Volkstheater: Hochstaplernovelle

März 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fulminantes Solo von Schauspieler Martin Schwanda

Gerissen und geschmeidig: Martin Schwanda verwandelt sich in Robert Neumanns Hochstapler, Dieb und Trickbetrüger Emil. Bild: Christian Mair.

Da ist er also wieder. Emil. Nun begleitet er einen schon seit – wie vielen? – Jahren. Für eine Festwochenproduktion 2013 entdeckte Regisseurin und Salon5-Intendantin Anna Maria Krassnigg den vergessenen, weil von den Nazis aus den Bücherregalen verbannten Wiener Autor Robert Neumann. Entdeckte unter anderem auch seine „Hochstaplernovelle“ aus dem Jahr 1930 und dramatisierte sie. Aus dem „kleinen“ Abend, einer szenischen Lesung in der LiteraTurnhalle, wurde ein durchkomponierter Abend für Krassniggs niederösterreichischen Thalhof – nun machte Emil in der vollbesetzten Roten Bar des Volkstheaters Station.

Martin Schwanda verwandelte sich aufs Neue, und aufs Neue war’s großartig, in den kultivierten, scharfzüngigen, routinierten Gentleman-Betrüger Emil, der Identitäten – bevorzugt solche mit einem „von“  – wechselt, wie andere die Wäsche. Bares bis Brillanten, er ertrickst sich, was grad geht. Doch von seinem gewohnten Jagdrevier, der Côte d’Azur, später Venedig, verschlägt es ihn Richtung „Balkan“. Kleine Fische für den Meeresangler.

Und trotzdem wird er irgendwo im Hotel Nirgendwo auf seine Meister treffen. Ein geheimnisvolles Fürstenpaar … Schwanda, geschmeidig tänzelnd, blasiert, gerissen, bewegt sich zwischen den Zuschauern, macht sie zu seinen Statisten und zur Staffage. Er schenkt den Damen tiefe Blicke – die Verehrerinnen des Ausnahmeschauspielers sitzen bebend mit später zu überreichenden Blumenbouquets auf den Knien, spricht die Herren in Komplizenschaft an. Mehrere Stationen, einen Kartenspieltisch, einen Tennis-Schiedsrichterstuhl, eine aus blaugrünem Licht gepflanzte „Gartenlaube“, hat er sich für seinen Abend aufgebaut. Und einige Versatzstücke bereitgelegt. Je nach Schwindel eine neue Dame, markiert durch ein keckes Hütchen, einen Sonnenschirm aus Spitze, und auch die lässt er in Aufregung erschaudern. Ein Fächer aus Federn wird zum heiß behauchten Nacken. Ein gehäkelter Pompadour Opfer seines nächsten Häkel. Gezinkte Karten im Ärmel sind ein Muss.

Aus Perlenkette und Abendpumps wird ruckzuck eine Baronin. Bild: Christian Mair

Die Herren werden zur Abzocke an den Spieltisch geladen. Bild: Christian Mair

Schwanda hat sich Neumanns glänzend stilistische Sprache, ihre verwehte Elegance, zu eigen gemacht. Er gestaltet den weltversponnenen Professor, den akkuraten Industriellen, die bulgarische Baronesse, deren Akzente, Dialekte, Sprechweisen, Schrullen. Beinah zwei Dutzend Charaktere füllen so facettenreich die Rote Bar. Aus Emil, diesem aus ärmsten Kleinstadtverhältnissen Emporgekrochenen, hat Schwanda zwischenzeitlich den britischen Lord Chesterton gemacht. Hinter dessen Distinguiertheit lässt er von Zeit zu Zeit den unfeinen Taschendieb hervorblitzen. Ein Dämon, ein Spielteufel ist Emil am Kartentisch.

Christian Mair sorgt mit seiner Live-Musik, mit Soundteppich und Geräuschkulisse, für die richtige Atmosphäre im Raum, Ausstatterin Lydia Hofmann schwebt mal im Pelz, mal im Negligée als Denise durchs Bild. Aber: Mit Denise arbeitet Emil nicht mehr – und diesmal erfährt man im Gegensatz zu früheren Fassungen sogar den Grund. Ein wunderbarer Abend, ein fulminantes Solo. Das so nur durch die Initimität und das Flair der Roten Bar möglich war. Und durch Martin Schwanda, diesen Vortragenden der Luxusklasse, diesen Experten für die Vielschichtigkeit der Wiener Zwischenkriegszeit-Literatur. Er lädt ein in sein Kopftheater; locker-leicht entlarvt er dort eine Gesellschaft, die punkto Gier der heutigen nicht unähnlich und in der jeder um irgendeinen Preis käuflich ist. Emil wird sich mit dem „Fürstenpaar“ in Komplizenschaft (ver)einigen. Doch die neuen Zeiten mit ihren neuen Herren klopfen schon an die Tür. Das damalige Ende ist bekannt, das jetzige muss freilich noch ausstehen. Emil, auf ein nächstes Mal!

www.martinschwanda.com

salon5.at          www.volkstheater.at

Wien, 16. 3. 2017

MuTh – Justus Neumann: Häuptling Abendwind oder Kaufe Niere – bezahle bar

September 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das beste Bratl aus dem Publikum

Justus Neumann als Häuptling Abendwind mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Justus Neumann als „Häuptling Abendwind“ im Clinch mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Meine Herren, die Männer haben’s in dieser Vorstellung wirklich nicht leicht. Weil: Immer wenn Justus Neumann „Meine Herren!“ sagt, müssen sie aufstehen und sich verbeugen. Als „Häuptling Abendwind“ sucht er das beste Bratl aus dem Publikum für seinen Gast, den Biberhahn, und da ist der eine Zuschauer zu zäh, der andere zu fett, ein dritter zu sehnig, um einen g’scheiten Festschmaus abzugeben.

Den eigentlich dafür angedachten, einen tamilischen Flüchtling aus Traiskirchen namens „Sohn der Sonne“, hat ihm nämlich die Fremdenpolizei in Schubhaft gesteckt, also muss Ersatz her … So ist es, wenn der große Neumann sich an Nestroys Kannibalenburleske macht.

Zum angedroht letzten Mal spielt Justus Neumann dieser Tage in Wien Theater. Im MuTh begeht er diesen Abschied von seiner Heimatstadt, weil ihm der Weg von Tasmanien an die Donau mittlerweile doch zu beschwerlich wird. Das heißt, eigentlich ist er gekommen, um zu bleiben. Als Klimaflüchtling. Australien ist abgebrannt und mit österreichischem Pass tut man sich hierzulande relativ leicht punkto Asyl.

Die Nestroy Gesellschaft fühlt sich verpflichtet etwas für den nunmehr Mittellosen zu tun, und bittet ihn die Faschingsposse „Häuptling Abendwind“ aufzuführen. Als Solo. Was Neumann vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt …

Die er natürlich mit Bravour, Publikum und einer überlebensgroßen Biberhahn-Puppe von Meisei Koji meistert. Neumann bettet den Nestroy in seine eigene Geschichte ein, und das macht er so gewitzt wie g’feanzt wie clownek – echt Wienerisch eben. Im rotweißrot gestreiften Leiberl erzählt er von den menschlichen Grauslichkeiten, gibt Couplets von Bildungsnotstand bis Notstandsverordnung zum besten, und schiache Wienerlieder, in denen kein Herz golden, aber der Zustand ein b’soffener ist. Sein Sohn Julius Schwing begleitet ihn auf der E-Gitarre, da kommt ein bissl Steve Vai-Stimmung auf, und der Höhepunkt ist sowieso die Dialektfassung von Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“.

Neumann muss nichts am Stück aktualisieren. Er singt sich einfach durch den österreichischen Literaturkanon, da erkennt man durchaus, dass dies „kein schöner Land“ einst k.k. Kriegstreibernation war, und besser ist es lange nicht geworden, bis der Kannibalismus als Thema dieser Tage wieder Einzug hielt. Die Niere verkauft übrigens einer, der sich ums Geld dafür eine Bootsfahrt in die bessere Hälfte der Welt leisten will. Das ist so tragisch und zugleich so komisch geschildert, Neumann, dieser Faun von einem Volksschauspieler, regt wie immer zum Lachen und Gedanken machen an. Und wie immer fährt seine Fantasie Ringelspiel, wenn er Luftschlösser und Kartenhäuser baut, wenn er an die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten des Lebens Watschn austeilt, als wären sie sein persönlicher Calafati. Auch mit dem Biberhahn ringt er auf Leben und Tod, der würgt ihn, aber Neumann kann ihm schließlich doch den Kopf abreißen …

Der Nestroy Gesellschaft hat’s nicht gefallen, ihr Präsident reagierte sogar höchst erbost. Was Justus Neumann schlussendlich aber wurschtl ist. Selbst Nestroy ist mit diesem Stück durchgefallen, die Kritik fand die Handlung zu „abgeschmackt“. Sagt Neumann. Und lässt es aus einem Tennisschläger Seifenblasen regnen.

Regie: Hanspeter Horner. Vorstellungen bis 22. September.

www.muth.at

www.justusneumann.com

Wien, 13. 9. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom: Sam’s Bar

November 30, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Jüdisches, Jazziges, Konzerte und sehr viele Cocktails

18777691941_aaed155d05_bVon 5. bis 19. Dezember dreht das Theater Nestroyhof Hamakom wieder an der Uhr und baut eine Brücke zu einer Zeit, in der das Etablissement-Nestroysäle diesem wunderschönen Raum Leben einhauchte. Das Theater wird zu „Sam’s Bar“, in der das Publikum sechs Konzerte mit außergewöhnlichen Künstlern und in Zusammenarbeit mit David Maayan einen allinclusive Theaterbereich erleben kann, der künstlerische Intensionen mit gutem altem Entertainment verbindet.

Geboten wird Jüdisches, Jazziges, Visuelles, Kurdisches, Türkisches, Unabhängiges, Israelisches, Fiktives, Wienerisches, Improvisiertes, Komponiertes, Vergangenes, Persisches, Armenisches, Virtuoses und sehr viele Cocktails. Und the Sam Old Story.

Programmtipps:

5. Dezember, Sun Taylor: Seit der Veröffentlichung seines Debütalbums “Like The Tide” 2012 wurde Arnon Naor alias Sun Tailor zu einer der Leitfiguren der israelischen Indie-Folk-Szene. In den vergangenen drei Jahren trat er auf Hunderten von Bühnen in Israel und Europa auf. Von großen Veranstaltungsorten und Festivals bis hin zu kleinen akustischen Wohnzimmer-Shows. Derzeit tourt er mit seinem neuen, von den israelischen Medien hochgelobten Album „This Light“, das er nun auch in Sam’s Bar präsentieren wird, durch Europa. Video: www.youtube.com/watch?v=h7FV2WFVap8

Premiere 6. Dezember, Sam Old Story: 1904 bis 1919 führte das Theater Nestroyhof den Namen „Intimes Theater“. Dieser Begriff wurde von den verschiedenen Theaterdirektoren sehr unterschiedlich interpretiert. Zum einen war er bezeichnend für eine, zu dieser Zeit neuen, Theaterauffassung, die eine psychologisch motivierte „intime“ Darstellungsweise forderte. Zum anderen stand „Intimes Theater“ unter der Leitung Emil Richter-Rolands für Lust und Erotik was den Nestroyhof zum Wiener Spitzenreiter bezüglich der ausgesprochenen Zensurverbote eingereichter Stücke machte. Der israelische Regisseur David Maayan greift den Begriff des „Intimen Theaters“ auf und kreiert in seiner Theaterinstallation „Sam Old Story“ intime Begegnungen zwischen Zuschauern und Performern, der Geschichte des Hauses, der Umgebung des Theaters und der Vision Marmoreks, die jeder Ziegel in sich birgt. Fakten werden mit fiktiven Elementen vermischt. Zur selben Zeit befindet sich das Publikum in Sam’s Bar. Mit Musik, Drinks, Billard, Gesprächen und vielleicht sogar mit Sam…

11. Dezember, Özlem Bulut: Orient meets Jazz, Pop und Soul. Özlem Bulut stammt aus einem kleinen Dorf der Osttürkei. Sie begann ihre Karriere als Straßenmusikerin, setzte sie als Opernsängerin an der Wiener Staatsoper, der Opera Bastille und der Wiener Volksoper fort und gründete 2008 ein eigenes Musikprojekt, das Elemente anatolischer und orientalischer Musik mit Jazz, Pop und Soul verbindet. Die Musik stammt größtenteils aus der Feder des Wiener Komponisten und Pianisten Marco Annau. Wenn Özlem Bulut die Bühne betritt, entfacht sie ein sinnliches Feuerwerk. Die türkischen Texte handeln zumeist von Liebe, aber auch politische Themen wie Kinderheirat oder ein Leben ohne Ausweis werden besungen. Dennoch stellt sich dabei keine Schwermut ein. Die Lieder bleiben sinnlich, poetisch und voller Humor. Video: www.youtube.com/watch?v=CdPa0JgLs1Y

18. Dezember, Sormeh: Golnar Shahyar, Mona Matbou Riahi aus dem Iran und Jelena Popržan aus Serbien haben in Wien zu einem vielversprechenden Trio zusammengefunden, das einen Bogen spannt von orientalischer zu balkanischer Musik und seinen kosmopolitischen Kompromiss in jüdischen Musiktraditionen sowie eigenwilligen Arrangements und Improvisationslust findet. Kennengelernt haben sich die drei Musikerinnen beim Oficina Art Orchestra unter Leitung Alegre Corrêas. Golnar Shahyar interpretierte schon zuvor von persischer Tradition inspirierten Jazz. Mona Matbouh Riahi, jüngstes Mitglied und Hauptpoetin der Band, hat bereits mit Größen wie Alim Qasimov, Djivan Gasparyan und Aynur Doğan auf der Bühne gestanden. Jelena Popržan ist seit einigen Jahren mit ihrem Duo Catch-Pop String-Strong eine Fixgröße der österreichischen Musiklandschaft. Persische, jiddische, armenische, bulgarische, griechische und sephardische Lieder, schräge instrumentale Klezmer- und Balkan-Attacken sowie vertonte Lyrik, zeitlose wie zeitgenössische Chansons und Eigenkompositionen –  das hier ist Musik, die geistige wie musikalische Grenzen auflöst. Elegant und geheimnisvoll wie ein orientalischer Lidstrich, denn nichts anderes heißt das persische Wort „Sormeh“. Video: www.youtube.com/watch?v=8TKCZbJ4PEo

www.hamakom.at

Wien, 30. 11. 2015

Theater Nestroyhof Hamakom: Sam’s Bar

Dezember 4, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Jüdisches, Persisches, Jazziges

Geva Alon  Bild: (c) Ariel Efron

Geva Alon
Bild: (c) Ariel Efron

Sam’s Bar geht in die zweite Runde! Von 6. bis 20. Dezember zelebriert die Etablissement-Tradition den Nestroyhof und verwandeln den Theatersaal in eine Bar. Einen Raum, der vielerlei Perspektiven ermöglicht, der zum Gespräch, zum Hören und Entdecken, zum Genießen und Denken einlädt. In den acht Konzerten, die für sich selbst sprechen, wird unter anderem  bewiesen, dass kulturelle Diversität eine Bereicherung ist und dass Grenzen auch mit Achtung und Freude an der Entdeckung des Unbekannten überschritten werden können. Vielleicht eine mögliche Antwort auf die Frage  „Was Tun?“, das diesjährige Spielzeitmotto. „Was tun?“ ist auch der Titel eines an drei Tagen in Sam´s Bar stattfindenden szenischen Abends, der diese zu jeder Zeit zu befragende Frage erkundet und umkreist.

Programm:

6. Dezember: David Orlowsky Trio (DE) „Klezmer Kings – A Tribute“. Das David Orlowsky Trio hat sich als Erneuerer des Klezmer weltweit einen Namen gemacht. Sie haben die Klänge verfeinert, verfremdet und weiterentwickelt und so eine ganz eigene Version dieser lebensbejahenden Musik geschaffen. Sie nimmt einen schon im ersten Stück des Konzertes mit auf die Reise in den magischen Realismus, sie ist wie ein Seiltanz in den Mond, wunderbar, fast unschuldig, poetisch. Mit seinem neuen Programm „Klezmer Kings – A Tribute“ begibt sich das Trio auf  eine  Reise in die Klezmerszene des schillernden New York des frühen 20. Jahrhunderts.
David Orlowsky – Klarinette
Jens-Uwe Popp – Gitarre
Florian Dohrmann – Kontrabass

.

7. Dezember: Sehrang (IR). Musikalische Grenzen sind da, um überschritten zu werden. Zu diesem Schluss kann man getrost kommen, lauscht man der musikalischen Vielfalt Sehrangs, in der sich die Charaktere, Instrumente und Lebensgeschichten der drei jungen iranischen MusikerInnen spiegeln. Der Mix aus Worldmusic, Jazz, Folk, Rock, Latin und afrikanischer Musik schafft es auf eine neue spielerische Art, die iranische Musik und die Sprache Farsi mit anderen Genres zu verbinden.
Golnar Shahyar – Stimme
Mahan Mirarab – Gitarre
Shayan Fathi – Schlagzeug, Percussion

.

10., 12. und 17. Dezember:  „Was tun?“ Mit geborgten Worten von Kafka, Röggla, Brecht, Schnitzler … umkreisent und befragt das Ensemble mit diesem szenisch/musikalischen Abend eine der wesentlichsten und gleichzeitig banalsten Fragen unserer und jeder Zeit. Eine gültige Antwort für ein wahrhaftig sinnvolles Handeln zu finden ist auszuschließen. Wer weiß schon, was wahr und sinnvoll ist, wenn die erste Schwierigkeit schon darin liegt, herauszufinden, ob wir etwas für real oder fiktiv, gut oder schlecht halten, weil das Wesen dieser Sache so ist oder weil andere wollen, dass wir glauben es wäre so. Und was wäre denn gut und für wen? Und wenn man bei allem, was man tut, nicht wissen kann, ob es sinnvoll ist, sollte man nicht besser nichts tun? Aber wie tut man nichts? Gibt es etwas dazwischen?
Eine Performative Collage mit Claudia Kottal, Burak Uzuncimen, Eduard Wildner
Special Guest: Alex Miksch
Konzeption und Regie: Ingrid Lang

.

11. Dezember: Troica. Der Gewinn des „Austrian World Music Award 2007″ war der Auftakt für das im Juli 2008 erschienene Debütalbum „Dor“ (Sehnsucht), das im Oktober des gleichen Jahres für den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ nominiert wurde. Musik kann wahrscheinlich nicht Heimat sein, aber sie kann eine Identität  ermöglichen. Wenn nun die in Rumänien geborene, seit einigen Jahren in Wien lebende Sängerin Claudia Cervenca einige Lieder aus ihrer Heimat arrangiert, dann kann das identitätsstiftende Wirkung haben. Wunderbar klingt es jedenfalls, wie Cervenca mit zwei feinfühligen Kollegen, die beide meisterlich über ihre Instrumente gebieten, aus dem traditionellen Material eine zeitlose Kammermusik geformt hat: Das kitzelt die Ohren, das geht zu Herzen.
Claudia Cervenca (RO) – Stimme
Jan Roder (DE) – Kontrabass
Uli Soyka (AT) – Schlagzeug und Spielsachen

.

13. Dezember: Peter Ponger (AT) „Die Farben der Stille“, Solopiano:  „…was sich beim Improvisieren musikalisch entfaltet geschieht fast automatisch…ähnlich dem „Automatischen Schreiben“ oder Zeichnen der Surrealisten. Strukturen des Wissens und des Unbewussten werden so in neue Zusammenhänge gebracht…das Netz der Assoziationen auf die innere Reise geschickt…so soll es gelingen, der Stille am Grund der Ordnung Raum und Farbe zu verschaffen, diesem unsagbaren Schimmern des Klanges…“ (Peter Ponger) Während seines Aufenthaltes und Studiums in New York, arbeitete Ponger unter anderem mit Steve Grossman und Wynton Marsalis zusammen. Er komponierte die Musik für mehrere Filme, unter anderem für „Gebürtig“ von Robert Schindel oder „Himmel unter Steinen“ von Peter Patzak. Ein Meister der harmonischen Farben!

.

14. Dezember: Madame Baheux. World/Jazz/Rock/Cabaret: Obwohl die Musikerinnen ihre Wurzeln in Südosteuropa haben (außer „Gastarbajterka“ aus Klosterneuburg Lina Neuner) und ein Teil ihres Repertoires  sich dazu bekennt, weist das Quintett sowohl in seinem Repertoire als auch in seinem künstlerischen Ausdruck weit darüber hinaus. Nach allen Richtungen offen zeigt es sich, Jazz, Rock, kritisches Lied in Serbokroatisch, Bulgarisch, Englisch und „Weanarisch“. Madame Baheux bringen etwas Neues auf die Bühne, das mitreißt, verführt, zum Lachen reizt, in Hirn, Herz und Beine geht.
Band members from Bosnia, Serbia, Bulgaria & Klosterneuburg
Jelena Popržan – Viola, Gesang
Ljubinka Jokic – E-Gitarre, Gesang
DeeLinde – Cello
Lina Neuner – Kontrabass
Maria Petrova – Drums, Percussion

.

18. Dezember: Schmieds Puls (AT) „Play Dead“:  Schmieds Puls ist der Beweis dafür, dass weniger mehr ist, so viel mehr, dass  man sich anhalten muss. Das Trio rund um Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Mira Lu Kovacs, mit Walter Singer am Kontrabass und Christian Grobauer am Schlagzeug, hat perfektioniert, was man ein musikalisches Destillat nennen könnte. Wo andere 1000 Töne spielen, machen sie Pause – man selbst steht vor dem Zerplatzen, schreit innerlich, masochistisch beglückt, denn so eine Spannung muss man einmal aufbauen können, so muss einen Dramaturgie ohrfeigen. Erst noch Mira Lu Kovacs gehört haben, dann möglicherweise sterben. Was diese Frau aus ihren beiden Instrumenten, sowohl ihrer virtuos wandelbaren Stimme als auch ihrer mit klassischer Fingertechnik gezupften akustischen
Gitarre herauszuholen versteht, ist auf die ruhigste vorstellbare Weise spektakulär.
Mira Lu Kovacs – Gesang & Gitarre
Walter Singer – Kontrabass
Christian Grobauer – Schlagzeug

.

19. Dezember:  Molden/Soyka/Wirth: „Waren die früheren Songs eher in Wien und auf seinen vielen poetischen Ebenen verhaftet, so nimmt ‚Ho Rugg‘ die diesem Titel implizierte Aufforderung ernst und geht nach draußen, auf Reisen in die Finsternisse und Sonnenflecken des weiten Landes, durch das diese Band in den vergangenen fünf Jahren hundertfach gefahren ist.“ So Ernst Molden über sein aktuelles Album „Ho Rugg“, das den Preis der deutschen Schallplattenkritik bekam und dessen Titelsong monatelang auf Platz 1 der deutschen Liederbestenliste war.

des is a liad ibas losziagn
ibas leichdbleim ibas boggig sei
ibas amoe no hibiagn
iba di und mi
(Ernst Molden, liad ibas losziagn)

Ernst Molden – Stimme, Gitarre
Walther Soyka – (großmeisterliche) Knöpferlharmonika
Hannes Wirth – Gitarre, Messingröhrl

.

20. Dezember: Geva Alon (IL) Solo: In Israel ist der Singer Songwriter und Gitarrist Geva Alon schon lange kein Unbekannter mehr. Sein 2006 erschienenes erstes Soloalbum „Days of Hunger“ machte ihn zu einem der wichtigsten Künstler in Tel Avivs Folk und Indie Szene. Das auf seiner zweiten Platte „The Wall of Sound“ erschienene Bowie Cover „Modern Love“ stürmte die israelischen Charts. Nach einer langen Amerika-Tour entstand Alons bis dahin persönlichstes Album „Get Closer“, das ihm Gold und viel Lob der israelischen Kritik einbrachte. 2011 erschien seine 4. Platte „In the  Morning Light“ . 2014 begann Geva Alon seiner Setlist neue Songs auf Hebräisch hinzuzufügen. „Persönliche Lieder, die ich über Dinge schrieb, die ich durchgemacht habe, vom inhärenten Widerspruch, vom hier Weglaufen und Zurückkommen wollen, etwas, dass mich immer beschäftigt. Wenn man so viele Jahre auf Englisch singt und man sieht einen Ausweg von diesem nervenzerreißenden Ort…Wenn man lange weg ist, dann weiß man, dass man dort nicht hingehört, dass man hier hin gehört, und das ist wirklich stark. Und es gehört nur dir. Am Ende des Tages bringt es mich zurück nach Hause.“ (Geva Alon)
„Tihi Iti“ („Be with Me“) wird sein Album heißen.

www.hamakom.at

Wien, 4. 12. 2014

Wiener Festwochen: Die Neger

Juni 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein einziges Missverständnis

Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige) Bild: (c) Julian Röder / JU Ostkreuz

Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige)
Bild: (c) Julian Röder / JU Ostkreuz

Es herrschte kathedralenhafte Stille im Akzent. Nachdem sich eine Initiative über den Stücktitel echauffiert hatte www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-neger-bleiben/, wollten wohl viele im Zuschauerraum besonders „pc“ (politisch korrekt) sein. Le Seufz, wie die Franzosen sagen. Alles ein einziges Missverständnis. Erst nach einer Stunde wagten die ersten zu lachen, es gab aber auch „Schas“- und „I kenn‘ mi ned aus“-Gemurmel. Und in Kleingruppen organisierte Publikumsflucht. Ein Glück. Denn es blieben die, die den Schauspielern und damit ihrem Regisseur Johan Simons frenetischen Applaus spendeten. Ja, die Truppe wurde sogar noch einmal herausgefordert, als sie sich eigentlich schon Richtung Garderobe bewegen wollte. Welch ein Abend! (Zur Erklärung: Es war der zweite, nicht die Premiere.)

Simons hat Jean Genets 1958 entstandene Clownerie „Die Neger“ neuinszeniert. Auf eine wunderbare Weise. Wer das langweilig fand, sollte sich vielleicht einmal grundsätzlich mit dem Thema Theater beschäftigen. Denn Simons zeigt ein buntes – rosa, gelb, grünes – Schattenspiel auf weißen Plastikbahnen, dazu eine Maskerade bandagierter Köpfe – wie Degenfechterhelme -, die Genet auf den Punkt treffen: Die äußere Farbe ist nichts. Was gilt ist die innere Revolte, die zur Revolution wird. Noch dazu erklären die beiden einzigen Unmaskierten, die Archibalds Felix Burleson und Stefan Hunstein, gleich zu Beginn, dass es sich bei der Sache um ein Spiel, ein Schauspiel handelt. Es wird darüber gestritten, dem Text zu gehorchen, zu schnell oder zu langsam aufzutreten, bis die Archibalds drohen, den Abend abzubrechen, wenn nicht bald Disziplin herrscht. Mit einem Problem muss man sich außerdem beschäftigen: Man braucht für jede Vorstellung eine frische „Leiche“, die ist nämlich aus Wachs und tropft die ganze Zeit über durch das Gitter des Autopsiebettes. Bis am Ende keine Tote mehr da ist (nur Reste eines Popöchens), ergo kein Mordfall, ergo kein Stück. Oder?

Zugegeben: Genet ist nichts für Anfänger. Der Außenseiter in der Clique um Sartre, Cocteau, Boris Kochno, Simone de Beauvoir, Giacometti und Picasso, Moralist, Sympathisant der RAF, der PLO, der Black Panther und der algerischen Befreiungsfront FLN, schrieb eine Vorurteilssatire. „Wir spielen, um uns zu bespiegeln“, sagt Archibald. Und meint „die Weißen“ mit „Exotikfimmel“. Szenario: Mit beißendem Spott wird das rassistische Klischee vom lustmordenden „Neger“, der eine weiße Frau sexuell missbraucht und sie dann tötet, in seine Bestandteile zerlegt. Andere Spieler repräsentieren die Kolonialisten, die dem Mord eine groteske Strafexpedition folgen lassen. Die Darstellung des Ganzen: Sigi-Freud’isch „überspannt“. Köstlich, wie „die Weißen“ mit Krone (Königin), Kreuz (Missionar) und Gesetzbüchlein (Richter) die Insignien ihrer Macht auf dem Kopf tragen. Köstlich, wie „die Neger“, Männer wie Frauen, in Neger-Mama-Outfits wie in einer US-Südstaatenschmonzette verkleidet sind. Vom Winde gebläht. (Die Weißen sollen nämlich unter anderem weggefurzt werden.) Köstlich, wie der Mörder Village (Benny Claessens) von seinen Mitspielern aufgefordert wird, er möge sein Leid doch bitte in weniger Metaphern ausdrücken. Sie täten das schließlich auch nicht.

Simons offenbart den Surrealismus der Realität. Er kennt sich aus mit dem Existenzialismus, wenn „die Weißen“ in der Wüste vor Lepra, Fieber, Ameisenvölkern bibbern. Ein furchterregendes Land. Das sie trotzdem in Besitz halten möchten. „Aber wir sind doch hier in Frankreich“, sagt die Königin einmal. „Nein, das ist Afrika“, erwidert Village, „Noch ist Zeit. Kehren Sie um.“ Darauf die Königin: „Sie setzen auf unsere Erschöpfung.“ Sätze tiefer Wahrheit. Doch davon kommt noch mehr, wenn Genet prophetisch über Schwarze in schwarzen Rolls-Royces, die zu schwarzen Opernhäusern fahren, philosophiert. Die Geschichte der Ausschlachtung Afrikas hat viele Gesichter. Auch die der Bid Dadas. Am Ende von Simons Ausführungen kommt ein Mann mit Gewehr, dankt den Schauspielern für ihre „Ablenkung“, der neue, schwarze Führer sei nun an die Spitze geputscht.

Simons Schauspieler sind allesamt großartig. Ausdruck ohne Gesicht zu haben ist eine große Kunst. Allen voran brillieren Benny Claessens, Anja Laïs als Vertu, Maria Schrader als sich ständig an den Kopf fassende, weinende, hinrichtende Königin, Edmund Telgenkämper als Richter. Felix Burleson, der einzige „echte Schwarze“, ein niederländischer Schauspieler mit Wurzeln in Surinam, kommentiert die Handlung mit Zwischen-Achs, in Mimik und Gestik. Er ist das Herz der Inszenierung.

Nun gibt’s ja die, die meinen, die Kolonialzeit in Afrika sei doch längst vorbei, Genet also ein alter Hut, ohne Bezug zum Heute. Falsch. Er war nie aktueller. Denn über Afrika rollt Furcht und Schrecken und Terrorismus verbreitend seit Jahren die zweite Welle der Kolonisation. Wirtschaftlich angeführt von den Chinesen, ideologisch vom Islam. Staaten verkaufen einen niederländischen Konzern ihr Wasser, es wird privatisiert. Kinderhände, weil kleiner, holen aus Müllbergen von Laptops und Handys aus den Industriestaaten die weiter verwertbaren hochtoxischen Teile … „Wir gehen wie Larven in den Winterschlaf“, sagt die Königin, bevor sie stirbt. Zeit, diese endlich von den Gesichtern der Verantwortlichen zu reißen.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-geschichten-aus-dem-wiener-wald/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-bluthaus/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-titkainkunsere-geheimnisse/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-stavangera-pulp-people/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-macbeth/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-tararabumbia/

6. 6. 2014