Staatsballett in der Volksoper: Die Schneekönigin

Dezember 4, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Corder treibt Andersens Märchen auf die Spitze

Olga Esina Bild: Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Olga Esina
Bild: Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Am 8. Dezember findet mit Michael Corders abendfüllendem Ballett „Die Schneekönigin“ die erste Saisonpremiere des Wiener Staatsballetts in der Volksoper statt. Mit seinem dreiaktigen Ballett, frei nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, stellt sich der Londoner Regisseur und Choreograph nicht zuletzt auf Grund seiner Musikauswahl – Sergej Prokofjews letzte Ballettmusik „Die steinerne Blume“ und weitere Werke, neu arrangiert von Julian Philips – ganz in die „russisch-britische“ Entwicklungslinie des Handlungsballetts und legt einen Märchentanz vor, der sich vergleichbar dem „Nussknacker“ und dabei vor allem mit seiner beherzigenswerten Botschaft gleichermaßen an Jung wie Alt wendet: Die berührende Geschichte von Gerda und Kay feiert die Liebe als Lebenskraft, die wegen ihrer Beständigkeit und verbunden mit der mitfühlenden Gabe zu verzeihen, über die selbstsüchtige Schneekönigin triumphiert.

„Ich denke meine Produktion ist sehr opulent. Sie führt uns von Kays Dorf über die Zigeuner- bis in eine magische Welt,“ sagt Corder, der Spezialist für Ballette im klassischen Stil, im Interview. „Es wird mit Sicherheit keine Zweifel daran geben, dass die Zuschauer ein Tanzspektakel erleben werden.“ Eineinhalb Jahre hat Corder an der Umsetzung seiner ihn schon ein halbes Leben lang begleitenden Idee gearbeitet. Nun freut er sich zum ersten Mal in Wien zu sein: „Weil Wien eine der wichtigsten Kulturhauptstädte der Welt ist, und weil das Publikum hier virtuosen Tanz zu schätzen weiß.“ Die Schneekönigin ist für ihn „eine aufregende und erotische Frau, aber auch der Tod – wie es der Winter eben ist: in Momenten schön, in anderen aber gefährlich. Simpler gesagt, wer Eislaufen gehen will, muss sich warm anziehen,“ lacht Corder.

Die detailreiche Ausstattung des Ballettabends, darunter der bezaubernde Eispalast, stammt von Mark Bailey. Es dirigiert Martin Yates; es tanzen Olga Esina/Schneekönigin, Davide Dato/Kay, Alice Firenze/Gerda, Ketevan Papava/Zigeunerin und Mihail Sosnovschi/Zigeuner.

www.wiener-staatsballett.at

www.volksoper.at

Wien, 4. 12. 2015

Wiener Festwochen: Macbeth

Mai 26, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schottischen Clanchefs als kongolesische Warlords

Die drei Hexen Bild:  Nicky Newman

Die drei Hexen
Bild: Nicky Newman

Es wird am Ende der diesjährigen Wiener Festwochen eine der besten Produktionen gewesen sein, die zu sehen waren: Brett Bailey und sein Third World Bunfight aus Kapstadt, die Wien schon mit Aufführungen wie „Big Dada“, „Orfeus“ oder der Performanceinstallation „Exhibit A“ beglückten, kommen diesmal klassisch. Verdi. Macbeth. Der belgische Komponist Fabrizio Cassol hat das Werk auf zwölf Musiker vom No Borders Orchestra eingerichtet; stimmlich tadellos sind Owen Metsileng als Macbeth, dessen sotto voce, seine gedämpfte Stimme, beeindruckend dunkel tönt, Nobulumko Mngxekeza als seine Lady mit starkem Sopran und Otto Maidi als Banquo; den Rest der Rollen bestreitet ein ebenfalls tadelloser Chor. Man singt italienisch.

Nun aber Bailey. Er verlegt die Handlung vom schottischen Hochmoor in die Demokratische Republik Kongo. Und bald wundert man sich: War sie dort nicht schon immer angelegt? Warlords bestimmen das Geschehen. Eine Million Hutu flüchtet aus Ruanda über die Grenze. Da erscheinen dem Macbeth die drei Hexen, heißt: weißgesichtige „Businessmen“, vermummt wie der Ku-Klux-Klan, mit ihren (Un-)heilsversprechen. „Invest in Africa“ wird später auf der großen Vidiwall stehen. Denn die bösen Geister wollen Coltan, Gold und Kupfer. Eines der ärmsten Länder der Welt ist reich an Bodenschätzen. Macbeths Preis der Macht sind die Handys, Laptops und Spielkonsolen der Ersten Welt. Kinder – „Negerpuppen“, leblos, tot, die von den Hexen achtlos weggeworfen werden, schlachten die „alten (zwei, drei, um Gottes willen: gar vier?) Jahre alten Geräte aus. (Der Laptop auf dem diese Zeilen entstehen ist übrigens zehn Jahre alt und die Wartungsfirma hat seinen Sarg schon bestellt. Doch noch ist Leben in dem alten Mann!)

Bald nicht mehr so in König Duncan. Ein Blauhelm filmt das Begräbnis, auf seiner Kopfbedeckung steht „Monusco“. Die friedenssichernde Einheit der UNO filmt greift nicht ins Stück ein, dafür, dass sie den Schutz der Zivilbevölkerung vor Rebellen im Kongo nicht gewährleistet, ist die UNO in den letzten Jahren wiederholt kritisiert worden. Bailey macht Politik. Wie stets. Für ihn gibt es keinen Maulkorb. Und über die Vidiwall regnen die Dollarzeichen. Und die Handaufhalter. Von Mord zu Mord – Banquo, dessen Brut laut Prophezeiung herrschen wird, Macduff – da wird gleich ein ganzes Dorf geopfert – wird die Lady mondäner, machthungriger, aber auch verwirrter. Die Übertitelübersetzungen sind jetzt bei „Fuck“ und „Echt irre!“ und „Bullshit“ angelangt. Der König ist verängstigt. Zu viel Blut fließt. Großartig, wie Bailey Nachrichtenmeldungen via Leinwand übermittelt. „Global Witness“ berichtet von abertausenden Toten, Massenfluchten, Massenvergewaltigungen. Berggorillas werden im Nationalpark Virunga Opfer von Wilderern. Die Macheten liegen bereit. Bailey projeziert Fotos von Leichen, Kindersoldaten, Verhungernden. Noch nie ging einem Verdis Schöngesang so unter die Haut.

Doch, man weiß es ja: Der Wald rückt näher. Und der nicht von einem Weib Geborene.  Und die Botschaft bleibt bestehen: Die Saat ist gesät, Nachtmahr entsteht. Mit bisher 5,4 Millionen Toten tobt in der Demokratischen Republik Kongo einer der schlimmsten Bürgerkriege unserer Zeit.

Für Brett Bailey und sein Team gab’s minutenlang Standing Ovations.

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26. 5. 2014