Schauspielhaus Wien: Der Sprecher und die Souffleuse

Juni 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Meta-Stück übers Theaterdasein

Der hohe Ton fürs Mikrophon: Gerhard Balluch als „König Lear“ und Patrick Berg als Sprecher. Bild: © Nikola Milatovic

Seit der Uraufführung des Theaters am Lend Graz weiß man freilich, dass es ein Gag ist, wenn da einer aus dem Publikum „Lauter!“ und in diesem Fall „Wir sind in Wien!“ ruft, als Hanna Binder so verschüchtert leise zu sprechen beginnt, dass sie unter Garantie keiner hört. Was für den Beruf der Souffleuse, und eine solche stellt Binder hier dar, prinzipiell eher unpraktisch ist. Also hebt sie schließlich die Stimme, erzählt von ihrem Immer-Anwesend-Sein.

Sozusagen „unter“ den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wie sie in die Textbücher, auf die Rückseite der beschriebenen Seiten, ihre Alltagsbeobachtung notiert – und, dass die wichtigste derartige ist, dass sowohl reales als auch Bühnenleben einem Kaugummi gleichen. Weil, das eine zieht sich, wie ein, während man fürs andere Figuren und deren Sätze hineinkleben könnte, und so lange durchkauen, bis alles ein großes Ganzes ist. Derlei Metaphern hat die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova en masse auf Vorrat, ihr aktuelles Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ ist als Meta-Stück übers Theaterdasein zu lesen, ist in diesem Sinne Nonsens mit Hintersinn – und 2018 Gewinner des Autor- und Autorinnenpreises der sich bis dato über sechs Bundesländer erstreckenden Theaterallianz (www.schauspielhaus.at/schauspielhaus/theaterallianz).

Svolikovas Stern strahlt seit Beginn ihrer Schreibtätigkeit hell, etwa mit Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) oder „europa flieht nach europa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29742), ihre neue Arbeit hat Pedro Martins Beja inszeniert, und er meistert bravourös die Aufgabe, den Zinnober der Vorlage umzusetzen. Was man zwischen sich bauschenden, schwarzen Vorhängen zu sehen bekommt, sind Zerrbilder von Bühnenbeschäftigten. Die Ausgangssituation sind aufgrund widriger Verkehrsumstände fehlende Schauspieler.

So bleibt da nicht nur Hanna Binder, angetan wie ein 1950er-Jahre-Sekretariatsfräulein (Kostüm, Bühne & Maske: Elisabeth Weiß), sondern auch Patrick Berg als erschreckter Sprecher, der um die Zeit zu überbrücken um sein Leben redet. Beide sind großartige Komödianten. Peinlich und berührend. Florian Tröbinger führt als Bote ein Endlostelefonat mit einem Gottöberst, in dem er auch Liebesgekicher unterbringt, Lukas David Schmidt mit halbem Cyborg-Gesicht hat als Elektriker nach einem Stromausfall nach dem Rechten zu sehen.

Lear kürt den Elektriker zu seiner Lieblingstochter: Lukas David Schmidt und Gerhard Balluch, hinten: Patrick Berg. Bild; © Nikola Milatovic

Im Publikum die Schauspieler erkannt: Patrick Berg, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse. Bild: © Nikola Milatovic

Sie alle treiben grandioses, gnadenloses Over-Acting, doch finden punkto Outrage ihren König, Grandseigneur Gerhard Balluch, der als Lear in der Szene „Still Storm“ hängengeblieben zu sein scheint. Mit nacktem Oberkörper pflegt Balluch fortan den hohen Ton, seine Aufmachung samt Blütenkranz wie eine Brandauer-Stein-Parodie, den der Sprecher versucht ins Mikrophon zu bannen, doch tatsächlich ist hier jeder auf der Suche nach seiner Rolle, nach einer Bestimmung, die seine Existenz zu legitimieren vermag. Und da nun alle mit der Sinnfreiheit von Leerstellen und Wiederholungen kokettieren, hält Balluch die Mitspieler für Narr und Cordelia.

Kürt irgendwann den schnoddrigen Elektriker zur Lieblingstochter, erkennt im Boten den Feind, verlangt vom Richter-Sprecher Gerechtigkeit – ein Chaos, das die Souffleuse mittels Von-der-Bühne-Zerren lösen will. So wabert die Darbietung zwischen Dada und Gaga, entpuppen sich Sprecher und Souffleuse als Sandkastenliebespaar, werden allerlei gewitzte Bemerkungen bezüglich Stromkreis-Lebenskreis, lockere Schrauben und die Macht des Zuschauens vom Stapel gelassen. „Wir sind da, so wie wir sind“, stellt Hanna Binder fest, verärgert darüber, dass die anderen immer andere sind.

Völlig verausgabt sie sich in einer Publikumsbeschimpfung, philosophiert übers Sterben auf der Bühne „für einen schönen Abend“, lädt aber denn doch die ersten Reihen gönnerhaft und gruselig zum Händeschütteln ein, während Bergs Sprecher, um ein Entkommen eben derselben zu verhindern, fragt: „Soll ich den Saal zusperren?“ Und immer wieder Gerhard Balluch, im umstrittenen Grazer Konwitschny-Lear dereinst der Graf von Kent, polternd hinter der Bühne, das Schwert zückend auf dieser, er gleicht dem Geist eines gestrigen Theaters, das nicht weichen wird, so lange das neue – mit dem Shuttlebus – im Stau steckt und Verspätung hat, der komplette Theaterapparat in Warteposition und dabei die Zuschauer beschwichtigend und irgendwie beschäftigend. Am Ende, man ahnte es bereits, hat der Bote die fehlenden Mimen doch noch gefunden, sie sind – wir. Damit ist die Lizenz freigegeben, das Tollhaus, das Theater ist, zu übernehmen.

www.schauspielhaus.at

  1. 6. 2019

Schauspielhaus Graz: Barbara Petritsch spielt Prospero

Januar 29, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Der Sturm“-Inszenierung von Stephan Rottkamp

Barbara Petritsch mit Chor Bild: © Lupi Spuma

Barbara Petritsch mit Chor
Bild: © Lupi Spuma

Am Schauspielhaus Graz hat am 6. Februar Shakespeares „Der Sturm“ Premiere. Das späte poetische Werk des großen britischen Barden kommt in einer Inszenierung von Stephan Rottkamp auf die Bühne. Die Rolle des Prospero übernimmt Burg-Schauspielerin Barbara Petritsch, die das erste Mal in einer Inszenierung des Schauspielhauses zu sehen sein wird. Mit ihr spielen Gerhard Balluch, Pascal Goffin, Benedikt Greiner, Julia Gräfner, Fredrik Jan Hofmann, Nico Link, Sarah Sophia Meyer, Raphael Muff, Tamara Semzov, Franz Solar und ein Damenchor.

Zum Regisseur:

Stephan Rottkamp, geboren 1971 in Köln, Studium der Theaterwissenschaften an der LMU München, Regieassistenzen am Bayerischen Staatsschauspiel und Burgtheater Wien. Seit 2000 inszenierte er u. a. am Schauspiel Hannover, Thalia Theater Hamburg, Residenztheater München, an den Münchner Kammerspielen, am Staatstheater Stuttgart, Staatstheater Braunschweig, Theater Freiburg, Düsseldorfer Schauspielhaus, Konzert Theater Bern, Burgtheater Wien. Von 2006 bis 2010 war er Oberspielleiter am Düsseldorfer Schauspielhaus.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 29. 1. 2016

Johannes Silberschneider im Gespräch

Dezember 16, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Bernhards „Holzfällen“ am Schauspielhaus Graz

Bild: Lupi Spuma

Bild: Lupi Spuma

Das Schauspielhaus Graz startet mit der Premiere von „Holzfällen“ am 10. Jänner ins neue Jahr. Krystian Lupa, Vorstand der Thomas-Bernhard-Privatstiftung, inszeniert seine Bühnenfassung von Bernhards Roman. Johannes Silberschneider wird als „Erzähler“ zu sehen sein. Mit ihm spielen Gerhard Balluch, Sebastian Klein, Florian Köhler, Barbara de Koy, Steffi Krautz, Laurenz Laufenberg, Verena Lercher, Stefan Suske und Franz Xaver Zach. Zum Stück: Das Ehepaar Auersberger lädt zu einem ihrer berühmten künstlerischen Abendessen, dem als Höhepunkt diesmal ein Burgschauspieler beiwohnen soll. Während man auf ihn wartet, spricht man dem Champagner zu und unterhält sich über die Beerdigung einer Dame aus ihrer Runde, auf der man an diesem Tag war. Doch zu bewegen scheint der Verlust nur noch einen der Gäste, der – in einem Ohrensessel versinkend – seinen Gedanken der Verachtung freien Lauf lässt …
Johannes Silberschneider im Gespräch:

MM: Herr Silberschneider, Sie spielen in der Bühnenfassung von „Holzfällen“ den Ich-Erzähler des Romans. Der wird oft als Alter Ego Thomas Bernhards angesehen. Wie sehen Sie die Figur? Und: Wie kann man aus dem „ungezogenen Beobachter im Ohrensessel“ einen Akteur machen? Oder muss man das nicht?

Johannes Silberschneider: Wir versuchen, dass man’s nicht muss, das ist der Weg der Inszenierung: den Bernhard-Teppich aufzutrennen und neu zu knüpfen, die Restauration eines Bernhard-Denkmals von innen. Ich habe selten so interessante, sensible Proben erlebt. Es gibt auch noch keine Bühnenfassung. Das Ganze ist work in progress. Der Dr. Fabian (Thomas Bernhards Halbbruder, Anm.) hat schon gewusst, was er tat, als er Krystian Lupa erlaubte, den Roman zu dramatisieren! Ich selber habe einen besonderen Bezug dazu: „Holzfällen“ war vor 30 Jahren mein erster Bernhard, den haben sie mir beim Moser in Graz unter der Budel verkauft. Ob der Ich-Erzähler Bernhards Alter Ego ist, das ist so eine Sache. Bernhard hat seine Seelenzustände, seine Verfassungen auf alle Charaktere übertragen, natürlich sitzt daher im Erzähler auch eine Hülle von ihm. Bernhard war sich selbst sein Doktor Freud. Er tobt sich in seinen Bühnen- und Prosafiguren mit seinen Schimpftiraden, seiner Verzweiflung, seinem Zorn aus. Doch ich denke, das von ihm beschriebene Kulturpanoptikum, diese Figuren, diese Generation gibt es heute so nicht mehr. Damit ist der Text eine Rückschau aus dem 21. Jahrhundert. Lupa macht mit uns daraus eine Art dramatische Familienaufstellung, er sucht nach Hinweisschildern im Text – und das wichtigste, das wir bisher gefunden haben, ist die verstorbene Joanna, von deren Begräbnis der Ich-Erzähler am Anfang kommt. ER schaut zurück, ER hat überlebt – wie Bernhard Krankheit und Tod überwunden hat.

MM: „Holzfällen“, dieser Rundumschlag auf Kunst und Gesellschaft, Theater und seine Protagonisten,  war bei Erscheinen 1984 „eine Erregung“. Der Komponist Lampersberg inszenierte einen Skandal, weil er sich betroffen fühlte. Haben Sie das miterlebt?

Silberschneider: Ja, der Skandal hat doch zum verbotenen Lesen gehört. Bernhard ohne Skandal war gar nicht denkbar. Ich habe den Lampersberg selber noch seine eigenen Sachen lesen gehört. Rührend verstört. Den Skandal hat er künstlich gemacht, weil sich ein elitärer Künstlerkreis, den er um sich scharte, angegriffen fühlte. Bernhard wusste natürlich, wovon er schrieb, er ging da ja ein und aus. So hat er für „Holzfällen“ die Tirade erfunden, wie ich zu sagen pflege, den „langen Atem“, wobei der Wunsch danach, der Wille dazu bestimmt auch mit seiner Lungenkrankheit zu tun hat. Der Text ist wie ein Klavierhocker, den man immer weiter hinaufschraubt. Man muss tatsächlich aufpassen, dass man nicht ins Kabarettistische kippt. Dieser Versuchung ist letzlich sogar Claus Peymann bei Bernhard ein wenig erlegen, wir sind daher sehr auf der Hut. (Er lacht.) Wir schrauben den Klavierhocker sozusagen wieder runter. Wir haben diese Schimpforgien untersucht – sie haben per se keine Wirkung mehr. Vor 30 Jahren war das vielleicht noch was, heute nicht mehr. Doch Bernhards Wortteppich beinhaltet trotzdem Wahrheit und die gilt es zu entschlüsseln.

MM: Wie weit ist diese Spurensuche gediehen?

Silberschneider: Uns hat sich schon sehr viel erschlossen. Lupa beleuchtet den Text anders als man erwarten könnte. Unsere Hauptfigur ist die tote Joanna, das zentrale auslösende Ereignis ist das Begräbnis. Lupa zeigt das in Rückblenden. Das ist ein reizvoller Weg, der einzig mögliche Weg. Dies ist der Glücksfall einer Arbeit, bei der man noch was lernt, bei der man sich entwickelt. Eine Mischung aus praktischer Vorlesung, Therapie und Gehirnwäsche, Hypnose und Meditation.

MM: Eine spannende Figur ist da der Burgtheaterschauspieler, auf dessen Erscheinen die ganze Abendgesellschaft ungeduldig wartet. Er spricht die titelgebenden Worte „Wald. Hochwald. Holzfällen.“ Ist Ihnen als Schauspieler der literarische Kollege sympathisch?

Silberschneider: Er ist jedenfalls die größte österreichische Theaterfigur, die je geschrieben worden ist. Des Burgtheaters Glück und Ende, um Grillparzer, den Ja-Sager und Beamtendichter zu zitieren. Und wie dessen Werke ist der Burgschauspieler schwierig zu spielen, weil manchmal absichtlich in den sprachlichen Bildern verunglückt. Ein Pathetiker mit wenig Hintergrund.

MM: Ihre Frau Barbara de Koy spielt Jeannie Billroth, eine wie alle anderen unliebenswürdig beschriebene Schriftstellerin, eine ehemalige Geliebte des Ich-Erzählers.

Silberschneider: Das freut mich sehr, weil wir selten gemeinsam spielen, alle zehn Jahre einmal. Unsere Figuren treffen einander beim Abendmahl bei den Auersbergern, dem Zentralstück des Stücks, und der Rückführung zu Lampersberg. Eine seltsame Runde sitzt da: Autoren, Musiker, Schauspieler, Mäzene. Ich kann dazu nur sagen: Mit Menschen, die man nicht mag, soll man nicht essen. Der Ich-Erzähler wird hier zum Opfer seiner eigenen Lüge gegenüber den Auersbergern, er konnte die Einladung also nicht ausschlagen, und wird nun die Geister, die er rief, nicht mehr los. Da zeigt sich Bernhards Zerrissenheit, denn zum Schluss rennt der Erzähler aus dem Haus ins Herz der Stadt. Er legt eine große Beichte ab und will Buße tun, indem er schreibt.

MM: Wenn man Ihnen zuhört, könnte man – wie schon bei Ihrem Grazer Gödel – eine enge Verbundenheit mit der Rolle vermuten.

Silberschneider: Ich weiß nicht. Ich fühle mich meiner Herkunft verpflichtet, will ein literarischer Diener meiner Heimat sein. Vielleicht ist das so, weil ich ebenfalls aus diesem österreichischen Seelenverstrickungskosmos komme. Bernhard wurde deshalb so gehasst, weil er Wahrheiten ausgesprochen hat. Seine Texte sind eigentherapeutisch und nationaltherapeutisch. Mit dieser Art Oh-du-lieber-Augustin-Schicksal kann ich viel anfangen, wie da einer singend in der Pestgrube überlebte.

MM: Bernhard hat dem Roman ein Voltaire-Zitat vorangestellt: Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von Ihnen glücklich. Auch das scheint zu Ihnen zu passen.

Silberschneider: Ja, das könnte stimmen. Ich will‘s nicht leugnen. (Er lacht noch einmal.)

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 16. 12. 2013