John Banville/Benjamin Black: Alchimie einer Mordnacht

Oktober 27, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

In Prag geht ein perverser Mörder um

Vom deutschsprachigen Titel darf man sich nicht abschrecken lassen, im Original heißt das Buch „Wolf On A String“, dies einerseits als „Wolfston“ der heulende, flackernde Laut, den Streichinstrumente beim Spielen einer bestimmten Note machen, und der mit einer gewissen Schenke zu tun haben wird; andererseits wird sich im Verlauf der Ereignisse natürlich entschlüsseln, wer da als bestialisch mordendes Untier gleich einem Lykanthropen nächtens durch Prag schleicht.

John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black diesmal einen historischen Roman verfasst. Zwar wird an Leichen, Menschen wie Haustieren, nicht gespart, und doch besticht „Alchimie einer Mordnacht“ nicht in erster Linie durch eine Whodunit-Handlung, sondern durch das meisterliche Heraufbeschwören der Stadt an der Moldau um die Jahrhundertwende 1599/1600. Alles ist hier sinister und Unheil verheißend, allmächtig der Aberglaube, jeder setzt hier auf Maskierung und Verschleierungstaktik.

Black malt ein so düsteres Sprach- wie Sittengemälde, seine überbordende Erzählung strotzt vor blumigen Bildern, Beispiel: „Der Tisch war leer und glänzte auf eine seltsame Art unheilvoll, die großen Stühle standen reglos da, und doch schienen sie gespannt auf etwas zu warten, wie sprungbereite Jagdhunde auf den Pfiff ihres Herrn“, und kuriosen Charakteren. Ein Panoptikum an Alchemisten und Mystikern, Naturphilosophen und Astronomen bevölkert die Seiten, Tycho Brahe und Johannes Keppler haben selbstverständlich ihren Platz, aber auch der britische „Hexenmeister“ Edward Kelley und dessen Stieftochter Elizabeth Jane Weston werden wichtige Rollen spielen.

Unters Verbriefte mischt Black frei Erfundenes. Und so gelangt der junge Christian Stern, Bastard des Bischofs von Regensburg, nach Prag, in der Hoffnung, am Hof des exzentrischen und vom Okkultismus besessenen Habsburgers Rudolf II. Karriere zu machen. In seiner ersten – durchzechten – Nacht findet Stern im Schnee eine ziemlich übel zugerichtete Mädchenleiche, Magdalena, Tochter des Leibarztes Seiner Kaiserlichen Majestät, Ulrich Kroll. Erst verdächtigt und in den Gefängnisturm verbracht, wird Stern von Rudolf bald als Ermittler im Mordfall auserkoren, war die 16-Jährige doch des Herrschers „jüngstes Spielzeug“. Ihm vom Vater höchstpersönlich ins Bett gelegt. Doch da gab es auch einen Verlobten, und der ist nun logischerweise Hauptverdächtiger – bis sein zu Tode gefolterter Körper aus dem Fluss gefischt wird.

Bild: pixabay.com

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Black konfrontiert seinen Protagonisten nun mit der Phantasmagorie, der paranoid intriganten Welt des Hofes, die Höflinge allesamt von „nervöser Wachsamkeit“, und Stern, der als gealterter Mann und über die Distanz des Dreißigjährigen Krieges von seinem Prager Abenteuer berichtet, gesteht dem Leser ein, er hätte sich viel Kummer erspart, „hätte ich aufmerksamer darauf geachtet, was um mich herum in stillen Ecken und hinter halb geschlossenen Türen gesagt wurde“. So aber lässt er sich bedrohen, beunruhigen, beschwichtigen, wird, sagt er selber, zum „Spielzeug diverser Spaßvögel“.

Als da wären der misstrauische Hofmeister Felix Wenzel und der geschmeidige Kammerherr Philipp Lang, dieser konvertierter Jude und ebenfalls ein Geliebter des bisexuellen Rudolf, der elegante, hochnäsige Zwerg Jeppe Schenckel, der gönnerhafte Girolamo Malaspina, Nuntius des Heiligen Vaters in Rom, Rudolfs offizielle Mätresse und Mutter seiner sechs Kinder, Caterina Sardo, eigentlich Katharina Strada, eine „bleiche, weichhäutige Puppe, mit der zu viel gespielt worden war“ und mit der Christian Stern trotz besseren Wissens und ihrer „amüsierten Verachtung“ für ihn eine Affäre beginnt, und Rudolfs und Caterinas ältester Sohn Don Giulio d’Austria – über den in den Geschichtsbüchern nachzulesen sich lohnt.

Lange bleibt es Stern, und mit ihm dem Leser, rätselhaft, wer da mit wem Allianzen bildet, wer da mit wem in Gegnerschaft steht. Klar ist ihm nur, dass er sich zum eigenen Überleben für eine Seite entscheiden wird müssen, doch welche sind da überhaupt? Keine erscheint weniger gefährlich und mächtig als die andere. Dazu sitzt Caterina im Wortsinn wie ein Sukkubus auf Stern. „Wahnsinn! Wahnsinn, Begehren und angsterfüllte Wonne: Darin lag mein Problem“, weiß er. Und sagt beinah prophetisch an anderer Stelle: „Wir leben in der Überzeugung, dass wir in Sicherheit sind, dass das Eis unter uns nicht brechen wird, dass der Blitz den Baum nicht trifft, unter dem wir uns vor dem Unwetter schützen, dass die Tür nicht aufspringt und die Soldaten nicht die Treppe hinaufstapfen, um uns aus dem Bett zu zerren. Doch in unserem tiefsten Inneren wissen wir, dass das alles nur ein Irrglaube ist …“

Dass Blacks kunstvoll geknüpfte Verstrickungen – dies ein kleiner Spoiler – schlussendlich nach mehr als einem Täter und mehr als einem Motiv, sie reichen von Eifersucht bis zur staatspolitischen Angelegenheit, verlangen, ist klar. „Alchimie einer Mordnacht“ braucht zwar ein wenig, bis es in Schwung kommt, doch dann ist es ein wahrer Pageturner. Ein spannendes, historisch kenntnisreiches Lesevergnügen, mit dem John Banville einmal mehr beweist, dass er als Benjamin Black auch Krimiliteratur zu Gold veredeln kann.

Über den Autor: John Banville, geboren 1945 in Wexford, Irland, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen literarischen Autoren. Sein umfangreiches Werk wurde mehrfach, auch international, ausgezeichnet, zuletzt mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis, dem Man Booker Prize für „Die See“ und 2013 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Banville lebt und arbeitet in Dublin und schreibt unter dem Pseudonym Benjamin Black Krimis und Thriller. Diese Geschichten spielen größtenteils im Irland der 1950er-Jahre, rund um den Pathologen und nicht immer trockenen Alkoholiker Quirke. Lediglich der Thriller „Der Lemur“ ist im New York der Gegenwart angesiedelt. Und auch Blacks letzter Krimi-Noir „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ weicht von dieser Regel ab: Er ereignet sich in Kalifornien, und der ermittelnde Privatdetektiv ist die berühmte Figur des Schriftstellers Raymond Chandler – Philip Marlowe.

Kiepenheuer und Witsch, John Banville alias Benjamin Black: „Alchimie einer Mordnacht“, Roman, 384 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Elke Link.

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  1. 10. 2018

Benjamin Black = John Banville: Tod im Sommer

August 10, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Blick auf den irischen Antisemitismus

9783462315493_10Der große irische Autor John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black einen weiteren Quirke-Roman vorgelegt. Es ist das vierte Buch, in dem der Dubliner Pathologe ermittelt, und auch, wenn nie wieder die Genialität der Handlung des ersten Falls „Nicht frei von Sünde“ erreicht werden kann, erzählt es eine fesselnde Geschichte. Diesmal wird der verhasste Zeitungsverleger Richard Jewell zu Tode gebracht, ein Großteil seines Kopfes mit jener Schrotflinte weggepustet, die er noch in seinen klammen Fingern hält. Doch weder Quirke noch Inspektor Hackett glauben an Selbstmord. Bei der Obduktion der Leiche stellt sich heraus, was davor nicht allgemein bekannt war: Der sagenhaft reiche „Diamond Dick“ war jüdisch …

Es ist das erste Mal, dass Banville-Black in seinen 1950-Jahre-Krimis auf den irischen Antisemitismus zu sprechen kommt. Auch Quirkes Assistent Sinclair, weil Tennispartner der Schwester des Ermordeten, als dritter in den Fall eingebunden, „outet“ sich und wird deshalb einiges erleiden müssen, inklusive des Verlusts eines Fingers. Wiewohl ihm vorab sogar noch Schlimmeres angedroht worden war:

„Hör zu, Judenbürschchen“, sagte die Stimme, „wenn du deine dicke fette Nase in Angelegenheiten steckst, die dich nichts angehen, dann werde ich sie dir abschneiden. Danach passen dein Schwanz und deine Judenfresse wieder gut zusammen“. Der Autor schlägt statt seines üblichen verweht nostalgischen, mittelschwer melancholischen Tonfalls diesmal härtere Töne an. Denn die Welt, in die er die Leser im aktuellen Band eintauchen lässt, ist manchen seiner Protagonisten noch gar nicht so sehr versunken.

Das Schicksal der Juden in Irland hat direkt mit dem Dritten Reich zu tun. Die irische Regierung wollte die Neutralität des Landes nicht riskieren und nahm deshalb keine jüdischen Flüchtlinge auf. Tatsächlich spielten neben der Sympathie mit Hitler-Deutschland, dem Gegner von Irlands Erzfeind England, auch antisemitische Beweggründe eine Rolle. Das Justizministerium wollte sich kein „Judenproblem“ ins Land holen und bediente sich dabei der NS-Rassengesetze. Kritische Stimmen verhallten ungehört. Selbst Irlands Präsident Eamon de Valera, weit davon entfernt, Antisemit zu sein, hielt sich zurück. Erst als nach dem Krieg etwa 100 Waisen aus dem KZ Bergen-Belsen abgewiesen werden sollten, hob de Valera, der als Widerstandskämpfer selbst lange Zeit in politischer Haft war, die Entscheidung seines Justizministers auf. Die Staatsgründung Israels veranlasste später viele Juden dazu, Irland den Rücken zu kehren.

All dies kommt bei Benjamin Black nur als Subtext vor. Wie stets führt er den Leser auf viele Irrwege und legt dabei doch die ganze Zeit die richtige Fährte aus. Das Naheliegende kann mitunter tatsächlich die Lösung sein, weiß er, auch wenn er sich natürlich am Ende eine letzte Drehung ins Ungewisse erlaubt. Sein Fall führt Quirke zur Abwechslung nämlich nicht in allerhöchste Kreise, die bleiben schön im Dunkeln, was bedeutet, dass etliche Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Wie’s halt so ist. Und dennoch arbeitet sich der Schriftsteller, der selbst unter der Zucht und Ordnung katholisch-irischer Erziehungsanstalten zu leiden hatte, einmal mehr an seinen Lebensthemen ab: der Verlogenheit einer bigotten, grausamen Upper Class, die über ein Land herrscht, als wäre die Leibeigenschaft dort nie abgeschafft worden. Die Kirche, die Politik, die Wirtschaftsmächtigen, sie alle arbeiten daran, eine repressive Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Und, auch dies ein ständig wiederkehrendes Motiv in seinen Büchern, der Autor ist ein wortgewaltiger Mitstreiter im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als 2009 in Irland ein riesiger Skandal aufgedeckt wurde, in katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang tausende Minderjährige gequält, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt; schweigender Komplize war der Staat, der das System finanzierte, denn die Einrichtungen erhielten eine Kopfprämie für jedes Kind, schrieb John Banville wütende Essays in allen wichtigen Zeitungen. In „Tod im Sommer“ führen alle Spuren zum „Freundeskreis St. Christopher“, den „Wohltätern“ eines Waisenhauses, von den verantwortlichen Priestern in eine Kinderverwahranstalt für Pädophile umfunktioniert. Und Richard Jewell wusste das … und auch er ist nicht frei von Sünde …

Erst langsam, fast schon enervierend langsam baut sich dies als Spannung auf. Banville-Black empfiehlt sich erst als Experte im Umreißen des Dubliner Lokalkolorits, als Meister der Milieuschilderung. Er baut um die Handlung eine Kulisse aus alten Säufern und ausgemergelten halbwüchsigen Prostituierten. Seine Beschreibung des Personals ist prägnant, er genießt es offensichtlich, seine Figuren vorzustellen, deren „Augen glänzen, wie schwarze Nieten in einer Maske“ oder deren „Adamsapfel hüpft, wie an einem Gummiband“. Sie alle stolpern, straucheln, haben immer wieder Mühe, ins Gleichgewicht zu kommen. Und allen voran der mit seinem Alkoholismus ringende Quirke.

In Jewells Haus trifft er auf dessen Witwe Françoise, unter all den beschädigten Figuren des Romans die schönste und zerstörteste, wie eine uralte französische Porzellanpuppe, die ein schreckliches Geheimnis rund um ihren aus der Gestapo-Haft „erlösten“ Bruder, einem führenden Kopf der Résistance, birgt. „Es ärgerte ihn, dass er sich bei dieser Frau wie ein demütiger, untertäniger Bittsteller vorkam“, schreibt Banville-Black über Quirke, und selbstverständlich verliebt der sich in sie.

Was auch insofern problematisch ist, als die Schauspielerin Isabel Galloway, seit Band drei Quirkes Geliebte, immer noch mit von der Partie ist. Und auch der selbsternannte Aufdeckungsjournalist Jimmy Minor hat sich aus „Eine Frau verschwindet“ herübergerettet. Der Schmierfink ist ein zu schillernder Charakter, als dass er einfach zwischen den Buchdeckeln verschwinden hätte dürfen. Quirkes Halbbruder Malachy Griffin und die gemeinsame Stiefmutter und nunmehrige Ehefrau Malachys, Rose, sind ebenfalls wieder dabei. Und Phoebe. Quirke hatte seine Tochter nach ihrer Geburt, bei der seine Frau verstarb, Malachy überlassen. Zwanzig Jahre hielt Phoebe diesen für ihren leiblichen Vater, seit sie die Wahrheit erfahren hat, ist ihre ohnedies unglückliche Welt ein Stück eingebrochener.

Der Schatten der Vergangenheit schwebt über den Figuren. Quirkes Schicksal verquickt sich einmal mehr mit der Geschichte, auch er war früher Zögling in St. Christopher. Drei Kinder, ein irrer Sohn, eine psychisch labile Tochter und eine, deren Ruhe und Selbstbeherrschtheit beinah widernatürlich scheinen, werden ihn bei der Aufklärung aller Rätsel anleiten. Für den Leser bleibt eines, ein privates. Quirke versucht Phoebe mit Sinclair zu verkuppeln, das geht anfangs schrecklich schief, aber am Spitalsbett dann … man wird auf Band fünf warten müssen, um zu erfahren, wie das weitergehen kann …

Über den Autor:

Benjamin Black ist das Pseudonym des irischen Schriftstellers John Banville, das er ausschließlich für die Publikation seiner Kriminalromane verwendet. Banville wurde 1945 in Wexford, Irland, geboren, wo er erst die Christian Brothers Schule und später das St. Peters´s College besuchte. Nach dem College ging er für ein Jahr nach Amerika und arbeitete nach seiner Rückkehr als Angestellter für die Fluggesellschaft Aer Lingus, was es ihm erlaubte ausgiebig zu reisen, bis er 1969 eine Stelle bei der Irish Press antrat. Er war mehr als 30 Jahre lang als Journalist tätig, von 1988 bis 1999 arbeitete er als Literaturkritiker für die Irish Times und leitete das Literaturressort der Zeitung. Neben seiner Arbeit als Journalist verfasste er zahlreiche Drehbücher und Theaterstücke. John Banville lebt und arbeitet heute als freier Autor und Literaturkritiker in Dublin, er schreibt unter anderem Kritiken für die New York Review of Books.

Banville erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Man Booker Prize für seinen Roman „Die See“. In der Begründung der Jury hieß es, das Werk sei eine „meisterhafte Studie von Leid, Erinnerung und wieder bewusst gewordener Liebe“. 2011 bekam Banville den Franz-Kafka-Literaturpreis, 2013 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und erhielt den Irish Book Lifetime Achievement Award. Für 2014 wurde ihm der Prinz-von-Asturien-Preis zugesprochen. John Banvilles Kriminalgeschichten spielen in der Regel im Irland der 1950er-Jahre, um den Pathologen und Alkoholiker Quirke. Laut Banville stellt das Dublin jener Zeit das perfekte Setting für Kriminalgeschichten: schäbig, neblig – und über allem der dunkle Kohlestaub …

Kiepenheuer & Witsch, Benjamin Black alias John Banville: „Tod im Sommer“, Kriminalroman, 272 Seiten. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien.

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www.benjaminblackbooks.com/quirke.htm

Wien, 10. 8. 2016

Benjamin Black = John Banville: Eine Frau verschwindet

März 25, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Bis zum Ende ist der Ausgang unklar

9783462044676_10Das ist schon große Kunst. Fünfzig Seiten vor Schluss hat man zwar eine Ahnung, was passiert ist, aber längst noch keine Gewissheit. Man weiß, warum, aber nicht wie. Und mit dem wer, na, das ist so eine Sache … Der große irische Autor John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black einen weiteren Quirke-Roman vorgelegt. Es ist das dritte Buch, in dem der Dubliner Pathologe ermittelt, und auch, wenn nie wieder die Genialität der Handlung des ersten Falls „Nicht frei von Sünde“ erreicht werden kann, erzählt es eine fesselnde Geschichte.

Diesmal verschwindet eine junge Ärztin spurlos. Und Phoebe, Quirkes Tochter, ist überzeugt davon, dass diese, ihre Freundin, zu Tode gekommen ist. Quirke, der sich gerade erst aus einem Sanatorium für Suchtkranke eigenhändig entlassen hat, aber noch vor der Hälfte des Buches seinen ersten Whiskey, eine Flasche, kein Glas, geleert haben wird, „nur mit einem ausgewachsenen Kater fühlte er sich ganz er selbst“, macht sich auf die Suche. Diese April Latimer ist nämlich nicht nur das, was man in den 1950er-Jahren ein liederliches Mädchen nannte, sondern auch die Nichte des Gesundheitsministers, also Quirkes Vorgesetztem – und tatsächlich findet sich in ihrer Wohnung ihr Blut.

Hier hat zweifellos eine Abtreibung stattgefunden …

In verweht nostalgischem Tonfall lässt einen Banville-Black in eine aus österreichischer Sicht versunkene Welt eintauchen. Der Schriftsteller, der selbst unter der Zucht und Ordnung katholisch-irischer Erziehungsanstalten zu leiden hatte, arbeitet sich einmal mehr an seinen Lebensthemen ab: der Verlogenheit einer bigotten, grausamen Upper Class, die über ein Land herrscht, als wäre die Leibeigenschaft dort nie abgeschafft worden. Die Kirche, die Politik, die Wirtschaftsmächtigen, sie alle arbeiten daran, eine repressive – und frauenfeindliche – Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Banville-Black ist auch leidenschaftlicher Feminist. Er gibt seinen Protagonistinnen stets eine bedeutende Stimme. In einem Genre, in dem Weiblichkeit oft als Sekretärinnen- oder suspektes Beiwerk abgehandelt wird, sind seine Hauptdarstellerinnen gleichsam unterwegs in die Emanzipation.

Und, auch dies ein ständig wiederkehrendes Motiv in seinen Büchern, er ist ein wortgewaltiger Mitstreiter im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als 2009 in Irland ein riesiger Skandal aufgedeckt wurde, in katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang tausende Minderjährige gequält, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt; schweigender Komplize war der Staat, der das System finanzierte, denn die Einrichtungen erhielten eine Kopfprämie für jedes Kind, schrieb John Banville wütende Essays in allen wichtigen Zeitungen.

Banville-Black ist Experte im Umreißen des Dubliner Lokalkolorits, ein Meister der Milieuschilderung, und wie er die Erotik eines auf das Bett geworfenen Damenmantels entwirft, weist ihn das als literarischen Chronisten einer Zeit aus, in der sich nicht jeder jederzeit die Kleider vom Leib riss, sondern Sex subtiler beschrieben wurde. Seine Beschreibung des Personals ist prägnant, er genießt es offensichtlich, seine Figuren vorzustellen, erst langsam, fast schon enervierend langsam baut sich die Spannung auf. Da ist also einerseits die mächtige Familie Latimer, mit dem Minister-Onkel, der Vater ein verstorbener Held des irischen Freiheitskampfes, die Mutter eine Spinne im Netz aller ortsansässigen Wohltätigkeitsorganisationen, der Bruder ein bedeutender Gynäkologe.

Doch April bevorzugte einen anderen illustren Kreis. Einen aus Schauspielern, Journalisten – und einem Medizinstudenten aus Nigeria. Ein schöner Kerl, „sie genossen es, ihn dabeizuhaben, denn er verlieh ihnen etwas Kultiviertes, Kosmopolitisches“, außerdem wird ihm eine Affäre mit April nachgesagt, doch halb Dublin fürchtet oder verachtet den „schwarzen Mann“ – was Banville-Black diesbezüglich über Rassismus und Xenophobie zu sagen hat, liegt nicht Jahrzehnte zurück. In beiden Runden gibt man Quirke und seinem bärbeißigen Partner Inspektor Hackett deutlich zu verstehen, sie mögen gefälligst die Finger von der Angelegenheit lassen. Und dann fällt das Wort „besessen“. Im Sinne von krankhafter, fehlgeleiteter Liebe, nicht von Hokuspokus …

Der Schatten der Vergangenheit schwebt über den Figuren. Quirkes Schicksal verquickt sich mit dem des mutmaßlichen Opfers. Entlang der Geschichte der fremden Familie wird die seiner eigenen erzählt, der einen Kalamitäten, der anderen Verhängnis. Denn Quirke, man weiß es seither, ist natürlich „Nicht frei von Sünde“. Er hat seine Tochter Phoebe nach ihrer Geburt, bei der seine Frau verstarb, seinem Halbbruder Malachy Griffin überlassen. Zwanzig Jahre hielt Phoebe den für ihren leiblichen Vater, seit sie die Wahrheit erfahren hat, ist ihre ohnedies unglückliche Welt ein Stück eingebrochener. Nun übersiedelt auch noch die gemeinsame Stiefschwiegermutter Rose von Boston nach Dublin, eine steinreiche Grande Dame mit der festen Absicht einen der beiden Männer zu heiraten, doch Quirke liegt derweil in den Armen der Schauspielerin Isabel. Man kann Freundinnen der Tochter ja zu eigenen machen. Dass dies alles das schwierige Verhältnis zweier schwieriger Charaktere nicht erwärmt, ist klar.

Demnächst schon erscheint Band vier der Quirke-Krimis, „Tod im Sommer“, bei Kiepenheuer & Witsch, da begeht ein Zeitungsverleger Selbstmord, was der Totengott in Weiß freilich bezweifelt, und Banville-Black schließt diesen hier mit ein paar gemeinen Cliffhangern rund um Rose und Isabell. Erstere lässt außerdem die wieder einmal hoffnungslos liebende Phoebe von einem Bostoner Verehrer grüßen, dessen Verlobte?, „ach, die ist schon lange von der Bildfläche verschwunden. Mr Spalding ist frei und ungebunden“. Und auch Jimmy Minor wird weiter herumschnüffelt. Der kleine Schmierfink eines Dubliner Käseblatts, der in der April-Story eine Sensation wittert, ist als Figur einfach zu gut, um ihn fallen zu lassen.

Banville-Black hat seinen Zyniker Quirke mit einem beißenden Humor ausgestattet, den der Autor durchaus zu teilen scheint. In diesem Fall dadurch, dass er ihn einen sündteuren Luxuswagen kaufen lässt. Den meist angetrunkenen, dafür führerscheinlosen Quirke. Was der arme Malachy in diesem Auto mitmacht, ist vom Feinsten. „Um Himmels willen!“, rief Malachy, als Quirke das Steuer unsanft umriss. Quirke sah in den Rückspiegel. Der Junge stand immer noch mitten auf der Straße und brüllte ihnen etwas hinterher. „Ja“, sagte er nachdenklich, „wäre wohl nicht so gut, wenn man einen von ihnen umfährt. Die sind wahrscheinlich alle abgezählt, hier in dieser Stadt.“ Dieser Alvis TC108 wird übrigens am Ende eine tragende Rolle spielen. Eine in den Abgrund tragende. Obwohl gar nicht so klar ist, ob tatsächlich im eigentlichen Sinn ein Mord passiert ist, wird der Täter überführt. Wer das ist, steht ziemlich ausführlich in diesen Zeilen.

Über den Autor:

Benjamin Black ist das Pseudonym des irischen Schriftstellers John Banville, das er ausschließlich für die Publikation seiner Kriminalromane verwendet. Banville wurde 1945 in Wexford, Irland, geboren, wo er erst die Christian Brothers Schule und später das St. Peters´s College besuchte. Nach dem College ging er für ein Jahr nach Amerika und arbeitete nach seiner Rückkehr als Angestellter für die Fluggesellschaft Aer Lingus, was es ihm erlaubte ausgiebig zu reisen, bis er 1969 eine Stelle bei der Irish Press antrat. Er war mehr als 30 Jahre lang als Journalist tätig, von 1988 bis 1999 arbeitete er als Literaturkritiker für die Irish Times und leitete das Literaturressort der Zeitung. Neben seiner Arbeit als Journalist verfasste er zahlreiche Drehbücher und Theaterstücke. John Banville lebt und arbeitet heute als freier Autor und Literaturkritiker in Dublin, er schreibt unter anderem Kritiken für die New York Review of Books.

Banville erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Man Booker Prize für seinen Roman „Die See“. In der Begründung der Jury hieß es, das Werk sei eine „meisterhafte Studie von Leid, Erinnerung und wieder bewusst gewordener Liebe“. 2011 bekam Banville den Franz-Kafka-Literaturpreis, 2013 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und erhielt den Irish Book Lifetime Achievement Award. Für 2014 wurde ihm der Prinz-von-Asturien-Preis zugesprochen. John Banvilles Kriminalgeschichten spielen in der Regel im Irland der 1950er-Jahre, um den Pathologen und Alkoholiker Quirke. Laut Banville stellt das Dublin jener Zeit das perfekte Setting für Kriminalgeschichten: schäbig, neblig – und über allem der dunkle Kohlestaub. Banvilles letzter Krimi-Noir „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ weicht allerdings von dieser Regel ab: Die Handlung ereignet sich in Kalifornien und der ermittelnde Privatdetektiv ist die berühmte Figur des Schriftstellers Raymond Chandler – Philip Marlowe.

Kiepenheuer & Witsch, Benjamin Black alias John Banville: „Eine Frau verschwindet“, Kriminalroman, 352 Seiten. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien.

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www.benjaminblackbooks.com/quirke.htm

Wien, 25. 3. 2016

Benjamin Black: Die Blonde mit den schwarzen Augen

August 7, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein schwerer Fall von Mimikry

51rFN+IZvuL._SX303_BO1,204,203,200_Als mir mein Informant das kleine schwarze Buch über den Tisch reichte, ahnte ich noch nicht, dass es mir Sorgen machen würde. Ich blätterte durch die Seiten. Da schrieb so ein John-Banville-Typ, hochdekorierter Schriftsteller, der unter dem Alias Benjamin Black Kriminalromane verfasst und Hochanständiges über einen Pathologen namens Quirke zu Papier gebracht hatte, einen Philip-Marlowe-Roman. Ich griff zum Telefon und rief meine verlässlichste Quelle an. „Hör auf zu schreien – ich bin’s, Bogey“, sagte ich in den Hörer, „Was weißt du über diesen Schnüffler?“ „Keine sichtbaren Narben. Haare dunkelbraun, etwas grau. Augen braun. Größe einsvierundachzig. Gewicht circa einsneunzig.“ „Nicht Marlowe, Mensch, den Schreiberling“, unterbrach ich seine bourbonschwangere Stimme. Ich hörte, wie er seinen Fedora zurechtschob. „Hat wohl eine Liste aus dem Nachlass Raymond Chandlers in die Finger gekriegt, in der der mögliche Fälle seines Privatdetektivs Philip Marlowe auflistete“, knurrte er. „Hat sich ,Die Blonde mit den schwarzen Augen’ ausgesucht und will damit jetzt ein paar Pennys verdienen.“ Ich dankte höflich. Niemandem bekommt es gut, Bogey über Gebühr zu strapazieren. Immerhin hatte ich mir durch das Fernsprechen den Anblick seines sauertöpfischen Gesichts erspart. Kurz bevor die Verbindung abbrach, meinte ich ihn die Worte „Hardboiled-Götter ersaufen nicht auf dem Grund einer Flasche“ murmeln gehört zu haben. Aber wer weiß das schon?

Ich goss mir einen Gimlet ein, den dritten heute, ein vierter wäre fatal, und blickte aus dem Fenster hinaus in die Stadt, in der die brütende Hitze noch mehr Hitze ausbrütete. Vielleicht war ich nicht die Richtige für diesen Fall? Ich hatte derzeit weder gesteigerte Lust auf Schlägereien noch auf Schießeisen. Um die Wahrheit zu sagen, ich passte ins Cahuenga Building wie eine Perlzwiebel auf einen Bananasplit. Ich sah sehnsüchtig hinüber zum Schachbrett, wo die letzte Partie Ich gegen Mich Remis ausgegangen war. Dann siegte meine Gewissenhaftigkeit und ich griff wieder zu diesem verdammten schwarzen Buch. Ich bin nun einmal ein braves Mädchen. Ich höre manchmal nachts Schreie und dann gehe ich nicht nachsehen, was los ist. Ich habe meine fünf Sinne zusammen, ich mache das Fenster zu und drehe den Fernseher lauter …

„Der Stil ist das Wertvollste, in das ein Schriftsteller seine Zeit investieren kann“, hatte mein Informant zitiert. Dem allmächtigen Suspense sei gedankt für die clevere Bescheidenheit dieses Mannes. Banville, Black, oder welche anderen Decknamen meine Recherchen noch ans Tageslicht fördern würden, war jedenfalls ein Meister der Mimikry. Das kann man nach der „Poodle Springs“-Katastrophe wirklich nicht über jeden sagen, der glaubt, sich in der Yucca Avenue herumtreiben zu müssen. Black, ich beschloss fürs Erste bei dieser Benennung zu bleiben, hatte sich den von Chandler angezogen wie einen zerknitterten Trenchcoat, war in dessen Figurenkabinett eingezogen wie zwischen Mrs. Hudsons Mietmöbel. Oh ja, ich kannte sie alle, die Gestalten, die hier durch die Seiten geisterten. Den eiskalten blonden Engel. Die hingebungsvolle Brünette. Sie verstanden mit Männern umzugehen. Sie brachten sie bis dahin, dass sie ihnen die Schuhsohlen ableckten. Den bärbeißigen Bullen mit dem Herzen am rechten Fleck. Den Verbrecherkönig gänzlich ohne Herz. Seine Prügelknaben, die ebensoviel Ausdruck zeigten wie der Verschlussdeckel zum Benzintank meines Wagens. Schönlinge mit Zähnen, die nicht in ihrem Mund gewachsen waren. Spitzmausgesichtige Feiglinge. Stereotypen. Klischees. Parodien, Karikaturen ihrer selbst. Dachte der Ire mit dem irren Humor damit wirklich durchkommen zu können? Ich schloss die Augen und sah quick meinen alten Freund Nick zwischen Molly Moll und Virginia Peng sitzen. Der Genießer. Mein Abend hingegen würde in Zermürbung enden. Ich überlegte, ob es mir etwas nützen würde, wenn ich mir die Haare ausraufte. Es verstärkte lediglich meinen innigen Wunsch, die Wände hinaufzuklettern und mir einen Weg durch die Zimmerdecke zu nagen.

Der große Schlaf. Das wär’s jetzt gewesen. Stattdessen nahm ich mir Blacks Story vor: Clare Cavendish, so der Name der geheimnisvollen Blonden, war Erbin eines L.A.-Parfum-Imperiums und hatte ihren Ex-Liebhaber Nico Peterson in San Francisco gesehen, was ihr insofern spanisch vorkam, als besagter Peterson eigentlich in seinem kühlen Grab ruhen sollte. Den Polizeiakten zufolge hatte man ihn vor dem schicken Cahuilla Club in Pacific Palisades über den Haufen gefahren. Der Rest der unglaubwürdigen Geschichte war so konstruiert wie das Hollywoodzeichen in den Hollywood Hills. Aus der Ferne mordsmäßig überdimensional, bei näherer Betrachtung ein zusammengezimmerter Haufen Schrott in der Ödnis. Ich hatte das Spiel durchschaut, dachte ich zumindest, und war geneigt, es mitzuspielen. Black legte Fährten aus, die mich zu Banville führen sollten. Als Marlowe den Geschmack eines Old Crow-Whiskey mit dem Duft von „Walnussfeuern an Herbstnachmittagen“ vergleicht, muss er hinterher gestehen, „durchaus den einen oder anderen Vers“ von Keats und Shelley gelesen zu haben. Einen Witz über den zweiten Marlowe, Christopher, verstand ich da fast von selbst: Hochkulturgeschwafel. Für aufschlussreicher hielt ich die Verbindung, die Black zur IRA aufgebaut hatte. War das seine alte Connection zur Grünen Insel? Von der auch sein Geschöpf Cavendish stammte. Die Spur schien verlässlich.

Ich machte mich auf ins Auld Dubliner nach Long Beach, um Näheres über die Angelegenheit zu erfahren. In meinem Kopf malte ich mir schon eine hübsche Hässlichkeit aus, die weit in die Vergangenheit zurückreichte, bis zu Claires Vater, der, wohl weil Michael Collins’ Mitstreiter, weiland ermordet worden war. Doch mein dortiger Kontaktmann schüttelte seinen blutroten Quadratschädel. Er stopfte seine Pfeife, zündete sie an und begann, seinen Teil zum allgemeinen Mief beizutragen. „Ich werde Ihnen jetzt eine kleine Rede halten. Sie werden nicht sehr begeistert davon sein“, sagte er. Die IRA-Sache verlief sich im Sand. Meine lange Übung, immer das Falsche zu glauben, bewährte sich also. Black hatte ein paar mexikanische Mafiosi eingeführt, zu belanglos, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei hätte ich ihnen mehr Beachtung schenken sollen. Denn sie griffen nun an. Aus dem Hinterhalt. Sie spielten ihr Spiel im Dunkel. Auch dank eines Helfers, der höchst unsportlich erst im letztmöglichen Moment eingeführt worden war. Als mich die Erkenntnis wie ein Schlag traf, dachte ich an meine gute Freundin Agatha, die sich derlei Unfug immer verboten hatte. Mit einem hatte ich immerhin recht: Die Spur führte in die Vergangenheit, aber anders als gedacht. Die Story erwies sich als platt wie ein Autoreifen, dem ebenso wie ihr die Luft ausgegangen war. Ich schleppte mich zu einem Spiegel und betrachtete mein Gesicht. Es kam mir noch bekannt vor. Ich rief meinen Informanten an, um ihm mein enttäuschendes Ergebnis mitzuteilen. Was ich ihm sagte, war alles nicht manierlich. Was er jetzt empfand, weiß ich. Hab‘ ich oft genug in Krimis gelesen.

Über den Autor:
Benjamin Black ist das Pseudonym des 1945 geborenen John Banville, das er für Kriminalromane verwendet. Banville gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Irlands. Sein umfangreiches literarisches Werk wurde mehrfach, auch international, ausgezeichnet, zuletzt mit dem Man Booker Prize und dem Franz-Kafka-Literaturpreis. John Banville lebt und arbeitet in Dublin.

Kiepenheuer & Witsch, John Banville alias Benjamin Black: „Die Blonde mit den schwarzen Augen“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Englischen von Kristian Lutze

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Wien, 7. 8. 2015

Judi Dench ist Philomena

März 19, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus M wird eine Mutter auf der Suche nach ihrem Kind

Judi Dench und Steve Coogan Bild: © 2013 THE WEINSTEIN COMPANY

Judi Dench und Steve Coogan
Bild: © 2013 THE WEINSTEIN COMPANY

Aus den James-Bond-Filmen ist sie draußen. Ein Glück. Denn nun kann sich Dame Judi Dench wieder künstlerisch wertvollen Filmen widmen. Der für vier Oscars und einen Golden Globe nominiert gewesene „Philomena“ von Regisseur Stephen Frears ist so einer. Und Frears packt wieder sein großes Können aus: eine tragische Geschichte mit so viel very britisch cheeriness indeed zu unterfüttern, dass es zwar die Herzen rührt, das Auditorium aber nicht im Tränenmeer ertrinkt.

Die Geschichte ist wahr, Ähnlichkeiten sind nicht zufällig, sondern sollen erkannt werden. Judi Dench spielt eine irische Mutter, deren unehelicher Sohn in den 50-Jahren von Nonnen der katholischen Kirche an reiche Amerikaner verkauft wurde. Der Erlös ging an die Klöster. Noch immer kiefelt Irland an diesem Skandal, aber in der Papsthochburg sind zwar viele Kläger, nur keine Richter zu finden. Im Jahr 2009 legte die irische Regierung einen Bericht über das Schicksal von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Institutionen vor, es geht um 35.000 Kinder, die in Schulen, Korrekturanstalten, Waisenhäusern einem als systematisch und ritualisiert beschriebenen Missbrauch seelischer, körperlicher, sexueller Art ausgeliefert waren. Wo Nonnen die Augen vor den Umtrieben pädophiler Priester und Mönche verschlossen oder Kinderkrankenhäuser und Waisenhäuser etwa dem BBC-Entertainer Jimmy Savile gegen Spendengelder freien Zugang zu Aberhunderten immer neuen Opfern gewährten. Dench/Philomena, mittlerweile in die Jahre gekommen, mit arthritischen Knien und Hüftleiden, will ihr Kind finden. Anthony. Und sucht dazu die Hilfe des früheren BBC-Korrespondent Martin Sixsmith (Steve Coogan), der überhaupt kein Interesse an human interest stories hat. Er war mal wer. Also bitte! Spindoktor von Tony Blair, Autor bitterböser Politsatiren. Doch wer kann Philomena schon widerstehen? Der wahre Sixsmith hat den Tatsachenroman „The Lost Child of Philomena Lee“ geschrieben.

Im Fim beginnt ein Roadmovie, in dem sich ihre naive Schwärmerei für Trivialliebesschmonzetten und seine zynischen Kommentare dazu aneinander reiben. Die Konfrontation des von einer Niederlage gekränkten Karrierejournalisten mit der einfachen Frau, die sich in den Niederungen ihres Lebens ein großes Herz bewahrt, gibt Stoff für köstliche Szenen und Dialoge. Sie verfolgen Anthonys Spur bis Washington. Dort ist er einflussreicher Politiker. Ein schwuler Republikaner! Doch er bleibt ein Schatten. Wie sich Mutter und Sohn suchen und verpassen, auch weil die Nonnen bösartig ihre Wege verwirren, ist der Stoff einer großen Tragödie. „Viele Leute sehen in dem Film eine Polemik gegen die katholische Kirche“, sagt Judi Dench im Interview. „Philomena hat trotz allem ihren Glauben nicht verloren. Diese Entscheidung ist ihr bestimmt nicht leicht gefallen. Aber sie hat verstanden, dass es besser ist zu vergeben, als ein Leben voller Hass zu führen.“

Rückblenden machen das Ausmaß der Grausamkeiten deutlich: Aus einem kurzen Liebeshimmel wird ein Abstieg in die Hölle. Von der Familie verstoßen, in einem Nonnenkloster kaserniert, entbindet Philomena wie Tausende Mädchen in ihrer Lage unter unsäglichen Bedingungen, sie leistet jahrelang Sklavenarbeit in einer Wäscherei, man entreißt ihr das Kind. In den sogenannten Magdalenenhäusern landeten Mädchen, Ausgestoßene einer Gesellschaft, die sich hinter moralischem Hochmut verschanzte. Die jungen Frauen wurden mit System zerstört. Kleidung konfisziert, Brüste abgebunden. Haare geschoren. Der persönliche Name ausgelöscht, ein Deckname verpasst. Sie wurde überrollt von einem perfiden System, in dem sich Sadismus und Habgier zu einem teuflischen Vernichtungswillen verschränkten. Die Strafe Gottes für die Wollust! Nannten das die Sisters of Mercy. Eine starke Szene: Wenn sich Philomena an den Ort ihrer kindlichen Finsternis zurückwagt, und dort durch das Gitter blickt, aus dem sie mitansehen musste, wie ihr Kind von Fremden in ein Auto gestopft und abtransportiert wurde. Unermeßlicher und gleichzeitig würdevoller kann Schmerz nicht aussehen. Judi Dench zeigt, wie noch das Schlimmste zu ertragen ist. Wie Philomena sagt: „Ich will Leute nicht hassen.“ Frage an Judi Dench: Philomena ist unglaubliches Unrecht widerfahren, dennoch ist sie überzeugt, dass nichts ohne Grund passiert. Was glauben Sie? Dench: „Ich glaube zumindest, dass sich der Sinn von Ereignissen, nicht im ersten Moment, sondern oft erst später erschließt. Ich habe daher für mich beschlossen, in allem das Positive zu sehen. Das scheint mir eine gesunde Lebensauffassung.“

TIPP:

Benjamin Black: Nicht frei von Sünde, 429 Seiten, übersetzt von Christa Schuenke. Kiepenheuer & Witsch.

Der Man-Booker-Preisträger John Banville hat unter dem Pseudonym Benjamin Black 2007 seinen ersten Krimi verfasst. Und natürlich ist es kein Whodunit im herkömmlichen Sinne. Der versoffene Pathologe Quirke findet eines Nachts die Leiche einer jungen Frau auf seinem Tisch. Lungenembolie wie auf dem Totenschein vermerkt? Kann nicht sein. Eher eine verpfuschte Geburt, ein Schicksal, das sie mit vielen jungen Frauen im Irland der Fünfzigerjahre teilte. Und so forscht der Totengott in Weiß unter Einsatz seines Lebens weiter. Denn er gerät nicht nur mit dem katholischen Establishment in Konflikt. Die Fäden laufen im tief verschneiten Boston inmitten der dortigen High Society zusammen. Ein Buch, atmosphärisch dicht, mitreißend und sprachlich brillant.

http://philomenamovie.com

www.philomena-film.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=kO-p40GHg6o

Die echte Philomena: www.youtube.com/watch?v=VkYzAEsUTEY

www.kiwi-verlag.de

Wien, 19. 3. 2014