Volkstheater: Iphigenie in Aulis / Occident Express

September 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Planschbecken im Schnürlregen

Haifa und ihre Fluchtsouffleure: Henriette Thimig (re.) mit Anja Herden, Sebastian Pass, „Iphigenie“ Katharina Klar, Jan Thümer, Rainer Galke und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora eröffnet die Saison mit ihrer Inszenierung von „Iphigenie in Aulis / Occident Express“, und bewegt dabei mehr Wassermassen als Moses am Ufer des Roten Meers. Was den Abend doppelt spannend macht: Sebastian Pass, Neuzugang am Haus, stellt sich in der Rolle des Odysseus vor – ein extravaganter Schauspieler mit einprägsamer Stimme, der sich mit seiner kauzigen Spielart perfekt ins Ensemble einfügt.

Und: Die wunderbare Henriette Thimig, Tochter des großen Hans Thimig, ist erst als Agamemnons alter Bote, dann in der Rolle der Flüchtlingsfrau Haifa zu sehen. Badora erzählt in ihrer Aufführung vom Krieg. Von den einen, die unbedingt hinwollen, und von den anderen, die dringend wegwollen. Flaute und Flucht, sozusagen. Sie verwendet dazu Soeren Voimas Euripides-Überschreibung und nach der Pause den Text von Stefano Massini, als wär‘ er eine Fortschreibung der Antike in die Gegenwart, die Odyssee der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die es an immer neue Küsten wirft, wo Gefahr lauert – und Menschenrechtsverletzung.

Für die „Iphigenie“ legt Bühnenbildner Damian Hitz ein großes Wasserbecken als quasi Meeresbucht an. Die Griechen sind alles andere als reif für die Insel, man fadisiert sich, Jan Thümer als Achilleus dreht seine Joggingrunden schon bevor es losgeht. Es muss Bewegung in den Stillstand. Die kommt auf – man kennt die Geschichte -, als der Seher Kalchas die Opferung von Agamemnons Feldherrentochter fordert. Mit der Jungfrau zum Winde. Odysseus/Pass, die unzähligen Kriegsorden auf den Oberkörper gemalt, verbeißt sich in die Idee, gilt es doch das Heer mit dieser Geste ruhig zu halten.

Und so wird die Hinschlachtung zur Staatsräson. Der Griechen Recht und Würde, man kann beim besten Willen nicht mehr aus, das ist eine höhere Logik, hat man doch selbst die Massen kriegsverhetzt. Blut muss fließen in dieser Machowelt, und das Pathos, und das wird es auch, wenn sich Iphigenie am Ende in den Selbstaufopferungsmodus begibt. Das Leiden der High Society an ihrer eigenen Wichtigkeit, tja, bei Massini dann dessen Auswirkungen auf „das Volk“, das nackte Elend der Kriegsopfer.

Menelaos und Agamemnon im Infight mit nassen Handtüchern: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klytaimnestra flirtet mit Odysseus: Anja Herden mit dem neuen Ensemblemitglied Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Atriden treten an: Rainer Galke als Agamemnon, ein auf Kothurnen wankender, wankelmütiger Gemüts- und Familienmensch am Rande des Nervenzusammenbruchs, kriegsmüde schon bevor der noch begonnen hat. Lukas Holzhausen als kühl berechnender Menelaos, als unerbittlicher Gehörnter, der selbst über die Leiche seiner Nichte seine Ehre wiederhergestellt sehen will, war doch die Helena-Entführung ein „Angriff auf die Heimat“.

Die beiden sind geübt im verbalen wie im körperlichen Infight. Man jagt sich tatsächlich mit nassen Handtüchern, „Du kotzt mich an“, sagt der eine Bruder zum anderen. Überhaupt tobt bald die Wasserschlacht, man stolpert, fällt, wirft sich verzweifelt ins oder badet vergnügt im Bühnennass, bald ist kein Kostüm mehr trocken.

Anja Herden gibt, ganz Königin, eine stolze, selbstbewusste Klytaimnestra, die die Demokratie (!) um Hilfe anruft, Katharina Klar eine naive Iphigenie, die froh wäre, wäre der „Scheißkrieg“ aus und Papa wieder zu Hause. Thümer macht dazu den ungehobelten, aber seine Ehre hochhaltenden Achilleus.

Dazu gibt es einen kriegslustigen Girlgroup-Chor: Nadine Quittner, Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml und Maren-Sophia Streich. Voima hat exklusiv für das Volkstheater dessen Text geschrieben; der Chor ist angesicht der zahlreichen Recken ganz glücklich darüber, dass es endlich „Männer gibt, so weit das Auge reicht“, und preist das Traumpaar Achilleus und Iphigenie. Das Ende ist abrupt – und ohne Hirschkuh.

Nach der Pause dann ein beinah leeres Becken, aber Dauerregen. Stefano Massini schildert die Flucht einer alten Frau aus Mossul mit ihrer Enkelin, unterwegs kommen noch drei Waisenkinder dazu. Es geht über die Balkanroute zu Fuß, in Bussen, auf Booten, und überall Demütigung und die Ansage, eine „Alte“ werde gar nicht erst mitgenommen, weil: nur Probleme. Man schafft es dennoch nach Schweden. Massini enttarnt einerseits die kollektiv-westliche Vorstellung von Flüchtlingen, andererseits den von staatlichen Stellen oder NGOs nach der jeweiligen Befindlichkeit und den jeweils anderen Beweggründen gewobenen Flüchtlingsmythos.

Als Kollektiv treten auch die Schauspieler auf. Sie soufflieren Henriette Thimig als Haifa ihre Erlebnisse, reporten ihren „Fall“, frischen ihre Erinnerungen auf. Sie sind wie ein antiker Chor, der der Protagonistin zur Seite steht. Der sich in mangelnder Solidarität befehdet, und dann doch wieder zusammenhält. Als ein Schlaflied verlangt wird, erscheint noch einmal die Girlgroup mit ihrem Traumpaar-Song. So verschränken sich die beiden Teile ineinander. Und wieder gibt es einprägsame Bilder, klaustrophobische in einem Glaskubus, erdrückende an einem Abwasserrohr. Schließlich sprechen nackte Tatsachen. Zweifellos ist dieser Teil des Abends der eindrücklichere, das Volkstheater bei seiner Kernkompetenz, dem Zeitgenössischen.

Für Flüchtlinge ist wenig Platz: Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der antike Girlgroup-Chor: Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hätten im ersten Teil die Figuren gerne feiner ziseliert sein können, fehlte doch weitgehend eine tiefer gehende Psychologisierung der Charaktere, ein Ausloten von deren inneren Abgründen, so überzeugt man als Arbeitsgemeinschaft auf ganzer Linie. Und über allem die Thimig mit ihrem Mantra, es schaffen zu müssen, für die ihr Schutzbefohlenen. Eine stolze, selbstbewusste Elendskönigin, die sich nicht abspeisen lässt, die sich in der Machowelt der Schlepper und Beamten behauptet – und die doch eines ihrer Kinder verlieren wird.

Vor einer Live-Kamera aufgestellt: eine Maus in einem Plexiglaskäfig, ihre Verrichtungen auf eine Vidiwall übertragen. Bis Minute acht suchte die Maus einen Ausgang aus dem Behältnis, dann wendete sie sich der Untersuchung der Ausstattung ihres Käfigs zu. Ab Minute 44 schlief sie tief und fest, das Köpfchen auf die Einstreu gebettet …

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  1. 9. 2017

Volkstheater: Medea

November 21, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon lange nicht mehr war Grillparzer so aktuell

Stefanie Reinsperger als urgewaltige Medea mit den Kindern Phillip Bauer und Nikolaus Baumgartner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger als urgewaltige Medea mit den Kindern Phillip Bauer und Nikolaus Baumgartner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Medea“, Grillparzers atemraubend furioses Dramatisches Gedicht, hat man freilich schon gesehen. Mal pathetisch, mal sperrig, 2004 rührte Birgit Minichmayr an der Seite von Michael Maertens sogar zu Tränen. Doch mutmaßlich noch nie war der letzte Teil dieser der Antike entliehenen Trilogie so aktuell wie diesmal. Das ist zum einen dem Unfug und den Unsitten dieser Tage geschuldet.

Zum anderen Volkstheaterdirektorin Anna Badora zu danken, die mit ihrer Neuinszenierung am Haus neue Maßstäbe setzt. Sie konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Fragen nach dem Anderssein, ergo Ausgegrenzt- und Ausgestoßen sein; fremd ist gleich Frau ist gleich Medea, was die Männerbündler in ihrer Angst vor dem Unbekannten maximal zu sexuellen Übergriffen reizt. Doch auch Heimkehrer Jason findet in Griechenland kein Zuhause mehr, er ist zum Flüchtling geworden, immer unstet, immer unterwegs – und keine Rettung nirgendwo. In Korinth schließlich beginnt die Wertediskussion, „unsere“ Regeln und „deren“ Gebräuche“, Medea wird aufgefordert ihre Kleidung anzupassen, ihre Söhne sind bereits in das eingeführt, was sich Zivilisation nennt. Dabei helfen ein schönerer Teddybär und ein neuerer Ball.

Und während Seinesgleichen noch bereit sind, Jason wieder in ihrer aufgeklärten Mitte aufzunehmen, wird der Wilden, der Unangepassten, der Freiheitsliebenden das Asyl verweigert. Nicht überzeugend genug waren ihre Anstrengungen, sich assimilieren, sich ändern zu wollen. Sie hat ihr Integrationsjahr nicht genutzt, lieber vollverschleiert martialische Tänze aufgeführt, das Urteil lautet daher Verbannung. Badora hat in kühnen Strichen atmosphärisch dichte Bilder gemalt. In Thilo Reuthers Bühnenbildbunker entwirft sie das Grillparzer’sche Schnetzeln und Metzeln als intimes Familientableau, zeigt wie das Politische das Private unter sich zermalmt, Stefanie Reinsperger und Gábor Biedermann in einem Infight, in Zank und Hader wie eine mythologische Version von Martha und George, und einen Boden, Wände, die sich bewegen und drehen, eine Zeit, die nicht mehr aufgehalten werden kann.

Rückblende - ein Albtraum aus der Vergangenheit: Aietes zwingt das Kind Medea den Gastfrend zu töten: Michael Abendroth und Luana Otto. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rückblende – ein Albtraum aus der Vergangenheit: Aietes zwingt das Kind Medea den Gastfreund zu töten: Michael Abendroth und Luana Otto. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Männer verhöhnen die Rituale der fremden Frauen: Anja Herden als Gora, Günter Franzmeier als Kreon, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Männer verhöhnen die Rituale der fremden Frauen: Anja Herden als Gora, Günter Franzmeier als Kreon, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klug verwebt sie die ersten beiden Teile „Der Gastfreund“ und „Die Argonauten“ in die Aufführung. Die wichtigsten Szenen daraus erscheinen wie Albträume, Weissagungen, Rückblenden an den Moment, an dem das Leben auch eine andere Wendung hätte nehmen können. Nicht alle im sehr spielfreudigen und gutgelaunten Ensemble sind gleich versiert darin, Grillparzers komplexe Sprache, seine komplizierten Verse über die Rampe zu bringen. Und so klingt bei den einen nur wie Behauptung, was die anderen gekonnt als Selbstbehauptung kommunizieren können. Dass ganz auffällig „gespielt“ wird, hat seine Berechtigung, hat hier doch beinah jeder jedem etwas vorzustellen, dass er eigentlich gar nicht ist.

Im Zentrum steht, wie Mutter Erde, die Zauberin; Stefanie Reinsperger ist als Medea wie immer eine Urgewalt auf der Bühne, diesmal eine, die ihr altes, gewaltbehaftetes Leben hinter sich lassen will – doch die, die wissen, was falsch und was richtig ist, lassen sie nicht. Ihre Auflehnung gegen eine patriarchalische Welt muss angesichts der männlichen Übermacht verpuffen, sie erkennt – zu spät -, dass sie den habgierigen Vater Aietes nur gegen den egomanischen Ehemann Jason getauscht hat, berührend ist, wie sie dennoch um seine Liebe buhlt und sich dabei beinah selbst aufgibt. Ihre Lösung der äußeren und inneren Konflikte ist bekannt. „Du kennst ihn nicht, ich aber kenn‘ ihn ganz“, wird sie an bezeichnender Stelle sagen.

Eine Liebe zum gegenseitigen Verderben: Stefanie Reinsperger als Medea, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Liebe zum gegenseitigen Verderben: Stefanie Reinsperger als Medea, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

An ihrer Seite brilliert Gábor Biedermann als ein Jason, der im lakonischen Tonfall seiner Liebe zwar abschwören kann, doch bis zuletzt die Ekstase, die Passion Medeas in der neuen, schönen, aalglatten Welt sucht. Biedermann, am Volkstheater bis dato immer eine sichere Bank, überzeugt auch diesmal. Und wieder zeigt er neue Seiten seines schauspielerischen Könnens.

Evi Kehrstephan verkörpert als Kreusa die Art Willkommenskultur, die sich spätestens dann zurückzieht, wenn es gilt eigene Interessen zu schützen. Michael Abendroth ist als Medeas Vater Aietes ein habgieriger Intrigant. Anja Herden holt wie stets das Maximum aus ihrer Rolle. Ihre Amme Gora ist von Anfang an die angewiderte Warnerin ob der neuen Umstände in Griechenland, nicht gewillt ihre Herkunft zu verraten, ist sie immer auf der Hut vor dem nächsten Streich der neuerdings über sie bestimmenden Moralwächter, deren Amoral wie nur allzu gern bloßstellt.

Als deren höchster ist Günter Franzmeier ein saturierter, selbstgefälliger König Kreon, einer, der gern mit den Schicksalen anderer spielt und sie in seinen Händen dreht und wendet, bis ihm der Tod das seiner Tochter Kreusa entreißt. Mit zwei starken Bildern beschließt Badora ihren Abend. Kreusas Sterben ist ein archaisches, unter dem Goldenen Vlies wie Herkules in seinem vergifteten Hemd; danach tanzt Medea mit ihren ermordeten Kindern den Walzer, den sie zuvor nicht und nicht erlernen konnte. Am Ende Jason, der wieder liebeswirbt, wie in den „Argonauten“. Die Rückschau als Blick in die Zukunft. Die Menschen, die Erde, die Verantwortung für einander, zwei Hälften, die zusammengehören. Nicht platonisch, tatsächlich.

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Wien, 21. 11. 2016

Kulturminister Thomas Drozda setzt ein erstes Zeichen

Juni 24, 2016 in Ausstellung, Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volkstheater bekommt vom Bund 12 Millionen Euro, „New Deal“ für die Freie Szene

Kulturminister Thomas Drozda auf der Regierungsbank. Bild: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Thomas Drozda auf der Regierungsbank: Ein erstes Zeichen für Kunst und Kultur ist gesetzt. Bild: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Eine Woche ist es her, dass das Volkstheater den Zuschlag für die Generalplanerleistungen und die Projektsteuerung für die Generalsanierung des Hauses verkündete, und schon ist eine weitere entscheidende Etappe auf diesem Weg geschafft:

Wie Kulturminister Thomas Drozda bekannt gab, sagt der Bund dem Volkstheater ab 2017 zwölf Millionen Euro für die Sanierung zu.

„Gemeinsam mit der Stadt Wien und dem Volkstheater leisten auch wir unseren Beitrag zum Erhalt eines der bedeutendsten Theater unseres Landes“, so Drozda. Dank der Zusage des Bundes wird die dringend nötige Instandsetzung der denkmalgeschützten Bausubstanz und des Bühnenraums und die notwendige Anpassung der Bühnenmaschinerie an heutige Standards zustande kommen, freut man sich am Haus über die „gute Nachricht für die Theaterstadt Wien“. Die Anna Badora, seit dieser Saison Intendantin des Hauses, für „ein großartiges Signal zum Ende meiner ersten Spielzeit“ hält. Der Volkstheater-Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19538

Pläne für Bundestheater und -museen

Investiert wird darüber hinaus in ein neues Depot für das Technische Museum und den Bau des neuen Weltmuseums. In diese Projekte fließen vier beziehungsweise zwölf Millionen Euro. Beim Haus der Geschichte in der Neuen Burg allerdings, dem Lieblingsprestigeprojekt seines Amtsvorgängers Josef Ostermayer (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=17733) könnten erst nach einem Okay des Finanzministeriums bei den kommenden Budgetverhandlungen im Herbst nächste Schritte gesetzt werden, so Drozda. Der damit klarstellte, dass der angedachte Eröffnungstermin im Jahr 2018 nicht zu halten sein wird: „2019 ist relativ wahrscheinlich.“

Auch der Aufteilungsschlüssel für die Basisabgeltung der Bundestheater für die Saison 2016/17 wurde beschlossen und genehmigt. Demnach erhielten die Holding 4,9 Millionen, das Burgtheater 48,7 Millionen, die Staatsoper 63,2 Millionen und die Volksoper 39,8 Millionen Euro. Im Rahmen eines Schwerpunkts „Transparenz und Professionalisierung“ wurde für Bundesmuseen und Österreichische Nationalbibliothek EU-weit ein gemeinsamer Wirtschaftsprüfer ausgeschrieben.

„New Deal“ für die Freie Szene: Drozda will die „Kleinen“ fördern

Doch nicht nur die Kulturschlachtschiffe sollen in die Gunst des Politquereinsteigers, der zuvor Stationen als kaufmännischer Geschäftsführer des Burgtheaters und als Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien absolvierte, kommen. Drozda verspricht einen „New Deal“ für Einzelkünstler und die Freie Szene. Er wolle, sagt er, „einen klaren Fokus auf zeitgenössisches Kunst- und Kulturschaffen“ setzen – und dabei vor allem die „Kleinen“ fördern. Bis 2018 sollen die 46 Millionen an Subvention, die derzeit über verschiedene Töpfe an diese Gruppe gehen, um fünf Millionen erhöht werden, die die Beiräte dann neu verteilen können. Auch bei der Vergabe von Stipendien, derzeit sind es 600, ortet Drozda „einen riesigen Nachholbedarf“. Ihre Dotierung wird ab 1. Juli von 1110 auf 1300 Euro erhöht. Außerdem stellt der Bund Künstlern ab nächstem Jahr zehn neue Arbeitsateliers in der Wattgasse zur Verfügung. Die Kosten dafür betragen etwa 108.000 Euro.

„Die Künstler sollen mehr gehört werden“, sagt Drozda – und kündigte an, seine Büroräume im Palais Dietrichstein für sie zu öffnen. Was der Kulturminister von den Künstlern hören will, ist zunächst dies: Zum Thema „Kunst und Integration“ erwarte er sich von Theatern, Museen und anderen Institutionen „konkrete Vorschläge“, die Mittel des ausgeschriebenen Calls „zusammen:wachsen“ werden von 200.000 auf 300.000 Euro aufgestockt. In Planung ist auch eine bundesweite Aktionswoche „Kultur und Integration“. „Das Interesse daran ist überwältigend“, so Drozda. Klingt doch zumindest fürs Erste alles ganz gut. Erstaunlich nur, dass das Thema österreichischer Film bis dato gar nicht zur Sprache kam …

www.kunstkultur.bka.gv.at

Wien, 24. 6. 2016

Volkstheater: Der Spielplan der Saison 2016/17

Mai 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Badoras zweites Programm ist politisch und mutig

Volkstheater-Direktorin Anna Badora bei der Spielplanpräsentation. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora bei der Spielplanpräsentation. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Erste Spielzeiten muss man durchhalten“, sagte Volkstheater-Direktorin Anna Badora im Laufe der Spielplanpräsentation für die Saison 2016/17 am Dienstag Vormittag. „Wir haben sehr viel auf den Weg gebracht, manches abgeschlossen und manches liegt noch vor uns.“ Damit gemeint war einerseits die anstehende Generalsanierung des Hauses, andererseits ein, so Badora, „Langzeitprojekt“ – „neue Zuschauerkreise ans Haus zu holen.“

Denn das Team rund um die Intendantin machte knapp vor Ende seiner ersten Saison kein Hehl aus der „Kündigung etlicher Abonnements“, dafür sei der Zulauf an der Abendkasse stärker denn je. Man setze auf ein „behutsames Umgruppieren“ des Publikums, wofür in den Bezirken sogar ein neues Projekt gestartet wurde: ein Patenschaftsprogramm, bei dem Stammgeher sich neuer, junger Zuschauer annehmen sollen. „Wir wollten das Volkstheater zu einem Ort des gesellschaftlichen Diskurses machen und das ist uns gelungen. Unsere Stücke und Vorgangsweisen haben polarisiert, wurden teils kritisch besprochen, aber haben dazu geführt, dass das Publikum Haltung zeigt“, so Badora.

„Es gab positive und negative Rückmeldungen, viele Briefe und Emails.“ Nun wolle man vor allem in den Bezirken und dort punkto Genres und Stoffen näher an das Publikum heranrücken. Gefordert wurde nämlich mehr Erbauliches und weniger Problemstücke. Man sei „in engen Dialog mit den Zuschauern getreten“, sagt die Hausherrin. Dem kaufmännischen Direktor des Hauses, Cay Stefan Urbanek, kam die Aufgabe zu, das alles in Zahlen auszudrücken: Die Auslastung aller Spielstätten liegt derzeit bei 67 bis 69 Prozent (im Haupthaus gilt dies bei einem Minus von 120 Sitzplätzen wegen der neuerrichteten, sichtverbessernden Tribüne). Die Kartenerlöse liegen bis dato bei 2,9 Millionen Euro. Die Werkstätten werden (wie berichtet: www.mottingers-meinung.at/?p=18001) geschlossen. Man hofft dadurch etwa eine halbe Million Euro zu sparen. Mit 1. 1. 2016 haben sowohl Bund als auch Stadt Wien die Förderungen um je 200.000 Euro erhöht.

Für die kommende Saison legte Anna Badora einen Spielplan vor, der rund um das Thema Gemeinschaft „und derer, die daraus ausgeschlossen sind“ kreisen wird. Es war dem Volkstheater-Team bei dessen Vorstellung daran gelegen, die „politischen Aspekte des Spielplans herauszustellen“. Geplant sind neun Uraufführungen, aber (noch) nicht das abgesagte „Homohalal“ von Ibrahim Amir, eine deutschsprachige und eine österreichische Erstaufführung. Als Neuzugänge im Ensemble kommen Michael Abendroth und Evi Kehrstephan, beide zurzeit in den Bezirken in „Halbe Wahrheiten“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438), und Luka Vlatkovic. Der Student am Max-Reinhardt-Seminar spielte bereits in Viktor Bodós „Iwanow“ eine kleine Rolle. Autor Thomas Glavinic gibt mit der Inszenierung seines Drama-Erstlings „Mugshots“ sein Debüt als Regisseur.

Die Highlights des kommenden Programms:

Spielplan-Pressekonferenz in der Roten Bar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Spielplan-Pressekonferenz in der Roten Bar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Haupthaus eröffnet am 9. September Regisseur Dušan David Pařízek: Er inszeniert Katherine Anne Porters Roman Das Narrenschiff in eigener Bühnenfassung und Übersetzung. Die Odyssee eines israelisch-palästinensischen Paares, verwoben mit den Geschichten anderer von Krieg und Emigration geprägter Figuren, erzählt Niemandsland, das am 25. September Wiener Premiere hat.

Regisseurin Yael Ronen erarbeitete den Stoff in der Spielzeit 2013/14 am Grazer Schauspielhaus, da die Vorlage für das Stück wie stets bei Ronen echte Biografien sind, hat es sich „um eine positive Wendung für eine Figur“ weiterentwickelt. Es folgt mit Molières Der Menschenfeind am 1. Oktober in der Regie des diesjährigen Max-Reinhardt-Seminar-Absolventen Felix Hafner ein Klassiker, darauf die Uraufführung von Christine Eders „Untergangsrevue“ Alles Walzer, alles brennt. Eder, die sich schon bei der „Proletenpassion“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13411) mit den sozialistischen Wurzeln Österreichs befasst hat, beschäftigt sich nun mit der Frauenbewegung. Musikalisch begleitet wird das Projekt von Gustav. Premiere ist am 16. Oktober.

Anna Badora selbst widmet sich Grillparzers Dramatischem Gedicht Medea, Premiere am 20. November, als Beispiel für Migration, Identitätsverlust „und einem verzweifelten Anpassenwollen, trotz dem sie das Stigma der Barbarin nicht los wird“. Der junge serbische Regisseur Miloš Lolić schaut mit Elfriede Jelineks Rechnitz (Der  Würgeengel) ab 11. Dezember in die Abgründe der österreichischen Seele. Ein Höhepunkt wird sicher die Uraufführung von Traiskirchen. Das Musical, einer Produktion von Die Schweigende Mehrheit in Kooperation mit dem Volkstheater, das in der Regie von Tina Leisch und Bernhard Dechant im Jänner 2017 Premiere hat. Leischs und Dechants Inszenierung von Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ ist kürzlich im Audimax der Uni Wien von Identitären angegriffen worden (mehr: www.schweigendemehrheit.at), am Volkstheater plant das Duo „ein groteskes Spektakel mit viel Musik“, die Mitwirkenden – „Flüchtlinge bis Opernsänger“.

Zum zweiten Mal am Volkstheater inszeniert Viktor Bodó: Mit E.T.A. Hoffmanns Klein Zaches in der Bühnenfassung des Budapester Theatermachers Péter Kárpáti hat er sich ein „romantisches Kunstmärchen“ vorgenommen, das nicht minder gesellschaftskritisch ist. „Es geht um den Siegeszug eines missgestalteten Bauernkindes. Durch einen Zauber erscheint es plötzlich allen schön und klug, alle sitzen der Verblendung des – geistigen – Zwerges auf. Etwaige Ähnlichkeiten werden da unvermeidlich sein.“ Premiere ist am 12. Februar. Ebenfalls nicht zum ersten Mal am Volkstheater arbeiten der deutsche Regisseur Philipp Preuss und der österreichische Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan. Preuss‘ Inszenierung von Horváths Volkstheater-Klassiker Kasimir und Karoline hat am 17. März Premiere, Habjans Inszenierung von Lessings Nathan der Weise, wie immer gespielt von Schauspielern und Puppenspielern, am 7. April.

Am Volx/Margareten eröffnet die junge deutsche Regisseurin Holle Münster, Mitglied des Künstler-Kollektivs Prinzip Gonzo, die Saison mit einer Uraufführung, die sich mit modernem großstädtischem Leben auseinandersetzt: Autor Stefan Wipplinger zeichnet in Hose Fahrrad Frau (Premiere 14. Oktober) das Bild einer Stadtgesellschaft, in der soziale Beziehungen nur noch über Besitz, Kauf und Tausch zu funktionieren scheinen. Premiere ist am 14. Oktober. Im Dezember folgt die Uraufführung des ersten Dramas von Thomas Glavinic, Mugshots, zu sehen in der Regie des Autors selbst. Eine österreichische Erstaufführung steht ab Jänner mit Hangmen (Die Henker) von Martin McDonagh am Spielplan. Ensemblemitglied Lukas Holzhausen inszeniert den 2016 in Großbritannien als Stück des Jahres ausgezeichneten Text. Erstmals im Volx/Margareten inszeniert Bérénice Hebenstreit mit der Uraufführung von Barbi Markovićs Roman Superheldinnen. Premiere ist im Februar. Im Mai präsentiert Calle Fuhr dann seine Inszenierung von Heiner Müllers Philoktet.

Das Volkstheater in den Bezirken startet mit der deutschsprachigen Erstaufführung von David Lindsay-Abaires Mittelschichtblues in die neue Spielzeit, Premiere ist am 30. September in der Regie von Ingo Berk. In den USA war „Mittelschichtsblues“ 2012/13 das meistgespielte Stück. Es geht um eine alleinerziehende Mutter, die, als sie arbeitslos wird, nur noch einen Steinwurf von der Verarmung entfernt lebt. Ab 2. Dezember ist Robert Seethalers Erfolgsroman Der Trafikant (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5071) in einer Bühnenfassung des Autors zu sehen, hier inszeniert Sebastian Schug. Eine musikalische Koproduktion mit dem Theater im Bahnhof ist die Uraufführung von Keine Angst. Für seine Heimgartenrevue recherchiert Regisseur Ed. Hauswirth, der diese Saison „Die Fleischhauer von Wien“ zeigte, in den Schrebergartenkolonien in und um Wien „über den bedrohten Traum vom eigenen Fleckchen Grün“. Premiere ist am 17. Februar. Zum Abschluss der Bezirke-Tournee gibt es mit Goethes Stella ab 28. April schließlich auch noch einen Klassiker in der Regie Robert Gerloff. Gezeigt wird die Erstfassung, die „polygame Version“ des Stücks, die mit einer Ménage à trois endet. Badora: „Das Bezirke-Publikum hat sich diesen Klassiker gewünscht. Nun ist ‚Stella‘ gleichsam auch unsere Klassikerkomödie.“

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Wien, 3. 5. 2016

Christian Dolezal im Gespräch

Oktober 30, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen“

Christian Dolezal Bild; Céline Nieszawer

Christian Dolezal
Bild: Céline Nieszawer

Am 30. Oktober spielt er im Rabenhof Theater die Wiederaufnahme von „Das bin doch ich“. Die Figur „Thomas Glavinic“ aus dem autobiographisch inspirierten Erfolgsroman von Thomas Glavinic muss sich mit allerhand Neurosen und Alltagssorgen herumschlagen und versucht dabei alle großen und kleinen Probleme des Lebens so gut es geht zu meistern. Ein Dasein zwischen Paranoia, Hypochondrie und lähmenden Gesprächen, das Christian Dolezal im Alleingang als Tour de Force performt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7539). Es gibt noch Karten für diese sehenswerte Produktion! Der Schauspieler steht diesen Herbst außerdem im Volkstheater in „Fasching“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14584) und an der Volksoper in „Der Mann von La Mancha“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15433) auf der Bühne. Christian Dolezal im Gespräch über die flauschige Seele der Adele Neuhauser, die Anbetung der Smashing Pumpkins und das Leisten von Erster Hilfe auf dem Westbahnhof:

MM: Man hat das Gefühl, egal in welches Wiener Theater man derzeit geht, man stolpert über Sie. Sie sind ein großer Ensemblespieler, aber offenbar kein Ensembletier.

Christian Dolezal: Na, hoffentlich ist der Sturz nicht schmerzhaft, wenn man über mich stolpert. Ich war in einem Ensemble mit Ende 20, Anfang 30, in Innsbruck. Das möchte ich jetzt nicht mehr machen, weil ich Verschiedenes ausprobieren will, mitunter auch Dinge, die ich mir selbst überlege, so wie ich es in den vergangenen Jahren am Rabenhof durfte. Immer nur an einem Theater sein, ist bei weitem nicht so reizvoll als wenn man frei ist. Da kann man auch wählen, das gefällt mir schon besser. Ich kenne außerdem viele Leute, die viele Jahre in einem Ensemble waren – und mit Intendantenwechsel war dann Ende der Fahnenstange, dem beuge ich vor.

MM: Wenn man aber so von Haus zu Haus tingelt, falls ich das so sagen darf, …

Dolezal: Das ist ein treffendes Wort, tingeln …

MM: … wie ist es dann mit dem Aufsteigen zum Publikumsliebling? Bleibt man so nicht der ewige Geheimtipp?

Dolezal: Es fühlt sich ein bisschen so an, ja. Aber, wenn man es aufwiegt … es ist ja nicht mein innigstes Ziel Publikumsliebling zu werden, sondern Projekte zu machen, die mich interessieren. Das ist das Allerwichtigste. Ja, da ist was wahres dran, „der ewige Geheimtipp“, vielleicht bin ich das. Es ist eine ein bissel schlechte Position, man muss sich abrackern, man rackert sich ab. Ich komme mir vor, wie ein Schauspielarbeiter. Ich plane gerade ein Projekt für den Rabenhof für nächstes Jahr, das ist anstrengende Arbeit, selber was auf die Beine zu stellen, die anderen von der Idee zu überzeugen, die Leute an einen Tisch zu bekommen. Fix in einem Ensemble werden einem die Rollen angedient, das ist schon einfacher, aber es ist halt so, dass mich das Einfache nicht interessiert. Wenn ich es mir recht überlege, ich kann mich auch nicht erinnern, wann mir das letzte Mal jemand angeboten hat, fest in ein Ensemble zu kommen, andererseits habe ich auch immer gehofft, dass mich nie wer fragt. Ich will ja niemanden durch eine Absage beleidigen.

MM: Sind Sie prinzipiell unbequem, so dass Theaterdirektoren sagen: Den hol‘ ich mir, dann ist er in einem Jahr Ensemblesprecher, dann geht er mir nur noch auf den Sack. Oder …

Dolezal (er lacht): Also erstens würde ich nie Ensemblesprecher, zweitens müssen Sie das die Intendanten fragen. Ich finde, ich bin ein ganz Lieber. Sehr verträglich. Ich habe den Verdacht, dass ich ein guter Mensch bin. Ich agiere sehr oft nicht zu meinen Gunsten und gegen meinen Vorteil. Es kommen auch selten Kollegen zu mir, um sich unangenehm über andere auszulassen. Vielleicht spricht das für mich: Wenn’s irgendwelche Querelen oder Intrigen gibt, bin ich der letzte, der das mitkriegt. Eigentlich müsste ich sehr beliebt sein, denn ich habe über mich noch nie etwas Schlechtes gehört. Aber das kann wohl nicht stimmen, also überreiß‘ ich es vermutlich nicht.

MM: Reden wir über die Rollen, in denen man Sie zurzeit sehen kann. Vom „Thomas Glavinic“ in „Das bin doch ich“ bis zum  Lujo Warhejtl in „Fasching“, vom Staatsanwalt Hofmeister in den ORF-„CopStories“ bis zum Dr. Carrasco in „Der Mann von La Mancha“, Sie spielen in der Regel die kontroversiellen Charaktere, also: die Ungustln. Lieber ein guter Böser als ein schlechter Guter?

Dolezal: Welche gute Figur in der Weltliteratur ist schon interessant? Da müsst‘ ich lange nachdenken. Ist der Hamlet eine symphatische Figur? Dieser unentschlossene Zauderer, der so grob mit der Ophelia umgeht? Würde ich nicht sagen. Oder eine meiner Traumrollen, die ich bisher noch nicht spielen durfte, der Anatol von Schnitzler: Den hat zwar irgendwie jeder gern, er ist auch sehr unterhaltsam, aber wenn ich den Anatol spielen würde, würde ich zeigen, dass das ein einsamer, verzweifelter Sehnsüchtler ist, der sehr auf sich zurückgeworfen nicht viel mit sich anfangen kann. Eine tragische Figur. Aber Sie haben von Ungustln gesprochen, das ist der Anatol sicher nicht. Und auch nicht die Figur Glavinic. Ich kann den nachvollziehen. Er berührt mich auch. Und er ist sehr lustig. Er nimmt Situationen, in denen wir alle genervt reagieren würden, halt intensiver wahr als ein Durchschnittsmensch, und reagiert daher heftiger. Er ist nicht unsympathisch, sondern hyperneurotisch. Naja. Warum spiele ich so viele Ungustln? Vielleicht schaue ich so aus? Ich kann mich erinnern, mit Mitte 20 war ich ein wirklich fescher, sympathischer Kerl. Mein engster Freund sagt, er glaubt, ich spiele im Fernsehen nicht die sympathischen Leute, weil ich eine zu große Nase habe.

MM: Wenn Sie nicht wegen der Nase besetzt werden, nach welchen Kriterien suchen Sie Projekte und Rollen aus?

Dolezal: Das hat sich geändert. Früher waren die Kriterien „was und wo“, jetzt ist das Kriterium „mit wem“. Wer sind die Menschen, mit denen ich arbeiten werde, interessieren mich diese Menschen, möchte ich mit ihnen Lebenszeit verbringen? Es gibt ein paar, da weiß ich, dass ich mit ihnen nicht mehr arbeite, weil es nicht freudvoll war. Aber es gibt sehr viele sehr beglückende Begegnungen. Im Volkstheater, bei „Fasching“, war das Aufregende einmal etwas mit Adele Neuhauser zu machen, weil mich diese flauschige Seele berührt. Ich kannte sie vorher nicht, und mich hat interessiert, wie sie auf mich und ich auf sie reagiere. Es wurde genau so, wie ich es erwartet habe: Sie rührt mich auf der Bühne und sie rührt mich privat. Ein ganz hinreißender Mensch. Die Volksoper ist für mich alle paar Jahre wieder einmal ein Glücksbringer. Ich habe dort schon „Anatevka“ gemacht, jetzt den „Mann von La Mancha“, das sind zauberhafte Aufführungen. Ich schaue dem Robert Meyer zu und freue mich jedesmal. Er ist ein Könner alter Schule, er hat so einen Old-School-Stil beim Spielen, und das auf höchstem Niveau. Ich schaue ihm einfach gerne zu.

MM: Das Rabenhof Theater nimmt „Das bin doch ich“ nach längerer Pause wieder auf, da hat sich zwischenzeitlich mit Ihnen doch auch etwas getan, werden Sie die Rolle anders spielen, als man es schon gesehen hat?

Dolezal: Ich will vorgefertigte Betonungen, das „Eingeübte“, nicht wieder so machen, wie ich es schon gemacht habe. Ich will diese Sätze und Gedanken neu denken und neu begreifen, und tatsächlich fällt mir auf, dass ich, je älter ich werde, vieles beiläufiger sage und weniger betont spreche. Was für mich ein Zeichen ist, dass ich die Sätze jetzt in Wirklichkeit noch besser begreife. Je mehr man etwas begreift, desto weniger betont man es. Je mehr man etwas tatsächlich empfindet, umso weniger betont man es. Ich zumindest …

MM: Man weiß einiges über den Gitarristen Dolezal und die Rolling-Stones-Kassette vom Vater und die Gründung der Sofa Surfers, was ist mit dem Schauspieler sein? Sie haben an der Schauspielschule des Volkstheaters, als das Haus noch eine hatte, gelernt, was war Ihre Initialzündung für diesen Beruf?

Dolezal: Am Anfang wird man Schauspieler aus einer narzisstischen Störung heraus und, weil man attraktiv für Frauen sein will. Ich kann jemanden, der sagt, er will Schauspieler sein, weil er Schiller und Kleist liebt, gar nicht ernst nehmen. Man hat eine narzisstische Störung!

MM: Die haben Gitarristen aber auch.

Dolezal: Nein. Eitelkeit, ja. Eitelkeit ist ein künstlerischer Ausdruck. Aber, wenn man als Sechsjähriger zum ersten Mal die Rolling Stones hört, so eine Greatest-Hits-Raubkopie von einem Standl in San Marino, und einen das in der Sekunde komplett verändert und man weiß, man muss etwas machen mit dem, was man nicht erklären kann, weil es so geil ist, dann ist das Liebe fürs Leben. Ich habe als Sechsjähriger gesagt, ich werde einmal ein Mick Jagger und wurde eine Bonsai-Ausführung davon.

MM: Und was wollten Sie als Schauspieler werden? Oskar Werner?

Dolezal: Meine Vorbilder waren Louis de Funès, Adriano Celentano, weil ich mir gedacht habe, so eine elegante Machosau muss ich sein, Romy Schneider und Marlon Brando. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt, da ich beschloss Schauspieler zu werden, so viele Jahre mit Bands in Proberäumen verbracht, dass ich ohne umgehängte Gitarre, nur mit meinen Gliedmaßen in einem leeren Raum stehen wollte. Deshalb gefallen mir auch diese Monologe, wie „Spiel im Morgengrauen“ oder „Das bin doch ich“, deshalb achte ich auch darauf, möglichst keine Requisiten zu haben: nur der Schauspieler und das Publikum – diese Situation gefällt mir am allerbesten.

MM: Eine Eigendefinition?

Dolezal: Keine Ahnung. Je älter ich werde, umso weniger weiß ich, wer ich bin. Ich bin alles. So wie jeder Mensch alles ist, außer die dummen. Lustig und traurig und manchmal kompliziert und, wie meine Freunde sagen, der mit dem guten Schmäh.

MM: Und gesellschaftspolitisch engagiert. Sie haben für die Flüchtlinge in der Votivkirche ein Benefizkonzert gegeben, man trifft Sie regelmäßig auf dem Westbahnhof …

Dolezal: Das Konzert war super. Ich habe mit dem Schlagzeuger der Sofa Surfers, Michael Holzgruber, und einem Bassisten The Smashing Pumpkins gecovert. The Smashing Pumpkins sind eine Band, die ich anbete. Ich bin kein Fan, ich bete sie an, diese Worte sind bewusst gewählt. Und da einmal auf einer Bühne zu stehen und deren Songs zu spielen, das war eine große Sache. Da waren 20-, 25-Jährige drinnen, die The Smashing Pumpkins gar nicht mehr kennen. Die sagten zu mir: Woh, du kannst super Songs schreiben. Und ich dachte: Leider nicht, sonst würde ich nicht im Volkstheater und im Rabenhof spielen. Ich schreibe schon, aber ohne echtes Genie, also keine „einfachen“ Riffs, wie die Stones, sondern verzichtbare … Was den Westbahnhof betrifft: Da leiste ich Erste Hilfe. Wenn jemand neben mir im Wasser ersäuft, rette ich ihn auch und diskutiere nicht herum über Religion oder Politik. Es kann jeder, wenn er glaubt, dass das gescheit ist, die FPÖ wählen, aber auf seinem fetten Arsch zu Hause sitzen und nicht zu helfen, das ist obszön. Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen.

MM: Ist das Ihre politische Botschaft?

Dolezal: Über Politik diskutiere ich nicht, darüber mache ich mir alleine Gedanken. Aber das Jahr 2015 wird uns lange in Erinnerung bleiben, und ich möchte mich einmal, wenn ich älter bin, nicht genieren für dieses Jahr. Jetzt wird’s prekär, jetzt kommt der Winter. Den Menschen ist saukalt und sie sind erschöpft. Die haben gesehen, solche habe ich selber kennen gelernt, wie ihren kleinen Kindern ins Gesicht geschossen wurde, wie eine Bombe ihren Kindern die Beine weggerissen hat, da gibt es diese Diskussionssituation mehr, diese Menschen rennen um ihre Existenz. Dass die EU derart keine Lösungen findet, ist blamabel.

MM: Hätten Sie eine Lösung oder zumindest einen Plan?

Dolezal: Ich bin kein Politiker, ich habe keinen Plan. Die Politiker, die viel Geld verdienen, haben sich Pläne zu überlegen und diese sofort umzusetzen. Ich leiste Erste Hilfe, das ist meine Pflicht als Mensch und Staatsbürger. Ich bin am Westbahnhof und reiche den Flüchtlingen etwas Warmes zum Essen und warme Kleidung, damit sie nicht sterben vor meinen Augen. Ich habe auch gespendet, ich verdiene nicht so viel, und das Geld, das ich dafür hergebe, spür‘ ich schon. Die Staaten sollten auch endlich ihrer Pflicht nachkommen und die Menschen aufnehmen. Mir würde das gefallen, wenn mehr Syrer in Österreich blieben, das wäre eine unbedingt nötige Auffrischung unserer Kultur. Ob diese vielen, neuen Menschen, die in unsere Länder strömen Fluch oder Segen sind, das hängt nur von uns ab, wie wir mit der Situation umgehen. In den letzten Jahren ist mit dem Thema Integration nicht besonders gut umgegangen worden, denn es gibt Parallelgesellschaften, es gibt Leute, die schon seit Jahrzehnten hier wohnen und keinen deutschsprachigen Satz herausbringen, da müsste die Politik schon ein bisschen fixer werden.

MM: Eine abschließende Frage über: Zukunftsaussichten?

Dolezal: Jetzt einmal abends spielen und die Tage im Museum verbringen. Ich schaue mir gern Bilder an. Ich bin so froh, gerade einmal nichts anderes machen zu müssen. Ich gehe in die Albertina, ich habe eine Jahreskarte, da könnte ich die ganze Woche drin verbringen. Also, wer herausfinden möchte, wie ich bin, weil Sie vorher gefragt haben, wie ich bin, dem kann ich zumindest sagen, wo ich bin: vorm „Schrei“ von Munch. Dort kann man mich gerne treffen und ansprechen.

MM (lacht).

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Wien, 30. 10. 2015