Home-Stage – Das Online-Musical

Mai 20, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Kranners Antwort auf die #Corona-Krise

Bild: Home-Stage – Das Online-Musical

In Zeiten von #Corona suchte Sänger, Schauspieler und Regisseur Gernot Kranner Mitstreiter zur musikalischen Einfassung der Quarantäne-Isolation. Gesagt, getan – schon entstand „Home-Stage – Das Online-Musical“, dessen erste Episode nun zu sehen ist. Die Story: Sechs Darstellerinnen und Darsteller sollten einander bei den Finals einer Audition zu einem neuem Musical treffen.

Einer Uraufführung, über die bereits einiges spekuliert wurde, aber noch nichts Genaues bekannt ist. Doch dann kommt Corona und nichts ist mehr so wie vorher. Ab sofort gilt Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkung. Der Regisseur bekommt gegen seinen Willen von den Produzenten die Vorgabe, einen Online-Workshop, der einmal wöchentlich stattfindet, abzuhalten, um die Produktion zu retten. Voraussetzung für die sechs, irgendwann einmal auch in dem Stück auf einer Bühne zu stehen, ist also, dass man einander alle zwei Wochen via Video-Konferenz trifft und gemeinsam einen neuen Song einstudiert und einander besser kennen lernt.

Also lassen sich alle sechs darauf ein. Was ist schon dabei, sich einmal via Skype zu sehen und gemeinsam zu proben und ein wenig besser kennen zu lernen? Marie, Debbie, Joe, Cake, Sam und Timmy sind nach kurzer anfänglicher Unsicherheit aufgrund der vollkommen neuen Situation relativ schnell bereit, bei dem Experiment mitzumachen. Und dann ist da noch Joes kleiner Bruder Tonio, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ebenfalls einmal Musicaldarsteller zu werden, und der sich ziemlich selbstbewusst in das Geschehen einmischt.

Die Regisseure Reinwald und Gernot Kranner. Bild: Home-Stage – Das Online-Musical

In jeder Folge wird vom Regisseur zu Beginn das Material für einen neuen Song verteilt, der Teil der Show werden soll. Ab Folge zwei ist auch immer ein Special Guest, ein Musicalstar aus dem deutschsprachigen Raum, mit dabei. Man darf also gespannt sein … Regie führt Gernot Kranner, Musik und Buch sind von Katrin Schweiger und Thomas Neuwerth, die Choreografie von Barbara Castka. Den „Home-Stage“-Regisseur singt und spielt Gernot-Bruder Reinwald Kranner, mit ihm im Cast: André Haedicke, Nick Körber, Chris Green, Sarife Afonso, Nicole Rushing, Philipp Fichtner und Jonas Tonnhofer. Die Sets sind die Privatwohnungen der Darstellenden, ihr Gärten und andere Locations in Freien, soweit das die jeweiligen Corona-Maßnahmen erlauben.

www.facebook.com/homestagedasonlinemusical           Trailer: youtu.be/jjzqZQeXabk

www.youtube.com/channel/UC7lBktcTnxm9DfM5yT3LX2g

20. 5. 2020

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

Die Neue Oper Wien streamt Videos ihrer Produktionen

April 3, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Anfang macht Bernhard Langs „Der Reigen“

Das Graphic-Novel-Bühnenbild beschwört das Zwischenkriegswien: Walter Kobéra, amadeus ensemble, Anita Giovanna Rosati und Thomas Lichtenecker Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Auch die Neue Oper Wien hat nun einen Stream eingerichtet. Videos vergangener Produktionen finden sich ab sofort hier: neueoperwien.at/node/179/aktuell/video. Die Videos werden laufend ergänzt und bleiben voraussichtlich bis 30. Juni online. Den Anfang machen „Der Reigen“ von Bernhard Lang, Libretto von Michael Sturminger nach Arthur Schnitzler, Inszenierung von Alexandra Liedtke.

Sowie Šimon Vosečeks „Biedermann und die Brandstifter“ nach Max Frisch in der Regie von Béatrice Lachaussée. Für 22. Juni ist die österreichische Erstaufführung von „Prosperina“ in der Wiener Kammeroper geplant. Wolfgang Rihm hat sich des Goethe-Stoffes angenommen und ein Kleinod geschaffen, das 2009 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt wurde. Rihms Partitur ist herausragend, vom ersten Takt an strömen raumgreifend die für den Komponisten typischen Klänge und tragen so den Kampf der Dauergefangenen in der Unterwelt um eine menschenwürdige Existenz aus: Ein vokaler Befreiungsschlag einer tragischen Persönlichkeit. Die Prosperina singt und spielt Rebecca Nelsen, die Inszenierung ist von Rebecca Greenstein, am Pult wie stets: NOW-Intendant Walter Kobéra.

Barbara Pöltl und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Alexander Kaimbacher. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Thomas Lichtenecker und Alexander Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Kritik: Der Reigen

Schneller Sex im Wartesaal der Liebe

L-I-E-B-E schreibt eine Gestalt zu Anfang auf die fünf schwarzen Wartesaalsessel. Am Ende wird das Ensemble auf ihnen Platz nehmen, angeschlagen, ausgelaugt, aber ausharrend, ob dies Glück in Großbuchstaben nicht doch noch um die Ecke lugt. Die Verheißung aber trügt, im Wartesaal der Liebe gibt es für sie nichts als schnellen Sex. So ist das eben bei Arthur Schnitzler – und nun in Bernhard Langs musiktheatralischem Werk „Der Reigen“, das die Neue Oper Wien zur österreichischen Erstaufführung brachte.

Nach der Premiere bei den Bregenzer Festspielen ist die Produktion seit gestern im Rahmen von Wien Modern im MuseumsQuartier zu sehen. Und siehe: Die in allen Klangfarben schillernde Komposition samt dem wohltuend originaltexttreuen Libretto von Michael Sturminger, die fantasievolle, schlüssig heutige Inszenierung von Alexandra Liedtke im formidablen Graphic-Novel-Bühnenbild von Falko Herold und Florian Schaaf, das von Walter Kobéra exzellent geführte amadeus ensemble-wien – mit der sich als Teil des Orchesters ausweisenden Klangdesignerin Christina Bauer – und die makellose Leistung der Solistinnen und Solisten, machen aus dem Abend ein weiteres Glanzstück auf der diesbezüglich langen Liste der NOW.

Eines, das sich wie selbstverständlich getraut, ohne die Gedankenstriche der Schnitzler’schen Szenenfolge zu verfahren. Heißt, dass es in der Halle E ganz schön zur Sache geht. Eine Fellatio im Stiegenhaus, ein „Vorhängeschloss“ in der Waschküche, Telefonanie, hier wird sich nicht geschont, stattdessen von Höhepunkt zu Höhepunkt gesungen, und von Hotelsex bis Treppenaffäre greift Lang des Autors Idee des Immergleichen in den für ihn typischen Loops auf. „Die Zeit meiner Jugend, die Zeit meiner Jugend“, beschwört der Ehemann beim Sich-Vergnügen mit dem Schulmädchen eine mutmaßlich inexistente Erinnerung herauf, dieses wie die anderen expressiven Bilder mit musikalischen Zitaten aus der „Reigen“-Skandal-Zeit untermalt.

Eine Art Motto pro einzelner Begegnung und derart mal ein impressionistisches Flimmern à la Débussy, mal eine kräftige Prise Alban Berg, dazu Jazz, Swing, ein wenig Gershwin, etwas Bernstein, sogar Rap, und die Protagonisten auch imstande diese Poystilistik zu bedienen. Wobei sich zur gesanglichen die darstellerische Herausforderung gesellt, je zwei komplett konträre Charaktere zu verkörpern … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=36070

neueoperwien.at           neueoperwien.at/node/179/aktuell/video

Der Reigen: www.youtube.com/watch?time_continue=16&v=AC3IkVfRXj4&feature=emb_logo

Biedermann und die Brandstifter: www.youtube.com/watch?time_continue=1297&v=0ZNm59fr7zY&feature=emb_logo

3. 4. 2020

Philipp Hochmair in „Glück gehabt“

Dezember 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine verhängnisvolle Austro-Affäre

Ein Horror von einer Komödie: Philipp Hochmair splattert sich als von Pech und leblosen Körpern verfolgter Artur durch „Glück gehabt“. Bild: © Prisma Film

Polykrates, das war nach Herodot, später Schiller jener Tyrann von Samos, der sein Glück bis zu seinem Verderben herausforderte, gemäß der Formel Hybris weckt den Wankelmut der Tyche und führt einen schnurstracks in die Arme der Nemesis. „Das Polykrates-Syndrom“ nannte Autor Antonio Fian sein 2014 veröffentlichtes Buch, einen Splatterroman zur Weihnachtszeit. In welchem der antike Herrscher allerdings eher als eine Art moderne Zivilisationskrankheit auftritt.

Fians Antiheld Artur ist ein Fettnäpfchentreter, dessen forcierte Suche nach … die vermehrte Produktion von Unglück nach sich zieht. Regisseur Peter Payer hat sich des Stoffs als seiner nun vierten Literaturverfilmung nach Albert Drach, Christine Nöstlinger und Ödön von Horváth angenommen. „Glück gehabt“ läuft ab Freitag in den Kinos, eine bizarre Horrorkomödie über eine verhängnisvolle Austro-Affäre, mit Philipp Hochmair als vom Pech verfolgten Artur. Und, um dies gleich vorwegzunehmen, Payer hat Fians lakonischen Plauderton ziemlich platt gemacht, weshalb, was auf Papier fantastisch, auf der Leinwand nur bedingt funktioniert. Den Witz der Vorlage am meisten erfassen Arturs Karikaturen, etwa wenn die sexy Lady im Trenchcoat statt des stolzen Löwinnenkopfes plötzlich einen scharfzahnigen Haifischschädel trägt.

Die sexy Lady, das ist Julia Roy als Alice, die tatsächlich wie ein Raubtier in das Leben des talentierten, aber ehrgeizlosen Comic-Zeichners, ergo Copyshop-Angestellten einfällt. Und apropos, Artur liegt bereits mit Alice im Bett, als ihm plötzlich einfällt, dass er ja verheiratet ist. Mit Rita, gespielt von Larissa Fuchs, eine über die Jahre mit zunehmender Routine geerdete Ehe, sie Gymnasialprofessorin mit Sprung auf einen Direktorinnenposten, aber Artur für Schauspielexzentriker Hochmair in Payers Drehbuch-Interpretation ein zu simpler, zu wenig vielschichtiger Charakter, der All Time Loser, der sich selber Feigling nennt, und dem im Zweifelsfall ein kühles Blondes ist gleich Bier lieber ist als eine heiße Rothaarige.

Gemma Tauben schießen am Balkon: Barbara Petritsch spielt Arturs schreckschraubige Mutter. Bild: © Prisma Film

Das tote Arschloch muss weg: Robert Stadlober mit Julia Roy als Alice und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Ehefrau trifft auf die Geliebte: Larissa Fuchs als Rita, Julia Roy und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Freundin platzt ins Säge-Werk: Claudia Kottal als Sylvia, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Prisma Film

Die Schöne jedenfalls entpuppt sich bald als Biest, schon steht Artur vor der Leiche ihres Ex-Lebensgefährten, Robert Stadlober als in Buch wie Film als „Arschloch“ betitelter, und den gilt es nun wegzuschaffen, ausgerechnet auf der schneeverweht-rutschigen Höhenstraße – die Szene ein Kabinettstück von Hochmair, Arturs persönliches „Immer Ärger mit Arschloch“, dazu Zitat Alice: „Wenn du so fickst, wie du autofährst …“ Payer liebt unter seinen Szenen vor allem die über die Skurrilitäten des Alltags. Artur hat nicht nur mit Frau und Geliebter zu kämpfen, sondern als dritte im Weiberbunde mit seiner schreckschraubigen Mutter, Barbara Petritsch, die auf dem Balkon ihrer Seniorenheimwohnung mit dem Wassergewehr auf Tauben schießt.

Claudia Kottal ist als Ritas immer zur Unzeit auftauchende Freundin Sylvia zu sehen, Raimund Wallisch als Arturs Billardpartner Richard, um das Namedropping abzuschließen, bevor das Kammerspiel gruselig wird. Lucas Rifaat wird als Arturs Nachhilfeschüler von Alices Nacktheit aus dem Konzept gebracht, als Rita mitten im Blowjob anruft, gibt Artur sein Stöhnen als Schnupfen aus. „Inhalier‘ noch vor dem Schlafengehen“, sagt die Treusorgende zur falschen Person. Böses Mädchen, braver Bub, noch rätselt Artur bezüglich der Eichhörnchenstellung, aber da überrascht ihn Alice mit der freudigen Kunde …

Langsam, zu langsam greift der Gedanke Raum, dass das Leben immer lebensgefährlich ist. Immer mehr ergreift Alice von Artur Besitz, wenn das Glück ein Vogerl ist, dann in Arturs Falle ein Kuckuck, schleicht sich die nunmehrige Albtraumfrau doch bei seiner Mutter ein, bei seinem besten Freund, sogar bei seiner Frau. Die allerdings erkennt den Verrat, und zack, zweite Leiche. Also muss zur Beseitigung wieder Artur ran, Methode: Badewanne, Elektromesser, Axt, eine morbid-makabre 180-Grad-Profirollwende im seichten Dahinplätschern, und Hochmair zwischen Sägen und Speiben endlich in seinem Element.

Gruppenfoto der Lebenden mit den Untoten: Julia Roy, Robert Stadlober, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Jan Frankl/Prisma Film

Nebenan im Wohnzimmer, wo der Christbaum steht, läuft währenddessen Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt. Aber während Antonio Fian auf diesen Seiten Bret Easton Ellis schlägt, reicht Peter Payer nicht an Mary Harron heran. „Arschloch“ Robert Stadlober steht von den Toten auf, und kommentiert wichtigtuerisch-wiedergängerisch die ins Endlose gedehnte Tranchieraktion, und der Seltsamkeiten nicht genug, berichtet Mutter Petritsch von Diebstahl, Erbschleicherei, Mord und Totschlag im Heim, und zack, die dritte Leiche.

Das alles hätte sehr, sehr komisch sein können, der Einfach-Gestrickte, der durch die Doppelbödigkeit seiner Umwelt fällt, wie der liebe Augustin in die Pestgrube, und letztlich im Wortsinn mit einem blauen Auge davonkommt. Fians mit Pointen durchsetzte Prosa ist dafür das genau richtige Fundament aus intelligentem schwarzem Humor und irritierend schlechtem Geschmack. Aber ach …, „Glück gehabt“ – der Film hängt mit seinem Protagonisten in den Seilen, und wie dieser schreit „Ich bin nicht bequem, ich bin einfach nur entspannt“, so wollte man sich’s mit dieser Adaption wohl auch machen. Kein Untergang des Abendlandes, auch wenn Torbergs Tante Jolesch in ebendiesem sagt: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“

 

www.glueckgehabt-film.at

  1. 12. 2019

TheaterArche: Blinde Nacht – Nittel

Dezember 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Weihnachtsliedern hallt Pogromgeschrei

Der Pfarrer findet in finsterer Nacht den werdenden Vater Georg beim Heilkräuterritual: Bernhardt Jammernegg und Andreas Kosek. Bild: Jakub Kavin

Der Winterwind, der an die Fensterscheiben braust, wandelt sich in Fliegengesurr. Wie diese Parasiten und Krankheitsüberträger fielen nämlich die Fremden in ihren Weihnachtsfrieden ein, befinden die Dorfbewohner. Aus Unverständnis wird Furcht wird Hass, statt im Schein der Kerzen vom holden Knaben zu singen, hallt bald Pogromgeschrei. Es wird brennen, wird Blutvergießen geben, und Christoph Prückner bläst dies vorwegnehmend auf der Posaune zum Jüngsten Gericht …

Der Regisseur und Schauspieler hat passend zur Adventszeit in der TheaterArche ein lang gehegtes Projekt auf die Bühne gehoben, die Uraufführung von Simon Kronbergs Drama „Blinde Nacht – Nittel“, und diese Entdeckung kann Prückner nicht hoch genug angerechnet werden. Kronberg, 1891 in Wien geboren und aufgewachsen, emigrierte nach der Machtergreifung Hitlers 1934 von Berlin nach Palästina, wo er als Schuhmacher in einem Kibbuz lebte und schrieb. Zurück blieben seine nichtjüdische Frau Herta, von der er sich zu deren Schutz scheiden ließ, und Sohn Daniel. Sein bis dato ungespieltes Stück „Nittel – Blinde Nacht“ vollendete er 1941.

Der Begriff „NITL“ ist vermutlich aus einer Verballhornung von „dies natalis“ entstanden. Im Mittelalter war es den Juden verboten, an den Weihnachtsfeiertagen die Straßen zu betreten und Schulen und Synagogen zu besuchen, weshalb das Wort als Abkürzung von „Nit Jiden toren (= dürfen) lernen“ interpretiert wurde. In Osteuropa bezeichneten die Juden die vor der Heiligen als „Blinde Nacht“, man sagt, weil es ihnen in dieser zu gefährlich schien, mit dem Licht, dass sie zum Thorastudium brauchten, Aufmerksamkeit zu erregen. Genau das aber wurde ihnen von der christlichen Bevölkerung als Bosheit ausgelegt, da ein Aberglaube besagte, „dass Jesus nur Ruh‘ hat, wenn die J‘ lernen“.

In seinem farcenhaften Sittenbild hält Kronberg seinen Mitunmenschen den Spiegel vor die faschistischen Fratzen. Boshaft und beinhart analysiert er die Wirksamkeitsmechanismen der antisemitischen Agitation. In einem Provinznest leben die Bewohner in einem Dauerzustand der Angst, alles „andere“ wird abergläubisch dämonisiert, denn vor allem vom 23. auf den 24. Dezember soll das Böse ja seine Pranken nach den guten Christenmenschen ausstrecken. Diese angespannte Stimmung nützt nicht nur der örtliche Pfarrer, sondern nützen auch ein paar „Vorübergehende“, um den Judenhass zu schüren. Auf Massenhysterie folgt Massenpanik folgen Machtfantasien, die ein Opfer suchen …

„Das ist ein Weihnachtsgedanke: einer Jüdin wurde ein Kind geboren. Der Jude Jesus wurde unentwegt, immer gekreuzigt. Er wurde davon nicht schöner. Im Bild des Messias geistert er wie ein stets unwillkommener Bettler, als Dichter verschrien, durch die Völker und Länder“, formulierte Kronberg in einem Brief an eine Ex-Frau, als er ihr sein Manuskript übersandte. Prückner hat, fürs Publikum erklärend, dramaturgisch allerdings überaus komplex, etliche dieser Briefe, biografische Notizen und Passagen aus dem Stück „Der Tod im Hafen“ mit „Blinde Nacht – Nittel“ collagiert. Und er bedient sich eines weiteren Kunstgriffs, indem er als „Spielleiter“ das Ensemble zu einer Probensituation zusammenruft.

Die Dorfbewohner sind erst fadisiert …: Bernhardt Jammernegg und Barbara Schandl. Bild: Jakub Kavin

… dann alarmiert: Elisabeth Halikiopoulos als Wirtin und Bernhardt Jammernegg als Schuster. Bild: Jakub Kavin

Feindbild Flüchtlingskoffer: Eszter Hollósi als Schwester Frida und Elisabeth Halikiopoulos als Hebamme. Bild: Jakub Kavin

Weise aus dem Morgenland: Eszter Hollósi, Andreas Kosek und Anna Nowak als Erster, Zweiter, Dritter Jude. Bild: Jakub Kavin

Elisabeth Halikiopoulos, Eszter Hollósi, Anna Nowak, Barbara Schandl, Bernhardt Jammernegg und Andreas Kosek, Prückner selbst auch als Konrad, verkörpern derart nicht nur mehrere Charaktere, sondern sind mit Textbuch in der Hand immer wieder auch Schauspieler, die versuchen müssen, den sich ausbreitenden Wahnsinn einer Menschenhatz greifbar, da unbegreifbar, zu machen. Ausgelöst wird die Mordtat durch die bevorstehende Geburt eines Kindes. Anna Nowak als Christine wird vom Pfarrer der Sünde bezichtigt, weil sich ihr Neuankömmling auf diese Welt vor den so sehnlich erwarteten Heiland drängen wolle.

„Bete! Dass es sich verkrieche in deinen Leib …“, droht ihr ein maliziöser Bernhardt Jammernegg, und umzingelt von der bigotten Hebamme der Elisabeth Halikiopoulos und ihrer gehässigen Schwester Frida, eine Rolle für Eszter Hollósi, schickt Christine ihren einfältigen Ehemann Georg, dargestellt von Andreas Kosek, in den Wald, um dort geweihte Kräuter zu verfeuern. Ein heidnisch anmutendes Ritual. Prückner baut dazu eine Teufelsbrücke von der unbemannten Frida sexueller Frustration zu religiösem Fanatismus zum Niemals Vergessen.

Bei Wirtin Halikiopoulos versammeln sich Schuster Jammernegg, Bäcker Nowak und Barbara Schandl als Tischler, sie auch Komponistin des Songs „Schritt für Schritt“, den die Zuschauer zum Schluss begeistert mitsingen. Die Bierlaune eskaliert, von draußen sind die Rufe nach dem „Saujud!“ zu hören, die „Vorübergehenden“ mischen sich als Aufwiegler unters Volk, das plötzlich zu Pogromisten mutiert – mit dem in seiner Verzweiflung und Verwirrung realitätsfernen Georg als Rädelsführer. Das intensive Spiel der TheaterArche-Crew geht so tief unter die Haut, dass einem die Haare zu Berge stehen. Wenn Jammerneggs Pfarrer seine Psalmen orgelt, wenn die Handwerker sich ihre Hartherzigkeit und ihren Haudrauf-Mut ansaufen.

Den „Geruch von Fremden“ wittern sie in der erfrorenen Luft, und Prückner vergisst im Zeitgeschichtlichen nicht das Thema der Stunde, die Flüchtlinge „vor den Toren Europas“, medial schon wieder zur -krise, weil -welle entmenscht. Im Namen Gottes bitten auch diese Herbergssucher um Obdach, ihnen leihen dieselben Schauspieler Gestalt und Stimme, die auch die „Vorübergehenden“ sind. Aus Tätern werden Opfer, doch „in der Nacht vor Christi Geburt gibt’s keine Betten“ – schon gar keine kostenlosen, Konsum geht vor Güte, also Lager, Moria, Vučjak, streng bewacht und schikaniert, dort sitzen sie mit ihren Koffern.

Der Jude Konrad wird in der Nacht vor Weihnachten ums Leben gebracht: Christoph Prückner und Eszter Hollósi als Konrads christliche Ehefrau Lisa. Bild: Jakub Kavin

Den Protagonisten von Kronbergs zweitem Handlungsstrang verkörpert Prückner selbst, den Juden Konrad, den einzigen weit und breit, verheiratet mit der Christin Lisa, diese: Eszter Hollósi, des Autors desaströses Beispiel für „geglückte Integration“, fühlt Konrad sich doch als Mitglied der Gemeinde und ergo in trügerischer Sicherheit, sogar als der Hetztrupp schon vor seiner Haustür randaliert. Und während ihn Lisa vor Anfeindungen warnt, die

Konrad mit einem verärgerten „Soll ich den Spuk um Jude, Nichtjude ernsthaft nehmen?“ abtut, treten drei Figuren auf, benannt als Erster bis Dritter Jude, die nicht nur der allein gelassenen Christine bei der Entbindung helfen, sondern auch schwer bepackte Säcke und Rucksäcke mit sich tragen – als wären sie Reminiszenz an den Glauben, dass aus dem Morgenland Weise und Könige mit ihren Gaben und Begabungen kämen.

Eine interpretativ kaum zu fassende Figur, ist Konrads Freund Daniel, erst nur Stimme von Anna Nowak und Barbara Schandl, schließlich von Bernhardt Jammernegg zum Auftritt gebracht, Daniel, der durch seine Spiritualität den Grausamkeiten beizukommen vermag, Daniel, der biblische Prophet, der Sohn des Leides, der ewige Zeuge des Unrechts, das Christen an Juden verüben, Daniel, Simon Kronbergs Sohn, in der Diskussion mit Konrad gleichsam im Zwiegespräch mit dem abwesenden Vater. Es ist nicht wenig Stoff, den Christoph Prückner in seine Inszenierung packt, „Blinde Nacht – Nittel“ unbedingt ein Abend, der zum Mitdenken auffordert, zum Nachdenken anregt.

Der Weg von der kalkulierten Agitation einzelner zur Aggression, zur Affekthandlung vieler steht dieser Tage wieder einmal weit offen. Am Ende wird Konrad ermordet sein, sein Haus zum Freudenfeuer für den christlichen Gott. Kronberg beschließt sein Drama resignativ, ohne zu hoffen, dass die Demagogie je in ihrer Irrationalität entlarvt werden wird. Im Theatersaal der TheaterArche trifft einen das letzte Bild mit voller Wucht, der an der Rückwand der ehemaligen Möbelfabrik Ludwig eingemauerte, halbkreisrunde Schamott weckt Assoziationen zu den Öfen der NS-Vernichtungslager. Ein starkes Stück großartig gespielt, ein außergewöhnlicher Aufführungsort – und ein Dramatiker, von dem man unbedingt mehr sehen möchte. Wiederaufnahme 2020 ist geplant.

Video: www.tv21.at/l/blinde-nacht-von-simon-kronberg-exklusiv-nur-auf-tv21-als-ganzes-stuck/           www.theaterarche.at          buecher.hagalil.com/sonstiges/kronberg.htm

  1. 12. 2019