Theater Nestroyhof Hamakom: Dunkelstein

März 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Grauen ohne Geigengeschluchze

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile Bild: Nick Mangafas

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile
Bild: Nick Mangafas

„Gegenwärtig brauchen die Juden ein paar Teufel, um zu überleben“, sagt er. Und später: „Wenn der Krieg kommt, werden die eine Waffe in die Hand nehmen gegen unsere Herrschaften.“ Die – waren die Wiener Juden, denen er die Ausreise ermöglicht hatte, sie – die hiesigen Nationalsozialisten. Er, das war Benjamin Murmelstein, und wahrscheinlich war er beides, ein Gottseibeiuns und ein Gottseisgelobt.

128.000 Menschen soll er bis November 1941 die Emigration ermöglicht haben. Robert Schindel hat 2010 ein Theaterstück über ihn geschrieben, „Dunkelstein“ heißt es und wurde nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt. Eine diesbezügliche Zusammenarbeit mit dem Volkstheater kam nicht zustande, und es verwundert, welch ein Auftragswerk sich das Haus da entgehen ließ. Aber es bedurfte wohl eines Frederic Lion und eines Karl Baratta, um aus dem komplexen Stoff die bestechende Spielfassung zu erstellen, die nun zu sehen ist.

Mehr als 42 Figuren haben die beiden für acht Schauspieler aufbereitet, immerhin 22 Rollen sind für sie geblieben. Mit ihnen wird ein Einblick in die jüdische Gemeinde jener Tage gewährt. Lion und Baratta lassen sich lange Zeit, bis sie Dunkelstein auftreten lassen. Vorher geht es ihnen um das Vermitteln von Atmosphäre, um das Vorführen von Denkweisen; sie zeigen das Negieren und das Nichtwissenwollen, eine Szenencollage bewegt sich von Fall zu Fall. Die Geschichte des psychisch kranken Nathan. Eine Wirtshausdiskussion, dass Zwetschenröster niemals Kompott sein kann. Polgar im Kaffeehaus, Friedells Fenstersturz, Torberg wird zitiert. Eine Bridgepartie von Vater und Tochter Singer. Die Flucht in die Religiosität oder den Kommunismus. Gisela Winter kommt vor, und Esther Rebenwurzel. Und am Ende werden alle Geschichten zu einer werden, und Nathan wird nackt ins Gas gehen, und Esther, die eigentlich Franzi Danneberg-Löw hieß und damals Fürsorgerin der Israelitischen Kultusgemeinde war, den Säugling von Gisela-Gerty Schindel gerettet haben. Und er wird Robert Schindel geworden sein.

Regisseur Lion hat einen Abend entworfen, der alles in einem ist. Nummernkabarett und Maskenspiel und Erzählung. Und jüdischer Witz. Eine Realfarce nennt Schindel sein Stück, und mit staubtrockenem Humor berichtet er vom Nahen der braunen Sturmflut. „Heil Hitler!“, ruft der Botenjunge, der die Mazzes bringt. Und ja, man lacht. Die Beeinflussbarkeit des Menschen scheint in solchen Momenten grenzenlos. Lions „Dunkelstein“ ist eine spröde, analytische Inszenierung dessen, die nicht mit Sentiment, sondern mit dem Verstand spielt. Er lässt die Grausamkeit sozusagen nicht in Geigengeschluchze baden, sondern stellt sie aus. Kalt und klar. Was sie umso deutlicher und beklemmender macht.

Mit der Rotte verkommener Hausknechte kommt auch Dunkelstein. Michael Gruner spielt ihn mit hoher Intensität. Seine Bühnenpräsenz ist atemraubend. Mit konzentrierten Gesten, mit einer Art verwehter Eleganz entwirft er seine Figur. Dieser Dunkelstein wankt zwischen Angeekeltsein und Größenwahn, er ist ein Gefangener seines Amtes, er kalkuliert Lebensrettungschancen so sachlich wie ein Buchhalter seine Finanzen, er ist hochmütig unfreundlich, auch jähzornig, und glaubt an seine Manipulation des Mördervereins. Dies seine größte Sünde. Benjamin Murmelstein war Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und nach deren Auflösung 1938 in der zwangsweise in „Jüdische Gemeinde Wien“ umbenannten Institution unter Adolf Eichmann für die Auswanderungsabteilung zuständig. Ab 1942 musste er aber auf Weisung der NS-Behörden auch die „Einwaggonierung“ der Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten vornehmen. „Der letzte der Ungerechten“, wie er sich 1975 selber in einem Interview nannte, gilt bis heute als ambivalente Persönlichkeit. Kollaboration nennen die einen seine Arbeit, Kooperation die anderen.

„Dunkelstein“ ist kein Versuch einer Erklärung dieser seltsamen Existenz. Jede Parteinahme wird unterlassen. In einem knappen Prolog wird kurz um die Frage gestritten, was man, wenn … und ob nicht, weil … man weiß es nicht. Ob das die Natur des Menschen ist? Spitzelwesen und Verrat von Freunden und Hass auf den, der gestern noch Nachbar war, und sich als Opfer unter den Tätern zu verstecken. Wie viel Gewissen hält der Mensch aus? In der Mašín-Familie geht seit Generationen der Satz: Man hat immer die Wahl. Florentin Groll will als Singer noch den Verkauf seines Wochenendhauses regeln, „na, nehmen wir einen späteren Zug“, sagt er zu Dunkelstein, und die Ahnung ist, der wird schon ein Viehtransporter sein.

Groll ist auch der Wirt, den Gestapomann Kalterer, verkörpert von Heinz Weixelbraun, später zwingen wird, den Zwetschenröster, der kein Kompott sein darf, vom Boden zu schlecken. Kalterer verliebt sich in die von ihm verhörte und von Lilly Prohaska gespielte Kommunistin Edith, eine Zellengenossin von Gisela Winter alias Schauspielerin Dolores Winkler; Prohaska wird später zu Esther Rebenwurzel. So schließt sich der Rettungsring um den Autor. Alexander Julian Meile gibt unter anderem den Sturmbannführer Linde süffisant-selbstverliebt und mit Eichmann-Schramme an der Wange. Rouven Stöhr ist ein eindringlicher, verstörender Nathan. Eduard Wildner versucht als Dunkelsteins Vorgesetzter Leonhardt seinen verzweifelten Sarkasmus nicht allzu offen zu zeigen. Und wenn Lukas Goldschmidt dazu „Waltzing Matilda“ auf Wienerisch singt, weiß man, wie’s gemeint ist.

Am Ende wird Linde zu höheren Weihen nach Berlin berufen und auch für Dunkelstein hat er neue Aufgaben. In Theresienstadt. Dort wurde Murmelstein 1944 zum letzten „Judenältesten“ ernannt. Und musste wieder Listen zusammenstellen. Nach Auschwitz-Birkenau. Nach dem Krieg hatte Murmelstein sein Verhalten zwei Mal vor Gerichten zu rechtfertigen, in Israel forderte man für ihn die Todesstrafe. Er starb 1989 in Rom. Der zuständige Rabbiner verweigerte das Kaddisch.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AT-rZq9-nnk

www.hamakom.at

www.schindel.at

Wien, 2. 3. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom / Salon5: badluck

Februar 3, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Asylsuchende berichten vom Leben in ihrer Heimat

22697962497_d1389557ec_bMan kennt dieser Tage das Gefühl trotz ehrlichen Bemühens um Informationsbeschaffung und Meinungsbildung letztlich zu wenig Unmittelbares über die Beweggründe und die Umstände von Flüchtenden und Ankommenden in Österreich zu erfahren. Karl Baratta und Natascha Soufi machen sich daran, diesem Bedürfnis nach authentischem Bericht mit einer vielstimmigen Begegnungsreihe nachzukommen. „badluck“ heißt das in Kooperation mit dem Salon5 und dem Theater Nestroyhof Hamakom entstandene Projekt, in dem Asylsuchende von den Lebensbedingungen in ihrer Heimat berichten. Zu sehen ab 11. Februar im Hamakom.

Die Menschen erzählen. Von ihren letzten Tagen und Wochen in Syrien und dem Irak, sie sprechen von den individuellen Erlebnissen, die zu ihrer Flucht geführt haben, unterstützt von Handyvideos und Fotos. Einen roten Faden liefert die Performance  „Bad Luck“ des National Theatre of Iraq aus dem Jahr 2014/15, in der Darsteller auf Fragen wie „Was machst du, wenn das Handy deiner Freundin schweigt?“, „Wie möchtest du sterben?“ oder „Was wirst du Gott erzählen?“ mit eigenen disparaten Erfahrungen antworteten. Ein Schauspieler und ein Filmemacher beschreiben nun die durch Bombenanschläge unterbrochene Theaterarbeit in Bagdad und zitieren Szenen aus dem Originalstück. Geschäftsleute und Journalisten aus Syrien steigen in die Struktur der Selbstbefragung ein, stellen sich auf die imaginäre  Bühne von „badluck“ und antworten darauf. So es entsteht eine persönliche Bestandsaufnahme der Ereignisse, ein nicht offizielles Sprechen abseits vorgefasster Meinungen und medialer Erwartbarkeit. Der Abend ist mehrsprachig: englisch, arabisch und deutsch.

Eintritt: Freie Spende zugunsten der mitwirkenden Asylsuchenden, mehr dazu: www.facebook.com/events/546240228859706/

www.hamakom.at

salon5.at

Wien, 3. 1. 2015

Winterpalais: Der Zorn der Eleonore Batthyány

März 26, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

In Abwesenheit des Prinzen Eugen

Der Zorn der Eleonore Batthyány Foto: Natascha Unkart, © Belvedere, Wien

Der Zorn der Eleonore Batthyány
Foto: Natascha Unkart, © Belvedere, Wien

Das neu renovierte Winterpalais, Barockjuwel im Herzen Wiens, bildet die einzigartige Kulisse für einen besonderen Theaterabend. Der Autor Erwin Riess hat mit „Der Zorn der Eleonore Batthyány“eine Begegnung des Prinzen Eugen mit seiner heimlichen Geliebten für die Bühne zum Leben erweckt. In einem Monolog gewährt Johanna Orsini-Rosenberg in der Rolle der Eleonore Batthyány Einblick in die politisch motivierten Intrigenspiele am Wiener Hof, die sich gegen den hochdekorierten Savoyer richten.

Regisseur Karl Baratta setzt das packende Psychogramm einer starken Frau in der männerdominierten Barockgesellschaft meisterhaft in Szene.

Am 2. April entführt Orsini-Rosenberg als charismatische „Lori“ erstmals an den originalen Schauplatz ihrer Zusammenkünfte mit dem Prinzen, ins Eugen’sche Winterpalais. Dort zieht sie Bilanz über ihre Beziehung zu  einem der erstaunlichsten Menschen jener Zeit. Autor Erwin Riess hat mit diesem Monolog tief in die Seele der Battyány geblickt, die heimliche Geliebte, Seelenverwandte und Gefährtin des Prinzen Eugen. Der sich mehr mehr für Gärten (und Gärtner?) als für Damen interessiert haben soll.

„Was immer geschieht: Heute noch werden Sie die Größe haben, mir Rede und Antwort zu  stehen! Über jene Frage, die seit Jahren in mir wohnt und doch nur als ein Blick, ein Hauch, ein Seufzen auf sich aufmerksam machte.“ Diese leidenschaftlichen Worte richtet Eleonore Gräfin Batthyány an Prinz Eugen von Savoyen, während dieser bei Kaiser Karl VI. eine Intrige der spanisch-katholischen Partei aufdeckt, die ihn zu vernichten droht. Die schöne Gräfin hat für  ihn spioniert und ihm das Material geliefert, die Anschuldigungen der Intriganten  zurückzuweisen. Eleonore ist zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre verwitwet und gilt als  emanzipierte und kultivierte Frau auf der Höhe ihrer Zeit. Ihr halbes Leben widmet sie der Nähe zu Eugen, zittert und triumphiert mit ihm in zahlreichen Gefahrensituationen seiner  Laufbahn. Sie blickt hinter die brillant komponierte Fassade der historischen Persönlichkeit auf  die Verletzlichkeit des Prinzen. Vor dem Hintergrund der politischen Krise verlangt sie von ihm  eine private Entscheidung. Für mehr als zwei Jahrzehnte ist sie die  heimliche Herrscherin des Reiches. Im Jahre 1719 kommt es zu jener berühmten Affäre, die beinahe mit der Vernichtung des Prinzen Eugen endet. Kaiser Karl VI. lässt Eugen und Eleonore bespitzeln. Ziel ist es, Eugen zu unterstellen, er sei Eleonore Batthyány hörig, und ihn dadurch als Politiker und Präsident der Geheimen Konferenz unmöglich zu machen. Die Entscheidung über die vorbehaltlose Rehabilitierung des Prinzen oder seine Vertreibung aus Österreich und den Verlust seines gesamten Vermögens drängt. Eugen wird vorgelassen, Eleonore jedoch in ein Kabinett verwiesen. Die Stunde des Wartens gerät ihr zu einer schonungslosen und leidenschaftlichen Abrechnung mit dem Prinzen und dem Kaiser.

www.belvedere.at

Wien, 26. 3. 2014

Salon 5: „Zerline“

November 20, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Hermann Broch in der LiteraTurnhalle

Gioia Osthoff  und Martin Schwanda Bild: Christian Mair

Gioia Osthoff und Martin Schwanda
Bild: Christian Mair

ZERLINE

20.11. / 21.11. / 22.11. / 26.11. / 27.11., Beginn: 19:30 Uhr

Die Leidenschaft des Salon5 nach der Begegnung mit großen „Abwesenden“ (Autoren) führt diesmal zu Hermann Broch. An einem Doppelabend wird die legendäre Figur der Magd Zerline – durch die Darstellung Jeanne Moreaus 1986 in Paris auch zu Bühnenweltruhm gelangt – in der LiteraTurnhalle 2013 neu umkreist und interpretiert. Wieder erscheinen die Archetypen einer „Welt von gestern“ als ZeitgenossInnen.

Teil I: Der verlorene Sohn, ein atmosphärisches Vorspiel
In Brochs Roman Die Schuldlosen tritt das Stubenmädchen Zerline in mehreren Kapiteln auf. Im Verlorenen Sohn erscheint sie zunächst am Rand des Geschehens im zerstreuten Blick eines reichen, jungen Holländers, der im Haus der geheimnisvollen Familie W. zur Untermiete wohnt und Einrichtung und Psyche seiner Bewohner studiert. Allmählich häufen sich die Zeichen, dass Zerline hier die heimliche Herrscherin ist…

Gelesen von: Gioia Osthoff & Martin Schwanda
Texteinrichtung: Karl Baratta

Teil II:    Die Magd Zerline
Eine Produktion aus der Regieklasse des Max Reinhardt Seminars, neu inszeniert für den Salon5

Hanna Arendt bezeichnet diese Erzählung als die vielleicht schönste Liebes-geschichte der deutschen Literatur. Anders, als die im Unklaren lebende Herrschaft, lässt sich Zerline zu einem leidenschaftlichen Monolog hinreißen, der die familiären Geheimnisse offenlegt. Sie berichtet von ihren Strategien, die das Schicksal der Familie bestimmten, das heißt, von ihrem teils in der Phantasie, teils in der Realität spielenden intensiven Liebesleben: Sogar der engelhaft reine Baron, ihre große Liebe, habe sie einstens an den Brüsten gepackt. Auch sei sie dem Liebhaber der Baronin, einem mondänen Teufel, verfallen und sei mit ihm fertig geworden. Ihr ganz persönlicher Gerechtigkeitssinn, ihre Beobachtungs-gabe und ihre Liebe sind so stark, dass ihr niemand widerstehen kann.

Mit: Marlena Keil
Regie: Matthias Rippert

Über den Autor
Hermann Broch war einer der produktivsten und bedeutendsten österreichischen Autoren, aber auch ein immer wieder vergessener. 1886 geboren, studierte er Textiltechnik und Textilmaschinenbau, um danach die väterliche Textilfabrik bei Wien zu leiten. Broch konvertierte vom Judentum zum Katholizismus. Nach dem Verkauf der Fabrik 1927 studierte er Mathematik, Philosophie und Physik in Wien und wurde danach freier Schriftsteller. Nach dem Anschluss 1938 emigrierte er in die USA, wo Thomas Mann und Albert Einstein zu seinen Freunden zählten. Neben seinen großen und umfangreichen Prosa-Werken „Die Schlafwandler“ und „Der Tod des Vergil“ schrieb Broch eine Reihe theoretischer Abhandlungen über Literatur, Politik und Philosophie. Sein Opus Magnum bildet der Roman „Die Schuldlosen“. Eine der darin enthaltenen 11 Erzählungen ist die legendäre „Geschichte der Magd Zerline“, welche Hannah Arendt eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur nannte. Hermann Broch starb 1951 in New Haven.

www.salon5.at

Wien, 20. 11. 2013