Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

www.hamakom.at

Wien, 15. 3. 2017

Akademietheater: Endspiel

September 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Poesie einer clownesken Verzweiflung

Nicholas Ofczarek und Michael Maerten in einer perfekt clownesken Performance als Hamm und Clov. Bild: Bernd Uhlig

Als wär’s die Erschaffung des Hamm: Nicholas Ofczarek und „Clov“ Michael Maertens erstarren in einer Michelangelo’schen Geste. Bild: Bernd Uhlig

Dieter Dorns fulminante Festspielinszenierung von Becketts „Endspiel“ ist ans Akademietheater übersiedelt, und hat auf ihrem Weg von Salzburg nach Wien erwartungsgemäß nichts von ihrer Brillanz eingebüßt.

Dorn lässt seine vier überragenden Schauspieler Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, Barbara Petritsch und Joachim Bißmeier die Beckett’schen Worte wie eine Partitur lesen, Takt für Takt wird die vieldeutige Komposition wiedergegeben.

Da sitzt jede Silbe – noch wichtiger aber: jede Pause im Text. Dass eine solcherart überraschungsbefreite, freilich auch den Vorgaben des Bühnenverlags geschuldete, schnickschnacklose Arbeit nicht in die Fadesse des Ewig-gleich-Gesehenen driftet, zeigt, dass Werktreue was für Meisters ist. Dorn hat den immerwährenden Existenzkrampf mit höchster Seelenruhe auf die Bühne gehoben, und tatsächlich weist sein Beckett-Hochamt einiges an negativen Gottesbeweisen auf, er entzieht sich aber dem allzu akademischen Diskurs, indem er das Fleisch fröhlich vor sich hin faulen lässt. Wäre seine „Endspiel“-Inszenierung ein Gefühl, sie würde jucken, wäre sie ein Geruch, sie würde brunzeln. Fast glaubt man sie zu riechen, die miefige Luft und die versifften Kleider und die abgestandene Ausweglosigkeit.

Das Desaster-Duo Hamm und Clov geben Ofczarek und Maertens, ersterer im plüschroten Rollstuhlthron, blind, wie ein Abbild von Francis Bacons Papst Innozenz X., zweiterer mit gebeugtem Rücken und steifen Beinen, ein Schelm, der da an Freddie Frinton denkt. In einer Sperrholzspielzeugschachtel werden sie an die Rampe gefahren, diese versehrten, verheerten Gestalten. Maertens enthüllt seine Mitspieler wie Puppen, unterm Tuch und aus den Mülltonnen schlüpfen sie hervor, wie Untote, denen einmal noch das Leben aufgezogen wird. Das Spiel kann beginnen. Dorn hat mit seinen Darstellern ein formvollendendes gestisches Regelwerk für dieses Werk ohne Regeln ausgefeilt. Vor allem Maertens vollbringt diesbezüglich Höchstleistungen, turnt und tappt und slapstickt sich vorwärts und donnert auch mal apokalyptisch, während der zur Regungslosigkeit verpflichtete Ofczarek sich auf die subtile, singsangende Ausdrucksstärke seiner stimmlichen Modulierfähigkeit verlassen kann.

Mutterliebe, in die Tonne getreten: Barbara Petritsch als Nell mit Maertens und Ofczarek. Bild: Bernd Uhlig

Die Liebkosung der Schmerzensmutter: Barbara Petritsch als Nell mit Maertens und Ofczarek. Bild: Bernd Uhlig

Gott hat sich schon länger nicht gemeldet: Joachim Bißmeier als Nagg. Bild: Bernd Uhlig

Gott hat sich schon länger nicht gemeldet: Joachim Bißmeier versucht als Nagg ein Gebet. Bild: Bernd Uhlig

Und so beobachtet man sie denn, diese grausigen Clowns bei ihren alltäglichen Demütigungsritualen, wie sie ihr Abhängigkeitsverhältnis in gegenseitiger Angstmache auskosten, es kultivieren. Böse Zeitgenossenzungen behaupteten ja, die Dialoge seien eins-zu-eins zwischen Beckett und seiner späteren Ehefrau Suzanne Dechevaux-Dumesnil so gesprochen worden, 50 Jahre waren die beiden ein Paar, und diese Idee verleiht dem Werk immer wieder einen ganz eigenen Humor. Ofczarek und Maertens jedenfalls sind exzellent in ihrer Exaktheit, zwei Virtuosen der clownesken Verzweiflung, sie protzen mit der Poesie des Gesagten, und ja, es klingt nach: Nichts ist so komisch wie das Unglück.

Der Nachhall ist heutig, der Herr über die letzten Ressourcen schindet die Arbeitskraft, sein störrischer Dienstleister ist zeitgleich gefinkelter Tyrann, der Kopf und die Gliedmaßen in Hassliebe miteinander verbunden und ohne Chance lebend voneinander loszukommen. „Fern wärest du tot“, sagt Hamm. „Und umgekehrt“, sagt Clov. Und wie in Überhöhung dieser Übung schnellt Bißmeier wie ein Springteufel aus seiner Tonne, sein Nagg ein zorniger Widerborst bis zum bitteren Ende, Barbara Petritsch als seine Nell eine zarte, fast anmutige Dulderin. Ihnen gehören mit die schönsten Momente, ein vergeblicher, ans Herz rührender Kussversuch, eine angedeutete Liebkosung Clovs für die Schmerzensmutter, ein Zwieback zum Zähneausbeißen.

Dem Ende zu eine rasante Schussfahrt: Ofczarek mit Maertens. Bild: Bernd Uhlig

In rasanter Rollstuhlfahrt geht’s dem Ende zu: Ofczarek mit Maertens. Bild: Bernd Uhlig

Petritsch und Bißmeier stellen all die großen Fragen zum Sinn und über den Nonsense des Daseins, und, ein Glück, Dorn beantwortet sie nicht. „Es ist wie der gute Witz, der einem zu oft erzählt wird, wir finden ihn immer gut, aber wir lachen nicht mehr darüber“, sagt Nell. Dieter Dorns „Endspiel“ ist eine exemplarische Arbeit, die mit unerträglicher Leichtigkeit durch des Menschen Fähigkeiten im Leidzufügen wie im Leidertragen führt.

Die Raum, Rhythmus, Rede in höchster Kunstfertigkeit verzahnt. Sie hat zweifellos das Zeug zum Klassiker. Zum Schluss wird die Spielzeugschachtel wieder zurückgefahren, die Schauspieler erstarren in einer letzten Pose. Aus – und natürlich frenetischer Applaus.

www.burgtheater.at

Wien, 7. 9. 2016

Hubsi Kramar mit dem 3raum on Tour

Juli 5, 2013 in Tipps

„Warten auf Godot“

Markus Kofler (Estragon), Hubsi Kramar (Wladimir) Bild: Bernhard Mrak

Markus Kofler (Estragon), Hubsi Kramar (Wladimir)
Bild: Bernhard Mrak

Samuel Becketts „Warten Auf Godot“ ist die große Liebe von Hubsi Kramar. Dies ist bereits das 4. Mal, dass er Godot inszeniert: nach den erfolgreichen Aufführungen im Residenztheater, im ehemaligen Rondellkino und im Kabelwerk nun auch an verschiedenen Orten im Burgenland, in Niederösterreich und Wien als „3raum unterwegs“. Inhalt: An einer Landstraße mit einem kahlen Baum verbringen die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir ihre Zeit  damit, „nichts zu tun“ und auf eine Person namens Godot zu warten, die sie nicht kennen, von der sie nichts Genaues wissen, nicht einmal, ob es sie überhaupt gibt. Auch als sich später vorübergehend der Landbesitzer Pozzo  mit seinem Diener Lucky zu ihnen gesellt, bringt das keine Veränderung und sorgt statt für Klarheit eher für zusätzliche Verwirrung. Am Ende jedes Aktes erscheint ein angeblich von Godot ausgesandter etwas ängstlicher Botenjunge, der verkündet, dass sich Godots Ankunft weiter verzögern, er aber ganz bestimmt kommen werde. Spätestens dann dämmern den Wartenden Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer Situation…

Beckett  hat mit diesem Text den Versuch unternommen  die menschliche Tragödie des 20. Jahrhunderts, Faschismus und dessen Schrecken, spürbar zu machen, mit all den Tiefen der zwischenmenschlichen und seelischen Konflikte, die so ein Stoff mit sich bringt. Er hat damit das ganze Theater seiner Zeit auf den Kopf gestellt. Damals war es der große Skandal. Heute gehört das Stück  zu den großen Klassikern. Es ist eine radikale komische Tragödie – alles was Theater braucht, aber mit den reduziertesten Mitteln. Die Natur-Arena des Kleylehof bei Nickelsdorf wurde liebevoll vom Künstler Franz J. Gyolcs geschaffen und ist ein großartiger Ort um Godot aufzuführen. Das mit großer Sorgfalt restaurierte Wirtshaus Huber in Thernberg und seine reizvolle Umgebung eignen sich bestens, um auf Godot zu warten. Im 22. Wiener Gemeindebezirk bietet die gerade entstehende Seestadt eine großartige Kulisse.

Es spielen: Markus KOFLER (Estragon), Hubsi KRAMAR (Wladimir), Oliver VOLLMANN (Pozzo), Hannes LENGAUER (Lucky), Regie: Hubsi Kramar,  Produktionsleitung: Alexandra Reisinger.

PREMIERE ist am 8. August in der Naturarena Kleylehof, Nickelsdorf, Burgenland. Dort finden auch noch Vorstellungen am 9. und 10. August  statt. Am 16. und 17. August wird in der Landschaft des Wirtshaus Huber, Thernberg, Bucklige Welt, Niederösterreich, gespielt. Und am 22., 23. und 24. August kommt die Produktion in die Fabrik Publik, aspern Seestadt, Wien. Teilweise werden Gratis-Shuttlebusse angeboten.

www.3raum.or.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 6. 2013

Garage X: Krapp’s Last Tape

Mai 21, 2013 in Tipps

Florentin Groll gratuliert Dieter Haspel zum 70er

Florentin Groll Bild: Peter Rainer

Florentin Groll
Bild: Peter Rainer

Premiere ist am 21. Mai: Mit der Inszenierung des Ein-Personen-Stücks „Das letzte Band (Krapp’s last tape)“ von Samuel Beckett feiert Dieter Haspel von der GARAGE X, dem Haus das er ab 1981 als Ensemble-Theater geleitet hat, bevor die Räumlichkeiten am Petersplatz 2009 von Harald Posch und Ali Abdullah übernommen wurden, seinen 70. Geburtstag. Den kauzigen Einsiedler und erfolglosen Schreiberling Krapp gibt der Burgschauspieler Florentin Groll.Inhalt: Der einsame, alte Schriftsteller Krapp lauscht den Tonbändern, auf denen er alljährlich seine Erlebnisse im vergangenen Jahr aufgezeichnet hat, und kommentiert diese Aufzeichnungen immer von neuem – ein Kreislauf von längst abgeschlossenen Erfahrungen, vergangenen Beziehungen und irreparablen Fehlschlägen. Schon seit über dreißig Jahren führt Krapp dieses „Gespräch“ mit seinem ihm immer fremder gewordenen Tonband-Ich. Verächtlich lacht er über die Selbsteinschätzung des einstigen Krapp, und immer wieder spult er das an seinem 39. Geburtstag aufgenommene Band zurück, um einen glücklichen Augenblick zu rekapitulieren, eine Liebesbeziehung, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Im Anschluss an die Derniere am 18. Juni findet „Ein Fest für Dieter“ statt. Mit dabei sind Freunde, Kollegen und langjährige Weggefährten. Andreas Vitasek, Gregor Seberg, Hilde Hawlicek, Fritz Wendl und viele andere werden dem Jubilar ein paar Worte widmen …

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 5. 2013

Interview mit Starregisseur Robert Wilson

Februar 8, 2013 in Bühne

Inspiriert von Buster Keaton und Charlie Chaplin: Regie-Exzentriker Robert Wilson wählte die Stummfilmstars als Vorbilder für Becketts Krapp
25.03.2012,von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/6

Ein Regiegott spielt Beckett in St. Pölten

Perfekte Selbstinszenierung: Robert Wilson zeigte am Landestheater St. Pölten Becketts „Krapp’s Last Tape“.

Es begann mit einem Donnerschlag. Wie anders auch sollte ein Regiegott in die Theaterwelt kommen. Robert Wilson, der Exzentriker unter den Experimentaltheatermachern, hat sich selbst inszeniert. Zwölf Jahre nach seinem berühmten Hamlet-Monolog steht der Texaner wieder als Schauspieler auf der Bühne.

Im Landestheater Niederösterreich zeigte er Samuel Becketts „Krapp’s Last Tape“. Die Geschichte eines alten Mannes, der sich wie immer zum Geburtstag bereit macht, ein Tonband zu besprechen, um das vergangene Jahr zu dokumentieren, dabei aber eines aus seiner Jugend findet – und sich mit einer, mit der verlorenen Liebe seines Lebens konfrontiert sieht.

Krähen und Grunzen

Krapp ist die Quintessenz der bisherigen Arbeiten des 70-jährigen Wilson. Surreal, maniriert, bizarr, burlesk. Sehr speziell und gleichzeitig universell. Das Licht- und Sounddesign – etwa ein immer extremer prasselnder Regen, den der Theatermagier natürlich per Fingerschnippen stoppen kann – sind ein Fest für die Augen und ein Ohrenschmerz.

Auf schwarzer Bühne steht Wilson. Er leuchtet aus dem Dunkeln. Mit fahl geschminktem Gesicht. Ein Weißclown. Einer, der sich die Tragikomik seiner Stummfilmheroen zu eigen gemacht hat. Perfekt in Mimik und Gestik, ein Pantomime. Der tänzelt und torkelt, die Bewegungen teilweise wie in Zeitlupe in Einzelbilder zerlegt. Der Meister der Reduktion hat sich wie stets jede Regung, jede Erregung wohl überlegt.

Wie er kräht, kläfft, greint, grummelt, grunzt, wenn er in Dialog mit dem Tonband tritt. Um seinem jungen, ihm jetzt so fremden Ich Paroli zu bieten. Vergeblich. Krapp hat sein Dasein verspielt. Wilson spielt das, als ging’s um seins.

Robert Wilson im Interview

KURIER: Mr. Wilson, man vergleicht Sie des Öfteren mit Beckett. Sie beide werden „Meister der Reduktion“ genannt. Was interessiert Sie an seinem Werk?

Robert Wilson: Die Gegensätze – einerseits seine Ironie, sein Humor, andererseits die Distanz und Förmlichkeit, mit der er schreibt.

Warum haben Sie gerade Krapp für Ihre Rückkehr als Schauspieler ausgesucht?
Er schien mir die passende Figur dafür. Diese Arbeit ist eine sehr persönliche – ich bin ja nun auch schon ein alter Knacker von 70 (er lacht) . Und ich verwende darin all die Theatertechniken, die ich in 45 Jahren als Regisseur entwickelt habe. Ich habe ja niemals studiert, bei mir ist alles „learning by doing“. Als Schauspieler ist die Herausforderung, die meiste Zeit über in Stille zu performen, denn Krapp spricht kaum.

Ist Krapp ein Weißclown?
In gewisser Weise. Ich habe mich von Stummfilmstars wie Buster Keaton und Charlie Chaplin inspirieren lassen. Das waren auch Schauspieler, die Beckett sehr bewunderte.

Sie sagen, die Aufgabe des Künstlers sei nicht Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Was fragen Sie das Publikum zu Krapp?
Sie haben recht, wenn ich Theater mache, interpretiere ich nicht. Mein Theater fragt „Was ist das?“, statt zu sagen: „Das ist es“. Wenn wir wissen, was es ist, brauchen wir’s auf der Bühne nicht mehr zeigen. Meine Aufgabe ist zeigen, interpretieren soll das Publikum.

„Krapp’s Last Tape“ ist, wie Becketts Werk eben so ist, ein apokalyptisches Stück. Es gibt eine Weltuntergangsprophezeiung für Ende 2012 …
Ich hatte ein gutes Leben und wäre bereit, zu gehen. Daheim in Texas sagen wir: „I’m ready to kick the bucket!“ (Ich bin bereit, ins Gras zu beißen!)