Volkstheater: Erniedrigte und Beleidigte

September 16, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Exzellentes Ensemble spielt einen Dostojewski-Exzess

Der genialische Uwe Schmieder spielt einen der drei Wanjas, aber auch den betrogenen, verarmten Gutsbesitzer Ichmenew. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Im gegenüberliegenden Café hat man Sorge sowohl ums Volkstheater als auch um sich selbst. Das Stammpublikum bleibe dort ergo auch da aus, und die Jungen, die wüssten das Traditionslokal nicht zu schätzen: „Die stehen lieber mit der Bierdose vorm Haus.“ So beginnt der Abend zur zweiten Herbstpremiere der Intendanz Kay Voges. Mit erschreckend spärlich besetzten Reihen, und dies durchaus unverdient, denn ein exzellentes Ensemble spielt sich die Seele aus dem Leib.

In Sascha Hawemanns Bühnenfassung und Inszenierung von „Erniedrigte und Beleidigte“ – Dostojewskis Roman reloaded. Der ostdeutsch-jugoslawische Regisseur ergänzt den alten Russen um aktuelle Themen. Klimakrise, Diversität, Gleichstellung, davon war vor 160 Jahren noch nicht die Rede, doch wenn Fürst Walkowski und der Schriftsteller Wanja derlei zur Sprache bringen, gelingt Hawemann die Übung dies nicht als aufgesetzt-modernen Fremdkörper stehen zu lassen. Und apropos, Körper: Dostojewskis Personal nennt er „Splittermenschen“, wozu überaus stimmig passt, dass der Iwan Petrowitsch aka Wanja von den drei Darstellern Frank Genser, Samouil Stoyanov und Uwe Schmieder gestaltet wird (die beiden letzteren auch großartig in „Die Politiker“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47410).

Als noch überschwänglich junges, revolutionär mittleres und resigniertes altes Ich, die „Erniedrigte und Beleidigte“ eben erst zu Papier bringen, während sich das Bühnengeschehen darob schon entspinnt, Genser darin auch eingesetzt als nicht-die-hellste-Kerze-am-Kronleuchter Fürstensohn Aljoscha, während Schmieder als zweiten Part den, da vom Fürst betrogenen, verarmten, verhärmten Gutsbesitzer Ichmenew gibt. Der Rest ist schnell erzählt: Wanja liebt Ichmenews Tochter Natascha, Friederike Tiefenbacher, Natascha liebt Wanjas besten Freund Aljoscha, kurz lässt Hawemann sie enthusiasmiert von einer Ménage à Trois träumen. Doch der Fürst hat andere Pläne für seinen Adelsspross, nämlich die Heirat mit der vermögenden Gräfin Katja Fjodorowna, Evi Kehrstephan.

Um die Damenriege zu komplettieren, nimmt sich Wanja des Waisenkindes Nelly, Lavinia Nowak, an, eigentlich des Fürsten Tochter und ihre verstorbene Mutter dessen erstes Opfer bei seinem Jagdsport auf reiche Erbinnen. Kapitalistische Gier und Menschenverachtung, Hawemann zeigt sie als zentrale Krankheiten einer Gesellschaft ohne Utopien. Seine Wanjas sind nicht nur auktoriale Erzähler ihrer Geschichte und gleichzeitig Figuren in dieser, Berichterstatter, Bote und Personage, heißt: allwissend und unwissend in einem, sondern auch Alter Egos des Autors Dostojewski. Wie der Schriftsteller Wanja ums psychische wie physische Überleben kämpft, wie der Epilepsie-Kranke an Krampfanfällen leidet, das gemahnt doch sehr an seinen Schöpfer.

Die drei Wanjas Frank Genser, Samouil Stoyanov und Uwe Schmieder mit Friederike Tiefenbacher und Lavinia Nowak Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Der von Liebesqualen angekränkelte Wanja und Fürst Walkowski: Uwe Schmieder und Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

● In der ersten Hälfte der 1840er-Jahre stand Dostojewski dem Frühsozialismus nahe, was dem damals 28-Jährigen ein Todesurteil, eine Scheinhinrichtung und schließlich Zuchthaus in Sibirien einbrachte. Vier Jahre verbrachte er in Ketten in Omsk, darauf Jahre im Militärdienst in Semipalatinsk. Erst 1857 erhielt er seine Bürgerrechte wieder. Mit 38 Jahren beginnt Dostojewski seine Arbeit als Seismograph des Zeitgeschehens. Getrieben von Geldnot und um „Erniedrigte und Beleidigte“ veröffentlichen zu können, gründen sein Bruder Michail und er die Monatszeitschrift „Wremja“, in der Dostojewski seinen Roman in Fortsetzungen veröffentlicht. Eine Geschichte voll Daseinsdruck, Lebens- und Liebesdruck in St. Petersburg, der Stadt, die alle auffrisst.

Derart zwischen des Autors Kopfgefängnis und den verheißungsvollen Lichtern der Großstadt wechselt das Bühnenbild von Wolf Gutjahr, mal ein weißer Kubus, in dem lautloser Schnee fällt, mal zwei Riesenleuchtbuchstaben: das kyrillische Я, gesprochen als „ja/ich“ und das ж, erste Letter des Wortes Leben. Das dritte Bühnenobjekt, ein ausgehöhltes Kartonkreuz als mit den Romanseiten tapezierte Wohnstatt, Ikonen-geschmückte Kirche, abgründiger Gulag, zitiert Malewitschs „Schwarzes Kreuz“ aus dem Jahr 1923.

Und so beginnt die Aufführung im Schneeschauer, Schmieder wild um sich schreibend, Genser als Flagellant, Stoyanov, der die Christuspose übt – und abwinkt. Als Schmieder mittendrin zum Gutsbesitzer mutiert, bescheidet er die anderen Wanjas: „Ich bin jetzt der Vater, mach‘ du.“ Andreas Beck zieht vorüber als magerer Smith, dies naturgemäß ein Lacher, Nellys Großvater. Als den ihn Tragikomiker Stoyanov entlarvt, liegend im sich schneller drehenden und Schmieders Schreibtempo beschleunigenden Krankenhausbett. Stoyanov diktiert Schmieder die Zeilen, zu denen er befriedigt feststellt: „Das ist wirklich super.“ Während nebenan Wanja-Genser skurrilsinnig am Feindesnamen in Liebesdingen – Aljoscha – fast erstickt. Ja, das Volkstheater um Kay Voges und seinen Regie-Gästen hat eine expressiv eigene Art zu agieren, doch an dieser Stelle hat man entschieden dies erstmal zu mögen …

Friederike Tiefenbacher als Natascha Nikolajewna und Uwe Schmieder als von der Liebe zu Boden gerungener Wanja. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Im roten Kreuz: Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck und Evi Kehrstephan als Gräfin Katja Fjodorowna. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Zum russisch-melancholischen Klavier- und Gitarrensound von Multiinstrumentalist Xell. entwickeln sich die Generationen-/Konflikte parallel, Schmieder gegen Tiefenbacher, Beck gegen Nowak, die Spielerinnen und Spieler oft nur Schatten im gleißenden Gegenlicht, die Konzentration ganz auf die Sprache gerichtet. Intensiv ist die Begegnung zwischen Wanja-Schmieder und Nelly-Nowak, der Engel mit der Erinnerung des Schmerzes und Aljoschas nervös tänzelnder Liebesplatzhalter. Nowak, die mit sexualisierten Gesten für die pädophile Kundschaft Nellys Strumpfhose bis zu den Knöcheln abstreift. Ein Symbol für deren Ausbeutung als Kinderprostituierte, wie Hawemann generell mehr auf symbolhafte Handlungen denn auf fein ziselierte Charakterstudien setzt.

Solcherart sucht er scheint’s das Spezielle ins Universelle fortzuschrauben. Mit subtilem Humor, der tyrannische Patriarch, Achtung: doppelter Wortwert, Beck besucht Opferlamm Natascha im roten Kreuz: „Je tugendhafter eine Handlung ist, um so mehr Egoismus steckt dahinter“; dann wieder plakativem Sarkasmus, Aljoscha zu Wanja: „Pseudoschriftsteller! Du kriegst nicht mal eine Inhaltsangabe hin!“ – und Tschingderassabum. Den Slapstick nicht zu vergessen, wenn die drei Wanjas am Rande des Nervenzusammenbruchs balancieren oder sich ein Klavierkonzert Katjas für Aljoscha zum Orgasmusstück  auswächst, Evi Kehrstephan, eine von vier übernommenen Kräften, die allerdings jetzt erst im Volkstheater so richtig angekommen wirkt.

Friederike Tiefenbacher überzeugt als frühsozialistische Heldin, deren Beispiel Katja dazu bewegt, ihr Erbe fürs Gemeinwohl spenden zu wollen, Andreas Beck als ihr Gegenpol des jovialen Reaktionärs, der seinen Sohn für einen Trottel hält und Wanja vorwirft, sich schriftstellerisch nur für Elend, Revoluzzer und den Rand der Gesellschaft zu interessieren, statt ein Loblied auf Urbanisierung und Industrialisierung zu singen. Alldieweil Schmerzensmann Schmieder als von seinen Figuren heimgesuchter Wanja diese nach und nach entgleiten.

Bei der Bubnowa: Friederike Tiefenbacher mit Lavinia Nowak, Samouil Stoyanov als Wanja und Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Führt Klage gegen ihre pädophilen Freier: Lavinia Nowak als des Fürsten Fehltritt Nelly und Frank Genser. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Es mag ein Seitenhieb aufs Was-bisher-Geschah sein, wenn er die Meinungsmacher und Verfasser schlechter Kritiken auffordert, den ersten Stein zu werfen, oder die Saalflüchtlinge, die es auch bei dieser Premiere gibt, rügt, erst „für die erste Reihe links“ zu zahlen, nur um sich dann „rechtschaffen“ aufregen zu können. Zitat Dostojewksi: „Diese Erneuerung des Schmerzes und der dadurch erzielte Genuss waren mir verständlich: diesen Genuss bereiten sich viele Erniedrigte und Beleidigte, die vom Schicksal niedergetreten sind und sich der Ungerechtigkeit desselben bewusst sind.“

Mit Dostojewskis Reiseskizze „Winterliche Aufzeichnungen von Sommereindrücken“ über seinen Weltausstellungsbesuch des Londoner Kristallpalasts 1862, ihm ein Turm zu Babel und wie eine Prophezeiung aus der Apokalypse, als welche er die nach Westen zu immer stärkere Zusammenballung der Industrie ansieht, die eine Aufhäufung von gewaltigen Reichtümern, aber auch von massenhafter Armut mit Kinderarbeit, Prostitution und Alkoholismus und dazu noch eine hemmungslose Zerstörung der Natur mit sich brachte – heute zu lesen als globale Kapitalismuskritik und jener am Glauben ans unendliche Wirtschaftswachstum, endet das Ganze.

David Bowie singt vom Band „Space Oddity“, man hat bildgewaltige, fieberträumerische Szenen gesehen, ein fabelhaftes Ensemble, das mit Verve durch Hawemanns Matrix aus Begehrlichkeiten, Gewalt und Selbst-/Aufgabe turnt. Einem Storytelling, das etwas Straffung vertragen könnte, in das man sich aber ohne Weiteres auch emotional involvieren darf. Der Applaus des bis zum Schluss verbliebenen Publikums war herzlich. Zugegeben, noch hat Kay Voges‘ Rakete nicht abgehoben, aber die Triebwerke sind schon mal gezündet. „And I’m floating in a most peculiar way / And the stars look very different today …“

www.volkstheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=_zPDiCmq4Pw

  1. 9. 2021

Volkstheater: Die Politiker

September 5, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sozialsystem reimt sich auf Hände in der Creme

Andreas Beck, Rebekka Biener, Bettina Lieder, Lavinia Nowak, Nick Romeo Reimann, Gitte Reppin, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Christoph Schüchner, Samouil Stoyanov, Stefan Suske, Friederike Tiefenbacher und Anke Zillich. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

„Gibt es Fragen bis hierher?“, so wendet sich Samouil Stoyanov zwischendurch ans Publikum. Äh – jein? Dessen fast noch neuer Intendant Kay Voges eröffnete die neue Saison am Volkstheater mit Wolfram Lotz‘ „Die Politiker“. Eine österreichische Erstaufführung, die Anmerkung dazu später. Was Lotz liefert und Voges ausstellt, ist dramatisierte Lyrik, ein für die Bühne erdachtes Gedicht, ein Sprachsoundtrack, aus dessen Wortkaskaden vor allem eines deutlich wird: Politiker, Politika, Politikae, Politiker et cetera pp …

Daraus Erkenntnisgewinn ziehen zu wollen, ist ebenso sinnvoll, wie einem Frosch das Singen beizubringen, vielmehr muss man sich von diesem Gedankenstrom, diesem Un-/Bewusstseinsstrom mitreißen lassen, der die Akustik politischer Gegenwärtigkeiten unter reichlich Rauschen über die Rampe schwappt, hinein in einen Zuschauerraum Fleisch gewordener Fragezeichen. Die Assoziationskette wie der Geduldsfaden, sie reißen mancher und manchem schon beizeiten.

Was man aus diesem Abend jedenfalls mitnehmen kann, ist dies: Das renovierte Haus kann technisch Tausend, was gut ist, denn Voges ist mit dieser Grandiositätsapparatur offensichtlich nicht angetreten, um zu kleckern, sondern zu klotzen. Und er hat dafür ein wunderbares, wortdeutliches Ensemble um sich versammelt, Charakterköpfe, wie von FX Messerschmidt gemeiselt, die mit einer Verve durch den Textraum turnen, die Gefühle, Zitate, Gerüchte, Beobachtungen derart hochmusikalisch ineinander morphen, dass man sich auf weitere Begegnungen mit ihnen freut.

Bevor Andreas Beck, Rebekka Biener, Bettina Lieder, Lavinia Nowak, Nick Romeo Reimann, Gitte Reppin, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Christoph Schüchner, Samouil Stoyanov, Stefan Suske, Friederike Tiefenbacher und Anke Zillich zum Zug kommen, ist aber erst mal ein kleiner Kameraroboter in Reihe sieben dran, der Naturaufnahmen des kanadischen Filmemachers Michael Snow mit Livebildern des Publikums überblendet. Zu leuchtend-luziden 3D-Anmutungen, die Lotz‘isch kaleidoskopisch rotieren, während die Live-Musik von Dana Schechter und Paul Wallfisch dröhnt, dass die Tribüne es einem durch Mark und Bein vibriert.

Uwe Schmieder, Samouil Stoyanov, Nick Romeo Reimann, Stefan Suske und Christoph Schüchner. Bild: © Marcel Urlaub

Die großartige Gitte Reppin2 dank der Live-Kamera. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Andreas Beck vor dem gläsernen Büro-Karussell. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Bettina Lieder, Samouil Stoyanov, Rebekka Biener und Uwe Schmieder. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

„Die Politiker“, da wird nicht nur für die Augen was geboten, da gibt’s auch ordentlich was auf die Ohren. Aus dem Halbdunkel schälen sich dreizehn Gestalten in Weiß, noch schlafen sie in ihrer Brutstätte, doch gleich werden sich die Areopagiten erheben, als choreografierter Chor à la griechischer Tragödie, in die Jetztzeit geworfen, um die Polis über „Die Politiker“, die πολιτικά/politiká zu unterrichten. Im Setting von Michael Sieberock-Serafimo- witsch – Kostüme: Mona Ulrich, Video Art: Max Hammel, Marvin Kanas, Roboter-Programmierung: Mauritius Luczynski, Live-Kamera: Manuel Bader – dreht sich ein Karussell gläserner Büros um eine Art Agora, der antike Eindruck verstärkt durch die mit Bildschirmen bewehrten David von Michelangelo und Nike von Samothrake.

Was nun auf diversen Screens, groß, klein, überdimensional, multiperspektivisch anhebt, ist ein Klagelied, und ja, der Chor singt auch, eine poetische Überflutung an Erwartungen, Entsolidarisierungen, Verärgerungen, Klischees, alternativen Wahrheiten, Stammtisch-Weisheiten, Paranoia – und Absurdität. „Die Politiker“, sie sind Hass-Subjekte, Hoffnungsträger, Un-/Heilsbringer, Projektionsfläche, Verantwortliche für eigenes und fürs eigene Versagen. All dies ist nicht bis zum heraufdämmernden Erklärungsnotstand durchdekliniert. Kay Voges‘ Inszenierung ist ein Gesamt-Überforderungs-Kunstwerk, Theater der Grausamkeit reloaded, dass der alte Artaud seinen Spaß daran gehabt hätte.

Voges‘ Albtraum-Ringelspiel ist intensiv, aufwühlend, amüsant, irrwitzig, ironisch, und wer die Sogwirkung der Performance leugnet, der lügt. Lotz fabuliert nach reim dich, oder ich fress dich, Sozialsystem auf Hände in der Creme; eins der lässigsten Gadgets ist die Gesichterparade von Caesaren über Stalin, Mao, die Kennedys, Obama, Putin … bis zu Super Mario. Die Spielerinnen und Spieler sind allesamt Autoren-Ichs (einmal auch Lotz‘ Katze), die – mal die, mal der – aus der Reihe und zu einer spezifischen Suada antreten.

Bettina Lieder, Ensemble, vorne: Uwe Rohbeck. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Zwischen hausbackener Kauzigkeit, Marktschreierei und dem Aufzählen von Salatsorten, zwischen Hauskatzen und Hitler fällt einem Anke Zillich auf, Andreas Beck nach dem „Theatermacher“ einmal mehr, ebenso wie Uwe Rohbeck (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46859), immer wieder Stefan Suske, Gitte Reppin2 dank der Live-Kamera, Nick Romeo Reimann mit den

totenweißen Augen, Heimkehrer Christoph Schüchner, der in Sofia geborene, in Linz aufgewachsene Samouil Stoyanov, der die Sympathiewerte, wie’s die Wienerinnen und Wiener so gern haben, zum Publikumsliebling mitbringt – wie Beck und Stoyanov fassungslos einem flüchtenden Zuschauerpaar nachgaffen, wirkt’s wie bestellt.

Uwe Schmieder schließlich, per se ein Teiresias, dem die zweifelhafte Ehre eines Arschfickerei-Monologs zukommt, dada-gaga, doch ein bundesdeutsches Namedropping, zu dem sich hierzulande kaum Bezug herstellen lässt. Eingedenk der Tatsache, wo die Herrschaften nunmehr Theater machen, und da Lotz bei der Premiere ohnedies anwesend war, ließe sich dieser Absatz vielleicht verösterreichern?

„Wollen wir in so einer Kultur leben?“, fragt Schmieder. Durchaus. Zumal als nächstes eine Dostojewski-Dramatisierung und Susanne Kennedys „Drei Schwestern“ nach Tschechow anstehen. Theater, dies nicht zu vergessen, darf polarisieren, die Geister scheiden und erboste Buh-Rufe provozieren. Es darf nur eines nicht: langweilen. Und das tun Kay Voges und Team keineswegs. In diesem Sinne ist „Die Politiker“ eine Herausforderung, eindreiviertel pausenlose Stunden an genüsslich zelebrierter Repetitionserotik mit einem Ensemble, dass sich mit Lust die Lotz’schen Un-/Sinnsätze auf der Zunge zergehen lässt. Was das Weitere betrifft: Herausforderung angenommen!

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  1. 9. 2021

Volkstheater: Der Theatermacher

Mai 27, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas. Bernhard. Dekonstruktion

Der Theater-Blutwursttag war manchem im Publikum nicht Blunzn: Uwe Rohbeck, Nick Romeo Reimann, Anna Rieser und Anke Zillich. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

„Was hier / in dieser muffigen Atmosphäre“, das ist seit 35 Jahren des Publikums liebstes Thomas-Bernhard-En­t­rée, in launiger Runde längst zum Zitat geworden, und man erinnert sich: Traugott Buhre, Kirsten Dene, Josefin Platt, Martin Schwab, Bibiana Zeller, der sprachlos seine Hängebäckchen schwabbeln lassende Hugo Lindinger. „Als ob ich es geahnt hätte“, brachte der neue Volkstheaterdirektor Kay Voges, wie’s alle antretenden Intendanten tun, seine

bühnenerprobte Inszenierung vom „Theatermacher“ mit nach Wien. Gestern Dortmund, heute V°T, übermorgen …? … Fotzbach. Hatte man auch schon überlegt, diese Rezension zu titeln. Oder: Thomas. Bernhard. Auslöschung. Ein Zerfall. Doch das ist ja aus dessen Prosa, und mit seinem „Mein Gott / nicht einmal zum Wasserlassen / habe ich diese Art von (Gast-)Häusern betreten“, fährt Andreas Beck den ersten Lacher ein, denn – Text-Bild-Schere – das Volkstheater glänzt derart in seiner frischrenovierten Pracht, dass es eine Freude ist. Von wegen Utzbach wie Butzbach, die zum House Warming angetretene Truppe wird sich damit arrangieren müssen, dass Wien sich für den Theaternabel der Welt hält.

Immerhin: Voges und Team wurden freundlicher empfangen, als ihre VorgängerInnen, bis auf ein paar vehemente Buh-Rufer gab’s viel Applaus, vor allem absolut verdient für die Darstellerinnen und Darsteller. Der Rest wird die Geister scheiden, in jene, die jedes Bernhard’sche Wort für sakrosankt halten, und jene, die dem postmodernen Dekonstrukteur und notorischen Theatertechnikinnovator Kay Voges bereit sind, auf seinem Weg zu folgen. Die zuletzt verloren gegebene Schlacht ums Stammpublikum – tja, man wird sehen. Leicht konsumierbar ist, was zu erwarten war, jedenfalls nicht.

Zum Atemanhalten also die Frage, ob’s und wie’s den – schon wieder – deutschen Theatermachern gelingen wird, den urösterreichischen Nestbeschmutzer über die Rampe zu bringen. Und die erste Dreiviertelstunde wird man tatsächlich im Alles-Roger-Glauben gehalten. Die Bühne von Daniel Roskampf ist eine Baustelle, wie‘s das Dortmunder Schauspielhaus weiland war. Sichtbeton, Staub, eine Sprinkleranlage, zwei Rolltore, vier Feuermelder, fünf Notbeleuchtungen, neun Feuerlöscher. Alles sehr vorschriftsmäßig.

Auch Andreas Beck, ein Bär (den’s später aus der Requisite geben wird) von einem Mann, der den Bruscon ohne die üblichen Mimen-Mätzchen anlegt, mit funkelnder Sprache und glasklaren Schimpftiraden, hinter denen die Gefährlichkeit der Verzweiflung lauert. Kongenial an seiner Seite Uwe Rohbeck als wieselflinker, spindeldürrer Wirt des „Goldenen Hirschen“, in dessen Tanzsaal der Staatsschauspieler mit seiner Sippschaft seine selbstverfasste Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ aufführen will.

Jeder darf Bruscon sein: N. R. Reimann. Bild: © N. Ostermann / Volkstheater

Anke Zillich, hi.: Uwe Rohbeck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

und Punk Anna Rieser. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Beck ist ein mächtiger Bruscon, der sich dessen überschnappende Suada auf der Zunge zergehen lässt. Zu den Schwerfälligkeitsmenschen, den Inkompetenzschmierern, der hustenden Gattin, den untalentierten Kindern, dem Machtmenschen Feuerwehrhauptmann Attwenger, im Saal sitzend, „seltsam verwachsene Menschen, hässlich, mit Masken, wahrscheinlich eine Seuche, Schweinepest“, fügt er andere hinzu: „Intendantenpipi, Intendanten- pimmel“, „Ist doch alles zu, nur bis 22 Uhr offen“, „Die nächsten 14 Tage werden entscheidend sein“. Und etwas stutzig macht hier der queere Wirt und wie er seinen enormen Gast studiert, ihn kopiert. Warum das alles?

Weil sich hier das Rad der Geschichte unablässig dreht, nach ein wenig Verdi beginnt alles von vorne, die Theaterwiederholungsqual, die lebenslängliche Theaterkerkerhaft. Oben am Portal leuchtet von neunen nun die Zahl zwei auf, jahaha, so oft wird’s revolviert werden, „Was hier / in dieser muffigen Atmosphäre“. Runde zwei ist schneller, härter, schnoddriger. Beck spielt mit verschärftem Tempo, gelockerter Zunge und würzt den Text mit mehr und mehr improvisiert-aktuellen Anspielungen.

Ein Eisbär, dessen Augen rot glühen, wird auf die Bühne geschoben und schließlich, um deutlich zu machen, wer der wichtigste Theatermacher im Lande ist: eine Hakenkreuz-Parodie. Die eingegipsten Arme von Sohn Ferruccio, Nick Romeo Reimann, verdoppeln sich von eins auf zwei. Wieder bei der Frittatensuppe angekommen, geht’s zur #3, Beck und Rohbeck tauschen die Rollen, die beiden ein grandioses Komödiantenduo und der spillerige Rohbeck im Nadelstreif eindeutig ein Kay-Voges-Lookalike. Wohingegen Beck nun der denkbar schlechteste Stichwortgeber ist, körperlich ein Rohbeck hoch3, der dem hippelig hampelnden Hochkulturgenius hinterherhinkt.

Das beiläufige „Heute ist Blutwursttag“ wird zum Minimelodram, nicht jeder auf den Rängen goutierte die dazu servierten Hakenkreuz-Tutus. Wie auch immer, Beck und Rohbeck werden dem Wiener Prädikat Publikumsliebling wohl nicht mehr entgehen. Und weiter geht’s zur Leuchtziffer vier unterm Castorf’schen Räuberrad. Nun wird Sohnemann Reimann zum hellblau-gestreiften Theatermacher und singt den Bruscon-Text im grausigen Musicalton, während Andreas Beck als voll vergipster Sohn im Elektrorollstuhl herumfährt. Das Tempo beschleunigt sich weiter, die Späße werden gröber.

Tauschen alsbald die Rollen: Andreas Beck und Uwe Rohbeck. Bild: © Birgit Hupfeld / Volkstheater

So stellt man sich den Theatermacher vor: Uwe Rohbeck. Bild: © Birgit Hupfeld / Volkstheater

Andreas Beck, Anna Rieser, Nick Romeo Reimann und Eisbär. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Nick Romeo Reimann und im Ganzkörpergips Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Danach rast das Ensemble bei den Nummern 5 bis 8 in die Abgründe eines Albtraums, in dem die Mutter, Anke Zillich, die Theaterhölle dirigiert. Sie und Tochter Sarah, die herrlich koboldhafte Anna Rieser als Macho-Punk, den Busen mit schwarzen Klebestreifen ausgeixt und die Schrift „Fickt die Väter“ auf dem Jackett tobt sie durch die Zuschauerreihen, sind jetzt die Theatermacherinnen und verkehren alle Machosprüche in ihr Gegenteil: „Mit Männern Theater zu machen ist eine Katastrophe.“ Das ist das ultimative Gendern der Kunst. So manche freut’s, so mancher, der Herr hinter einem etwa, reagiert, als hätte es wer gewagt, die Bibel umzuschreiben.

Theaterblut fließt am Blutwursttag, die Spielregeln zwischen dies- und jenseits der Bühnenrampe, diese „jahrtausendealte Perversität, in die die Menschheit vernarrt ist“, löst sich auf in chaotische Effekte. Die Theatertechnik zieht ein Register nach dem anderen. Harte Beats, rotierende Scheinwerfer, wirbelnde Schriftprojektionen von Schimpfwörtern, verzerrte Stimmen. Nebel und horrorbunte Farben fluten die Bühne, an den Wänden schlängeln sich grandiose halluzinogene Videos von Mario Simon.

Dass die Echoräume des Bernhard’schen Stücks sich verschoben hätten, wo heute doch jede und jeder seine Rants und rückkoppelnden Empörungsschleifen in den Social Media loswerden könne, beschreibt Kay Voges seine Arbeit. Sein Performance-Parforceritt ist eine Tiefenbohrung sowohl in Text als auch zeitgenössische Theatergeschichte, von Apostel Peymann zu Zertrümmerer Castorf, von Musical-Kitsch zu aktionistischem Feminismus, von Diskurstheater zu toxischer Männlichkeit. Ein Horror. Ein Horror, der nicht ohne sich stetig schneller drehenden Empörungsspirale, theatraler Selbstironie und kritischer Selbstbefragung abgeht. Wie noch Schauspiel, wie Volkstheater machen im post-post-post-Zeitalter?

Voges fördert zutage, was Bernhard heute und für alle Zeiten ausmacht. Eine Aktualität, die in den Eingeweiden der Theaterhäuser rumort, und Voges sticht mitten hinein ins Schweizerhaus-Stelzenfett* der hiesigen Bernhard-Verehrung. Nun heißt es gespannt sein auf Lucia Bihlers, sie die Hausregisseurin der Berliner Volksbühne, Version der „Jagdgesellschaft“ am Akademietheater. Prognose: So frisch, provokant und kontroversiell wie im Jahr seines 90. Geburtstages hat man den mittlerweile Salonklassiker Thomas Bernhard auf heimischen Bühnen lang nicht mehr gesehen.

[Anm.: www.youtube.com/watch?v=hh4haKOmm68]

www.volkstheater.at

  1. 5. 2021

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt

August 16, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sehnsuchtsland ist es zum Sterben schön

buch 1Die große Kunst des Catalin Dorian Florescu ist es, ein Buch geschrieben zu haben, das sich zwischen einer rumänischen Leprakolonie und 9/11 bewegt, und das es einem trotzdem warm um die Seele macht. „Der Mann, der das Glück bringt“ ist ein Roman, so poetisch und so voll melancholischer Heiterkeit, dass man gar nicht anders kann, als ihn zu lieben. Dabei erzählt Florescu von Überlebenskampf und Aberglaube und Armut und davon, dass es am unteren Broadway genauso Ghettos gibt, wie im unteren Donaudelta.

Doch die, die da am Rande von Sulina und Sfintu Gheorghe leben, wissen davon nichts, wollen davon auch nichts wissen. Für sie ist Amerika das Sehnsuchtsland, zum Sterben schön, während die anderen, die dort sehr unschön sterben mit dem städtischen Totenschiff zum Armenfriedhof Potters’s Field auf Hart Island geschippert werden. Ungefähr 800.000 Tote sind hier bestattet, etwa 1500 kommen bis heute jährlich dazu, das Betreten ist verboten …

Zwei sich abwechselnde Ich-Erzähler führt der Autor ein, Ray und Elena, er New Yorker Kleinkünstler jenseits der besten Jahre, so er je welche hatte, sie Touristin mit einem Auftrag. Sie will die Asche ihrer Mutter hier beerdigen, aus einem ganz bestimmten Grund, der mit betrogener Liebe zu tun hat. Doch dann stürzen die Türme ein, Elena flüchtet sich in Rays Kellertheater, es gibt plötzlich zu viel Asche, um die private Katastrophe von der weltpolitischen zu trennen, es gibt kein Rauskommen, also erzählt man einander Geschichten. Um die Angst zu überwinden und Vertrauen zu schaffen. Von der Familie und der eigenen Vergangenheit.

Und es ist dies die einzige kritische Anmerkung zu diesem großartigen Text: Über Elena, die sich lange als Waisenkind wähnte, hätte man gerne mehr gelesen, gerne hundert Seiten mehr. Ihr Herumgereichtwerden von einer Pflegefamilie zur anderen, vom intellektuellen Nomenklatura-Lehrerpaar über die systemkonform betrunkenen Bauersleute bis zur linientreuen Arbeiterfamilie, sieht sie selbst als Leben im „Querschnitt des kommunistischen Rumäniens“. Dazu Abscheu und Neugier bei der endlichen Annäherung an ihre leibliche Mutter, die im letzten Leprosorium Europas bei Tulcea weggesperrt wurde; noch heute leben in der Anlage etwa zwei Dutzend Patienten, seit dem Ende des Kommunismus steht es ihnen frei zu gehen, doch sie sind alt und schwach und entstellt …

Über diese Elena also wollte man mehr wissen, diese Textilarbeiterin über Vierzig, über die ihr Schöpfer sagt, sie sei ein Mensch, der sich keine schmerzlindernde Lebenslüge zugestehe und diese Strenge habe ihre Gesichtszüge geformt. Doch Florescus Herz hängt an dem „Mann, der das Glück bringt“, eine schillernde Persönlichkeit, Rays Großvater, er tatsächlich elternlos, lange ein Namenloser, weil er je nach Gelegenheit einen irischen, jüdischen, italienischen annimmt, und der mit seiner kindlichen Caruso-Stimme zum Tröster gefallener Mädchen und zum Helfer eines Bestatters wird, der sich auf kriminellen Abwegen die Kundschaft selbst besorgt, aber niemals zu dem großen Vaudeville-Künstler, der er sein möchte. Das alles beginnt im Jahr 1899. Und Florescu fügt seiner Geschichte die sogenannte große hinzu.

So entsteht ein Zeitbild, in das Gerhart-Hauptmann-Premieren in Berlin einfließen, Theodor Herzls Ankunft in Jerusalem, die Ermordung Rosa Luxemburgs und die Parteigründung eines gewissen Mussolinis, die Protagonisten haben keine Ahnung, was das alles bedeutet, und ein Bericht der Times über das erste Automobil. Mit viel Gespür für Zeitströme und Grenzgänge zeichnet Florescu die USA als eine von politischen und Wirtschaftsflüchtlingen geschaffene Nation, er zitiert The Herald: „Es ist grausam, die vielen unglücklichen Kreaturen zu sehen, die täglich ohne einen Penny und unfähig, sich selbst zu ernähren, an unsere Küste gespült werden.“ Er zeigt eine Welt, in der die Bevölkerung der einen Hälfte schon immer und immer wieder in deren andere gelangen will.

Die Donau wird dafür ebenso zum Sinnbild wie der Hudson River. An einer Stelle heißt es über erstere, dieser „Abwasserkanal“ lagere im Osten alles ab, was ihr weit entfernt im Westen übergeben werde, „die Ausscheidungen der Menschen, den Abfall und die Abflüsse aus Tausenden von Fabriken.“ Die Sprache, in der dies geschrieben ist, hat einen teils fernen, teils vertrauten Klang, die von Ray und Elena und ihrer Mutter und seinem Großvater ist jedes Mal anders und doch eins. An manchen Stellen überschlagen sich die Stimmen vor Fabulierlust, an anderen stellen die Charaktere unsentimental ihre Schicksale dar, und ihre vergeblichen Versuche, jeder auf seine Art, dem Vorgezeichneten zu entgehen. Eines, man bewegt sich schließlich in Varieté-Kreisen, betrifft den Fahrradakrobaten Joe Jackson. Der „starb auf der Bühne, nachdem ihn das Publikum fünf Mal zurückgeholt hatte, damit er seine Nummer wiederholte. Seine letzten Worte waren: ,Mein Gott, sie klatschen immer noch.‘“

Ray erzählt Elena diese Anekdote, der Satiriker wird die Existenz der Spaßbefreiten auf den Kopf stellen, ihr Dasein so kräftig durchschütteln, bis sie weiß, wie sich Lebendigsein anfühlt. Denn Ray ist nun der „Mann, der das Glück bringt“, er kann Drama zumindest in Tragikomödie wandeln, und er tut dies nicht im Mittelpunkt, sondern gleichsam am Ende der Welt. So münden die beiden Lebensströme in einem Liebesmärchen; Florescus Buch ist eine Reverenz an die Fähigkeit des Menschen, dies allen Widrigkeiten zum Trotz zu tun: aufbegehren und einander zu begehren. „Er stand neben meinem Bett mit einem Kissen in den Armen und schaute mich an … Ich hob die Decke an und machte ihm Platz.“

Über den Autor:
Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timisoara in Rumänien, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er veröffentlichte die Romane „Wunderzeit“, „Der kurze Weg nach Hause“, „Der blinde Masseur“ und zuletzt den bereits in neunter Auflage veröffentlichten „Jacob beschließt zu lieben“. Er erhielt zahlreiche Preise – unter anderem den Anna-Seghers-Preis und 2011 den Schweizer Buchpreis. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Josef-von-Eichendorff-Literaturpreis für sein Gesamtwerk geehrt. Für das Manuskript seines neuen Romans erhielt er das Werkjahr der Stadt Zürich.

C. H. Beck, Catalin Dorian Florescu: „Der Mann, der das Glück bringt“, Roman, 327 Seiten.

www.chbeck.de

www.florescu.ch

Wien, 16. 8. 2016

Mike Smith: Boko Haram. Vormarsch des Terror-Kalifats

September 24, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Augenzeugenbericht über Nigerias unheiligen Krieg

9783406682193_coverSchätzungen zufolge sind mehr als eine Million Menschen, darunter viele Kinder, auf der Flucht. Mehr als 10.000 Menschen sind seit 2009 in Nigeria, dem mit ca. 170 Millionen einwohnerreichsten Staat Afrikas, ums Leben gekommen – das Werk der Terror-Miliz Boko Haram. Doch woher kommt diese fundamentalistische islamische Gruppe, die so viel Schrecken, Angst und Gewalt in Nigeria und seinen Nachbarstaaten verbreitet? Der amerikanische Journalist Mike Smith hat sich drei Jahre lang auf die Spuren dieser Fanatiker geheftet und seine Eindrücke und Ergebnisse in dem brandaktuellen Buch „Boko Haram – Der Vormarsch des Terror-Kalifats“ niedergeschrieben.

Und diese geben großen Anlass zur Sorge, für die Menschen in Nigeria, aber auch weltweit. Denn eines ist sicher: Eine zufällig zusammengewürfelte Bande, wie manche nigerianische Politiker und Militärs der Weltöffentlichkeit weiß machen möchten, sind Boko Haram sicher nicht. Das wäre auch eine allzu einfache Erklärung. Die Wurzeln und Gründe für ihr Entstehen bzw. ihr Erstarken in den letzten Jahren liegen tiefer. Sowohl in der nigerianischen Gesellschaft als auch in der leidvollen Geschichte des westafrikanischen Staates, der 1960 seine Unabhängigkeit von den britischen Kolonialherren erhielt. „Boko Haram ist ein Problem, das seine Wurzeln in Nigeria hat und das die Nigerianer lösen müssen“, weiß der Autor und Kenner des Landes.

Smith geht auf Spurensuche. Er befragt nigerianische Politiker, Militärs, Einwohner, Sympathisanten und Opfer von Boko Haram, die aus ihrer Sichtweise die Ereignisse schildern. Er reist an die Orte der Gewalttaten und macht sich ein Bild. Er besucht, trotz Behinderungen der lokalen Behörden, die Millionenstadt Kano im Norden des Vielvölkerstaates, wo Anfang 2012 einige Tage bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten und sich die Armee und Boko-Haram-Kämpfer wilde Gefechte lieferten, Abuja, die Hauptstadt, wo 2011 ein Sprengstoffanschlag von Boko Haram auf ein UN-Gebäude mindestens 23 Todesopfer forderte oder Chibok und die Schule, aus der am 14. April 2014 300 Mädchen von den Islamisten verschleppt wurden. Viele von ihnen sind bis heute nicht aufgetaucht. Damit entsteht ein lebhaftes Bild der Ereignisse und ein Buch, das weit über das Sollen und Wollen eines Sachbuches hinausgeht.

Nigeria ist heute Afrikas größte Volkswirtschaft, doch das bedeutet für die Mehrheit der Nigerianer, die weiterhin von weniger als einem Dollar pro Tag leben muss, wenig oder gar nichts. Sie ist gezwungen, sich irgendwie über Wasser zu halten, während ihre Führer und korrupten Wirtschaftsmagnaten sich, von der Polizei eskortiert, mit ihren Geländewagen gewaltsam den Weg durch den Verkehr bahnen und hinter den Schutzmauern ihrer Wohnanlagen verschanzen. Schmiergelder gehören in Nigeria ebenfalls zum Alltag, und dann gibt es noch den Unterschied zwischen dem großteils muslimischen Norden und dem christlichen Süden, in dem sich die Erdölvorkommen des Landes befinden. Gewalt prägte und prägt die Geschichte des westafrikanischen Staates. Auch nach der Unabhängigkeit 1960, die im Sezessionskrieg Biafras (1967-1970) und dessen Scheitern gipfelte. Die Kultur des Nordens unterscheidet sich stark von der des Südens, da sich im Mittelalter zusammen mit dem Handel auch der Islam in den Savannengebieten südlich der Sahara ausgebreitet hat. Im Großteil des heutigen Nordens wurde Anfang des 19. Jahrhundert nach einem bewaffneten Dschihad unter der Führung von Usman dan Fodio, einem islamischen Geistlichen, das Kalifat Sokoto errichtet, das erst von den Briten beendet wurde. Der Norden und Süden wurden eins. Das heutige Nigeria ist nur dem Namen nach ein Nationalstaat. Es wurde vielmehr aus diversen traditionellen Gesellschaften und Hunderten von ethnischen Gruppen zusammengewürfelt.

Smith: „Neben kulturellen und historischen Faktoren sind jedoch vor allem die legendäre Korruption und Misswirtschaft in Nigeria verantwortlich für den desolaten Zustand des Nordostens und des Landes insgesamt. Nigerianer aus allen Ethnien und Regionen haben jegliches Vertrauen in die Regierung, das Rechtssystem und die Sicherheitskräfte des Landes verloren, das sie vielleicht einmal hatten.“ Viele im Norden betrachten die Demokratie inzwischen als System, das sie in Armut belässt und unwürdige, korrupte Führer reich macht. Zusammengefasst: Armut, keine Bildung, Korruption auf allen Ebenen, dazu unzählige Staatsstreiche und Umstürze, die gescheitete Sezession Biafras im Osten des Landes, die Millionen Tote forderte: In dieser Atmosphäre begann Mohammed Yusuf, Boko Harams erster Führer, damit, seine Anhänger um sich zu scharen.

Der Autor zeichnet seinen Aufstieg (1970 geb., 2009 nach seiner Gefangennahme vermutlich von den Sicherheitskräften erschossen) soweit es die Quellenlage erlaubt nach. Zuerst war er Gefolgsmann des Predigers Sheikh Ja’far, der den Koran auf sehr eigenwillige Weise interpretierte, bald ging er seine eigenen, radikaleren Wege (u.a. gegen alle westliche Formen von Bildung und dem Aufruf an die Muslime des Landes nicht an einer weltlichen Regierung teilzunehmen). Das war um das Jahr 2003, quasi dem Geburtsdatum der Gruppierung, die später als Boko Haram (Haussa-Ausdruck für „Westliche Bildung ist verboten“) zu trauriger Berühmtheit gelangte, auch wenn sie sich selbst als „Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad“ bezeichnet. Bald danach verübte die radikal-islamische Gruppierung die ersten Anschläge auf Polizeistationen. Yusuf scharte in seinem Kreuzzug gegen westliche Einflüsse eine vor allem aus jungen orientierungslosen, arbeitslosen Menschen bestehende Anhängerschaft um sich.

Seine Hass-Predigten und Video-Botschaften wurden militanter. Er bereitete seine Anhänger auf den Kampf gegen das Böse auf der Welt und gegen den nigerianischen Staat vor. Am 26. Juli 2009 begann schließlich der Boko Haram-Aufstand, der drei Tage andauern sollte und mit der Verhaftung Yusufs und seinem Tod endete. Boko Haram ging in den Untergrund. 2010 flammte der Terror unter Abubakar Shekau, Yusufs ehemaligem Stellvertreter mit Anschlagserien in mehreren Städten Nigerias erneut auf. Die Präsidenten wechselten, der Terror blieb. Die Regierungsmacht ignorierte das Problem bzw. glaubte, es im Griff zu haben. Doch schon bald breitete sich die Welle der Gewalt vom Norden auf den Middle Belt Nigerias und auch in den Süden aus, bis 2012 der nationale Notstand ausgerufen werden musste. Shekau bekannte sich und die Boko Haram zu Anschlägen in Kano und anderen Städten. Diese richteten sich nun nicht mehr nur gegen Repräsentanten des Staates.

In den Auseinandersetzungen wurden und werden auch Verbrechen der nigerianischen Sicherheitskräfte begangen, wie Berichte von Human Rights Watch belegen. Bürgerwehren sollen für Sicherheit vor den islamischen Extremisten sorgen, die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen und Boko Haram wendet eine neue Strategie an, die von Entführungen von Mädchen bis zu Selbstmordattentaten reicht. Auf der anderen Seite steht die Ohnmacht der nigerianischen Regierung und die hilflosen, ja kontraproduktiven Gegenmaßnahmen der Einsatzkräfte. „Tatsächlich war es doch gerade Nigerias Unfähigkeit, den Aufstand zu bekämpfen und das Vertrauen der eigenen Bevölkerung zu stärken, die es Boko Haram ermöglicht hatte, immer weiter zu wachsen und eine solche Wirkung zu entfalten ­ auch wenn es übertrieben ist, von einer Art ,al-Qaida West- und Zentralafrikas‘ zu sprechen.“, resümiert Smith.

Das Buch beginnt mit den Ereignissen in Kano 2012 und erzählt von einem Opfer der Anschläge, dem Polizeibeamten Wellington Asiayei, der für immer gelähmt bleiben wird – und endet mit dessen Tod 2015. „Die Debatte über Boko Haram, die internationalen Verbindungen und Dschihad-Ambitionen der Terrorgruppe wird und sollte weitergehen. Sie ist jedoch für jene, die tagtäglich mit der Realität der Gewalt konfrontiert sind, fast irrelevant. Das Problem ist kein Geringeres als der derzeitige Zustand Nigerias und die Art, wie das Land beraubt wird – seines Reichtums und, wichtiger noch, seiner Würde“ , schreibt Smith am Ende wenig hoffnungsvoll. Ob der seit einigen Monaten neu im Amt befindliche Präsident Muhammadu Buhari, selbst ehemaliger Militärherrscher des Landes, das Problem lösen wird, bleibt offen.

Über den Autor:
Mike Smith hat seit 2010 den Aufstieg von Boko Haram in Nigeria für die Nachrichtenagentur AFP beobachtet. Er veröffentlicht zahlreiche Artikel in großen Zeitungen und Magazinen wie „Slate magazine“ oder „The Guardian“.

C.H.Beck, Mike Smith: „Boko Haram – Der Vormarsch des Terror-Kalifats“, Sachbuch, 288 Seiten. Aus dem Englischen von Ursula Pesch, Karlheinz Dürr und Karsten Petersen

Literaturtipps:
Chimamanda Adichie: Die Hälfte der Sonne. Ein packender Roman über den Biafra-Krieg (1967-1970), München 2008
Wole Soyinka: Brich auf in früher Dämmerung. Erinnerungen des nigerianischen Literaturnobelpreisträgers, Zürich 2008
Toyin Falola: A History of Nigeria, Cambridge 2009
Richard Bourne: A New History of a Turbulent Century, London 2015

www.chbeck.de

Wien, 24. 9. 2015