Academy Awards Streaming: Sound of Metal

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gehörlosendrama ist nominiert für sechs Oscars

Bei einem Gig bemerkt Ruben, dass er sein Gehör verliert: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Bis dato war es vor allem Darsteller Paul Raci der eine der bisher verliehenen dreizehn Auszeichnungen einheimste. Nun ist das beim Filmstart noch als Geheimtipp gehandelte Gehörlosendrama „The Sound of Metal“, für das sich die Amazon Studios schon 2019 beim Toronto International Film Festival die Rechte sicherten, für sechs Academy Awards 2021 nominiert.

Und zwar in den Oscar-Kategorien: Bester Film, Riz Ahmed als Bester Hauptdarsteller, einmal mehr Paul Raci als Bester Nebendarsteller, Regisseur Darius Marder, Bruder und Mitautor Abraham Marder und Derek Cianfrance fürs Beste Originaldrehbuch, Mikkel E.G. Nielsen für den Besten Schnitt sowie Nicolas Becker, Phillip Bladh und Team für den Besten Ton. Hier nochmal die Filmrezension vom Jänner:

Gottes vergessener Schlagzeuger

Seit Jänner streamt Amazon auch in Österreich das Filmdrama „Sound of Metal“, das als bereits zehnte Auszeichnung am 9. Jänner von der National Society of Film Critics mit dem Nebendarstellerpreis für Paul Raci bedacht wurde, und sowohl von der Variety als auch von Awards Daily für die Oscars hoch gehandelt wird, und zwar neben Paul Raci auch Hauptdarsteller Riz Ahmed für den Best-Actor-Goldjungen. Ahmed, britischer Schauspieler, MC und Musiker mit pakistanischem Background, im Kino zuletzt zu sehen als Bösewicht-Wissenschaftler Dr. Drake/Riot in „Venom“, schlüpft in die Rolle des Ruben Stone.

Dieser Drummer eines Sludge-Duos, dessen Sängerin Lou, Olivia Cooke, auch seine Freundin ist. Im Wohnmobil fahren die beiden von Gig zu Gig – loud and proud, bis Ruben während eines Soundchecks, wo’s wie üblich was auf die Ohren gibt, erst ein schrilles Kreischen, dann wie durch Watte, dann gar nichts mehr hört. Ein Schlagzeuger-Schicksal, das Ruben mit Kollegen von Phil Collins bis Lars Ulrich teilt.

„Sound of Metal“ erzählt keine Sid-and-Nancy-Story, im Van sind Schmusesongs und Smoothies angesagt, der seit vier Jahren cleane Fixer und die ehemalige Ritzerin sind Familie, ihre Beziehung ist eine fragile, in der die Furcht vor den eigenen Abgründen mit einer berührenden Zärtlichkeit überbrückt wird. Und nun das! Ahmed zeigt’s ganz fabelhaft, die Angst und das Unverständnis in Rubens Augen, alle Geräusche gedämpft wie unter Wasser, unter der Dusche, hinter seiner Instrumenten-Batterie, im Drugstore, dessen Apotheker ihn zum Arzt schickt. Unvorstellbar, wie es sein muss, sich selbst nicht mehr sprechen zu hören, doch Riz Ahmed stellt dies Gefühl, für das man ihm beim Dreh sogenanntes „weißes Rauschen“ ins Gehör übertrug, höchst authentisch dar.

Regisseur Darius Marder und „Gravity“-Tonkünstler Nicolas Becker entwickelten dies Sounddesign in einem schalltoten Raum, Marder, der gemeinsam mit Bruder Abraham auch das Drehbuch schrieb, und dieser wiederum mit Becker die Filmmusik, Becker, der für Riz‘ Ruben eine Klangkulisse schuf, die die Zuschauerin, den Zuschauer komplett in Rubens Kopf versetzt. Heißt: man hört, wie Ruben hört – Hitchcock nannte dies den „Subjektiven Klang“, mit dem der Großmeister gelegentlich experimentierte. Das Ganze kommt mit Untertiteln, da Marder seinen Film von einem hörenden wie gehörlosen Publikum erlebt haben will.

Paul Raci als Joe. Bild: © Amazon Studios

Joes Wohngruppe: Paul Raci (M.). Bild: © Amazon Studios

Lauren Ridloff als Lehrerin Diane. Bild: © Amazon Studios

Schlagzeugunterricht: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Beim HNO erfährt Ruben von der Möglichkeit eines Cochlea-Implantats, ein System mit Mikrofon und Signalprozessor, das den Hörnerv direkt mit dem Gehirn verbindet, doch die Kosten dafür sind unerschwinglich. Also checkt Lou für Ruben, der sich in den ersten vier der fünf Phasen der Trauer einigelt – Leugnen, Wut, Feilschen, Depression -, einen Platz in einer Gehörlosen-Wohngemeinschaft, die auf Suchtkranke spezialisiert ist. Während sie zu ihrem Vater fährt, Mathieu Amalric in einer Gastrolle, damit Ruben sich auf seine geänderte Situation fokussieren kann.

So will es auch der Leiter der Einrichtung, der trockene Alkoholiker und Vietnam-Veteran Joe, der sein Gehör im Krieg verloren hat: Auftritt Paul Raci, der 73-jährige Schauspieler, ein „CODA“, ein Kind gehörloser Eltern, der wie seine drei Geschwister als erste Sprache die American Sign Language lernte, ist als Joe eine harte, aber herzliche Vaterfigur, der seine Junkie-Schützlinge auf Trab hält und mit nicht immer sanftem Nachdruck auf den rechten Weg bringt.

Rubens Verbitterung auf alle und alles stößt beim Lippenleser auf im Wortsinn taube Ohren, man suche hier Lösungen fürs Gehirn, nicht fürs Gehör, bescheidet er dem ständig wie unter Strom stehenden Neuankömmling und dass dieser keinen „Moment der Stille“ in sich habe, und Ahmed verkörpert mit unterschiedlich hoch kochenden Emotionen, wie verloren ein Mensch sich fühlen kann. Weil ihm ohne seine Drums, die Musik der Rausch, der das Rauschgift ersetzte, ein Ventil fehlt, um seine inneren Dämonen auszutreiben, weil er ohne Kenntnis der Gebärdensprache natürlich zum Außenseiter der Gruppe wird, alldieweil ihm am Gesicht abzulesen ist, wie saudämlich er das wilde Gestikulieren um sich herum findet.

Dies eine der besten Szenen des Films: Ruben, um jedes Kommunikationsmittel gebracht – Hörende schreit er an: „Ich verstehe Sie nicht! Ich bin taub! Schreiben Sie es mir auf! -, inmitten der Abendbrotgesellschaft, die sich ausgelassen und herzhaft lachend unterhält, man selbst übers „Tischgespräch“ ebenso ahnungs- und verständnislos wie Ruben, da schneidet Nicolas Becker den Ton plötzlich von gehörlos auf hörend, eine kurze Einblendung des Lärms rund um die Tafel, ein Klopfen, ein Geschirrklappern, ein Remmidemmi. Eindrucksvoll überblendet Becker so beide Welten.

Olivia Cooke als Bühnen-Lou. Bild: © Amazon Studios

Olivia Cooke als Lou privat. Bild: © Amazon Studios

Ruben mit Implantat: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Mathieu Amalric spielt Lous Vater. Bild: © Amazon Studios

Joe schickt Ruben zum Lernen in eine seiner Gruppe angeschlossene Schulklasse mit tauben Teenagern. Die gehörlose Schauspielerin Lauren Ridloff, bekannt aus „The Walking Dead“ und 2018 am Broadway in der Hauptrolle von „Gottes vergessene Kinder“ zu sehen, spielt deren Lehrerin Diane. Die Kinder fangen Rubens Absturz auf, bald hält er einen Drummer-Grundkurs, auf Plastikkübeln zur besseren Übertragung der Schwingungen, und wird zum „Teenie-Star“. Joe bietet ihm an als eine Art Lehrkraft zu bleiben, doch Ruben, innerlich immer noch voll trotzigen Grolls, verkauft von Mischpult bis Wohnmobil alles, um sich die Cochlea-OP endlich leisten zu können.

Worauf Joe ihn bitten muss zu gehen, da Ruben sein erstes Gebot, dass Taubheit nichts sei, das man „reparieren“ müsse, gebrochen habe. Die Redensart vom alten Leben, das einer nicht loslassen könne – Jage nicht dem hinterher, was du verloren hast, sondern schätze, was du noch besitzt!, kommt einem in den Sinn, und in Regelverletzter Rubens Augen spiegelt sich seine neuerliche Verletztheit. Einen ernüchternden Abstecher zu Lou und ihrem Vater später, sieht man ihn auf einer Parkbank sitzen, auch die Leistung des Implantats ist ernüchternd, die Stimmen zu un-, Lärm dafür überdeutlich.

In Summe klingt’s wie ein Radio im Sendersuchlauf, echoartig, irritierend metallisch und schmerzlich fehlerhaft, wodurch der Filmtitel „Sound of Metal“ von der Musik bis zu den verzerrten Tönen des Fremdkörpers Hörgerät auf einmal doppeldeutig wird. Doch Ruben wird ihn finden, den von Joe anempfohlenen Moment. In der Ruhe liegt die Kraft. „Sound of Metal“ besticht nicht nur durch seine Darsteller, allen voran der fulminante Paul Raci und Riz Ahmed, zum Glück mal nicht als Terrorist oder Terrorverdächtiger, der mit seiner sensationellen, gnadenlos glaubwürdigen, intensiven und zugleich zutiefst unsentimentalen Performance das Publikum in seinen Bann zieht.

Sondern auch mit seiner komplexen Klanglandschaft, in der etwa nach einer exzessiven Bühnenshow jene jedem Rockkonzertbesucher bekannte absolute Stille des Boxen-Stopps mitschwingt, die Marders Spielfilmdebüt zu einem hypnotisierenden Erlebnis werden lässt. Und last, but not least ermuntert „Sound of Metal“ auch zu mehr Offenheit gegenüber den Mitmenschen, zu mehr Bewusstsein und Empathie füreinander, losgelöst von jeglichen Normen und Erwartungen. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44091

Trailer: www.youtube.com/watch?v=VFOrGkAvjAE           www.amazon.de

20. 3. 2021

Streaming: Riz Ahmed im Oscar-Favorit „Sound of Metal“

Januar 12, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Gottes vergessener Schlagzeuger

Bei einem Gig bemerkt Ruben, dass er sein Gehör verliert: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Seit einigen Tagen streamt Amazon auch in Österreich das Filmdrama „Sound of Metal“, das als bereits zehnte Auszeichnung am 9. Jänner von der National Society of Film Critics mit dem Nebendarstellerpreis für Paul Raci bedacht wurde, und sowohl von der Variety als auch von Awards Daily für die Oscars hoch gehandelt wird, und zwar neben Paul Raci auch Hauptdarsteller Riz

Ahmed für den Best-Actor-Goldjungen. Ahmed, britischer Schauspieler, MC und Musiker mit pakistanischem Background, im Kino zuletzt zu sehen als Bösewicht-Wissenschaftler Dr. Drake/Riot in „Venom“, schlüpft in die Rolle des Ruben Stone. Dieser Drummer eines Sludge-Duos, dessen Sängerin Lou, Olivia Cooke, auch seine Freundin ist. Im Wohnmobil fahren die beiden von Gig zu Gig – loud and proud, bis Ruben während eines Soundchecks, wo’s wie üblich was auf die Ohren gibt, erst ein schrilles Kreischen, dann wie durch Watte, dann gar nichts mehr hört. Ein Schlagzeuger-Schicksal, das Ruben mit Kollegen von Phil Collins bis Lars Ulrich teilt.

„Sound of Metal“ erzählt keine Sid-and-Nancy-Story, im Van sind Schmusesongs und Smoothies angesagt, der seit vier Jahren cleane Fixer und die ehemalige Ritzerin sind Familie, ihre Beziehung ist eine fragile, in der die Furcht vor den eigenen Abgründen mit einer berührenden Zärtlichkeit überbrückt wird. Und nun das! Ahmed zeigt’s ganz fabelhaft, die Angst und das Unverständnis in Rubens Augen, alle Geräusche gedämpft wie unter Wasser, unter der Dusche, hinter seiner Instrumenten-Batterie, im Drugstore, dessen Apotheker ihn zum Arzt schickt. Unvorstellbar, wie es sein muss, sich selbst nicht mehr sprechen zu hören, doch Riz Ahmed stellt dies Gefühl, für das man ihm beim Dreh sogenanntes „weißes Rauschen“ ins Gehör übertrug, höchst authentisch dar.

Regisseur Darius Mader und „Gravity“-Tonkünstler Nicolas Becker entwickelten dies Sounddesign in einem schalltoten Raum, Mader, der gemeinsam mit Bruder Abraham auch das Drehbuch schrieb, und dieser wiederum mit Becker die Filmmusik, Becker, der für Riz‘ Ruben eine Klangkulisse schuf, die die Zuschauerin, den Zuschauer komplett in Rubens Kopf versetzt. Heißt: man hört, wie Ruben hört – Hitchcock nannte dies den „Subjektiven Klang“, mit dem der Großmeister gelegentlich experimentierte. Das Ganze kommt mit Untertiteln, da Mader seinen Film von einem hörenden wie gehörlosen Publikum erlebt haben will.

Beim HNO erfährt Ruben von der Möglichkeit eines Cochlea-Implantats, ein System mit Mikrofon und Signalprozessor, das den Hörnerv direkt mit dem Gehirn verbindet, doch die Kosten dafür sind unerschwinglich. Also checkt Lou für Ruben, der sich in den ersten vier der fünf Phasen der Trauer einigelt – Leugnen, Wut, Feilschen, Depression -, einen Platz in einer Gehörlosen-Wohngemeinschaft, die auf Suchtkranke spezialisiert ist. Während sie zu ihrem Vater fährt, Mathieu Amalric in einer Gastrolle, damit Ruben sich auf seine geänderte Situation fokussieren kann.

Paul Raci als Joe. Bild: © Amazon Studios

Joes Wohngruppe: Paul Raci (M.). Bild: © Amazon Studios

Schlagzeugunterricht: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Lauren Ridloff als Lehrerin Diane. Bild: © Amazon Studios

So will es auch der Leiter der Einrichtung, der trockene Alkoholiker und Vietnam-Veteran Joe, der sein Gehör im Krieg verloren hat: Auftritt Paul Raci, der 73-jährige Schauspieler, ein „CODA“, ein Kind gehörloser Eltern, der wie seine drei Geschwister als erste Sprache die American Sign Language lernte, ist als Joe eine harte, aber herzliche Vaterfigur, der seine Junkie-Schützlinge auf Trab hält und mit nicht immer sanftem Nachdruck auf den rechten Weg bringt.

Rubens Verbitterung auf alle und alles stößt beim Lippenleser auf im Wortsinn taube Ohren, man suche hier Lösungen fürs Gehirn, nicht fürs Gehör, bescheidet er dem ständig wie unter Strom stehenden Neuankömmling und dass dieser keinen „Moment der Stille“ in sich habe, und Ahmed verkörpert mit unterschiedlich hoch kochenden Emotionen, wie verloren ein Mensch sich fühlen kann. Weil ihm ohne seine Drums, die Musik der Rausch, der das Rauschgift ersetzte, ein Ventil fehlt, um seine inneren Dämonen auszutreiben, weil er ohne Kenntnis der Gebärdensprache natürlich zum Außenseiter der Gruppe wird, alldieweil ihm am Gesicht abzulesen ist, wie saudämlich er das wilde Gestikulieren um sich herum findet.

Dies eine der besten Szenen des Films: Ruben, um jedes Kommunikationsmittel gebracht – Hörende schreit er an: „Ich verstehe Sie nicht! Ich bin taub! Schreiben Sie es mir auf! -, inmitten der Abendbrotgesellschaft, die sich ausgelassen und herzhaft lachend unterhält, man selbst übers „Tischgespräch“ ebenso ahnungs- und verständnislos wie Ruben, da schneidet Nicolas Becker den Ton plötzlich von gehörlos auf hörend, eine kurze Einblendung des Lärms rund um die Tafel, ein Klopfen, ein Geschirrklappern, ein Remmidemmi. Eindrucksvoll überblendet Becker so beide Welten.

Olivia Cooke als Bühnen-Lou. Bild: © Amazon Studios

Olivia Cooke als Lou privat. Bild: © Amazon Studios

Ruben mit Implantat: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Mathieu Amalric spielt Lous Vater. Bild: © Amazon Studios

Joe schickt Ruben zum Lernen in eine seiner Gruppe angeschlossene Schulklasse mit tauben Teenagern. Die gehörlose Schauspielerin Lauren Ridloff, bekannt aus „The Walking Dead“ und 2018 am Broadway in der Hauptrolle von „Gottes vergessene Kinder“ zu sehen, spielt deren Lehrerin Diane. Die Kinder fangen Rubens Absturz auf, bald hält er einen Drummer-Grundkurs, auf Plastikkübeln zur besseren Übertragung der Schwingungen, und wird zum „Teenie-Star“. Joe bietet ihm an als eine Art Lehrkraft zu bleiben, doch Ruben, innerlich immer noch voll trotzigen Grolls, verkauft von Mischpult bis Wohnmobil alles, um sich die Cochlea-OP endlich leisten zu können.

Worauf Joe ihn bitten muss zu gehen, da Ruben sein erstes Gebot, dass Taubheit nichts sei, das man „reparieren“ müsse, gebrochen habe. Die Redensart vom alten Leben, das einer nicht loslassen könne – Jage nicht dem hinterher, was du verloren hast, sondern schätze, was du noch besitzt!, kommt einem in den Sinn, und in Regelverletzter Rubens Augen spiegelt sich seine neuerliche Verletztheit. Einen ernüchternden Abstecher zu Lou und ihrem Vater später, sieht man ihn auf einer Parkbank sitzen, auch die Leistung des Implantats ist ernüchternd, die Stimmen zu un-, Lärm dafür überdeutlich.

In Summe klingt’s wie ein Radio im Sendersuchlauf, echoartig, irritierend metallisch und schmerzlich fehlerhaft, wodurch der Filmtitel „Sound of Metal“ von der Musik bis zu den verzerrten Tönen des Fremdkörpers Hörgerät auf einmal doppeldeutig wird. Doch Ruben wird ihn finden, den von Joe anempfohlenen Moment. In der Ruhe liegt die Kraft. „Sound of Metal“ besticht nicht nur durch seine Darsteller, allen voran der fulminante Paul Raci und Riz Ahmed, zum Glück mal nicht als Terrorist oder Terrorverdächtiger, der mit seiner sensationellen, gnadenlos glaubwürdigen, intensiven und zugleich zutiefst unsentimentalen Performance das Publikum in seinen Bann zieht.

Sondern auch mit seiner komplexen Klanglandschaft, in der etwa nach einer exzessiven Bühnenshow jene jedem Rockkonzertbesucher bekannte absolute Stille des Boxen-Stopps mitschwingt, die Marders Spielfilmdebüt zu einem hypnotisierenden Erlebnis werden lässt. Und last, but not least ermuntert „Sound of Metal“ auch zu mehr Offenheit gegenüber den Mitmenschen, zu mehr Bewusstsein und Empathie füreinander, losgelöst von jeglichen Normen und Erwartungen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=VFOrGkAvjAE           www.amazon.de

  1. 1. 2021

George Takei: They Called Us Enemy

Dezember 3, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Japanische Kindheit im US-Internierungscamp

Als Hikaru Sulu, Steuermann des „Raumschiff Enterprise“ und später Captain der USS Excelsior, wurde George Takei weltberühmt. Eine Öffentlichkeitswirksamkeit, die er immer wieder für ihm wichtige Themen nutzt – Xenophobie, Homophobie, Diskriminierungen aller Art. Nun hat der Star-Trek-Star eine Graphic Novel über ein hierzulande kaum bekanntes Kapitel der US-Geschichte veröffentlicht. „They Called Us Enemy. Eine Kindheit im Internierungslager“ erzählt – nach dem Angriff des Kaiserreichs Japan auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 – vom Verhaften und Wegsperren.

Und zwar von mehr als 120.000 japanisch-stämmigen oder japanischen Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten lebten und in der nun aufgeheizten Stimmung plötzlich als potentielle Verräter und Staatsfeinde angesehen wurden. Takei, geboren in Los Angeles, war fünf, ein Kind, als er mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern derart kriminalisiert ward. Doch Takei ist Aktivist mit Leib und Seele, und bleibt es auch als gezeichnetes Ich.

Als wären’s Rückblenden, denn so tut er es tatsächlich, schildert er auf TEDx-Konferenzen, bei Begegnungen mit Präsidenten von Carter bis Clinton, Barack Obama selbstverständlich, bei Comic Cons die drei Jahre seines jungen Lebens als „Enemy Alien“. Mithilfe der Co-Autoren Justin Eisinger und Steven Scott und Zeichnerin Harmony Becker ist ein sehr persönlicher Einblick in diese Zeit entstanden.

„They Called Us Enemy“ ist ein Lehrbuch über Demokratie und Grundrechte, über Menschenwürde und Zivilcourage und Solidarität, ist ein Plädoyer, sich gegen jene Kräfte zu stemmen, die gerade erneut versuchen, die Gesellschaft zu spalten – „Amerikaner zu sein, ist nicht das Vorrecht weniger“, schreibt Takei, und es lässt sich leicht das Wort „Europäer“ einsetzen -, und ist nicht zuletzt ein Buch über die Liebe in einer Familie.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

Zu den klaren, schnörkellosen Schwarzweiß-Bildern komplex und literarisch interessant sind vor allem die narrativen Bögen, die Takei schlägt. Wie prägte die Zeit seinen Vater, warum exponierte er sich als Lagersprecher und Vermittler? Zu wessen Wohl wollte die Mutter ihre US-Staatsbürgerschaft aufgeben (dem Vater, wiewohl seit 25 Jahren im Land, wurde sie nie verliehen)? Wie stritten, entfremdeten, näherten sich Vater und Sohn in den 1950er- und 1960er-Jahren? Wie war Georges Weg zum Widerstand, woher sein Wille, sich am politischen Prozess zu beteiligen? Ab wann hat die die sogenannte Mehrheitsgesellschaft die Pflicht für Marginalisierte eintreten? Von wem gesteuert sind Populismus, Othering und Nationalismus?

Takei, als TV-Lieutenant einer multiethnischen Sternensaga einst aufgebrochen, „um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen“, und sichtlich stolzes Mitglied einer Sci-Fi-Erdbevölkerung, der Allianzen mit Aliens, mit „Fremden“ zur friedlichen Föderation der Vereinigten Planeten verholfen haben, steht bis heute für jene Enterprise-Errungenschaften ein. Bis zur letzten Seiten des Buches prangert der unermüdliche Streiter für Gerechtigkeit den „Muslim Ban“ der Trump-Regierung und die Diskriminierung lateinamerikanischer Bürger und Migranten in den USA an …

Ans Herz gehend ist die kindliche Perspektive, aus der die Ereignisse von 1941 gezeigt werden, als die Mutter mit Baby-Tochter aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, wie der Vater mit Kunden seiner Textilreinigung plaudert, Weihnachten, die Kriegserklärung, die Feindseligkeiten auf der Straße, Vandalismus, „Keine Japsen!“-Schilder in den Schaufenstern, Politiker, die vom „Japanerproblem“, einer „nicht assimilierbaren Rasse“ sprechen  – dann das Hämmern an die Tür, Soldaten, Abtransport, Angst, ein Bub, der das alles noch weniger versteht als die Erwachsenen. Becker illustriert beinahe filmisch, mittels Schnitt und Gegenschnitt.

1942 dann erlässt Präsident Franklin D. Roosevelt die sogenannte “Durchführungsverordnung 9066”, die es dem Militär ermöglicht, Japano-Amerikaner, die an der Westküste lebten, zu deportieren. Es gibt keinen Prozess, keine Geschworenen, wo kein Richter, da kein Kläger, und die Betroffenen müssen alles, was sie sich aufgebaut haben, zurücklassen. Sie können nur mitnehmen, was in kleine Koffer passt, Konten werden eingefroren, „Besitz“, heißt in der Regel kleinere Geschäfte und landwirtschaftliche Geräte, wird beschlagnahmt.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

General John L. DeWitt befeuert die Hysterie der Scheinheiligen. Wie sich die Bilder gleichen, zu allen Zeiten, in allen Ländern. In Zügen zusammengepferchte Frauen, Kinder, Männer, ein Gepäcksanhänger als Identitäts- nachweis, für die Eltern ein weiterer Akt der Entmenschlichung, für George einfach eine Fahrkarte, Gewehre und Stacheldraht. Die Takeis werden in Camp Rohwer in Arkansas zwangsinterniert, Block 6, Baracke 2, Einheit F, die Mutter entsetzt über Schmutz und Gestank, doch George schwärmt sie vom gemeinsamen „Urlaub“ vor.

Dann die herbe Enttäuschung der Kids, die Mutter hat als „Überraschung“ – verbotenerweise – ihre Nähmaschine ins  Lager geschmuggelt, sie sofort betriebsam, der Vater erst depressiv, bis die Mitgefangenen ihn ob seiner Freundlichkeit und Umsicht zum „Blockverwalter“ wählen, eine Position, aus der heraus er viel Gutes bewirken wird – und dennoch wird’s für George bei seiner Teenager-Anklage gegen‘s Trauma-Schweigen zu wenig des Ungehorsams gewesen sein. Fürs Erste aber dreht sich alles um den Lageralltag eines Fünfjährigen, und mit der dieser Generation eigenen Ambivalenz berichtet Takei von grauenhaften wie glücklichen Erinnerungen.

Von Lausbubenstreichen und Radikalisierung unter „Banzai!“-Rufen, von seinem ersten Schnee und wie ihn die Filmvorführungen im Speisesaal begeisterten, von der ständigen Kampfbereitschaft der Soldaten gegen einen möglichen „Aufstand der Abtrünnigen“, jedes „Schlitzauge“ schon per Aussehen ein potenzieller Terrorist. Takei kann Anekdoten, beispielsweise, wenn ihm die ewigen Gegner Ford & Chevy einreden, auf seinen Ruf „Sakana Beach“/Fisch-Strand würden ihn die Soldaten mit Süßigkeiten überschütten – nur, dass die GIs „son of a bitch“ verstehen und erbost handgreiflich werden. Oder die von der Entlarvung des falschen, weil japanischen Santa Claus, hat Klein George den echten, da „weißen“ doch im Kaufhaus gesehen.

Dann wieder erteilt er Geschichtsunterricht übers 442nd Regimental Combat Team, einer rein japanischen Einheit der US-Armee, als sich die „Messer im Rücken“ ebendieser ihr wegen der vielen Gefallenen endlich anschließen durften. Eine Chance, die unzählige „Nisei“ ergriffen und den Dienst fürs „Vaterland“, das sie nie als gleichberechtigt akzeptieren wollte, mit dem Leben gezahlten. Oder, als zweite „Chance“ die – welch tagesaktueller Begriff! – „Rückführung ins Heimatland“, ins kriegsgeschundene, immer noch mit Hitler verbündete Japan, ein Ausbürgern im Austausch gegen Kriegsgefangene.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

Schließlich der Fragebogen mit der infamen Gewissensfrage, sich als amerikanische Patrioten zu erklären und gleichzeitig der japanischen Herkunft abzuschwören. Was für großen Unmut und die Umsiedlung ins weit schlimmere Lager Tule Lake sorgt. Stacheldraht hoch drei, und doch ist er ein Schutz, denn draußen häufen sich die rassistischen Gräueltaten. Dann Hiroshima und das bange Warten auf Post von den Verwandten, ein „Neuanfang“ in einem L.A.-Armenviertel, die Lehrerin, die den „Japsenbengel“ auf die Fahne schwören lässt.

Takei erzählt das alles nicht verbittert, sondern als versöhnlicher Mahner an ein Niemals-Vergessen. „Die Schuld, die durch unsere Internierung auf uns lag, löste in mir das Gefühl aus, dass ich es verdiente, mit diesem hässlichen Schimpfnamen belegt zu werden“, schreibt Takei übers Opfer-typische Denken, und: „Das ist bis heute ein Teil des Problems … das wir die unangenehmen Aspekte der amerikanischen Geschichte nicht kennen … und daher die Lektionen übersehen, die uns diese Kapitel zu lehren hätten.“

George Takeis Befreiungsschlag beginnt, wenn man so möchte, an der UCLA, wo er beim Theaterwissenschafts- studium erst Nichelle Nichols und über sie Martin Luther King kennenlernt, später Gene Roddenberry, der dem asiatischen Darsteller von Lakaien, Possenreißern und Bösewichten die Rolle seines Lebens anbietet. Letztes Bild, George Takei und sein Ehemann Brad Altman auf dem Gedenkfriedhof in Rohwer, sie beten; letzter Satz: „Unsere Geschichte darf weder Schwert sein, das Ungerechtigkeit rechtfertigt, noch Schild, das Fortschritt blockiert, sie muss ein Leitfaden sein, der verhindert, dass wir die Fehler der Vergangenheit wiederholen – denn nur wenn du frei bist, kann ich es auch sein.“

Über den Autor: George Takei, geboren 1937 in Los Angeles, wurde durch seine Rolle als Steuermann Hikaru Sulu in der „Star Trek“-Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“, 1965 von Gene Roddenberry persönlich dafür engagiert, und den nachfolgenden Kinofilmen international berühmt. Der japanische Amerikaner setzt sich insbesondere für die LGBT+-Bewegung ein und ist für seinen Kampf gegen den Rassismus bekannt. Takei wurde zwischen seinem fünften und achten Lebensjahr als einer von mehr als 120.000 japanisch-stämmigen US-Bürgern während des Zweiten Weltkriegs als Enemy Alien in ein Internierungslager gesperrt. Eine Tante und ein Cousin starben beim Atombombenabwurf auf Hiroshima.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

Im Oktober 2005, mit 68 Jahren, hatte Takei sein Coming-out, wiewohl seine Homosexualität unter seinen Fans schon lange ein offenes Geheimnis war. 2008 heiratete er seinen langjährigen Lebenspartner Brad Altman, nachdem das Oberste Gericht von Kalifornien das Verbot für gleichgeschlechtliche Ehen aufgehoben hatte. Trauzeugen waren seine Star-Trek-Freunde Nichelle Nichols und Walter Koenig. George Takei verfasste mehrere Bücher und wendet sich via Facebook, Twitter und Instagram auch täglich an seine mehr als 14 Millionen Follower.

Cross Cult Verlag, George Takei, Justin Eisinger, Steven Scott (Text), Harmony Becker (Zeichnungen): „They Called Us Enemy. Eine Kindheit im Internierungslager“, Graphic Novel, 208 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Christian Langhagen.

www.cross-cult.de

  1. 12. 2020

Teatrul Naţional Radu Stanca Sibiu zeigt Thomas Perle

Oktober 24, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

 „LIVE“: Digitales Theater zum Zustand Europas

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

„Identitätshinterfragung und mediale Manipulation“ nennt der in Wien lebende rumäniendeutsche Autor Thomas Perle (Rezension seines Stücks „mutterseele“: www.mottingers-meinung.at/?p=24193, „karpatenflecken“ wird im Dezember am Burgtheater zu sehen sein), „Identitäts- hinterfragung und mediale Manipulation“ also nennt Perle die Grundideen seines aktuellen Projektes „LIVE“.

Wie manifestiert sich Wahrheit im Internet? Wie funktioniert ebendort die Beeinflussung? Perle lässt in seinem Text die Grenzen zwischen der viel beschworenen neuen Realität und der Fiktion verschwimmen – und hat mit Bobi Pricop am Teatrul Naţional Radu Stanca im rumänischen Sibiu einen Regisseur gefunden, der es ihm gleichtut. „LIVE“ ist ein Medienhybrid, ein Theaterstück von cineastischer Ästhetik, konzipiert für den digitalen Raum. Fünf Episoden, in denen aktuelle europäische soziologische Themen beleuchtet werden, ein Abend, der auf der Bühne für eine begrenzte Anzahl von Zuschauern stattfindet und gleichzeitig per Online-System einem Publikum im Netz zugänglich gemacht wird.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

Womit man auch von Österreich aus dabei sein kann. Gespielt wird in deutscher und rumänischer Sprache, mit den jeweils gegenteiligen und englischsprachigen Untertiteln. Die Schauspielerinnen und Schauspieler Johanna Adam, Yannick Becker, Emőke Boldizsár, Daniel Bucher, Anca Cipariu, Fabiola Petri, Daniel Plier, Valentin Späth und Ali Deac erzählen in den fünf Szenen Geschichten, die in enger Verbindung mit ihren persönlichen stehen. „Die in der Show beschriebenen Charaktere und Situationen spiegeln die Gedanken und Anliegen des gesamten Teams wider“, so Bobi Pricop über sein Work-in-Progress.

Und so ist man dabei, wenn eine aufgelöste Spielplatzmutti durch die nächtlichen Straßen irrt. Ihre Tochter wäre von einem Jungen belästigt worden, aber das sei doch kein Grund, dass dessen Mutter ihn bei Beschwerde so verprügle. Die zugeschalteten Kommentare reichen vom empörten „Leute, was passiert da mit uns?“ bis zum „Verkaufe Kinderbettwäsche“ … und Bildstörung … Beim einem Online-Spiel wird sich über Grenzen hinweggesetzt, nicht nur Landes-, sondern auch die von „Kill ihn! Schick‘ mir Kristalle! Benutze den Schild!“ Bis die Kombattanten im virtuellen Raum ihr wahres Ich erkennen, und eine zarte Love Story beginnt.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

#Corona-Theater im besten Sinne ist es, was hier geboten wird, in rotes Licht getauchte Kamerafahrten zeigen eine auf vier Kojen unterteilte Bühne, in denen je ein Darsteller, eine Darstellerin samt Technik-Team sitzt. Bei perfektem physical distancing wird per Laptop und Handy interagiert. „Ausgehend von unserer Frage nach Identität in der Krise kam die wirkliche Krise in Form der noch andauernden Pandemie“, kommentiert Perle das Gezeigte.

Eindrücklich ist derart ein Online-Bewerbungsgespräch, Fabiola Petri  und Daniel Plier, in dem sich eine multilinguale, rumänische IT-Spezialistin bei einem offenbar deutschen Jobvermittler vorstellt. Der der hochqualifizierten Frau mit überheblichen Sätzen wie „Es ist nichts Schlimmes daran, das Berufsfeld zu wechseln“ oder „Das sind nun einmal die Stellen für Menschen aus Ihrem Land“ Arbeit als Erntehelferin oder in der Pflege anbietet. Eine Diskussion, die sie „erschöpft, leer und sich wertlos fühlend“ beendet.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

Oder jenes Handy-Telefonat eines deutschen Chirurgen, Ali Deac, mit einer in Rumänien lebenden Mutter, ihr Sohn sei am Arbeitsplatz verunfallt und schwerstverletzt und sie müsse 900 € für die Kosten seiner medizinischen Behandlung überweisen. Lange lässt die Frau mit den schreckgeweiteten Augen auf sich einreden, bis sie fragt: „Und das ist kein Betrug …?“ Deutlicher und un/menschlicher als an diesen beiden Beispielen lässt sich das West-Ost-Gefälle innerhalb der EU, dieses seit 2007 unveränderte Zentrum-Peripherie-Modell kaum erklären.

Dies sei, sagt Pricop, eine Zeit „in der alles möglich und glaubwürdig ist, solange es gelingt, eine emotionale Verbindung zu unseren Schwachstellen, Veranlagungen oder Erwartungen herzustellen“. Und lässt das Ganze mit einer sarkastisch-heiteren Episode enden: Schauspieler Daniel Bucher als Journalist von „Guerilla Investigation“ auf der Suche nach jenem schwulen Priester, dem man in einem geheimen Kloster einem Folter-Exorzismus unterzogen haben soll.

LIVE: Screenshot / Teatrul Naţional Radu Stanca

Eine Schnitzeljagd mit jeder Menge Anrainer-Befragung, Bildern eines Mercedes fahrenden Klerus‘, neue Kirchen, kaputte Straßen, Schafe inmitten von Solarpaneelen und des Reporters Erkenntnis: „Um ehrlich zu sein, habe ich mir Rumänien ganz anders vorgestellt …“ Herrlich!

www.tnrs.ro/home

24. 10. 2020

Ich und Kaminski

September 17, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der alte Mann – und was mehr?

Daniel Brühl (Sebastian Zöllner), Jesper Christensen (Manuel Kaminski) Bild: © Filmladen Filmverleih

Daniel Brühl (Sebastian Zöllner), Jesper Christensen (Manuel Kaminski)
Bild: © Filmladen Filmverleih

Der ORF-Kulturmontag hat sie 2003 zusammengebracht. Daniel Kehlmann stellte seinen damals neuen Roman „Ich und Kaminski“ vor, Daniel Brühl und Regisseur Wolfgang Becker ihren damals neuen Film „Good Bye, Lenin!“. Das Buch wanderte von Hand zu Hand, nun liegt der Film (Drehbuch: Thomas Wendrich) dazu vor. Warum es so lange gedauert hat, erklärt Becker im Interview mittels Gegenfrage: „Wie schafft man es, dass das Publikum zwei eher unsympathischen Charakteren folgt, wo es doch auf positive Helden konditioniert ist?“ Vor allem, wenn dieses Publikum fürs Erste naturgemäß aus Filmförderern und Fernsehsendern bestand. Der französische Finanzier Canal+ sagte alsbald Au revoir – Becker: „Ich war in Paris im Büro eines jungen Redakteurs. Er wiegte sein Haupt hin und her, setzte die Bedenkenträgermiene auf und erklärte mir, dass er Schwierigkeiten mit den Hauptfiguren habe …“ -, und von diesem Schock hat sich der Film offenbar nicht mehr erholt. Er leidet an einer installierten Schwachstelle. Er ist einfach zu nett. Aus Kehlmanns mit der ihm in jüngeren Jahren eigenen Verbitterung geschriebenen Satire über den Kunst- und Kulturbetrieb – die berüchtigte biestige Vernissagenszene unterbelichtet Becker völlig – wurde ein knuffiges Roadmovie mit philosophischem Touch. Meister, ich habe nichts, sagt der Schüler zum weisen Bodhidharma. Und der antwortet, dann wirf es weg. Im von rührseliger Wehmut umwehten Moment am Meer hat Sebastian Zöllner den alten Kaminski endlich verstanden, Katharsis as Katharsis can. Selbst Becker sagt, müsse er noch einmal beginnen, er würde krasser erzählen.

So ist Jesper Christensen als Manuel Kaminski ein kauziges, in seinen Schrullen liebenswertes Schlitzohr. Der dänische Schauspielstar (www.jesperchristensen.dk; Eigendefinition: Stopped doing theatre in 98. Since then stupid men on film only, seit „Casino Royal“ Bond-Bösewicht Mr. White und auch in „Spectre“ wieder dabei), spricht die Rolle des polnischstämmigen Malerfürsts in Deutsch mit eigenwillig undefinierbarem Akzent. Daniel Brühl ist als Sebastian Zöllner mit Wuschelhaar, Dackelblick und Dreitageschatten um die Wangen sowieso zum Knuddeln. Die zynische, schnöselige Arschlöchrigkeit seines Buchpendants hat er nicht. Paradoxer- oder logischerweise macht gerade das den Reiz des Films aus, den Christensen in jeder Sequenz dominiert. Ihm steht die scheinverwirrte Fragilität im Alpenasyl ebenso wie die wiedererwachte Reiselebenslust. Solo für Opa, sozusagen. Christensen sind im Zusammenspiel mit Brühl die Momente zu verdanken, die an die Magie des Kinos glauben machen. Apropos, Kino: Viel an Jürgen Jürges Bildgestaltung schreit zu laut TV-tauglich. Es ist, als hätte man eine Farbe, eine Technik gesucht und sich für Naive Kunst entschieden, während Kaminski tatsächlich doch dem Fauvismus und dem Surrealismus verpflichtet ist. Diese Pinselführung übertüncht stellenweise Christensens und Brühls darstellerische Palette. Nicht von ungefähr hat eine der stärksten Szenen im Film mit dem Bild zu tun, nämlich als Brühl-Zöllner im Keller des Kaminski-Chalets dessen letzte Werke findet, überlebensgroße, expressionistische Köpfe mit zerkratzten, blutenden, leeren Augenhöhlen. Da versteht man, dass das durchaus charmante Geplänkel der beiden mehr Gewicht bekommen hätte können. Der als blind painter Berühmtgewordene und der gefühlsblinde Möchtegernbiograf. Der Manipulierer, der auf den Alten Meister trifft. Zwei sich in ihren Lebenslügen kreuzende Lebenswege. Es wäre was drin gewesen.

Becker lässt stattdessen eine Parade von Sonderlingen vorbeidefilieren. Die wichtigste unter ihnen: Geraldine Chaplin, die mit Brühl schon im anderen, ganz großartigen Alte-Leute-Film „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ von Stephane Robelin vor der Kamera stand, darf als Jugendliebe Therese Lessing im rosa Strickjäckchen schön neben der Spur sein. Während sie Millionenshow oder Glücksrad oder so etwas schauen will und Kaminski erkennt, dass er diese Frau nie gekannt hat, zeigt Brühl mit gezücktem Diktiergerät wie man sprachlos das Wort übertönt. Er, der auf den Aufregersatz, der nicht kommen wird, wartet, mit verkniffener Miene, bleistiftschmalem Mund, Spannung bis zum Platzen  – und nichts. Das Gesicht fällt in sich zusammen. Wie gesagt: Es wäre … Amira Casar spielt Kaminski-Tochter Miriam mit säuerlicher Besorgnis, optisch ein Paloma-Picasso-Klon, der großen Viviane de Muynck als Hausperle Anna geht die Loyalität aus, wenn sie mit Kohle befeuert wird. Stefan Kurt ist als sleeker Kunsthändler ein letzter Weynfeldt, Josef Hader ein grimmig-komischer Zugbegleiter, Karl Markovics darf als Komponisten-Zwillinge gleich doppelt auf die Leinwand. Denis Lavant kann als autostoppender Clochard Karl Ludwig gar nicht anders als brillieren. Jacques Herlin kann man in seiner letzten Rolle als Dominik Silva Salut sagen. Auch einen Insiderwitz erlaubt sich Becker: Der große gelbe Werbevogel, zuerst Jürgen Vogels Kostüm in „Das Leben ist eine Baustelle“, dann in „Good bye, Lenin!“ zu sehen, ist wieder im Bild.

Es ist also nicht so, dass „Ich und Kaminski“-Der Film einen quält, sehenswert ist vor allem, wie Becker seine Figuren nie mit einem „Gag“ fängt, sondern immer bemüht ist, ihren Seelen Raum zu geben, aber so richtig geht einem das Herz nicht auf. „Es ist seltsam Sie in meinem Leben zu wissen, seltsam und nicht angenehm.“ – „Berühmt sein heißt, jemanden wie mich zu haben.“ So ein Dialog zwischen Kaminski und Zöllner. So ein Dialog zwischen Buch und Film.

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Wien, 17. 9. 2015