir wollen spielen, verzaubern, berühren und – ja – manchmal auch scheitern.“

Am 3. September beginnt die Spielzeit mit einem Eröffnungswochenende, und zwar mit der Erstaufführung der wienerisch-berlinerischen Operette „Die Dubarry“ von Carl Millöcker und Theo Mackeben. Jan Philipp Gloger zeigt die Entwicklung der ambivalenten Titelheldin „als Zeitreise, die im Heute beginnt und über die 1930-Jahre zurückführt in die Zeit Louis XV“, so de Beer. Kai Tietje dirigiert und Annette Dasch kehrt als Mätresse des Königs an die Volksoper zurück. Als Seine Majestät Ludwig XV. gibt Comedy-Legende Harald Schmidt sein Volksoperndebüt. Zu erleben sind außerdem „Ein Papp-Konzert“ für die ganze Familie, vier Operetten in 70 Minuten von Steef de Jong, und eine Late Night Jam Session von Omer Meir Wellber.

Musiktheater für die ganze Familie bietet auch „Jolanthe und der Nussknacker“, ein Abend, über den Moment im Leben, an dem man sich entscheiden muss, ob man eine blinde Prinzessin bleiben will, oder die Augen für die Realität öffnet. 130 Jahre nach der Uraufführung der Oper und des Balletts aus der Feder Peter Iljitsch Tschaikowskis verflechten Lotte de Beer, Omer Meir Wellber und Choreograph Andrey Kaydanovskiy die beiden Stücke zu einer magischen Coming-of-Age-Story. Premiere am 9. Oktober.

In der jährlichen Manifesto-Produktion wird die Volksoper Theatermacherinnen und Theatermacher einladen, laut über das Musiktheater nachzudenken. De Beer: „Es soll ein Ausprobieren und eine Diskussion mit dem Publikum werden.“ Den Auftakt macht Regisseur Maurice Lenhard, er auch Künstlerischer Leiter des eben gegründeten Opernstudios (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=48999, der „Die Dreigroschenoper“ als einen Kampf ums Überleben in einer kalten Welt inszeniert. Den Macheath verkörpert cross-gegendert die Kurt-Weill-Spezialistin Sona MacDonald, Carlo Goldstein dirigiert. Premiere ist am 27. November.

Die britischen Spymonkey schicken Orpheus in die Unterwelt. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Ausgelassene Stimmung beim Workshop mit Spymonkey. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Modell fürs Familienpappkonzert am Eröffnungswochenende. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Temperamentvoll, freudvoll, wundervoll: Lotte de Beer. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Spymonkey, Großbritanniens führendes Ensemble für Physical-Comedy (www.spymonkey.co.uk), inszeniert „Orpheus in der Unterwelt“. Das Regie-Duo Aitor Bausari und Toby Park begegnet Jacques Offenbachs Mythentravestie mit britisch-schwarzem Humor, zeitgenössischer Clownerie und Slapstick. „Monty Python 2.0“ nennt de Beer die Truppe: „Wir sind beim ersten Workshop vor Lachen schon unterm Tisch gelegen.“ Das Bühnenbild von Julian Crouch bietet eine perfekte Spielwiese für das vielseitige Ensemble, darunter Marco Di Sapia und Ruth Brauer-Kvam als Öffentliche Meinung. Am Pult steht Alexander Joel. Premiere ist am 21. Jänner.

Zwei Ikonen des Modern Dance – Paul Taylor und Mark Morris – arbeiten erstmals mit dem Wiener Staatsballett. Der kräftigen Modern Dance-Sprache der beiden Amerikaner antwortet Ballettdirektor Martin Schläpfer mit zwei Miniaturen. „Promethean Fire“ ist ein Ballettabend zwischen Hybris und Menschlichkeit, Katastrophe und Schönheit, Schöpfung und Vergänglichkeit. Premiere ist am 11. Februar.

Das Highlight der Saison

Wird, wie es der Höhepunkt der heutigen Präsentation war, die Uraufführung der neuen Operette „Die letzte Verschwörung“ aus der Feder von Moritz Eggert. Wie der humorbegabte Komponist höchst launig in fünf Minuten am Klavier sein Opus erklärte, daraus sollte man eine Werkeinführung machen. Zum Inhalt nur so viel, so weit verstanden: Die Zeit ist die nahe Zukunft und die nicht weit zurückliegende Vergangenheit in Wien. TV-Talkmaster Quant hat den Verschwörungsschwurbler Urban zu Gast, eigentlich um ihn als solchen zu demaskieren, lautet dessen These doch: Die Erde ist eine Scheibe. Aber dank sexy Komplizin Lara soll alles anderes kommen – und bald glaubt Quant jeden Quatsch aus dem Internet. Welch parodistischer Ritt durch die Abgründe heutiger Verschwörungsmythen!

Eggert gab „Die Quoten“-Arie der Programmverantwortlichen und den „Im Stadtpark“-Chor zum Besten – und versprach eine Revue mit intriganten Reptilien, einem Pizzagate und Oligarchen. In der Regie von Lotte de Beer, dem Bühnenbild von Christof Hetzer und der Musikalischen Leitung von Steven Sloane begegnet man den Ensemblemitgliedern Rebecca Nelsen als „Flat-Eartherin“, Timothy Fallon als Talkshowmoderator, dessen Weltbild zunehmend aus den Fugen gerät, und Wallis Giunta als seiner Ehefrau, die sich als ominöse, russische Unternehmerin entpuppt. Uraufführung ist am 25.März.

Mit Martin Winkler hat die Volksoper eine Idealbesetzung für den Falstaff in „Die lustigen Weiber von Windsor“. Die niederländische Regisseurin Nina Spijkers wirft gemeinsam mit der preisgekrönten Bühnenbildnerin Rae Smith, für „Warhorse“ mit einem Tony-Award ausgezeichnet, einen augenzwinkernd feministischen Blick auf die Deutsche Spieloper von Otto Nicolai, die von Ben Glassberg dirigiert wird. Premiere ist am 13. Mai.

Operette in fünf Minuten: Sehr launig stellt Moritz Eggert sein Werk vor. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Christoph Ladstätter berichtet von der Digitalisierung des Hauses. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Martin Schläpfer und Omer Meir Wellber planen eine Verflechtung der Ballette „Jolanthe“ und „Der Nussknacker“. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Maria Happel wird als Regisseurin „Die Fledermaus“ neu denken und selber die Frau Frosch spielen. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Als der türkische Regisseur Nurkan Erpulat gefragt wurde, für welches Werk am Haus er sich erwärmen könnte, meinte er wohl: „Die Türkenoper von Mozart“. Nun entwirft er eine neue, authentische und unmittelbare Lesart für „Die Entführung aus dem Serail“. Die Musikalische Leitung der Oper zwischen Orient und Okzident, Mann und Frau, Kultur und Natur, Rache und Vergebung liegt in Händen von Angelo Michele Errico, dem mit Rebecca Nelsen, Hedwig Ritter, Timothy Fallon, Daniel Kluge und Stefan Cerny ein exemplarisches Mozartensemble zur Verfügung steht. „Erzählt wird aus dem Blickwinkel von Bassa Selim, doch wer das sein wird, ist noch ein Geheimnis“, so de Beer. Premiere ist am 17. Juni.

Vier Juwelen aus dem Repertoire der Volksoper kehren auf den Spielplan zurück: Maria Happel unternimmt eine Neueinstudierung der „Fledermaus“ und spielt Frau Frosch, und nach längerer Zeit sind Harry Kupfers „La Bohème“-Inszenierung, Achim Freyers „La Cenerentola“ und Matthias Davids „Anatevka“ wieder zu sehen. Es wird eine jährliche Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen und der Vienna Pride geben – der Kaufmännische Direktor Christoph Ladstätter bemühte sich nicht zu viel zu verraten – Projekte im Südbahnhotel am Semmering.

Mit den Wiener Festwochen ist die Österreichische Erstaufführung eines Pop-Abends von Anne Teresa De Keersmaeker geplant, anlässlich der Vienna Pride zeigt die Volksoper den Abend „Nicht die Väter“, eine todernste Stand-up-Comedy über die Rolle des Vaters. Geplant sind außerdem ein Chor Singalong, künstlerische Speed Datings mit Studierenden, bei denen die ganze Volksoper zur Bühne wird, und ein Symposion für zeitgenössische Operette. Im Programm der Jungen Volksoper wird neu das türkische Märchen „Keloglan und die 40 Räuber“ von Sinem Altan an Sonn- und Feiertagen um 11:00 Uhr gezeigt.

Der neue Musikdirektor der Volksoper Wien Omer Meir Wellber will gemeinsam mit den ersten Gastdirigenten Ben Glassberg, Carlo Goldstein und Alexander Joel und den Conductors in Residence Keren Kagarlitsky, Manuela Ranno und Tobias Wögerer sowie dem neuen Chordirektor Roger Díaz-Cajamarca das musikalische Profil des Hauses maßgeblich prägen. Zudem programmiert Omer Meir Wellber eine neue Konzertreihe für das Orchester der Volksoper Wien und gastiert zum Auftakt im Wiener Konzerthaus.

Auch äußerlich zeigt sich die Volksoper Wien in neuem und auch nachhaltigerem Gesicht: „Im Sommer wird die Fassade erneuert, auf dem Dach wird eine Photovoltaik-Anlage installiert und sämtliche Fahrzeuge auf E-Mobilität umgestellt“, erklärt Christoph Ladstätter. Im künstlerischen Produktionsprozess setzt man auf neue Formen der Digitalisierung, etwa beim Licht, das den Darstellerinnen und Darstellern per Chip im Kostüm folgen wird können, oder, so Ladstätter, „bei den Noten, so dass nicht mehr Seiten um Seiten Papier ausgedruckt werden müssen.“ Neue Zielgruppen will man durch neue Angebote erreichen. Bei der U30-Aktion etwa bezahlen Besucherinnen und Besucher unter 30 Jahren für ausgewählte Vorstellungen nur 12 Euro.

lotte.volksoper.at

Mehr zu Lotte de Beer und Omer Meir Wellber: www.mottingers-meinung.at/?p=48999           www.mottingers-meinung.at/?p=41814           www.mottingers-meinung.at/?p=43276

Link zur Spielplanpräsentation: www.youtube.com/watch?v=2aXiDLXFkuY

  1. 4. 2022

Volksoper Wien: Lotte de Beer initiiert Opernstudio

März 6, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bewerbungen sind aktuell möglich

Maurice Lenhard, Christian Zeller, Lotte de Beer, Christoph Ladstätter. Bild: © Barbara Pálffy

Sechs junge internationale SängerInnen und ein/e PianistIn erhalten die Chance, sich zwei Jahre lang im neu gegründeten Opernstudio der Volksoper Wien künstlerisch weiterzuentwickeln. Bewerbungen sind aktuell möglich.

Unter der neuen Direktion von Lotte de Beer entsteht mit der Spielzeit 2022/23 erstmals ein Opernstudio an der Volksoper Wien: Junge KünstlerInnen erhalten hier die Gelegenheit,

sich im Verlauf zweier Spielzeiten musikalisch weiterzuentwickeln, das Genre, in dem sie zuhause sind, zu hinterfragen und sich dabei neu kennenzulernen. Ermöglicht wird das neu gegründete Opernstudio dank der großzügigen Unterstützung der Christian Zeller Privatstiftung. Künstlerischer Leiter des Opernstudios ist der Regisseur und Dramaturg Maurice Lenhard, Eytan Pessen fungiert als Vocal Coach.

Das Opernstudio der Volksoper Wien richtet sich an Opernsängerinnen und -sänger aller Nationalitäten, die im Rahmen einer zweijährigen Förderzeit das Genre Musiktheater mitgestalten wollen. Angestrebt wird ein transparentes, kollektives, diverses und egalitäres Miteinander, das sich vorbehaltlos allen Formen des Musiktheaters widmet. Voraussetzungen für die Aufnahme sind ein abgeschlossenes Hochschulstudium und ein erfolgreiches Vorsingen vor der Leitung des Opernstudios. Zusendungen aller Stimmfächer werden unter der E-Mail-Adresse opernstudio@volksoper.at entgegengenommen. Nähere Informationen zum Bewerbungsverfahren finden sich hier.

Die Basis des Opernstudios bildet der Alltag der einzelnen TeilnehmerInnen: Das Programm umfasst musikalische und schauspielerische Coachings, Meisterkurse, regelmäßige Tanzworkshops und das Mitwirken in ausgewählten Produktionen des Spielplans. Jedes Jahr werden eigene kleine Abende und eine mobile Neuproduktion entwickelt. Gerade die Operette bietet in ihrer strukturellen Offenheit, ihrer Fähigkeit, auch schwere Themen leicht zu machen und ebenso in ihrer Nähe zur Popkultur eine perfekte Spielwiese für dieses Vorhaben. Die individuelle Kreativität der einzelnen Mitglieder soll in die Ergebnisse der Arbeit sowie in die Suche nach neuen Spielformen, Spielorten und Sichtweisen auf Musiktheater einfließen.

www.volksoper.at

6. 3. 2022

Lotte de Beer wird neue Volksopern-Direktorin

Oktober 6, 2020 in Klassik

Ist derzeit Leiterin des Ensembles Operafront

Bild: Screenshot Live-Stream

Die niederländische Opernregisseurin Lotte de Beer, künstlerische Leiterin des niederländischen Ensembles Operafront, wird ab 1. 9. 2022 die Volksoper Wien leiten. Die Bestellung auf fünf Jahre erfolgt durch Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer. „Ich freue mich unendlich, Verantwortung für die Volksoper Wien übernehmen zu dürfen.

Ich hoffe, es wird mir gelingen, die Oper der Zukunft in diesem einzigartigen Haus in der Stadt, die ich als meine zweite künstlerische Heimat betrachte, mitgestalten zu können. Wenn sich die Zeiten ändern, dann ändert sich auch die Art von Kunst, die die Menschen brauchen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Volksoper – das Opernhaus für das Volk – mit ihrer Vielseitigkeit die ideale Bühne in diesen turbulenten Zeiten ist. Mein Bestreben wird es sein, auf die Wienerinnen und Wiener zuzugehen, Brücken zwischen Innovation und Tradition zu bauen und gleichzeitig die Welt zu inspirieren“, so Lotte de Beer in einer ersten Stellungnahme.

Zur Person: Lotte de Beer, geboren 1981, studierte Regie an der Hogeschool voor de Kunsten Amsterdam. Peter Konwitschny holte sie an die Oper Leipzig, wo sie mit „Clara S.“ von Chatzopoulo debütierte und unter anderem „Das schlaue Füchslein“ inszenierte. Es folgten Einladungen zum Holland Festival und zur Münchener Biennale. Sie inszenierte bereits viele Opern in ganz Europa, an der Nationale Opera Amsterdam, am Kongelige Teater in Kopenhagen, „La Bohème“ und „La traviata“ am Theater an der Wien, am Staatstheater Braunschweig, an der Oper Leipzig, an der Opera Zuid und an der Bayerischen Staatsoper.

Zu den jüngsten Arbeiten der Regisseurin zählt Tschaikowskys „Die Jungfrau von Orléans“ am Theater an der Wien. Im Frühjahr 2021 wird Lotte de Beer Verdis „Aida“ an der Opéra national de Paris in Szene setzen. 2015 wurde de Beer in der Kategorie „Newcomer“ bei den International Opera Awards ausgezeichnet, 2018 erhielt sie den „Distinguished Artist Award” der International Society for the Performing Arts (ISPA), 2020 war sie bei den International Opera Awards in der Kategorie „Best Director“ nominiert.

operafront.com           Lotte de Beer / Arbeiten auf youtube sehen: www.youtube.com/channel/UCO_HM4pKkOqJpDY4eApSpGQ                      www.youtube.com/channel/UCTB7YSxXGSThYr-mAzfBvZQ

6. 10. 2020

Architekturzentrum Wien: Alles Frank! Zwei Tage rund um die Villa Beer

März 30, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Hausführungen und Spaziergänge durch das Grätzl

Josef Frank: Haus Beer, Wenzgasse, Wien, 1929–1931 Bild: © www.studiohuger.at/Stephan Huger

Josef Frank: Haus Beer, 1929–1931. Bild: © www.studiohuger.at/Stephan Huger

„Alles Frank!“ heißt es am 2. und 3. April, wenn das Architekturzentrum Wien zum ersten Mal die Villa Beer, ein Meisterwerk der Zwischenkriegsmoderne von Josef Frank, museal bespielt.

Hausführungen, Salongespräche und Grätzlrundgänge bieten die einmalige Gelegenheit, dieses architekturhistorische Juwel in Wien kennen zu lernen, auch in Hinblick auf den Einfluss Josef Franks auf das Architektur- und Designgeschehen heute.

Rund um die Veranstaltungen des Az W in der Villa Beer laden ein Design PopUp-Store von Svenskt Tenn und ein saisonales Catering von „Herzlichst, Anna´s“ vor Ort zum Verweilen und Genießen ein. Ab jeweils 11 Uhr, Villa Beer, Wien 13, Wenzgasse 12.

Das 1929 bis 1931 von Josef Frank und Oskar Wlach erbaute Haus Beer ist ein architekturhistorisches Monument, das den Geist der Moderne nicht nur atmet, sondern geradezu aufleben lässt. Gemeinsam mit Oskar Strnad und Oskar Wlach, mit dem Josef Frank 1925 bis 1938 das moderne Einrichtungshaus „Haus & Garten“ betrieb, hatte der Architekt und Designer schon ab 1910 eine eigene Strömung innerhalb der Wiener Moderne begründet, die stark auf psychologische Effekte und eine durchgehende, undogmatische Leichtigkeit sowohl im Bau als auch in der Einrichtung setzte. Diese Haltung unterschied sich sowohl vom hermetischen Ensemblegedanken der Secession als auch von Loos’ mitunter spröder Klassizität. Das Haus Beer ist das gebaute Manifest seiner Auffassung vom „Haus als Weg und Platz“, einer Weiterentwicklung des Loos’schen Raumplans. Dabei sollten die Bewohner wie in einer Stadt in einer Abfolge verschiedenster Raumerlebnisse ein ihren Stimmungslagen jeweils angemessenes Ambiente finden.
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Josef Frank: Haus Beer, Wenzgasse, Wien, 1929–1931 Bild: © www.studiohuger.at/Stephan Huger

Josef Frank: Haus Beer, 1929–1931
Bild: © www.studiohuger.at/Stephan Huger

Zur mehrgeschossigen Verschränkung von Halle und offener Stiege gehören „Teenischen“ ebenso wie Terrassen, Treppenpodeste und große Salons. Die elegante Leichtigkeit der Architektur und der Ausstattung des etwa 800 Quadratmeter großen Einfamilienhauses repräsentiert die im internationalen Vergleich um 1930 entwicklungsfähigste Position einer eigenständigen Wiener Moderne.

Im Zuge von Kaufverhandlungen um das Haus Beer 2005 erstellte das Az W für die Stadt Wien ein museales Nutzungskonzept für die „Josef Frank Villa Wien“ als Veranstaltungs- und Ausstellungsort. Obwohl die Villa Beer letztendlich wieder in privaten Besitz überging, wäre es heute erneut denkbar und wünschenswert, das derzeit leerstehende Bauwerk dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, etwa im Netzwerk der „Iconic Houses“: www.iconichouses.org.

Internationale Architekturexperten bezeichnen das Haus Beer als schönste und bedeutendste Villa der Moderne. Architekturinteressierte aus der ganzen Welt würden die einmalige Chance schätzen, wenn dieses einzigartige Anschauungsobjekt einer Philosophie der offenen Moderne besichtigt und inhaltlich entsprechend genutzt werden könnte. Politik und öffentliche Hand wären gefordert, um die dafür nötigen Entscheidungen zu treffen.

Das Programm:

Besichtigung der Villa Beer: Das Haus Beer ist eine der bedeutendsten Wiener Architekturschöpfungen des privaten Wohnbaus der 1920er- und 1930er-Jahre. Es gilt als gebautes Manifest der Auffassung Josef Franks vom „Haus als Weg und Platz“, einer Weiterentwicklung des Loos’schen Raumplans. Durch das derzeit leer stehende Juwel der Wiener Moderne führen Kunsthistorikerin Maria Welzig und die Architektin Claudia Cavallar. Die im Eintritt in die Villa inkludierten Hausführungen geben nach einer Einführung durch die Expertinnen Einblick in die oberen Geschoße der Villa. Die Repräsentationsräume der Villa sind auch ohne Hausführung zugänglich.

Salongespräche über Franks „Akzidentismus“  und „Frank heute“, jeweils um 18 Uhr.

Josef Frank: Haus Beer, Wenzgasse, Wien, 1929–1931 Bild: © Stefan Oláh

Josef Frank: Haus Beer, 1929–1931. Bild: © Stefan Oláh

Spaziergang rund um die Villa Beer: Das Grätzl rund um das Haus Beer gleicht einem Who-is-Who der Baukultur: Frank, Hoffmann, Loos, Plečnik. Der Spaziergang durch das Villenviertel führt wie durch ein Freilichtmuseum vorbei an Wohnhäusern und einer Schule, erbaut von Zeitgenossen Josef Franks, ein Denkmal erinnert an die jüdische Vergangenheit des Viertels. Aber auch das 21. Jahrhundert findet in Hietzing seinen Platz. Achtung: Wegen des großen Interesses gibt es hier bereits einen Zusatztermin am 9. April.

www.azw.at

Wien, 30. 3. 2016

Tobias Moretti in „Das finstere Tal“

Februar 5, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Prochaska Austro-Western im Corbucci-Stil

Tobias Moretti  Bild: © Allegro Film / Thomas W. Kiennast

Tobias Moretti
Bild: © Allegro Film / Thomas W. Kiennast

„Es gibt Sachen, über die darf man nicht reden. Sachen, die früher passiert sind. Vor langer Zeit. Aber dass man nicht über sie reden darf, heißt nicht, dass man’s je vergessen kann. Es gibt nämlich Sachen, die lassen sich nie mehr vergessen“, sagt die Braut Luzi als sich herausstellt, dass die Verhältnisse nicht so sind, wie manche es gern hätten. Nach dem Erfolg mit heimischem Horror in “ In 3 Tagen bist du tot“ versucht sich Regisseur und Autor Andreas Prohaska nun an einem anderen fürs Alpenland ungewöhnlichem Genre: dem Western. In Form von „Das finstere Tal“ nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Willmann.  Ein düsteres Geheimnis, ein entlegenes Hochtal und ein schweigsamer Fremder kommen vor. Ein vom Schnee zugedeckter Mikrokosmos, in Tücher gehüllte Männer. Eine furiose Mischung aus vielschichtigem Italo-Film und packendem Heimatdrama. Ein Epos von Schuld, Rache und Liebe. Wie in Michael Hanekes „Das weiße Band“ ist die Stimmung wie ein Gewittersturm, die Bildästhetik wie in Sergio Corbuccis „Leichen plastern seinen Weg“. Die asphaltieren nun Gebirgswege.

Über einen versteckten Pfad, irgendwo hoch oben in den Alpen, erreicht nämlich ein einsamer Reiter ein kleines  Dorf, das sich zwischen unwirkliche Gipfel duckt. Niemand weiß, woher dieser Fremde kommt, der sich Greider nennt, und niemand will ihn hier haben. Unverhohlenes Misstrauen schlägt ihm entgegen. Die Söhne des Brenner-Bauern, der als Patriarch über Wohl und Wehe der Dorfbewohner entscheidet, hätten ihn wohl weggejagt, wenn Greider ihnen nicht eine Handvoll Goldmünzen gegeben hätte. Greider, der sich als Fotograf ausgibt, wird bei der Witwe Gader und ihrer jungen Tochter Luzi von den Brenner-Söhnen den Winter über untergebracht. Luzi, die kurz vor ihrer Heirat mit ihrem Lukas steht, ist voll  Furcht, ob des bevorstehenden Ereignisses. Denn eine Hochzeit ist in diesem Dorf mit einer furchtbaren Tradition verknüpft. Wer sich dem widersetzt, ist einer erbarmungslosen Abstrafung ausgesetzt. Nachdem der Schnee das Dorf eingeschlossen hat und kaum ein Sonnenstrahl mehr das Tal erreicht, kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem einer der Brenner-Söhne stirbt. Als der nächste Sohn auf mysteriöse Weise umkommt, wird klar, dass es sich wohl nicht um einen Zufall gehandelt hat: Die Brenner-Familie muss büßen – Greider hat eine Rechnung aus längst vergessen geglaubten Zeiten zu begleichen …

In Prochaskas Regie brillieren Sam Riley mit seiner coolen, großartigen Präsenz als Greider und Paula Beer mit ihrer facettenreichen, eindringlichen Darstellung der Luzi zusammen mit dem hochkarätigen Cast um Tobias Moretti, Clemens Schick, Florian Brückner bis zu Erwin Steinhauer und Hans-Michael Rehberg. „Normalerweise versuchen ja alle, den internationalen Markt zu erobern indem man auf Englisch dreht und auch deutsche Schauspieler Englisch sprechen lässt“, sagt Andreas Prochaska im Interview. „Wir sind aber den
umgekehrten Weg gegangen und holten mit Sam Riley als Greider einen britischen Star und haben ihn Deutsch sprechen lassen. Das war auch für mich sehr reizvoll, weil man diese zwei Welten durch die Besetzung bedienen kann. Der Fremde ist sozusagen aus dem Wilden Westen. Der Akzent, wenn er Deutsch spricht, ist nicht gemacht, sondern echt. Und diese Begegnung des Fremden mit den Österreichern
hat ein ganz eigenes Spannungsfeld.“ Und so wie der Fremde im Buch von einem echten „Fremden“ gespielt wird, durften die Bewohner des Tals nicht von zu weit herkommen, so Prochaska: „Das war auch interessant beim Casting. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass es nicht funktioniert, wenn die Schauspieler zu sehr aus dem Norden kommen. Bis auf den Clemens Schick und die Paula Beer sind es tatsächlich vor allem Tiroler oder Bayern.“ Zu dem Paket gehörten natürlich auch die Bewohner der Dorfgemeinschaft des „finsteren Tals“ – insbesondere die Brenner-Sippe, die die absolute Herrschaft im Tal hat, über Leben und Tod entscheidet  und sich jedes Recht herausnimmt. Die Besetzung dieser Herrscher-Bande ist auf den Punkt gelungen – vom furchteinflößenden Tobias Moretti als Kopf der Brenner-Söhne bis zu Hans-Michael Rehberg als bedrohlichem Patriarch.

So wie für die meisten war es auch für Andreas Prochaska der „mit Abstand anstrengendste Film“, den er je gemacht hat. Und dass, obwohl alles „ohne größere Schwierigkeiten ablief“ und selbst die Kälte für alle menschlichen Beteiligten irgendwann einfach dazu gehörte. „Nur die Pferde hatten echte Probleme“, so Prochaska. „Das war mir vorher auch nicht klar, dass Pferde bei minus 15 Grad anfangen zu husten.“ Andreas Prochaskas Film wird auf der diesjährigen Berlinale in der Special Gala Premiere haben und startet am 14. Februar in Österreich in den Kinos.

Andreas Prohaska im Gespräch:

Wie sind Sie auf „Das finstere Tal“ gestoßen?

Andreas Prohaska: Ich habe an einem Samstagmorgen in einer österreichischen Tageszeitung die Literaturkritiken überflogen und in einer kleinen Spalte wurde „Das finstere Tal“ besprochen. Als ich den Kurzinhalt las, dachte ich: Das liegt genau in meinem Beuteschema: Western, Berge, Rache. Ich habe den Roman gelesen und anschließend mit Thomas Willmann Kontakt aufgenommen.

Können Sie noch etwas mehr über ihr Beuteschema erzählen?

Prohaska: Ich habe ja in Österreich zwei Horrorfilme gedreht, „In drei Tagen bist du tot“ und das Sequel dazu. Der erste Film war quasi ein US-Teenie-Slasher, nur mit österreichischen Darstellern, die auch im österreichischen Dialekt gesprochen haben. Dass dieser österreichische Genrefilm auch international auf Interesse gestoßen ist, hat mich überrascht und mich in meiner Absicht bestärkt lokal Authentisches mit Genre zu kombinieren. Ich bin immer auf der Suche nach Geschichten, die mir ermöglichen das heimische Potential zu nützen und die gleichzeitig international funktionieren können. Da lag „Das finstere Tal“ genau auf meiner Linie. Thomas Willmann hat ja auch in seinem Nachwort geschrieben, dass er sich von Ludwig Ganghofer und Sergio Leone inspirieren hat lassen und genau diese Kombination von klassischem Western und Heimatfilm hat mich auf Anhieb gereizt. Und welcher Filmregisseur würde nicht gerne einen Western machen? Die Erfüllung eines Bubentraums. Die Geschichte versucht nicht wie in den Spaghetti Western Europa als Nordamerika zu verkaufen. Ich wollte etwas machen, bei dem der Ort, an dem der Film spielt, zu einem eigenen Charakter wird. Das hat sich aufgrund der Geschichte geradezu aufgedrängt. Greider kommt ja aus Amerika zurück in dieses abgelegene Tal um etwas zu „erledigen“.

Worin liegt der Reiz von Genre-Erzählungen für Sie?

Prohaska: Es ist etwas, was ich mir selber gerne anschaue und was ich gerne mache. Außerdem kann man im Muster eines Genrefilms auch andere Themen transportieren, dem Zuschauer „unterjubeln“ und ihn dabei auf spannende Weise unterhalten. Ich möchte im Kino Filme machen, die ich mir selber gerne anschaue. Dazu gehören Horror, Thriller und Komödie. Ich erzähle gerne Geschichten, bei denen ich eine unmittelbare Reaktion vom Publikum bekomme. Bei einem gelungen Horrorfilm spürt man die Spannung im Raum, hört die Schrecklaute aus dem Publikum. Auch bei der Komödie kriegt man ein unmittelbares Feedback, wenn die Leute an den richtigen Stellen lachen, hat man gewonnen. „Das finstere Tal“ ist da sicher erwachsener als meine früheren Filme und ich bin natürlich sehr gespannt, wie das Publikum darauf reagieren wird. Aber ich hab bei den Testscreenings die eine oder andere Träne gesehen, das war schon sehr erfreulich.

Wie sehr haben Sie sich in der Vorbereitung noch mal mit dem Subgenre des Schneewesterns auseinandergesetzt?

Prohaska: Ich habe mir natürlich alles, was ich früher mal gesehen hatte, wieder angeschaut. Ich weiß gar nicht, wie viele Western ich im letzten halben Jahr gesehen habe. Das Besondere am „Finsteren Tal“ ist, dass es mehr ist als ein Western, der im Schnee in den Alpen spielt. Letztlich hat der Film Elemente von einem psychologischen Thriller, es ist die Geschichte einer Identitätssuche, es ist ein Heimatfilm, ein Drama und die Action kommt auch nicht zu kurz. Es ist sozusagen Western mit Mehrwert.

Genre ist ja im deutschsprachigen Raum grundsätzlich ein schwieriges Thema, solange es nicht um Komödien geht. Ist Österreich da gerade was Authentizität angeht vielleicht sogar stärker als Deutschland, weil es eben auch ein schärfer abgegrenzter Raum ist?

Prohaska: Was Genre in Österreich angeht, sehe ich mich da schon in gewisser Weise als eine Art Vorreiter. Vor „In drei Tagen bist du tot“ gab es einige Low-Budget-Versuche, aber keinen astreinen Genrefilm, der sich über das Genre nicht lustig macht und professionell produziert wurde. Das war auch ein großer Schritt bei uns und hat schon einige Türen geöffnet. Jedes Land hat unheimliche Geschichten zu bieten und in unserem kleinen Land, das so gerne verdrängt, muss man nicht lange graben, um in Abgründe zu schauen. Und das Ganze in wunderschöner Landschaft, die jedes Touristenherz erfreut. Die Natur ist ein Faktor, der bezaubernd, betörend und tödlich sein kann und sie wurde seit den Heimatfilmen aus meiner Sicht filmisch vernachlässigt. Ich habe das Gefühl, dass es das Genrekino nicht zuletzt deswegen so schwer in Deutschland hat, weil man sich jeden Sonntagabend kollektiv Mord und Totschlag im Fernsehen anschaut. Es gibt ein Misstrauen des Publikums gegenüber den heimischen Filmemachern, man traut es uns einfach nicht zu. Das war in Österreich nicht anders, und jeder Film der sich auf dieses dünne Eis begibt, hat es schwer. Aber man darf nicht aufgeben!

Hat es auch damit zu tun, dass man gerne versucht möglichst „amerikanisch“ zu werden, sobald es um Genrestoffe geht?

Prohaska: Ja. Ich habe oft das Gefühl, dass man nicht nur nach Amerika schielt, sondern richtiggehend starrt und amerikanischer sein will als die Amerikaner. Da kann man nur verlieren.

„Das finstere Tal“ wurde im Winter in einem Tal in Südtirol gedreht. War Ihnen klar, was für eine Herausforderung das sein würde?

Prohaska: Der zweite Teil von „In drei Tagen bist du tot“ hat auch im Schnee und Winter gespielt. Dadurch hatte ich eine gewisse Erfahrung und wusste, dass das eine riesige Herausforderung werden würde. Unser Budget war zwar nicht ganz klein, aber wir hatten praktisch keinen Spielraum in unserem Drehplan. Wenn man dann fast Dreiviertel des Drehs Außenaufnahmen hat, dann ist man den Elementen schutzlos ausgeliefert, was für alle Beteiligten ein großes Risiko war. Im Schnee dauert alles länger. Allein schon der Transport einer Kamera von A nach B ist ein Problem, weil man die Sets jungfräulich erhalten muss und keine Spuren im Schnee hinterlassen darf. Das, was wir letztlich zu wenig an Zeit und Budget hatten, hat aber das Team durch einen enormen Einsatz ausgeglichen. Viele aus der Crew haben mir gesagt, dass es Geschichten wie „Das finstere Tal“ sind, warum man den Job eigentlich macht. Diese Begeisterung hat uns durch den Winter gebracht.

www.dasfinsteretal.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=23HEZpkQHQI

Wien, 5. 2. 2014