The Killing Of A Sacred Deer

Januar 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amerikanische Oberschicht erfährt archaische Rache

Ihre klinisch kühle Ehe wird bedroht: Nicole Kidman und Colin Farrell. Bild: © Alamode Film

Der griechische Filmemacher Yorgos Lanthimos zählt nicht erst seit „Lobster“ zu den derzeit unkonventionellsten Regisseuren. Mit „The Killing Of A Sacred Deer“, ab 12. Jänner in den heimischen Kinos, legt er seinen zweiten Film in englischer Sprache vor, und beweist auch diesmal, dass er kein mit dem Mainstream Schwimmer ist. Sein Film ist ein vom antiken Iphigenie-Mythos inspiriertes, ausdrücklich metaphorisch zu sehendes Rachedrama.

Er paart provokant beklemmenden Horror mit einer kafkaesken Künstlichkeit, ist verteufelt spannend – und verstörend. Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde „The Killing Of A Sacred Deer“ mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Auch diesmal steht Lanthimos Colin Farrell als Hauptdarsteller zur Verfügung, der den höchst erfolgreichen Herzchirurgen Dr. Steven Murphy spielt, der gemeinsam mit seiner Frau – Nicole Kidman großartig unterkühlt – den Banalitätentraum vom Spießerleben der amerikanischen Upper Class lebt. Bis er archaische Rache erfährt. Und feststellen muss, dass nichts im Leben ohne Konsequenzen bleibt. Eine uralte Macht, scheint’s, hat beim Kleinkrieg der Menschen die Hand im Spiel, und diese Hand ist verkörpert durch Martin, einen seltsamen jungen Mann, sehr schön spooky dargestellt von Barry Keoghan, mit dem sich der Arzt immer wieder trifft.

Grausame Eröffnungen in der Kantine: Colin Farrell und Barry Keoghan. Bild: © Alamode Film

Schon die erste Umarmung der beiden dauert zu lange und macht klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Einige Zeit ist man auf eine Pädophilie-Story eingestimmt, Herr Doktor treibt’s mit der Gattin ja nur in Vollnarkose-Sexspielchen und lügt im Krankenhaus wegen Martins Identität, doch bald wird klar: Die Abhängigkeit ist anders herum. Martins Vater nämlich ist auf Stevens OP-Tisch gestorben, die Mutter arbeitslos.

Der Teenager, darob verstört, sucht aber nicht nach neuem emotionalen Halt, sondern nach Vergeltung. Er verlangt von Steven als Ausgleich eines seiner Familienmitglieder zu opfern. „Du hast jemanden aus meiner Familie umgebracht, jetzt musst du jemanden aus deiner töten“, eröffnet er ihm in der Spitalskantine. Seine Macht demonstriert er zuerst an den Kindern, erst der Sohn, dann die Tochter werden gelähmt, hören auf zu essen, bluten aus den Augen … Wie immer bei Lanthimos ist der Film streng stilisiert, im Wortsinn klinisch, alles im Leben der Figuren läuft irgendwie mechanisch und ohne Gefühlsregungen ab, und apropos, Worte: er kommt mit wenigen aus, mit Sätzen, die wie nebenbei gesprochen fallen.

Martin verfolgt einen tödlichen Plan: Barry Keoghan. Bild: © Alamode Film

Lanthimos nimmt ein ungeheuerliches Szenario und entfaltet darin den ganzen Schrecken. Vor allem in der letzten halben Stunde geschehen Dinge, die weit jenseits des Menschlichen liegen. Doch schon bevor klar wird, wo der Weg überhaupt hinführen soll, schürt er eine Atmosphäre des Misstrauens – sowohl zwischen den Charakteren, aber auch zwischen Zuschauer und Film. Nichts ist hier, wie vorgesehen.

Weder in Bezug auf mögliche Sehgewohnheiten noch auf das Einhalten moralischer Schranken.. „The Killing Of A Sacred Deer“ ist ein langsamer Film, und sein Schöpfer treibt seine Figuren ganz gemächlich in die Enge, die Murphys in ihrem wie ohnmächtig ausgetragenen Überlebenskampf, bis ein permanentes Tut-doch-was! erst in pures Entsetzen, dann in tödliche Erlösung kippt.

Geschont wird hier niemand. Und auch auf ein gutes Ende braucht man nicht zu warten. Die so subtile wie schonungslose Inszenierung kombiniert in ihren besten Momenten brillant ein Sezieren der Gesellschaft mit absurder Groteske. Lanthimos erweist sich als Meister eines bitteren, exzentrischen Humors. Die schicksalhafte Bedrohung, die sich von der Raserei zur Katharsis entwickelt, ganz wie’s das griechische Drama vorgesehen hat, ist wie eine Hommage an Stanley Kubricks „The Shining“. Nicht umsonst wohl sieht Sunny Suljic als Sohn Bob dem Redrum-Jungen Danny schauderhaft ähnlich.

thekillingofasacreddeer-film.de/

  1. 1. 2018

Bruseum: Damage Control

November 6, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Body Art and Destruction 1968-1972

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970 Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970
Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Das BRUSEUM, Neue Galerie Graz, zeigt ab 14. 11. die Schau „Damage Control“. Im Jahr 1970 hat Willoughby Sharp im kurzlebigen Museum of Conceptual Art in Chicago eine Ausstellung kuratiert, die unter dem Namen Body Works erstmals die gerade im Entstehen begriffene Tendenz einer körperzentrierten Kunst – die später unter dem Namen Body Art firmieren wird – einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hat. Die präsentierten Videoarbeiten von Vito Acconci, Terry Fox, Bruce Nauman, Dennis Oppenheim, Keith Sonnier und William Wegman zeigten im Wesentlichen „the use of the artist’s own body as sculptural material“. Sie zeigten jedoch auch bereits die Dekonstruktion und Destruktion dieses neuen skulpturalen Materials und damit die Selbstverletzung der Künstler als künstlerischen Akt: Acconci brannte sich die Haare von den Brustwarzen, Oppenheim ließ sich durch den Sand schleifen und Wegman steckte sich 11 Zahnstocher in den Gaumen. Als das Museum of Contemporary Art in Chicago fünf Jahre später unter demselben Ausstellungstitel einen erneuten Rückblick wagte, war die Künstlerliste bereits um europäische Protagonisten wie Günter Brus, Joseph Beuys, Gina Pane, Urs Lüthi oder Rudolf Schwarzkogler erweitert.

Aus Anlass der Ausstellung „Damage Control: Art and Destruction Since 1950“, die im Herbst im Kunsthaus Graz gezeigt wird, widmet sich das BRUSEUM jenem Aspekt künstlerischer Zerstörung, den die vom Hirshhorn Museum in Washington konzipierte Schau vernachlässigt: der Body Art in ihrer Anfangszeit unter dem speziellen Blickwinkel der aktionistischen Selbstverletzung. Damit bietet sich die einmalige Gelegenheit, die späten Aktionen von Günter Brus im internationalen Kontext zu verorten und zu überprüfen, ob er wirklich der erste war, der seinen Körper im Rahmen einer Performance verletzte und damit als „Begründer der Body Art“ gelten kann, als der er immer wieder bezeichnet wird. Die Ausstellung nähert sich dem Phänomen selbstverletzender Körperkunst nicht nur aus einer historischen Perspektive, sondern auch unter dem Gesichtspunkt einer „Ästhetik des Erhabenen“, wie dies die Österreichische Akademie der Wissenschaften in einem ihrer jüngsten Forschungsprojekte initiiert hat. Ausgangspunkt der These ist die Annahme, dass sowohl die Body Art als auch die Idee des Erhabenen die Beherrschung des Körpers und der mit ihm assoziierten Gefühlswahrnehmungen ins Zentrum stellen.
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Die Ausstellung zeigt Arbeiten unter anderem von Vito Acconci, Günter Brus, Chris Burden, Terry Fox, Stephen Laub, Barry LeVa, Dennis Oppenheim, Gina Pane, Larry Smith, VALIE EXPORT und William Wegman.

Wien, 6. 11. 2014

Simon Pegg und Toni Collette in …

August 19, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück

Hector (Simon Pegg) Bild: © 2014 Egoli Tossell Film

Hector (Simon Pegg)
Bild: © 2014 Egoli Tossell Film

Am 22. August läuft in den heimischen Kinos Peter Chelsoms Verfilmung von François Lelords Bestseller „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ an. Inhalt: Der Londoner Psychiater Hector ist vielleicht ein bisschen exzentrisch, aber im Grunde einfach liebenswert. Nur ein Problem wird er nicht los, dabei gibt er sich wirklich die größte Mühe: Seine Patienten werden einfach nicht glücklich. Eines Tages nimmt Hector all seinen Mut zusammen und beschließt, London, seine Praxis und seinen Alltag hinter sich zu lassen, um sich nur noch dieser einen Frage zu widmen: Gibt es das wahre Glück? Und das auch für ihn? So begibt er sich schließlich auf eine weite, gefährliche, aber vor allem auch sehr lustige und emotionale Reise um den ganzen Erdball.

Herz und Seele der Produktion ist Simon Pegg als Hector. Der einstige Stand-up-Comedian, der mühelos zwischen Low-Budget-Ereignissen und Hollywood-Blockbustern (er ist der Computerspezialist Benji Dunn in „Mission: Impossible“ und „Star Treks“ neuer Bordingenieur Scotty und in beiden Rollen saukomisch) wechselt, zieht auch hier alle Register seines Könnens. Er lässt Hector zwischen kindlicher Neugier, augenzwinkerndem Schalk und philosophischer Ernsthaftigkeit so wunderbar wahrhaftig changieren, fährt Gefühlsachterbahn – und nimmt das Publikum auf diese Reise mit. In China, Afrika und Amerika hofft er, das Geheimnis des Glücks zu lüften, und erlebt dabei glaub- und unglaubwürdige Abenteuer. Mit einem gestressten Investmentbanker in Shanghai (Stellan Skarsgård), einem südamerikanischen Drogenbaron (Jean Reno), mit afrikanischen Warlords, einem Arzt ohne Grenzen, einer verflossenen Liebe (Toni Collette, derzeit in ORFeins in „Hostages“ zu sehen, runtergehungert auf Albtraumfabrik Size Zero, keine Spur mehr von der starken „Muriel“), Veronica Ferres als Hellseherin, die nicht hellsehen kann, und einem Glücksforscher (Christopher Plummer). Bald wird Hector klar: Glück ist das, was man sich selbst erschafft …

Chelsom hat das alles zu einem Sackerl knallbunter Bonbons zusammengeschnürt. Wie in diesen Zuckerlshops, wo man mit der Schaufel in die klebrigen Köstlichkeiten fährt und erst beim Wiegen feststellt, das man sich zu viel des Guten aufgeladen hat. So in etwa hat sich der Regisseur dem Prädikat Feel-Good-Movie verschrieben und Probleme der von Hector bereisten Länder außen vor gelassen. Hier ist eben einer, der die Welt durch die rosarote Brille sehen will. Und das gelingt Simon Pegg mit seinem tollpatschigen Charme allemal.

http://hectorsreise.derfilm.at/

Wien, 19. 8. 2014

Lone Ranger

August 12, 2013 in Film

Lachen bis die Geier kommen

© DISNEY. ALLE RECHTE VORBEHALTEN. © 2012 Disney Enterprises, Inc. The LONE RANGER property is owned by and ™ & © Classic Media, Inc., an Entertainment Rights group company.  Used by permission.

© DISNEY. ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
© 2012 Disney Enterprises, Inc. The LONE RANGER property is owned by and ™ & © Classic Media, Inc., an Entertainment Rights group company.
Used by permission.

Was ist den Kritikenkollegen zu Disneys „Lone Ranger“ nicht alles Negatives eingefallen: Von „Riesenflop des Kinojahres“ bis „Schiffbruch im Wilden Westen“. Leute, der Film ist ein Spa-ha-ß. Popocorn-Kino. Wer da in den Saal saure Drops mitnimmt, ist selber schuld. Fakt: Regisseur Gore Verbinski und Produzent Jerry Bruckheimer wollten ihren „Fluch der Karibik“-Lauf mit ihrem Star Johnny Depp im Wilden Westen fortsetzen. Also erinnerten sie sich an eine Hörspielereihe aus anno Schnee, die später zur TV-Serie wurde, und es von 1949 bis 1957 auf beachtliche 2956 Folgen brachte: Lone Ranger. Ein populärer Outlaw im Zorro-Stil, der, einst Staatsanwalt, das Gesetz in die eigenen Hände nimmt. Rauchende Colts. Bei Verbinski mit ein wenig Anklang an die Fuzzy-Filme. www.youtube.com/watch?v=zyyZa2EGsY8&feature=endscreen

Und Zitaten von „Spiel mir das Lied vom Tod“ über „The Good, the Bad and the Ugly“ und Buster Keatons „The General“, der einmal völlig ungeniert abgekupfert wird, bis „Little Big Man“. Heute ist kein guter Tag zum Sterben. (Wie „der alte“ Dustin Hoffman sieht Johnny Depp am Ende auch ein wenig aus). A Show with Everything but Ennio Morricone. Hans Zimmer ist für die Musik zuständig und spielt in einem der längsten Action-Overkill-Ende eine Art Radetzkymarsch. Eine Mischung aus Buddy-Movie, Parodie, Depps Irrwitz, den er diesmal mit einem biertrinkenden Seelenpferd teilen muss, und durchaus ernsthaften Westernelementen: Immerhin wird der amerikanische Ureinwohner Tonto von den Comanchen zum „Unsichtbaren“ erklärt, weil er als Jugendlicher an der Ausrottung seines Stammes durch silbergierige Weiße Schuld war. Immerhin muss Staatsanwalt Reid zusehen, wie der Bösewicht, den er zur Hinrichtung bringen wollte, seinem gesetzeshütenden Bruder bei gerade noch lebendigem Leib das Herz aus der Brust schneidet und frißt. Immerhin wird die Situation von Frauen, die das Land tatsächlich urbar machten, während die Männer mit ihren Schießeisen spielten, der Schwarzen, der Mexikaner im Westen und die der Chinesen beim Eisenbahnbau beleuchtet. Der Oberschurke ist außerdem der Verbündete vom Dampflokoberboss … Wendungen und Wirrungen im Minutentakt.

Die Legende beginnt diesmal mit einer Rahmenhandlung: 1933 bestaunt ein kleiner Bub im Lone-Ranger-Outfit auf einem Rummelplatz in einer Westernschaubude die Figur eines steinalten Indianers. Der wird plötzlich lebendig und erzählt dem Knirps die Heldengeschichte aus dem Jahr 1868. Wunderbar Johnny Depp als wieder verjüngter Tonto mit Schwarzweiß-Malerei im Gesicht und einer prinzipiell toten, doch mitunter lebendigen Krähe auf dem Kopf. Er füttert sie jedenfalls. Tonto findet die von Herzaußreißer Butch Cavendish und seiner Bande ermordeten Texas Ranger – und Harvard-Absolvent John Reid. Er hebt Gräber aus, da erscheint das Seelenpferd. Der eigenwillige Schimmel erweckt John wieder zum Leben. Den falschen Bruder, wie Tonto findet. Aber den Geistern der der Ahnen soll man nicht widersprechen, also fertigt er dem Greenhorn eine Maske aus der Jacke seines Bruders – der Lone Ranger ist geboren. Gemeinsam begibt man sich auf Verbrecherjagd, in einer Welt, in der blutrünstige, Monty-Pythons-artige Karnickel sich gegenseitig zerfleischen, weil das Böse die Natur aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Armie Hammer als John Reid schlägt sich an der Seite des übermächtigen, schillernden Freaks Depp – fabelhaft etwa die Szene, wie er majestätisch per Leiter von einem Zugdach auf das andere „umsteigt – mehr als achtbar. Und dann ist da noch Helena Bonham Carter als Puffmutter, die aus dem Absatz ihres Elfenbeinbeins scharfe Schüsse abgeben kann.

Die Schurken werden natürlich besiegt. Bis auf einen. „Mann wurde aus Silber geboren, Mann kann nur durch Silber sterben“, sagt Tonto über Cavendish und gibt dem Buben in der Ausstellung am Schluss eine silberne Revolverkugel in die Hand. Der Dreikäsehoch setzt sich darauf seine Maske wieder auf. Fortsetzung garantiert? Jack Sparrow hätte sicher seine Freude daran.

www.disney.de/lone-ranger/

http://disney.go.com/the-lone-ranger/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=W_z4QihFiIE

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 8. 2013