Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017

Landestheater NÖ: Ab jetzt

Mai 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Riesen-Nonsense mit Replikantin

Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Menschen mit Maschine: Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Zum Saisonschluss und zum Ende ihrer Tätigkeit als Intendatin des Landestheater Niederösterreich lud Bettina Hering, sie wechselt als Schauspielchefin zu den Salzburger Festspielen, zu einem der bewährten Gastspiele. Das Schauspielhaus Hamburg zeigte Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt“ in der Regie von Karin Beier.

Und es war der Abend der Lina Beckmann. Mit einer solchen Schauspielerin an der Hand, kann man als Theaterdirektorin gar nicht anders, als dieses Stück anzudenken. Dachte wohl auch Beier. „Ab jetzt“ ist der ganz andere Ayckbourn, gern wird gesagt, nicht sein bester, doch das sollte man zumindest nach dieser schwungvollen Inszenierung anders sehen.

Erzählt wird aus der Zukunft. Der Komponist Jerome hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, die allerdings mit Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für den Besuch samt Sozialarbeiter an einer heilen, neuen Familie – erst mit Leihmimin Zoe, doch als die Reißaus nimmt, mithilfe einer Roboterfrau namens Gou 300F. Die hat ein paar Macken, und als nun die frisch Geschiedene in der Tür steht, nimmt das Verhängnis seinen Lauf … Beier hält sich nicht damit auf nach verkopfen, tieferen Bedeutungen im Text zu suchen, Motto: Was die Maschine dem Menschen antut, wenn er sich in Abhängigkeit zu ihr begibt, nein, sie fährt einfach mit Vollgas drauflos, von Gag zu Gag, von Nonsense zu Nonsense.

Kein Sofa über das nicht gestolpert wird, keine Wand gegen die man nicht läuft. Und die Königin dieser Komödie ist Beckmann – übrigens für die Rolle bereits mit einem Schauspielerpreis ausgezeichnet. Derangiert tanzt ihre Zoe an, man hat sie auf der Straße ausgeraubt, aber so arm dran kann die gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in einem Ich-war-mal-wer-Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Beckmann diese Übung, aus einer Knallcharge, einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Und das Publikum biegt sich vor Lachen, umso mehr als sie, nunmehr von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert, wie ein dem „Blade Runner“ entsprungener Replikant agiert. Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest auf den ersten Blick.

Denn war das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. So viel Mensch in einer Maschine, und man weiß nicht, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Jerome lebt in einem Hightechbunker, sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Bildtelefon. Alles, was irgend Leben ist, speist er in den Computer ein, will er doch mit diesem Material sein Opus magnum ausgerechnet über die Liebe schreiben. Götz Schubert gibt diesen Beziehungsgestörten mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so schrullig, dass man ihn gerade noch sympathisch finden kann.

Ute Hannig spielt erst ebenfalls die Gou – Version 1, als gruselige, herrische Sexmachine in Seidenkorsage, dann Jeromes Frau Corinna als über weite Strecken herzlose, weil herzgebrochene Xanthippe, Gala Winter die Tochter Geain als genderverwirrten Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, ein Glatzkopfkerl mit Kinnbart, wird aber flugs mit Zöpfchen und Schleifchen wieder zur Sie. Herrlich auch Yorck Dippe als Mann vom Jugendamt: Der aalt sich in seinen großen Gesten, ganz Conferencier in eigener, ergo narzisstischer Sache und ist doch die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Behördentums. Michael Wittenborn, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss.

Was Beier und ihr Ensemble vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance. Am Ende läuft Gou durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell dreht sich von Minute zu Minute schneller, und Gala Winters Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat jetzt genug Zeugs zum Komponieren. Mit viel Witz und ihrem Gespür für schwarzen Humor hat Karin Beier St. Pölten einen höchst vergnüglichen Start in die Sommerpause beschert. Am 23. Mai wird Marie Rötzer, die neue künstlerische Leiterin des Hauses, ihren ersten Spielplan präsentieren. Man darf gespannt sein, was da alles zu erfahren sein wird.

www.landestheater.net

Wien, 13. 5. 2016