Kammerspiele: Ladykillers

Januar 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mörderisch ist nur die Langeweile

André Pohl und Marianne Nentwich. Bild: Erich Reismann

Natürlich erklingt das Menuett von Boccherini, ist das Musikstück doch durch die „Ladykillers“ Alec Guinness, Herbert Lom und Peter Sellers zum Welthit geworden. Das ist aber auch schon alles, was der Filmklassiker und die nun an den Kammerspielen der Josefstadt zu sehende Theaterfassung miteinander gemein haben. Denn nicht nur die Textbearbeiterinnen Elke Körver und Maria Caleita, auch Regisseur Cesare Lievi hat der Kriminalkomödie, dieser Perle des britischen Black Humor, schweren Schaden zugefügt.

Weder zündet hier irgendein Wortwitz, noch stimmen Tempo und Timing, das Fehlen dieser drei steht jedoch gleichbedeutend für den Tod des Boulevards, und so ist das einzig Mörderische an dieser Inszenierung die Langeweile, die ganze Aufführung beinah so blutleer wie eine Leiche. Dabei böte die Groteske um ein Grüppchen sich als Streicherensemble ausgebender Gangster ausreichend Raum für die Art makaberen Jux, für absurde Situationskomik und verbale Missverständnisse, versehen mit jenem wohldosierten Schuss Spleen, den man an den Engländern so schätzt.

Nun ist es nicht so, dass sich die Schauspieler, allesamt erste Kräfte des Hauses, nicht um ihre Figuren bemühten. Marianne Nentwich ringt darum, ihre Mrs. Wilberforce mit Leben zu füllen, doch bleibt die schrullige Vermieterin, die sich als weniger weltfremd und verwirrt denn angenommen entpuppen wird, in Lievis arg konservativer Sichtweise eine mit Spitzenkragen bewehrte Schablone. Nicht besser ergeht es der auf Stereotype reduzierten Verbrechertruppe, deren Darsteller ihre Rolle auf jeweils einen Wesenszug – exzentrisch bis einfältig bis leicht erregbar – beschränkt spielen müssen.

André Pohl hat als Professor Marcus von Anfang an den Irrsinn im Blick, Siegfried Walther ist der nervös-magenleidende Major Courtney, Martin Zauner der joviale Harry Robinson, Wojo van Brouwer gibt das gutmütig-dämliche Riesenbaby One-Round und Markus Kofler, den Geigenkasten unterm Arm, als wäre er unterwegs zum Valentinstag-Massaker, den sinistren Louis Harvey. Was das Quintett plant, ist nicht weniger als ein Raubüberfall auf einen Geldtransporter, doch offenbart sich die Straftat der Mrs. Wilberforce, und im Bestreben die Alte loszuwerden, eliminieren sich die Komplizen gegenseitig. Der Güterzug nach Liverpool hilft dabei wesentlich mit.

Statt der Geigen spielt ein Grammophon: Siegfried Walther, Martin Zauner, Wojo van Brouwer und André Pohl. Bild: Erich Reismann

Marianne Nentwich, Siegfried Walther, Martin Zauner, Markus Kofler und Wojo van Brouwer. Bild: Erich Reismann

Lievi, der zuletzt an den Kammerspielen mit „Der Garderober“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28855) so viel Freude bereitete, sitzt diesmal dem Irrtum auf, man könne das Bissig-Böse von Originalautor William Roses Pointen mit derart viel Bedacht angehen – dass es letztlich gar nichts mehr zu lachen gibt. Die fehlende Dynamik des Abends ist nicht einmal mehr als Slow-Burn zu rechtfertigen, das Vintagebordüren-Bühnenbild von Maurizio Balò verstärkt die Anmutung von altbacken noch.

Nur selten gelingt ein Ausbruch. Etwa, wenn Siegfried Walther in einer Szene tänzelnd seinen Hang zu Mrs. Wilberforces Abendgarderobe auslebt. Wenn sich auf Martin Zauners Gesicht ob deren ins Haus einfallender Freundinnen die Panik spiegelt. Die Damen freuen sich auf einen Musikgenuss, und so knarzen und sägen die Schurken eine Kakophonie vom Feinsten. Schließlich zum Schluss, wenn André Pohl sein gescheitertes Genie mit einer gerüttelten Dosis Verfolgungswahn versieht.

Der knapp bemessene Applaus am Ende war gerade mal für drei Verbeugungsrunden gut, nur eine davon absolvierte das Leading Team.

Auch von daher muss „Ladykillers“, so kurz nach Herbert Föttingers formidablen, im Februar wieder zu sehenden „Acht Frauen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30371) als vergebene Chance verbucht werden, was umso mehr schmerzt, als man sich eigentlich potenzielle Paraderollen für alle Beteiligten erwartet hätte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=GDOOfwkbz50

www.josefstadt.org

  1. 1. 2019

Kammerspiele: Menschen im Hotel

März 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur ein Glühwürmchen in der Dunkelheit

Siegfried Walther, Silvia Meisterle und Raphael von Bargen Bild: Herwig Prammer

Der großartige Siegfried Walther, Silvia Meisterle und Raphael von Bargen
Bild: Herwig Prammer

Es fehlt an Prunk und Pomp. An diesem Marmor, der doch nur falsch und Stuck ist. An der Behauptung etwas großes und dabei letztlich Kulisse zu sein, die die Grandhotels einer längst verwehten Zeit ausmacht. Wie die Figuren in Vicki Baums „Menschen im Hotel“. 1928 entwarf die österreichische Autorin ihr Panorama Fleisch gewordener Trompe-l’œils, Cesare Lievi hat nun an den Kammerspielen eine Bühnenfassung in Szene gesetzt – und ist dabei einen Schritt weiter, vielleicht einen zu weit gegangen.

Der italienische Regisseur hat sich einer Art Neorealismo verpflichtet, und, als wolle er im Sinne Roland Barthes‘ „als Wirklichkeit darstellen, was die bürgerliche Gesellschaft sich bemüht zu verbergen“, von Anfang an die klappernden Skelette unter den mühsam aufgerichteten Fassaden freigelegt. Das ist im Baum’schen Kosmos zwar an späterer Stelle korrekt, doch so raubt es dem Abend vom Fleck weg die Elegance, das Geheimnis, die Ambivalenz. Bis hin zum mit Schiebetüren für den schnellen Szenenwechsel überaus funktionalen Bühnenbild von Maurizio Balò glaubt man sich in einem strengen, spröden Schwarzweißfilm, in dem die Schauspieler ihren Text herstelzen. Anna Bergmann, von der die Buchbearbeitung stammt, erlaubt kaleidoskopartige Einblicke in das Panoptikum der Vicki Baum. Sie hat die Reisenden, die sich durchs Hotel wie Dantes Ovid durch den Orkus bewegen, auf eine Handvoll reduziert. Eine alternde Primaballerina verliebt sich in einen nicht ganz ehrenwerten jungen Baron, der es auf ihren Schmuck abgesehen hatte. Ein kleiner Angestellter, den nahen Tod vor Augen, beginnt das Leben in vollen Zügen zu genießen. Ein Generaldirektor zockt um die Zukunft seiner Firma und bedrängt eine Sekretärin, die doch eigentlich zum Film möchte. Sie alle beobachtet ein Arzt, ein Dauergast der Hölle, dem dieser Nicht-Ort zum Abbild des Lebens geworden ist.

Die Hölle. Zehn Jahre ist es her, dass die eine vorüber rauschte, zehn Jahre wird es in Österreich noch dauern, bis die nächste kommt. Vicki Baum erkannte früh die Gefahr, die vom Nationalsozialismus ausging. Aber davon wissen ihre Figuren noch nichts, diese Pechvögel und Glücksritter, diese Blender und Betrüger größeren und kleineren Ausmaßes. Sie laborieren noch an ihren Erste-Weltkriegsnarben, während schon die Weltwirtschaftskrise und der Zweite neue Wunden schlagen wollen. Keiner ist hier, was er vorgibt, ja nicht einmal, was er selber glaubt, zu sein. Alle suchen. Und währenddessen findet das Eigentliche anderswo statt.

Lievi hat das firnissfrei inszeniert, hat versucht, die vordergründige Krimihandlung und die tiefgründige Liebesgeschichte als Gesellschaftspanorama der „Goldenen“ Zwanzigerjahre zu entwerfen. Mit „Filmscheinwerfern“ und „Dolby Surround“, sogar mit einem automatischen Klavier, setzt er auf den Kinoeffekt, schön auch die Idee, das Publikum quasi in der Portiersloge zu platzieren, aber seine Gesellschaft, sie schillert zu wenig. Die Geschäftemacher und Gschaftlhuber, die Lobbyisten in der Lobby, die durch riskante Affären verbundenen Zwangs- und Zweckgemeinschaften sind allesamt als Scherenschnitte angelegt. Wo sich die Figuren Maske um Maske um Maske abreißen lassen sollten, enttarnen sie sich flink, freiwillig, allzu friktionsfrei. Als hätten sie sich bei ihrem Tanz auf dem Vulkan die Fersen schon verbrannt, bevor der Vorhang überhaupt aufging, und wollten nun nur noch ins rettende Fußbad. Es ist seltsam, wie eine Sache gefühlt zu kurz geraten und trotzdem langatmig sein kann.

Raphael von Bargen legt den Baron von Gaigern als leutseligen Lebemann an. Zwar erschließt sich nicht wirklich, warum er sich Hals über Kopf in die von Sona MacDonald als exaltierte Hysterikerin gespielte Grusinskaya verliebt, aber immerhin kommt es ihm zu, durch ihr Leid sein Menschsein zu finden. Silvia Meisterle ist als Stenotypistin Flämmchen verhalten sexy, Marianne Nentwich eine dauerbesorgte Suzette, Alexander Absenger ein Raubtier als Chauffeur. Alexander Waechter hat als Arzt Dr. Otternschlag immerhin die besten Sätze. Wie ein schwarzes Gewissen wacht er, der vom Leben nichts mehr erwartet und ergo nicht enttäuscht werden kann, über die anderen. Die Drehtür muss immer offenstehen, sagt er, und meint damit den Ausgang in den Selbstmord. „Man kommt an, man bleibt ein bisschen, man reist ab … hundert Türen auf dem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt. Und wenn Sie abreisen, kommt ein anderer an und legt sich in Ihr Bett, Schluss.“ Welch ein Resümee über die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Ansonsten bleibt auch Waechter unauffällig.

Während die Kollegen sich um Typgestaltung bemühen, sind da zwei, die aus ihren Figuren Charaktere formen. Und zwar solche von Fallada-Format. Vor allem Siegfried Walther ist großartig als sterbenskranker Kringelein, der brave Buchhalter, der verzweifelte „kleine Mann“, der den Rücken durchstreckt und, ein erstes und letztes Mal, sich aufbäumt. „Und wenn ich ein Dreck bin, dann sind Sie ein viel größerer Dreck, Herr Generaldirektor“, haucht er atemlos über seinen neuen Mut. Und das macht Walther ganz fabelhaft. Er verkörpert ein Zeitsymptom, er und der von Heribert Sasse dargestellte Generaldirektor Preysing, zwei unterschiedliche Systeme. Das untergehende und ein aufkeimendes Europa, und wenn Lievis Arbeit dieser Tage etwas zu sagen hat, dann an dieser Stelle. Die Wirtschaft hat moralisch wieder abgewirtschaftet. Und der Angestellte sieht sich beraubt um die Stelle, mit der er sich gern identifizieren konnte. Befristung und schnell-schnell heißen die neuen Schlagworte. Coupon schneiden siegt über Arbeitsplätze sichern.

Sasse selbst überzeugt als Turbokapitalist, der glaubt, sich mit Geld alles nehmen zu können. Wenig erinnert noch an den Original-Preysing, der zu ehrlich für die neuen Regeln der Börse war. Dieser hier ist skrupellos und schmierig und wird in seiner Ekelhaftigkeit die Rechnung präsentiert bekommen. Am Ende, wenn sich die Szenen in einem Kunstgriff ineinander schieben und alle Schauspieler gleichzeitig auf der Bühne sind, wird Kringelein auf- und Preysing zusammenbrechen. Vicki Baum sagte einmal, sie gebe sich keinen „Glühwürmchenillusionen“ über die Zukunft hin. Ein Glück. Cesare Lievi lässt in der Dunkelheit zumindest eins leuchten.

Diese Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 16. März.

Raphael von Bargen im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18096

www.josefstadt.org

Wien, 17. 3. 2016