Houchang Allahyari: Online-Retrospektive

Februar 1, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 80. Geburtstag im Filmarchiv Austria

Houchang Allahyari. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

„Als ich ins Land kam, gab es nie solche Probleme, wie heute. Wir waren Exoten, das ja, aber deswegen auch gut behandelt. Die Leute waren nett und hilfsbereit, ich hatte nie das Gefühl, dass ich ein Ausländer bin. Diese Ausländer-Sache ist langsam gekommen und immer mehr geworden“, sagt Houchang Allahyari im Gespräch mit mottingers-meinung.at. und fragt sich wie uns: „Wo ist diese Freundlichkeit geblieben?“ (Das ganze

Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=31182 anlässlich seines Films „Ute Bock Superstar“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31289). Heute feiert einer der unermüdlichsten und außergewöhnlichsten Filmemacher – und Psychiater – seinen 80. Geburtstag. Von 5. Februar bis 18. März widmet ihm das Filmarchiv Austria eine Online-Retrospektive. „Houchang Allahyari verkörpert meine Vorstellungen vom orientalischen Ideal, bei dem Familie und Individuum, Tradition und Weltoffenheit, Glaube und Wissenschaft keine Gegensätze bilden, sondern eine elastische Einheit sind«, so Schauspieler und Regiekollege Karl Markovics anlässlich der Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens der Stadt Wien im Jahr 2012.

1941 in Teheran geboren, kommt Allahyari als junger Mann nach Österreich, um Medizin zu studieren und Filme zu machen. Seit Mitte der 1980er-Jahre entsteht so – mit unbeirrbarem Schaffensdrang und oft unabhängig produziert – ein beachtenswertes Werk, in dem er sich selten um Publikumserwartungen sorgt, sondern mehr um die Menschen, die im Zentrum seiner Arbeit stehen. Für Allahyari ist sein Geburtstag deshalb kein Grund zu feiern – nicht aus Angst vor dem Alter, der Jahreszahl oder gar COVID-19, sondern weil der Umtriebige das Gefühl hat, dass ihm bei den vielen Projekten, die er im Kopf hat, allmählich die Zeit davonläuft.

Zwei neue Filme sollen dieses Jahr Premiere haben. „Der eine heißt ,Goli Ja‘ über ein Mädchen, das keines sein darf und den ich in Afghanistan und Iran gedreht habe. Ich hoffe, dass der Film nach mehreren Verschiebungen nun endlich im März oder April Premiere haben kann. Und der zweite ist mein Episodenfilm ,Seven Stories about Love‘, der vielleicht in einem halben Jahr in die Kinos kommen könnte“, so Allahyari zur APA.

Nach seiner Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie betrieb Allahyari eine Ordination, war als Neurotraumatologe und Psychiater im Lorenz-Böhler-Krankenhaus tätig und arbeitete daneben 20 Jahre lang für das Justizministerium in Haftanstalten als Psychiater für Drogenabhängige. Und noch heute hat er seine eigene Wahlarztpraxis in Wien.  Doch während er an verschiedenen Kliniken und vor allem Strafanstalten wirkt, reift in ihm auch der Wunsch, Filme zu machen. Auf für damalige Verhältnisse extrem innovative Weise bringt er beides in einem Therapieansatz zusammen und ruft mit seinen Schützlingen eine Filmgruppe ins Leben.

Geboren in Absurdistan, A 1999. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Fleischwolf, A 1990. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

I Love Vienna, A 1991. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Die verrückte Welt der Ute Bock, A 2010. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Seine Erlebnisse und Erfahrungen aus dieser Zeit lässt Allahyari bis heute in seine Filme einfließen: Von „Borderline“ bis zu „Der letzte Tanz“ – mit Erni Mangold in der gewagten Rolle einer Alzheimerpatienten, die eine intime Beziehung mit einem jungen Zivildiener beginnt, erzählen sie von zerbrechlichen Außenseitern, die in völlig unvorbereitet mit einem System konfrontiert werden, das sich aus Repressionen und Brutalität speist, und die so buchstäblich durch den „Fleischwolf“ gedreht werden.

Das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen macht Allahyari ebenso regelmäßig zum Thema seiner Werke. Seine schwarze Komödie „I love Vienna“ mit einem jungen Michael Niavarani war 1991 der erfolgreichste österreichische Film und wurde als Kandidat für den Auslandsoscar eingereicht. Auch mit „Höhenangst“ über einen Häftling, gespielt von Fritz Karl, der in einem Dorf ein neues Leben beginnen will, erlangt er internationale Aufmerksamkeit. Heimische Filmprominenz wie Josef Hader und Karl Markovics wirkt daraufhin in der Produktion „Geboren in Absurdistan“  aus dem Jahr 1999 mit, in der eine österreichische und eine türkische Familie in einem Krankenhauszimmer aufeinandertreffen.

Die Aufmerksamkeit einer großen Öffentlichkeit erlangt Allahyari dann mit dem Kinodokumentarfilm „Bock for President“, den er gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch Allahyari dreht und der 2010 mit dem erstmals vergebenen Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wird. Der Film begleitet die Flüchtlingshelferin Ute Bock, Allahyaris Ex-Schwägerin, zwei Jahre lang bei ihrer Arbeit und stellt neben ihrem unermüdlichen Engagement für Asylsuchende die Situation von Flüchtlingen in Österreich in den Mittelpunkt.

Mit „Die verrückte Welt der Ute Bock“ und „Ute Bock Superstar“ folgten zwei Fortsetzungen. 2013 entsteht „Robert Tarantino“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5512, dieser ein „Rebel without a Crew“, der gegen alle Widerstände in Wien einen No-Budget-Trash-Horrorfilm angelehnt an die Arbeiten seiner Vorbilder Robert Rodriguez und Quentin Tarantino drehen will.

Die Liebenden von Balutschistan, A 2017. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Der letzte Tanz, A 2014. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Höhenangst, A 1994. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Rote Rüben in Teheran, A 2016. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion

„Bei allen Unterschieden in der Dramaturgie haben alle Filme mit mir und meiner Umgebung zu tun, behandeln Themen, die ich in der einen oder anderen Art erlebt habe. Ein weiterer Aspekt ist die Menschlichkeit“, sagt Allahyari. „Houchang Allahyari ist bis heute Optimist. Der Gewalt gegen die Schwachen setzt er das unerschütterlich Gute entgegen: Sie sind nicht alleine auf dieser Welt, weil es Menschen gibt, denen ihr Schicksal nicht gleichgültig ist. Wenig überraschend sind diese Menschen häufig Ärzte oder Pfleger – jedenfalls sind ihnen Wesenszüge wie Eitelkeit oder Egoismus fremd“, so Filmarchiv-Austria-Kurator Florian Widegger.

In den jüngst vergangenen Jahren hat Allahyari nach langer Zeit seine erste Heimat wieder besucht und sie auch filmisch auf unterschiedlichste Weise erforscht. So wandte sich der Polystilist mit „Die Liebenden von Balutschistan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23791) gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch wieder dem Dokumentarfilm zu und zog durch den Nahen Osten. „Rote Rüben in Teheran“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727 ) heißt Allahyaris gemeinsam mit Tom-Dariusch entstandener Dokumentarfilm über den Iran, das heißt eigentlich: dessen Menschen, und der für den einen den ersten Besuch nach mehr als 40 Jahren Abwesenheit, für den anderen die erste Reise ins Familienherkunftsland bedeutete.

Was nicht nur Fragen über „Fremdsein“, zu Identität, Mentalität und deren Unterschieden in neue Zusammenhänge setzt. Irgendwann im Film erzählt Houchang Allahyari eine Anekdote aus seiner Schulzeit. Seine Mitschüler und er hatten nasse Tücher an die Zimmerdecke geworfen, um dem Direktor einzureden, dass es in die Klasse regnet. Der Bluff hat funktioniert, man wurde nach Hause geschickt, aber bog schon an der nächsten Ecke ab, um sich im Kino „Et Dieu… créa la femme“ mit Brigitte Bardot anzusehen. Heute gibt es diese Teheraner Straße der Lichtspielhäuser nicht mehr, nur leere Ruinen …

Den Lockdown hat der Regisseur unter anderem für die Vorbereitung der Online-Werkschau genützt: „Ich hatte Zeit, meine alten Filme zusammenzusuchen und für die Retrospektive im Filmarchiv digitalisieren zu lassen. Ich war zwar daheim, habe aber viel gearbeitet. Und: ich finalisiere gemeinsam mit meiner Tochter ein neues Buch. Mir war also keine Sekunde langweilig.“

Die Filmliste:

5. bis 12. Februar: Der letzte Tanz, Houchang Allahyari, A 2014 / 12 bis 18. Februar: Fleischwolf, Houchang Allahyari, A 1990 / 19. bis 25. Februar: I Love Vienna, Houchang Allahyari, A 1991 / 26. Februar bis 4. März: Höhenangst, Houchang Allahyari, A 1994 / 5. bis 11. März: Geboren in Absurdistan, Houchang Allahyari, A 1999 / 12. bis 18. März: Die verrückte Welt der Ute Bock, Houchang Allahyari, A 2010, und  Die Liebenden von Balutschistan, Houchang Allahyari, Tom-Dariusch Allahyari, A 2017.

www.filmarchiv.at

  1. 2. 2021

Kunstforum Wien – Gerhard Richter: Landschaft

September 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kuckuckseier“ zur Klimakrise

Gerhard Richter: Venedig (Treppe), 1985. Art Institute of Chicago, Schenkung Edlis Neeson Collection © Gerhard Richter 2020. Bild: bpk/The Art Institute of Chicago/Art Resource, NY

Allen Umständen zum Trotz hat sich das Bank Austria Kunstforum Wien entschlossen, an seinem Ausstellungsprogramm festzuhalten. Nicht zuletzt, weil die langjährig geplante Herbstausstellung einen in Wien ganz besonders seltenen Gast in das Ausstellungshaus auf der Freyung holt: Gerhard Richter, der als der bedeutendste lebende Maler der Welt gilt, zeigt ab 1. Oktober im Kunstforum Wien eine Retrospektive seiner Landschaftsbilder.

Wie kaum ein anderes Sujet hat die Landschaft Richters künstlerisches Interesse gefesselt und ihn immer wieder zu neuen Bildlösungen angetrieben: Die Ausstellung „Gerhard Richter: Landschaft“ versammelt mehr als 130 Bilder, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotoarbeiten, Künstlerbücher und Objekte von 50 internationalen Leihgeberinnen und Leihgebern. Das Projekt unterstreicht die Wichtigkeit dieses Genres für den deutschen Künstler, der dieses Jahr seinen 88. Geburtstag gefeiert hat. Es ist die bis dato größte Ausstellung weltweit, die ausschließlich Richters Landschaften gewidmet ist – einem Genre, mit dem er sich seit 1963 durchgehend beschäftigt hat. Einige der im Kunstforum ausgestellten Werke sind noch nie öffentlich gezeigt worden.

Richters Gesamtwerk ist unter anderem besonders für seine Heterogenität bekannt, die sich folgerichtig auch in der Bildgattung der Landschaft zeigt: Die Ausstellung gliedert sich in fünf thematische Kapitel, die einzeln, aber auch in ihrer Zusammenschau ein beeindruckendes Panorama von Richters „Arbeit an der Wirklichkeit“ ergeben. Die Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken sind nicht direkt nach der Natur entstanden, sondern basieren meist auf fotografischen Vorlagen und sind somit „Landschaften aus zweiter Hand“, was sich an der Ausschnitthaftigkeit, an Unschärfeeffekten, mitunter auch an Schrift im Bild erkennen lässt.

Gerhard Richter: Piz Surlej, Piz Corvatsch, 1992. Sammlung Peter und Elisabeth Bloch
. Bild: Christof Schelbert, Olten © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Wolke, 1976
. Privatsammlung, als Dauerleihgabe in der Fondation Beyeler, Basel
. Bild: Robert Bayer © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Waldhaus, 2004
 (Detail). Privatsammlung © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Stadtbild PL, 1970 (Detail). Privatsammlung über Neues Museum Nürnberg. Bild: Neues Museum Nürnberg/Anette Kradisch © Gerhard Richter 2020

Landschaften mit tiefgezogenem Horizont und stimmungsvoller Atmosphäre rücken Richter in die Nähe der deutschen Romantik, auf die der Künstler zwar anspielt, aber der gegenüber er sich immer wieder auch kritisch-zweifelnd geäußert hat: Zu malen wie Caspar David Friedrich, so Richter, sei zwar möglich, aber nur ohne sich auf die geistige Tradition des Romantikers beziehen zu können. Als „Kuckuckseier“ bezeichnet Richter demnach jene romantisierenden Bilder, denen in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet ist. Ein weiterer Raum betont die Wichtigkeit von Richters abstrahierten und abstrakten Landschaften für die Entwicklung seiner Malerei.

Für dieses Kapitel der Schau haben zahlreiche Bilder – unter anderem das monumentale, 6,8 Meter breite Gemälde „St. Gallen“ – erstmals ihre öffentlichen und privaten Sammlungen verlassen. Konstruierte und manipulierte Landschaften – wie etwa Richters Seestücke, für die er oftmals die fotografischen Vorlagen von Wasser- und Himmelsfläche autonom und keinesfalls „wirklichkeitsgetreu“ wie eine Collage zusammensetzt – bilden einen weiteren Höhepunkt. Zahlreiche überarbeitete Landschaften stehen am Ende der Ausstellung: übermalte Fotografien, die der Künstler größtenteils selbst als Leihgabe für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, sowie Landschaftsgemälde, deren Realismus Richter mit abstrakten Farbstrukturen relativiert.

Gerhard Richter: Venedig, 1986
. Museum Frieder Burda, Baden-Baden © Gerhard Richter 2020

„Gerhard Richter: Landschaft“ bietet vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zur Klimakrise die Möglichkeit zur kontemplativen Auseinandersetzung mit „Natur“. Entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Atelier Gerhard Richter in Köln, ermöglicht die Ausstellung eine Begegnung mit Schlüsselwerken des Künstlers und erstmals einen retrospektiven Blick auf ein Genre, das Richter 1981 wie folgt beschrieb: „Wenn die ,Abstrakten Bilder‘ meine Realität zeigen, dann zeigen die Landschaften oder Stillleben meine Sehnsucht.“

www.kunstforumwien.at

28. 9. 2020

Bank Austria Kunstforum Wien eröffnet am 21. Mai

Mai 20, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„The Cindy Sherman Effect“ reloaded

Elke Silvia Krystufek: Day Dream Series, 1996. Courtesy of the artist and Croy Nielsen, Vienna

Ab 21. Mai wird die aktuelle Ausstellung „The Cindy Sherman Effect“ im Bank Austria Kunstforum Wien wiedereröffnet – und bis 19. Juli verlängert. Die Schau behandelt das Thema Identität, deren Konstruktion und Transformation. Neue Technologien, wie das Internet, Genmanipulation oder Klonen geben vermehrt Anlass, über den Begriff Identität im Sinne einer Subjektdefinition nachzudenken. Weiß ES eigentlich noch was es ist?

Ausgehend von Cindy Shermans Werk, das gekennzeichnet ist von einer konsequenten und kritisch bis provokativen Hinterfragung der Konstruktion von Identitäten, und dessen Bildwelten sich aus der überwältigenden Bilderflut von Fernsehen, Filmen, Magazinen, dem World Wide Web und der Kunstgeschichte speisen, wird in Form von Gegenüberstellungen von Werken Cindy Shermans und zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern Themen wie Dekonstruktion des Portraits und kultureller, geschlechterspezifischer und sexueller Stereotypen sowie Demaskierungsstrategien, Klischees und die Fiktion von Identität untersucht.

Samuel Fosso: The Liberated American Woman of the 70s, 1997 aus der Serie Tati. © Samuel Fosso, courtesy Jean Marc Patras, Paris

Cindy Sherman: Untitled #216, 1989. Astrup Fearnley Collection, Oslo, Norway Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Cindy Sherman: Untitled Film Still #2, 1977. Kunstmuseum Wolfsburg. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Shermans Charaktere spiegeln unsere zeitgenössische Kultur mit ihren Selfmade-Berühmtheiten, den Realityshows und dem Social-Media-Narzissmus wider. Die Künstlerin zeigt mit ihrer großen Bandbreite an Szenarien, dass die Künstlichkeiten solcher Identitäten, die oftmals erst durch die Darstellung – etwa in Film und Fotografie – entstehen, dazu führen, dass Identität mehr denn je wählbar, (selbst-)konstruiert und nach Bedarf formbar, aber doch von gesellschaftlichen Normen determiniert ist. Zugleich werden die neuen Möglichkeiten des heutigen Individuums sich selbst neu zu erschaffen, mit subtilen Mitteln kritisch hinterfragt.

Die Thematisierung von Identität, Selbstbildnis, Rollenspiel und Sexualität fand vorwiegend durch Künstlerinnen der 1960er- und 1970er-Jahre im Zuge der Frauenbewegung Eingang in die Kunst. Sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kunst ereignete sich in den späten 1960er-Jahren eine tiefgreifende Umwälzung gesellschaftlicher Normen und kultureller Gewissheiten. Die sich im Zuge dieser Ereignisse ankündigende Auflösung der bisherigen Normen und Kategorien – sei es weiblicher, männlicher, queerer Identitäten – kreierte Freiräume zur Erschaffung neuer Modelle abseits der bisher gültigen Normen.

Cindy Sherman: Untitled #93, 1981. Astrup Fearnley Collection, Oslo, Norway Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Dieser Prozess ermöglicht es zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern neue Modelle von Identität zu schaffen, die Transformation der Geschlechter zu thematisieren und auf soziale und politische Herausforderungen zu reagieren. Bevorzugtes Ausdrucksmittel wurden die vergleichsweise jungen Medien Fotografie, Film und Videokunst. Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler sind unter anderem Monica Bonvicini, Samuel Fosso, Elke Silvia Krystufek, Pipilotti Rist, Eva Schlegel, Wu Tsang und selbstverständlich Cindy Sherman.

Zur Person: Cindy Sherman, Ikone der Kunstgeschichte seit den 1980er-Jahren, demonstriert bereits mit ihrer ersten Serie „Untitled Film Stills“ von 1977 bis 1980 den Bruch zwischen authentischer Selbstdarstellung und Inszenierung, indem sie die Betrachtenden mit dem Paradox einer Verweigerungsstrategie konfrontiert. So inspiriert Sherman nachfolgende Generationen dazu, die Thematik Identität und Transformation in diversen Medien zu erkunden, ohne jedoch selbst einmal die erarbeiteten künstlerischen Verfahrensweisen zu verändern.

Video: www.youtube.com/watch?v=NtOjyzpS_qY           www.kunstforumwien.at

20. 5. 2020

Karikaturmuseum Krems: Tu felix Austria… zeichne! 25 Jahre Österreich in der EU

Februar 13, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kastrierte Stiere, volle Boote und leere Sitzreihen

Thomas Wizany: Europa und (bald) der Ochs, 2018. © Thomas Wizany

Ab 16. Februar zeigt das Karikaturmuseum Krems die Schau „Tu felix Austria… zeichne! 25 Jahre Österreich in der EU“. Seit 1995 ist Österreich Mitglied der Europäischen Union. Eine Vielfalt an Karikaturen und Editorial Cartoons österrei- chischer Pressezeichnerinnen und -zeichner begleiteten diesen Weg Österreichs.

Gerhard Haderer: Vorweihnachtliche Herbergsuche auf Lampedusa, 2012. Landessammlungen NÖ

Bruno Haberzettl: Die BVT-Affäre: Und wie die ausländischen Geheimdienste ihre Kollegen aus Österreich wahrnehmen . . ., 2018 © Bruno Haberzettl, Krone bunt

Bruno Haberzettl: Das EU-Parlament im Einsatz für die Zukunft Europas…, 2018. Privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie thematisieren exemplarisch Meilensteine der vergangenen 25 Jahre Mitgliedschaft und bieten Diskussionsbeiträge zu aktuellen und zukünftigen europäischen Themen. Karikaturen, Editorial Cartoons, satirische Grafik bis hin zu Online Satire sind wesentlicher Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft und nehmen innerhalb der westlichen Medienlandschaft wichtige Kontrollfunktionen wahr. Die von Gottfried Gusenbauer, künstlerischer Direktor Karikaturmuseum Krems, kurarierte Ausstellung umfasst eine repräsentative Auswahl von etwa 160 österreichischer Pressezeichnungen.

Mehr als 40 Künstlerinnen und Künstler, wie Michael Pammesberger, Erich Sokol, Thomas Wizany, Gerhard Haderer und Margit Krammer, aus zwanzig verschiedenen österreichischen Zeitungen und Magazinen werden in der Ausstellung gezeigt. Losgelöst von der Geschichte erlangen die Karikaturen etwas Zeitloses und geben pointierte und erhellende Einblicke in die Europapolitik.

www.karikaturmuseum.at

13. 2. 2020

Wolfgang Ammer: EU-Brainstorming, 2018. Privat

Luis Murschetz: Das Boot ist voll, 1989. © Landessammlungen NÖ

Horst Hatzinger: Britanix, 2003. © Landessammlungen NÖ

Heinz Ortner: Wir ziehen alle an einem Strang 2003. Privat

 

Kunstforum: Flying High. Künstlerinnen der Art Brut

Februar 13, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Werk, das sich seinen Platz erst erobern muss

Aloïse Corbaz: Brevario Grimani, um 1950 (Ausschnitt). abcd / Bruno Decharme collection. Bild: © César Decharme

Mit „Flying High“ zeigt das Kunstforum Wien ab 15. Februar die erste Ausstellung, die sich weltumspannend den weiblichen Positionen der Art Brut von 1860 bis in die Gegenwart widmet. Die Ausstellung ist in jeder Hinsicht ein Höhenflug: Sie versammelt 316 Werke von 93 Künstlerinnen aus 21 Ländern, die die inhaltliche und ästhetische Vorstellung, was Kunst ist, sprengen. Die Ausstellung nimmt den von Jean Dubuffet 1945 definierten Begriff „Art Brut“ für jene ursprüngliche, nichtakademische Kunst außerhalb des kulturellen Mainstreams als Ausgangspunkt.

In der Vielfalt und Heterogenität der präsentierten Werke wird deutlich, dass der Art-Brut-Begriff heute längst über Arbeiten aus Psychiatrien hinausgeht und auch die Produktion von „mediumistischen“,  von einem Geist geführten Künstlerinnen, „Einzelgängerinnen“ und Künstlerinnen mit Behinderungen umfasst. Diese Erweiterung ist nicht zuletzt durch den radikalen Wandel der Institution Psychiatrie – von ehemals geschlossenen Anstalten über offenere Strukturen bis zu deren Auflösung – begründet.

Zeitgenössische Art Brut entsteht heute vielfach in Ateliers oder in von den Künstlerinnen selbst geschaffenen Strukturen. Die Chronologie der Ausstellung beginnt mit Highlights aus den historischen Sammlungen der Psychiater Walter Morgenthaler und Hans Prinzhorn. Beide sammelten und förderten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Kunst aus Psychiatrien und publizierten darüber. Der Hauptraum des Kunstforum Wien zeigt Meisterinnenwerke aus der Sammlung von Jean Dubuffet  aus der Collection de l’Art Brut, Lausanne, die Dubuffet zwischen 1945 und 1976 zusammentrug. Eine repräsentative Auswahl von Werken aus der Sammlung L’Aracine schließt den Überblick über jene Sammlungen ab, die Entstehung und Geschichte der Art Brut entscheidend prägten. Darüber hinaus zeigt die Schau eine Vielzahl von Werken aus bedeutenden internationalen und österreichischen Privatsammlungen.

Julia Krause-Harder: Nanotyrannus, 2013. Courtesy Atelier Goldstein. Bild: © Uwe Dettmar

Judith Scott: Ohne Titel, o. J. abcd / Bruno Decharme collection © Creative Growth Art Center. Bild: © César Decharme

Die Geschichte weiblicher Art-Brut-Künstler spiegelt die Emanzipationsgeschichte von Frauen auf einer prekären Ebene wider: Diese sind bis heute „Außenseiterinnen der Außenseiter“. Die Art Brut hat nach wie vor keinen gleichberechtigten Platz neben der „Hochkunst“ gefunden. Da Frauen sowohl innerhalb der Art Brut als auch jenseits der feministischen Kunst ihren Platz erst erobern müssen, ist eine Präsentation ihrer Werke hoch an der Zeit. Die Ausstellung nun verdeutlicht, dass ästhetische Gesichtspunkte gegenüber diagnostischen Kriterien und Biografie sowie der Exzentrität der Autorinnen mehr und mehr an Relevanz gewinnen. Durch die Arbeiten von unterschiedlichsten Künstlerinnen entsteht ein vielstimmiges Panorama gestalterischer Ausdruckskräfte: Worin unterscheiden sich jene individuelle Mythologien, die Art Brut begründen, je nachdem, ob sie von Künstlerinnen oder Künstlern geschaffen wurde? Erzählen die Arbeiten von Frauen tatsächlich andere Geschichten als Männer? Wie werden Differenzen in den Produktionsweisen, Medien und Ikonografien sichtbar?

Die Schau geht diesen Fragen nach und reflektiert die direkte und ursprüngliche, oft auch subversive Ausdruckskraft und Qualität der von Frauen geschaffenen Art Brut. Die Unterschiede und auch mögliche Gemeinsamkeiten im Ausdruck von Künstlerinnen und Künstlern der Art Brut anhand von Gegenüberstellungen zu visualisieren, wird Thema einer anderen Ausstellung sein. Wie überall gilt auch im Feld der Kunst: Nur was wahrgenommen werden kann, existiert auch.

www.kunstforumwien.at

13. 2. 2019