The Florida Project

März 17, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Jenseits von Disney World

Bild: © Thimfilm

Die Touristen, die aus Brasilien angereist sind, um Micky Maus und Co. zu sehen, hat es irrtümlich in die falsche Herberge verschlagen. Kissimmee statt Disney World – eine Zumutung. Man reagiert entsetzt. „Das ist ein Motel für Arme“, stammelt der ob seiner Fehlbuchung gescholtene Ehemann. Richtig. Gleich hinter Walts Märchenschloss beginnt in Florida nämlich der Albtraum der Sozialhilfeempfänger.

Jener von der Gesellschaft Ausgesiebter, die Woche für Woche mühsam die Miete für ihre bonbonfarbene Bleibe zusammenkratzen. Alleinerzieherinnen, Familienväter ohne Arbeit, Großmütter, denen minderjährige Töchter die Kinder zur Erziehung hinterlassen haben, die sich selbst „Normalität“ vortäuschen und in Wahrheit versuchen, nicht in die Obdachlosigkeit abzugleiten. Leicht wäre es, diese Menschen White Trash zu nennen, doch der Blick, den Regisseur Sean Baker in seinem Film „The Florida Project“ – seit Freitag in den heimischen Kinos – auf sie wirft, ist viel zu liebevoll, um diese Formulierung zuzulassen. Baker erzählt seine Story aus der Sicht von Kindern, mit ihnen bleibt er den ganzen Film über auf Augenhöhe, zeigt, wie sie ihre ärmliche Welt zum Abenteuerspielplatz machen. Fröhlich und frech. So sympathisch ist das, dass man diese Arbeit nur wärmstens empfehlen kann. Sie macht einem das Herz weit. Die beiden Oscar-Nominierungen gab es völlig zu Recht.

„The Florida Project“ war der ursprüngliche Name, der Arbeitstitel fürs Walt Disney World Resort. Im Film nun sind Sommerferien, und die achtjährige Moonie macht mit ihren Freunden Scooty und Jancey die Motelanlage unsicher. Souverän bewegt sie sich auf den Gängen und über die Grünflächen des „Magic Castle“, vor dem die Kirche Essensrationen austeilt, und durch die Tristesse zwischen Imbissbuden und Giftshops. Über die Bewohner weiß sie alles: da wohnt der Bier trinkende Kriegsveteran, da der Mann, der oft verhaftet wird, da die Frau, die glaubt, dass sie mit Jesus verheiratet ist … Zu dritt übt sich die unbändige Rasselbande im Weitspucken auf Autos, sammelt „Spenden“ für ein Eis oder legt aus Jux die Stromversorgung lahm.

Bild: © Thimfilm

Bild: © Thimfilm

Eine der eindrücklichsten Szenen diesbezüglich ist ein Ausflug in eine verlassene Wohnhausanlage, die deutlich macht, wie sehr die geplatzte Immobilienblase aus dem Jahr 2007, die Banken wie die Lehman Brothers in den Bankrott riss, die USA noch immer in den Fängen hält. Die soziale Realität spiegelt sich auch im Leben der Erwachsenen wider. Moonies Mutter Haley, selber noch ein halbes Kind, driftet in ihren Bemühungen, Geld zu beschaffen, immer mehr in die Illegalität ab.

Da sind es fast Peanuts, dass sie anfangs vor den besseren Hotels schwarz Parfüm zu verkaufen versucht, und mit ihrer Tochter unerlaubter Weise deren Frühstücksbuffets plündert. Schutz in dieser prekären Situation will der Motelmanager Bobbie bieten. Willem Dafoe glänzt als diese gute Seele des Ganzen, als Mann, der mehr Sozialarbeiter als Hausmeister ist. Zu seiner Mitmenschlichkeit passen die sonnendurchtränkten Bilder von Kameramann Alexis Zabé perfekt. Bria Vinaite ist eine brillante Halley. Eine Entdeckung ist die kleine Brooklynn Kimberly Prince, die die fabelhaften Kinderdarsteller anführt.

Als Referenz für seinen Film gibt Sean Baker im Interview die Serie „Die kleinen Strolche“ an, die in den USA ab 1922 die Depression begleitete. Auch darin machen sich Kinder in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihren eigenen Reim auf die herrschenden Verhältnisse. Ein feiner Vergleich für seine Arbeit, die ab dem Titelsong „Celebration“ das Kindsein in allen Lebenslagen hoch leben lässt.

floridaproject.movie/

  1. 3. 2018

 

Gerhard Polt: Und Äktschn!

Januar 31, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Arthouse Kino aus der Garage

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

„Die haben doch im Bunker auch improvisieren müssen.“ Genau. Was also sollte Vollamateur Hans A. Pospiech aufhalten, seine „Hitler privat“-Spieldoku zu drehen? Schließlich sieht er sich als Aufdecker à la Michael Moore. Ist wie das Vorbild kompromisslos der Wahrscheinlichkeit der Wahrheit verpflichtet. Und weiß: „Der Mensch stirbt, aber der Film bleibt.“ Ab 6. Februar haucht Gerhard Polt diesem letzten Kinosaurier, der sich über Wasser hält, indem er Zweite-Weltkriegs-Memorabilien aus dem Nachlass seines Vaters verscherbelt (pro Stalinorgel-Pumperer 50 Euro), in „Und Äktschn!“ Leben ein. Der jüngste Streich des bayerischen Vollkabarettisten kommt so amüsant-„amateurhaft“ daher – ein echter Pospiech eben -, so entschleunigt, so grenzenlos in seiner „Beschränktheit“, dass es die reine Freude ist. Ein Kultfilm über einen Film, der Kult werden muss. Arthouse Kino aus der Garage. Denn dort schnippelt Pospiech an seinem Meisterwerk.

Noch ein Hitler-Film also. Satire übers Dritte Reich sells. „Ich finde, man sollte Hitler nicht nur kaputt reden, sondern auch -spielen und -recherchieren“, sagt der britischösterreichische Regisseur Frederick Baker im Interview. „Der Mann las Karl May als Inspiration, wenn es um militärische Führung ging! Er schickte Winnetou-Ausgaben an seine Generäle an der Front. Hitler war ein richtiger Provinzler und ist es bis zuletzt geblieben. Die Wahrheit ist, je näher man an ihn ran kommt, desto provinzieller, absurder und witziger wird er. Humor ist eine wahre Wunderwaffe. Das wusste Hitler auch, denn auf Hitler-Witze stand die Todesstrafe. Auch im Namen aller, die für ihre Hitler-Witze starben, ist es wichtig, dass wir diese ‚wehrkraftzersetzende‘ Tradition fortsetzen.“ – „Frederick Baker, meinem Co-Autor und Freund wurde klar, dass zum Beispiel in dem Film ‚Der Untergang‘ auch unterging, wie so ein Mensch entstehen konnte. Das Alpha fehlte, nicht das Omega“, ergänzt Gerhard Polt mit tiefstem Ernst dazu. Nach der Lektüre der Bücher von Historiker Werner Maser habe er erkannt, dass er sein Hitler-Bild über Bord werfen könne: „Gänzlich neu war mir die Information, dass es sich bei Herrn Hitler anscheinend um einen durchaus sympathisch daherkommenden Mann gehandelt haben muss, der eindrucksvoll parlierend vor allem die Damenwelt der Münchner Gesellschaft entzückt hat und so in die ‚High Society‘ der Stadt gelangen konnte. Für mich ergab sich daraus der Verdacht, dass die sympathischen Zeitgenossen die oft gefährlicheren sind, weil sich ihnen die Wege leichter ebnen als ihren Kollegen, den Unsympathen.“

Den Gröfaz (größter Führer aller Zeiten, Frederick Baker liebt diese Abkürzung) spielt Volksopernchef Robert Meyer. Ein Schallplattenladenbesitzer, ein Laie, denn der Adolf Hitler war auch kein Profi. Große Kunst, wie Meyer mit „ungekünstelter Echtheit“ versucht, dem Original so wenig wie möglich nahe zu kommen. Man will dem Oarschloch schließlich kein Denkmal setzen. Pospiech-Polt lässt seinen Hauptakteur alle Qualen eines Darstellers wider Willen durchleiden. Und siehe da: Je unhitlerischer der zu werden versucht, desto ähnlicher wird er ihm. Wunderbar eine Konditoreiszene mit Gisela Schneeberger, in der Meyer eine Prrrinzrrregententorrrte bestellt. Darauf sie: „Aber Adi! Der Datschi is ganz frisch!“ So einen Hitler braucht der deutsche Film. Schneeberger, Polts wie immer kongeniale Filmpartnerin, mutiert als Wirtin Frau Grete zum Fräulein Eva Braun. Frau Grete ist nicht nur hinter der Schank eine, die weiß wo’s langgeht, sondern auch vor der Kamera. Mit strenger Hand und schriller Stimme dirigiert sie die anderen durch die Untiefen der Drehtage. Ein Kabinettstück der bayerischen Kabarettistin. Lobt auch Gerhard Polt: „Fred Baker und ich wollten visualisieren, mit welcher Hingabe Dilletanten das angeblich Seriöse zur Aufführung bringen. Wenn Gisela Schneeberger die Eva Braum spielt, kommt sie in ihrer Harmlosigkeit der geschichtlichen Person wahrscheinlich viel näher als andere noch so ehrenwerte Bemühungen.“

Harmlos ist an Polts Film eigentlich nichts. Nur versteckt hinter bayerisch-österreichischer G’mütlichkeit. Des bissl Alltagsfaschismus/ – rassismus. Die Erklärung, dass der indische Ober kein Neger ist, aber doch auch dunkel. Und trotzdem zum Goebbels geeignet, weil erstens: Bollywood und zweitens: Von denen stammt’s Hakenkreuz. Ja, das ist alles eh so bös‘ gemeint, wie’s klingt. Polt macht das Publikum durch In-die-Kamera-Sprechen zum Komplizen seiner Farce. Er befindet sich im Delirium der Dilettanz. Seine hingestotterten Halbsätze sind von einer Brillanz, die man ein Zeitl behirnen muss, um zu ihrem Kern vorzudringen.

Sein Ensemble ist auf Augenhöhe: Maximilian Brückner als fauler Neffe und Kameramann. Nikolaus Paryla als vor Ekel geschüttelter Cineast. Der Filmklubchef ist ein Naderer, „der Würstlverkäufer, der windige“. „Der filmt gegen die ganze Welt an“, fürchtet er sich vor Pospiech. Michael Ostrowski als schleimig-smarter Sparkassen-Filialleiter. Viktor Giacobbo als immer noch gestriger „historischer Berater“. Robert Palfrader als textloser „Bormann“ und Thomas Stipsits als osteuropäischer Handwerker. Beide haben zwar nur Kurzauftritte, aber vom Feinsten. „Dürft ich etwas sagen?“, fragt Palfrader-Bormann. Nein. Dafür Erni Mangold, die mit ihrem Foxl zum Blondie-Casting kommt. Weil, der ist eine starke Persönlichkeit, der spielt jeden Schäferhund. Als Pospiech doch auf Reinrassigkeit besteht, schimpft sie ihn Neonazi. „Obwohl, für an Neonazi san’S z’alt.“ Das alles ereignet sich zum verpopt-verfremdeten Wagner’schen Nibelungen Tod, Lichtstimmung: Ragnarök. Und geht in allgemeiner Hitlerei unter. Das 1000-jährige Reich darf sich jedenfalls als entlarvt betrachten. Das ist Gerhard Polts meisterliches Ver-Sprechen.

www.undaektschn.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FOcZCJcUmx4

Wien, 31. 1. 2014