TAG: Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik

November 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amüsante Misere der Medienmenschen

Jens Claßen, Lisa Schrammel, Monika Klengel und Georg Schubert. Bild: Anna Stöcher

Die politische Utopie ist tot, die untote Vergangenheit lebt. Auf diesen Punkt bringt am Ende einer der Protagonisten die Situation der Nation, wenn nicht der Welt, und es wäre ein allzu deprimierendes, wäre man nicht zuvor zwei Stunden lang im TAG gesessen. Dort hat sich einmal mehr Ed. Hauswirth mit seinem Grazer Theater im Bahnhof unters Wiener Ensemble gemischt.

Diesmal mit dem Ansinnen entlang Boccaccios „Il Decamerone“ eine aberwitzige Farce über die heimische Politik- und Medienlandschaft zu entwickeln. Ja, „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ befasst sich tatsächlich mit dem Journalismus. Da fühlt man sich ein wenig auf den Nabel geschaut, schon TAG-Chef Gernot Plass‘ Aufsatz auf dem Programmzettel kann man gleichsam nur schuldbewusst abnicken – als selbsternannte Meinungsmacherin, und wenn man im vollen Zuschauerraum diejenige ist, die an diversen Stellen am lautesten lacht, dann wegen: naja, Auskennerin eben. Wie immer haben Hauswirth und Team den Text nach geführten Interviews entwickelt, und da müssen einige Kolleginnen und Kollegen niedergeschmettert von der eigenen Branche aus dem Nähkästchen geplaudert haben, so absurd, so traurig, aber wahr ist der Abend, der daraus entstanden ist.

An diesem versammeln sich acht „publizierende Persönlichkeiten“ in einer Mäzenatenvilla am Semmering, das macht man seit ewig so, zum Ausspannen vom harten Kampf um die Aktualität, diesmal allerdings scheint die Zusammenkunft mit einer biedermeierlichen Realitätsflucht zu tun zu haben. Handys werden weggesperrt, Cocktails gemixt, die Frauen gehen joggen, die Männer kochen, über der von Johanna Hierzegger sparsam gestalteten Spielfläche kann das Publikum auf zwei Monitoren verfolgen, was drinnen in den Zimmern und draußen in der Natur vor sich geht. Die Laune ist zunächst bestens, die Musik laut, dazu wird sich zum Wettnageln nackig gemacht.

Raphael Nicholas und Beatrix Brunschko. Bild: Anna Stöcher

Beatrix Brunschko und Lorenz Kabas. Bild: Anna Stöcher

Doch man hat eben über die Jahre miteinander nicht nur geflirtet, gesungen und Sex gehabt, man hat auch miteinander gearbeitet, geschrieben und einander bis weit über die Schmerz- und Schamgrenze ausgenützt. Wo Alkohol ist, ist Auseinandersetzung, und so geraten die Kumpane alsbald aneinander. Monika Klengel spielt dabei Linde, eine in ihrem Glauben an sich selbst unerschütterliche Ex-Chefredakteurin, die einst mit einem Wochenmagazin spektakulär scheiterte, und dabei etliche von ihr angeheuerte Freunde mit in AMS-Gefilde riss.

Weil man dort für die schreibende Zunft keine Jobs, sondern nur ein Kopfschütteln übrig hat, arbeiten die Fifty-Somethings nun allesamt als „Freie“. Passé ist das Angestelltendasein, perdu sind die 15 Monatsgehälter, man hält sich mit Bücher- und Reden-Schreiben, mit Podcasts und Blogs mehr schlecht als recht über Wasser, aber immer noch den Kopf oben, denn man hat sie noch – seine Integrität. Die zu beschädigen tritt Markus an. Lindes ehemaliger Praktikant ist der einzige, der es geschafft hat, er ist nun „geschäftsführender Chefredakteur“ eines Boulevardblatts.

Dieses offenbar ein veritables Krawallmachermedium, das den rechtspopulistischen Regierungskurs hochjubelt. Raphael Nicholas gestaltet die Art affektierten Teflonmann, dessen sleeke Selbstverliebtheit aus allen Poren tropft, und dass dieser Markus etwas Mephistophelisches hat, zeigt sich auch dann, wenn er am Schluss zur scheinheilig-reuigen Fußwaschung der gewesenen Verbündeten antreten muss.

Zuvor aber bietet dieser Markus dem einen, nicht unbedingt ebenso dem anderen einen Schreibtisch in seinem Medienimperium an. Und weil die Lage der Angesprochenen prekär genug ist, wird nun überlegt: „Schreibende Nutte für ein Drecksprojekt“ werden? Sich vom Geld korrumpieren lassen und eine Kolumne über Volkskultur verfassen? Prinzipien, aber in der Tasche den letzten Cent haben? Fronten brechen auf, und die Pest wütet nicht weniger als im „Decamerone“. In dieser Stimmung entfalten Hauswirth und Mitstreiter nun ihre Kritik am System und an sich selbst, kriegt doch in erster Linie das kollektive linksintellektuelle In-Ohnmacht-Fallen angesichts herrschender Verhältnisse eins aufs Dach.

Georg Schubert, Juliette Eröd, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Fassungslos stehen die Figuren vor dem Fakt, dass ihre gut eingeübten gesellschaftlichen Diskurse nichts mehr gelten und plötzlich die ideologische Gegenseite die öffentliche Hegemonie beansprucht. Politiker machen sich via Twitter ihre Nachrichten selber, Plattformen regieren über Blattformen. Und während man sich an Markus anbiedert oder sich ihm gegenüber abweisend verhält, wird gestritten, geprügelt, gejammert, entgleist.

Wird Faschismus-Fantasien und solchen über Bürgerwehr und Blasmusik, Reaktion und Ressentimentkultur freier Lauf gelassen. Das alles könnte konzentrierter sein, vor allem in der letzten halben Stunde zerfasert die Aufführung von der brisanten Pointiertheit doch in die Beliebigkeit, gerät die Zankerei zunehmend zäh.

Nichtsdestotrotz sind die Schauspieler gewohnt großartig: Beatrix Brunschko als feministischer Freigeist Barbara, Juliette Eröd als esoterisch angehauchte Dora, die noch dazu frischen Trennungsschmerz zu verwinden hat, Jens Claßen als verbrauchter, ausgeschriebener Frank, den seine junge, noch an das Gute im Journalismus glaubende Geliebte Birgit, Lisa Schrammel, unbedingt zum Vater machen will, Georg Schubert als Harry, dieser seit seinem Absturz Lohnschreiber in SPÖ-Diensten. Lorenz Kabas schließlich gibt den gutmütigen Querdenker Clemens, er als Standesvertreter einer bedrohten Art zweifellos der Sympathieträger des Abends. Weshalb ihm in einer der zahlreichen surrealen Szenen, zu einer endlosschleifigen, in Englisch gehaltenen Kanzler-Kurz-Rede, auch der beste Satz gehört, nämlich: „Ignorieren Sie diese Stimme!“

Trailer: vimeo.com/300373630

dastag.at

  1. 11. 2018

Volx/Margareten: Keine Angst. Eine Heimgartenrevue

Mai 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Schrebergarten als Sehnsuchtsort der Seele

Die Kleingartenanlage erprobt sich in „Solidarität“: Julian Loidl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nach Graz war nun endlich auch in Wien die jüngste Produktion des Theaters im Bahnhof zu sehen: „Keine Angst. Eine Heimgartenrevue“, die von Regisseur Ed. Hauswirth auf bewährte Weise mit seinem Ensemble und auf Grundlage zahlreicher Interviews entstandene Aufführung – und sie war, wie man’s vom TiB kennt und liebt, irrsinnig klug und mit viel Musik.

Einmal mehr hat Hauswirth der österreichischen Seele bis auf den Grund geblickt, ihre Schrebergartenmentalität offengelegt, ihre Kleingärtnergeistigkeit enttarnt – und das sogar charmant und liebenswert. Juliette Eröd, Monika Klengel, Lorenz Kabas und Julian Loidl skizzieren starke Figuren mit einer großen Portion Menschlichkeit, die den folgenden heftigen Ausbrüchen den Stachel nimmt. Denn die vier kämpfen  für die gerechte Sache:

Der Obmann des Vereins „Solidarität“, Überbleibselname einer vergangenen Zeit, in der sich die Sozialdemokratie um ihre Wählerschichten noch was schiss, und seine drei Mitstreiter protestieren gegen die geplante Nord-Ost Spange, die direttissima durch die Anlage führen soll. Ein Schelm, wer dabei an Lobautunneldiskussionen und die seit mehr als 40 Jahren überfällige Nordostumfahrung von Wien-Transdanubien denkt.

Jedenfalls, die Gartenkolonisten werben mit Viergesang und anderen künstlerischen Darbietungen um Unterstützer und deren Unterschriften. Mit heiligem Ernst ziehen die Gartenfreunde los und intonieren: „Wir sind Kleingärtner, und wir singen um unser Leben.“ Doch das Pathos, der heilige Schein wird bald gebrochen, wenn es heißt: „Was der Obmann sagt, wird gemacht“ – die streng hierarchische, mittelschwer faschistoide Anordnung derlei Gartenparadiese ist jedermann bekannt, der schon einmal aus einem dieser grünen Idylle flüchtete. Die eigene Familie hatte eins in Süßenbrunn, da hieß es Augen geradeaus und alle Gartenzäune grün gestrichen, wenn der Vorstand es so will …

Monika Klengel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Juliette Eröd. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Grenzen überhaupt sind bei Hauswirth ein Thema. Aus einer Gemeinschaft von Gartlern ist nämlich längst eine Ansiedlung von Einbunkerern geworden. Sträucher fürchtet man als potenzielle Verstecke für Einbrecher, Alarmanlagen sind installiert, Überwachungskameras halten auf den Wegen Ausschau nach den hier Fremden. Die Schrebergärten mit immer höher werdenden Zäunen sind in all ihren Facetten ein Spiegelbild österreichischer Befindlichkeit. Feindbilder sind die Straßenplaner, aber auch die grüne Bezirksvorsteherin, und letztlich schrecken die Schrebergärtner vor der persönlichen Diffamierung eines befreundeten SP-Politikers (großartig Thomas Frank, dessen geheime Absprachen mit der grünen Wiener Vizebürgermeisterin  – Birgit Stöger – in Videozuspielungen enttarnt werden) nicht zurück, um ihrem Ziel näher zu kommen.

Die bitterböse Revue – mit Liedern von Brahms bis Sting und Hansi Lang – entgleist zusehends. Zwischen Bäumen und Blumen blitzen die Abgründe dieser vermeintlich heilen Welt auf, und schließlich kommt der schwerste Schlag auch noch aus den eigenen Reihen. Dies alles, diese Groteske über Grundstücksgrenzen, eine wunderbare Metapher auf Zaunkönige und andere Vernunftsabriegler. Einen diesbezüglichen Monolog auf Trump und Co. hätt’s gar nicht geraucht, man versteht auch so.

Der Bau der Nord-Ost Spange muss verhindert werden: Lorenz Kabas. Bild: © www.lupispum.com / Volkstheater

Dazu hat Hauswirth noch ein Ärgernis in seinen Abend eingebaut: Seit einem Vierteljahrhundert, sagt er mittels entsprechender TV-Ausschnitte, stellt Elizabeth T. Spiras Dokumentation „Das kleine Glück im Schrebergarten“ eben jenes kollektiv in ein unvorteilhaftes, versoffenes, sich rechts anbiederndes Eck. Andere mögen ja vielleicht so sein, räumt das Ensemble ein, aber – eh klar – man selbst nicht!

Wer Hauswirth-Produktionen kennt, weiß nun, dass seine Figuren deshalb erst recht blauäugig sein müssen. Die Vereinswimpel hoch, die Thujenreihen sind geschlossen, mit festem Schritt und Tritt. Doch auch mit libidinöser Inbrunst die Wangen an ihre grünen Freunde schmiegend. Die österreichische Lösung eben …

www.volkstheater.at

Wien, 1. 5. 2017

Volkstheater: Die Fleischhauer von Wien

Februar 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit diesem saftigen Filetstück haben alle Schwein gehabt

Rupert Lehofer, Dominik Warta, Martina Zinner und Doris Weiner Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rupert Lehofer, Dominik Warta, Martina Zinner und Doris Weiner
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Erni Jilek ist ein Wiener Original. Wie hingeschrieben als Liebling für ein Publikum, das sie auch von Anfang an persönlich anspricht, begrüßt, in die Handlung einführt und als Verbündeten für ihre Sache zu gewinnen sucht. Dass Doris Weiner, Publikumsliebling und Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken, die Rolle dieser Gastgeberin übernommen hat, ist natürlich das Salz in der Wurst. Um die geht’s nämlich in Pia Hierzeggers „Die Fleischhauer von Wien“, das nun am Volx/Margareten uraufgeführt wurde.

Eine Komödie für die Bezirketour, koproduziert mit dem Grazer Theater im Bahnhof, die gar nichts anderes als ein Zuschauerhit werden kann. Unzählige Interviews mit real existierenden Fleischhauern waren die Inspiration für Hierzeggers Text. Das merkt man diesem Stück an, die hohe Authentizität der Dialoge, die mitunter im Wortlaut aus dem Volksmund sind, machen einen guten Teil seines skurrilen Charmes aus. Erzählt wird eben von Erni Jilek, letztes Mitglied einer alteingesessenen Wiener Fleischhauerdynastie, deren Mann verstorben und deren Sohn Richtung Vegetariertum abhanden gekommen ist. Nun holt sie sich Hilfe bei entfernten Verwandten aus der Steiermark; Neffe Burkhard und dessen Frau Daniela sollen das Geschäft übernehmen. Doch die haben eigene, sinistre Pläne. Inszeniert hat Lorenz Kabas, mit der Wahl des Regisseurberufs seinerseits schwarzes Schaf einer steirischen Fleischerfamilie und daher gleichsam Fachmann für den Stoff. Und ja, man hat das Grazer Theaterkollektiv schon aberwitziger agieren gesehen, aber Kabas rührt für die folgenden Spielorte einen guten Mix aus süß und scharf zusammen.

Der mit dem Verspeisen eines Stücks Zilk-Wurst, von welcher der Gott-hab‘-ihn-selig-Bürgermeister noch gekostet hat, einen würdig grausigen Höhepunkt findet. Hierzegger und Kabas haben mit „Die Fleischhauer von Wien“ eine Spielart fürs neue österreichische Volkstheaters erfunden, und wenn man so in den einen oder anderen Hierzegger-Satz hineinlauscht, Tradition und Innovation, Verkaufsschlager und Ladenhüter, mag man denken, dass das neue Wiener Volkstheater sich damit selber lustvoll auf die Schaufel nimmt. Für zusätzliche Lacher werden natürlich alle Klischees bedient, die’s in dieser Stadt über die Murmürzfurchentreter gibt. Vor allem Rupert Lehofer, nebenberuflich Rote-Nasen-Clowndoktor, bedient diese Bilder, Tageshöchstleistung: lang stier schauen bei gleichzeitigem Stier sein, was aber nicht heißt, dass die ang’schütten Wiener irgendwie besser wegkommen.

Doris Weiner ist als abgehalfterte Patriarchin der Typ Mutter, die einem mit ihrer Penetranz wahnsinnig auf die Nerven und gleichzeitig irrsinnig ans Herz geht. Sie kann nicht loslassen, das hat ihre Generation nicht gelernt, ergo auch nicht verstehen, warum einer sein Leben nicht fürs Geschäft aufopfern will. Dominik Warta ist als ihr Sohn Markus der Durchhänger vom Dienst; ausgestiegen aus der Fleischereilehre, beschädigt von einem Schlachttrauma und den väterlichen Schuldzuweisungen, bringt er nix weiter. Ein typisch saftloser Veggie halt, dessen höchstes Glück ein Smoothie ist. Warta ist anrührend und komisch. Wie er die Ressentiments der Mutter schon stumm mitsprechen kann, mit kleinen Gesten ihre ausholenden, vorwurfsvollen konterkariert, das ist feine Komödiantenkunst. Außerdem beherrscht er Mick Jaggers Dancemoves.

Und dann fallen die Steirer ein wie die Hunnen. Doch der so tatkräftig wirkende Neffe ist ausgelaugt, ein Burn-out-Burkhard mit leichtem Hang zur Geisteskrankheit und noch kränkeren Ideen. „Raw“ soll sein Geschäft sein, Carpaccio und Beef Tatar will er verkaufen, was die Weiner mit schelmischen Seitenblicken kommentiert. Mit staubtrockenem Humor lässt Lehofer seinen Burkhard zwischen zu schnell und zu langsam changieren, während er sowieso nicht in die Gänge kommt. Martina Zinner als seine gschaftelhuberische Daniela wiederum will, mehr im Herzen als mit dem Hirn Designerin, umgestalten, neu dekorieren, Kaffee ausschenken, Grünpflanzen aufstellen, und wie in jeder besten Familie wird diskutiert, indem einer den anderen nicht zu Wort kommen lässt. Der „Vati“, als Foto an der Wand, meldet sich als mahnende Stimme aus dem Jenseits, aber die im Theater verstehen nur Bahnhof. Christina Helena Romirer hat eine Fleischhauerei als dezent abgehauste Puppenstube auf die Bühne gestellt, in der permanent kollektives Kofferschlichten stattfindet, weil die Grazer ja für Wien so viel Neues im Gepäck hatten, dass sie selber nicht wissen, wohin damit.

Zwischen all dem Schwein, Wein und Gesang muss jeden Moment der Antel’sche Bockerer ums Eck biegen, glaubt man. Oder der Paul Löwinger. Aber Hierzegger schlägt einen Haken. So einen, wie den, wie man erfährt, an den der Vater sich am Ende aufgehängt hat. Die Autorin hat zum sterbenden Gewerbe schon mehr zu sagen. Und während der, der was von sich behauptet, dass er die schönste Ware hat, als schauspielernde Fleischhauerfernsehlüge enttarnt wird, hört man ein paar ungustige Geschichten über Sprühfarbe, die das Aroma von Geräuchertem imitiert, über das „Zusammenbasteln“ von angeblichem echtem Beinschinken, und warum die klügste Sau immer als erste getötet werden muss. Ein bissel kommt Hamlet vor und My fair Lady – die Zilk-Dagi-Connection – und fast gibt’s ein Sweeney-Toddisches Blutbadende. Aber dann ist doch alles happy und jeder kriegt, nicht was er verdient, sondern was er sich wünscht. Ein Abend zum Schmunzeln, Gruseln, Weiterdenken beim nächsten Einkauf, den das Premierenpublikum mit viel Applaus für Team und Schauspieler, für Wiener wie Grazer bedankte. Alles in allem haben mit diesem saftigen Filetstück also alle Schwein gehabt.

Doris Weiner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17582

www.volkstheater.at

www.theater-im-bahnhof.com

Wien, 27. 2. 2016

Volkstheater: Doris Weiner im Gespräch

Februar 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Patriarchin der „Fleischhauer von Wien“

Rupert Lehofer, Martina Zinner, Doris Weiner und Dominik Warta Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Rupert Lehofer, Martina Zinner, Doris Weiner und Dominik Warta
Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Sie ist seit 1976 Ensemblemitglied am Volkstheater und seit 2005 Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken. Nun steht Publikumsliebling Doris Weiner (mehr: www.volkstheater.at/person/doris-weiner/) wieder auf „ihren“ Brettern. In „Die Fleischhauer von Wien“ spielt sie eine Patriarchin, die um den Erhalt des Familienbetriebs kämpft. Autorin Pia Hierzegger erforschte für ihren Text gemeinsam mit echten Fleischhauern die aktuelle Situation des Handwerks und die Zukunft der Zunft. Veganismus trifft auf Fleisch, alte Werte werden konfrontiert mit neuen Ideen. So entstand eine Geschichte, wie sie täglich in den Bezirken Wiens vorkommen könnte. Lorenz Kabas führt bei dieser Koproduktion mit dem Grazer Theater im Bahnhof Regie. Premiere ist am 26. Februar im Volx/Margareten. Doris Weiner im Gespräch:

MM: Zunächst einmal herzliche Gratulation zu 40 Jahren Volkstheater! Sie begehen heuer ein Jubiläum am Haus.

Doris Weiner: Das stimmt, ich wurde 1976 von Gustav Manker engagiert. Frau Badora ist also meine fünfte Direktorin. Aber eigentlich war meine erste Begegnung mit dem Volkstheater 1965, damals war ich noch Studentin an der Akademie für Musik und darstellende Kunst und war im Ballett einer „Sommernachtstraum“-Inszenierung von Leon Epp.

MM: Seit 2005 sind Sie Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Weiner: Ich habe viel draußen gespielt, habe die Umstände gut gekannt und das Publikum hat mich gut gekannt. Heute kommen manchmal Zuschauer auf mich zu, die sagen: Mein Gott, Frau Weiner, Sie habe ich schon gesehen, da bin ich noch in die Schule gegangen. Danke! Mein Vorgänger, Frank Michael Weber, ist in Pension gegangen und hat mich vorgeschlagen. Ich habe es geschafft, eine Beziehung zu den Leuten aufzubauen. Das ist in den Bezirken ganz wichtig. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs der vergangenen zehn Jahre war aber auch, dass Michael Schottenberg die Bezirke sehr geliebt hat. Es hat ihm zum Beispiel großen Spaß gemacht immer dann, wenn ich gespielt habe, das Publikum persönlich zu begrüßen. Das war natürlich schon etwas, wenn der Herr Direktor „Guten Abend!“ sagt.

MM: Unter Anna Badora richtet sich das Volkstheater inhaltlich und ästhetisch neu aus. Wie greift das Konzept in den Bezirken?

Weiner: Es ist natürlich für das Publikum eine Umstellung, aber Veränderung ist ja nie etwas schlechtes. Das Publikum in den Bezirken ist sehr theaterinteressiert und man darf ihm nicht unterstellen, dass es nur Schenkelklopfkomödien will. Aber niveauvolle Unterhaltung schätzen die Abonnenten natürlich. Man muss wahrscheinlich die zweite Saison abwarten, um genaueres sagen zu können. Was die Zuschauer immer anerkennen, ist die schauspielerische Leistung. Insofern kommen auch die neuen Schauspieler des Hauses gut an, wiewohl man dem einen oder anderen Publikumsliebling nachtrauert. Es wird interessant, wie „Die Fleischhauer von Wien“ angenommen werden. Das Theater im Bahnhof ist bekannt für seine sehr unterhaltsamen Aufführungen und Regisseur Lorenz Kabas war in vielen Spielstätten und hat sozusagen das Ohr ans Publikum gelegt.

MM: Wird auf Ihre Erfahrung zurückgegriffen?

Weiner: Kommende Saison bin ich in die Spielplangestaltung wieder involviert. Ich würde mich nicht als konservativ bezeichnen. Ich neige nicht dazu zu sagen: Das haben wir immer so gemacht! Ich hatte an diesem Haus schon mehrere Funktionen, habe beispielsweise auch das Volkstheater Studio und die Schauspielschule geleitet, denn nur Schauspielerin zu sein, wäre mir zu wenig gewesen, das heißt: ich habe vieles gesehen und ausprobiert und hoffe, mich auch weiterhin einbringen zu dürfen.

MM: Wie ist es für Sie wieder auf „Ihren“ Brettern zu stehen?

Weiner: Das ist Heimat. Bei der Arbeit an diesem Stück ist interessant, was man über den Berufsstand der Fleischhauer erfährt, denn es basiert auf Interviews mit den unterschiedlichsten Fleischhauern. Zum Beispiel auch dem Innungsmeister der Fleischer. Es gibt einen dicken Ordner mit diesen Interviews und die dienten Pia Hierzegger als Inspiration. Was man da alles erfährt! Ich habe zum Beispiel die Geschichte des Verkaufs von warmem Leberkäse kennen gelernt, die ich im Stück auch erzählen werde. Trotz aller Authentizität ist das Stück  natürlich künstlerisch verfremdet und auch sprachlich überhöht. Es ist also kein Infoabend darüber, wie man am besten Salami macht (sie lacht).

MM: Erzählen Sie ein wenig über das Stück und Ihre Rolle.

Weiner: Es ist eine Hommage an die kleinen Handwerksbetriebe, an das, wonach wir uns zurücksehnen, weil der persönliche Kontakt doch etwas anderes ist, als das Einkaufen in den großen Supermärkten. Die Fleischhauerei ist ein so traditionelles und wesentliches Handwerk, das im Großen und Ganzen vom Aussterben betroffen ist. Ich spiele die Witwe eines Fleischhauers, deren wesentlichstes Anliegen im Leben immer war, dass der Betrieb weitergeht. Da ist natürlich vieles zu kurz gekommen, unter anderem die Beziehung zum Sohn, der nun das Geschäft nicht übernehmen will und das ist für sie schrecklich. Sie holt einen entfernten Verwandten aus der Steiermark – und da kommen ein bissel versponnene, „alternative“ Leute, die den Betrieb von Grund auf umgestalten wollen. Daraus entstehen natürlich Konflikte. Die Beziehung zum Sohn, die fast ein bissel wie in der „Glasmenagerie“ ist, dieses ständige Ihn-schlecht-Machen, fällt mir beim Proben tatsächlich schwer, weil ich als Mutter versucht habe bei meinem Sohn ganz anders zu sein. Ein wesentliches Moment meiner Figur ist ihr Schmerz, dass man sie als Frau den heißgeliebten Beruf nie erlernen ließ. Da sie keine Meisterprüfung hat darf sie den Betrieb nach dem Tod des Mannes auch nicht selbst führen. Da wird das Publikum vieles aus dem eigenen Leben wiedererkennen.

MM: Sie sagten schon unterhaltsame Vorstellungen. Mit dem eigenen Theater im Bahnhof-Humor, wie ich annehme. Worauf kann sich das Publikum einstellen?

Weiner: Auf nichts Befremdliches. Es ist ein bissel trashig, zum Teil surreal, aber in einer guten Dosis. Die Leute können sich auf ein ernstes Thema freuen, das mit Humor aufbereitet wurde. Die Inszenierung ist leichtfüßig. Die Figuren sind prägnant, mit denen man sich je nach Alter und persönliches Geschichte gut identifizieren kann. Sicherlich erzählt „meine“ Witwe etwas, in dem sich ein Gros des weiblichen Publikums wiedererkennen wird. Man kennt solche Probleme. Die „Fleischhauer“ sind ein gutes Thema für die Bezirke, weil viele den ihren kennen oder kannten und traurig waren, als er zusperren musste. Da gibt es also viele Anknüpfungspunkte. Ich wohne im achten Bezirk, da gab es die Firma Bösel in der Maria-Treu-Gasse, die war eine Institution. Der Sohn wurde Paartherapeut. Das passt doch wie gemacht zu unserem Stück! Im Zuge der Proben haben wir einen in der Margaretenstaße kennengelernt, der ausschaut, wie ein Sozialpädagoge – also, das Klischee vom Fleischhauer gibt s gar nicht mehr.

MM: Das Theater im Bahnhof ist, wenn man Mascherln verteilen möchte, in Graz ein Off-Theater. Lorenz Kabas hat sicher eine andere Herangehensweise an die Arbeit, als sie gewohnt sind.

Weiner: Die Zusammenarbeit mit dem Theater im Bahnhof ist spannend, gerade weil es eine andere Sicht auf das Theater ist. Bei den Proben wird man gefordert: Mach‘ einmal!, da hatte ich anfangs Hemmungen, bis das ging. Nun finden die beiden Welten gut zusammen. Der Abend ist ja keine Improvisation, sondern es gibt ein Stück von Pia Hierzegger, und im weiteren Probenverlauf werden auch hier, wie ich es kenne, Situationen erarbeitet, die dann so zur Aufführung kommen. Manchmal denke ich mir, das oder das würde ich gerne schon fixieren, aber Lorenz Kabas inszeniert im großen Bogen, darauf muss man sich einlassen. Ich tue das gerne und finde die Arbeit mit Lorenz großartig. Ich hoffe der Abend wird uns gelingen und wir enttäuschen das Publikum nicht.

MM: Können Sie gar nicht. Sie haben den Dorothea-Neff-Preis als Publikumsliebling, das heißt: Die Leute vertrauen Ihnen. Ihre Programmpräsentationen sind legendär.

Weiner: Das stimmt, das ist eine Verantwortung. (Sie lacht.) Die Bezirke sind eine Familie, da kennt man sich seit Jahren. Wir pflegen das auch sehr, ermöglichen beispielsweise Kartentausch, wenn man zu einem Termin nicht kann. Das ist bei anderen Abosystemen nicht so leicht möglich. Mein ganzes Team hat eine sehr angenehme Art mit dem Publikum – und das bekommen wir von ihm auch zurück. Teilweise hören wir auch private Schicksale, da muss man schon schlucken, trösten und einladen, bei uns ein paar Stunden Ablenkung zu erleben. Die neuen Kolleginnen und Kollegen staunen teilweise, was es bei uns in Wien an Veranstaltungsräumlichkeiten gibt. Das macht mich ein wenig stolz, denn das sind Errungenschaften der sozialdemokratischen Kulturpolitik der 1920er-Jahre, dass man mit dem Theater zu den Leuten geht. Das gibt es in deutschen oder Schweizer Städten so nicht.

MM: Sie haben, wie gesagt, lange die Schauspielschule des Volkstheaters geleitet …

Weiner: Ja, ich habe unter anderem Ursula Strauss, Aglaia Szyszkowitz, Julia Cencig, Christian Dolezal oder Dominik Warta, der jetzt meinen Sohn in den „Fleischhauern“ spielt, unterrichtet. Das ist aber nur eine kleine Auswahl.

MM … nun sind so viele junge Schauspieler ins Haus gekommen. Kann man denen etwas mitgeben?

Weiner: Erst einmal möchte ich sagen, dass sie wirklich alle gut sind. Was sie einfach noch mehr bedenken sollten, ist, was es bedeutet in einem so großen Raum zu sprechen. Was kann man ihnen mitgeben? Habt Spaß an unserem Beruf! Wer am Volkstheater ist, hat ja den Lottozwölfer schon gewonnen.

MM: Nun die unverschämte letzte Frage: Sie könnten sich schon zur Ruhe setzen?

Weiner: Ich habe mich schon zur Ruhe gesetzt. Seit 1. Jänner bin ich offiziell in Pension, aber weiterhin im Engagement. Das ist ein Zustand, den finde ich gut. Für nur Ruhestand bin ich nicht der Typ.

www.volkstheater.at

Wien, 15. 2. 2016