Burgtheater: jedermann (stirbt)

Februar 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Finanzphilosophisches von Ferdinand Schmalz

Der Homo oeconomicus als ein Hedgefondshamster im Rad: Markus Hering als jedermann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Zum Ende hin das Bild. jedermann in der schwarz sich drehenden Röhre, die in die goldfleckige Wand eingelassen ist. Er diese zur Menschwerdung abschreitend, doch schneller und schneller dreht sich die Trommel, er muss nun laufen, der Hedgefondshamster im Rad, und strauchelt und stürzt und sagt, der Homo oeconomicus im Burnout-Modus: „Ich kann nicht mehr.“ Am Ende der Satz vom „schema sündenbock“.

Der jedermann, er stirbt, weil er zum Opfer wird, exemplarisch vorgeführt für eine ganze verkommene Schicht, die Gott nicht abträgt. Nur den einen … So ist das. Wenn Ferdinand Schmalz Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes über- und ergo fortschreibt. Und derart ein Zeitgeistzerrspiegel entsteht, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht. Vielmehr aktuelle Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Freitagabend war Uraufführung des Auftragswerks am Burgtheater, ein Abend, der mit großem Applaus und viel Bravo bedacht wurde. Inszeniert hat, Experte für Schwieriges, Stefan Bachmann (die reduzierte Bühne vom kongenialen Olaf Altmann, die mal goldenen, mal schwarzen Trachten-Kostüme von Esther Geremus wohl eine Reverenz an Salzburg).

Bachmann hat verstanden, dass Schmalz das barocküppige Moral-und-Anstand-Stück in eine moderne Moritat verwandelt hat. „jedermann (stirbt)“ befasst sich wie das Vorbild mit den weltwichtigen Fragen zu den allerletzten Dingen. Und gibt es keinen Glauben mehr, so immer noch die Hochmoral vom rechten Leben. Und den Allmächtigen – der hofft, so das Burgmotto für diese Saison, „es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht“ – und eine Sensenfrau und den Teufel sowieso.

Katharina Lorenz als jedermanns frau, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Barbara Petritsch als buhlschaft tod, Markus Hering als jedermann, Katharina Lorenz als jedermanns frau. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Letzterer tritt als gehörnte Masse auf. Schmalz hat Figuren neu gruppiert. Der Unterweltfürst ist nun eine (teuflisch) gute gesellschaft, die buhlschaft tod, der arme nachbar gott und die guten werke charity. Diese ganz erschöpft von den vielen -veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern … Ort und Tat verlegt Schmalz jenseits einer Festungsmauer, dahinter will sein jedermann ein Fest geben, er ein nicht näher definierter, es mit der Wirtschaft Treibender, ein Mann, der sich die Erde als Investment Untertan gemacht hat, ausgelaugt vom Schrauben an den Rädchen dieser Welt.

Doch vor den Toren brodelt es. Ein Finanzdebakel bahnt sich an, und Schmalz hat dazu viel Finanzphilosophisches zu sagen. Wie überhaupt seine Arbeit sehr sprachmächtig daherkommt, die überwältigend poetische Prosa und dazwischen die Reimlieder, die das Ensemble gemeinsam singt. Die allegorischen Figuren sind solche geblieben, ihre Handlungen wirken wie ritualisiert. Ein Totentanz und immer wieder eingefrorene Tableaux. Bachmanns Regie schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, löst deren Komplexität zwar nicht auf, aber konkretisiert durch Mehrstimmigkeit gekonnt dort, wo einem das Konstrukt sonst zu entgleiten drohen könnte. Und wie stets bei Bachmann ist das Ganze nicht ohne Humor.

Für diesen sorgen vor allem Markus Meyer und Sebastian Wendelin als dicker und dünner vetter, zwei Politiker, die Schulden für eine Parlamentskampagne angehäuft haben, erst schmeicheln und dann die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl jedermanns Konzerne übernehmen werden. Den jedermann gibt Markus Hering als Pragmatiker, ein Kapitalismussieger, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen. Katharina Lorenz und Elisabeth Augustin brillieren als dessen frau und mutter. Viel Zeit lässt sich Schmalz, um über Todesverdrängung zu berichten. Da passt es, dass Barbara Petritsch eine intensive buhlschaft tod ist, eine, die sich selbst Gauklerin nennt, wohl weil sie zum letzten Vorhang lädt.

Die (teuflisch) gute gesellschaft: Sebastian Wendelin als dünner vetter, Markus Meyer als dicker vetter, Elisabeth Augustin als jedermanns mutter, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott, Mavie Hörbiger als mammon/werke. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Oliver Stokowski spielt den armen nachbar gott als zum Fest gebetenen, erschöpften Bettler, Mavie Hörbiger hat ihre starken Momente als mammon, der über die Fortpflanzung des Geldes und über Rendite und Kredite referiert, und als gute werke aka exaltierte charity. Dass die Situation eskaliert ist klar, „den gläubigern fehlt es an glauben“. Schließlich der Aufruf, mit Geborgtem, sei’s Leben, Welt oder Geld, achtsam umzugehen.

Und, ach ja, der jedermann-Rufer ist diesmal seine frau. Absolution gibt es anno 2018 keine. Der Rest freut sich, während jedermann nun nackt aufgebahrt ist, aufs Erben: „der tod kann auch etwas nützliches sein – wenn er nicht einen selber trifft.“ Begeisterung im Publikum für diesen exzeptionell gelungenen Theaterabend!

www.burgtheater.at

  1. 2. 2018

Maxi Blaha: Bachmann-Hommage mit Jelinek-Texten

Juni 20, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung von „Es gibt mich nur im Spiegelbild“

Maxi Blaha. Bild: www.peterrigaud.com

Maxi Blaha. Bild: www.peterrigaud.com

Nach dem großen Erfolg und weltweiten Gastspielen ihres Theatersolos über Bertha von Suttner, „Feuerseele“, widmet sich Maxi Blaha nun zwei österreichischen Ausnahme-Autorinnen. Als Hommage zum 90. Geburtstag von Ingeborg Bachmann gestaltet sie das Theatersolo „Es gibt mich nur im Spiegelbild“ mit exklusiven Texten der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

Ausgehend von Bachmanns autobiografischen Roman „Malina“ und  Jelineks „Prinzessinnendramen (Die Wand)“ verhandelt das szenische Doppelporträt Parallelen im Werk der beiden, wie das Bild der Frau in der Gesellschaft und Motive wie Abhängigkeiten, Machtverhältnisse, Mode, Sexualität, und das Verschwinden. Anlässlich des Jubiläums hat Jelinek ihre eigenen Texte über Ingeborg Bachmann für das Theatersolo exklusiv zur Verfügung gestellt. Die musikalisch-theatrale Inszenierung von Martina Gredler, mit Kompositionen von Simon Raab, will  das doppelte Außenseitertum einer Frau als Schriftstellerin thematisieren. Beider Texte wurden dazu zu einem außergewöhnlichen Monolog verschmolzen.

Die Uraufführung findet 1. und 2. Juli im Rahmen der 40. Tage der deutschsprachigen Literatur, Ingeborg Bachmann Preis, in Klagenfurt statt, mehr: www.klagenfurterensemble.at. Danach gibt es bereits Termine bis Dezember, vom niederösterreichischen Thalhof und Wien über Salzburg und Linz bis Paris und London.

maxiblaha.at

Wien, 20. 6. 2016

Anja Kruse macht in Wien Theater

April 5, 2013 in Bühne

„Undine geht an Land“ im Kosmos

Anja Kruse Bild: Bettina Frenzel

Anja Kruse
Bild: Bettina Frenzel

Natürlich war man neugierig auf sie. Bekannt aus Film, Funk und Fernsehen. Berüchtigt dafür, dass sie vor Societykameras und -mikrophonen mit harschen Worten oder mit Husch-husch-weg reagiert. Eine Diva? Und jetzt auf der Bühne? Eine Teamplayerin? Alles viel einfacher. Denn Anja Kruse ist einfach großartig.

Die deutsche Schauspielerin spielt (noch bis 20. April) im Wiener Kosmostheater „Undine geht an Land“. Regisseurin Elisabeth Augustin hat zum 40. Todestag von Ingeborg Bachmann ein Mosaik aus Wort und Klang zum Thema Nymphe, Nixe, weiblicher Wassergeist, was auch immer, zusammen gestellt. Kruse, quasi  Alter Ego der Schriftstellerin, rezitiert, spielt deren Texte von „Undine geht“ über „Ein Schritt nach Gomorrha“ und „Der Idiot“ bis zu „Schatten Rosen Schatten“. Und sie singt. Patti Smith. „The Mermaid Song“.

Nicht vollständig erschließt sich, was Augustin mit diesem Abend ausdrücken will. Er kreist um sich selbst, verliert sich in sich selbst. Er ist wohl so eine Art freie Assoziation übers Fremdwesensein, übers Fremdbestimmtsein. Die Wasserfrau bekommt erst eine Seele, wenn ein Menschenmann sie liebt. Betrügt er sie, muss er sterben – und sie wird nichts als Schaum auf den Wellen. Klar, dass Bachmann den „Herren der Schöpfung“ da Kontra geben musste. Witzig, dass Augustin das Ganze in einer Fete-Blanche-Schaumschlacht am Wörthersee enden lässt.

Neben Bachmann-Zitaten hat sich Augustin bei Paracelsus, Goethe, Fouque, Giraudoux, Andersen und Woody Allen bedient. Und selbst etwas beigesteuert. Erstaunlich übrigens, wie oft in der Literatur der betrogene Betrüger Hans heißt. Die Musikauswahl reicht von Schubert, Dvorak, Francis Lai („Un homme et une femme“: Das berühmte Dabadabada hingehaucht von Sylvia Haider) bis John Lennon und France Gall („Haifischbaby“).

Dass Land in Sicht ist, verdankt die Produktion ihren Darstellern. In dieser Collage alle in mehreren Rollen. So darf Florentin Groll nicht nur vom „Halb zog sie ihn, halb sank er hin …“ (im Hamburger Hafenjargon) erzählen, sondern auch Paracelsus, Fouque und Poseidon persönlich sein. Mirko Roggenbock ist in allen möglichen und unmöglichen Situationen der Hans-nicht-im-Glück, ein Krieger und Jäger, Fallensteller nur bei Wild, nicht aber bei wilden Frauen. Stephanie Waechter taucht als unterschiedlichste Meereswesen auf. Und einmal als Geliebte von Anja Kruses Figur. Ein wichtiger Bestandteil der Inszenierung, ein Gewinn für diese, ist Bernhard Höchtel als Live-Musiker. Er hat Nelly Sachs‘ „Hier ist kein Bleiben länger“, am Ende interpretiert von Florentin Groll, vertont. Und das Lied „Plädoyer“ komponiert.

Ein Eindruck vom Abend? Folgendermaßen: „Wenn man tot ist und jemand schreit: Alle aufstehen, es ist schon Morgen!, ist es sehr schwer seine Pantoffel zu finden.“

Woody Allen? Falsch! Jean Giraudoux.

www.kosmostheater.at

www.anjakruse.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 4. 2013

Ingeborg Bachmann schrieb eine Radio-Soap

März 1, 2013 in Bühne

Das Volkstheater spielt „Die Radiofamilie“

Im Herbst des Jahres 1951 betrat eine „kettenrauchende Meerfrau mit Engelhaar, die mehr flüsterte als sprach“ (so die Beschreibung eines US-Redakteurs) die Hörspielabteilung des amerikanischen Besatzungssenders Rot-Weiß-Rot in Wien. Ingeborg Bachmann heißt sie und sorgte von nun ab für zwei Jahre für das Unterhaltungsprogramm. Mit der Radiofamilie Floriani, der bekanntesten und beliebtesten Sendung der Nachkriegszeit. 14 Folgen von etwas, das man heute wohl Seifenoper nennen würde, entfleuchten ihrer Schreibmaschine. Das perfekte Sittenbild einer gutbürgerlichen Wiener Familie, die statt in der Floriani-, in der fiktiven Taubengasse wohnte. Hans Thimig, Vilma Degischer, Guido Wieland, Alfred Böhm verliehen den Figuren ihre Stimme. Walter Davy führte Regie.

Die liebe Familie.

Dass Bachmann, diese Dichterin des Schmerzes und der Einsamkeit, zwischen all dem Witzigsein Entnazifizierung, Kalten Krieg, Wiederaufbau verhandelte, dass sie subtil zu Liberalität und Demokratie erziehen wollte, interessierte weniger. Wer will beim Zuhören schon zwischen den Zeilen lesen? Vielleicht hat sie sich deshalb später von dieser Arbeit distanziert. 2011 brachte Suhrkamp „Die Radiofamilie“ als Buch heraus.

Die Radiofamilie von Ingeborg Bachmann

Wolf Dähne, Doris Weiner, Tania Golden, Herbert Prikopa, Günter Tolar
Bild: Lalo Jodlbauer

Nun will das Volkstheater in den Bezirken das Hörspiel auf die Bühne(n) stellen. Eine Uraufführung. Am 6. März. Regisseur Andy Hallwaxx hat aus den Texten eine Theaterfassung erarbeitet, die dem Goldenen Wiener Herzerl ausreichend Raum zum Schlagen geben will. Apropos, Herz: Das der Familie, den hochanständigen, pflichtbewussten Oberlandesgerichtsrat Hans, spielt Herbert Prikopa. Da denkt man ans Ö1-Kabarett „Guglhupf“ und an „Auch Spaß muss sein“. Und damit dieser nicht zu kurz kommt, stellt ihm Hallwaxx Günter Tolar als Bruder Guido zur Seite. Der war „ein bisserl“ Nazi, wie’s halt so war, wie’s auch Bachmanns Vater war, ist nun aber durchaus bereit, sich den neuen Zeiten anzupassen. Das muss sowieso auch Hans‘ Frau Vilma, dargestellt von Doris Weiner, Tochter eines Generals aus dem Ersten Weltkrieg und dementsprechend nicht ganz frei von Standesdünkel.

Günter Tolar gibt auch Guidos – also seine eigene Ehefrau: die Tante Liesl. Da könnten zwei Komödianten in drei Rollen ein lang in der Schublade schimmelndes Kleinod zum Kabinettstück machen. Ob die Fünfziger-Jahre-Story im 21. Jahrhundert noch von Belang ist, weiß man Mitte nächster Woche.

www.volkstheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 3. 2013

Tsatsiki ohne Katharsis

Februar 9, 2013 in Bühne

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

„Perikles“: Kurze Comics statt ein Gemälde

Stefan Bachmann hat Shakespeares so gut wie nie gespielte Romanze „Perikles“ aus dem Jahr 1607 ausgebuddelt und zeigt sie nun im Kasino des Burgtheaters.

Die ersten neun Szenen des an Episoden reichen Schauspiels werden einem George Wilkins zugeschrieben, Wirt und vermutlich auch Puffbetreiber in Cow-Cross, London. Und nur weil hier vom britischen Barden die Rede ist, soll nicht über die bewusstseinserweiterende Wirkung britischen Branntweins spekuliert werden.

Der Inhalt, so kurz es geht: Perikles, Prinz von Tyrus, will Prinzessin Nr. 1 freien, erkennt aber, dass sie mit ihrem Vater ein Verhältnis hat. Er flieht, der Beginn einer ausgedehnten Mittelmeerkreuzfahrt.

Die spült ihn auch an die Küste von Prinzessin Nr. 2. Hochzeit, Kind, Heimreise.
Sie entbindet an Bord, stirbt, denkt er, wirft sie also über die Reling und gibt den Säugling in die Hände befreundeter Fürsten. Die sind aber längst nicht so freundlich, also landet seine Tochter bei Piraten und im Bordell. Mutti lebt derweil in einem Tempel. Am Ende finden sich alle drei, Perikles stirbt vor Glück.

Bachmann nimmt seinen Shakespeare so ernst, dass man lachen muss. Mit neun Schauspielern gestaltet er einen fantastisch fantasievollen Abend, dem die irren Ideen nie auszugehen scheinen. Da wird Ephesus zur sanft schwulen Hippie-Kolonie; der Dreh eines Porno-Streifens zur blutigen Pulp Fiction; und bei einer Exhumierungsszene dürfen sich die Zuschauer gegenseitig mit Taschenlampen blenden. Sehr schön!
Aber was weiter?

Viele hübsche Comicbildchen sind in Summe noch kein gewaltiges Gemälde. Und um über fehlende Charakterentwicklung räsonieren zu können, hätten erst welche gestaltet werden müssen. Ja, die Schauspieler spielen auf Teufel komm‘ raus, ein halbes Dutzend Rollen ein jeder.

Und (fast) jeder darf mal Perikles sein. Auch schön! Doch wirklich Profil geben ihren Figuren nur Simon Kirsch (ein ganz großartiger junger Perikles), Barbara Petritsch als superböse Fürstin Dionyza und Markus Meyer als seltsamer Schwiegervater Simonides.

Fazit: Bachmann sättigt mit Beilagen. Sein Griechenabend ist wie Gyros. Mit viel Tsatsiki, ohne Katharsis.