Kunstforum Wien: Faszination Japan

Oktober 8, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hype um die fernöstliche Ästhetik

Alfred Stevens: Die japanische Pariserin, 1872. Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich. Bild: © Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich

„Das ist keine Mode mehr, das ist Leidenschaft, das ist Verrücktheit“, so charakterisiert der französische Kritiker Ernest Chesneau die Manie des westlichen Publikums für die extravaganten Vasen, Lackdosen, Stoffe und Farbholzschnitte, die aus dem Fernen Osten auf der Pariser Weltausstellung 1878 zur Schau gestellt wurden.

Ab 10. Oktober widmet sich nun das Kunstforum Wien der „Japomanie“ – der Begeisterung der westlichen Welt für die Ästhetik und die Bilderwelt des Fernen Ostens. Sie verfolgt die Entwicklung von der Faszination für das Fremdartige, Neue, von den Anfängen in den 1860er-Jahren bis weit nach der Jahrhundertwende, bis zu dessen Amalgamation in das Formenvokabular der westlichen Malerei, den Einfluss seiner Ästhetik auf die Entwicklung der Moderne um 1900.

Auf Druck der Amerikaner hatte Japan nach einer jahrhundertelangen selbstgewählten Isolation 1854 seine Häfen für den Handel mit dem Westen geöffnet, innere Reformer drängten zudem nach einer Präsentation des „neuen“ Japan im Westen, wofür die Weltausstellungen 1867 und 1878 in Paris und 1873 in Wien als Plattform wahrgenommen wurden.

Nun eroberten die elegant-exotischen Alltagsgegenstände, die exquisiten Textilien und vor allem die phantasievollen Ukiyo-e, die Farbholzschnitte, sehr schnell den europäischen Markt und erfüllten die Sehnsüchte des Publikums nach einer unbekannten fremden Kultur und einer neuartigen Scönheit. Expeditionen nach Ostasien wurden gestartet – Émile Guimet und Enrico Cernuschi legten dabei den Grundstock für die großen, nach ihnen benannten Pariser Museen Ostasiatischer Kunst –, und der Kritiker Philippe Burty kreierte 1872 den bis heute gültigen Begriff des „Japonismus“.

Emil Orlik: Japanisches Mädchen unterm Weidenbaum, 1901. Bild: Sammlung Dr. Eugen Otto, Wien

Georges Lacombe: Die violette Woge, 1896/97. The George Economou Collection. Bild: © Odysseas Vaharides / Courtesy The George Economou Collection

Vor allem die erzählfreudigen Farbholzschnitte, Bilder der fließenden, vergänglichen Welt, waren begehrte Sammlerobjekte auch der Künstler, die das fremdartige Formenvokabular, die erstaunlichen Themen und Motive, in ihre Bildsprache integrierten. Monet, Manet, Van Gogh, Degas und Gauguin sind die ersten, ihnen folgen die jüngeren – Toulouse-Lautrec, Bonnard, Vuillard, Vallotton oder Marc und Kandinsky. Ungewöhnliche kompositorische und inhaltliche Neuigkeiten erobern die abendländische Kunst.

Extreme quer- oder hochrechteckige Formate, beschnittene Figuren in starker Verkürzung, die Kombination von Vogelperspektive und starker Nahsicht, dazu große leere Flächen vor einem hohen Horizont; Kompositionen, die dekorative Arrangements mit Momentaufnahmen verschmelzen, Schwarz-Silhouetten oder der subtile Gebrauch der Linie. Gemeinsam mit der Wiederentdeckung der leuchtenden Lokalfarben, der scharfsinnig-geistreichen Beobachtung von Tier- und Pflanzenwelt, von alltäglichen Verrichtungen oder Geisterszenerien bereichern sie die westliche Malerei in vielfältigster Weise.

Von Paris aus verbreitet sich die Japomanie in ganz Europa – in Deutschland, Belgien, Ungarn, Skandinavien und Österreich. In Wien entwickelt sich, ausgehend von der Wiener Weltausstellung 1873, ein regelrechter Hype um die fernöstliche Ästhetik, an der sich auch Gustav Klimt und Josef Hoffmann inspirieren. In der Folge führen die Anregungen aus dem Fernen Osten zu einer eigenständigen Interpretation und Umsetzung in eine neue, in die aufkommenden Moderne des 20. Jahrhunderts führende Formensprache – in der die Tendenzen zur Abstraktion, zur Überwindung des konventionellen Bildraumes eigenständig weiterentwickelt werden.

In der Ausstellung des Kunstforum Wien werden fernöstlich beeinflusste Gemälde und Druckgrafik, aber auch Objekte und Möbel, europäischer Herkunft den japanischen Holzschnitten, Paravents und Objekten gegenübergestellt. An die 100 Exponate aus internationalen öffentlichen und privaten Sammlungen geben einen Überblick vom späten 19. Jahrhundert bis zum Beginn der Avantgarden. Die Künstlerinnen Margot Pilz, Eva Schlegel und Stephanie Pflaum haben das Thema des Teehauses als Ort der Begegnung aufgegriffen und darüber eigenständige Reflexionen unter unterschiedlichen Aspekten entwickelt.

www.kunstforumwien.at

8. 10. 2018

Bank Austria Kunstforum Wien: Man Ray

Februar 9, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Grenzgänger der „schönen“ Künste

Man Ray: Noire et Blanche,1926 (um 1970). Privatbesitz, Courtesy Galerie 1900-2000, Paris © Man Ray Trust/Bildrecht, Wien, 2017/18

Ab 14. Februar zeigt das Kunstforum der Bank Austria die Ausstellung „Man Ray“: Man Ray (geboren als Emmanuel Radnitzky 1890 in Philadelphia, gestorben 1976 in Paris) wurde stets vor allem als Fotograf rezipiert. Weitreichende Berühmtheit erlangte er für seine Künstler-Fotoporträts und seine kameralos aufgenommenen Rayografien der 1920er Jahre. Dass Man Ray jedoch malte, zeichnete, designte, Filme drehte, Objekte entwarf, Schriften verfasste.

Sich auch für Typografie, Buch- und Magazingestaltung begeisterte und eine veritable Karriere als experimenteller Modefotograf bei Harper’s Bazaar und Vogue verfolgte, will die aktuelle Schau vor Augen führen. Während Man Rays Fotografie in keiner Überblicks-Ausstellung zu Dadaismus und Surrealismus fehlt, ist er bis dato im deutschsprachigen Raum als Universal-Künstler nur wenigen ein Begriff. Sein Grenzgängertum bezieht sich dabei nicht nur auf die verschiedensten Medien, sondern auch auf die zwei Kunst-Metropolen des 20. Jahrhunderts – Paris und New York – wo Man Ray abwechselnd lebte.

Die Ausstellung des Bank Austria Kunstforum Wien wird sich „dem ganzen Man Ray“ widmen und sich kritisch mit lebenslangen Themen auseinandersetzen, die sein Werk durchwegs kennzeichnen wie etwa die Nähe und Distanz zwischen männlicher und weiblicher Körperlichkeit und Kreativität und ihre Inszenierung im Werk. Die Schau wird auch Man Ray als „friend to everyone who was anyone“ zeigen, der in den glamourösesten gesellschaftlichen Zirkeln verkehrte und so als Prototyp des künstlerischen Netzwerkers und Impulsgebers fungierte.

Man Ray: Autoportrait, 1937/71. Sammlung Marion Meyer, Paris © Galerie Eva Meyer, Paris. © Man Ray Trust/Bildrecht, Wien, 2017/18

Man Ray: Violon d’Ingres, 1924 (1990). Courtesy Galerie Johannes Faber © Man Ray Trust/Bildrecht, Wien, 2017/18

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Auswahl von 200 Schlüsselwerken aus der ganzen Welt, darunter Gemälde, Fotografien, Objekte, Papier- Arbeiten, Collagen, Assemblagen und experimenteller Film, wird die gleichsam enigmatische wie komplexe Künstlerpersönlichkeit Man Rays umreißen und zeigen, wie er – in kongenialer künstlerischer Komplizenhaftigkeit mit Marcel Duchamp – den Grundstein legte für wie und was wir heute als „Kunst“ betrachten.

www.kunstforumwien.at

9. 2. 2018

Kunstforum Wien: Gerhard Rühm

September 29, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Künstler zwischen Wort, Musik und Bild

Wiener Gruppe: 2 welten (2. literarisches cabaret), 1959. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Bild: © Imagno/Franz Hubmann/mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Gerhard Rühm: Aufführung teleklavier, 1990. Bild: Privatsammlung, © Gerhard Rühm

Der österreichische Zeichner, Objekt- und Fotokünstler, Poet, Komponist Gerhard Rühm war Mitbegründer der Wiener Gruppe und sucht in seinem grafischen Werk die stete Erweiterung des Mediums „Sprache“. Die Herbstausstellung des Bank Austria Kunstforum Wien wird ab 4. Oktober das vielseitige, mehr als sechs Jahrzehnte umspannende Schaffen des Grenzgängers präsentieren. Dabei werden die radikalen Sprachexperimente Rühms im Kontext der internationalen Avantgardebewegungen  des frühen 20. Jahrhunderts, denen das Kunstforum seit Jahren immer wieder wichtige  Präsentationen gewidmet hat, verankert und dargestellt, wie er an deren Errungenschaften anknüpft und diese weiterentwickelt.

Rühm ist einer der letzten Universalkünstler. Als Komponist, Pianist, Performer, Literat und bildender Künstler war der 1930 in Wien geborene und heute in Köln lebende Gerhard Rühm ein Grenzgänger zwischen den einzelnen Kunstdisziplinen, lange bevor Begriffe wie „Crossover“ und „Intermedialität“ in der künstlerischen Praxis zum guten Ton gehörten.

Im Zwischenraum von Wort und Bild, von Sprache und Musik und von Schrift und Zeichnung sucht Rühm eine stete Erweiterung medialer Ausdrucksformen, die auf konzeptuelle wie humorvolle Weise Sehgewohnheiten durchbrechen. Das Gegenwartserlebnis – das Jetzt – und die zeitliche Dimension von Sprache, bilden ebenso zentrale Motive im Œuvre Rühms wie die sprachliche Konstituierung des Subjekts. Zur experimentellen – „konkreten“ – Poesie gelangte der ausgebildete Komponist Rühm Anfang der 1950er-Jahre über die Beschäftigung mit Anton Webern. Im reaktionären Klima der österreichischen Nachkriegszeit gründete er gemeinsam mit Friedrich Achleitner, H.C. Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener die legendäre „Wiener Gruppe“ (1954–1964), die an die radikalen Sprachexperimente von Expressionismus, Dada und Konstruktivismus anknüpfte. Mit den „Literarischen Cabarets“  veranstaltete diese die ersten Happenings der Kunstgeschichte, die unter anderem in der Zertrümmerung eines Klaviers durch Rühm und Achleitner gipfelten.

Gerhard Rühm: ohne titel, 1961. Privatsammlung, © Gerhard Rühm. Bild: © N. Lackner/UMJ

Gerhard Rühm: umarmung, 1961. Privatsammlung, © Gerhard Rühm. Bild: © N. Lackner/UMJ

Anknüpfungspunkte für Rühm bilden unter anderem auch die konstruktivistische Zaum-Poesie von Wladimir Chlebnikow, Alexej Krutschonych oder Olga Rosanowa, die dadaistische Merz-Dichtung Kurt Schwitters und die „Parole in libertà“ des Futuristen Filippo Tommaso Marinetti. Rühms feinnervige Wort- und Lautgestaltungen, die sich in Zeichnungen, Fotomontagen, Text-Objekten, Scherenschnitten, Partituren und Performances niederschlagen, bezeugen sein tiefgehendes Interesse an der Materialität der Sprache als visuelles und phonetisches Material. Ein Nachdenken über das Ich und das Du, das Hier und das Jetzt sind dabei, genau wie Zufall und Humor, Rühms stete Begleiter.

Rühms visuelle Poesie – zwischen Schrift und Bild pendelnde Typocollagen, Fotomontagen und Schreibmaschinenideogramme –, und deren musikalisches Pendant, die visuelle Musik, sowie gestische und konzeptionelle Zeichnungen und Schriftfilme werden in der Schau ebenso präsentiert wie seine auditive Poesie, Chansons, Klavierstücke und Melodramen an der Schwelle von Sprache und Musik.

Neben zahlreichen Einzelausstellungen ab 1958 waren Rühms Arbeiten unter anderem im Amsterdamer Stedelijk Museum, auf der documenta 1977 und 1987 in Kassel, in der Frankfurter Schirn Kunsthalle und im Universalmuseum Joanneum in Graz zu sehen. 2012 erwarb die Österreichische Nationalbibliothek Rühms Vorlass.

www.kunstforumwien.at

Gerhard Rühm liest seine „seufzer-prozession“: www.youtube.com/watch?v=wK9Xi3BQ4sQ

29. 9. 2017

Bank Austria Kunstforum Wien: Balthus

Februar 23, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine schön sachliche Schau über den „Skandalmaler“

Balthus: Cathys Toilette, 1933 Centre Pompidou, Musée national d’art moderne – Centre de création industrielle, Paris © Balthus 2016 Bild © Mondadori Portfolio/Akg Images

Balthus: Cathys Toilette, 1933. Centre Pompidou, Musée national d’art moderne – Centre de création industrielle, Paris © Balthus 2016. Bild © Mondadori Portfolio/Akg Images

Das Bank Austria Kunstforum Wien präsentierte bei einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag seine ab 24. Februar laufende Retrospektive zum Werk von Balthasar Klossowski de Rola. „Balthus“  ist einer der großen Einzelgänger unter den Malern des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung – die erste umfassende in Österreich – beleuchtet sein Werk von der Auseinandersetzung mit der Frührenaissance über die Arbeiten im Umkreis von Surrealismus und Neuer Sachlichkeit, zwischen Frankreich, dem deutschsprachigen Raum und Italien, bis hin zur Beschäftigung mit Ostasiatischer Kunst.

Balthus ist der Leibhaftige kunsthistorischer Moralapostel. Schon bei seiner ersten Ausstellung im Jahr 1934 kam es zum Skandal, weil eine Szene eines Gemäldes als versuchter Missbrauch eines Mädchen interpretiert wurde. Das Essener Museum Folkwang sagte 2014 eine geplante Foto-Ausstellung ab. Und auch in Österreich standen Gratis- und selbsternannte Qualitätszeitungen und mit ihnen die üblichen Lokalpolitiker Kopf. Der Pädophiliebildervorwurf trieb einmal mehr seltsame Blüten. Vor allem die Polaroids, die der greise Künstler in seinem Grand Chalet im Kanton Waadt in der Schweiz von einem teilweise halbnackten Mädchen – im Beisein seiner Mutter – machte, regen immer wieder auf. Balthus war allerdings zu dieser Zeit bereits halb blind und auf solche Fotos angewiesen, um zu malen, was er immer malte: den sich seiner selbst noch nicht bewussten, ergo spröden Eros heranwachsender Frauen. Die Fotos ersetzten die händischen Vorstudien, zu denen sich der Maler im hohen Alter nicht mehr im Stande sah.

Auch im Kunstforum sind einige der Polaroids zu sehen. Was Direktorin Ingried Brugger zu einer – nun auch via Video auf der hauseigenen Webseits nachzuhörenden – Stellungnahme veranlasste. Balthus‘ Aufnahmen eines Kindes auf seinen Stationen in die Erwachsenenwelt seien „nie anzüglich“ angelegt, sagt Brugger, sondern ebenso wie die Aktgemälde mit „sehr hoher künstlerischer Übersetzungskraft“ ausgeführt. Die über zehn Jahre entstandenen, in verschwommenes Licht getauchten und sorgsam arrangierten Aufnahmen von Anna Wahli, der ortsansässigen Arzttocher, seien „die Interpretation eines Mediums mit der Kamera“. Tatsächlich ist der Akt beispielsweise bei Schiele aufregender. Bei Balthus hingegen wollen die Mädchen nicht Sexualität ausdrücken, sondern zeigen, wie er einmal sagte, „noch göttliche Aspekte des Menschen und offenbaren engelhafte Züge“, die er als Maler sehe und ihnen Gestalt verleihen wolle. Und doch ist die Verwechslung verständlich: Balthus, das ist äußerlich extrem beherrscht, innerlich aber sehr beunruhigend. Er drängt mit der abgebildeten Stasis nahezu auf Tabubruch. Jemand, dessen erster Mentor Rilke war, der sich mit Antonin Artaud befreundete und De Sade las, will doch ein dionysisches Kunstprinzip vertreten. Man sollte sich für eine Balthus-Schau nicht entschuldigen.

Balthus’ Malerei hat die Gegenständlichkeit nie in Frage gestellt, ihr haftet eine geheimnisvolle und auch unheimliche Aura an, die grausame Fantasiewelten hervorruft und bisweilen in ihrer starren Unterkühltheit frösteln macht. Mittels subtiler Nuancen evoziert Balthus eine hintergründige Harmonie, so wie er selbst formuliert: „Ich habe immer das Bedürfnis das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen zu suchen; vorzuschlagen, nicht zu bestimmen, immer etwas Rätselhaftes in meinen Bildern zu belassen.“ Dies trifft vor allem auch auf die unzähligen Katzenbilder des selbsternannten „Königs der Katzen“ zu. In seinem Schweizer Chalet, wo er bis zu seinem Tod im Februar 2001 mit fast 93 Jahren zurückgezogen lebte, und das seine japanische Ehefrau Setsuko Ideta bis heute bewohnt, tummeln sich immer noch etliche der Samtpfoten. Balthus ist auch eine Art Pop-Maler. Tony Curtis und Mick Jagger besuchten ihn, Madonna sammelt ihn. Für seine Beisetzungszeremonie komponierte Bono einen Song.

Balthus hinterließ ein – gemessen an seiner langen Schaffensperiode – relativ schmales Werk von etwa 350 Gemälden und 1600 Zeichnungen. Der seltsam fremd anmutenden Stimmung seiner Bilder und deren gleichsam außerhalb jeder Zeit stehenden Protagonisten blieb er ein Leben lang verbunden. Er arbeitete langsam und hatte, wie sein älterer Bruder Pierre Klossowski bereits 1957 über ihn sagte, „einen Atemrhythmus, der den Ackerbau treibenden Gesellschaften eigen ist und mit dem Industrialismus unserer Welt nicht im Einklang steht“. Balthus‘ Werk wird im Bank Austria Kunstforum mit schöner Sachlichkeit und gut dokumentiert gezeigt. Hoffentlich kann dieser Zugang auch die aufgeregte Sicht auf den „Pornografie“-Künstler versachlichen.

www.kunstforumwien.at

Wien, 23. 2. 2016

Kunstforum Wien: Eyes Wide Open

Mai 9, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Stanley Kubrick als Fotograf

Stanley Kubrick: Showgirl – Kubrick photographing Rosemary Williams, 1949 Courtesy Museum of the City of New York, Geschenk von Cowles Communications, Inc.  Bild: © SK Film Archives, LLC

Stanley Kubrick: Showgirl – Kubrick photographing Rosemary Williams, 1949
Courtesy Museum of the City of New York, Geschenk von Cowles Communications, Inc.
Bild: © SK Film Archives, LLC

Das Bank Austria Kunstforum zeigt die Ausstellung „Eyes Wide Open – Stanley Kubrick als Fotograf“. Stanley Kubrick (1928–1999) gilt als einer der wichtigsten Regisseure des 20. Jahrhunderts. Seine perfekt inszenierten filmischen Meisterwerke, darunter „2001: A Space Odyssey“, „A Clockwork Orange“, „The Shining“ oder „Eyes Wide Shut“, wirken zeitlos und haben unser (Film-)Sehen maßgeblich geprägt. Die Frühjahrs-Ausstellung „Eyes Wide Open – Stanley Kubrick als Fotograf“ im Bank Austria Kunstforum Wien schlägt ein bis dato zu wenig bekanntes, frühes Kapitel von Kubricks bildgestalterischer Karriere auf: Ab Mitte der 1940er-Jahre entstehen im Auftrag der Zeitschrift Look über 300 Fotoessays, die es Kubrick ermöglichen, sich detailliert mit Komposition, Atmosphäre und Timing zu beschäftigen und so eine ganz eigene visuelle Erzähltechnik und Bildsprache auszubilden.

Alles beginnt damit, dass Kubrick als 16-jähriger Hobbyfotograf im April 1945 ein Foto macht, das einen alten Zeitungsverkäufer in seinem Kiosk zeigt. Deprimiert blickt dieser auf die feilgebotenen Zeitungen, die mit den Schlagzeilen „Roosevelt Dead!“ und „F.D.R. DEAD!“ den Tod des US-amerikanischen Präsidenten verkünden. Kubrick stellt sich mit der Aufnahme, die das nationale Gefühl von Trauer und Zukunftsangst auf den Punkt bringt, und dabei angeblich alles andere als ein Schnappschuss, sondern das Ergebnis intensiver „Regiearbeit“ mit dem Zeitungsverkäufer ist, bei mehreren New Yorker Zeitungen vor. Das Look-Magazine kauft Kubrick das Bild meistbietend ab und veröffentlicht es etliche Wochen später. Als Kubrick 1946 die Highschool verlässt, heuert er als staff photographer bei Look an und wird von der Zeitschrift ab diesem Zeitpunkt mit zahlreichen, höchst unterschiedlichen assignments beauftragt. Im Mittelpunkt von Kubricks Fotoessays steht zumeist, wie auch später in seinen Filmen, ein außergewöhnliches, oft einsames, menschliches Schicksal. Kubrick beobachtet einen kleinen Schuhputz-Jungen auf den Straßen New Yorks, verbringt einen Wettkampf-Tag an der Seite des Boxers Rocky Graziano, besucht Betsy von Fürstenberg, eine aufstrebende Jung-Schauspielerin, oder fotografiert einen riesigen Zirkus hinter den Kulissen. Kubricks Fotos sind auch ein Abbild der US-amerikanischen Metropole: New York wird in den späten 1940er-Jahren, in denen Europa in Schutt und Asche liegt, endgültig zur „neuen Hauptstadt der Welt“. Das urbane Spektakel wird im Kleinen wie im Großen festgehalten, individuelle Geschichten verbinden sich zu einer groß(städtisch)en Erzählung.

Zeitschriften wie Look oder LIFE lösen bereits ab Ende der 1930er-Jahre in der US-amerikanischen Gesellschaft einen regelrechten Hunger nach neuen Bildern und Geschichten aus. Während sich LIFE dem American Century verschreibt, nimmt Look sich der Hintergrundgeschichten, oft auch mit New York-Bezug, an. Kubrick macht in viereinhalb Jahren für Look kolportierte 27.000 Fotografien von denen an die 1.000 Aufnahmen auch publiziert werden. Die Lehrjahre bei Look erlauben es Kubrick, seine Leidenschaft, visuelle Geschichten zu inszenieren nach und nach zu perfektionieren. In der Redaktion lernt er, wie kreative Prozesse im Team funktionieren, eine nicht unwesentliche Erfahrung für seine spätere Arbeit als Filmemacher. Die Entscheidung, nicht bei der Fotografie zu bleiben, sondern 1951 seinen ersten Dokumentarfilm zu drehen – „Day of the Fight“, der um den Boxer Walter Cartier konzipiert ist, den er auch für Look fotografiert hat – wirkt rückblickend als logische Konsequenz.

Die Ausstellung „Eyes Wide Open – Stanley Kubrick als Fotograf“ im Bank Austria Kunstforum Wien versammelt zwanzig ausgewählte Fotoessays, jeder einzelne Fotoessay bildet dabei einen eigenen erzählerischen Kosmos. Dem Publikum wird damit die Entdeckung von Kubricks fotografischem Frühwerk, das zahlreiche Rückschlüsse auf sein späteres filmisches Werk erlaubt und gewissermaßen die Keimzelle seiner bildgewaltigen und durchkomponierten Filmästhetik bildet, ermöglicht. Neben den Fotografien, die sich im Besitz des Museum of the City of New York befinden, mit dem das Bank Austria Kunstforum Wien für die Ausstellung kooperiert hat, werden auch Original-Ausgaben des Look-Magazines, in denen Kubricks Fotoessays erschienen sind, gezeigt, die verdeutlichen, dass Kubricks Fotos ursprünglich für ein Zusammenspiel von Bild und Text angelegt waren.

www.kunstforumwien.at

Video: https://www.youtube.com/watch?v=B6BjgA37qyI

Wien, 9. 5. 2014