Kammerspiele: La Cage aux Folles

September 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Dangl macht die Ulknudel zur Charakterrolle

Herbert Föttinger, Michael Dangl Bild: Rita Newman

Herbert Föttinger, Michael Dangl
Bild: Rita Newman

Die schönsten Momente hat der Abend in seinen leisen lyrischen. Wenn Nachtclubbesitzer Georges seinen Star und Lebenspartner Albin mit dem „Song am Strand“ an ihre erste Begegnung erinnert, dazu romantisch der Mond scheint und keusche Küsse getauscht werden. Wenn der Sohn Jean-Michel seine „Mutter“ Albin gegen die selbsternannten Rechtschaffenen verteidigt. Und natürlich, wenn Michael Dangl als Albin erklärt: „Ich bin, was ich bin“.

Die Gänsehautnummer. Die Zeit zum Innehalten in dieser in Teilen temporeichen Inszenierung.

Werner Sobotka hat an den Kammerspielen der Josefstadt das Travestiemusical „La Cage aux Folles“ auf die Bühne gestellt. Und dabei ebenso nah am Tränenkanälchen gebaut wie auf Brachialhumor gesetzt. Schnell und grell – tatsächlich könnte das Licht subtiler sein – hat er die Varieténummer in Szene gesetzt, Teller und Beine fliegen, die einen tief, die anderen hoch, Popos, auch nackte, wackeln, die Pointen nicht, die sitzen nämlich auf den Punkt genau. Jedes nur denkbare Schwulenklischee spielt der Regisseur lustvoll wie ein Atout aus. Da ist nichts pc. Doch die Schwestern können mehr als Hach! und Huch! kieksen. Sobotka inszeniert die Geschichte einer Liebe, einer großen Liebe. So heiß möchte man auch mit einem fehlenden .. N! natürlich! … begehrt werden. Wenn auch die Oberfläche Patina angesetzt hat, weiß das Herz doch wo es hingehört. Dass das über die Rampe kommt, ist den Hauptdarstellern Michael Dangl und Herbert Föttinger zuzurechnen. Föttinger ist als Cage-Chef Georges hinreißend. Geschmeidig, auch beim Tanzen, so lange Knie und Hüfte mitmachen, charmant, ganz eitel Wonne. Er hat Schmäh, sein Text doppelten Boden, sagt er „die Direktion“ lachen die Leute a priori. Cage und Kammerspiele werden eins. Doch Föttinger, das ist schön, das ist eine neue Farbe, ist nicht das Schlitzohr, als das Georges schon interpretiert wurde. Er ist ein wahrhaft und aufrichtig und unter Schmerzen Liebender. Seine Empfindungen für Albin sind im doppelten Wortsinn Passion.

Michael Dangl dominiert die Aufführung als Albin und dessen Show-Alter-Ego Zaza. Er kostet das Jubiläum seiner 50. Josefstadt-Rolle voll aus. Er ist als Diva ein großer Tragöde. Wenn Georges ihm ein sarkastisches „God save the Drama-Queen!“ zuwirft, dann ist das nur eine Seite der Paillette. Dangl hat in seiner Figur einen Menschen erkannt, und dem versucht er mit seiner Darstellung gerecht zu werden. Was ihm mit Klasse, mit Stil und Elegance gelingt. Freilich darf Dangl mit viel Vergnügen ulknudeln – eine einwandfreie Slapsticknummer etwa, wie er „John Wayne als kleines Mädchen“ gibt, Albin soll ja Jean-Michels künftigen Schwiegereltern als Hetero untergejubelt werden -, doch wie da eine(r) mit „Mascara“ gegen das Älterwerden aufbegehrt, wie die Ausnahmeerscheinung Albin kämpferisch seinen Platz in einer gleichgebügelten Welt behauptet, das gibt der Rolle Charakter. Man hat in Wien Albin/Zaza schon resignativer gesehen, an den überlebensgroßen Vorgänger gab es ob der Ankündigung der Kammerspiele-Premiere einiges an Reminiszenzen. Dangl braucht keinen Vergleich zu fürchten, weil keiner angestellt zu werden braucht: „Die schönste Zeit ist heut …“ Außerdem kann er singen, ist ein einwandfreier Chansonnier, pardon: Chansonnière, was sich in dieser Inszenierung zum Schaden der Songs nicht verallgemeinern lässt. Nur Susa Meyer ist als Jacqueline naturgemäß stimmgewaltig.

Dabei sorgt Christian Frank mit nur fünf Mann für beinah Big-Band-Sound, es swingt schwungvoll aus dem Orchestergräbelein. Sobotka und Choreograf Simon Eichenberger casteten dazu eine großartige Tanztruppe.  Die Cagelles Arthur Büscher, Nicola Gravante, Christian Louis-James, Stefan Mosonyi, Timo Radünz und vor allem – als die Reitgerte schwingende Hanna aus Holland – Niran Straub sind Sobotkas sexy Sechs. Der erbrachte Beweis, dass auch ausgemachte Schönheiten versaut komisch sein können 😉 , siehe ein Einblicke Richtung Eingriff gewährender Herren-Can-Can. Gegen so viel Frauenpower hat es der Rest schwer. Niklas Abel gibt den Jean-Michel als Parade(schwieger)sohn. Der wunderbare Martin Niedermair ist als Butt-ler Jacob ein Kabinettstück, ein freches Kammerkätzchen von fast Molière’scher Prägung. Die verstockt konservative Familie Dindon rund um Familienoberhaupt Peter Scholz sieht dagegen, während es die anderen bunt treiben, ziemlich blass aus.

Das Publikum dankte für drei Stunden bittersüßen Spaß mit Standing Ovations. Werner Sobotka nahm sie inmitten des Ensembles fast mit Verwunderung entgegen.

Regisseur Werner Sobotka im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14538

Video: www.youtube.com/watch?v=ueWh6T9P2Vc&feature=youtu.be

www.josefstadt.org

Wien, 11. 9. 2015

Werner Sobotka im Gespräch

September 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert „La Cage aux Folles“ in den Kammerspielen

Albin/Zaza (Michael Dangl) und Georges (Herbert Föttinger) Bild: Jan Frankl

Albin/Zaza (Michael Dangl) und Georges (Herbert Föttinger)
Bild: Jan Frankl

Am 10. September hat in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt das Musical „La Cage aux Folles“ Premiere. Michael Dangl schlüpft in die Rolle des Albin alias Zaza, eines in die Jahre gekommenen Travestiestars und besseren Hälfte von Georges, gespielt von Herbert Föttinger, dem Besitzer des titelgebenden glitzernd-schillernden Nachtclubs in St. Tropez. Werner Sobotka inszeniert. Ein Gespräch:

MM: Wie kam’s zu der Idee „La Cage aux Folles“ in den Kammerspielen zu machen?

Werner Sobotka: Die grundsätzliche Idee war von Herbert Föttinger, auch die, dass Michael Dangl und er selbst die beiden Hauptrollen spielen. Es war von Anfang an klar, da werden keine Gäste engagiert, wie es bei anderen Produktionen, die ich am Haus gemacht habe, der Fall war, sondern da kommen zwei Sprechtheatergrößen der Josefstadt zum Einsatz. Den Ansatz fand ich schon einmal super. Es passt ja wie hingespuckt, dass der Herbert den Georges, den Direktor des Clubs „La Cage aux Folles“ spielt. Mitunter verwischen sich bei den Proben die Grenzen, da weiß ich dann nicht ganz, welcher Direktor – Cage oder Josefstadt – zu mir spricht. Aber auch das ist super: Dass Herbert zum ersten Mal in einer Musicalproduktion an einem seiner Häuser mitmacht. Er ermöglicht uns viel – und er sieht jetzt, dass sich das auch auszahlt.

MM: „La Cage aux Folles“ kann von Travestieklamotte bis Tragikomödie alles sein. Wie wird der Sobotka-Touch dieser Inszenierung?

Sobotka: Das Musical wurde 1983 uraufgeführt und hat damals in der Jetztzeit gespielt. Das wäre mir heute zu altmodisch. Außerdem ist der Überraschungseffekt, das Geheimnis, dass sich hinter der Figur Zaza ein Mann verbirgt heute keines mehr. Man muss also anders an den Stoff herangehen. Die Welt hat sich in den vergangenen 32 Jahren zum Glück ja weiterentwickelt. Wir zeigen von Anfang an einen Mann, der Spaß an der Verkleidung hat – ohne das „Spiel“: Wer verbirgt sich unterm Fummel? Wir machen keine Satire, nichts Trashiges, aber Komödie mit jener Ernsthaftigkeit, die das Stück mitbringt. Wir wollen’s mit Stil, mit Klasse machen. Michael Dangl strahlt als Albin/Zaza eine große Eleganz aus. Er erschafft eine Zaza, die Stil hat. Die Musik ist neu arrangiert im Big-Band-Swing-Sound. Auch das ist classy.

MM: Lassen Sie mich dazu eines kurz anmerken: Als Dustin Hoffman eine der Perücken seiner „Tootsie“ kämmte, sagte er: Ich wollte sie wäre hübscher …

Sobotka: (Er lacht.) Die Aussage soll aber auch nicht sein, Zaza ist die schönste, sondern Zaza ist die mit dem längsten Atem. Sie behauptet sich seit 22 Jahren auf der Bühne. Das muss ihr erst einmal einer nachmachen. Sie steht seit 22 Jahren an vorderster Front. Sie wird vielleicht einmal so ausgesehen haben wie Conchita Wurst, aber jetzt ist sie in die Jahre gekommen.

MM: Apropos: Glauben Sie, dass die Message, die im Musical steckt, in einem Österreich der Conchita Wurst noch transportiert werden muss.

Sobotka: Ja, ich fürchte: Ja. Josef Hader sagt gerne, es ist leicht im Kabarett eine Meinung zu äußern, unter lauter Menschen, die der gleichen Meinung sind. Gerade aus diesem Grund ist es richtig und wichtig, dass Herbert Föttinger dieses Stück jetzt auf den Spielplan der Kammerspiele gesetzt hat. Das ist ein Statement. Es sind halt zwei küssende Männer – Dangl und Föttinger -, das wird für die Leute immer noch, sagen wir, anders sein, als wenn sich eine Frau und ein Mann küssen. Ich würde die „Message“ aber gar nicht auf das Thema Homosexualität beschränken, sondern auf das Thema Toleranz ausweiten. Wir nehmen hier als Metapher Schwule, die für etwas Außergewöhnliches, buchstäblich: außerhalb der gewohnten Norm, außerhalb der gewohnten Sichtweise stehen. Es könnten aber genauso gut Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe, Religion sein. So viel Fantasie traue ich unserem Publikum zu, dass es diese Metapher versteht.

MM: Das Grundthema ist aber eines, dass die Community seit Jahren bewegt.

Sobotka: Das Grundthema ist, dass Georges einen Sohn hat, der heiraten will, aber dessen konservativer Schwiegervater in spe Jean-Michels Eltern ablehnt. Da schwingt die ganze Debatte um das Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Partner mit. Da gibt es die wunderbare Szene, wo Jean-Michel ein Plädoyer für Albin hält, die einzige mütterliche Bezugsperson, die er jemals hatte. Albin, der sich immer um ihn gekümmert hat, der immer für ihn da war.

MM: All die Gedanken, die ihr euch um das gesellschaftliche Rundherum der Produktion macht, führen mich zu der Frage: Wie schwer ist die leichte Muse?

Sobotka: Man muss sie sehr ernst nehmen, sonst wird’s nix. Man muss sehr diszipliniert sein und man muss viele Leute finden, die an einem Strang ziehen. Die leichte Muse ist harte Arbeit. Deshalb ist es auch nicht so, dass wir uns bei den Proben permanent kaputt lachen. Wir treffen uns nicht und haben eine Gaudi, so soll es dann nur aussehen. Ich sage jeden Tag, ich als Zuschauer muss merken, die da oben haben Spaß dran, dann habe ich auch Spaß. Nur: Bis es soweit ist, das dauert. Ich bin als Regisseur ein Diktator, ich habe überall meine Finger drin: bei den Kostümen, bei der Choreografie … Deshalb ist es gut, dass wir ein eingespieltes Team und seit Langem befreundet sind, sonst würden die anderen mich, glaube ich, nicht aushalten. Michael Dangl und Herbert Föttinger treten gerade in eine neue Welt ein, die für Musicaldarsteller selbstverständlich ist: Spielen, sprechen, singen, tanzen, und das alles gleichzeitig. Es ist großartig, ihnen dabei zuzuschauen. Sie kommen ja doch beide vom schweren Fach und sie jetzt in so etwas Leichtfüßigem zu sehen, ist schon der halbe Spaß.

MM: Sie führen auch Regie bei „Flügel“, dem neuen Programm von Florian Scheuba und Robert Palfrader, das am 7. Oktober im Rabenhof Premiere hat. Wie inszeniert man Kabarett?

Sobotka: Prinzipiell ist man ein drittes Hirn. Da die Autoren die Schauspieler sind, sind die oft sehr in ihrer Welt, und wenn ich da eine Anregung gebe, eröffne ich den beiden im besten Fall eine neue Sichtweise auf ihre Arbeit. Es ist eine Mitautorentätigkeit. Scheuba/Palfrader haben – ich sage das unter Anführungszeichen – eher ein „Stück“ als ein Kabarettprogramm geschrieben. Da ist der Weg zum normalen Theater nicht weit.

MM: Welches Herrenduett ist anstrengender?

Sobotka: Natürlich sind Scheuba/Palfrader in ihrer Kernkompetenz als Kabarettisten. Dangl/Föttinger nicht, deshalb in vielen Dingen unsicherer, deshalb brauchen sie im positiven Sinn mehr Aufmerksamkeit, mehr Fokus. Bei Scheuba/Palfrader geb’ ich so kleine Das und Das und Das dazu … Dangl/Föttinger nehme ich an der Hand und führe sie durch die Produktion. Was ich liebe, weil es mit den beiden so gut funktioniert. Manchmal fragt man mich: Wie oft habt’s schon gestritten? Noch nie! Herbert ruft mich an, der Dangl mailt mir ganz lang und immer kreativ. Es ist schön, so zu arbeiten.

MM: „Die Hektiker“ sind heuer allesamt 50 geworden. Zu diesem Anlass gibt es kein neues Programm.

Sobotka: Und das wird am 10. März 2016 in Michael Niavaranis Globe Theater Premiere haben. Es wird nichts geschrieben. Wir haben keine Ahnung, was wir da machen werden und ich hoffe, das bleibt auch so. Wir haben als Vorbild Monty Python in Aspen. Wir sind deshalb drauf gekommen, weil wir im Zuge unserer 50er sehr viele Interviews gegeben haben, natürlich Anekdoten aus den vergangenen 33 Jahren Hektiker erzählt haben und Journalisten meinten: Das müsst ihr auf der Bühne machen. Es soll etwa so werden: wir erzählen, zeigen Zuspielungen nach dem Motto: Bist du deppert, ist das peinlich, gut das es so lange her ist! und spielen natürlich ein bisserl live. Ich stell’ mir vor, wie wir in Fauteuils sitzen … ich hab’ übrigens mit den anderen überhaupt nicht drüber gesprochen, das fällt mir jetzt spontan ein …

MM: Arbeitstitel „Videoabend mit Freunden“?

Sobotka: Genauso ist es.

www.josefstadt.org

Wien, 2. 10. 2015

Michael Dangl macht auf Zaza

August 17, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Herbert Föttinger in „La Cage aux Folles“

Michael Dangl (re.) als Albin/Zaza Bild: Jan Frankl

Michael Dangl (re.) als Albin/Zaza
Bild: Jan Frankl

Mit seinen fulminanten Performances in „The King’s Speech“ und „Ziemlich beste Freunde“ www.mottingers-meinung.at/?p=7921 hat Michael Dangl an den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt gezeigt, dass für die von ihm dargestellten Charaktere das Lachen der Zwilling des Weinens ist. Tränenreich im besten Falle beide. Wenn er nun in den Fummel schlüpft, wird auch dies unter Garantie keine reine Schenkelklopfnummer. Ab 10. September steht Dangl als in die Jahre gekommener Travestiekünstler Albin alias Zaza auf der Bühne. Josefstadtdirektor Herbert Föttinger, zuletzt als Schauspieler am Haus in Yasmina Rezas „KUNST“ www.mottingers-meinung.at/?p=7159 ganz groß, begleitet ihn als bessere Hälfte und Nachtclubbesitzer in „La Cage aux Folles“. Dass es in der Rotenturmstraße so glitzernd schillert wie in St. Tropez, dafür sorgt Regisseur Werner Sobotka. Außerdem spielen: Niklas Abel (war im Ronacher als Niklas Ill in „Der Besuch der alten Dame“ zu sehen) Jean-Michel, Georges Sohn aus einer früheren Beziehung; Peter Scholz den ultrakonservativen Vater von Jean-Michels Verlobter; der unersetzliche Martin Niedermair den Butler Jacob; Susa Meyer und Ljubiša Lupo Grujčić.

Saisonstart an der Josefstadt ist am 3. September mit Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ in einer Inszenierung von Janusz Kica. Burgtheater-Pensionierter Michael König ist als Geheimer Kommerzienrat Clausen zu sehen, Volkstheater-Abgang Martina Stilp als Paula.

www.josefstadt.org

Wien, 17. 8. 2015