Essl Museum: Body & Soul

März 31, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Körper zwischen Eros und Thanatos

Adolf Frohner: Figur am Bein aufgehängt, 1972, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Adolf Frohner: Figur am Bein aufgehängt, 1972, © Sammlung Essl.
Bild: Mischa Nawrata, Wien

Ab 6. April zeigt das Essl Museum die Schau „Body & Soul“, eine Ausstellung über die künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen Körper, Körperlichkeit, dem Verhältnis von Körper und Seele und Fragen nach Identität. Dieser Komplex ist in der Sammlung Essl sehr umfangreich vertreten, einerseits mit Werken des Wiener Aktionismus und andererseits mit Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler.

Die dichte, umfangreiche Präsentation regt zur Hinterfragung von vorhandenen und neu erstarkten Tabus an. Zeitlich spannt die Ausstellung einen Bogen von den frühen 1950er-Jahren bis zu ganz aktuellen Positionen. Zu sehen sind etwa 100 Arbeiten unter anderem von Georg Baselitz, Adolf Frohner, Elke Krystufek, Maria Lassnig, Otto Muehl, Hermann Nitsch und VALIE EXPORT.

Die westliche Gesellschaft hat ihr Verhältnis zu Körper und Geist im 20. Jahrhundert grundlegend revolutioniert, neu definiert aber auch problematisiert. Diese Entwicklungen haben sich naturgemäß auch in der Kunst widergespiegelt, insbesondere in der Zeit nach 1945. Auf scheinheilige Sexualmoral und Verdrängungsmentalität im Nachkriegsösterreich trafen subkulturelle Avantgarden mit deutlich widerständigem Impetus.

Der Wiener Aktionismus beispielsweise zählt mittlerweile zu einer der bedeutendsten Leistungen österreichischer Kunst. Gut aufgearbeitet und musealisiert ist er heute ein Beispiel für einen künstlerischen Ansatz, der als klare Absage an die Regeln der bürgerlichen (Nachkriegs-)Gesellschaft gedacht war und nun von einer bildungsbürgerlichen Allgemeinheit als Kulturgut vereinnahmt scheint. Doch die mehr als ein halbes Jahrhundert alten Aktionsfotos von Mühl, Schwarzkogler oder Nitsch irritieren und verunsichern immer noch. Sie bilden, dicht gehängt in der Rotunde, das künstlerische Rückgrat und auch das räumliche Zentrum der Ausstellung.

Elke Krystufek: Imaginary, 2001, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Elke Krystufek: Imaginary, 2001, © Sammlung Essl. Bild: Mischa Nawrata, Wien

Besonders Künstlerinnen haben sich seit den 1960er-Jahren mit dem eigenen Körper kritisch auseinandergesetzt, verkrustete gesellschaftliche Normen aufgedeckt und die Rollenbilder der Geschlechter thematisiert, analysiert oder auch aufgehoben. VALIE EXPORT thematisiert in vielen ihrer Arbeiten aus dieser Zeit, wie etwa mit ihrer „Expanded Cinema-Aktion Tapp und Tastkino“, oder der Fotoarbeit „Genitalpanik“,  die Rolle der Frau als Objekt und deren Verfügbarkeit.

Dreißig Jahre später, aber lange vor der freiwilligen Selbstaufhebung von Privatsphäre und Scham in den sozialen Medien kreiert Elke Krystufek eine Kunstfigur, die exhibitionistisch ihren Körper und ihre Sexualität zur Schau stellt und damit die Grenze von Öffentlichkeit und Privatheit aufhebt. Zwei Positionen, die zeigen, wie konzise Künstler gesellschaftlich relevante Themen bearbeiten, bevor sie noch öffentlich und medial diskutiert werden.

Der eigene Körper kann aber auch als Ausdrucksfläche seelischer Zustände und Empfindungen fungieren, wie bei Maria Lassnigs „body awarenes paintings“. Oft spürt Lassnig einer inneren Befindlichkeit nach und verleiht ihr auf der Leinwand Farbe und Form. In Anlehnung an ihre frühere Science-Fiction-Werkreihe saugen zum Beispiel im Bild „Ideenfischer“ aus dem Jahr 2001 zwei technoide Wesen die Ideen aus dem Leib der Künstlerin, die wehrlos am Boden liegt. Franz Ringel quält und zerkratzt seine umrissbetonten Figuren mit spitzen Gegenständen. In seltsame Nabelschnüre verwickelt, bewohnen sie uterusartige Raumhöhlen. Der gepeinigte Leib als Ausdruck der gequälten Seele ist ein starkes, immer wieder auftauchendes Thema der Kunst nach 1945.

Der weiblichen wie auch der männlichen Identität und Selbstbestimmung sind eigene Räume in der Ausstellung gewidmet. Eine besonders wichtige Arbeit in diesem Zusammenhang, so Ausstellungskurator Andreas Hoffer, ist „das Video von Peter Land, in dem der nackte Künstler zu einer Discomusik tanzt, da es in seiner Einfachheit und Natürlichkeit eine seltene, weil unverkrampfte und leichte Seite der Zurschaustellung des eigenen Körpers zeigt“. Die junge ungarische Künstlerin Patricia Jagicza hat mit ihrer Malerei „Estrella“ von 2010 die Genderdebatte ebenso wie das Schlüpfen in andere Identitäten thematisiert. Das Werk wurde 2013 in der Ausstellung „Like it!“ von den Facebookfreunden des Essl Museums am meisten geliked.

Daniel Lezama: Boceto de Juan Diego, 2005, © Sammlung Essl. Bild: Galerie Pablo Goebel Fine Arts, Mexico City

Daniel Lezama: Boceto de Juan Diego, 2005, © Sammlung Essl.
Bild: Galerie Pablo Goebel Fine Arts, Mexico City

Und auch der Schönheit wird nachgeforscht: Marc Quinns Skulptur „Alison Lapper“ thematisiert sie abseits gesellschaftlicher Normierung. Im Stil einer idealisierten klassischen Skulptur in weißem Marmor zeigt Quinn die Künstlerin Alison Lapper, die mit verstümmelten Gliedmaßen geboren wurde. Schönheit in ganz anderem Sinn findet man in der Malerei von Martin Schnur, bei der die Zurschaustellung des Körpers Anlass für malerische Raffinesse ist.

Die allegorischen Malereien des mexikanischen Künstlers Daniel Lezama mit ihrer für uns befremdlichen Symbolik und Bildsprache, zeigen wie sehr sich die Auffassung von Schönheit, der der Maler huldigt, aus dem kulturgeschichtlichen Hintergrund ergibt. Auch der Endlichkeit allen Seins widmet die Schau ein Kapitel. In der Fotoserie „Gilles and Gotcho“ von Nan Goldin, begleitet die Künstlerin die Aidserkrankung von Gilles bis zu seinem Ende, sie dokumentiert bewegend die Liebe und Freundschaft zweier Männer bis zum Tod.

www.essl.museum

Wien, 31. 3. 2016

Albertina: Baselitz Remix

November 14, 2013 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Helden, Orangenesser, Eltern

Georg Baselitz B. für Larry (Remix), 2006, Öl auf Leinwand Bild: Albertina - Sammlung Rheingold © Georg Baselitz (Foto: Jochen Littkemann, Berlin)

Georg Baselitz
B. für Larry (Remix), 2006, Öl auf Leinwand
Bild: Albertina – Sammlung Rheingold © Georg Baselitz (Foto: Jochen Littkemann, Berlin)

Die Albertina zeigt derzeit die Ausstellung „Baselitz Remix“. Der 1938 geborene Georg Baselitz zählt zu den wohl bekanntesten deutschen Malern der Gegenwart. In den Sammlungen der Albertina befinden sich an die 120 Gemälde, Aquarelle, Druckgrafiken und Zeichnungen des Künstlers, die anlässlich seines 75. Geburtstags nahezu vollständig präsentiert werden. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Hauptwerken der letzten zehn Jahre, insbesondere auf der 2005/06 entstandenen Remix-Gruppe. In diesem umfangreichen Zyklus setzt sich Georg Baselitz – in den Sechzigerjahren ein Vorreiter der neoexpressiven, figurativen Malerei – noch einmal mit seinen frühen, längst legendären Bildfindungen auseinander, reinterpretiert und reinszeniert diese. Bekannte Motive wie die Helden, Orangenesser, Eltern oder Bäume schaffen durch ihre visuelle Wiederholung oder „Appropriation“ einen neuen Kontext für die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und speziell für die dauerhafte Aufarbeitung der deutschen Nachkriegszeit. Die kontinuierliche Erforschung malerischer Möglichkeiten und die Suche nach dem „neuen“ Bild zieht sich durch Georg Baselitz’ gesamtes, von Brüchen und Wendungen geprägtes künstlerisches Schaffen. Sein Frühwerk ist durch eine aggressive Antihaltung bestimmt, die zu Bildern wie „Die große Nacht im Eimer“ (1962/63) und der Entwicklung der „Helden“ oder „Neuen Typen“ (1966) führte. Ab 1968 mündet Baselitz’ Suche in der Umkehr der Motive. Dies wird zu seinem Markenzeichen – Durch das Auf-den-Kopf-Stellen des Bildgegenstandes hat sich Georg Baselitz in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben. Er selbst bezeichnet sein Vorgehen als „besten Weg, das Gemalte vom Inhalt zu befreien“ und „sich der Malerei an sich zuzuwenden“. Baselitz gelingt es mit diesem Verfahren, das vielfach als malerischer Trick bezeichnet wurde, sich als autonom von den Extremen Abstraktion und Figuration zu positionieren.

In den Jahren 2005 und 2006 spürt Baselitz seiner eigenen emotionalen wie künstlerischen Haltung gegenüber seinen wichtigen frühen Arbeiten nach. Großformatige Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle entstehen, die mit gestischer Leichtigkeit und malerischer Verve den Dialog mit dem eigenen Werk und der eigenen Biografie aufnehmen. In ihrer farblichen und malerischen Wirkung vermitteln die neuen Bilder, dass Baselitz heute zu vielen seiner Themen ein distanzierteres Verhältnis entwickelt hat. Das Konzept des malerischen „Remix“ ist dabei in einer Tradition mit den Bilderserien Monets und Munchs zu sehen, die ein Thema durch minimale Veränderungen in Farbwahl, Perspektive oder malerischem Ausdruck Schritt für Schritt in all seinen Nuancen zu erforschen suchten. Das Prinzip der Umkehr wird nicht nur auf das Motiv angewendet, sondern in erweiterter Form auch auf die Technik sowie auf die chronologische Abfolge von Zeichnung und Gemälde. Baselitz transformiert ästhetische Strategien der Zeichnung und des Aquarells in eine monumentale Ölmalerei und überrascht mit technischen und stilistisch neuen Bildkonzepten. Entgegen der von Schwere, Pathos und Mischfarben gekennzeichneten frühen Gemälde enthalten die Bilder des Remix Leichtigkeit, Transparenz und reine Farben. In Baselitz spätem Schaffen ist die Zeichnung nicht Wegbereiter des Bildes als Vorstudie oder Skizze, sondern grafische Weiterentwicklung und Modifikation des Urbildes. Die schöpferische Motivation des Künstlers liegt dabei nicht in der inhaltlichen Interpretation, sondern in der unendlichen technischen, stilistischen und formalen Variation. Die Albertina besitzt Arbeiten aus den verschiedenen Werkphasen des Künstlers. Zahlreiche Werke sind unter der Direktion Klaus Albrecht Schröders, den eine mittlerweile enge Freundschaft auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung mit Georg Baselitz verbindet, angekauft oder durch Schenkungen und Dauerleihgaben in die Sammlung gelangt. Der 75. Geburtstag des Künstlers wird nun zum Anlass genommen, sein Werk in der Albertina einer Bestandsaufnahme zu unterziehen.

Parallel zur Baselitz Personale gibt eine Ausstellung von Farbholzschnitten der Renaissance, die ab dem 29.11. zu sehen ist, auch Einblick in die Privatsammlung des Künstlers.

Wien, 14. 11. 2013