Der Hauptmann

Juni 7, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine mörderische Köpenickiade

„Hauptmann“ Willi Herold (Max Hubacher) mit seinen Untergebenen Freytag (Milan Peschel) und Kipinski (Frederick Lau). Bild: © Julia M. Müller

Zweiter Weltkrieg, 1945, Deutschland. Trompetenkakophonie zur Menschenjagd. Die eigenen Leute verfolgen einen desertierten Soldaten. Dem gelingen Verstecken und Flucht, bevor er in einem stehengelassenen Dienstfahrzeug eine Hauptmannsuniform findet. In wenigen Minuten mutiert der ausgehungerte, entkräftete Willi Herold vom Gehetzten zum Aufhetzer.

Nichts erstaunt ihn selber mehr, aber als dann noch der von seiner Truppe getrennte Freytag demütig vor ihm setzt, um sich dem neuen Kommandanten anzuschließen, ist die Tarnung perfekt. Mit strammen Befehlston lässt sich Herold nun von seinem eben rekrutierten Untergebenen chauffieren. So beginnt Regisseur Robert Schwentkes in schwarzweißen Bildern gehaltener Antikriegsfilm „Der Hauptmann“, der am Freitag in die heimischen Kinos kommt. Die mörderische Köpenickiade ist über weite Strecken eine wahre Geschichte. Der 19-jährige Rauchfangkehrerlehrling Herold wurde dank Dienstgraderschwindelung vom einfachen Gefreiten zum „Henker vom Emsland“. Schauspieler Max Hubacher stellt das glaubhaft dar, wenn er sein in Todesangst verzerrtes Gesicht zur kühlen „Herrenmenschen“-Miene gefrieren lässt. Kleider machen Mörder. Wenig später schon ist Herold ein Kriegsverbrecher.

Auf seiner Fahrt durchs kriegsgebeutelte Nirgendwo liest der Scharlatan immer mehr Soldaten auf, angeblich von ihren Einheiten versprengt, in Wahrheit aber Deserteure wie er selbst, die angesichts des Hauptmanns die Flucht nach vorne antreten. Bald ist die Leibgarde, später das Schnellgericht Herold zusammengestellt. Frederick Lau brilliert als Gegenspieler Kipinski, der Herold zu durchschauen droht, und doch lieber den Mund hält, weil ihn der Hasardeur mit den Drahtseilnerven seinen Sadismus ausleben lässt. Großartig wie Laus Kipinski sowohl latente Befehlsverweigerung als auch Bewunderung für Hubachers Herold und dessen Chuzpe ins Gesicht geschrieben steht.

SA-Mann Schütte (Bernd Hölscher) will das Kommando über das Lager. Bild: © Julia M. Müller

„Bunter Abend“: Herold (Max Hubacher), Gerda (Britta Hammelstein), Schütte (Bernd Hölscher) und Kabarettist Kuckelsberg (Samuel Finzi). Bild: © Julia M. Müller

„Die Lage ist immer das, was man daraus macht“, ist Herolds Leitspruch. Um die Mägen voll zu bekommen, lügt er einem Gastwirt etwas von Entschädigungszahlungen für die erlittenen Plünderungen durch Fahnenflüchtige vor, bald aber steht’s an, das erste Todesurteil zu sprechen und zu vollstrecken. Dies der Moment der vollkommenen Entmenschlichung. Ein Regime, das auf Angst und Terror fußt, sagt Schwendtke, macht solche Situationen, in denen niemand nachdenkt, keiner hinterfragt, und so das nicht einmal besonders raffinierte Blendwerk gelingen kann, erst möglich.

Herolds Wagemut wächst, auf Widerstand stößt er nicht. So gelangen er und seine Mannen ins Strafgefangenenlager Aschendorfermoor, wo Diebe und Deserteure auf ihre Hinrichtung warten. Und weil vom „von ganz oben / Führerbefehl“ gesandten Offizier eine Direktive bezüglich der aus allen Nähten platzenden Baracken erwartet wird, schlägt die Befehlsgewalt mit aller Macht zu. Mehr als 100 Häftlinge haben der reale Herold und seine Leute in acht Tagen brutal erschossen. In von ihnen selbst ausgehobenen Gruben und bei perversen „Bunte-Abend“-Spielen.

Ein nazideutsches Militärgericht ließ den machttrunkenen „Rächer der deutschen Ehre“ zunächst laufen, „weil das Land derzeit so durchsetzungsstarke Männer braucht“, erst die Briten richteten Herold 1946 schließlich hin. Schwendtke zeigt das Lager als hierarchisch bestimmten Behördendschungel, in dem die Rechte nicht weiß, was die Rechte tut. Bernd Hölscher als SA-Mann Schütte und Waldemar Kobus als Lagerleiter Hansen matchen sich um Kompetenzen, wichtig ist, dass man fürs Massaker eine schriftliche Bewilligung von der Justizbehörde hat, schließlich will man alles, nur keine verwaltungstechnische „Sauerei“. Samuel Finzi als duckmäuserischer Kuckelsberg und Wolfram Koch als ehrenhafter Schneider geben zwei inhaftierte Kabarettisten, die beim Schergenvergnügen wenig erfolgreich um ihr Leben spielen. Britta Hammelsteins Schütte-Verlobte Gerda will zum Spaß nämlich auch einmal schießen.

Das Schnellgericht Herold zieht durch Görlitz. Bild: © Julia M. Müller

Kameramann Florian Ballhaus hat für diese letzten Tage der Hitler-Herrschaft Endzeitstimmungsbilder gefunden. An drastisch gezeigten Gräueln wird der Zuschauer nicht geschont, am heftigsten die minutenlange Erschießungsszene der Gefangenen und die Sequenz, in der Schütte schlussendlich von einer britischen Fliegerbombe effektvoll zerfetzt wird. Ein wenig zu holzhammrig fällt das Ende der Geschichte aus:

Da ist das Schnellgericht Herold nämlich im Heute angelangt, in Görlitz, wo es Passanten drangsaliert und ihnen Wertgegenstände abnimmt. Ein „Er ist wieder da“-Einfall, der nicht notwendig gewesen wäre, um zu verdeutlichen, dass die Ewiggestrigen immer noch fröhliche Urständ feiern. „Der Hauptmann“ wäre auch ohne diesen expliziten Querverweis als Film stark genug.

www.derhauptmann-film.de

  1. 6. 2018

Schauspielhaus Graz: Viktor Bodó inszeniert Le Bal

März 10, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich und meine Sabberer – P’tit Albert“

hat auf der Probebühne Premiere

Bild: Lupi Spuma

Bild: Lupi Spuma

Nach seinen Erfolgsproduktionen „Amerika“, „Der Sommernachtstraum“ oder „Der Meister und Margarita“ inszeniert Theatermagier Viktor Bodó  mit seiner Szputnyik Shipping Company nun „Das Ballhaus (Le Bal)“ am Schauspielhaus Graz. Und weil der Ungar nie ein Mann fürs Simple ist, macht er daraus ein Schauspiel ohne Worte. Premiere ist am 15. März.

Mit seiner neuen Arbeit wagt der Regisseur mit einem siebzehnköpfigen österreich-ungarischen Ensemble wieder einen ungewöhnlichen Abend: Bodó erzählt in einer eigenen Fassung den Film Le Bal über einen Tanzsaal im historischen Wandel bis in unsere Zeit weiter. Mit Fokus auf aberwitzige Choreografien und aufwendiger, eigens für den Abend komponierter Orchestermusik im Stile der jeweiligen Epoche. Einen gesprochenen Text gibt es nicht. Das Jahr 2014: Eine längst in Vergessenheit geratene Immobilie wird erstmals wieder betreten. Verfallen und verstaubt liegt der alte Tanzsaal da, der weit über ein Jahrhundert lang vielen Menschen allabendlicher Ort der Zuflucht, des Vergnügens, des Begehrens und der Auseinandersetzung war. Fundstücke erinnern an Geschichte und Geschichten. Mehr und mehr kehrt das Leben zurück … In Bodós Bühnenfassung wird das Geschehen durch die bekannten Tänze der Epochen und die kleinen Dramen des Alltags bestimmt. In mitreißenden Etappen und aberwitzigen Szenen werden die großen Fragen des Lebens verhandelt: Wird er heute Abend kommen?, Sitzt der Schlips richtig?, Wann sagt er endlich JA?, Brauch̕ ich noch einen Schnaps? Und während drinnen die Menschen um ihr Leben tanzen, zieht draußen die Weltgeschichte nicht ganz spurlos an ihnen vorüber. Ein Abend ohne Worte, aber voller Komik, Fantasie, Irrwitz und Poesie.

Am 14. März hat auf der Probebühne „Ich und meine Sabberer – P’tit Albert“ von Jean-Marie Frin nach einer Novelle von Jack London Premiere. Wahrscheinlich eine der spannendsten Produktionen des Schauspielhaus Graz in dieser Saison. Seit seinem dritten Lebensjahr lebt Tom in einer psychiatrischen Anstalt. Hier dient er als Hilfspfleger und serviert das Essen. Er sieht alles, hört alles, weiß alles. Umgeben von lauter „Sabberern“ ist er der „Deb-Ersten-Ranges“, gesegnet mit der „Gabel der Sprache“. Mit dem ihm eigenen klaren Blick erzählt er vom alltäglichen Wahnsinn im Leben eines „Expertpflegers“, diagnostiziert seine Ärzte und Pfleger, die vielleicht auch nicht alle Tassen im Schrank haben. Er berichtet liebevoll bis ins Detail, wie er als „Vernährungsexperte“ seinem Lieblingssabberer Klein-Albert den Brei „löffel-füttert“, ohne dass dieser sofort „entstickt“. Das Heim ist sein Zuhause: „Das Leben von draußen lieb ich nicht zu sehr …“ „Ich und meine Sabberer – P’tit Albert“ basiert auf der Erzählung „Told in the Drooling Ward“ von Jack London. Der Monolog ist ein pointenreiches Feuerwerk voller Wortverdrehungen und Wortspiele, an der Grenze zwischen Alltag und Wahnsinn. Ein herzerwärmendes Stück über das Anderssein, das Trotzdem-Dazugehören und die Suche nach Anerkennung, Identität und einem eigenen Platz in der Welt. Regie führt Lina Hölscher, es spielt Franz Solar.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 10. 3. 2014

„Ich rufe meine Brüder“ nach St. Pölten

April 21, 2013 in Bühne

Der Schrecken als schwarzweiße Graphic Novel

 Jerry Hoffmann Bild: Alexi Pelekanos

Jerry Hoffmann
Bild: Alexi Pelekanos

Eine der innovativsten Inszenierungen der Saison ist derzeit in St. Pölten zu sehen. Das Landestheater Niederösterreich zeigt in seiner Theaterwerkstatt – in Kooperation mit Shermin Langhoffs Berliner Ballhaus Naunynstraße (die künstlerische Leitung hat sie bereits vollständig an Wagner Carvalho und Tunçay Kulaoğlu übertragen) und dem Maxim Gorki Theater, dessen designierte künstlerische Leiterin sie ist – das Stück „Ich rufe meine Brüder“. Jonas Hassen Khemiri, vielfach ausgezeichneter Autor und Dramatiker, in Stockholm geborener Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers, schrieb es, nachdem 2010 in einer beliebten Einkaufsstraße zwei Sprengsätze detonierten. Der Selbstmordattentäter: ein 28-jähriger im Irak geborener schwedischer Staatsbürger. In einem Abschiedsbrief entschuldigte er sich bei seinen Eltern für sein Doppelleben.

Die Anschläge beim Boston-Marathon geben Khemiris Arbeit traurige Aktualität. US-Präsident Obama war in einem ersten Statement ratlos wie viele: „Warum haben junge Männer, die hier aufgewachsen sind und studiert haben, zu so starker Gewalt gegriffen?“ Khemiri hilft auf diese und ähnliche Fragen nicht mit Antworten. Er stellt neue. Wie der Regisseur der Produktion, Michael Ronen. Er ist in Jerusalem geboren, seine Familie 1945 aus Wien emigriert. Hauptdarsteller Jerry Hoffmann ist Hamburger mit Wurzeln in Ghana. Er spielt Amor. Student. Partytiger. Trip Hopper. Ist Erzähler, Protagonist, Attentäter (?). Darüber diskutiert das Publikum, als es nach der Vorstellung ins Foyer flutet, heftig. Dazu gibt es keine Erklärung. Das muss jeder mit sich selber ausmachen. Klar ist nur, dass Amor bei hell erleuchtetem Zuschauerraum immer wieder aus der Szene steigt. „Wir sind alle unschuldig“, müssen die Menschen dann beispielsweise  mit ihm gemeinsam skandieren. Stimmt nicht. Von Breivik bis Bin Laden. Von faschistischen Parteien bis zu „Alltags“rassisten allerorts.

In Stockholm hat es also einen Anschlag gegeben. Und Amor bricht sein Leben weg. Sein bester Freund Shavi (Jan Walter vom Landestheater) hat Frau und Kind, das Mädchen, in das er sich verguckt, fühlt sich gestalkt und verlässt das Viertel, die Verwandtschaft in Tunesien will einen kaputten Bohrkopf gegen einen neuen eintauschen, der Verkäufer am Reklamationsschalter schasselt Amor ab. Kein Umtausch. Nirgendwo. Hoffmann spielt das einmal lapidar, einmal lustig, listig, nie launisch. Er ist einfach ein charmanter, fescher Bursch. Nicht durchschaubar. Nicht einsehbar. Hat er bei vollem Licht betrachtet Zukunfts- oder nur Visionen? Hat er Alb- oder Tagträume? Zwei der stärksten Szenen: Amor hört nächtens auf einer Brücke Polizisten mit einem „Ausländer“ diskutieren. Schon sieht er sich die Beamten mit einem Messer niederstehen; und erfährt beim Näherkommen, dass sich der Mann nur verfahren hat und ihm die Amtspersonen den richtigen Weg beschreiben. Amor – oder, glaubt er, ist das eigentlich ein anderer? – wirft die Stichwaffe ins Wasser und rennt. Er telefoniert mit seiner schwedischen Oma. Bald stellt sich heraus, dass sie längst tot ist. Ein weißer Luftballon. Und rundherum wächst die Generalverdächtigung gegen die mit der dunklen Haut und den schwarzen Haaren, fühlt (?) Amor sich bespitzelt, nimmt auf allen Seiten die Angst zu. Und mit ihr die Aggression. Alle paralysiert.

Als optische Auflösung für seine Inszenierung haben sich Michael Ronen und sein Team eine Supersache einfallen lassen. Auf den drei Wänden der Bühne wird die Story als schwarzweiße Graphic Novel erzählt. Im Stil von Mangas oder Frank Millers „Sin City“. Großartig! Wie die Figuren sich mitunter per Sprechblasen verständigen, wie sogar auf Details wie Augenbewegungen geachtet wird. Großartig und ein bisschen spooky. Blut und Brand bleiben rot. Olivier Durand ist für diese Illustrationen und Animation zuständig; Video: Benjamin Krieg, Hanna Slak, Guillaume Cailleau. Marion Reiser (ebenfalls Ensemblemitglied des Hauses) und Nora Abdel-Maksoud beweisen die Vielfältigkeit ihrer Darstellungskunst in diversen Frauenrollen. Ein Abend, den man nicht versäumen sollte. Ein Abend, der nichts deutet, der kein Dolmetscher sein will, aber dennoch manches verständlicher macht.

Die Produktion wird noch bis 27. April am Landestheater Niederösterreich gezeigt und dann im November in Berlin ins Ballhaus Naunynstraße in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater übernommen.

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/theater-ballhaus-naunynstrase-interview-mit-michael-ronen-und-jerry-hoffmann

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 4. 2013