Sebastian Barry: Tausend Monde

November 27, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Kinder keiner neuen Nation

Die tiefe Angst der Büffelkuh. Wenn sie eingeholt wird. Wenn der Jäger, kurz bevor sein Gewehrlauf tödliches Feuer speit, so nah ist wie ein Gedanke. Jetzt des Tiers Moment hellster Klarheit. In dem ihm alles, was es liebt, ganz deutlich wird, die Prärie, die harten Gräser, der lange Atem des Winters und die jähe Fülle des Frühlings. „Ganz deutlich wird in ebender Sekunde, bevor sie dies alles verliert“, schreibt Winona. Da ist sie schon am Ende ihres Weges angelangt, und wo und warum sie das schreibt, wird die Leserin, der Leser am Ende erfahren

In Sebastian Barrys aktuellem Roman „Tausend Monde“, wieder ein Western, genaugenommen die Fortsetzung des Vorgängerromans „Tage ohne Ende“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215), den man unbedingt gelesen haben sollte, aber zum Verständnis von „Tausend Monde“ nicht gelesen haben muss. Nach Thomas McNulty ist nun die 17-jährige Lakota Ojinjintka/Winona die Ich-Erzählerin, allein diese Perspektive macht das Buch besonders.

Gibt’s im Genre doch wenig weibliche Protagonisten – und noch seltener sind sie Native Americans. Es ist 1873, die Stadt Paris im Henry County, Tennessee, und das Land nach dem Bürgerkrieg tief gespalten. Der Süden liegt wirtschaftlich am Boden, die Menschen hungern, das Home Of The Brave schickt seine obdachlosen Kinder wie Untote über die Erde. Freigelassene Sklaven irren umher, Menschen, denen der Krieg Hab und Gut abgefackelt hat, marodierende Konföderierten-Soldaten formieren sich zu Rebellengruppen und nennen sich „Nachtreiter“.

Die Cherokee, die Chickasaw sind ermordet, vertrieben, in Reservate verbracht: „Die Leute mögen es nicht, wenn glühende Asche zu ihnen zurückweht. Jemals einen betrunkenen Indianer gesehen, jemals einen Indianer in Lumpen gesehen? Das passiert, wenn ein König von Trauer überwältigt wird“, schreibt Winona. „Krieg macht den Menschen im Handumdrehen zu einem Gewalttäter, Verstümmler und Mörder, allein die Berührung eines weißen Mannes, schon sein Nahen ist der Herold des Todes. Es sei denn, da ist ein Herz, das mäßigt, und die Bereitschaft zu lieben. So war das bei Thomas McNulty und John Cole.“

Tom McNulty und John Cole, man erinnere sich, das schwule Unionssoldatenpaar, das die Waise Ojinjintka adoptierte und ihr den leichter auszusprechenden Namen Winona gab, lebt und arbeitet samt Ziehtochter nach wie vor auf der Tabakfarm von Lige Magan. Dessen schwarze Wahlschwester Rosalee Bouguereau und deren Bruder Tennyson, beides Freigelassene, sind ebenfalls immer noch Teil der Familie, und Winona hat ihren Job als Sekretärin von Rechtsanwalt Briscoe. Welch eine Idylle, eine andauernd bedrohte. Es ist kurz nach dem Überfall der Banditenbande von Tach Petrie auf die Farm, Tach Petrie, der dabei erschossen wurde.

Winonas schriftliches Zeugnis-Ablegen ist eine Geschichte, die sich erst nach und nach entschlüsselt. „Könnte sein, dass ich von Dingen rede, die sich 1873 oder 1874 im Henry County, Tennessee, zugetragen haben, doch was Daten betrifft, war ich noch nie verlässlich. Und falls sie sich zugetragen haben, gab es zu der Zeit keine wahrheitsgetreue Darstellung. Es gab nackte Tatsachen und eine Leiche, und dann gab es die wahren Ereignisse, die niemand kannte. Dass Jas Jonski getötet wurde, war die nackte Tatsache,“ ist der Satz, der den Roman zum Pageturner macht.

Jas Jonski ist Winonas erste Liebe, „ein mickriger Bursche aus Polen“, Verkäufer im Trockenwarenladen, in dem sie bevorzugt einkauft. Er macht ihr den Hof, ihr, die in den Augen der Stadtbewohner eine Wilde ist, „näher an einer Wölfin als an einer Frau“, ihr, in deren Hinterkopf immer noch ein rußgeschwärztes, blutgetränktes Schlachtengemälde tobt, er – „ein Weißer“. Tom, der mütterliche, der manchmal Frauenkleider trägt, mag ihn nicht, „John Cole schaute finster drein und sagte nichts“, „John Cole, der Kiel meines Bootes, Thomas das Ruder und die Segel“, dennoch gestatten sie Jas‘ Liebeswerben, schließlich gar die Verlobung.

„Es kam der Tag, da ich voller Blutergüsse zur Farm zurückkam“, berichtet Winona weiter. Verprügelt, vergewaltigt, das ist an einer rechtlosen „Indianerin“ kein Verbrechen. Wer es getan hat? Winona vermag den Nebel, der ihren Kopf umwölkt, nicht zu durchdringen, sie weiß nur, dass sie Jas nicht mehr heiraten will. Der reitet zur Farm. Erst hundert Seiten später wird er erfahren, was seine Braut erleiden musste, wird sich unter Tränen fragen, ob er dies Schreckliche getan hat, denn auch er ist ohne Erinnerung. Nun wird er fürs Erste zwecks Verhör in der Wäschekammer festgesetzt, bewacht von Tennyson – der daraufhin von Unbekannten fast totgeschlagen wird, „ein Schwarzer, der Herr über einen Weißen gewesen ist“, wie Jas herumposaunt, „ein Fürst von einem Mann“, der danach ein Angst gebeuteltes Häufchen Elend ist.

Wie schon in „Tage ohne Ende“ zeichnet Sebastian Barry auch in „Tausend Monde“ mittels seiner Wild-West-Versatzstücke und der ihm eigenen poetischen Prosa ein düsteres Bild der USA. Weiße vs Indigene, Weiße vs Afroamerikaner, die WASP gegen die von ihrem Land Vertriebenen und gegen die ins Land Verschleppten, und mittendrin ein Mädchen auf Identitätssuche in einer Gesellschaft, die sie nicht als menschliches Wesen anerkennt. Diesen Riss durch die USA, es gibt ihn auch aktuell.

Auch das macht Barrys Buch beachtenswert. Wie er die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft, ein Anwalt derer, die „auf ein nie heraufdämmerndes Morgenrot warteten“, die auch knapp vor 2021 die Kinder keiner neuen Nation sind, weil in ihr die alte Rechte mit ihren alten Rechten regiert. Die „Lost Cause“-Kämpfer sind bis unter die Zähne bewaffnet, ideologisch aufmunitioniert, nicht zuletzt vom nicht scheiden wollenden Präsidenten, der ihre Denkmäler und ihre Schusswaffen verteidigt, egal – #BlackLivesMatter, und der die „The South Shall Rise Again“-Mentalität in Wählerstimmen umzuwandeln wusste.

Aufs Stichwort auftritt Tachs Bruder Zach Petrie, Anführer der Nachtreiter, die bei ihren Aktionen Kapuzen tragen, und wirklich wurde der Ku Klux Klan 1865 in Pulaski, Tennessee, von Konföderierten-Offizieren gegründet, 50 Reiter, unter ihnen der grausame „Lynchjurist“ Aurelius Littlefair und Jas Jonskis Kumpel Wynkle King. Auftritt auch Colonel Purton mit seinem Trupp, ein großgewachsener Mann mit Hasenscharte, der Zach Petrie und Konsorten wegen diverser Untaten, Erhängungen, Brandstiftungen, auch der an Tennyson festnehmen will. „In Tennessee, sagte der Colonel, gebe es Tausende Seelen wie Zach Petrie. Männer, die der Krieg so aufgebracht habe, dass sie nicht die Luft des Friedens atmen könnten, sie erstickten daran. Und dass keine neue Zeit sie zufriedenstellen könne.“

Der Klan, ca. 1870. Bild: pixabay.com

Bild: pixaybay.com

Lakota, Kleid ca. 1850. Bild: pixabay.com

„Petrie habe das heftige Gefühl eines Mannes, dem Unrecht widerfahren sei, und das verwahre er für immer in seiner Brust, sagte der Colonel.“ Und beschließt die Rebellenhochburg der Nachtreiter am West Sandy Creek, wie das schon klingt!, eigentlich eine kleine Stadt mit Frauen und Kindern, auszuräuchern. Der Colonel, ganz Law and Order. Winona folgt der Kolonne „im Dienste Tennysons“, während die Leserin, der Leser mehr über die Nacht des sexuellen Missbrauchs an ihr erfährt. Dass sie mit Jas Jonski Arm in Arm über den Court Square geschlendert sei, Richtung des von Jas‘ Freund Frank Parkman als Bursche beaufsichtigten Pferdestalls. Parkman, der nebenbei auch der Hilfssheriff ist. Dass sie Whiskey getrunken hätten, und dass sie sich so schäme, dass sie ihren Vätern dies nicht sagen könne. Danach: Blackout.

Einfühlsam und eindrücklich bringt Barry diese Emotionen zu Papier, die Selbstvorwürfe, die Schuldgefühle des Opfers eines Verbrechens, das bis heute ein gesellschaftliches Tabu ist und ob des Schweigens oftmals ungeahndet bleibt. Zurecht sei ihr dies geschehen, da sie doch betrunken war!, diese „belanglose Kleinigkeit im allgemeinen Weltenlauf, die jedes Mädchen zu ertragen hatte“.

Und während Purtons Attacke auf Petrie misslingt, Petrie, dessen elterliches Anwesen ohne die Bewirtschaftung durch Sklaven jämmerlich verkommt, Petrie, der vielen der neue Held ist; während Tennyson, der durch die Schläge seine Stimme verloren hat, die Zeichnung eines Hasen anfertigt, der eindeutig auf ihn einprügelt – hat die Order nachgeholfen, damit das Law in Kraft treten konnte?; während Jas Jonski seine Mutter als Vermittlerin bei Winona aus Knoxville kommen lässt, die sich aber als Indianerhasserin in höchster Vollendung entpuppt; während Briscoes Haus in Flammen aufgeht, Briscoe, der als Anwalt Purtons Einsatzbefehl gegenzeichnete, …

… stößt Winona am West Sandy Creek auf die junge Chickasaw Peg, Ziehtochter von Aurelius Littlefair, deren leiblicher Vater im Krieg Littlefairs bester Späher war, denn auch viele Native Americans stellten sich im Sezessionskrieg auf die eine oder andere Seite, nimmt sie mit nach Hause – und verliebt sich in sie. Peg, neben der sie in der Nacht nicht nur schläft: „Könnte man Honig in der Luft schweben lassen, dann wäre das Peg. Könnte man einen Abschnitt des wildesten Flusses nehmen und ihn in einen Menschen verwandeln, dann wäre das Peg. Könnte man seine Lippen auf einen pulsierenden Stern drücken, dann wäre das Peg. Ihr langer, weicher, süßer, wilder, tanzender, durchdringender, geküsster Körper. Mit all seiner Süße im Zentrum.“ Peg, die Tom und John Cole und Lige Magan bei der Ernte der Tabakblätter hilft, und wie diese nach Winonas Schilderungen von Jas‘ Täterschaft überzeugt ist.

Geschickt zieht Sebastian Barry das Fahndungsnetz um Lige Magans Farm enger. Draußen Lügen und noch mehr Lügen, „der Pony-Express des Getratsches galoppiert“, wie Briscoe sagt, drinnen für die Leserin, den Leser mehr und mehr Möglichkeiten, wer Jas Jonski ins Jenseits befördert haben könnte. Eine blutrauschende Rachetat muss das gewesen sein, mehr als zwanzig Messerstiche! Die Feinde formieren sich. Unter Gouverneur John C. Brown, vormals Generalmajor im konföderierten Heer und später Gründer jener nach „Rassen“ getrennten Schulen, die in den Südstaaten bis Mitte des 20. Jahrhunderts Bestand haben sollten, baut sich auch Paris, Tennessee, politisch um. Noch einer von Barrys Querverweisen, in denen die Fiktion auf historische Fakten trifft, noch ein Seitenhieb auf den derzeitigen US-amerikanischen – und nicht nur dort – Konservativismus.

Aurelius Littlefair wird zum Richter von Henry County ernannt, Frank Parkman zum Sheriff, Wynkle King zum Hilfssheriff, einer der Steigbügelhalter des anderen, und ein Freigelassener namens Imre Grimm über einem Feuer aufgehängt und seiner Körperteile entledigt, bis … die Stadtbevölkerung die Teile seines Leichnams als Souvenir mitnehmen konnte. „Jetzt sind wir wahrhaftig Bürger im Land des Teufels, sagte der Anwalt Briscoe.“ Dessen ehemaliger Bundesgenosse Colonel Purton, den die neue Gerichtsbarkeit seiner Befugnisse berauben will, schafft die Kehrtwende. Er übergibt Winona dem nunmehrigen Sheriff. Das heißt: sie stellt sich aus Gründen, doch in der Gefängniszelle vertraut ihr Frank Parkman an, was im Pferdestall geschah und, dass er wüsste, wer Jas erstochen hat. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, die „ganz deutlich wird in ebender Sekunde, bevor sie dies alles verliert“. Und Wynkle King hört zu …

“Ich verzehre mich nach dem heiligen Stumpfsinn gewöhnlichen Lebens“, ist einer der schönsten Sätze, die Sebastian Barry für seine Heldin formuliert hat. „Tausend Monde“ ist ein geschichtlich verorteter, gleichsam zeitloser Anti-Kriegs-Roman, ist ein Buch darüber, dass Gewalt wieder Gewalt, aber neben den Monstern auch Friedenswächter erzeugt. „Er ist in dieser Geschichte der gute“, meint Winona einmal über Anwalt Briscoe.

„Tausend Monde“ kommt mit weniger brachialen Szenen aus als „Tage ohne Ende“, doch wenn der dünne Firnis der Zivilisation blättert, ist in jedem, von Hans-Christian Oeser einmal mehr mit viel Fingerspitzengefühl übersetzten Satz zu spüren, welches Gewaltpotenzial unter der Oberfläche auf seinen Ausbruch wartet. Ein intensiver, beeindruckender Roman über Rache und Vergeltung, über Schuld und verlorene Unschuld. Eine Erzählung darüber, wie man lebt, wenn die eigene Geschichte in einer diffusen Vergangenheit versinkt und keine Gewissheit möglich ist. Und nicht zuletzt: Welch ein wunderbares Buch über die Liebe! Winona über Tom und John Cole: „Ihre Liebe war das erste Gebot meiner Welt – Du sollst hoffen, so zu lieben wie sie.“

Über den Autor: Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den besten irischen Autoren der Gegenwart. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane „Ein verborgenes Leben“, ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award und auf der Shortlist für den Booker Preis, „Mein fernes, fremdes Land“, ausgezeichnet mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction, „Ein langer, langer Weg“, auf der Shortlist für den Booker Preis, und „Gentleman auf Zeit“. „Tage ohne Ende“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215), 2018 auf Deutsch erschienen, war ein internationaler Bestseller und wurde unter anderem mit dem Costa Book of the Year Award ausgezeichnet. Sebastian Barry lebt in Wicklow, Irland.

Steidl Verlag, Sebastian Barry: „Tausend Monde“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.

steidl.de

BUCHTIPP: Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“. Roman über das Leben der Cheyenne in den heutigen USA. Autor Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35082

  1. 11. 2020

The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall – online auf The Show Must Go On!

April 18, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein viktorianisches Schauerstück wird zur Opernsatire

Der Rote Tod erscheint auf dem Maskenball: Ramin Karimloo als das Phantom auf Bühne und Leinwand. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues, am Karfreitag war das selbstverständlich „Jesus Christ Superstar“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39238), gestern folgte „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ aus dem Jahr 2011, das bis inklusive Sonntagabend online ausgestrahlt wird.

Weiland war die Bühnenproduktion zum 25-Jahr-Jubiläum des Phantoms live in Kinosäle auf der ganzen Welt übertragen worden. Eine Aufzeichnung davon, die elektrisierende Atmosphäre des großen Ganzen und – als Überblendungen – spezielle Close-Ups der Darsteller gibt es nun zu sehen, die Gemeinschaftsarbeit von Theaterregisseur Laurence Connor und Filmregisseur Nick Morris eben mehr als ein „Mitschnitt“, sondern ein eigenständiges Erlebnis – und als solches eins nicht nur für eingefleischte „Phans“.

Denn tatsächlich, die zuletzt 1988 in der goldenen Peter-Weck-Ära gesehene Musikschmonzette hat an Dramatik nichts eingebüßt. Immer noch spektakulär ist der damalige Aha-Effekt aus Nebel-Wasser-Barke-Kerzenschein, die Hits von „The Music of the Night“ bis „The Point of No Return“ sowieso, und um’s gleich zu sagen: In London’s most iconic venue saust der Kronleuchter nicht mit Karacho Richtung der Zuschauerköpfe, er explodiert in der imperialen Höhe des Konzertsaals – fürs Filmpublikum heißt das natürlich Vogelperspektive und „hautnah“.

Derart sitzt man beim #stayathome auf den besten Plätzen. Was die Magie des Moments, die Emotionen, die leidenschaftliche Stimmung betrifft, und auch den Sound. Das von Anthony Inglis dirigierte 45 Mann und Frau starke Haus-Orchester thront dafür auf einer Plattform oberhalb des Bühnengeschehens, hinter sich eine gigantische Vidiwall für etwaige Groß- und Backstage-Aufnahmen, beispielsweise sieht man das Phantom beim Verfassen seiner „Operngeist“-Anweisungen an die Direktoren, alldieweil die Messieurs Firmin und André diese dreisten Billets bereits lesen. Gelungen auch die Phantom-Verdopplung bei dessen abruptem Erscheinen in der „Masquerade“-Szene, die Schädelmaske des Roten Tods in überlebensgroß besonders schaurig.

Ramin Karimloo und Sierra Boggess als Christine Daaé. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Boggess flüchtet in die Arme von Hadley Frasers Raoul. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Demaskiert: Ramin Karimloo als Phantom. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Der Showdown mit Karimloo, Boggess und Fraser. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Was im aus der Raumnot eine inszenatorische Tugend machenden Setting gezeigt wird, ist very british und wunderbar Vintage. Beginnend mit der holprigen „Hannibal“-Probe und dem poetischen „Think of Me“ zeigen Sierra Boggess und Wendy Ferguson was gesanglich und schauspielerisch in ihnen steckt, Boggess eine Christine Daaé, deren schöner lyrischer Sopran übers Anforderungsprofil „Musicalstimme“ weit hinausragt, Ferguson als Carlotta Giudicelli eine höchst theatralische Primadonna assoluta, die begnadete Komödiantin ein Glanzpunkt des Abends, wenn ihr Operndivenschein beim „Poor Fool He Makes Me Laugh“-Gequake in Schieflage gerät.

Und apropos, „Il Muto“: Ein Auskenner-Auge werfen sollte man auf den 2011-Gerade-noch-Shootingstar Sergei Polunin, der Ballett-Rebell hier mal als Slave Master im „Hannibal“, mal als Shepherd in „Il Muto“ Spitze, mittlerweile erwachsen gewordenes Enfant terrible, der seine bravouröse Technik auf Leinwand zuletzt im Biopic „Nurejew – The White Crow“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34617) demonstrierte. Ein zweites auf den Umstand, dass Regisseur und Webber-Experte Laurence Connor ins Gewand seines viktorianisch kostümierten Gothic Horror gekonnt eine humorvoll-gfeanzte Satire auf verschmockte Musiktheatermanierismen und ein opernweltliches Starunwesen kleidet. Kitsch meets Kunst.

Das gilt für Aufführung wie Ambiente. Denn selten zuvor war’s so ersichtlich, dass das Phantom, nicht nur mit einer abscheulichen Fratze, sondern auch mit dem absoluten Gehör gestraft, zugleich Zertrümmerer und Erneuerer im Musentempel ist. Einer, der mit der Atonalität der Avantgarde, siehe sein „Don Juan Triumphant“, das allzu Genregewöhnliche ausmerzen will, die Art Spearhead/Queer Head, der für seine Vision alle in den Wahnsinn treibt, ein Wesenszug, der Genies wie Möchtegerns anhaften mag, einer, der dafür Kollateralschäden in Kauf nimmt, ein mörderischer Pygmalion, der die von ihm erschaffene Göttin nicht loslassen kann und will.

Wendy Ferguson als Carlotta Guidicelli. Bild: The Really Useful Group Ltd.

Shootingstar Sergei Polunin. Bild: The Really Useful Group

Maskenball: Sierra Boggess und Hadley Fraser. Bild: The Really Useful Group Ltd.

Der in Teheran geborene Ramin Karimloo (www.raminkarimloo.com), mit seinen Eltern als Kleinkind vor dem Khomeini-Regime nach Kanada geflüchtet, spielt davon jede Facette. Der Phantom-Profi, seit er Anfang der 2000er erst in die Rolle des Raoul, dann in die des Phantoms schlüpfte, bietet in der Royal Albert Hall eine andere, eine unerwartete Interpretation der Figur. Selbstverständlich kann Karimloo Schmerz und Schreck und spooky sein, doch seine Augen hinter der Maske, mal funkensprühend böse, mal vor Tränen funkelnd, die Sehnsucht in seiner Körpersprache, dann wieder seine Hybris, die das Bemitleidenswerte übertüncht, diese subtilen Signale werden auf dem Bildschirm erst so richtig ersichtlich. Karimloo macht in düsteren Nuancen die gefährliche seelische Instabilität des Phantoms deutlich, und macht, was eindimensional sein könnte, so zum schillernden Main Charakter.

Dass zwischen Karimloo und Boggess die Chemie stimmt, weiß, wer die beiden bereits im Phantom-Sequel „Love Never Dies“ gesehen hat, sie tut’s auch zwischen Boggess und Hadley Fraser, der mit seinem angenehm sanften Bariton den Vicomte Raoul de Chagny gleich einem Fels in der Brandung singt. Man glaubt Fraser bis in jede Faser, dass er der ganze Mann ist, der sich gegen das Monster stellen wird, je hypnotischer das Phantom, desto wutentbrannter er, der Realist im irrationalen Treiben. Raouls beschützende Kraft ist dabei die gegen- sätzliche zur besitzergreifenden, obsessiven des Phantoms, mit dem Ergebnis, dass die beiden samt der zwischen zwei Lieben hin- und hergerissenen Christine der Sierra Boggess die perfekte Ménage à trois ergeben.

Ihr Highlight auch hier die „The Point of No Return“-Reprise, „The Final Lair“, das Grande Finale dargeboten mit vollem Schmelz, die Schraube, die das Phantom zweifelsohne locker hat, von Laurence Connor bis zum Abschlag angezogen, das Ende für Christine beinah ein emanzipatorisches, ihr „One Love, One Lifetime“ definitiv ans Phantom gerichtet. „Love conquers all“ heißt’s, also auch das Phantom, und bezüglich „Love Never Dies“, wer weiß, vielleicht wird das ja in einer der kommenden Wochen noch gestreamt.

Unterirdische Bootsfahrt mit Boggess und Karimloo. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Wynne Evans, Wendy Ferguson, Daisy Maywood, Barry James, Gareth Snook und Hadley Fraser. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

„Il Muto“-Satire mit Stephen John Davis (re.) als Don Attilio. Bild mit freundl. Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Zwölftongeorgel: Ramin Karimloo und Sierra Boggess. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

„The Phantom of the Opera“ ist in seinem 35. Jahr immer noch phänomenal, das beweist diese Show aus der Royal Albert Hall. Die mit Barry James und Gareth Snook als amüsant-überhebliche Operndirektoren Monsieur Firmin und Monsieur André, Liz Robertson als gouvernantenhafte Unheilkünderin Madame Giry, Daisy Maywood als töchterliche Ballettmaus Meg Giry, Wynne Evans als Pavarotti-Lookalike Ubaldo Piangi und Nick Holder als finstere Späße treibenden Bühnenmeister Joseph Buquet auch in den weiteren Rollen tadellos besetzt ist.

Ein Tipp: Nach dem Schlussapplaus noch zwanzig Minuten dranbleiben. Es gibt eine Überraschung, Andrew Lloyd Webber tritt auf, und was dann folgt, hat sehr viel mit ihm und seinem persönlichen „Angel of Music“ Sarah Brightman zu tun. Gänsehaut garantiert! Die Royal Albert Hall jedenfalls tobte …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=C90eHuBPhS8

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=nINQjT7Zr9w

www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag     www.thephantomoftheopera.com         www.andrewlloydwebber.com            www.royalalberthall.com                    www.reallyuseful.com

18. 4. 2020

Beale Street

März 7, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Liebesfilm als Statement gegen Rassismus

Tish (KiKi Layne) und Fonny (Stephan James) sind verliebt, doch der junge Bildhauer muss bald ins Gefängnis. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Nicht allüberall war Freude darüber, dass die so genannte Antirassismus-Komödie „Green Book“ den Oscar für den besten Film bekam, ungeteilt war hingegen jene für Regina King, die als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde – nachdem sie für ihre Rolle als Sharon Rivers bereits bei den Golden Globes und den Independent Spirit Awards zur Preisträgerin auserkoren worden war. „Beale Street“ heißt der Film, in dem sie spielt, ab 8. März im Kino.

Und, nachdem sich Regisseur Barry Jenkins 2016 mit „Moonlight“ von Null auf 100 als starke, schwarze Leinwandstimme etablierte, dessen aktuelle Adaption eines Romans der von der „Black Lives Matter“-Bewegung  der Vergessenheit entrissenen Schriftstellerikone James Baldwin. Baldwins Roman „If Beale Street Could Talk“ erschien im Jahr 1974. Darin schildert er die Geschichte des jungen Liebespaares Tish und Fonny aus Harlem, deren Glück grenzenlos scheint, bis Fonny der Vergewaltigung einer Frau aus Puerto Rico beschuldigt wird. Eine Tat, die der 22-jährige Bildhauer nicht begangen haben kann, weil er zu der Zeit gar nicht vor Ort war – doch Hauptsache, Polizei und Staatsanwaltschaft können einen Schuldigen präsentieren. Umso einfacher, wenn der schwarzer Hautfarbe ist. Als Fonny ins Gefängnis kommt, das vermeintliche Opfer ist längst nach Hause geflüchtet, stellt Tish fest, dass sie schwanger ist. So macht sich Tishs Mutter Sharon auf nach Puerto Rico, um die Fonny anklagende Frau zu suchen.

Tish gibt als Erzählerin den Ton vor, ihre Off-Kommentare passen sich gefühlvoll der subjektiven Prosa der literarischen Vorlage an. Die Atmosphäre ist der Blues, Original-Schwarzweiß-Bilder eines Gordon Parks oder Jack Garofalo aus dem Harlem der 1970er-Jahre kontrastieren mit den Filmaufnahmen, wobei die Kamera von James Laxton die bis zur Kindheit zurückreichenden Rückblenden in helleres Licht taucht, während er über die Gegenwart dunkle Schatten legt. Dies Hin und Her funktioniert perfekt, wenn Tish sich korrigiert oder etwas verdeutlichen möchte, etwas, das sie zuvor vergessen hatte, zu erwähnen.

Tishs Eltern tanzen in Vorfreude aufs Enkelkind: Sharon (Oscar-Preisträgerin Regina King) und Joseph (Colman Domingo). Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Sharon (Regina King) fliegt nach Costa Rica, um das Vergewaltigungsopfer zu suchen und um eine neue Aussage zu bitten. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Barry Jenkins hat einen bedächtigen Film geschaffen, James Laxton die radikale Schönheit und die überbordende Musikalität Baldwins in hypnotische Bilder übertragen. Wie der Roman im Rhythmus an ein komplexes Jazzarrangement erinnert, so ist auch der Film subtil, eindringlich, konzentriert. Und ganz ohne gängige Empörungsmuster bedienen zu müssen, gibt Jenkins ein kraftvolles Bekenntnis gegen staatliche Willkür ab. Die Themen Rassenhass und Diskriminierung sind allgegenwärtig, auch in Nebenfiguren wie Daniel, der zwei Jahre wegen Autodiebstahls einsitzen muss, obwohl er nachweislich nicht fahren kann.

Dass diese Übung romantische Love Story vs gewaltbestimmte Realität gelingt, ist nicht nur dem Respekt des Regisseurs vor James Baldwin, sondern in hohem Maße den Darstellern zu danken. Vor allem KiKi Layne als Tish und Regina King als Sharon verleihen ihren Figuren jenseits jedes Abgleitens in den Pathos eine Integrität, einen stillen Stolz, eine Würde, die einen anrührt. Wenn die Mutter erahnt, was ihr die Tochter sagen will, nämlich, dass sie Fonnys Kind erwartet, genügen den beiden Blicken, um den Betrachter wissen zu lassen, dass sich hier keine Familienkatastrophe, sondern die Freude über ein großes Glück anbahnt.

Wenn Tish von ihrem Job als Parfüm-Mädchen in einem Nobelkaufhaus berichtet, sie sprüht sich den gewünschten Duft auf die Hand, weiße Männer schnüffeln daran, dann ist ihr wohl klar, dass man sie hier als Quotenschwarze angestellt hat. Doch Baldwin, und mit ihm Barry Jenkins, zeigen auch immer wieder Weiße mit Zivilcourage. Dave Franco als jüdischer Hausbesitzer Levy, der als einziger weit und breit bereit ist, an Schwarze zu vermieten. Finn Wittrock als Fonnys Rechtsanwalt Hayward, der den Fall erst gelangweilt übernimmt, bis er, entsetzt über das Fehlen jeglicher Gerechtigkeit, sich geradezu hinein verbeißt. Doris McCarthy als Besitzerin eines kleinen, italienischen Lebensmittelgeschäfts, die Fonny vor einer gefährlichen Rauferei bewahrt.

Fulminante schauspielerische Leistungen zeigen auch Colman Domingo als Tishs Vater, Michael Beach als Fonnys Vater – und selbstverständlich Stephan James als Fonny. Wie er leise verzweifelt die Zerstörung eines Mannes hinter Gittern zeigt, ist beklemmend gut gemacht, im Gesicht die Spuren von Schlägen, Jenkins auch in diesen Sequenzen so fein- wie scharfsinnig, denn darüber zu sprechen, erlauben sich die Protagonisten nicht.

Am Set – Levy will Tish und Fonny ein Loft vermieten: Dave Franco, Stephen James, Regisseur Barry Jenkins und KiKi Layne. Bild: © Tatum Mangus/Annapurna Pictures

James Baldwin liebte das Kino. Und John Wayne. „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“ Dieses Zitat stammt aus Raoul Pecks Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378), der als Ergänzung zu „Beale Street“ sehr zu empfehlen ist. Zeigt Peck doch den kämpferischen Autor, dessen klarsichtige Gesellschaftsanalysen seine Gegner regelmäßig verstummen ließen.

Zeigt den Vorkämpfer der 1970er-Bürgerrechtsbewegung, der seine Homosexualität erstaunlich offen lebte, und wegen beider „Vergehen“ ins Visier des FBI geriet. Bei dtv macht man sich um Baldwin-Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ sind bereits erschienen, ebenso der Essayband „Nach der Flut das Feuer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32270), für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung, ein Buch, in dem Baldwin in unverschlüsselter Deutlichkeit einen schwulen Hauptcharakter etabliert.

Während Raoul Peck seiner Doku aktuelle Fakten beifügt, Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, Ferguson, Baltimore, Charleston …, bleibt dieses Mittel der Fiktion natürlich verwehrt. Und dennoch versteht es auch Barry Jenkins, klarzustellen, woher der Wind immer noch weht. Wenn er als weißer Sturm die Schicksale derer in Trümmer legt, deren einziges Verbrechen es ist, schwarzer Hautfarbe zu sein.

bealestreet.movie

7. 3. 2019

The Killing Of A Sacred Deer

Januar 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amerikanische Oberschicht erfährt archaische Rache

Ihre klinisch kühle Ehe wird bedroht: Nicole Kidman und Colin Farrell. Bild: © Alamode Film

Der griechische Filmemacher Yorgos Lanthimos zählt nicht erst seit „Lobster“ zu den derzeit unkonventionellsten Regisseuren. Mit „The Killing Of A Sacred Deer“, ab 12. Jänner in den heimischen Kinos, legt er seinen zweiten Film in englischer Sprache vor, und beweist auch diesmal, dass er kein mit dem Mainstream Schwimmer ist. Sein Film ist ein vom antiken Iphigenie-Mythos inspiriertes, ausdrücklich metaphorisch zu sehendes Rachedrama.

Er paart provokant beklemmenden Horror mit einer kafkaesken Künstlichkeit, ist verteufelt spannend – und verstörend. Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde „The Killing Of A Sacred Deer“ mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Auch diesmal steht Lanthimos Colin Farrell als Hauptdarsteller zur Verfügung, der den höchst erfolgreichen Herzchirurgen Dr. Steven Murphy spielt, der gemeinsam mit seiner Frau – Nicole Kidman großartig unterkühlt – den Banalitätentraum vom Spießerleben der amerikanischen Upper Class lebt. Bis er archaische Rache erfährt. Und feststellen muss, dass nichts im Leben ohne Konsequenzen bleibt. Eine uralte Macht, scheint’s, hat beim Kleinkrieg der Menschen die Hand im Spiel, und diese Hand ist verkörpert durch Martin, einen seltsamen jungen Mann, sehr schön spooky dargestellt von Barry Keoghan, mit dem sich der Arzt immer wieder trifft.

Grausame Eröffnungen in der Kantine: Colin Farrell und Barry Keoghan. Bild: © Alamode Film

Schon die erste Umarmung der beiden dauert zu lange und macht klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Einige Zeit ist man auf eine Pädophilie-Story eingestimmt, Herr Doktor treibt’s mit der Gattin ja nur in Vollnarkose-Sexspielchen und lügt im Krankenhaus wegen Martins Identität, doch bald wird klar: Die Abhängigkeit ist anders herum. Martins Vater nämlich ist auf Stevens OP-Tisch gestorben, die Mutter arbeitslos.

Der Teenager, darob verstört, sucht aber nicht nach neuem emotionalen Halt, sondern nach Vergeltung. Er verlangt von Steven als Ausgleich eines seiner Familienmitglieder zu opfern. „Du hast jemanden aus meiner Familie umgebracht, jetzt musst du jemanden aus deiner töten“, eröffnet er ihm in der Spitalskantine. Seine Macht demonstriert er zuerst an den Kindern, erst der Sohn, dann die Tochter werden gelähmt, hören auf zu essen, bluten aus den Augen … Wie immer bei Lanthimos ist der Film streng stilisiert, im Wortsinn klinisch, alles im Leben der Figuren läuft irgendwie mechanisch und ohne Gefühlsregungen ab, und apropos, Worte: er kommt mit wenigen aus, mit Sätzen, die wie nebenbei gesprochen fallen.

Martin verfolgt einen tödlichen Plan: Barry Keoghan. Bild: © Alamode Film

Lanthimos nimmt ein ungeheuerliches Szenario und entfaltet darin den ganzen Schrecken. Vor allem in der letzten halben Stunde geschehen Dinge, die weit jenseits des Menschlichen liegen. Doch schon bevor klar wird, wo der Weg überhaupt hinführen soll, schürt er eine Atmosphäre des Misstrauens – sowohl zwischen den Charakteren, aber auch zwischen Zuschauer und Film. Nichts ist hier, wie vorgesehen.

Weder in Bezug auf mögliche Sehgewohnheiten noch auf das Einhalten moralischer Schranken.. „The Killing Of A Sacred Deer“ ist ein langsamer Film, und sein Schöpfer treibt seine Figuren ganz gemächlich in die Enge, die Murphys in ihrem wie ohnmächtig ausgetragenen Überlebenskampf, bis ein permanentes Tut-doch-was! erst in pures Entsetzen, dann in tödliche Erlösung kippt.

Geschont wird hier niemand. Und auch auf ein gutes Ende braucht man nicht zu warten. Die so subtile wie schonungslose Inszenierung kombiniert in ihren besten Momenten brillant ein Sezieren der Gesellschaft mit absurder Groteske. Lanthimos erweist sich als Meister eines bitteren, exzentrischen Humors. Die schicksalhafte Bedrohung, die sich von der Raserei zur Katharsis entwickelt, ganz wie’s das griechische Drama vorgesehen hat, ist wie eine Hommage an Stanley Kubricks „The Shining“. Nicht umsonst wohl sieht Sunny Suljic als Sohn Bob dem Redrum-Jungen Danny schauderhaft ähnlich.

thekillingofasacreddeer-film.de/

  1. 1. 2018

Bruseum: Damage Control

November 6, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Body Art and Destruction 1968-1972

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970 Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970
Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Das BRUSEUM, Neue Galerie Graz, zeigt ab 14. 11. die Schau „Damage Control“. Im Jahr 1970 hat Willoughby Sharp im kurzlebigen Museum of Conceptual Art in Chicago eine Ausstellung kuratiert, die unter dem Namen Body Works erstmals die gerade im Entstehen begriffene Tendenz einer körperzentrierten Kunst – die später unter dem Namen Body Art firmieren wird – einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hat. Die präsentierten Videoarbeiten von Vito Acconci, Terry Fox, Bruce Nauman, Dennis Oppenheim, Keith Sonnier und William Wegman zeigten im Wesentlichen „the use of the artist’s own body as sculptural material“. Sie zeigten jedoch auch bereits die Dekonstruktion und Destruktion dieses neuen skulpturalen Materials und damit die Selbstverletzung der Künstler als künstlerischen Akt: Acconci brannte sich die Haare von den Brustwarzen, Oppenheim ließ sich durch den Sand schleifen und Wegman steckte sich 11 Zahnstocher in den Gaumen. Als das Museum of Contemporary Art in Chicago fünf Jahre später unter demselben Ausstellungstitel einen erneuten Rückblick wagte, war die Künstlerliste bereits um europäische Protagonisten wie Günter Brus, Joseph Beuys, Gina Pane, Urs Lüthi oder Rudolf Schwarzkogler erweitert.

Aus Anlass der Ausstellung „Damage Control: Art and Destruction Since 1950“, die im Herbst im Kunsthaus Graz gezeigt wird, widmet sich das BRUSEUM jenem Aspekt künstlerischer Zerstörung, den die vom Hirshhorn Museum in Washington konzipierte Schau vernachlässigt: der Body Art in ihrer Anfangszeit unter dem speziellen Blickwinkel der aktionistischen Selbstverletzung. Damit bietet sich die einmalige Gelegenheit, die späten Aktionen von Günter Brus im internationalen Kontext zu verorten und zu überprüfen, ob er wirklich der erste war, der seinen Körper im Rahmen einer Performance verletzte und damit als „Begründer der Body Art“ gelten kann, als der er immer wieder bezeichnet wird. Die Ausstellung nähert sich dem Phänomen selbstverletzender Körperkunst nicht nur aus einer historischen Perspektive, sondern auch unter dem Gesichtspunkt einer „Ästhetik des Erhabenen“, wie dies die Österreichische Akademie der Wissenschaften in einem ihrer jüngsten Forschungsprojekte initiiert hat. Ausgangspunkt der These ist die Annahme, dass sowohl die Body Art als auch die Idee des Erhabenen die Beherrschung des Körpers und der mit ihm assoziierten Gefühlswahrnehmungen ins Zentrum stellen.
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Die Ausstellung zeigt Arbeiten unter anderem von Vito Acconci, Günter Brus, Chris Burden, Terry Fox, Stephen Laub, Barry LeVa, Dennis Oppenheim, Gina Pane, Larry Smith, VALIE EXPORT und William Wegman.

Wien, 6. 11. 2014